Roter Drache - Thomas Harris - E-Book

Roter Drache E-Book

Thomas Harris

4,8
9,99 €

Beschreibung

Hannibal Lecters erster Auftritt

Ein Killer verbreitet Angst und Schrecken in Florida. Er hat schon zehn Menschen umgebracht, und die Mordserie reißt nicht ab. Wer wäre besser geeignet, ein Psychogramm des Gesuchten anzufertigen, als der Psychiater und Massenmörder, den das FBI drei Jahre zuvor fassen konnte: Dr. Hannibal Lecter.

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Seitenzahl: 613

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Das Buch

Ein geistesgestörter Serientäter richtet ein grauenhaftes Blutbad unter zwei Familien an. Indizien reihen sich an Indizien, ohne dass das FBI eine Verbindung zwischen den beiden Morden entdecken kann bis Sonderermittler Will Graham sich einschaltet. Seine Fähigkeit, sich in das Denken und Fühlen des Täters zu versetzen, hat schon den Massenmörder Hannibal Lecter hinter Gitter gebracht. Die Ermittler führen Graham auf die Spur eines missgestalteten, von schrecklichen Sexualphantasien getriebenen Mörders, der immer bei Vollmond zuschlägt. Drei Wochen stehen Graham noch zur Verfügung, dann ist es wieder soweit …

Der Autor

Thomas Harris, 1940 geboren, begann seine Karriere als Kriminalreporter in den USA und Mexiko, bevor er sich der Schriftstellerei widmete. Er ist Schöpfer der legendären Serienkiller-Figur Hannibal Lecter, die erstmals in dem Roman Roter Drache auftritt. Der internationale Bestseller Das Schweigen der Lämmer machte Thomas Harris schließlich weltberühmt, die Verfilmungen der Hannibal-Bücher wurden zu großen Erfolgen. Nach einer längeren Pause feiert Harris mit seinem Thriller Cari Mora ein sensationelles Comeback!

THOMAS

HARRIS

ROTER

DRACHE

THRILLER

AUS DEM AMERIKANISCHEN

VON SEPP LEEB

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Red Dragon bei Dell Publishing (Randomhouse Inc.), New York

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Vollständige deutsche Taschenbuchausgabe 06/2019

Copyright © 1981 by Yazoo Fabrications Inc.

Copyright © 1988/2019 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Johannes Wiebel unter Verwendung

von Motiven von Shutterstock.com

(DOLININAN, Nik Merkulov)

Satz: Leingärtner, Nabburg

e-ISBN 978-3-641-21574-3V004

www.heyne.de

Man kann nur sehen, worauf man seine Aufmerksamkeit

richtet, und man richtet seine Aufmerksamkeit

nur auf Dinge, die bereits einen Platz

im Bewusstsein einnehmen.

ALPHONSE BERTILLON

… Denn Gnade hat ein menschlich Herz,

Und Mitleid ein menschlich Antlitz,

Und Liebe, des Menschen göttliche Gestalt,

Und Friede, des Menschen Kleid.

WILLIAM BLAKE, Gesänge der Unschuld, ­(›Das göttliche Abbild‹)

Grausamkeit hat ein menschlich Herz,

Und Eifersucht ein menschlich Antlitz,

Schrecken, des Menschen göttliche Gestalt,

Geheimhaltung, des Menschen Kleid.

Des Menschen Kleid geschmiedet Eisen,

Des Menschen Form die flammende Esse,

Des Menschen Antlitz ein versiegelt Ofen,

Des Menschen Herz sein gier’ ger Schlund.

WILLIAM BLAKE, Gesänge der Erfahrung, ­(›Ein göttliches Abbild‹)*

*   Dieses Gedicht wurde erst nach Blakes Tod mit Abdrucken von Druckplatten von Gesänge der Erfahrung gefunden und ist deshalb nur in posthumen Ausgaben erschienen.

Vorwort zu einem verhängnisvollen Gespräch

Ich möchte Ihnen die Umstände schildern, unter denen ich Dr. Hannibal Lecter zum ersten Mal begegnet bin.

Im Herbst 1979 kehrte ich aufgrund eines Krankheitsfalls in der Familie ins Mississippi Delta zurück und blieb dort achtzehn Monate. Ich arbeitete an Roter Drache. Freundlicherweise stellte mir mein Nachbar in dem Dorf Rich ein Shotgun-Haus (Südstaatenbezeichnung für ein Haus, in dem sämtliche Zimmer in einer Reihe angeordnet sind, so dass man praktisch mit einer Flinte durchs ganze Haus schießen könnte) inmitten eines riesigen Baumwollfelds zur Verfügung, und dort arbeitete ich, oft nachts.

Wenn man einen Roman schreibt, beginnt man mit dem, was man sehen kann, und dann fügt man hinzu, was davor und was danach kam. Hier, im Dorf Rich in Mississippi, wo ich unter schwierigen Bedingungen arbeitete, konnte ich den Ermittler Will Graham sehen, wie er sich im Haus der ermordeten Familie, in dem Haus, in dem sie alle gestorben waren, die 8mm-Filme der toten Familie ansah. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, wer die Verbrechen beging. Ich versuchte, es herauszufinden, zu sehen, was davor kam und was danach. Ich ging mit Will im Dunkeln durch das Haus, den Tatort, und konnte nicht mehr und nicht weniger sehen, als er sehen konnte.

Manchmal ließ ich nachts in meinem kleinen Haus die Lichter an und ging über die flachen Felder. Wenn ich aus einiger Entfernung zurückschaute, sah das Haus aus wie ein Schiff auf hoher See und ringsum die unermessliche Deltanacht.

Bald schloss ich Bekanntschaft mit den halbwilden Hunden, die mehr oder weniger in einem Rudel durch die Felder streunten. Einige von ihnen hatten unverbindliche Abmachungen mit den Farmarbeiterfamilien, aber die meiste Zeit mussten sie sich selbst versorgen. In den schweren Wintermonaten, als der Boden gefroren und trocken war, fing ich an, ihnen Hundefutter zu geben, und bald verdrückten sie davon gut zwanzig Kilo pro Woche. Sie folgten mir überallhin, und sie waren ein umfangreiches Gefolge – große Hunde, kleine Hunde, relativ brave Hunde und große, grobe Hunde, die man nicht anfassen durfte. Sie waren nachts auf den Feldern mit mir unterwegs, und wenn ich sie nicht sehen konnte, konnte ich sie um mich herum hören, wie sie in der Dunkelheit atmeten und hechelten. Wenn ich im Haus arbeitete, warteten sie auf der Eingangsveranda, und bei Vollmond heulten sie.

Wenn ich mitten in der Nacht staunend auf den riesigen Feldern vor meinem Haus stand, um mich herum die Geräusche leisen Atmens, mein Blick noch von der Schreibtischlampe getrübt, versuchte ich zu erkennen, was am Tatort passiert war. Alles, was an mein schwaches Sehvermögen drang, waren Schemen, Andeutungen, ein gelegentliches Schimmern, wenn eine nicht menschliche Netzhaut den Mond reflektierte. So viel stand fest, etwas war passiert. Dazu müssen Sie wissen, dass man nichts erfindet, wenn man einen Roman schreibt. Es ist alles da, man muss es nur finden.

Will Graham musste jemanden fragen, er brauchte Hilfe, und er wusste es. Er wusste, wohin er gehen musste, schon lange, bevor er sich daran zu denken gestattete. Ich wusste, dass Graham bei einem früheren Fall schwer verletzt worden war. Ich wusste, dass es ihm zutiefst zuwider war, die beste Quelle, die er hatte, um Rat zu fragen. Damals erwuchsen auch mir selbst jeden Tag schmerzhafte Erinnerungen, und bei meiner abendlichen Arbeit konnte ich gut mit Graham fühlen.

Deshalb begleitete ich ihn mit recht gemischten Gefühlen ins Baltimore State Hospital für geistesgestörte Straftäter, und dort trafen wir, bevor wir uns an die Arbeit machen konnten, ärger­licherweise auf die Sorte Trottel, die Sie aus Ihrem eigenen Alltag zur Genüge kennen – Dr. Frederick Chilton, der uns zwei oder drei endlose Tage aufhielt.

Ich stellte fest, dass ich Chilton bei brennendem Licht im Haus lassen und, umgeben von meinen Freunden, den Hunden, aus dem Dunkeln zu ihm hineinschauen konnte. Ich war dann unsichtbar dort draußen in der Dunkelheit, so, wie ich für meine Figuren unsichtbar bin, wenn ich im selben Zimmer mit ihnen bin und sie mit wenig oder gar keiner Unterstützung meinerseits ihr Schicksal bestimmen.

Endlich fertig mit dem lästigen Chilton, gingen Graham und ich in die Station für die Gewalttätigen, und die Stahltür schlug mit einem schrecklichen Krachen hinter uns zu.

Als Will Graham und ich uns Dr. Lecters Zelle näherten, war Graham verkrampft, und ich konnte seine Angst riechen. Ich dachte, Dr. Lecter schliefe, und ich zuckte zusammen, als er Will Graham an seinem Geruch erkannte, ohne die Augen zu öffnen.

Ich genoss die Immunität, die ich bei der Arbeit immer habe, meine Unsichtbarkeit für Chilton und Graham und das Personal, aber in Dr. Lecters Anwesenheit fühlte ich mich nicht wohl, ich war mir nicht sicher, ob mich der Doktor tatsächlich nicht sehen konnte.

