Römische Sagen - Waldtraut Lewin - E-Book

Römische Sagen E-Book

Waldtraut Lewin

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Beschreibung

Aus dem brennenden Troja können nur wenige fliehen. Unter ihnen ist Äneas, Sohn der Liebesgöttin Venus. Auf der Suche nach einer neuen Heimat machen er und seine Familie sich auf ins Ungewisse. Nur eine Prophezeiung, dass sie einst eine ruhmreiche Stadt, die die ganze Welt beherrschen soll, gründen werden, gibt ihnen Hoffnung. Doch der Weg ist weit und viele Gefahren, Abenteuer und auch Versuchungen warten auf die tapferen Helden. Wankelmütige Götter, wagemutige Helden, ruhmreiche Kriege. Die Sagen des antiken Roms bieten zahllose Abenteuer für Jung und Alt.

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INHALT

GÖTTERBEGEGNUNG

Wie alles begann

Die Götter reisen mit

Der römische Götterhimmel

DIE ABENTEUER DES ÄNEAS

Aufbruch

In Thrakien

Auf Delos

Heimstatt Kreta?

Der Fluch der Harpyien

Italien vor Augen

Ein Grieche hilft den Troern

Interessenkonflikte im Olymp

Venus greift ein

Vom Schicksal der Königin Dido

In Karthago

Amor kommt ins Spiel

Die Liebe siegt

Das Komplott der Göttinnen

Zerbrechliches Glück

Didos Ende

Wieder unterwegs

Das Land der Verheißung

Friedliches Latium

Alles auf Krieg!

Äneas findet Verbündete

Rüstung und Schild des Äneas

Turnus schlägt los

Äneas kehrt zurück

Der Waffenstillstand

Camilla

Der verhinderte Zweikampf

Der Sturm auf Laurentum

Götterentscheidung

Wieder Frieden in Latium

DIE GRÜNDUNG ROMS

Eine Priesterin wird schwanger

Die ausgesetzten Zwillingsbrüder

Die Enthüllung

Stadtgründung

Romulus als König

Der Raub der Sabinerinnen

Kampf um Rom

Das Ende des Romulus

DIE ZEIT DER KÖNIGE

Numa Pompilius, der fromme Weise

Tullus Hostilius

Ancus Marcius

Lucius Tarquinius

Servius Tullius

Tarquinius Superbus

DIE ERSTEN HELDEN DER RES PUBLICA ROMANA

Verschwörung gegen die Freiheit

Horatius Cocles

Mucius Scaevola

Cloelia

DIE REVOLTE DER ARMEN

Das Schuldrecht

Der Auszug auf den Heiligen Berg

Gaius Marcius Coriolanus

DIE GALLIER IN ROM

Ein neuer Feind in Italien

»Dies ater« – Rom in den Händen der Barbaren

Hilferuf an einen Verbannten

Die Gänse der Juno

Camillus Dictator

AUF DEM WEG ZUR WELTMACHT

Der Krieg gegen Samnium

Tarent und König Pyrrhus

NACHBEMERKUNG

GÖTTERBEGEGNUNG

Wie alles begann

Es war in grauer Vorzeit, als die Stammväter Roms aufbrachen und gen Westen fuhren über das Meer, hinter sich die himmelhoch lodernden Flammen ihrer zerstörten Heimatstadt Troja.

Was aber war geschehen und wie war es zu dieser Katastrophe gekommen?

Zehn Jahre lang hatte ein gewaltiges griechisches Heer Troja belagert, die mächtige Stadt an der Küste Kleinasiens. Der Anlass war eigentlich geringfügig, doch er hatte Folgen von dramatischen Ausmaßen: Der junge troische Königssohn Paris hatte eine griechische Fürstin nach Troja entführt. Und wie so oft in diesen Zeiten hatten Götter die Hände im Spiel. Es war die Liebesgöttin Aphrodite, die Tochter des Zeus, die Paris bei seinem Raub der schönen Helena half.

Für die verbündeten Könige der Griecheninseln war diese Entführung Grund genug gewesen, einen zehnjährigen Kampf um Troja zu beginnen. Die Schmach sollte gerächt werden! Der »gehörnte« Gatte der Helena war König Menelaus, sein Bruder Agamemnon übernahm die Leitung der Operation. Und die Götter des Olymp hatten leidenschaftlich für die eine oder andere Seite Partei ergriffen!

Natürlich unterstützte Aphrodite weiter ihren Günstling Paris. Hera aber, die Frau des Zeus, war als Beschützerin der Ehe leidenschaftlich auf der Seite der Griechen – schließlich hatte Paris seine geliebte Helena ihrem angetrauten Mann gestohlen! Ihr zur Seite stand Pallas Athene, die Vertreterin von Weisheit und kluger Kriegsführung: Ihr Liebling war der listenreiche Odysseus, ein griechischer Heerführer. Der Meeresgott Poseidon stand, aus welchen Gründen auch immer, auf der Seite der Griechen, während Apollon, der unfehlbare Bogenschütze, für die Troer stritt. Der Göttervater Zeus versuchte zu vermitteln, aber die anderen Götter hatten sich so heftig für ihre Schützlinge eingesetzt und wüteten so wild gegeneinander, dass er nahezu machtlos war. Schließlich, nach langen zehn Jahren, zog der oberste Gott seine Hand von Troja ab, gab der einen Partei – der seiner Frau! – nach und erteilte die Zustimmung für die Zerstörung der Stadt.

Und so fiel das stark befestigte, schier uneinnehmbare Troja durch die List des Odysseus.

Man hatte vorgetäuscht, die Belagerung endlich abzubrechen, und die Schiffe der Griechen waren am Horizont verschwunden. Zurückgelassen hatten sie aber ein riesiges hölzernes Pferd – und in ihrem Glückstaumel über den endlich erlangten Frieden zogen die Troer das Ungetüm ins Innere ihrer Festung. Sie ahnten nicht, dass im Bauch des Holzrosses bewaffnete Krieger versteckt waren.

Nachts geschah es dann: Die Flotte kehrte in aller Heimlichkeit zurück, die Griechen stiegen aus dem Bauch des Pferdes und vereinigten sich mit ihren Kampfgefährten. Mord, Tod und Brand rasten alsbald durch die Straßen; die ahnungslosen Troer, die bis spät in die Nacht hinein ihren »Sieg« gefeiert hatten, wurden im Schlaf gemeuchelt, der Rest versklavt und weggeschleppt. Die Stadt war eine einzige Brandfackel.

