14,99 €
**Reichtum und Macht schaffen Monster. Aber auch Monster können lieben.** Inez gehört nicht zur Elite. Ihr Milieu ist das Elendsviertel Westcliff, ihr goldenes Ticket das Stipendium am St. Clair College. Hier regieren Geld, Macht und eine High Society, die über Leichen geht und unter der geheimen Herrschaft der skrupellosen X-Boys steht. Calix van Schmitt Barclay ist der Jüngste der drei Brüder - und er hat nur ein Ziel im Visier: Inez. Eiskalt, verboten sexy und überirdisch unwiderstehlich nutzt er jede Gelegenheit, um sie zu testen und an ihre Grenzen zu treiben. Doch Inez ist keine leichte Beute, sie hat eine Mission. Dazu muss sie in den geheimen Royal Clair Club aufgenommen werden und das bedeutet volles Risiko zu gehen. Auch wenn sie sich dafür auf Calix' Spiel einlassen muss. Seiner magischen Anziehungskraft zu widerstehen, ist das eine, doch Inez ahnt noch nicht, dass in seinen Adern kein gewöhnliches Blut fließt. - Mehrfache Platz-1-SPIEGEL-Bestseller-Autorin Ayla Dade - Tropes: Dark Academia Fantasy, Morally Grey Romance, Royal Vibes, Bully Thrill, Hidden Agenda - Roh, wild und unberechenbar. Die fesselnd geschriebene Paranormal Romance ist voller unvorhersehbarer Twists und dunkler Zärtlichkeit - Hinweis: »Royal Clair Club« ist eine spicy Romance mit direkter Sprache und expliziten Szenen. - Die Dark Romance Fantasy-Dilogie ist zusammenhängend und die beiden Bände können nicht unabhängig voneinander gelesen werden. Dark Romantasy am Elite-College: Macht, Obsession und gefährliche Spiele – eine unwiderstehliche Mischung für Leser*innen, die dunklere Romance lieben. Persönliche Leseempfehlung von @julislibrary: »Wenn du Obsession, Machtspiele und morally black characters liebst, wirst du diesem Buch nicht entkommen.«
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2026
Ayla Dade
Royal Clair Club 1: Her First Hunt
Reichtum und Macht schaffen Monster. Aber auch Monster können lieben.
Inez gehört nicht zur Elite. Ihr Milieu ist das Elendsviertel Westcliff, ihr goldenes Ticket das Stipendium am St. Clair College. Hier regieren Geld, Macht und eine High Society, die über Leichen geht und unter der geheimen Herrschaft der skrupellosen X-Boys steht. Calix van Schmitt Barclay ist der Jüngste der drei Brüder – und er hat nur ein Ziel im Visier: Inez.
Eiskalt, verboten sexy und überirdisch unwiderstehlich nutzt er jede Gelegenheit, um sie zu testen und an ihre Grenzen zu treiben. Doch Inez ist keine leichte Beute, sie hat eine Mission. Dazu muss sie in den geheimen Royal Clair Club aufgenommen werden und das bedeutet volles Risiko zu gehen. Auch wenn sie sich dafür auf Calix’ Spiel einlassen muss. Seiner magischen Anziehungskraft zu widerstehen, ist das eine, doch Inez ahnt noch nicht, dass in seinen Adern kein gewöhnliches Blut fließt.
Vita
Widmung
Vorbemerkung
Vorwort
Buch lesen
Content Note
Danksagung
Landkarte
For the soft hearts who keep choosing monsters and training them to KNEEL:A crown looks better with blood on it.
Liebe Leserin, lieber Leser,
dieser Roman enthält potenziell aufwühlende Inhalte. Aus diesem Grund befindet sich hier eine Content Note. Am Romanende findest du eine Themenübersicht, die Spoiler enthält.
Entscheide bitte für dich selbst, ob du diese Warnung liest. Gehe während des Lesens achtsam mit dir um. Falls du auf Probleme stößt und/oder betroffen bist, bleibe damit nicht allein. Wende dich an deine Familie und an Freunde oder suche dir professionelle Hilfe.
Wir wünschen dir alles Gute und das bestmögliche Erlebnis beim Lesen dieser besonderen Geschichte.
Ayla und das Cove-Team
Dieses Buch ist eine Liebeserklärung an die dunkle Fiktion. Es ist eine Geschichte, die provozieren und fesseln will.
Was du gleich lesen wirst, ist nichts für sanfte Gemüter. Es geht um Machtmissbrauch, systematische Gewalt, perfide Hierarchien und um die Schatten hinter den glänzenden Fassaden unserer Welt. Manche nennen es Verschwörung, und was sich an realen Abgründen orientiert, bleibt bewusst vage.
Monclair ist düster. Was auf dieser Insel passiert, ist teilweise so brutal, dass ich beim Schreiben nicht wusste, wie ich da je wieder rauskomme.
Aber ich glaube daran, dass gebrochene Menschen immer noch kämpfen können. Ich glaube, dass Liebe vielleicht nicht immer die Rettung ist – aber der einzige Grund, nicht völlig aufzugeben.
Mein männlicher Protagonist ist vielleicht ein heißer Bad Boy mit wirklich abgefuckter Vergangenheit, aber ohne goldenes Herz. Obwohl er gute Absichten hegt, hat ihn das Leben kaputt gemacht. Wirklich kaputt. Und das wird nicht weggeschminkt, nicht beschönigt, nicht wegerklärt. Wer sich eine einfache Heldenreise mit subtilem Spice wünscht, wird in diesem Buch nicht fündig. Calix ist hart, in allem, was er tut.
Im Unterdrücken.
Im Ficken.
Und im Retten.
Vielleicht verstehst du ihn, wenn du bereit bist, genau hinzusehen.
Vielleicht denkst du: Seine Seele ist zerschnitten, das Herz blutet aus, und trotzdem kämpft er für die Schwachen.
Vielleicht denkst du aber auch: Ich hasse ihn, und er ist der ungesündeste, grausamste Book Boyfriend aller Zeiten.
Ich denke: Er ist der wahre Edward Cullen, der, den Twilight hinter der Fassade eines nachts im Mädchenzimmer stalkenden Hottie versteckt hat.
Wenn dieses Buch etwas schafft, dann hoffentlich, dass du nicht vergisst, wie wichtig es ist, hinter eine offensichtlich schillernde Fassade zu blicken und Fragen zu stellen.
Auch unbequeme.
Gerade unbequeme.
Traust du dich?
Von Herzen
Ayla
X-POSED
Was geht ab, St. Clair College?
Der Sommer ist vorbei, das neue Semester beginnt, und das bedeutet: Küsschen an die vielen Skandale, die sich bereits auf den Weg machen!
Und es gibt News: Unser Prince Charming (oder soll ich besser sagen: Prince Harming?) Calix van Schmitt Barclay – unser »Bad Badder Baddest Boy« – wird für sein erstes Semester das St. Clair unsicher machen und zu seinen Royal Brothers stoßen.
Freshman, Babys!
Damit sind die X-Boys komplett.
Dreimal Schatten. Dreimal Sünde. Viel zu schön, um noch menschlich zu sein.
Was heißt das für den Royal Clair Club?
Nun, für euch habe ich die Ohren gespitzt, und lasst euch dies eine Warnung sein: Es wird verbotener denn je, unmoralischer denn je und vor allem: kranker denn je …
Cheers, ihr reichen Sackgesichter!
Inez
»Inez Campbell!«
Von unten folgt ein nicht jugendfreier Fluch. Ich vermute, mein Vater hat sich wieder einmal die Finger an der Pfanne verbrannt – zum dritten Mal in zwei Tagen. »Dies ist Warnung Nummer vier. Muss ich dich noch einmal rufen, schenke ich Cola-Lola deine neuen Post-its!«
Ungerührt stehe ich vor dem Spiegel in meinem Zimmer. Er ist messingverziert und wahrscheinlich genauso alt wie das heruntergekommene Cottage, in dem wir leben. Ausdruckslos starre ich meinem Gesicht in die schwarzen Augen. Manchmal, in seltenen Momenten, flackert etwas in ihnen auf, und sie wirken heller, mit einem goldenen Schimmer, aber meistens sind sie einfach unspektakulär nichtssagend. Ich hebe die Hand und streiche über die hässliche Narbe, die sich von meinem Grübchen über meine Lippen bis zu meinem Kinn zieht. Mein halbes Leben lang werde ich schon »Zombiegesicht« genannt, und ich kann es niemandem verübeln.
Eine der Birnen im verrosteten Gussleuchter flackert und verleiht mir den ultimativen Ich-komme-aus-dem-Jenseits-Look. Passend zur Totenkopf-Lichterkette an meinem gruseligen Spiegel. Für fast drei Pfund gab es dieses Billoding auf dem Markt unten in Southcliff. Aber ich will mich nicht beklagen. Es betont meine eingefallenen Wangen, als wären sie laufstegästhetisch statt totenkopfmäßig. Immerhin hat die Post sich nicht geweigert, es mir herzukutschieren, was wahrscheinlich an Zephyr liegt. Ich habe den Sohn der Thorns seit einer Ewigkeit nicht mehr getroffen, aber früher, als Grandma noch lebte und es Leuten aus Westcliff erlaubt war, längere Zeit in den Reichenvierteln zu verbringen, war er mein allerbester Freund. Er muss gewusst haben, dass nur eine Inez Campbell existiert, die ein Paket nach Westcliff aufgibt. Der schwarze Sichelmond mit den drei Punkten darunter, den er auf den Karton gekritzelt hatte, war meine Bestätigung. Unser altes Zeichen. Zephyr hat es sich ausgedacht. »Für dich, mich und das, was niemand sehen kann«, hat er immer gesagt.