Wie Graham fand – und finde – ich den musternden Blick Dr. Lecters unangenehm, aufdringlich, wie das Summen in den Gedanken, wenn sie einem den Kopf röntgen. Grahams Gespräch mit Dr. Lecter verlief rasch, in Echtzeit wie ein Klingenkreuzen, und während ich ihm folgte, gerieten meine hektischen Notizen auf den Rand und auf jede Oberfläche, die sich auf ­meinem Tisch gerade zuoberst befand. Ich war ausgelaugt, als es vorbei war – das Scheppern und das Geheul, das zu einer Nervenheilanstalt gehört, blieb weiter in meinem Kopf, und auf der Veranda meines Hauses in Rich jaulten dreizehn Hunde, die mit geschlossenen Augen, die Köpfe dem Vollmond entgegengereckt, dasaßen. Die meisten von ihnen jodelten ihren einzigen Vokal zwischen O und U, ein paar summten bloß mit.

Ich musste Grahams Gespräch mit Dr. Lecter hundert Mal durchgehen, um es zu verstehen und das überflüssige Rauschen auszublenden, die Gefängnisgeräusche, das Schreien der Verdammten, derentwegen manche der Wörter schwer zu hören gewesen waren.

Ich wusste immer noch nicht, wer die Verbrechen beging, aber ich wusste zum ersten Mal, dass wir es herausfinden würden und dass wir bei ihm ankommen würden. Außerdem wusste ich, für dieses Wissen würden andere im Buch einen schrecklich, vielleicht sogar tragisch, hohen Preis zahlen. Und so kam es auch.

Jahre später, als ich Das Schweigen der Lämmer begann, wusste ich nicht, dass Dr. Lecter zurückkehren würde. Ich hatte die Figur der Dahlia Iyad in Schwarzer Sonntag immer gemocht und wollte einen Roman mit einer starken Frau als Hauptfigur schreiben. Deshalb begann ich mit Clarice Starling und stellte schon nach weniger als zwei Seiten fest, dass sie den Doktor aufsuchen musste. Ich bewunderte Clarice Starling enorm, und ich glaube, ich empfand so etwas wie Eifersucht angesichts der Leichtig­keit, mit der Dr. Lecter in ihr Innerstes sah, während es mir so schwer fiel.

Bis ich anfing, die Ereignisse in Hannibal aufzuzeichnen, hatte der Doktor zu meiner Überraschung ein Eigenleben entwickelt. Offensichtlich fanden Sie ihn genauso seltsam einnehmend wie ich.

Ich hatte Angst davor, Hannibal zu machen, hatte Angst vor der persönlichen Beanspruchung und Abnutzung, Angst vor den Möglichkeiten, die ich zu berücksichtigen hätte, Angst um Starling. Am Ende ließ ich sie los, wie man Figuren loslassen muss, ließ Dr. Lecter und Clarice Starling gemäß ihrem Wesen den Lauf der Dinge bestimmen. Dabei spielt ein gewisses Maß an Höflichkeit mit.

Wie ein Sultan einmal sagte: Ich halte keine Falken – sie leben mit mir.

Als ich im Winter 1979 das Baltimore State Hospital für geistesgestörte Straftäter betrat und die schwere Metalltür krachend hinter mir zuschlug, hatte ich keine Ahnung, was am Ende des Korridors wartete, wie selten wir das Geräusch erkennen, wenn das Schloss unseres Schicksals zuschnappt.

T.H.

Miami, Januar 2000

1

Will Graham ließ Crawford an dem Gartentisch zwischen dem Haus und dem Meer Platz nehmen und bot ihm ein Glas Eis­tee an.

Jack Crawford betrachtete das schöne alte Haus, dessen Holz in dem klaren Licht salzversilbert schimmerte. »Ich hätte dich besser in Marathon abfangen sollen, als du nach der Arbeit nach Hause fuhrst«, begann er. »Ich kann mir gut vorstellen, dass du hier nicht darüber sprechen willst.«

»Ehrlich gestanden, möchte ich nirgendwo über die Sache sprechen, Jack. Doch nachdem sich dies nun einmal leider nicht umgehen lässt, bringen wir es besser gleich hinter uns. Komm mir bitte nicht mit irgendwelchen Fotos. Falls du welche mitgebracht hast, lässt du sie bitte in deinem Aktenkoffer. Molly und Willy werden nämlich gleich zurück sein.«

»Wieviel weißt du bereits?«

»Nur, was im Miami Herald und in der Times stand«, erwiderte Graham. »Zwei Familien, die im Abstand von einem Monat in ihren Häusern ermordet wurden. In Birmingham und Atlanta. Die Umstände waren sehr ähnlich.«

»Nicht nur ähnlich – vollkommen identisch.«

»Wie viele Personen haben sich bisher zu der Tat bekannt?«

»Heute Nachmittag waren es achtundsechzig«, erklärte Crawford. »Lauter Irre. Keiner wusste über Einzelheiten Bescheid. Er hat die Spiegel im Haus zerschlagen und dann die Scherben verwendet. Keiner unter den angeblichen Tätern wusste das.«

»Welche Informationen habt ihr der Presse sonst noch vorenthalten?«

»Er ist blond, Rechtshänder und außergewöhnlich stark; hat Schuhnummer elf, versteht mit einer Buline umzugehen und hinterlässt keine Fingerabdrücke. Offensichtlich trägt er bei der Arbeit Handschuhe.«

»Das hast du bei deinem letzten Fernsehauftritt gesagt.«

»Mit Türschlössern hat er dagegen etwas Schwierigkeiten«, fuhr Crawford unbeirrt fort. »Beim letzten Mal ist er mit Hilfe eines Glasschneiders und eines Saughalters in das Haus eingedrungen. Ach ja, und seine Blutgruppe ist AB positiv.«

»Hat ihn denn jemand verletzt?«

»Nicht, dass wir wüssten; darauf konnten wir aufgrund der Untersuchung seines Spermas und seines Speichels schließen.« Crawford ließ seine Blicke über das ruhige Meer schweifen. »Will, ich muss dich etwas fragen. Du hast natürlich in der Zeitung dar­über gelesen. Über den zweiten Fall wurde auch im Fernsehen ausführlich berichtet. Hast du eigentlich je in Erwägung gezogen, mich anzurufen?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Über den ersten Vorfall in Birmingham wurden anfänglich kaum Einzelheiten veröffentlicht. Es hätte alles Mögliche sein können – Rache, eine familiäre Auseinandersetzung.«

»Aber nach dem zweiten wusstest du doch, worum es sich dabei handelt?«

»Natürlich. Ein Psychopath. Ich hab’ dich nicht angerufen, weil ich nicht wollte. Zudem weiß ich, wer diesen Fall bereits für dich übernommen hat. Ihr habt das beste Labor. Außerdem kannst du auf Leute wie Heimlich in Harvard zurückgreifen, oder auf Bloom an der University of Chicago –«

»Und auf dich, wenn du hier unten nicht diese verdammten Bootsmotoren reparieren müsstest.«

»Ich glaube nicht, dass ich dir in dieser Sache von allzu großem Nutzen sein könnte, Jack. Das ist für mich endgültig aus und vorbei.«

»Tatsächlich? Immerhin hast du doch zwei geschnappt. Die letzten zwei, derer wir uns annehmen mussten, hast du gefasst.«

»Na und? Ich habe nichts anderes getan, als du und deine Leute auch getan hätten.«

»Das ist nicht ganz richtig, Will. Es ist deine Art zu denken.«

»Na, ich weiß nicht, was daran so Großartiges sein soll.«

»Du hast immerhin einige Schlüsse gezogen, die du uns nie erklärt hast.«

»Aber ihr hattet doch die Beweise vorliegen«, hielt Graham dem entgegen.

»Gewiss. Wir hatten die Beweise vorliegen. Eine ganze Menge sogar – aber erst danach. Doch zuvor hatten wir so wenig, dass wir nicht einmal ausreichend Gründe für einen Haftbefehl vorweisen hätten können.«

»Ihr habt durchaus fähige Leute, die das für euch erledigen werden, Jack. Ich glaube nicht, dass ich eine nennenswerte Verstärkung darstellen würde. Außerdem habe ich mich hierher zurückgezogen, um endlich von all dem loszukommen.«

»Ich weiß. Beim letzten Mal hast du erhebliche Verletzungen davongetragen. Ich muss jedoch sagen, dass du mittlerweile wieder einen blendenden Eindruck machst.«

»Mit mir ist alles wieder in Ordnung. Aber es ist nicht, weil es mich mal erwischt hat – das ist dir schon genauso passiert.«

»Mag sein, aber in dem Maß hat es mich keineswegs erwischt.«

»Trotzdem war das nicht der Grund aufzuhören. Plötzlich wollte ich einfach nicht mehr. Allerdings glaube ich nicht, dass ich das erklären kann.«

»Wenn du den Anblick nicht mehr ertragen könntest, ich könnte es, weiß Gott, verstehen.«

»Auch das ist es nicht. Das Hinsehen-Müssen ist immer schlimm, aber solange sie nur tot sind, schafft man das schon irgendwie. Die Krankenhausbesuche, die Gespräche – das ist wesentlich schlimmer. Man muss das von sich abschütteln und den Verstand weiter gebrauchen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich jetzt dazu in der Lage wäre. Ich könnte mich dazu bringen hinzusehen, aber ich würde mein Denken ausschalten.«

»Die sind alle tot, Will«, sagte Crawford so behutsam wie möglich.

Jack Crawford hörte den Rhythmus und die Syntax seiner eige­nen Sprechweise in Grahams Stimme. Er hatte mehrfach schon die Erfahrung gemacht, dass Graham im Verlauf eines intensiven Gesprächs häufig die Sprechweise seines Gegenübers übernahm. Erst hatte Crawford gedacht, er täte dies absichtlich, als handelte es sich dabei um eine Art Trick, um einen engeren Kontakt mit dem Gesprächspartner herzustellen.