Nur Wenigen gelang die Flucht aus der verlorenen Stadt.

Zu ihnen zählte der heldenhafte Äneas, ein Sohn der Aphrodite.

Die Göttin war Troja schon immer zugetan gewesen, und da sie nun einmal die Liebesgöttin war, blieb es nicht aus, dass der eine oder andere Troer mit ihrer Gunst beschenkt wurde. Zu diesen Sterblichen gehörte Anchises, ein Verwandter des troischen Königs Priamus, und diesem Mann hatte die Göttin einen Sohn geboren: eben jenen Äneas.

In den zehn Jahren der Belagerung hatte Äneas viele tapfere Kämpfe mit griechischen Kriegern bestanden, aber sein Ruhm stand immer ein bisschen im Schatten der anderen großen Helden der Stadt, wie zum Beispiel Hektor oder die anderen Söhne des Königs.

Aber nun hatte ihn die Mutter zu Großem ausersehen.

In der Nacht, in der Troja fiel, hatte ihn die Göttin in einem Traum gewarnt und ihn aufgefordert, die Stadt zu verlassen. Doch als Äneas vom Kampfgeschrei und Waffenlärm erwachte, war der Traum vergessen und er eilte auf das Dach seines Hauses. Er sah, dass die Griechen bereits schwert- und fackelschwingend auf Plätzen und Straßen herumliefen und abschlachteten, was ihnen in den Weg kam. Rasch ergriff er Lanze und Schild, um mit einigen tapferen Gefährten zu retten, was zu retten war, und wollte sich ins Getümmel stürzen.

Doch auf der Schwelle seines Hauses kam ihm Panthus entgegen, ein Priester des Apollo. Er trug kleine Statuen aus gebranntem Ton in einem Weidenkorb mit sich: die schützenden Götter der Stadt, die Penaten.

»Edler Äneas«, rief er, »es gibt keine Rettung mehr. Trojas letzter Tag ist gekommen, wir alle sind dem Tod geweiht. Jedoch wenigstens unsere Götter dürfen nicht in die Hand des Feindes fallen! Mein Gott Apollo hat mir eingegeben, sie dir anzuvertrauen, damit du sie in Sicherheit bringst und sie aus unserem Untergang rettest!«

Äneas aber verwies den Priester zunächst ins Haus zu seinem Vater Anchises und machte sich auf, mit den Verteidigern der Stadt zu kämpfen.

Aber bald musste er einsehen, dass die Stadt verloren war; es konnte nur noch darum gehen, ehrenvoll zu sterben. Troja brannte.

Da kamen ihm sein alter Vater, sein Sohn und sein Weib in den Sinn, die alle drei hilflos der rasenden Wut der Sieger ausgesetzt sein würden – und er dachte an die Stadtgötter, die in seinem Haus geborgen waren. Der Traum, in dem ihn seine göttliche Mutter gewarnt hatte, die Stadt zu verlassen, sobald er könne, fiel ihm wieder ein. Er steckte sein blutbeflecktes Schwert in die Scheide und eilte nach Haus.

Seine Frau Creusa erwartete ihn bereits. Sie hielt ihr kleines Söhnchen Julus an der Hand und war bereit zum Aufbruch, denn auch ihr hatte die Liebesgöttin eine nächtliche Botschaft geschickt.

Aber der greise Anchises weigerte sich zu fliehen. »Flüchtet ihr, ihr seid jung und voller Lebensmut und Kraft!«, rief er aus. »Wenn aber die Götter das Ende Trojas beschlossen haben, will ich mit meiner Stadt untergehen!«

»Nun gut«, erwiderte Äneas. »So soll es denn sein: Ich werde das Haus schützen und hier auf der Schwelle kämpfend untergehen, denn ohne dich, teurer Vater, verlasse ich Troja nicht.«

Schon zog er seine Waffe, um sich in Kampfposition zu begeben, da geschah ein Wunder. Auf dem Scheitel des kleinen Julus erschien ein Flämmchen, das über seine Locken strich und die Schläfen umzüngelte. Erschrocken schrie die Mutter auf und versuchte mit den Händen den Brand zu löschen, aber da merkte sie: Das Feuer erzeugte keinerlei Hitze, es loderte, ohne Schmerzen zuzufügen.

Äneas sank in die Knie. »Höchster Vater der Götter, kommt das Omen, das ich hier sehe, von dir? Ist es dein Wille, dass das Geschlecht deiner Tochter nicht zugrunde gehen soll?«

Ein krachender Donner, der das Schlachtgewühl und die Schreie der Sterbenden draußen übertönte, bekräftigte, dass hier ein Gott ein Zeichen gab: das Zeichen, sich zu retten und Troja zu verlassen.

Nun kannte Äneas kein Zögern mehr.

»Wenn du dich weigerst zu gehen«, sagte er entschlossen zu seinem Vater, »so muss ich dich forttragen. Du bist soeben Zeuge gewesen: Meine göttliche Mutter und der höchste aller Götter haben mir eine Aufgabe überantwortet. So wie der Steuermann im Sturm das sinkende Schiff verlässt und sich und die Seinen in ein kleines Boot rettet, so werde ich dich, mein Weib und meinen kleinen Sohn Julus Ascanius fortführen aus der dem Untergang geweihten Stadt. Wenn auch König Priamus und mit ihm unser ganzes Volk untergehen soll: Unsere Penaten wenigstens sollen mit uns gerettet werden und Garant sein dafür, dass die Troer nicht vollständig vom Boden der Erde verschwinden.

Du, Vater, bist der Einzige hier, der sie tragen darf, denn weder Weib noch Kind sind dazu auserlesen, und meine Hände sind vom Blut des Kampfes befleckt, bevor ich nicht gereinigt bin, hieße es die Götter entweihen, wenn ich sie berührte.«

Da nahm Anchises, endlich überzeugt, den Korb mit den Götterbildern, und Äneas hob den Vater auf seine starken Schultern und machte sich auf; seinen kleinen Sohn aber hielt er an der Hand und Creusa ging hinterher. Ihr Ziel war ein Tempel außerhalb der Stadtmauern, und zwar auf der Seite, wo die Stadt ans Gebirge grenzte – die Seeseite war völlig in der Hand der Griechen. Äneas kannte eine kleine Ausfallpforte, dahin wandte er sich mit den Seinen.