»Und was ist das, was niemand sehen kann?«, wollte ich wissen.
»Keine Ahnung«, meinte er, »Dad sagt, wenn wir älter sind, finden wir es heraus.«
Seinem Vater, Cyrus Thorn, gehören mehrere Poststellen auf Monclair, unserer Insel. Irgendwann sind sie aber in ein Haus nach Southcliff gezogen. Manchmal kommen sie her, an die Westküste, um mit ihren Leuten abzuhängen. Sie nennen sie Freunde, ich nenne sie Sekte. Einmal im Jahr treffen sie sich alle zum Geisterruf unten beim Red Beach – eine Art Fest, bei dem sie versuchen, mit den Seelen im Jenseits zu sprechen. Es ist völlig weird, und ich halte mich so weit von denen fern, wie es nur geht. Sie sind allesamt gruselig.
Außer Zephyr.
Aber ihn habe ich schon ewig nicht gesehen.
Westcliff ist der Schandfleck der königlichen Insel Monclair. Nicht wegen der Abgeschiedenheit und der düsteren Umgebung an den rauen Klippen westlich von Schottland, sondern wegen der Bewohner. Hier leben nur diejenigen, die es zu nichts gebracht haben. Die jeden Penny fünfmal umdrehen müssen und wo die Kinder den Arsch vollkriegen, wenn sie mehr als ein Stück Toilettenpapier benutzen, um sich die einzige Scheiße abzuwischen, die sie noch loswerden können.
In Westcliff zu leben, ist das gesellschaftliche Todesurteil.
Die morsche Holztür öffnet sich quietschend, und mein Bruder steckt den Kopf ins Zimmer. Nolan ist ein verdammter Riese. Elend lange Beine und Muskeln, von denen ich keine Ahnung habe, wo er die herhat. Auf der Straße würde ihm niemand abkaufen, dass er erst sechzehn ist, und locker könnte er als Footballspieler durchgehen, würde er nicht mitten in seiner Emo-Phase stecken und die geglätteten Haarspitzen ihm in der Stirn und an den Schläfen kleben.
Was soll ich sagen? Mit unseren Bleichgesichtern und dem dunklen Haar sind wir wie gemacht für die Komm-auf-die-dunkle-Seite,-hier-gibt-es-Kekse-Bubble. Meine lange Narbe im Gesicht hilft da dezent.
»Dad meint’s ernst.« Sein Rucksack hängt ihm halb von der Schulter. Die rote Farbe ist längst ausgeblichen. »Er ist angepisst, weil Gibble-Gabble den verbrannten Pancake gefressen hat und er jetzt denkt, der Hund kratzt ab.«
»Sag ihm, letzte Woche hat er draußen Haftcreme aus einem offenen Müllsack gefressen, und er lebt immer noch.«
Ein allerletztes Mal begutachte ich meine neue Uniform im Spiegel und stelle sicher, dass alles richtig sitzt. Die perlweiße Bluse habe ich so intensiv gebügelt, dass ich mich über fehlende Brandlöcher wundere, und den schwarzen Faltenrock, wie im St.-Clair-College-Forum von den ehemaligen Seniors empfohlen, habe ich um fünf Zentimeter gekürzt. Der Saum des Crop-Blazers schmiegt sich fast nahtlos an den Bund des Rocks. Ehrfürchtig fahre ich mit dem Finger über das gestickte Wappen der Eliteschule: eine nach unten gerichtete, züngelnde Schlange.
Die hellen Strümpfe bedecken meine knubbeligen Knie. Statt der flachen Schnürschuhe habe ich von meinem Geld aus dem Ferienjob in Monclair Gardens welche mit Plateausohle gekauft. Es sind keine Prada-Dinger, aber dafür musste ich Hundescheiße aufsammeln und fast meine Hand verlieren, als ich eine giftige Eibe fällen sollte und mich irgendein Penner in den mörderischen Nadelbusch geschubst hat.
Also liebe ich sie.
»Die Fliege ist hässlich«, brummt Nolan, als ich gerade die zwei geflochtenen Strähnen neben meinem Gesicht betaste, um sicherzustellen, dass auch ja keine Unregelmäßigkeiten zu erkennen sind. Wer einmal Gossip Girl gesehen hat, weiß: Die Kids dieser Eliteinternate achten auf alles. Ich will ihnen keinen Grund geben, mich schon am ersten Tag zu zerfleischen wie Gibble-Gabble seine Pancakes.
»Das hast du mir schon hundertmal gesagt«, entgegne ich, während ich die Schleifchenfliege anglotze und das Gesicht verziehe. »Und du hast verdammt recht.«
»Dann lass sie weg.«
»Geht nicht.«
»Wieso?«
Seufzend wende ich mich vom Spiegel ab, schnappe mir meinen Kalender vom Bett und streiche anschließend den Patchwork-Quilt glatt. Meine Urgroßmutter hat die Decke für meine Mutter gestrickt, die wiederum mich als Baby damit zugedeckt hat. Heute bin ich überzeugt davon: Sie hat gehofft, ich würde darunter ersticken.
»In den College-Regeln steht, wer ohne vollständige Uniform kommt, wird suspendiert.«
Und wenn ich mit diesem Quilt in meinem Wohnheimzimmer aufgetaucht wäre, hätten die anderen sicher dafür gesorgt, dass ich schneller aus ihren elitären Hallen verschwinde als Mom nach meiner Geburt aus unserem Zuhause.
Nolan stößt sich vom Türrahmen ab. »Die Clairvil-Bastarde denken echt, die kacken Gold, oder?«
»Nol, Inez!« Mein Vater erscheint auf der Treppe.
Mit Teigflecken auf der Arbeitshose, einem Pfannenwender in der einen und Gibble-Gabbles halbiertem Plastikhuhn in der anderen Hand wirft er uns einen strengen Blick zu. »Im Ernst, wo sind deine Post-its in Schweinchenpastell? Cola-Lola wird sich freuen.«
Cola-Lola ist unsere siebenjährige Nachbarin im Schandfleck nebenan und ein freches Rotzgör, das den ganzen Tag vor der Glotze hängt und gefärbtes Zuckerwasser säuft, das sie auf dem Markt als Cola verkaufen. Ich gehe an ihm vorbei und poltere die brüchige Treppe hinunter in den Wohnbereich. Von der andauernden Feuchtigkeit schälen sich die Tapeten von den Wänden, und es riecht muffig, egal wie oft Dad versucht, das Ganze mit Räucherstäbchen oder Duftölen auf dem Kaminsims zu überdecken.
»Fast hätte ich dir den Serious Daddy abgekauft«, rufe ich über die Schulter und setze mich an den runden Holztisch. Jeden Tag habe ich diese Armut verflucht. Kaum zu zählen, wie oft ich an diesem verschimmelten Holzding meine Kohlsuppe runtergewürgt und dabei visualisiert habe, ich säße stattdessen in einem der noblen Stadthäuser in Clairvil, dem Zentrum Monclairs. Aber jetzt, da der Tag gekommen ist, an dem ich am Nachmittag nicht wieder zurückkehren werde, überfällt mich ein Gefühl von Nostalgie.
Ich schlage meinen Planer auf, klebe einen »Let’s do it!«-Sticker neben den Eintrag des heutigen Tages – Semesterbeginn, St. Clair College – und schnappe mir einen Pancake. Diese Momente sind selten. Pfannkuchen gibt es nur an Geburtstagen und Weihnachten. Oder wenn der eigene Vater darum bangt, seine jüngste Tochter an die Elitebastarde zu verlieren. Der Pfannkuchen ist trocken und trotzdem das Himmlischste, das mein Gaumen seit einer Ewigkeit geschmeckt hat.
»Ich bin ein Serious Daddy«, sagt Dad und deutet auf die Holztür, die den Wind, der draußen ums Haus bläst, kaum abhält. Nachts pfeift er durch die Ritzen, und früher hat Nolan mir erzählt, dies sei der Poltergeist von Westcliff. Ein einstiger König, der an die Klippen verbannt worden ist und niemals ruht, bis er die Seele anderer ausgesaugt hat. Was für ein Schwachsinn. »Ich habe noch vor der Arbeit die Tür repariert.«
Dad hat einen Job im Kohlebergwerk der Insel. Es ist eine dreckige, verpönte Arbeit, und der Lohn reicht nicht ansatzweise, um über die Runden zu kommen, aber es ist besser als bei den Steinbrechern. Früher war er Finanz- und Steuerberater der Elite, bis ihm das Königshaus von Monclair vorgehalten hat, er würde seine Nase in Angelegenheiten stecken, die ihn nichts angehen.
Das Königliche Gericht von Monclair ist hart. Seine Strafe lautete: Kohlebergwerk – lebenslänglich. Und das ist … nur einen Steinwurf entfernt von der Folterkammer des Gefängnisses, Belgrave Prison, auf dem angrenzenden Inselstück von Belgrave Clair – dem Ort, wo der König lebt.