Doch später wurde Crawford bewusst, dass Graham dies unwillkürlich tat und dass er es manchmal sogar zu unterdrücken versuchte, jedoch ohne Erfolg.

Crawford griff in seine Jackentasche, holte zwei Fotos daraus hervor und schob sie mit der Bildseite nach oben über den Tisch.

»Alle tot«, bemerkte er dazu.

Graham starrte Crawford erst einen Moment lang an, bevor er nach den Fotos griff.

Es waren ganz gewöhnliche Schnappschüsse – eine Frau, die, gefolgt von drei Kindern und einer Ente, einen Picknickkorb das Ufer eines Teichs hinauftrug; und eine Familie, die sich um eine Torte gruppiert hatte.

Nach einer halben Minute legte er die Fotos auf den Tisch ­zurück. Er schob sie behutsam übereinander und ließ seine Blicke dann zum Strand hinunterschweifen, wo der Junge am Boden kauerte und irgendetwas im Sand beobachtete. Die Frau stand daneben und sah ihm dabei zu; eine Hand ruhte auf ihrer Hüfte, und die auslaufenden Wellen umschäumten ihre Fußgelenke. Dann beugte sie sich landwärts, um ihr feuchtes Haar von ihren Schultern zu schütteln.

Ohne seinem Gast die geringste Beachtung zu schenken, betrachtete Graham seine Frau Molly und den Jungen nun ebenso lange, wie er vorher die Fotos angesehen hatte.

Crawford war zufrieden. Mit derselben Sorgfalt, die er auf die Wahl ihres Treffpunkts verwendet hatte, verbot er nun auch ­seiner Zufriedenheit, sich in seiner Miene widerzuspiegeln. Er glaubte Graham am Haken zu haben. Jetzt galt es nur noch zu warten.

Drei bemerkenswert hässliche Hunde tappten auf sie zu und ließen sich um den Tisch herum zu Boden plumpsen.

»Mein Gott«, entfuhr es Crawford.

»Vermutlich sollen das Hunde sein«, erläuterte Graham. »Ständig setzen die Leute hier junge Hunde aus. Diejenigen, die ganz süß aussehen, kann ich in der Regel weggeben. Die weniger ansehnlichen bleiben uns dann und werden langsam größer.«

»Hunger zu leiden scheinen sie ja zumindest nicht.«

»Molly zieht herrenlose Hunde an wie ein Magnet.«

»Ein schönes Leben hast du hier, Will. Mit Molly und dem Jungen. Wie alt ist er eigentlich?«

»Elf.«

»Ein verdammt gut aussehender Bengel. Er wird sicher mal größer als du.«

Graham nickte. »Sein Vater war es ja auch. Es geht mir wirklich gut hier. Das sage ich mir immer wieder.«

»Ich wollte eigentlich Phyllis mitbringen. Florida. Mich schon mal nach einem schönen Plätzchen umsehen, wenn ich in Pension gehe und endlich mal aufhöre, ein Leben zu führen wie ein Grottenolm. Sie sagt, alle ihre Bekannten leben in Arlington.«

»Ich wollte mich eigentlich schon die ganze Zeit für die Bücher bedanken, die sie mir ins Krankenhaus geschickt hat, aber irgendwie bin ich nie dazu gekommen. Übernimm du das bitte für mich.«

»Ich werd’s ihr ausrichten.«

Zwei kleine bunte Vögel ließen sich in der Hoffnung, ein paar Brösel aufpicken zu können, auf dem Tisch nieder. Crawford beobachtete, wie sie eine Weile darauf herumhüpften und schließlich wieder davonflogen.

»Will, dieser Irre scheint so etwas wie mondsüchtig zu sein. Die Jacobis in Birmingham hat er am achtundzwanzigsten Juni, einem Samstag, bei Vollmond ermordet. Die Familie Leeds in ­Atlanta vorgestern Nacht, am sechsundzwanzigsten Juli. Das ist ein Tag vor dem vollen Ablauf einer Mondphase. Wenn wir also Glück haben, bleiben uns etwas mehr als drei Wochen, bevor er das nächste Mal zuschlägt.

Ich kann mir nun beim besten Willen nicht vorstellen, dass du hier unten in den Keys einfach tatenlos zusehen wirst, Will, bis du im Miami Herald vom nächsten Mord liest. Ich bin ja nun, weiß Gott, nicht der Papst, um zu sagen, was du zu tun und zu lassen hast, Will, aber eines möchte ich dich doch fragen: Bist du einer Meinung mit mir, was meine Einschätzung der Lage betrifft?«

»Ja.«

»Ich bin der festen Überzeugung, dass wir ihn eher fassen können, wenn du dich bereit erklärst, mit uns zusammenzuarbeiten. Ich bitte dich, Will, hilf uns. Komm nach Atlanta und Birmingham, sieh dir das Ganze aus nächster Nähe an und komm dann nach Washington.«

Graham gab ihm keine Antwort.

Crawford wartete, bis fünf Wellen über den Strand geschwappt waren, um dann aufzustehen und sich seine Anzugjacke über die Schulter zu werfen. »Wir können ja am Abend noch mal darüber sprechen.«

»Bleib doch zum Essen.«

Crawford schüttelte den Kopf. »Ich komme später noch einmal zurück. Sicher warten im Holiday Inn inzwischen einige dringende Nachrichten auf mich; ich werde mich erst noch eine Weile hinters Telefon klemmen müssen. Sag Molly trotzdem herzlichen Dank für die Einladung.«

Crawfords Mietwagen wirbelte eine Wolke aus feinem Staub auf, der sich auf die Büsche zu beiden Seiten der unbefestigten Zufahrt niederließ.

Graham kehrte an den Tisch im Garten zurück. Er hatte Angst, dass er sich genau so an das Ende von Sugarloaf Key erinnern würde – in zwei Teegläsern schmelzende Eiswürfel, Papierservietten, die durch die Brise vom massiven Redwoodtisch flattern, und Molly und Willy unten am Strand.

Sonnenuntergang auf Sugarloaf, die Reiher ruhig und die rote Sonne immer größer werdend.

Ihre Gesichter von der untergehenden Sonne in kräftiges Orange getaucht, die Rücken in violettem Schatten, saßen Will Graham und Molly Foster Graham auf einem vom Meer ausgebleichten, angeschwemmten Baumstamm. Sie ergriff seine Hand.

»Crawford hat mich kurz im Laden aufgesucht«, begann sie, »bevor er hier rausgekommen ist. Er hat sich nach dem Weg erkundigt. Ich habe versucht, dich anzurufen. Zumindest ab und zu solltest du ans Telefon gehen. Wir haben den Wagen gesehen, als wir nach Hause gekommen sind, und sind gleich an den Strand hinuntergegangen.«

»Was hat er dich sonst noch gefragt?«

»Wie es dir geht.«

»Und was hast du gesagt?«

»Es ginge dir blendend, und er solle dich um Himmels willen in Frieden lassen. Was will er von dir?«

»Dass ich mir Beweismaterial ansehe. Ich bin Spezialist für gerichtsmedizinische Untersuchungen, Molly. Du hast doch selbst mein Diplom gesehen.«

»Das einzige, was ich davon gesehen habe, war, wie du damit einen Riss in der Tapete zugekleistert hast.« Sie setzte sich rittlings auf den Baumstamm und sah ihn an. »Wenn du das vermissen würdest, was du früher getan hast, nehme ich doch an, dass du öfter darüber sprechen würdest. Aber das tust du doch nie. Du bist inzwischen so offen und ruhig und optimistisch … ich finde das wunderbar.«

»Wir verbringen doch eine wirklich schöne Zeit miteinander, oder nicht?«

Ihr kurzes Blinzeln verriet ihm, dass er den Sachverhalt wohl mit etwas mehr Begeisterung hätte darstellen können. Doch bevor er dieses Versäumnis wiedergutmachen konnte, fuhr sie fort.

»Was du für Crawford getan hast, war nicht gut für dich. Er hat doch eine Menge anderer Leute, die ihm helfen – vermutlich sogar die ganze bescheuerte Regierung. Warum kann er dann uns nicht in Frieden lassen?«

»Hat Crawford dir das nicht erzählt? Er war in den beiden Fällen, in denen ich der FBI-Akademie den Rücken gekehrt habe, um mich mal wieder in den Außendienst zu stürzen, mein Supervisor. Und diese zwei Fälle waren die einzigen ihrer Art, die ihm je untergekommen sind, wobei gesagt werden muss, dass Jack schon verdammt lange im Geschäft ist. Und jetzt liegt neuerlich ein solcher Fall vor. Diese Sorte Psychopathen treten sehr selten in Erscheinung. Und Jack weiß, dass ich mit sowas – na ja – Erfahrung habe.«

»Das kann man wohl sagen«, schnaubte Molly aufgebracht. Sein Hemd war aufgeknöpft und gab den Blick auf die schleifenförmige Narbe auf seinem Bauch frei. Sie war einen Finger breit und hob sich leicht von der Hautoberfläche ab, und sie bräunte sich nie wie seine übrige Haut. Sie verlief von seinem linken Hüftknochen über seinen Bauch bis zum linken unteren Teil seines Brustkorbs.

Die Verletzung hatte ihm Dr. Hannibal Lecter mit einem Stanley-Messer beigebracht. Das war ein Jahr, bevor Molly Graham kennengelernt hatte, und es hätte ihn um ein Haar das Leben gekostet. Dr. Lecter, der sich in der Regenbogenpresse als ›Hannibal der Kannibale‹ einen Namen gemacht hatte, war der zweite Psychopath, den Graham gefasst hatte.