Äneas wählte die Straßen, aus denen die Griechen nach ihrem Wüten schon abgezogen waren. Er sprang über die Leichen, die im Weg lagen, und er, der sonst furchtlos den Feinden getrotzt hatte, schrak jetzt bei jedem Geräusch zusammen, denn schließlich galt es, um jeden Preis seine Familie und die Penaten zu retten.

Aber die mütterliche Göttin leitete ihn, als er so durch die brennende Stadt schritt; sie blies vor ihm die Flammen der Brände aus, teilte die Rauchwolken und lenkte die Pfeile und Speere ab, die hier und da auftauchende Verfolger ihnen nachschleuderten.

Ab und zu wandte Äneas sich um, vergewisserte sich, dass seine Frau Creusa ihm folgte. Die Flucht der Familie schien zu glücken.

Endlich hatte er mit Glück die Stadt verlassen und lud seine Bürde ab. Nun wollte er seine Gattin erleichtert in die Arme schließen – doch Creusa war verschwunden! Irgendwann auf der letzten Strecke des Weges musste sie zurückgeblieben sein.

Er rief seine Gattin mit Namen – vergebens. So kehrte er verzweifelt um und suchte nach ihr. Er kam nicht weit. Wo sie eben noch gewesen waren, schlugen nun die Flammen bis in den Himmel.

Im Feuer sah er eine Gestalt, die seine Creusa zu sein schien, aber sie kam ihm größer und erhabener vor als sonst und es war ihm, als würde sie schweben. Sein Fuß stockte und der Ruf blieb ihm in der Kehle stecken.

Das Wesen kam auf ihn zu und sagte mit sanfter Stimme: »Lieber Gemahl, suche nicht mehr nach mir. Die Götter haben es so bestimmt, dass ich dir nicht folgen soll. In der Zukunft erwartet dich eine andere Gattin. Sei unbesorgt, kein roher Grieche wird meine Ehre antasten, niemand wird mich als Sklavin fortschleppen. Deine göttliche Mutter hat sich meiner angenommen und mich in ihr Heiligtum auf Zypern entführt. Gedenke meiner ohne Schmerz und bewahre dein Herz für unseren Sohn.«

Äneas stürzte vor und wollte die Erscheinung umarmen, aber er griff nur in leere Luft.

Bestürzt und verwirrt kehrte Äneas um, verließ die aufgegebene Stadt und ging zum Tempel zurück. Dort hatten sich inzwischen noch andere Flüchtlinge eingefunden, die ebenfalls hofften, hier in Sicherheit zu sein.

Mit Grausen sahen sie von fern zu, wie in Troja die Flammen wüteten. Dem kampferprobten Äneas sagte die Erfahrung, dass sie weitermussten. Noch war es Nacht und die Griechen schwelgten im Blutrausch. Aber bei Tagesanbruch würden sie bestimmt beginnen, die Umgebung nach Überlebenden abzusuchen. Also sammelte er die geretteten Troer um sich und stieg mit ihnen und seiner Familie in die nahe gelegenen Berge, an deren Fuß sich der Tempel befand.

Auf Umwegen gelangten sie schließlich ans Meeresgestade am Fuße des Idagebirges und fanden zunächst Unterschlupf in der kleinen Stadt Antandrus. Dort stellten sich mit der Zeit noch andere Troer ein, die dem Morden entkommen waren.

Ihnen allen war klar, dass sie nicht in der Nähe der Ruinen Trojas, der von den Göttern verlassenen Stadt, bleiben konnten. Irgendwann würden die Griechen abziehen mit allem, was sie erbeutet hatten – aber wer wollte schon an diesen Ort zurückkehren? Er schien ihnen verflucht.

Sie mussten sich eine andere Heimat suchen.

Die Götter reisen mit

Wer außerdem mit ihnen zog, waren ihre alten Götter, denn was ist entsetzlicher, als alles an Gut und Habe zu verlieren und dann nicht einmal mehr jemanden zu haben, zu dem man beten kann! Nicht nur der Korb mit den Penaten, den Statuen der troischen Hausgötter, nein, die ganze Schar des Olympos begleitete den Flüchtling Äneas und die Seinen.

Lange waren die Flüchtlinge unterwegs. Als sie dann aber nach einer Reihe von Irrfahrten (von denen noch erzählt werden soll) endlich eine neue Heimat fanden, trafen sie nicht etwa auf unbewohnte Landstriche. An den Gestaden Latiums, in Italien, wohnten andere Völker und die beteten andere Gottheiten an. Aber andere Götter – das musste nicht heißen, feindliche Götter.

Erfreulicherweise behauptete in dieser frühen Zeit der Menschheit noch niemand von sich, seine Götter oder sein einer Gott seien allein selig machend und alle, die einen anderen anbeten würden, seien verloren und verworfen.

Ganz im Gegenteil.

Die griechischen Götter und die Gottheiten Latiums begegneten einander freundlich, wie es auch – zunächst – die Völker taten. Und ihre Anbeter stellten bald fest, dass sich die hohen Wesen ergänzten oder dass sie zum Teil sogar die gleichen Aufgaben zu erfüllen hatten. So unterschiedlich sind die Dinge, für die Götter »zuständig« sind, nun einmal nicht: Geburt und Tod, Krieg und Frieden, Ehe, Glück und Wohlstand.

Im Laufe der Zeit bekamen die göttlichen Neuankömmlinge andere Namen. Ungriechische Namen, die sich häufig anlehnten an die Sprachen, die auf Italiens Boden gesprochen wurden.

So konnte es geschehen, dass der neue Götterhimmel in vielem identisch war mit dem, den die Flüchtlinge mitbrachten – aber doch nicht ganz und gar. Die Götter, die es nun gab und die einmal die Götter der mächtigen Stadt Rom sein sollten, sahen den Vorbildern vom Olympos ungefähr so ähnlich wie ein Sohn seinem Vater oder eine Tochter ihrer Mutter ähnlich sieht.

Und bevor nun erzählt werden kann, welche Abenteuer Äneas und den Seinen zustießen, müssen wir diese neuen römischen Götter vorstellen.