Durch unsere Fenster scheint trübes Licht herein. Ein Blitz zuckt, gefolgt von Donnergrollen. Kurz erhellt die Naturgewalt die Spinnweben an der Standuhr neben der improvisierten Kochstelle. Hier steht immer noch Grannys alter Gussherd, daneben ein nicht passender summender Kühlschrank. Unser Cottage ist klein und überfüllt mit allen möglichen bunt zusammengewürfelten Möbelstücken aus vergangenen Jahrzehnten. Der florale Stoff des Sofas ist an einigen Stellen eingerissen, die Schnitzereien der Füße von nächtlichen Nagetierbesuchern angeknabbert. In der Ecke auf einem Beistelltisch thront ein alter Fernseher. Manchmal funktioniert er, aber häufig zeigt er nur schwarz-weißes Rauschen.
Außer es gibt königliche Mitteilungen. Dann funktioniert er seltsamerweise einwandfrei.
Ich werde es anders machen, denke ich. Ich werde es später besser haben. Das hier wird nicht meine Zukunft sein. Auch wenn den Kindern von Westcliff ein gescheitertes Leben prophezeit wird, ich komme auf das St. Clair College. Und wenn es das Letzte ist, was ich tue – ich werde diese Chance nutzen und meinen zukünftigen Kindern das hier ersparen.
»Nolan«, sagt Dad. »Setz dich endlich.«
»Keine Zeit. Muss los.« Mein Bruder schnappt mir den Pancake aus der Hand, den ich gerade essen wollte, und stopft ihn sich in den Mund. Dann schiebt er sich die Kapuze seines Regenmantels über den Kopf und zieht eine Grimasse in meine Richtung, von der ich nicht weiß, ob sie ein Lächeln oder die obligatorische Ich-komm-aus-der-Hölle-Fratze sein soll. »Tja, dann bis irgendwann mal, Schwesterchen. Versuch einfach nur, in diesem Giftschlangen-Internat zu überleben. Wenn sie zubeißen und dich mit ihrem Elitevirus infizieren«, angewidert verzieht er das Gesicht, »sag nicht, ich hätte dich nicht angefleht, deine weiterführende Ausbildung an der Westcliff High zu absolvieren.«
Allein bei dem Gedanken, weiterhin jeden Morgen einen Fuß in das tristgraue Steingebäude an den Klippen zu setzen und schweigend hinzunehmen, dass das Lehrpersonal als einzige Instanz Monclairs dazu berechtigt ist, den Rohrstock zu schwingen, überläuft mich ein Schauer. Außerdem sind die Autoritätspersonen dort gruselig, ausgezehrt und leichenblass von dem Leben an der Westküste. Nicht wenige gehören zu der Geisterruf-Sekte. Ihre Augen wirken wie tot, und jedes Mal wenn sie mich in die Mangel genommen haben, was bei mir erschreckend oft passiert ist, hatte ich das Gefühl, nie wieder glücklich zu werden.
An dieser Schule ist es eisig, hoffnungslos und dunkel.
Automatisch zuckt mein Blick zu Nolans Fingerknöcheln, als er mir den Arm drückt. Narben über Narben. Eine aufgeplatzte Stelle. Weitere werden folgen. Sein ganzes Leben lang. Er wird hier enden. In Westcliff. Meine Granny Zooza hat nur mir das Collegegeld hinterlassen – mit der notariellen Anweisung, es nur für das St. Clair überweisen zu dürfen, sollte ich jemals die Spitzennoten erreichen, um dort angenommen zu werden.
Wie sie.
Warum Nolan keines bekommen hat? Wir haben keine Ahnung.
Zooza war die geheimnisvollste, tollste, intensivste und merkwürdigste Frau, die ich kenne. Sie war reich, aber gebrochen. Doch hin und wieder, wenn ich als Kind in ihre dunklen Augen gesehen habe, war mir, als läge tief darin eine Stärke, vergraben unter Schutt und Asche.
Sie war so vieles, so tief und besonders, und ich habe sie mit meinem ganzen Herzen vergöttert, doch elf Jahre meines Lebens haben nicht ansatzweise ausgereicht, um diese Frau zu verstehen. Bis heute weiß ich nicht, wie viele Sprachen ihre Seele gesprochen hat. Aber ich weiß, dass ich sie unendlich vermisse.
Meine Lippen formen ein Lächeln, als ich daran denke, wie sie wohl reagieren würde, könnte sie mich jetzt in dieser Uniform sehen.
Wäre sie stolz? Sie hat nicht oft von ihrer Zeit auf St. Clair gesprochen, aber wenn, konnte ich nie ganz heraushören, ob der Unterton in ihrer rauchigen Stimme ehrfürchtig oder abwertend war. Aber ich weiß, dass dieses College sie geprägt hat. Sie meinte mal, es sei lebensverändernd gewesen.
»Hab dich lieb, Schwesterchen«, sagt Nolan.
»Ich dich auch«, murmele ich geistesabwesend.
Noles verschwindet. Kurz weht der heftige Regen herein und prasselt auf den gewebten Teppich. Einer der Gründe, warum es immer stinkt.
Gibble-Gabble winselt an meinen Füßen und leckt sich wiederholt über seinen Raffzahn. Als Dad nicht hinschaut, werfe ich ihm ein kleines Häppchen Pancake vor die Pfoten.
»Also.« Mein Vater reibt sich die Hände und sieht mich erwartungsvoll an. »Heute ist es so weit, was?«
»Yep.«
»Und?«
»Was und?«
»Aufgeregt?«
»Nope«, lüge ich.
»Sehr gut. Das wird großartig. Erstens hast du Noten wie Albert Einstein, und zweitens …«
»Oh Dad ...«
»Zweitens ist es nicht mal acht Uhr am Morgen, du bist noch im Haus, und ich habe meine Tochter bereits verloren.«
»Wie bitte?« Ich nehme einen Schluck Filterkaffee. Alles in diesem Haushalt ist schwarz. Nolans und meine Haare, Nolans und meine Augen, Nolans und meine Schatten darunter, der Kaffee, unsere Seelen … »Wieso solltest du?«
»Weil du aussiehst wie eine von ihnen.« Dad mustert mich und pfeift durch die Zähne. »Aus Westcliff, aber ein waschechtes Elite-Girlie.«
»Lieber gehe ich zu den Geisterrufern, als eine von denen zu werden.« Theatralisch gebe ich vor, mir den Finger in den Hals zu schieben, und würge. »Ich gehe da nur für meine Zukunft hin.« Und weil …
Inez
»… weil Zooza es so wollte«, füge ich vorsichtig hinzu. Dad spricht nicht gern über die Wünsche seiner Mutter, mich am St. Clair einzuschreiben. »Aber ich bleibe ich selbst.«
Wie ich vermutet habe, senkt er den Blick auf seine Finger. Doch im nächsten Moment zieht er eine wacklige Grimasse, um die Stimmung wieder aufzulockern. »Was hast du eigentlich mit deinen Haaren gemacht?«
Mist, erwischt. »Nur die Strähnen geflochten.« Ganz zufällig die Topfrisur aller Mädchen, die ich auf dem St. Clair gesehen habe. Vielleicht ist es mir ein klitzekleines bisschen nicht egal, wie ich mich zwischen den anderen eingliedere. Oder wohl eher: Ich will auf keinen Fall von diesen Leuten in der Luft zerfetzt werden. Meine Traumvorstellung wäre, hinzugehen, niemals aufzufallen und das Jahr als No-Name zu beenden.
»Ah.« Verschwörerisch nippt er an seinem Kaffee. »Na, wenn das so ist.«
»Wenn was wie ist?«
»Nichts.«
Augenrollend schiebe ich mich vom Hocker, kippe den Kaffee in meinen Coffee-first-then-π-Becher (ich weiß, echt nerdig) und mustere meinen Vater argwöhnisch. »Heute bist du gruselig, weißt du das?«
»Nur heute?« Er nimmt seinen abgeranzten Beutel und reicht mir meine wesentlich schickere Tasche.
Damals, vor ihrem tragischen Tod in den Königlichen Wäldern von Belgrave Clair, hat sie meiner Gran gehört. Es war ein Geschenk ihrer Mutter, nachdem sie auf das St. Clair gekommen ist.
»Ich und gruselig?«, fragt er, als ich meinen Planer in die Tasche schiebe. »Ich fürchte, du leidest unter Wahnvorstellungen. Wir sollten dich hierbehalten. Was für ein Jammer. All diese schlaflosen Lernnächte umsonst. Tja, ich hab dir immer gesagt: Iss Popcorn und lies mehr Schundromane, damit du weißt, wie du dir einen der Jonas Brothers angeln kannst. Ich war der böse Daddy, aber am Ende hatte ich recht.«
»Einen der Jonas Brothers?« Lachend ducke ich mich unter ihm weg. »Ich sollte Gibble-Gabble auf dich hetzen.«
»Viel Spaß dabei.« Dad geht voraus und hält mir die Tür auf. »Sein Raffzahn ist so schief, der kann nicht mal treffen, wenn er trifft.«
Als ich vorbei an Dad in den rauschenden Regen gehe, verändert sich sein Lächeln, wird ernster. »Keine Sorge, Inez«, ruft er durch das tosende Gewitter. »Du bist auf all das vorbereitet.«
Ich spanne den Regenschirm auf. »Meinst du?«
»Ich bitte dich.« Gemeinsam stapfen wir den schlammigen Hang hinunter. Dad trägt meinen Riesenkoffer, stemmt sich gegen den Wind und zieht mich dabei am Arm vorwärts, weil ich sonst dreimal so lang brauchen würde. »Du ordnest deine Papiere seit der Vorschule nach Farben. Jeder Stift hat eine andere Bedeutung in deinem Kalender, meine Nase wird den Geruch von Textmarkern nie wieder los, weil du bis spät in die Nacht Zusatztexte markiert hast, statt, wie gesagt, alles über die Jonas Brothers in Erfahrung zu bringen. Nicht zu vergessen, dass ich zum Schulleiter gerufen wurde, nachdem du deine Physiklehrerin fertiggemacht hast, nur weil sie euch Marie Curies Experiment nicht korrekt erklärt hat.«
Über uns zuckt ein Blitz. »Wirst du das jemals vergessen?«, brülle ich über den lauten Donner hinweg.