Nach seiner Entlassung aus der Klinik hatte Graham beim ­Federal Bureau of Investigation seinen Abschied eingereicht. Er zog von Washington nach Florida, wo er auf einer kleinen Bootswerft in Marathon auf den Keys eine Stellung als Mechaniker fand. Bis er Molly kennenlernte und in ihr herrliches altes Haus auf Sugarloaf Key zog, wohnte er in der Nähe der Bootswerft in einem Wohnwagen.

Nun setzte auch er sich rittlings auf den angeschwemmten Baumstamm und fasste Molly an beiden Händen. Ihre Füße hatten sich unter den seinen in den Sand gewühlt.

»Weißt du, Molly, Crawford denkt, ich hätte irgendwie einen besonderen Draht zu diesen Irren. Das ist bei ihm fast eine Art Aberglauben.«

»Hängst du dem denn auch an?«

Graham beobachtete drei Pelikane, die in einer Reihe über das von der Ebbe freigelegte Watt flogen. »Ein intelligenter Psychopath – vor allem ein Sadist – ist aus verschiedenen Gründen nur sehr schwer zu fassen. Erstens besteht kein erkennbares Motiv, womit bereits ein wichtiger Anhaltspunkt fehlt. Darüber hinaus können einem in solch einem Fall auch die üblichen Polizeiinformanten nicht weiterhelfen. Du machst dir keine Vorstellung, wie viele Festnahmen die Polizei vorwiegend aufgrund von Informationen aus einschlägigen Kreisen vornimmt. Aber das fällt in ­einem Fall wie diesem von vornherein flach. Es besteht sogar die Möglichkeit, dass nicht einmal der Täter selbst weiß, dass er die Tat begangen hat. Demnach muss man auf sämtliche vorhandenen Anhaltspunkte zurückgreifen und versuchen, sich mit ihrer Hilfe in seine Denkweise und Vorstellungswelt hineinzuversetzen. Man versucht, bestimmte Grundmuster herauszuarbeiten.«

»Um sich auf seine Spur zu begeben und ihn aufzuspüren«, fiel Molly ein. »Ich habe Angst um dich. Falls du dich tatsächlich dar­auf einlässt, diesen Irren – oder wie auch immer du diesen Menschen nennen willst – zu jagen, habe ich einfach Angst, dass dir dabei ähnliches widerfahren wird wie beim letzten Mal.«

»Er wird mich nie zu Gesicht bekommen oder auch nur meinen Namen erfahren, Molly. Ihn zu fassen ist doch Aufgabe der Polizei und nicht meine, falls wir ihm je auf die Schliche kommen sollten. Crawford ist hauptsächlich an meiner anderen Betrachtungsweise interessiert.«

Sie beobachtete, wie die rote Sonne ins Meer tauchte. Darüber erglühten hohe Cirruswolken.

Graham liebte ihre Art, den Kopf zu drehen, ihm in aller Bescheidenheit ihre weniger vorteilhafte Gesichtshälfte zuzuwenden. Er konnte das Schlagen des Pulses an ihrem Hals sehen und glaubte mit einem Mal in aller Deutlichkeit, den Geschmack von Salz auf ihrer Haut zu spüren. Er schluckte, als er hervorstieß: »Was soll ich denn tun?«

»Wozu du dich bereits entschlossen hast. Wenn du hier bliebst und es zu weiteren Morden käme, würde dir dies vielleicht die Freude an diesem Ort vergällen. High Noon und dieser ganze Unsinn. Falls es so ist, war deine Frage keine wirkliche.«

»Und wenn ich dich wirklich fragen würde – was würdest du antworten?«

»Bleib hier bei mir. Bei mir und Willy. Natürlich würde ich ihn ins Spiel bringen, wenn ich wüsste, es hätte einen Sinn. Aber ich soll mir ja doch nur die Tränen abwischen und dir dann mit dem nassgeweinten Taschentuch hinterherwinken. Und falls irgendetwas schiefgeht, werde ich die Genugtuung haben, dass du das Richtige getan hast. Und davon werde ich mir dann auch verdammt viel kaufen können.«

»Aber ich stünde dabei doch nie in vorderster Front.«

»Ich kenne dich doch. Natürlich tätest du das. Ich bin wohl sehr egoistisch, wie?«

»Darum geht es nicht.«

»Ich weiß. Es ist so anregend und schön hier. Aber oft weiß man dieses Glück erst zu schätzen, wenn es zu spät ist.«

Er nickte.

»Ich will dieses Glück weder so noch so verlieren«, fuhr sie fort.

»Das werden wir auch nicht – weder so noch so.«

Rasch brach die Dunkelheit herein, und dicht über dem Horizont wurde im Südwesten Jupiter sichtbar.

Unter dem aufgehenden, noch fast vollen Mond gingen sie gemeinsam zum Haus zurück. Weit draußen, jenseits des Watts, sprangen Köderfische um ihr Leben.

Nach dem Abendessen kam Crawford zurück. Um weniger förmlich zu wirken, hatte er Jackett und Krawatte abgelegt und die Hemdsärmel hochgekrempelt. Molly fand seine dicken, bleichen Unterarme widerlich. In ihren Augen sah er aus wie ein neunmalkluger Affe. Sie servierte ihm unter dem Ventilator auf der Veranda Kaffee und leistete ihm Gesellschaft, während Graham und Willy die Hunde füttern gingen. Sie saß stumm neben ihm. Motten flatterten kaum hörbar gegen das Fliegengitter.

»Er sieht gut aus, Molly«, brach Crawford das Schweigen. »Was auf Sie natürlich keineswegs weniger zutrifft – schlank und braungebrannt.«

»Sie werden ihn doch von hier wegholen, ganz egal was ich sagen werde, oder nicht?«

»Ja. Ich kann nicht anders: Mir bleibt keine andere Wahl. Aber ich schwöre Ihnen, bei allem, was mir heilig ist, Molly, dass ich es ihm so einfach machen werde wie nur irgend möglich. Er hat sich sehr verändert. Ich finde es großartig, dass Sie beide geheiratet haben.«

»Es geht zusehends aufwärts mit ihm. Er hat diese Träume nicht mehr so oft. Eine Weile war er ganz versessen auf die Hunde; inzwischen sorgt er nur noch für sie. Jedenfalls redet er nicht mehr ständig über sie. Sie sind doch sein Freund, Jack. Warum können Sie ihn nicht in Frieden lassen?«

»Weil er das Pech hat, der Beste seines Fachs zu sein. Weil er nicht wie andere Leute denkt. Irgendwie hat sich sein Denken nie festgefahren.«

»Er meint, Sie wollen, dass er sich Beweismaterial ansieht.«

»Genau das will ich auch von ihm. Niemand versteht sich dar­auf besser als er. Aber darüber hinaus verfügt er über Vorstellungskraft, Fantasie und die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, oder wie auch immer Sie es nennen wollen. Allerdings ist er darüber nicht gerade glücklich.«

»Das wären auch Sie nicht, wenn Sie sie hätten. Versprechen Sie mir zumindest eines, Jack. Versprechen Sie mir, dass er nicht in vorderster Front stehen wird. Wenn er sich nochmals auf einen Kampf einlassen müsste, könnte das seinen Tod bedeuten.«

»Er wird nicht kämpfen müssen. So viel kann ich Ihnen jetzt schon versprechen.«

Als Graham die Hunde versorgt hatte, half ihm Molly packen.

2

Langsam fuhr Will Graham an dem Haus vorbei, in dem Charles Leeds mit seiner Familie gelebt hatte und gestorben war. Die Fenster waren dunkel. Nur eine Lampe über der Eingangstür brannte. Zwei Blocks weiter hielt Graham an und ging durch den warmen Sommerabend zu Fuß zurück. In einem Schutzumschlag aus kräftigem Karton trug er den Bericht der Mordkommission von Atlanta bei sich.

Graham hatte darauf bestanden, allein herzukommen. Die Anwesenheit einer zweiten Person im Haus hätte ihn nur abgelenkt; das war zumindest der Grund, den er Crawford genannt hatte. Doch er hatte einen anderen, persönlicheren Grund für seinen Wunsch: Er war sich nicht sicher, wie er reagieren würde. Deshalb wollte er nicht ständig von jemandem beobachtet werden.

Im Leichenschauhaus war alles gutgegangen.

Das zweistöckige Haus lag etwas von der Straße zurückversetzt auf einem Grundstück mit altem Baumbestand. Graham blieb lange unter den Bäumen stehen und betrachtete das Haus. In seinem Innern bemühte er sich um vollkommene Ruhe. Doch in seinen Gedanken schwang im Dunkel beständig ein silbernes Pendel hin und her. Er wartete, bis das Pendel zur Ruhe kam.

Wenn Nachbarn am Haus vorbeifuhren, schauten sie kurz her­über, um jedoch den Blick sofort wieder abzuwenden. Ein Haus, in dem ein Mord geschehen ist, stellt für die Anwohner, ähnlich dem Gesicht eines Verräters, eine ständige Bedrohung dar. Nur Außenstehende und Kinder wagen es, ein solches Gebäude offen anzustarren.

Die Jalousien waren nicht heruntergelassen. Zufrieden nahm Graham das zur Kenntnis. Es bedeutete, dass bisher keine Verwandten das Haus betreten hatten. Verwandte ließen immer die Jalousien herunter.

Ohne seine Taschenlampe anzuknipsen, ging er vorsichtig um das Haus. Zweimal blieb er stehen, um zu lauschen. Die Polizei von Atlanta wusste zwar, dass er hier war, aber auf die Nachbarn traf das nicht zu. Sie waren sicher entsprechend nervös, und es war nicht auszuschließen, dass sie von einer Schusswaffe Gebrauch machten.