Der römische Götterhimmel

Jupiter

ist bei den Römern der höchste Gott und er kann in vielem dem griechischen Zeus gleichgesetzt werden. Er ist Herr des Himmels und Beherrscher der Götter. In seinem Namen steckt das lateinische Wort »pater«, Vater der Götter und der Menschen. Zeus ist hier mit einem uralten italischen Himmelsgott verschmolzen. Sein Name bedeutet »Himmlischer Vater« und er war vor allem anderen ein Wetter- und Donnergott. Nun, das Donnern gehört auch zu seinen Obliegenheiten … Jupiter hat die Beinamen »der Beste« (Optimus) und »der Größte« (Maximus). Dieser Göttervater ist also seriös! Damit freilich steht er im Gegensatz zu Zeus, dem die fantasievollen Griechen jede Menge Liebesabenteuer mit sterblichen Frauen angedichtet hatten. Jupiter macht so etwas nicht.

Juno

So hat auch seine Gattin Juno keinen Grund, ständig eifersüchtig zu sein wie ihre griechische Entsprechung Hera. Sie ist eine sehr ernsthafte Person. Auch sie ist wie Hera die Beschützerin der Ehe und der Frauen und kann sich sehr aufregen über Ehegatten, die einander betrügen. Sie bestraft die Frevler unnachsichtig und ist in hohem Maße nachtragend. Ihren Namen hat sie von der italischen Fruchtbarkeitsgottheit Uni übernommen, mit der sie im Lauf der Zeit eins wurde.

Ihr gemeinsamer Sohn ist Mars.

Mars

Er ist der Ares der Griechen, ist hier wie dort der Gott des Krieges, und da die Römer ein sehr kämpferisches Volk sind – es wird viel davon die Rede sein –, wird er hoch verehrt. Das Kriegsgewerbe obliegt ihm ganz allein. Während er sich bei den Griechen mit seiner Halbschwester Pallas Athene dieses Ressort teilen musste (Athene war die Taktikerin und Strategin, Ares der »Hau-Drauf«), hat bei den Römern diese Göttin den Namen Minerva und ist hier hauptsächlich für Handwerk und Gewerbe zuständig. Aus den Kriegen hält sie sich heraus.

Apollo

Er ist der Führer der Musen, der Gott des Lichts und der geistigen Klarheit, und hat seinen griechischen Namen behalten können, aber er ist nun hauptsächlich ein Beschützer der Ärzte und der Heilkunst geworden.

Zwar wissen die Römer auch um seine Begleiterinnen, die neun Musen, die Wissenschaften und Künste vertreten, aber sie genießen im Volk keine allzu große Verehrung. Die Musen, das war etwas, worüber im alten Rom gebildete Leute in der griechischen Literatur nachlasen.

Apollos Schwester Artemis, die spröde mädchenhafte Jägerin, heißt in Rom Diana.

Diana

Sie bewacht die keimende Saat und ist mit dem Mond auf Du und Du, aber auch in den Wäldern ist sie gern zu Haus. Die schönen und scheuen Nymphen sind ihr als Gefolge geblieben und auch der bocksfüßige Naturgott Pan und seine lüsternen Freunde, die Satyrn, bevölkern die römischen Wälder.

Mercurius

Aus Hermes, dem Führer der Reisenden und der Seelen auf dem Weg in die Unterwelt, haben die Römer den Mercurius gemacht und er ist nun hauptsächlich der Beschützer der Kaufleute – und der Diebe, was man sich in Rom, als es mächtig wurde, wohl als dicht beisammenliegende Berufe vorstellte. Ausgestattet mit Stab, goldenen Flügelsandalen und manchmal auch geflügeltem Helm, ist er ebenfalls der Bote der Götter.

Priapus

Der Sohn des Mercurius allerdings, der in der griechischen Mythologie eher eine untergeordnete Rolle spielt, hat es in Rom zu hoher Beliebtheit gebracht. Priapus ist Wächter der Gärten und Haine und stets zu derb-komischen Scherzen aufgelegt. Sein besonderes Kennzeichen ist sein riesiges, immer erigiertes Glied.

Venus

Aus Aphrodite wurde nun Venus und auch hier ist sie die Göttin der Liebe und der Schönheit. Ihr anmutiger und flatterhafter Sohn, der mit dem Bogen den unfehlbaren Liebespfeil in die Herzen der Menschen schießt, wurde von Eros zu Amor.

Verheiratet ist sie mit Vulcanus (griechisch Hephaistos), dem hässlichen hinkenden Gott des Feuers und der Schmiedekunst – was sie nicht davon abhält, zahlreiche Liebesabenteuer zu suchen, vor allem mit dem starken und schönen Kriegsgott Mars.

Bacchus

Der Gott hieß in Griechenland Dionysos. Er ist der Gott des Weines und des Rausches, dem man ein Trankopfer spendet, bevor man ein fröhliches Gelage beginnt.

Andere Bewohner des griechischen Olymp büßten ihre Vielfalt ein und sind zu »Schutzheiligen« geworden: Ceres, die griechische Demeter, soll die Gärten behüten, Neptunus, einst der Gott der Meere und Gewässer Poseidon, soll nun Trockenheit abwehren und das Versiegen von Quellen und Wasserläufen verhindern.

Die Rachegöttinnen der griechischen Sage heißen Erinnyen oder Eumeniden. Sie verfolgen Verbrecher, vor allem Mörder oder Frevler gegen das Göttliche, quälen sie und treiben sie manchmal in den Wahnsinn. In Rom heißen sie Furien. Ihre Aufgaben sind die gleichen geblieben.

Die Römer werden sich nicht so viel Zeit nehmen, sich aufregende Geschichten über ihre Götter auszudenken. Sie sind nüchterner als die Griechen und kommen nicht auf die Idee, ihre himmlischen Beschützer wie Menschen zu beschreiben und ihnen Abenteuer anzudichten, wie sie sie selbst erleben. Es sieht so aus, als sollten all diese Götter einfach nur »funktionieren«, damit auf der Welt alles seine Ordnung hat. Um sie dafür gnädig zu stimmen, baut man ihnen Tempel und weiht ihnen Opfergaben.

Zu den Göttern, die aus Griechenland übers Meer gekommen sind und mehr oder weniger ihr Gesicht verändert haben, gesellt sich in der neuen Heimat eine ganze Reihe von Gottheiten, die aus der Tradition der Ureinwohner, der Italiker, vor allem aber vom uralten Volk der Etrusker stammen. Die Etrusker bewohnten einen großen Teil Mittelitaliens. Sie hatten eine hohe Kultur, die den Einwanderern weit überlegen war. Ihre Götter waren beliebt bei den einfachen Leuten und wurden bei den Bauern und Handwerkern stets weiter verehrt. Da gibt es Götter für die Bienenzucht und für die Obstbäume, für die Rinderherden und für das Saatkorn, fürs Weideland und sogar für die Düngung.