»Nein.« Todernst sieht er mich an. »Diese Lehrerin hat geheult, Inez.«
Wir holpern weiter den Hang hinunter. Schlamm bleibt an meinen Schuhen kleben und spritzt auf die Frischhaltefolie, die ich sorgfältig über die Socken gewickelt habe. Am Fuß des Klippenhangs wartet der graue Kohle-Beförderungswagen. »Tu mir den Gefallen und erweise dieser äußerst hässlichen Fliege einen äußerst anständigen ersten Tag, ja?«
Ich salutiere. »Du kennst mich. Der schlimmste Skandal, den ich je nach Hause gebracht habe, war Gibble-Gabble.«
»Ich erinnere mich lebhaft. Und ich wäre dir sehr dankbar, wenn du mir keine weiteren Probleme ins Haus holst. Ich habe genügend Sorgen«, murmelt er mit Blick auf den Kohlewagen.
Ja, denke ich. Die Arbeit und die Angst, jeden Tag in diesem tiefen Bergwerk zu versinken. Das Tageslicht nie wiederzusehen. Und eine Frau namens Ariadne, die von einem auf den anderen Tag verkündete, ihn und ihre Kinder für einen Reality-Show-Typen mit Arschgeweih zu verlassen. Aber das erwähnen wir nicht. Nie. Ariadne existiert nicht im Hause Campbell. Weder sie noch das Arschgeweih auf dem Paramount Plus Channel.
Dad drückt mir den Koffer in die Hand, steigt neben anderen Abtrünnigen in den alten Karren und winkt lächelnd. Dann startet der röhrende Motor. Der Wagen verschwindet klappernd, als würde er jeden Moment zusammenfallen, um den nächsten Klippenbogen.
Seufzend schleppe ich mich zur Straßenbahnhaltestelle. Monclair wurde immer von Königen regiert. Jeder von ihnen hat versucht, die Geschichte der Insel zu wahren, auch wenn sich einiges verändert hat. Die luxuriöse Neumoderne mischt sich mit dem viktorianischen Zeitalter. Rolls-Royces neben Kutschen. Teure Hublots an den Armen alter Adliger in jahrhundertealten Landhäusern. Monclair Gardens im Zentrum von Clairvil ist das Ebenbild des damaligen Hyde Park. An den Sonntagen treffen sich dort die elitären Einwohner Monclairs.
Inmitten der donnernden Gewitterlaute klingelt ein Glockenton und reißt mich aus meinen Gedanken. Im nächsten Moment schiebt sich die alte Bahn durch den Regen.
Dunkles Kirschholz, tief gezeichnet von den Jahren und dem Wetter, umrahmt die Fenster. Dahinter sind nur verschwommene Silhouetten zu erkennen. Messingbeschläge blitzen auf, während sich die Räder über die Schienen schieben. Laternen werfen flackerndes Licht auf die Schnitzereien.
Quietschend hält der Wagen vor mir. In Strömen rinnt der Regen von der Dachkante. Der Blick durch die Scheiben in den Türen wird vom Wasser verzerrt.
Als ich die knarzende Tür öffne, kommen mir der Geruch von feuchtem Leder, altem Rauch und die grimmigen Gesichter der Westcliff-Bewohner entgegen. Die meisten von ihnen sind in graue oder schwarze Arbeitskleidung gehüllt. Alle wirken verbittert und voller Gram, aber dieses Mal mischt sich ein Hauch von unverhohlener Neugier in ihre wettergegerbten Gesichter, als sie mich mustern. Ich gebe mir Mühe, nicht auf sie zu achten, und stapfe, das Riesending hinter mir herzerrend, durch den Gang. Bei jedem Schritt raschelt die Frischhaltefolie über meinen Socken, und ich bin dankbar, dass ich eine Bank für mich habe. Meinen Koffer quetsche ich halb zwischen mich, halb ragt er in den Gang. Der Wagen setzt sich in Bewegung. Die alte Straßenbahn schnauft und stöhnt sich über die Schienen, als würde sie die Strecke genauso hassen wie ich. Ich presse die Stirn gegen die kühle Scheibe, während draußen graue Klippen an mir vorbeiziehen. Ein düsterer Schleier bedeckt die ganze verdammte Insel.
Dann schiebt sich das gespenstische Gebäude der Westcliff High ins Bild. Meine Schultern verspannen sich. Die Backsteinfassade ist rissig, und der Regen rinnt in dicken schwarzen Schlieren die Wände hinab, als würde diese Schule bluten. Ich versuche, nicht hinzusehen, aber mein Blick bleibt an einer Bewegung hängen.
Ein Mann. Direkt an der Seitenwand, wo sich früher heimlich die Raucher getroffen haben.
An seinem tristen Zweiteiler erkenne ich, dass er einer der Professoren ist. Er beugt sich nach vorn, und da sehe ich einen Schüler, höchstens vierzehn. Er ist schmal, und seine Uniform trieft vor Nässe.
Stirnrunzelnd beobachte ich, wie der Professor ihm die Hände auf die Schultern legt. Er schüttelt ihn nicht, nichts daran wirkt grob, aber der Schüler reißt den Mund auf.
Und dann hebt er den Kopf. Er dreht ihn langsam zur Seite, doch die Bewegung jagt mir eine Gänsehaut über die Arme.
Weil der Junge wie eingefroren dasteht und dem Mann mit riesigen, leeren Augen ins Gesicht starrt.
Und dann, ohne Vorwarnung, krümmt sich der Körper des Jungen. Ich kann es nicht hören, aber ich glaube, er schreit. Er sinkt auf die Knie und presst sich die Hände an den Kopf. Sein Rücken beugt sich unnatürlich durch, und für einen winzigen kranken Moment glaube ich, der Professor lächelt.
Mein Magen zieht sich zusammen. Vor Schreck erhebe ich mich halb in meinem Sitz, während mir das Herz fast aus der Brust springt. Doch die Bahn rattert weiter, und die Westcliff High verschwindet langsam aus meinem Blickfeld.
Was zur Hölle …?
Langsam wende ich mich vom Fenster ab und atme durch die Nase ein. Was auch immer das war, niemand wird es je verfolgen. Was in Westcliff passiert, ist dem Rest von Monclair egal.
Als ich schnaube, registriere ich, dass ich immer noch angeglotzt werde.
Kein Wunder. Man sieht nicht alle Tage, wie eine Studentin des St. Clair in Westcliff einsteigt und neben einem Kaugummi, das unter dem Fenster vor sich hinvegetiert, in der Straßenbahn sitzt.
Auf der Bank links von mir hockt ein hagerer Mann mit fahlem Gesicht, eingefallenen Wangenknochen und strähnigem rostbraunem Haar. Unverhohlen starrt er mich an, woraufhin ich ihm in die Augen sehe. Sie haben einen sonderbaren Farbton. Fast so rot wie seine Haare. Wie Rost, der sich über eine Klinge zieht.
Er fixiert mich, als versuchte er, etwas in mir zu ergründen. Ich weigere mich wegzusehen, bis er schließlich die Stirn runzelt, den Kopf wendet und ihn mit gerunzelter Stirn hängen lässt. Als er mir noch ein paar hektische Seitenblicke zuwirft, sich über die Brust reibt und die Unterlippe blutig knabbert, wird mir unwohl zumute.
»Kriege … Kopfschmerzen … so stark«, faselt er vor sich hin. »Brennt mir … die Eingeweide … weg.« Seine Hand wandert zu seiner Kehle. »Dieser Geruch erstickt mich.«
Stirnrunzelnd schnüffle ich an mir, aber ich rieche nur das blumige Parfum, das einst Zooza gehört hat. Vielleicht habe ich zu viel genommen und jetzt dufte ich wie eine Madonnenlilie. So intensiv und süß, dass ich anderen den Atem rauben könnte. Nicht im positiven Sinne.
Nein. Ich kann nicht stinken. Unmöglich. Ich stand lange unter der kalten Dusche und habe mir die halbe Haut vom Körper geschrubbt.
Der Kerl muss einfach spinnen.
Wiederholt streiche ich über meinen Rock, kreuze die Beine, warte Haltestelle für Haltestelle und werde zunehmend nervöser. Ich balle die Hände zu Fäusten, öffne sie wieder …
»Clairvil, St. Clair College«, brüllt der Fahrer.
Endlich. Auf wackeligen Beinen erhebe ich mich von meinem Kaugummiplatz, doch auf dem Gang packt mich plötzlich eine schwielige Hand. Panisch wirble ich herum und blicke in die rostigen Augen des gruseligen Typen.
»Was ist mit dir?«, zischt er, seine Stimme klingt wie über einen trockenen Stein gerieben. »Wie heißt du, Mädchen? Ich will dich so gern schmecken, aber es … geht nicht.«
Was zur Hölle …?