Als er durch ein Fenster auf der Rückseite spähte, konnte er durch das ganze Haus bis zu dem Lichtschein der Lampe über dem Eingang sehen; die Silhouetten der Möbel zeichneten sich deutlich gegen das schwache Licht ab. Die Luft war von schwerem Jasminduft erfüllt. Fast über die gesamte Rückseite des Hauses erstreckte sich eine Holzveranda. An der Verandatür war das Siegel der Polizei von Atlanta angebracht. Graham entfernte es und trat ein.

Die Glasscheibe in der Tür von der Veranda zur Küche, aus der ein Stück herausgeschnitten worden war, war von der Polizei durch eine Sperrholzplatte ersetzt worden. Im Schein der Taschenlampe schloss er sie mit dem Schlüssel auf, den ihm die Polizei zur Verfügung gestellt hatte. Am liebsten hätte er sämtliche Lichter im Haus angeknipst, seine blitzende Dienstmarke an­gesteckt und alle möglichen offiziellen Geräusche gemacht, um seine Anwesenheit in dem totenstillen Haus zu rechtfertigen, in dem fünf Menschen den Tod gefunden hatten. Doch er tat nichts dergleichen. Er betrat die dunkle Küche und ließ sich am Frühstückstisch nieder.

Zwei Kontrolllampen der Einbauküche durchdrangen blau das Dunkel. Es roch nach Möbelpolitur und Äpfeln.

Das Thermostat klickte leise, und die Klimaanlage ging an. Das Geräusch ließ Graham zusammenzucken; er verspürte einen Anflug von Angst. Er stand auf vertrautem Fuß mit der Angst. In diesem Fall würde er sich nicht von ihr einschüchtern lassen. Ihm war nicht ganz wohl in seiner Haut, aber das machte nichts.

Wenn er Angst hatte, konnte er besser sehen und hören. Allerdings konnte er dann nicht so klar und deutlich sprechen, und manchmal machte ihn die Angst auch grob. Doch hier gab es niemanden mehr, mit dem er sprechen, niemanden, den er beleidigen hätte können.

Der Wahnsinn hatte das Haus durch jene Tür auf Schuhen der Größe elf betreten. Während er im Dunkel am Frühstückstisch saß, konnte er diesen Wahnsinn spüren wie ein Bluthund, der an einem Hemd eine Fährte aufnimmt.

Graham hatte fast den ganzen Tag und den frühen Abend ­damit verbracht, den Bericht der Mordkommission von Atlanta zu studieren. Ihm fiel ein, dass beim Eintreffen der Polizei die Leuchtstoffröhre in der Abzugshaube über dem Herd gebrannt hatte. Er stand auf und schaltete sie ein.

An der Wand neben dem Herd hingen zwei bestickte Deckchen. Auf einem stand: ›Liebe geht durch den Magen.‹ Die Inschrift des anderen lautete: ›Eigener Herd ist Goldes wert.‹

Graham sah auf seine Uhr. Dreiundzwanzig Uhr dreißig. Laut Aussagen des Gerichtsmediziners muss der Tod der Opfer zwischen dreiundzwanzig Uhr und ein Uhr früh eingetreten sein.

Zuerst musste er sich Zutritt zum Haus verschafft haben. Graham ließ sich das durch den Kopf gehen …

Der Irre löst den Haken der Fliegengittertür zur Veranda. Steht im Dunkel auf der Veranda und nimmt etwas aus seiner Tasche. ­Einen Saugnapf, möglicherweise die Unterseite eines Bleistiftspitzers mit einer speziellen Saugvorrichtung, um ihm auf der Schreibtischplatte besseren Halt zu verleihen.

Gegen die untere Hälfte der Küchentür gekauert, hebt der Irre seinen Kopf, um durch die Glasscheibe in der Tür ins Innere zu spähen. Er streckt seine Zunge heraus und leckt damit die Haftvorrichtung ab, um sie gegen das Glas zu drücken und sie durch das Umlegen des Hebels zum Haften zu bringen. Mit einer Schnur war ein kleiner Glasschneider an der Haftvorrichtung befestigt, damit er eine kreisrunde Öffnung herausschneiden konnte.

Das schwache Quietschen des Glasschneiders und ein leichter Schlag, um das Glas herauszubrechen. Dabei hält er mit einer Hand die Saugvorrichtung fest. Die herausgeschnittene Glasscheibe darf unter keinen Umständen zu Boden fallen. Das herausgelöste Glasstück ist eher eiförmig als rund, da sich beim Herausschneiden die Schnur um den Haltegriff des Saugnapfs gewickelt hat. Als er das herausgeschnittene Stück Glas durch die Öffnung nach draußen zieht, entsteht ein leises knirschendes Geräusch. Er kümmert sich nicht darum, dass er Speichel auf dem Glas hinterlässt, der seine Blutgruppe AB bestimmen lässt.

Seine Hand in dem knapp sitzenden Handschuh schlängelt sich durch die Öffnung, tastet nach dem Türgriff. Lautlos öffnet sich die Tür. Er ist in der Küche. Im Licht der Lampe unter der Abzugshaube kann er seinen eigenen Körper in dieser fremden Küche sehen. Es ist angenehm kühl im Haus.

Will Graham aß zwei Di-Gels. Das Knistern des Zellophans störte ihn, als er die Packung in seine Tasche zurücksteckte. Als er dann den Wohnraum durchquerte, hielt er die Taschenlampe gewohnheitsmäßig weit von sich gestreckt. Obwohl er die Grundrisszeichnung des Hauses sorgfältig studiert hatte, öffnete er erst eine falsche Tür, bevor er die Treppe fand. Sie knarrte nicht.

Und nun stand er in der Tür des Schlafzimmers. Auch ohne die Taschenlampe konnte er seine Umgebung schwach erkennen. Eine Digitaluhr auf einem Nachttisch projizierte die Zeit an die Decke, und neben dem Eingang zum Bad brannte ein orangenes Nachtlicht. Der Kupfergeruch von Blut war allgegenwärtig.

Augen, die sich einmal an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnten hier genügend sehen. Der Irre hatte auf jeden Fall Mr. Leeds von seiner Frau unterscheiden können. Das Licht im Raum war hell genug, um auf das Bett zuschreiten zu können, Leeds an den Haaren zu packen und ihm die Kehle durchzuschneiden. Und dann? Zurück zum Wandschalter, ein Gruß an Mrs. Leeds und schließlich der Schuss, der sie bewegungsunfähig machte?

Graham knipste das Licht an, worauf ihm von den Wänden, von der Matratze und vom Boden Blutflecken entgegenbrüllten. Sogar die Luft selbst schien mit Schreien beschmiert. Der Lärm in diesem totenstillen Raum voller dunkler, trocknender Flecken ließ ihn zusammenzucken.

Graham setzte sich auf den Boden, bis in seinem Kopf wieder Ruhe eingekehrt war. Ruhig bleiben, ganz ruhig.

Die Beamten der Mordkommission von Atlanta, welche den Tathergang zu rekonstruieren versuchten, hatte die Anzahl und Vielfalt der Blutflecken vor ein Rätsel gestellt. Sämtliche Opfer waren tot in ihren Betten vorgefunden worden. Dem widersprachen jedoch die Blutflecken, die über den ganzen Raum verteilt waren.

Entsprechend waren sie erst davon ausgegangen, Charles Leeds wäre im Zimmer seiner Tochter angefallen und dann ins Schlafzimmer geschleift worden. Eine genauere Untersuchung der Blutflecke stellte diese Annahme jedoch in Frage.

Bisher war sich die Polizei jedenfalls über das genaue Vorgehen des Mörders in diesem Raum noch nicht im Klaren.

Doch Will Graham, dem inzwischen auch der Obduktions­befund und die Laboranalysen vorlagen, begann allmählich zu begreifen, wie es passiert war.

Der Eindringling schnitt Charles Leeds die Kehle durch, während dieser neben seiner Frau im Bett lag, kehrte dann wieder an die Tür zurück und schaltete das Licht an – auf dem Lichtschalter hatte ein glatter Handschuh Haare und Öl von Mr. Leeds’ Kopf zurückgelassen. Als Mrs. Leeds sich darauf aus dem Bett erhob, schoss der Eindringling auf die Frau, um als nächstes zu den Kinderzimmern weiterzugehen.

Mit durchgeschnittener Kehle versuchte Leeds seinen Kindern nun zu Hilfe zu kommen. Die Blutspuren wiesen unmissverständlich auf eine durchtrennte Halsschlagader hin. Der Eindringling stieß ihn jedoch nur beiseite, so dass er zu Boden stürzte und zusammen mit seiner Tochter in deren Zimmer starb.

Einer der zwei Jungen wurde im Bett erschossen. Auch der ­andere Junge wurde in seinem Bett vorgefunden; doch er hatte Staubflusen im Haar, was die Polizei zu der Annahme verleitete, dass er sich erst unter dem Bett zu verstecken versucht hatte, um dann jedoch darunter hervorgezogen und erschossen zu werden.

Als alle, mit Ausnahme vielleicht von Mrs. Leeds, tot waren, machte er sich daran, die Spiegel zu zerschlagen, passende Scherben auszusuchen und sich weiter Mrs. Leeds’ anzunehmen.

Graham hatte die Kopien sämtlicher Autopsiebefunde dabei. In dem von Mrs. Leeds stand, dass die Kugel rechts von ihrem Nabel eingedrungen und in der Wirbelsäule steckengeblieben war; der Tod war jedoch durch Strangulierung eingetreten.