Die Römer betrachteten die Etrusker zwar mit Misstrauen und bekämpften das Volk schließlich bis zur Ausrottung. Trotzdem aber übernahmen sie vieles aus dem etruskischen Pantheon, dem Götterhimmel. Das hängt auch damit zusammen, dass man der Auffassung war, man könnte in Kriegszeiten sozusagen die Götter der Gegner auf seine Seite ziehen, wenn man zu ihnen betete und ihnen Opfer darbrachte.

Allerdings ist von diesen Kulten dann oft nur noch die leere Hülle übrig geblieben, man vollzog Rituale, deren Herkunft man nicht kannte und daher auch nicht mehr verstand.

Was uns heute aber geheimnisvoll und rätselhaft erscheinen mag und was wir gern ergründen wollen, rührt die verstandesmäßig agierenden Römer gar nicht; wenn man nur alles »richtig« macht im Gottesdienst, würde es schon helfen.

Zu den ureigenen Göttern der Römer gehören Janus, Saturnus und Vesta.

Wenn römische Priester mehrere Götter anrufen, so wird stets mit dem Namen des Janus begonnen. Über seine Herkunft ist nichts bekannt. Er ist der göttliche Hüter von Türen, Toren und Schwellen. Man stellt ihn doppelgesichtig dar, weil er sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft sieht. So ist er der Gott des Anfangs und des Endes, des Lebensbeginns und des Abschlusses. Ihm gebühren höchste Ehren. Nur die höchsten Staatsbeamten oder die obersten Priester dürfen seinen Kult ausüben.

In der Gestalt des Saturnus hat wieder eine Verschmelzung stattgefunden. Bei den Griechen ist er der Vater des Zeus, eine Verkörperung der Zeit, ein Titan, der seine Kinder verschlingt, und alles andere als ein angenehmer Geselle. Der Saturnus der Römer jedoch war der Hausgott eines etruskischen Stammes und man bringt ihn in Verbindung mit Saat und Ernte; er gibt als Erster den Menschen Nahrung und seine Regierung war die des goldenen Zeitalters, wo alle Menschen in Eintracht lebten und weder Herren noch Sklaven existierten.

Einmal im Jahr, zur Zeit der Wintersonnenwende, werden die Saturnalien gefeiert, jenes Fest, an dem die Sklaven die Rolle der Herren übernehmen dürfen, ehe sie nach drei Tagen wieder in ihren alten Stand zurückkehren müssen.

Vesta war die heilige Hüterin des Herdfeuers – was darauf hinweist, welche wichtige Rolle die Familie, die Sippe, im römischen Volk spielt. Vesta erhält in Rom einen eigenen Tempel, darin bewacht sie das Ewige Feuer der Stadt. Die Flamme darf nie erlöschen! Sechs Vestalinnen, Frauen aus den ersten Häusern der Stadt, hüten es. Sie üben das Amt für dreißig Jahre aus und während dieser Zeit sind sie unberührbar, das heißt, sie dürfen sich mit keinem Mann einlassen. Eine Vestalin, die ihre Jungfräulichkeit verliert, wird auf grausame Weise öffentlich hingerichtet.

Das Herdfeuer, der Mittelpunkt eines jeden Hauses, ist auch die Stätte, an der der Familienvater alle Riten vollzieht, die eine wichtige Handlung begleiten, zum Beispiel ein neugeborenes Kind zu seinem rechtmäßigen Sohn zu erklären.

Im römischen Alltag werden außerdem eine ganze Reihe von Haus- und Familiengöttern angebetet.

Da sind zunächst die Penaten, Schutzgötter der Familie innerhalb des Hauses; eigentlich Götter der Hauswirtschaft. Die Römer siedeln diese Götter bereits bei ihren legendären Vorfahren in Troja an – ein Zeichen dafür, dass sie nicht wegzudenken sind.

Die Laren dagegen wachen außerhalb des Hauses über das Wohlergehen der »familia« (zu der auch die Sklaven gehören). Ihre Altäre sind hauptsächlich an Kreuzwegen und an Grenzrainen aufgestellt. Auch hier geht es darum, dass diese kleinen Götter den Besitz sichern. Man erkauft sich ihr Wohlwollen durch Opfergaben.

Eine wichtige Stellung nimmt auch die Verehrung der Ahnen ein, deren Büsten in jedem besseren römischen Haus in der Empfangshalle stehen. Man glaubt, dass die Seelen der Verstorbenen in ihren Gräbern weiterleben. Sind sie wohlwollend, indem man sie durch Verehrung besänftigt, heißen sie Manen. Vernachlässigt man sie, können sie zu Lemuren werden, zu bösartigen Quälgeistern. Aber auch sie kann man durch die richtigen Opfer oder durch magische Riten lenken und beherrschen.

Zudem hat jedes männliche freie Familienmitglied einen Genius, ein Symbol seiner Lebenskraft. Dies Symbol wird sehr ernst genommen: Es konnte vorkommen, dass ein Sklave, der den Genius seines Herren gelästert hatte, gekreuzigt wurde.

Darüber hinaus machen die Römer unbekümmert Naturerscheinungen zu Göttern. Sie nahmen an, dass bestimmten Vorgängen mystische Kräfte innewohnen, die man durch die richtigen Beschwörungen gutstimmen kann. So gibt es eine Gottheit des ersten Babyschreis; besondere Götter lehren das Kind essen und trinken und ruhig im Bett zu liegen, andere stärken seine Knochen und Zähne und überwachen seine ersten Schritte und seine ersten Worte.

Es ist also eine ganz praktische Sicht auf das Verhältnis zwischen Göttern und Menschen, die sich hier offenbart. »Do ut des« heißt die lateinische Devise: Ich gebe, damit du gibst.

Mit anderen Worten: Wenn ich im Umgang mit den Überirdischen nur alles richtig mache, wird es mir gut gehen.

So nimmt es nicht Wunder, dass alle möglichen magischen Handlungen und Beschwörungen den römischen Götterkult bestimmen. Und nicht nur für Haus und Familie spielen Riten die beherrschende Rolle. Auch alle politischen Aktivitäten der Stadt werden begleitet von rituellen Handlungen. Regierungsbeschlüsse können sogar annulliert werden, wenn ein Gutachten der Religionshüter dazu negativ ausfällt.