Calix
Schloss Barclay liegt im Nebel. Dichte Schwaden, die wie träge Schatten die Türme umspielen, wabern durch die kalte Morgenluft. Ich stehe am Fenster meines Zimmers, betrachte den grauen Himmel, der sich über Belgrave Clair spannt, und presse die Stirn gegen das Glas. Die Tannen von Thornwood strecken ihre Kronen, als würden sie sich nach dem Jenseits sehnen, und neben dem Wald, der fast die gesamte Königsinsel einnimmt, fährt einer der Chauffeure den Bentley ins Rondell.
Der Wind flötet durch die Zinnen und spielt eine alte Melodie. Als würde er mich vor etwas warnen wollen. Aber ich höre ihm nicht zu. In der Scheibe ist nur mein Spiegelbild. Augen wie der Himmel, in dem nichts mehr lebt. Die Ruhe vor dem Sturm ist immer das Schlimmste. Und der heutige Tag wird einer, der alles verändert. Ich lehne meine pochende Stirn gegen das kühle Fensterglas. Wenn ich dem Druck nicht bald nachgebe, wird mir der Schädel bersten, verfickt noch mal. Vielleicht sollte ich …
Hinter mir öffnet sich die schwere Tür mit einem Kratzen. Ich erkenne das gleichmäßige Klacken von Sohlen. Sekunden später hängt der Duft von Weihrauch und Eisen in der Luft. Ein Geruch, der sich tief in meine Instinkte gebrannt hat. Ich muss mich nicht einmal umdrehen, um zu wissen, wer es ist.
»Elodie.« Ich betrachte Dads Magd durch die Fensterscheibe. Ihr damals blondes Haar ist über zwei Jahrzehnte ergraut, in den hellen Augen ist der Glanz erloschen, und mit jedem Tag in diesem Schloss kommen neue Sorgenfalten. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich diese Frau das letzte Mal habe lächeln sehen. »So fröhlich heute?«
Sie übergeht meine Ironie. »Der König lässt fragen, warum Sie nicht beim Frühstück sind, Prinz.«
Abwesend streiche ich über den Ring an meinem Mittelfinger. Erst fahre ich die Seiten des Dreiecks nach, dann die senkrechte Linie, die es teilt. »Ich habe keinen Hunger.«
»Der König befiehlt Ihre Anwesenheit dennoch«, entgegnet Elodie sofort, als hätte sie gewusst, was ich sagen würde. »Sie sollen angemessenen Respekt zeigen und ihm und Ihren Geschwistern Gesellschaft leisten.«
Ich balle die Hand zur Faust und genieße das stechende Gefühl, wie die Nägel in mein Fleisch bohren. Als ich spüre, wie ein Rinnsal Blut über meine Haut läuft, raune ich ein »Sicher« und folge ihr mit einem trägen Lächeln.
Wir wechseln kein Wort miteinander, bis wir die Flügeltür zum Speisesaal erreichen und zwei Butler uns öffnen.
»Wie gewünscht«, sagt Elodie in den Raum hinein und tritt mit gesenktem Kopf beiseite, »Prinz Calix, Eure Hoheit.«
Der Marmorboden ist kälter als sonst. Vielleicht liegt es daran, dass mein Vater heute wieder barfuß durch die Hallen läuft. Die Leinenhose umschließt seine Knöchel, das dazugehörige Hemd ist nur zur Hälfte zugeknöpft. Darunter drängen sich mir alte, verwachsene Narben entgegen, wulstige Knoten wuchern vor sich hin. Seine Haut schält sich wie bei einer Schlange. Unter seiner Kehle erkenne ich den Ansatz eines neuen Risses.
Der König hält einen Kelch in der Hand und schreitet vor der gedeckten Tafel, an der meine Geschwister sitzen, auf und ab. Als er mich sieht, kräuselt er die Lippen zu einer grotesken Fratze. »Auf dich, mein Sohn.« Er prostet mir zu. »Dein erster Tag am St. Clair wird der Anfang von etwas ganz Großem.«
Worauf du wetten kannst, du verfickter Bastard.
Ich lächle. »Dein Einsatz ist hoch, Euer Hoheit. Wie kannst du sicher sein, dass meine Brüder und ich nicht versuchen werden, uns in dieser Epoche gegenseitig umzubringen?«
Die Frage scheint meinen Vater zu amüsieren. Er nippt an seinem Getränk. Kurz darauf glänzen seine Lippen tiefrot vom Siegelwein.
In mir rumort etwas, das ich in die Schatten verdrängt habe.
»Wir sind viel zu wertvoll, um einander umzubringen«, sagt er. »Ihr habt es noch nie getan.«
»Außerdem«, fügt Brix hinzu und lacht grunzend auf, während er ein Stück von seinem Schinken abschneidet, »hätte meine liebe Sibith dich längst erwürgt, hätte ich vorgehabt, dich aus dem Weg zu räumen.«
Mein Blick wandert zu der Teppichpython, die sich um die hohe Lehne seines Prinzenthrons schlängelt. »Bei allem nötigen Respekt für dein … Kuscheltier, aber deine Sibith wäre tot, noch bevor sie sich um mich gelegt hätte.«
»Seine ersten Spiele, und trotzdem führt er sich auf, als wäre er längst König. Dein jüngster Sohn ist zu übermütig, Dad.« Brix kaut seinen Schinken, während er mich höhnisch ansieht. »Vielleicht sollten wir ihn doch töten, bevor er weiß, was ihn erwartet.«
»Niemand tötet einen Barclay«, geht Hendrix dazwischen und greift nach seinem Kelch.
Darin erkenne ich dieselbe rote Flüssigkeit wie die, welche die toten Lippen meines Vaters belebt.
In den Kelch blickend schwenkt er den Wein. »Außer wir täuschen es vor. Ansonsten halten wir zusammen.«
Bei seinen Worten senkt Bellatrix den Kopf und sticht in ihr Rührei. Während Hendrix aschblond ist, hat sie das gleiche fuchsrote Haar wie Brix. Nur die beiden haben dieselbe Mutter. Die Kerzen im Kronleuchter werfen abwechselnd Licht und Schatten auf meine Schwester. Das riesige Ding ist älter als jeder von uns. Trotzdem hängt es noch, obwohl alles in diesem Schloss zu Staub zerfallen sollte. Das passiert aber nicht mal im Toten Schloss – dem königlichen Anbau, den wir nicht betreten dürfen.
»Wie unglaublich diplomatisch, Hen«, säuselt meine Schwester. »Weißt du, Dad, es ist mir ein Rätsel, warum du dieses Kasperletheater veranstalten musst. Warum nicht agieren wie jedes andere Königreich und den Erstgeborenen als Thronfolger wählen?«
»Weil«, entgegnet der König eiskalt und leise, »ihr euch beweisen sollt. Es geht nicht nur um die Nachfolge, sondern um den Erhalt des Königreichs. Ohne die Spiele gäbe es uns alle schon lange nicht mehr, Bellatrix, und das weißt du. Es ist nur ein Nebeneffekt, dass ich sie nutzen kann, um meine Entscheidung zu treffen, wer von meinen Söhnen den Thron nach mir besteigen darf.« Sein Blick gleitet weiter zu uns Jungs. »Ich gestatte keinen Mann auf meinem Thron, der eine unwürdige Frau an seiner Seite hat. Wählt die Mädchen mit der stärksten Aura aus, solche, die euch am meisten nützen, und testet ihre Treue. Diejenige, die das Schlimmste, das Abartigste, ja Grausamste für euch aushält, ist die Richtige.« Er macht eine lange, dramatische Pause, in der er uns alle ansieht. »Wenn ihr König werden wollt, braucht ihr keine liebende Ehe. Ihr braucht eine Gattin, die ignoriert und toleriert, was wir tun müssen, um zu überleben.«
Was wir tun müssen.
Diese Worte sind Auslegungssache.
Über Brix’ Gesicht schleicht ein teuflisches, besessenes Grinsen, während Hendrix unbeeindruckt an seinem Kelch nippt.
Der Knochensaum von Dads Umhang rasselt, als er zum Tisch geht und den Saum dabei über den Marmor gleiten lässt. Meine Augen bleiben an der eingewebten Dekoration kleben, für die Elodie regelmäßig am Nähtisch sitzt.
»Du siehst durstig aus«, sagt Dad und greift nach dem unangerührten Kelch auf dem Tisch.
Ich betrachte seine glänzend roten Handschuhe. Sie wirken wie aus Schlangenleder gefertigt, nur viel feiner, eleganter. Jeder, der sich in den elitären Kreisen des Königs bewegt, kann sich diese Handschuhe verdienen. Sie sind sein Zeichen von Loyalität. Die wahren Anhänger des Königs erkennt man daran, ob sie welche tragen oder nicht.
Hendrix und Brix haben welche. Ich nicht.
Dad reicht mir den Kelch. »Trink, Calix.«
Ein einziger Blick auf den rubinroten Inhalt lässt meine Kehle brennen. Es ist, als würde der süße, metallische Duft durch meine Adern kriechen und mich zerreißen wollen. Jede Zelle in meinem Körper schreit danach, während tödlich scharfe Zähne in meinen inneren Schatten lauern und mich zerfetzen, sollte ich ablehnen.
Meine Finger zucken, doch die Hand bleibt reglos an meiner Seite hängen. Seit ich lebe, bin ich ein Süchtiger auf Entzug. Manchmal knicke ich ein, manchmal nicht.
»Nein danke«, entgegne ich rau.
Dads Augen werden schmaler. Nur eine Sekunde, dann hat er sich wieder im Griff und stellt den Kelch ab. »Nun, dann heute Nacht.«
»Heute Nacht?«, fragt Bellatrix.