Das erhöhte Auftreten von Serotonin und freien Histaminschichten in der Schusswunde deutete darauf hin, dass die Frau noch mindestens fünf Minuten gelebt haben musste, nachdem sie angeschossen worden war. Da der Histaminbestandteil jedoch wesentlich höher als der von Serotonin gewesen war, konnte sie nicht länger als fünfzehn Minuten danach noch gelebt haben. Die meisten ihrer anderen Verletzungen waren ihr vermutlich, aber nicht mit Sicherheit, nach dem Eintreten des Todes zugefügt worden.

Falls ihr die anderen Verletzungen erst nach ihrem Tod beigebracht worden waren, stellte sich jedoch die Frage: Was hatte der Mörder während der Zeit getan, bis Mrs. Leeds gestorben war? Er hatte sich natürlich Leeds vom Hals halten müssen und hatte die anderen umgebracht; aber das dürfte kaum mehr als eine Minute in Anspruch genommen haben. Vielleicht hatte er auch noch die Spiegel zerschlagen. Aber was sonst noch?

Die Mordkommission von Atlanta war sehr gründlich vorgegangen. Sie hatten den Tatort akribisch abgemessen und foto­grafiert, den Boden Stück für Stück abgesucht und gesaugt und sogar die Rückstände in den Abflüssen der Waschbecken einer eingehenden Untersuchung unterzogen. Dennoch sah sich Graham noch einmal selbst um.

Anhand der Polizeifotos und der Umrisslinien auf den Matratzen konnte Graham feststellen, wo die Leichen gefunden worden waren. Bestimmte Spuren – im Fall der Schusswunden Nitratrückstände auf den Laken – deuteten darauf hin, dass die Opfer ungefähr in der Stellung aufgefunden worden waren, in der sie gestorben waren.

Unerklärt blieben jedoch nach wie vor die Vielzahl der Blutflecken und die Schleifspuren auf dem Teppich im Flur. Einer der Beamten hatte die Theorie geäußert, ein paar der Opfer könnten versucht haben, sich kriechend vor dem Mörder in Sicherheit zu bringen. Davon war Graham jedoch nicht überzeugt. Seiner Ansicht nach hatte der Mörder sie eindeutig durch die Zimmer geschleift, nachdem sie gestorben waren, um sie dann wieder zurück an die Stelle zu schaffen, wo sie ursprünglich den Tod gefunden hatten.

Was der Eindringling mit Mrs. Leeds getan hatte, war offensichtlich. Doch wie stand es mit den anderen? Er hatte sie nicht wie Mrs. Leeds weiter verstümmelt. Die Kinder wiesen jeweils nur eine Schusswunde am Kopf auf. Charles Leeds war verblutet, wobei noch hinzu kam, dass er wohl auch Blut in die Atemwege bekommen hatte. Sonst wies sein Körper nur noch Spuren einer leichten Einschnürung um die Brust auf, die vermutlich von ­einem Zeitpunkt nach seinem Tod herrührte. Was also hatte der Mörder mit ihnen angestellt, nachdem sie tot waren?

Aus seinem Dossier nahm Graham die Polizeifotos, die Laboranalysen der einzelnen Blut- und Gewebespuren und die Standard-Vergleichstabellen für die Bahnen von Blutspritzern.

In minuziöser Kleinstarbeit nahm er sich die Räume im Obergeschoß des Hauses noch einmal vor und versuchte dabei, die einzelnen Verletzungen mit den jeweiligen Blutspuren in Zusammenhang zu bringen, rollte somit den Fall noch einmal von hinten auf. Mit Hilfe einer mit einem Raster unterteilten Skizze des Schlafzimmers überprüfte er jeden Spritzer und bestimmte mit Hilfe der Vergleichstabellen die Richtung und die Geschwindigkeit des Blutaustritts. Auf diese Weise hoffte er Aufschluss dar­über zu gewinnen, an welchen Stellen die Leichen sich zu den verschiedenen Zeitpunkten befunden hatten.

Da waren zum Beispiel drei Blutspuren, die erst schräg nach oben und dann um eine Ecke des Schlafzimmers verliefen. Oder drei kaum mehr erkennbare Flecken auf dem Teppich direkt unter ihnen. Auf Charles Leeds’ Seite war die Wand über dem Kopfteil des Betts stark mit Blut verschmiert, und entlang des Kopfteils verliefen Schleifspuren. Grahams Skizze sah allmählich aus wie ein Bilderrätsel, bei dem sich durch die Verbindung der einzelnen nummerierten Punkte ein Bild ergab; allerdings fehlten auf Grahams Blatt noch die Nummern zu den einzelnen Punkten. Er starrte auf das Blatt Papier vor sich, ließ seinen Blick durch den Raum wandern und wieder zurück auf die Skizze, bis sein Kopf zu schmerzen begann.

Er ging ins Bad, wo er seine beiden letzten Bufferin nahm und sie mit einem Schluck Wasser aus seiner unter den Wasserhahn gehaltenen Hand hinunterspülte. Danach spritzte er sich noch etwas Wasser ins Gesicht und trocknete es mit einem Zipfel seines Hemdes ab. Das Wasser ergoss sich auf den Boden. Er hatte vergessen, dass das Abflussrohr entfernt worden war. Ansonsten war das Bad mit Ausnahme des zerbrochenen Spiegels und der Spuren von rotem Fingerabdruckpulver, dem sogenannten Drachenblut, vollkommen unangetastet. Zahnbürsten, Gesichtscremes, Rasierapparat – alles war an seinem Platz.

Das Bad sah aus, als würde es noch immer von einer Familie benutzt. Von einer Handtuchstange hing Mrs. Leeds’ Strumpfhose; sie hatte sie dort offensichtlich zum Trocknen aufgehängt. Sie hatte ein Bein – vermutlich hatte es eine Laufmasche gehabt – abgeschnitten, um sie mit einer anderen einbeinigen Strumpfhose im selben Farbton zu tragen. Dieser kleine Hinweis auf Mrs. Leeds’ häusliche Sparsamkeit berührte Graham eigenartig; Molly machte es genauso.

Graham stieg durch ein Fenster auf das Verandadach hinaus und hockte sich auf die rauen Schindeln. Er schlang seine Arme um seine Knie – sein feuchtes Hemd klatschte kalt gegen seinen Rücken – und schnaubte den Geruch des Gemetzels aus seiner Nase.

Die Lichter von Atlanta überzogen den Nachthimmel mit schmutzigem Rostrot, so dass die Sterne kaum zu sehen waren. Auf den Keys war es bestimmt eine klare Nacht. Er hätte mit Molly und Willy nach Sternschnuppen Ausschau halten und auf das Zischen lauschen können, das eine Sternschnuppe von sich geben musste, wie sie sich alle drei einig geworden waren. Die Delta Aquarid-Meteoritenphase hatte ihren Höhepunkt erreicht, und Willy würde sicher aufbleiben, um sie zu beobachten.

Er schauderte und stieß erneut ein Schnauben aus. Er wollte jetzt nicht an Molly denken. Das wäre ebenso geschmacklos wie ablenkend gewesen.

Was Geschmack betraf, hatte Graham nachhaltige Probleme. Seine Gedanken waren oft nicht geschmackvoll. Sein Denken vermochte keine wirksamen Trennwände aufzubauen. Was er sah und erlebte, geriet mit allem anderen, was er wusste, in Berührung. Und mit einem Teil dieser Kombinationen war nicht gerade einfach zu leben. Aber er war nie im Voraus auf sie gefasst, vermochte sie nicht abzublocken oder zu verdrängen. Aber er hatte mit seinen anerzogenen Wertvorstellungen hinsichtlich dessen, was sich gehörte, seine liebe Not; sie waren schockiert über seine Assoziationen, entsetzt über seine Träume. Bedauerlicherweise gab es in dem von den Knochen seines Schädels umschlossenen Raum für all das, was ihm lieb und teuer war, keine Rückzugspunkte. Seine Assoziationen brachen mit Lichtgeschwindigkeit über ihn herein. Dagegen ließ sich das Tempo seiner Wertvorstellungen eher mit der Gedankenfolge bei aufmerksamem Lesen vergleichen. Jedenfalls konnten sie unmöglich mit seinem Denken Schritt halten, geschweige denn bestimmen, in welchen Bahnen es verlaufen sollte.

Graham betrachtete diese Eigenschaft als grotesk, aber durchaus nützlich – etwa wie einen Stuhl aus lauter Hirschgeweihen. Jedenfalls gab es nichts, was er daran hätte ändern können.

Graham löschte die Lichter im Haus und verließ es durch die Küche. Der Lichtstrahl seiner Taschenlampe glitt über ein Fahrrad und einen Hundekorb. Im Garten stand außerdem eine Hunde­hütte, und neben der Treppe zur Veranda entdeckte er einen Futternapf.

Alles hatte doch darauf hingedeutet, dass die Familie Leeds im Schlaf überrascht worden war.

Die Taschenlampe zwischen Kinn und Brust geklemmt, notierte Graham sich: Jack nach dem Hund fragen.

Dann fuhr er in sein Hotel zurück. Er musste sich aufs Fahren konzentrieren, obwohl um diese Zeit – es war inzwischen halb fünf Uhr früh – kaum Verkehr herrschte. Er hatte Kopfschmerzen, und er hielt nach einer durchgehend geöffneten Apotheke Ausschau.

In der Peachtree entdeckte er schließlich eine. Der schludrige Wachmann döste neben dem Eingang. Ein Apotheker in einem Jackett, das in seiner Schäbigkeit bestens zu den Schuppen auf seinem Kragen passte, verkaufte Graham eine frische Packung Bufferin. Das Neonlicht in der Apotheke verursachte Schmerzen. Graham konnte diese jungen Apotheker nicht ausstehen; sie sahen oft aus, als wären sie eben aus einer Mülltonne gekrochen. Außerdem haftete ihnen häufig etwas penetrant Selbstgefälliges an, weshalb Graham sie im Verdacht hatte, dass sie sich im Kreise ihrer Familie ziemlich aufspielten.