Eine Reihe von Priestern wacht darüber, dass alles so abläuft, wie es festgelegt ist. Eine große Rolle spielt dabei das Opfer von Tieren und Nahrungsmitteln, das Einhalten bestimmter uralter Feste und die Wahrsagung aus dem Vogelflug oder den Eingeweiden von Opfertieren, die auszudeuten natürlich wieder nur auserwählte Priester imstande sind – die Auguren.

Die Texte, die bei den Beschwörungen oder bei bestimmten Liedern vorgetragen werden, stammen aus grauer Vorzeit und sind den Römern selbst nicht mehr verständlich.

Und aus gleicher Vorzeit stammen auch einige kuriose Vorschriften für die Priester: Der Jupiterpriester zum Beispiel darf kein bewaffnetes Heer anschauen, keinen Ring oder Gürtel tragen, nicht mit unbedecktem Kopf ausgehen, und die Berührung von rohem Fleisch, Ziegen, Efeu und Bohnen ist ihm untersagt.

Niemand hat dafür eine Erklärung. Aber es sucht auch keiner danach.

Zwei Feste der Römer gehen auf uralte Tabus zurück: Das Fest des Waldgottes Silvanus wird nur von Männern begangen, beim Fest der Bona Dea, der »Guten Göttin«, sind nur Frauen zugelassen. Auf beiden Festen muss es ziemlich ausschweifend zugegangen sein. Was genau dabei geschah, weiß heute allerdings keiner mehr.

Die Götterwelt der Römer ist bunt zusammengewürfelt und die praktische Nützlichkeit hat eindeutig den Vorrang vor dem Spiel der Fantasie. Welche Liebschaften die Götter mit Menschen oder untereinander haben, worüber sie lachen oder weinen oder sich erzürnen, weswegen sie beleidigt sind – das ist den Menschen am Tiber nicht mehr so wichtig, wie es den Griechen war. Jedenfalls dichten sie den griechischen Unsterblichen keine neuen Abenteuer an.

Aber der sagenhafte Stammvater Äneas kommt aus der griechischen Welt. Und der Dichter, der Äneas’ Geschichte in Rom und für Rom einst erzählt hat, muss tief eintauchen in den Geist Griechenlands, wenn er seinen Helden aus Troja beschreibt, obwohl er durch und durch Römer ist. Seine Götter tragen zwar bereits lateinische Namen, aber noch benimmt sich die eifersüchtige und intrigante Juno wie ihre Vorgängerin Hera, noch haften Venus die Koketterien und Launen der Aphrodite an, noch tobt Neptunus auf dem Meer herum wie einst Poseidon.

Erst nachdem sich der Sagenkreis um Äneas erschöpft hat, sind die Römer bei sich, bei ihrer Weltsicht, ihrer klaren Nüchternheit angekommen.

Doch jetzt brechen zunächst die besiegten Troer auf ins Ungewisse.

DIE ABENTEUER DES ÄNEAS

Aufbruch

Die kleine Schar der Überlebenden aus Troja, die sich in der Hafenstadt Antandrus zusammengefunden hatte, musste sich nun auf die Suche nach einer neuen Heimat machen. Das Königshaus des Priamus war ausgelöscht, all die herrlichen Söhne, die bei der Verteidigung ihrer Stadt so viele Heldentaten vollführt hatten, waren entweder im Kampf gefallen oder, wie der greise König selbst, beim Sturm auf die Stadt von den Griechen niedergemetzelt worden.

Anchises, der Vater des Äneas, schien allen zu alt und gebrechlich, um die Flüchtlinge durch all die Gefahren zu leiten, denen sie mit Sicherheit auf ihrer Reise in eine ungewisse Zukunft ausgesetzt sein würden. So blieb als Führer der Überlebenden nur sein Sohn Äneas übrig. Dass er der Sohn der Göttin Venus war, war dem Volk zunächst verschwiegen worden. Venus hatte sich nur im Geheimen zu ihrer Mutterschaft bekannt und dem Anchises befohlen, überall zu behaupten, er habe ein Kind mit einer Nymphe gezeugt. Aber nach und nach war die Wahrheit ohnehin durchgesickert.

Nun aber, in den Schrecken des letzten Kampfes um Troja, hatte sich die Göttin ihres einstigen Geliebten und ihrer beider Sohn erinnert, sich zu ihnen bekannt und sie, wie wir wissen, sicher aus der brennenden Stadt geleitet. Da Äneas selbst schon einen Sohn, den kleinen Julus, hatte, war das Überleben des Geschlechts gesichert.

Die Rolle als Führer fiel also Äneas zu und er nahm sie selbstverständlich an. Er fühlte sich von jeher dazu berufen, große Taten zu vollbringen und die Menschen zu leiten. Bisher hatte er dazu wenig Gelegenheit gehabt. Die Söhne des Königs hatten stets in der ersten Reihe gestanden. Mit großer Sorge und tiefem Verantwortungsgefühl kümmerte Äneas sich nun um die Heimatlosen.

Die Flüchtlinge hatten sich zunächst in Antandrus niedergelassen. Aber es war klar, dass ihnen die Bewohner der Stadt auf Dauer kein Heimatrecht gewähren würden. So ordnete Äneas an, dass sie über den Winter Holz in den Bergen des Ida schlagen und mit dem Bau neuer Schiffe beginnen sollten. Wie alle Mittelmeervölker waren auch die Troer geschickte Schiffsbauer, und tatsächlich war zu Beginn des Frühlings eine stattliche Flotte entstanden, die in der Lage war, die Überlebenden mit ihrer wenigen geretteten Habe aufzunehmen. Sie waren entschlossen, Asien zu verlassen und sich in Europa eine neue Heimat zu schaffen.

An einem sonnigen Morgen machten die Troer ihre Schiffe segelklar, die Männer hoben ihre Frauen und Kinder an Bord und setzten sich an die Ruder und der greise Anchises selbst gab das Zeichen zum Aufbruch.

Munter blähte der auffrischende Wind die Segel, die schwarz geteerten Schiffsrümpfe hoben und senkten sich im Takt der Wellen, die rauschend an ihnen vorbeischossen, Möwen umsegelten kreischend die Takelage, Delfine hoben ihre freundlichen Köpfe aus dem Wasser und begrüßten die Seefahrer mit hohen anmutigen Sprüngen.

Aber auf den Schiffen herrschte keine frohe Stimmung. Viele Frauen hatten ihre Gewänder über den Kopf gezogen und weinten still vor sich hin. Andere standen am Heck und streckten jammernd die Arme nach dem sich entfernenden heimatlichen Strand aus, den sie nun für immer verlassen sollten.