»Wir werden ein Begrüßungsbankett feiern«, sagt mein Vater und mustert einen goldenen Apfel. »Zu Ehren des neuen Semesters. Es werden einige … besondere Gäste eingeladen, Calix.« Seine von roten Adern durchzogenen Augen blitzen. Als wäre es ein Witz, den nur er lustig findet.
Und vielleicht Brix.
Ich gebe mir größte Mühe, meine Maske der Beherrschung zu tragen. Aber ich spüre, wie sich meine Schultern unter dem engen St.-Clair-Hemd anspannen. Die oberen Knöpfe drohen zu reißen.
»Hast du gehört, mein Sohn?« Der König wendet sich mir zu, als wäre meine Reaktion von Bedeutung. Als wäre etwas außer meine Hülle jemals von Bedeutung für ihn gewesen. »Wir feiern deinen Eintritt ins St. Clair. Du solltest anwesend sein, wenn du niemanden enttäuschen willst. Es gibt einige sehr leckere Häppchen, großartige Geschmäcker, für jeden was dabei. Alle wollen sehen, was in dir steckt.«
Er weiß ganz genau, dass ich nicht da sein werde. Und er genießt es. Meine Machtlosigkeit. Die Ohnmacht, die mich dabei erfüllt, weil er glaubt, ich würde es wie er genießen.
Nun, er irrt sich.
Und das habe ich dir immer noch voraus, Dad.
»Apropos St. Clair«, fügt er hinzu, setzt sich in seinen Thron und überkreuzt die nackten Füße.
Für einen kurzen Moment sehe ich hin, was ich auf der Stelle bereue. Übelkeit zerrt an meinem Magen wie ein Angelhaken am Fisch. Grausame Erinnerungen wollen sich mir ins Gedächtnis drängen. Solche, in denen ich unbändigen Schmerz empfinde, während ich dasselbe vor Augen habe wie in dieser Sekunde.
Ich sehe zerschundene Füße und spüre reine, alles verzehrende Folter.
Der König beißt in den goldenen Apfel. »Mir ist zu Ohren gekommen, ein bestimmtes Mädchen beginnt heute ebenfalls ihr erstes Jahr. Ein hübsches Ding aus Westcliff. Sie soll eine fantastische Aura haben.«
»Es wird viel über sie geredet«, entgegnet Hendrix langsam. »Onkel Oswald meinte, ihre Aura sei so stark, dass er sie bis hinter der Grenze von Beaumont riechen konnte.«
»Mhm.« Brix zieht die Unterlippe ein. »Ein Jammer, dass wir nicht zu ihr dürfen. Nur einmal naschen.«
Mein Magen überschlägt sich vor Übelkeit.
»So nervös, Calix?« Dads Augen bohren sich in meine, während er kaut. »Keine Sorge. Wenn du dir Mühe gibst, hast du vielleicht eine Chance gegen deine Brüder. Ihr Vorsprung der Zyklen muss nicht gleich ihren Sieg bedeuten.«
In meinem Kopf brennt alles. Ich presse die Zähne zusammen.
Bellatrix sucht meinen Blick. Kurz werden ihre Augen schmal, ein kaum merkliches Kopfschütteln, bevor sie nach einem Wasserglas greift.
Ihre Hände zittern.
Ich zwinge mich zu einem höflichen Nicken, während alles in mir pulsiert. Das ist kein gutes Zeichen. Ein Wort, nur ein falscher Atemzug, und ich werde die Kontrolle verlieren. Das wäre das Letzte, was ich jetzt gebrauchen könnte. Nicht hier, nicht vor ihm und erst recht nicht in Anbetracht dessen, was es in ihm auslösen könnte. Und ich weiß, das würde es. So wie er immer wieder den Nacken dehnt, die Augen rollt und mit schmerzhaft verzerrten Zügen über die Risse in seiner Haut streicht, gibt es keinen Zweifel.
»Ein hübsches Mädchen soll sie sein«, murmelt er schließlich. »Ich bin sicher, sie wird eine große Versuchung. Mal sehen, was hinter dieser Aura steckt.«
Er hebt sein Weinglas, ohne den Blick von mir zu lösen.
Ich muss hier raus.
»Was ist los?«, fragt Dad.
Ich antworte nicht.
Plötzlich öffnen sich die Flügeltüren, und unser Chauffeur tritt ein.
»Wenn ich bitten darf«, sagt er, »der Wagen steht bereit.«
Das ist meine Rettung. Noch bevor die anderen sich erheben, bin ich schon aus dem Saal gestürmt. Ich höre noch, wie der König »Ich erwarte regelmäßige Berichte von den Spielen« raunt, dann jedoch biege ich bereits in der Eingangshalle links ab, laufe durch das Gewölbe in die Hallen und vorbei an dem Spiegel, in dem ich mich nie ansehen will, weil der Anblick so wehtut. Das Echo meiner Schritte hallt durch die Flure. Meine Fäuste schlagen gegen eine der Steinsäulen. Risse durchziehen die uralten Ornamente. Nach einer Weile stoße ich wahllos eine Tür auf und befinde mich in der Waffenkammer. Mit einem metallischen Klacken fällt sie ins Schloss.
Ein einziger Schlag gegen das Holzregal lässt eine ganze Reihe handgeschnitzter Dolche vom Haken stürzen. Dabei treffe ich auch eine dieser beschissenen Masken, die ich nicht mehr ertragen kann.
Sie zerfällt in drei Teile.
Ich schließe die Augen und presse mit den Fäusten dagegen, während ein unerträgliches Gefühl meine Kehle spalten will. Es ist, als würde etwas meinen Körper sprengen, als würde ich jeden Moment einfach in die Luft fliegen. Ich sinke auf die Knie. Mein Körper zittert. Schwarze Punkte tanzen in meinem Sichtfeld, bevor ich mich vorbeuge und und den letzten Rest meines Mageninhalts rauswürge.
Galle landet auf dem Fell der ausgestopften Maske.
Der Blick des Königs, als er über sie sprach, hat genügt, um Mordfantasien in meinem Kopf hervorzurufen. Wie grässlich nasal er geklungen hat. Alles an meinem Vater schreit danach, dass er verdammt viel dafür tun wird, sie kennenzulernen und ihre Aura zu überprüfen.
So viele Jahre sind vergangen. So viele Jahre, in denen es mir gelungen ist, mich nie erwischen zu lassen und sie vor ihm abzuschirmen, obwohl es mir fast das Hirn gesprengt hätte, diese Seite von mir zu akzeptieren. Es war so ungesund, riskant und gefährlich.
Und jetzt?
Jetzt hockt sie direkt vor seiner Nase. Sie sitzt nicht mehr in Westcliff fest. Ab sofort ist Clairvil ihr neues Zuhause und damit eine Leuchtreklame für jeden von uns. Würde ich versuchen, ihre Energie rund um die Uhr zu verwischen, würde ich in unter einer Woche dran verrecken.
Aber sie ist nicht irgendein Mädchen, das er haben kann. Sie ist mein Mädchen. Inez Campbell gehört mir.
Ich höre Bellas Schritte, noch bevor sie die Tür öffnet.
»Calix?«, sagt sie sanft, leise, mit dieser Stimme, die nur sie hat, wenn sie spürt, dass ich jeden Moment kippen könnte. Sie ist die Einzige, die mich manchmal zurückholt. Vorsichtig berührt sie meine Schulter. »Hey.«
»Was, wenn ich’s nicht schaffe, Bella?«, presse ich zwischen den Zähnen hervor. »Wenn er weiß, wer sie ist, und ich sie nicht schützen kann?«
»Schsch, Cal.« Bellatrix geht neben mir in die Hocke. Ihre rote Haarsträhne fällt ihr ins Gesicht. Sie steckt sie hinters Ohr, sieht mich mit diesen klaren, aufmerksamen Augen an, die so viel mehr sehen und wissen als andere. »Er hat nur ihre Aura erwähnt. Er weiß nichts. Er hofft vielleicht, mehr aber auch nicht.«
Ich kann nicht antworten. Ich presse die Stirn gegen das kalte Gestein, während mein Herz dabei ist, mich zu zerreißen.
»Du musst dich beruhigen, Calix. Du hast so lange gewartet. Du bist stärker. Jetzt solltest du auch klüger sein als er.«
»Ich weiß nicht, Bella«, murmele ich, richte mich langsam auf und wische mir über das Gesicht. »Momentan fühle ich mich verdammt schwach.«
Meine Schwester antwortet nicht sofort. Ihr Blick wandert zu den aufgesprungenen Knöpfen meines Hemds. Das helle Grün ihrer Augen verdunkelt sich, als sie meine Haut darunter mustert. Schließlich streckt sie die zarten Finger aus und beginnt, die Knöpfe zu schließen.
»Er weiß es nicht«, wiederholt sie. »Das gibt dir einen Vorsprung.«
»Er könnte dich benutzen, um mich zu erpressen«, kontere ich, woraufhin sie leise lacht.
»Niemand benutzt mich auf diese Art, Cal. Nicht einmal er.«
»Er weiß, dass sie anders ist«, presse ich hervor. »Er hat Zooza gekannt, Trix. Wenn er auch nur ahnt, was in Inez steckt, wird er sie sich holen.«
Beim letzten Knopf hält sie inne. Meine Schwester fährt über eine Stelle neben meinem Schlüsselbein. Dabei schließt sie gequält die Augen und schaudert, bis ich ihr Handgelenk umfasse und sie in der Bewegung stoppe.