»Ist das alles?« wollte der Apotheker wissen, während seine Finger über der Tastatur der Registrierkasse verharrten. »Darf es sonst noch etwas sein?«

Das FBI-Büro von Atlanta hatte ihm in einem sonderbaren Hotel unweit des neuen Peachtree Centers ein Zimmer reserviert. Um auch seine letzten Zweifel auszuräumen, dass er sich nun wirklich in einer Stadt befand, hatte es gläserne Aufzüge, die wie Wolfsmilchblüten geformt waren.

Graham fuhr mit zwei Teilnehmern eines Parteitags nach oben; die beide hatten auf ihren Namensschildern zu allem Überfluss auch noch ein joviales ›Hi!‹ stehen. Sie hielten sich an der Griffstange fest und sahen während der Fahrt in die Hotelhalle hinunter.

»Schau mal, da unten an der Rezeption – das ist doch Wilma und diese andere; die kommen auch gerade nach Hause«, bemerkte der Größere von beiden. »Mann, der würde ich’s gern mal ordentlich besorgen.«

»Die gehört gevögelt, bis ihr die Nase blutet«, fiel sein Begleiter an.

Angst und Geilheit – und Wut über die Angst.

»Weißt du eigentlich, warum Frauen Beine haben?«

»Nee, wieso?«

»Damit sie nicht wie Schnecken eine Schleimspur hinterlassen.«

Die Lift-Tür ging auf.

»Sind wir hier richtig? Ist das schon unser Stockwerk?« Der Größere torkelte gegen den Türrahmen, als er ausstieg.

»Der Blinde, der die Blinden führt«, bemerkte der andere dazu.

In seinem Zimmer legte Graham das Dossier auf die Kommode, um es dann jedoch nach kurzem Überlegen in einer Schub­lade verschwinden zu lassen, wo er es nicht mehr sehen konnte. Er hatte genug von den Toten mit den weit aufgerissenen Augen. Am liebsten hätte er jetzt Molly angerufen, aber dazu war es noch zu früh.

Für acht Uhr war eine Besprechung im Polizeipräsidium von Atlanta anberaumt. Es war wenig genug, was er ihnen zu sagen hatte.

Er würde zu schlafen versuchen. In seinem Kopf ging es zu wie in einem lebhaften Miethaus – überall Streitereien, und ein Stück den Flur hinunter kam es sogar zu einer Schlägerei. Er fühlte sich leer und hohl, und vor dem Schlafengehen trank er noch zwei Fingerbreit Whisky aus seinem Zahnputzglas. Die Dunkelheit rückte ihm zu dicht auf den Leib, weshalb er aufstand, das Licht im Badezimmer anschaltete und sich wieder ins Bett legte. Er stellte sich vor, Molly wäre im Bad und bürstete sich das Haar.

Zeilen aus den Obduktionsbefunden hallten, von seiner eigenen Stimme vorgetragen, in seinem Kopf wider, obwohl er sie nie laut gelesen hatte. »… die Fäzes waren geformt … eine Spur von Talkum auf dem rechten Unterschenkel. Fraktur der mittleren Augenscheidewand infolge des Eindringens einer Spiegelscherbe …«

Graham versuchte an den Strand von Sugarloaf Key zu denken; er versuchte das Rauschen der Wellen zu hören. Er stellte sich seine Werkbank vor und dachte über die Hemmung der Wasseruhr nach, die er und Willy bauten. Er sang mit angehaltenem Atem ›Whisky River‹ und probierte dann aus, ob er den ›Black Mountain Rag‹ von Anfang bis Ende hinbekommen würde. Mollys Lieblingsstück. Doc Watsons Gitarrenspiel war über jeden Tadel erhaben, aber er verlor jedes Mal den Faden, wenn das Fiedelsolo einsetzte. Molly hatte ihm hinter dem Haus den Holzschuhtanz beizubringen versucht, und sie hopste auf und ab … und schließlich schlief er ein.

Eine Stunde später wachte er schweißgebadet auf und sah, wie sich die Silhouette des Kopfkissens neben ihm gegen das aus dem Bad fallende Licht abhob. Und es war Mrs. Leeds, die schmerzverzerrt und zerschunden neben ihm lag, die Augen ausgestochen und Blutrinnsale wie ein Brillengestell über ihre Schläfen und Ohren fließend. Er war nicht in der Lage, seinen Kopf herumzudrehen, um sie anzusehen. Sein Gehirn jaulte wie ein Feueralarm, bis er endlich seine Hand ausstreckte und trockenen Bezugsstoff ertastete.

Dies verschaffte ihm unverzügliche Erleichterung. Er stand mit klopfendem Herzen auf und schlüpfte in ein trockenes T-Shirt. Das durchgeschwitzte warf er in die Badewanne. Er brachte es nicht über sich, sich in die trockene Seite des Betts zu legen; statt dessen breitete er ein Badetuch über das nassgeschwitzte Laken. Er setzte sich, den Rücken gegen das Kopfteil gestützt, mit einem vierstöckigen Glas Whisky ins Bett. Etwa ein Drittel davon trank er.

Er suchte nach etwas, an das er hätte denken können – irgendetwas. Schließlich fiel ihm die Apotheke ein, in der er das Buf­ferin gekauft hatte – vielleicht, weil dies das einzige Erlebnis des ganzen Tages gewesen war, das nichts mit dem Tod zu tun hatte.

Dabei fielen ihm auch die alten Drugstores aus seiner Jugend wieder ein. In seiner Jugend hatte diesen Drugstores immer ein Hauch des Verbotenen angehaftet. Jedes Mal, wenn er einen betrat, spielte er mit dem Gedanken, sich ein paar Gummis zu kaufen, ob er sie nun brauchte oder nicht. Jedenfalls standen auf den Regalen Dinge herum, auf denen man den Blick besser nicht zu lange ruhen ließ.

In der Apotheke, in der er das Bufferin gekauft hatte, waren die Verhütungsmittel mit ihren ausführlich bebilderten Packungen in einem durchsichtigen Kasten an der Wand hinter der Ladenkasse untergebracht, eingerahmt wie ein Kunstwerk.

Ihm war der altmodische Drugstore seiner Kindheit lieber. Graham ging auf die vierzig zu und begann allmählich das leichte Ziehen und Zerren der Welt, wie sie damals gewesen war, zu spüren; sie war wie ein Anker, den man bei schwerer See hinter sich fieren ließ.

Und dann fiel ihm Smoot ein. Der gute, alte Smoot hatte ­damals für den Apotheker, dem der Drugstore gehörte, das Geschäft geführt. Smoot, der während der Arbeit trank und die Markise auszufahren vergaß, so dass die Gummisohlen der Turnschuhe im Schaufenster schmolzen. Smoot, der mehrfach die Kaffeemaschine auszuschalten vergaß, so dass die Feuerwehr anrücken musste. Smoot, der die Kinder anschreiben ließ, wenn er ihnen Eis verkaufte.

Doch seine absolute Glanztat bestand darin, von einem Großhändler fünfzig Kewpie-Puppen zu bestellen, als der Drugstorebesitzer in Urlaub war. Als dieser aus dem Urlaub zurückkam, feuerte er Smoot für eine Woche. Dann veranstalteten sie eine große Kewpie-Puppen-Verkaufsaktion. Die fünfzig Puppen wurden in einem Halbkreis so im Schaufenster aufgestellt, dass sie jeden anstarrten, der einen Blick ins Schaufenster warf.

Sie hatten riesige kornblumenblaue Augen und stellten eine recht ungewöhnliche Schaufensterdekoration dar. Entsprechend lange hatte Graham sie sich damals auch angesehen. Ihm war klar, dass es sich dabei nur um Puppen handelte, aber dennoch hatte er das Gefühl, Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit zu sein. So viele von ihnen, und alle starrten sie ihn an. Entsprechend blieben nicht wenige Leute vor dem Schaufenster stehen. Lauter Gipspuppen, alle mit demselben dämlichen Gesichtsausdruck, und doch hatte ihm ihr konzentriertes Starren ein leichtes Kitzeln in der Magengrube verursacht.

Graham begann sich langsam etwas zu entspannen. Die starrenden Puppen. Er nahm einen Schluck Whisky, verschluckte sich und hustete die Flüssigkeit auf seine Brust. Er tastete nach der Nachttischlampe und holte das Dossier aus der Kommode. Dann entnahm er ihm die Obduktionsbefunde der drei Leeds-Kinder und seine Koordinatenskizze vom Schlafzimmer und breitete die Unterlagen auf dem Bett aus.

Da waren die drei Blutstreifen, die um die Ecke verliefen, und die entsprechenden Spuren auf dem Teppich. Hier standen die Körpermaße der drei Kinder. Bruder, Schwester, großer Bruder. Passt. Passt. Passt.

Sie waren nebeneinander an der Wand gesessen. Mit Blickrichtung zum Bett. Als Publikum. Als totes Publikum. Und Leeds. Er war um die Brust am Kopfteil des Betts festgebunden gewesen. Als wäre er im Bett gesessen. Davon hatten also die Fesselspuren um seinen Brustkorb hergerührt – und der Blutfleck über dem Kopfteil.

Doch was hatten sie beobachtet? Nichts; sie waren alle tot. Doch ihre Augen standen offen. Sie wurden Zeugen einer kleinen Vorführung mit dem Irren und der Leiche von Mrs. Leeds in den Hauptrollen, Schauplatz war das Bett. Auf ein Publikum war es dem Täter also angekommen; er wollte in ihre Gesichter blicken, wenn er von Mrs. Leeds aufsah.