Ihr Anführer Äneas stand jedoch hoch aufgerichtet am Mast des Flaggschiffs und sah nach vorn. Er wusste, es gab kein Zurück. Neben ihm war sein kleiner Sohn Julus. Ihm wie allen anderen musste er eine neue Heimat geben. Dazu hatten die Götter ihn ausersehen.

In Thrakien

Alles schien günstig zu verlaufen.

Die Flotte machte gute Fahrt und schon nach wenigen Tagen landete man an einem Strand, der den Seefahrern unbekannt schien.

Das Land wirkte fruchtbar, es gab reichlich Wasser und Wild und keine Bewohner näherten sich den Ankömmlingen.

Äneas, der auf gut Glück losgesegelt war, wusste nicht, dass er in Thrakien angekommen war (einem Landstrich, der etwa dem heutigen Bulgarien entspricht), sonst hätte er ohne Zweifel nicht sofort damit begonnen, hier den Grundstein für eine neue Stadt zu legen.

Denn Thrakien und das frühere Troja hatten folgende Vorgeschichte: Die beiden Herrscherhäuser waren von alters her eigentlich durch freundschaftliche Bande miteinander verknüpft gewesen. Ein Sohn des Priamus, Polydorus, wurde beim thrakischen König erzogen, wie es häufig Sitte war, dass man seine jungen Söhne an andere Höfe schickte, um sie dort aufwachsen zu lassen.

Als die Griechen nun Troja belagerten, unternahmen sie häufig Beutezüge ins Hinterland der Stadt und »Exkursionen« zur See, um die potenziellen Verbündeten der Troer auszurauben. So gab es auch einen griechischen Streifzug nach Thrakien. Der feige thrakische Herrscher jedoch erkaufte sich Frieden und Tributfreiheit, indem er den jungen Sohn des Priamus an die Griechen auslieferte. Die Eroberer machten sich ein Vergnügen daraus, den Jungen vor den Toren Trojas und unter den Augen seines Vaters zu Tode zu steinigen.

Äneas also wusste nicht, dass er in Thrakien gelandet war. Er hielt seine Männer an, den Grundstein für eine neue Stadt zu legen, und während sie schon Holz schlugen für die ersten Häuser, die errichtet werden sollten, wollte ihr gottesfürchtiger Anführer für das Werk den Schutz der Götter erbitten und Jupiter einen Stier opfern.

Er errichtete einen behelfsmäßigen Altar aus Erde und Rasenstücken und sah sich nach frischem Grün um, das Viereck des Altars mit Zweigen abzustecken.

In der Nähe entdeckte er einen Hügel, der von einem luftigen Wäldchen gekrönt wurde. Junge Myrthen und die frischen Triebe der Cornelkirsche wuchsen da, gut geeignet für das, was er vorhatte.

Also eilte er zu dem Wäldchen und fasste nach einem der Sträucher, um ihn auszureißen. Aber welch Entsetzen! Schwarze Blutstropfen quollen aus den Wurzeln und breiteten sich zu einer Lache auf dem Boden aus.

Von Schauder ergriffen, ließ Äneas die Pflanze los und warf sich zu Boden.

»Ihr Nymphen des Waldes und ihr Schutzgötter dieser Erde, wer ihr auch sein mögt!«, rief er mit erhobenen Händen. »Ich flehe euch an, wendet das Unheil ab von mir! Was soll das Wunderzeichen bedeuten?«

Aber es blieb still, nur der Wind raschelte im zarten Laub der Myrthen. So fasste sich Äneas ein Herz und ergriff einen anderen Strauch, um ihn auszureißen. Nun aber drang ein tiefes Stöhnen aus dem Boden hervor und schließlich hörte er eine Stimme wie von weit her: »Was quälst du mich, Fremdling? Habe Erbarmen mit mir! Ich bin Polydorus, der Sohn des Priamus, dessen Seele in diesem Hügel wohnt, hier, wo ich als Kind ahnungslos spielte. Mein Pflegevater, der König von Thrakien, verriet mich und lieferte mich den Griechen aus, aber andere Thraker, die gottesfürchtiger waren als er, sammelten heimlich meine Gebeine und brachten sie zur Sühne hierher. Störe meine Ruhe nicht! Aber fürchte den Mann, der hier herrscht! Er ist Fremden nicht günstig gesonnen.«

Nachdem Äneas sich gefasst hatte, eilte er zu den Troern zurück und berichtete zunächst seinem Vater, dann den anderen Ältesten der Auswanderer von dem, was ihm widerfahren war.

Alle waren sich einig darin, dass sie hier keine neue Heimstatt finden konnten.

So ließ man die bereits begonnenen Arbeiten an der neuen Stadt liegen und stehen, veranstaltete in aller Eile eine Totenfeier zu Ehren des unglücklichen Polydorus und stach dann in See, so schnell es nur ging – bevor die verräterischen Bewohner des Landes überhaupt etwas von ihrer Ankunft wahrgenommen hatten.

Der erste Versuch, wieder sesshaft zu werden, war gescheitert.

Auf Delos

Noch immer waren ihnen Wind und Wetter günstig und so machte die kleine Flotte schnelle Fahrt. Sie waren nicht allzu lange unterwegs, als sie eine Insel aus dem Meer aufsteigen sahen, dicht bewaldet und von lieblichen Buchten geschmückt.

Diese Insel war Delos, eine der Zykladeninseln im Ägäischen Meer, jener Ort, auf dem einst Apollo zur Welt gekommen war. Die dortigen Bewohner hatten dem Gott ihre Stadt geweiht und verehrten ihn als den Beschützer der Heilkundigen in einem schönen Tempel.

Als die Flotte der Flüchtlinge in den Hafen von Delos einlief, eilte der Herrscher des Landes, der gleichzeitig der oberste Priester war, herbei, um die Fremdlinge nach den Regeln der Gastfreundschaft zu begrüßen. Zum Zeichen seiner friedlichen Gesinnung trug er einen Lorbeerzweig in der Hand und trug den heiligen Kranz des Apollogeweihten um die Stirn.

»Wer auch immer ihr sein mögt!«, rief er aus, »seid willkommen auf Delos, der Insel des Apollo. Seid Gäste meines Volkes. Hier könnt ihr das Orakel des Gottes befragen, ob euch eine glückliche Zukunft bevorsteht.«

Dankbar verließen die Troer ihre Schiffe, um an Land zu gehen.