»Nicht«, flüstere ich. »Tu dir das nicht an.«
Zitternd holt sie Luft. »Du musst ihn aufhalten.« Sie legt mir eine Hand an die Wange und zwingt mich, sie anzusehen. »Wir schaffen das. Du hast mich, Cal. Nicht er, nicht die anderen. Du und ich, wir kriegen sie. Sie wird an deiner Seite sein, so wie du es dir immer gewünscht hast.«
Ich atme tief durch, halte ihren Blick. »Ich hasse ihn, Bella«, flüstere ich leise, jeder Ton gebrochen. Ein Klang, für den ich jemand anderen töten müsste, würde er mich so schwach antreffen. »Ich will, dass das ein Ende hat.«
»Ich auch. Aber dafür müssen wir das Spiel spielen, in Ordnung?«
Ein Zittern geht durch mich hindurch. »Wie hast du das nur so lange ertragen?«
Sie lächelt traurig. »Indem ich auf dich gewartet habe. Und jetzt musst du sie für dich gewinnen, nur so kannst du ihn zu Fall bringen.«
Ich sehe sie an. Ihre Augen sind die einzigen, in denen ich manchmal noch so etwas wie Hoffnung finde. »Wenn er sie sich holt, bringe ich ihn um.«
Bella nickt. »Tu, was du tun musst. Aber fürs Erste müssen wir ans St. Clair. Wird Zeit, dass Inez den Mann kennenlernt, der sie seit Jahren beobachtet. Der jede ihrer Bewegungen kennt. Jeden ihrer Träume.« Ihr Blick verdunkelt sich. »Und der bereit ist, für sie zur Bestie zu werden.«
»Sie wird mich hassen.«
»Ja«, sagt sie, aber jetzt lächelt meine Schwester. »Aber dann wird sie es lieben, dich zu hassen.«
Inez
»Fass mich nicht an!«, zische ich dem gruseligen Spinner in der Bahn ins Gesicht und reiße mich los.
Aus seinem Mund dringt ein merkwürdiges Geräusch. Eine Mischung aus Knurren und Fauchen. »Keine Sorge, Liebelein. Es bringt mir ja sowieso nichts.«
Erst jetzt erkenne ich, dass er unter beiden Lidwinkeln einen roten Tropfen tätowiert hat. Das machen Geisterrufer häufiger. War ja klar, dass er zu denen gehört.
Mit bis zum Hals klopfendem Herzen zerre ich meinen Koffer auf den Mittelgang und haste zur Tür. Die alte Straßenbahn setzt sich bereits wieder ruckelnd in Bewegung, ehe ich in letzter Sekunde die Tür aufreiße.
»Hey!«, brüllt Old Joe, der Fahrer, aber meine Schuhe landen bereits in einer Pfütze auf dem Asphalt. Regenwasser spritzt zu beiden Seiten meiner Beine hoch und besprenkelt die Frischhaltefolie. Meine Glieder zittern immer noch, aber es sollte mich nicht wundern. Die Menschen in Westcliff sind nicht für ihre Freundlichkeit bekannt, und die Männer … sie sind schlimmer als Tiere.
Heftig atme ich aus und hebe den Kopf.
Seit ich den Brief erhalten habe, dass einer der drei freien Plätze in St. Clair für das nächste Semester an mich geht, bin ich diesen Weg öfter gefahren, um mich an diesen Moment zu gewöhnen. Doch jetzt, da ich offiziell eine von ihnen bin, fühlt es sich ganz anders an.
Vor dem viktorianischen Schloss stehen die Studierenden in ihren Uniformen. Sie schlendern durch das hohe schmiedeeiserne Tor oder steigen aus Daddys Luxuskarre, und mir wird schlecht.
In der Bewegung halte ich inne. Ich versuche, meine Atmung unter Kontrolle zu kriegen, und beobachte die Elitestudenten. Das Einzige, das mich mit ihnen verbindet, ist das Wappen der Schlange.
»Weitergehen, Campbell«, murmele ich, während der Regen auf meinen Schirm prasselt. »Du kannst das. Kopf hoch, Schultern zurück. Niemand interessiert sich für dich, also kann auch nichts schieflaufen.«
Langsam setze ich mich in Bewegung. Meine Finger werden steif, so fest kralle ich sie in den Gurt meiner Tasche. Heimlich mustere ich die perfekt geschminkten Mädchen. Mit Sicherheit wissen sie, wie ein Highlighter aufgetragen wird, ein Blender benutzt werden muss und Augenbrauen mit Glitzerpuder in Form gebracht werden, damit sie aussehen wie die von Kylie Jenner. Ich habe ganze Abende mit YouTube verbracht, aber am Ende sah ich immer aus wie ein Clown, der in einen Farbtopf gefallen ist.
Diese Mädchen hingegen … sie alle sind atemberaubend. Jede von ihnen. Keine einzige trägt Frischhaltefolie über ihren Socken, und die Dinger sind trotzdem perlweiß.
Wie machen die das?
»Ich bin nicht mein Körper«, flüstere ich mein spirituelles Mantra vor mich hin, gehe Schritt für Schritt weiter, »ich bin noch nicht einmal mein Geist.«
Materie. Materie. Materie. Wir sind alle nur Energie. Nichts weiter. Kein Körper, kein Geist, nur Energie. Du überstehst das, Inez. Die Welt ist Physik. Der Mensch ist Physik. Das Leben ist …
Ich fliege auf die Fresse. Aber so richtig. Ein scharfer Schmerz rast durch meine Beine, als meine Knie auf der festen Kante der Treppenstufen aufprallen. Mein Regenschirm landet irgendwo im Dreck. Dazu fliegt mir der Gurt meiner Tasche über den Kopf. Mit Entsetzen beobachte ich, wie meine Super-Plus-Tampons aus dem Seitenfach fliegen und sich ein Wettrennen über den Innenhof liefern.
»O verdammt, sorry!«
Ein helles Piepen ertönt in meinen Ohren. O Gott. Da ist überall Dreck. An meinen Beinen, meinem Rock. Da sind sogar ein paar Spritzer neben den Knöpfen meiner Bluse. Und Blut an meinen Strümpfen.
O Heilige. Ich bin am Arsch.
»Das war keine Absicht«, beteuert die herrenlose Stimme irgendwo neben mir. »Ich schwöre, das war ein Versehen! Komm, ich helfe dir hoch.«
Als ich aufsehe, steht da ein Mädchen mit blondem Pferdeschwanz und verschwitztem Gesicht in einem tiefen Dunkelrot, als hätte sie sich mit Roter Bete eingeschmiert. Ihr trainierter Körper steckt in einem grünen Sport-Zweiteiler, der genauso gut ein Hauch von nichts sein könnte. Auf den ersten Blick erinnert sie mich an Violetta aus Charlie und die Schokoladenfabrik, und offenbar interessiert sie sich kein bisschen für den Regen. »Ich bin im Laufteam und mache jeden Morgen Sprints, bevor das eigentliche Training beginnt. Der Sportprofessor Mr West ist ultrahot, und, na ja, irgendwie bin ich seine Lieblingsstudentin, glaube ich, deshalb will ich ihn beeindrucken. Ist ja auch egal. Jedenfalls hab ich dich nicht gesehen. Sorry noch mal.«
Vermutlich würde ich ihr antworten, wenn in diesem Moment kein ohrenbetäubendes Gelächter zu mir durchdringen würde. Alarmiert wende ich den Kopf und erkenne mit Entsetzen, wie einer meiner Tampons gegen den Schuh eines Typen rollt.
Meine Kinnlade sackt hinab.
Ach. Du. Verdammte. Scheiße.
Ich weiß, wer das ist. Jeder in Monclair weiß, wer das ist.
Calix Barclay. Letztgeborener Sohn des Königs von Monclair und ein verdammter Prinz, der aussieht wie ein Gott der Unterwelt.
Sein Haar ist schwarz wie das Ende der Nacht, die Haut sonnengetränkt, als hätte er dem Licht getrotzt und dennoch gesiegt. Aber was mich wirklich aus der Bahn wirft, sind seine Augen. Eisblau und schneidend – wie zwei Klingen aus gefrorener Arroganz. Er hat Lippen wie ein Heiliger und Wangenknochen wie ein Todesengel.
Calix sieht zum Tampon, dann zu mir. Hitze erfüllt mich. Seine Lider flattern, dann bläht er die Nasenflügel. Keine Ahnung, warum. Muss er sich das Lachen verkneifen oder will er mich anblaffen?
So oder so: Das Blut schießt in Wallungen durch meinen Körper, und die nervöse Ader unter meinem Handgelenk rattert im Rekordtempo.
Seine Lippen öffnen sich einen winzigen Spaltbreit. Dann schießt seine Zungenspitze daraus hervor, und er befeuchtet sie langsam, genüsslich. Ich erkenne ganz deutlich, wie er schluckt. Mit stockendem Atem lasse ich den Blick weiterwandern und entdecke neben ihm seine Brüder.
Brix, den mittleren Prinzen, und Hendrix, den Erstgeborenen. An drei ihrer Arme kleben Mädchen. Nur zu Calix halten die zwei weiteren Mädels einen gewissen Abstand. Am vierten, dem anderen von Brix, klebt ein Kerl, der Unterweltgott Nummer zwei anhimmelt wie Gibble-Gabble vermodernde Kuhscheiße.
Jeder von ihnen ist schöner als alles, was ich kenne.
Sie wirken beinahe unmenschlich attraktiv.