Graham fragte sich, ob er wohl eine Kerze angezündet hatte. Ihr flackernder Schein hätte den toten Gesichtern den Anschein von Lebendigkeit verliehen. Am Tatort war keine Kerze gefunden worden. Vielleicht würde er beim nächsten Mal daran denken, eine mitzubringen …

Die erste, zaghafte Verbindung zum Täter war hergestellt; sie juckte und brannte wie ein Blutegel, der sich an ihm festgesaugt hatte. Grahams Fingernägel gruben sich in das Laken, während er sich das Gehirn zermarterte.

Warum hast du sie wieder an ihren alten Platz zurückgebracht? Warum hast du sie nicht dort gelassen, wo sie waren? Es muss etwas geben, von dem du nicht willst, dass ich es über dich weiß. Oder ist es einfach nur etwas, dessen du dich schämst? Oder handelt es sich dabei um etwas, das ich auf keinen Fall erfahren darf, wenn ich dir nicht auf die Schliche kommen soll?

Hast du ihnen die Augen geöffnet?

Mrs. Leeds sah doch sehr gut aus, oder nicht? Du hast das Licht angeknipst, nachdem du ihm die Kehle durchgeschnitten hattest, damit Mrs. Leeds ihn zusammenbrechen sehen konnte. War es nicht so? Es muss ganz schön frustrierend gewesen sein, diese verdammten Handschuhe tragen zu müssen, als du sie berührt hast, nicht wahr?

An ihrem Bein waren Puderspuren gefunden worden.

Im Bad gab es jedoch keinen Puder.

Es schien, als spräche jemand anderer diese beiden Fakten in neutralem Tonfall aus.

Du hast doch deine Handschuhe abgestreift, nicht wahr? Der ­Puder kam von einem Gummihandschuh, als du ihn dir abgestreift hast, um sie zu betatschen. So WAR ES DOCH, DU VERDAMMTES SCHWEIN! Du hast sie mit deinen bloßen Händen berührt, und dann hast du dir die Handschuhe wieder angezogen und sie von oben bis unten abgewischt. Doch während du die Handschuhe abgestreift hattest – HASTDUIHNENDADIEAUGENGEÖFFNET?

Beim fünften Läuten nahm Jack Crawford den Hörer ab. Er war es gewohnt, nachts vom Telefon aus dem Schlaf gerissen zu werden, und war sofort hellwach.

»Jack, hier spricht Will.«

»Ja, was gibt’s?«

»Arbeitet Price eigentlich immer noch für die Fingerabdruckabteilung?«

»Ja. Allerdings ist er kaum mehr unterwegs. Er arbeitet vorwiegend am Einzelabdruckindex.«

»Ich finde, er sollte unbedingt nach Atlanta kommen.«

»Wieso? Du hast doch selbst gesagt, der Mann, den sie hier haben, wäre ganz gut.«

»Das ist er durchaus – aber nicht so gut wie Price.«

»Was soll er denn machen? Was soll er sich vornehmen?«

»Mrs. Leeds’ Finger- und Zehennägel. Sie sind lackiert und bilden damit eine glatte Oberfläche. Und dann noch die Hornhäute der Augen des Mannes und der Kinder. Ich glaube, er hat seine Handschuhe abgenommen, Jack.«

»Dann wird Price sich aber beeilen müssen«, erwiderte Crawford. »Heute Nachmittag soll nämlich das Begräbnis stattfinden.«

3

»Ich bin fest davon überzeugt, dass er sie einfach anfassen musste«, erklärte Graham anstatt einer Begrüßung.

Crawford reichte ihm eine Coke aus dem Getränkeautomaten in der Empfangshalle des Polizeipräsidiums von Atlanta. Es war zehn vor acht.

»Sicher hat er sie hin und her bewegt«, pflichtete ihm Crawford bei. »Wir haben Griffspuren an den Handgelenken und unter den Knien gefunden. Allerdings rührten alle Abdrücke von undurchlässigen Handschuhen her. Aber keine Sorge, Price ist hier. Dieser alte Griesgram. Im Augenblick ist er gerade unterwegs zum Bestattungsinstitut. Zwar wurden die Leichen schon gestern abend freigegeben, aber sie haben sie im Bestattungsinstitut bisher noch nicht angerührt. Du siehst ja ganz übernächtigt aus. Hast du denn nicht geschlafen?«

»Höchstens eine Stunde. Ich bin fest davon überzeugt, dass er sie einfach mit bloßen Händen berühren musste.«

»Ich hoffe natürlich, dass du recht hast, auch wenn unsere Leute vom Labor schwören, dass er die ganze Zeit Gummihandschuhe getragen hat«, entgegnete Crawford. »Die Spiegelscherben wiesen alle die entsprechenden glatten Abdrücke auf. Der Zeigefinger auf der Rückseite des Stücks, das er zwischen die Schamlippen geschoben hat, ein verwischter Daumenabdruck auf der Vorderseite.«

»Er hat die Scherbe extra poliert, nachdem er sie ihr reingesteckt hatte – vermutlich, um sein Gesicht darin sehen zu können.«

»Die Scherbe in ihrem Mund war blutverschmiert. Dasselbe trifft auf die in den Augen zu. Er hat die Handschuhe nie abgenommen.«

»Mrs. Leeds war eine gutaussehende Frau«, beharrte Graham. »Du hast doch die Fotos aus dem Familienalbum gesehen, oder nicht? Würdest du in einer intimen Situation etwa nicht ihre Haut berühren wollen?«

»Intim?« In Crawfords Stimme schwang unverhohlener Abscheu mit, und plötzlich war er vollauf beschäftigt, in seinen Hosentaschen nach Kleingeld zu wühlen.

»Intim – ganz richtig. Sie waren doch ganz allein. Alle anderen waren tot. Er hätte ihre Augen ganz nach Belieben öffnen oder schließen können.«

»Ganz nach Belieben«, echote Crawford. »Die Leute von der Spurensicherung haben selbstverständlich ihre Haut nach Fingerabdrücken abgesucht. Nichts. Lediglich einen Handabdruck von ihrem Hals haben sie.«

»In dem Bericht steht zum Beispiel nichts davon, dass sie sich ihre Fingernägel vorgenommen haben.«

»Ich nehme an, mögliche Abdrücke auf ihren Fingernägeln wurden verwischt, als sie nach Kratzspuren untersucht wurden. Die Hautreste darunter stammten allerdings von ihren Handflächen, wo sie sich aufgekratzt hatte. Ihn hat sie nie gekratzt.«

»Sie hatte auch hübsche Füße«, gab Graham zu bedenken.

»Mhm. Gehen wir schon mal nach oben«, schlug Crawford vor. »Die anderen dürften inzwischen auch schon eingetroffen sein.«

Jimmy Price hatte eine Riesenausrüstung dabei – zwei schwere Koffer sowie seine Kameratasche und ein Stativ. Entsprechend machte er damit einigen Radau, als er sich durch den Haupteingang des Lombard-Bestattungsinstituts in Atlanta zwängte. Er war ein gebrechlicher alter Mann, dessen Laune auch die lange Taxifahrt im morgendlichen Berufsverkehr vom Flughafen in die Stadt nicht gerade zu heben vermocht hatte.

Ein offiziell wirkender junger Schnösel mit makellosem Haarschnitt führte ihn in ein in Apricot und Beige gehaltenes Büro. Bis auf eine Reliefdarstellung der Betenden Hände war der Schreibtisch vollkommen leer.

Price untersuchte gerade die Fingerspitzen der betenden Hände, als Mr. Lombard persönlich hereinkam. Lombard überprüfte Prices Beglaubigungsschreiben mit größter Sorgfalt.

»Ihr Büro oder Ihre Agentur in Atlanta, oder wie ich es nennen soll, hat sich natürlich mit mir in Verbindung gesetzt, Mr. Price. Aber nachdem wir gestern abend die Polizei rufen mussten, um uns diesen penetranten Menschen vom Hals zu schaffen, der doch tatsächlich ein paar Aufnahmen für den National Tattler machen wollte, werden Sie sicher verstehen, wenn ich diesbezüglich etwas misstrauisch geworden bin. Außerdem wurden die Leichen erst heute früh ein Uhr freigegeben, Mr. Price, und die Bestattung soll um siebzehn Uhr stattfinden. Die Sache duldet nicht mehr den geringsten Aufschub.«

»Es wird nicht lange dauern«, beruhigte ihn Price. »Ich bräuchte allerdings einen halbwegs intelligenten Assistenten, falls Sie einen solchen haben. Haben Sie die Leichen schon angefasst, Mr. Lombard?«

»Nein.«

»Dann finden Sie bitte heraus, wer das getan hat. Ich brauche die Fingerabdrücke der betreffenden Personen.«

Die morgendliche Besprechung der Beamten, die den Fall Leeds bearbeiteten, drehte sich überwiegend um Zähne.

Der Leiter der Mordkommission von Atlanta, R.J. (Buddy) Springfield, ein untersetzter Mann in Hemdsärmeln, stand mit Dr. Dominic Princi am Eingang, als die dreiundzwanzig Kriminalbeamten den Raum betraten.

»Also los, Jungs, alle mal schön gegrinst«, forderte Springfield seine Männer auf. »Zeigt Dr. Princi eure Zähnchen. So ist es brav – dass auch alle zu sehen sind. Hören Sie mal, Sparks, soll das Ihre Zunge sein, oder sind Sie gerade dabei, ein Eichhörnchen zu verschlucken? Rührt euch.«