Äneas half seinem greisen Vater beim Verlassen des Flaggschiffs, und kaum hatte dessen Fuß das Land berührt, da rief der priesterliche König: »Kann ich meinen Augen trauen? Anchises, mein alter Gastfreund aus Troja! Nie werde ich vergessen, mit welcher Fürsorge und Freundlichkeit du mich umgabst, als ich dich einst in deinen Hallen besuchte! Apollo sei Dank, du lebst! Als die Kunde vom furchtbaren Ende eurer Stadt zu mir drang, glaubte ich, auch du und dein Sohn wären unter den Opfern!«

Anchises umarmte den anderen unter Tränen. »Wir sind die Einzigen, die sich aus der brennenden Stadt retten konnten – die letzten Überlebenden. Wahrhaftig, ein günstiger Wind hat uns hierhergeführt. So können wir das Orakel des Gottes befragen, der uns und unserer Stadt immer gnädig gesonnen war und auf den Mauern für uns und mit uns gegen die Griechen gestritten hat.«

Und so geschah es.

Äneas, Anchises und der delische König zogen zum Lorbeerhain des Apollo aus, wo sich hinter hohen Quadermauern sein säulengeschmücktes Heiligtum befand. In der offenen Halle stand der metallene Dreifuß mit dem Opferfeuer. Davor ging Äneas ehrfürchtig auf die Knie, hob flehend die Hände und betete: »Hoher Beschützer des troischen Volkes, dessen Bogen unfehlbar trifft und der die Zukunft kennt, gib uns Schutzflehenden eine neue Stadt, lass uns ein zweites Troja gründen und gewähre, dass unser Volk nicht zugrunde geht und verstreut im Elend der Fremde umherstreifen muss! Gib uns ein Zeichen, Apollo, sprich zu uns, wenn du deine Verehrer weiterhin liebst.«

Und siehe da, die Erde erbebte ringsum, der Lorbeerhain und die umgebenden Berge schienen sich zu schütteln wie erwachende Tiere. Alles Volk fiel schreckensbleich zu Boden. Und dann ertönte aus dem Inneren des Tempels eine weithin hallende Stimme: »Standhafter Stamm Trojas, kehre zurück in das Land eurer Ahnherren! Suche den Schoß auf, der dich hervorgebracht hat. Von dort aus werden die Enkel des Äneas, wird sein Haus den Erdkreis weithin beherrschen.«

Die Stimme verhallte und das Land ringsum lag so friedlich und still im Sonnenlicht, als sei nichts geschehen.

Langsam erhoben sich die Menschen, noch bleich vom ausgestandenen Schrecken. Aber allmählich wurde den Troern bewusst, welch günstiges Orakel ihnen da eben verkündet worden war. Sie würden nicht nur überleben, sondern aufs Neue ein mächtiges Volk sein! Bald lagen sich alle in den Armen und weinten vor Freude.

Äneas, sein Vater und die Ältesten berieten gemeinsam mit dem delischen König, welches Land die Prophezeiung des Apollo wohl gemeint haben könnte.

Der alte Anchises war in der Ahnenkunde wohlbewandert und wusste viele Geschichten aus grauer Vorzeit. Er sagte schließlich: »Ich glaube, ich kenne die Deutung des Orakels, liebe Freunde. Nicht fern von hier liegt eine Insel im Meer, deren Name ist Kreta. Von dort soll einer unserer Stammväter hergekommen sein.

Das Land, so heißt es, ist fruchtbar und die Bewohner freundlich und genau wie in unserer alten troischen Heimat heißt das Gebirge dieser Insel Idagebirge. Schon das sollte uns ein Zeichen sein, dass wir von dort stammen. Sicher schickt uns Apollo nun wieder dorthin zurück. Lasst uns die Schiffe rüsten! Wenn uns die Götter günstigen Fahrtwind verleihen, können wir binnen Kurzem dorthin gelangen.«

Die Deutung, die Anchises dem Götterspruch gab, schien allen einleuchtend.

So schritten sie zunächst dazu, den Göttern zu opfern. Sie schlachteten dem Apollo einen weißen Stier und genauso widmeten sie ein solches Tier dem Neptunus, damit der die Meereswogen besänftigen solle. Den Windgöttern aber opferten sie ein weißes und ein schwarzes Lamm.

Dann nahmen sie Abschied vom Gastfreund und bestiegen wieder ihre Schiffe und bei heiterem Wetter machte sich die Flotte frohgemut auf den Weg zur Insel Kreta.

Heimstatt Kreta?

Bereits am dritten Tag erreichten die Flüchtlinge Kreta.

Ihre Freude kannte keine Grenzen, da sie von den Bewohnern, wie erhofft, freundlich aufgenommen wurden. Ohne Wenn und Aber wurde ihnen ihre Bitte gewährt, auf der Insel zu siedeln, und Äneas begann mit dem gleichen Eifer und ordnendem Talent wie auf Thrakien mit dem Aufbau ihrer neuen Stadt, die er Pergamus nannte, denn so hatte die Burg, das Zentrum von Troja, geheißen.

Alles hätte nicht besser verlaufen können. Jahre vergingen. Die Auswanderer wurden nun sesshaft. Man verteilte den Grund und Boden unter den Familien, erbaute ein Rathaus, wie es sich für eine Stadt gehörte, verkündete die Regeln des Zusammenlebens, schloss erste Ehen unter den jungen Leuten.

Und dann kam ein von Dürre bestimmter Sommer und mit ihm das Verderben. Ein glutheißer Wind aus dem Süden fuhr gleichsam mit Feuerzungen ohne Pause über das Land der Troer dahin. Die Saaten verdorrten auf dem Halm, weder Baum noch Sträucher trugen Früchte, das Vieh verendete an den versiegten Quellen und brüllte vor Hunger. Seuchen befielen die Menschen, viele starben an Wassermangel.

Keine Opfergaben, keine Gebete, kein noch so inständiges Flehen halfen. Auf dem Land schien ein Fluch zu liegen. Sicher hatte man den Zorn der Götter herausgefordert. Aber womit? Hatten sie sich nicht strikt an das gehalten, was ihnen vom Orakel verkündet worden war? Hatte man bestimmte Riten nicht befolgt?

Die schwer geprüften Flüchtlinge glaubten sich verloren. Der Rat der Ältesten traf zusammen, um zu beraten, was zu tun sei.