»Seht an«, schnalzt Brix, während er sich eine Zigarette anzündet, und an seinem Arm, so stelle ich mit Entsetzen fest, windet sich eine Schlange.
Eine verdammt echte Schlange.
»Aschenputtel hat das College gefunden.«
Im Gegensatz zu Calix, dem Todesengel, ist Brix rothaarig, aber die Konturen seines Gesichts sind genauso scharf geschliffen. Schmetterlingsflügel an Sommersprossen zieren seine Nase, vor der er jetzt mit seiner Zigarette rumwedelt. Tief saugt er den Qualm ein. In Schwaden schießt dieser direkt in seine Nasenlöcher, bis sich seine Schultern kaum merklich entspannen. Wieder habe ich keine Ahnung, was das soll. Entweder ist er krank süchtig oder einfach komisch. »Nur sammelt sie keine Erbsen, sondern Tampons.«
»Brix«, raunt Hendrix.
Aschblondes Haar, grüne Augen.
»Benimm dich. Sie ist … neu.«
Im ersten Moment denke ich, dass es nett von ihm ist, mich zu verteidigen, aber dann leckt er sich die Lippen, während er mich mustert, und fügt rau hinzu: »Frischfleisch.«
Genau wie seine Brüder wirkt er so, als wollte er mich fressen.
Das hier ist das Schlimmste, was mir am ersten Tag hätte passieren können. Meine Lunge brennt vor Scham. Ich bücke mich, um den ersten Tampon aufzuheben, aber das Laufmädchen hält mich zurück.
»Was hast du vor?«, raunt sie.
»Wonach sieht es denn aus?« Ich kann nicht verhindern, dass ich angepisst klinge. Hätte sie mich nicht umgestoßen, würde niemand von mir Notiz nehmen. »Ich sammele die Dinger auf.«
»O nein, nein, nein! Auch dein Riesending da, diesen Koffer, grottenhässlich übrigens, lässt du hier stehen. Den bringt dir das Personal hoch. Steht dein Name drauf?«
Während ich nicke, umfasst sie meinen Arm und zieht mich räuspernd weiter, wobei sie gekünstelt lacht und jedem, an dem wir vorbeikommen, einen ausgelassenen Blick samt weiblichen Winkefingern schenkt.
Sie beherrscht das Spiel der Tarnung bestens.
»Auf gar keinen Fall«, zischt sie durch ihre weißen Zähne. »Heb den Kopf, als wäre dir alles scheißegal, und betritt die Höhle der Löwen, kapiert?«
»Aber der Innenhof …«
»Das St. Clair hat reichlich Reinigungskräfte. Sie werden sich darum kümmern.«
»Aber«, setze ich erneut an, doch sie unterbricht mich.
»Wenn du an ihnen vorbeigehst, sieh sie nicht an.«
»Was?« Ich runzle die Stirn. »Wen?«
»Die X-Boys.«
»Wen bitte?«
»Die Jungs. Alle enden auf X, daher der Name. Und jetzt leise.«
Ihre Finger drücken sich fester in meinen Arm, als wir die Prinzen mit den Mädels passieren. Eine von ihnen will sich fest an Calix’ Arm schmiegen, aber er zieht ihn sofort zurück. An seinem Handgelenk funkelt eine glänzende grüne Rolex. Während er über mich hinwegsieht, betrachtet mich das Mädchen genau.
Die Studentin hat seidiges schwarzes Haar bis zu den Schlüsselbeinen – mit gesunden Spitzen –, hellweiße Haut und wachsame Augen. Ihr scheint kein Detail zu entgehen. Mein Blick zuckt zu ihrer Halskette. Ein chinesisches Schriftzeichen baumelt als funkelnde Diamantkette um ihren Hals, und mich überkommt brennende Neugier, was es bedeuten könnte.
»Unsere wunderschöne Akira«, raunt das Laufmädchen mir trocken zu und starrt geradeaus, als würde ihr Leben davon abhängen. »Reiche, einflussreiche Familie, die ihre Finger in wichtigen internationalen Geschäften drinhat. Und vielleicht auch in toten Körpern, wenn es sein muss. Besser also, du legst dich nie mit ihr an.«
»Hatte ich nicht vor«, entgegne ich leise und sehe unauffällig zu ihr hinüber. Doch weil dabei auch die Silhouetten der Jungs in meinen Blickwinkel geraten, bohren sich seine eisblauen Augen in meine. So tief, dass mir ein Schaudern über den Rücken läuft.
Calix’ Lippen verziehen sich zu einem Grinsen – als würde er sich jeden Moment auf mich stürzen. Als wäre ich tatsächlich das Frischfleisch, auf das er hungrig gewartet hat. Alles in mir will sich abwenden, aber da ist etwas, das ich nicht benennen kann, was es mir unmöglich macht wegzusehen.
Und je länger ich seinen Blick halte, desto schneller erlischt sein Grinsen. Sein Ausdruck wechselt zu einer irritierten Grimasse, bevor er die dichten schwarzen Brauen zusammenzieht und die Hände zu Fäusten ballt.
»Calix«, murmelt Brix neben ihm, und es klingt unsicher, verwirrt, was mich aus der Fassung bringt, weil das anschließende Knurren wie eine Drohung auf mich wirkt. »Warum kann ich sie nicht …?«
»Leise, Brix«, befiehlt Hendrix.
Calix hört nicht auf zu starren. Als ich an ihm vorbeigehe, könnte ich schwören, seine Schulter berührt meine. Er erstarrt für den Bruchteil einer Sekunde, bevor mich das Sportmädchen weiter in das Gebäude zieht.
Drinnen dringt der Duft von teuren Parfums aus jeder Ritze, gepaart mit dem feuchten Geruch kalter Steinwände. Neben einer Säule prasselt jedoch ein herrliches Feuer im Kamin, das die Flure erwärmt.
Hier wirkt nichts so wie in Westcliff. Das St. Clair College ist so weit von meiner alten Schule entfernt wie unser Cottage vom Königspalast.
Kristalllüster baumeln von der Decke und werfen ihr glitzerndes Licht auf den polierten Marmor. Er sieht so glatt aus, dass ich Angst habe, auszurutschen und mir das Genick zu brechen. Vor uns erstreckt sich eine breite Treppe mit geschwungenem Goldgeländer. Es würde mich nicht wundern, wenn es echt wäre.
»Ich bin übrigens Violet«, sagt das Mädchen und führt mich zu den Schließfächern.
Violet? Im Ernst jetzt? Wirklich wie das Schokoladenfabrik-Mädchen?
Bei einem hält sie inne, schließt es auf und zieht eine Sporttasche heraus. »Du bist neu, oder?«
Es gibt viele Neue im ersten Semester, aber für gewöhnlich kennt man jede und jeden der Studierenden schon seit dem Kleinkindalter. Ich hingegen bin eine der drei Nachrückenden. Die Elite kennt sich untereinander. Sie wachsen zusammen auf, beobachten sich und verpassen nichts. Wenn Violet also fragt, ob ich neu bin, will sie eigentlich wissen, aus welchem Loch ich gekrochen bin.
»Ja, ich heiße Inez«, murmele ich und blicke zu den breiten Marmortreppen, auf denen die Studierenden in die höheren Etagen gehen. »Für das erste Semester habe ich einen freien Platz bekommen.«
»Ah, wie Shay.«
Ich habe keine Ahnung, wer Shay ist. Aber bevor ich nachfragen kann, setzt sie bereits nach. »Woher kommst du?«
»Aus …« Innerlich winde ich mich. »Aus Westcliff.«
Violet hält in der Bewegung inne. Sie hebt die Brauen, als würde meine Antwort plötzlich so einiges erklären. »Jetzt wird mir klar, warum du einen Scheiß auf die Hierarchie gibst.«
Ich blinzele. »Wie bitte?«
»Die X-Boys, Inez«, entgegnet sie und kramt eine Wasserflasche aus ihrer Tasche. »Dreimal X, dreimal Macht, dreimal Ich-sag-dir-wie-es-läuft-und-du-tust-was-ich-dir-sage. Calix, Brix, Hendrix. Du weißt, wer sie sind?«
»Ja«, sage ich, dieses Mal ein bisschen harscher, und verschränke die Arme vor der Brust. Ich bin aus Westcliff, aber nicht blöd. »Natürlich. Und zu ihnen gehört die Schwester, Bellatrix.«
»Genau, aber sie ist kein Boy, also …« Sie zuckt die Achseln. »Jedenfalls ist ihr Wort Gesetz. Was sie machen, wird nicht infrage gestellt. Und wenn sie nicht mit dir reden, sprichst du sie auch nicht an. Wenn sie dir nicht ausdrücklich zu verstehen geben, dass du sie ansehen sollst, tust du nicht einmal das.«
Erst will ich laut auflachen, weil ich glaube, dass Violet spinnt. Aber als sie mir nur todernst in die Augen sieht, weicht mein spöttisches Lächeln einer entsetzten Mine. »Das ist dein Ernst?«
»Natürlich ist das mein Ernst.«
»Wieso?« Langsam schüttele ich den Kopf. »Nur weil sie mit einem Arsch voll Geld und Macht geboren wurden?«
Violet verzieht das Gesicht, als würde meine Antwort ihr körperliche Schmerzen bereiten. »Sie sind nicht nur Prinzen, Inez.« Sie wirft einen schnellen Blick über die Schulter, bevor sie sich vorbeugt und leise raunt: »Sie führen den Royal Clair Club.«
»Den was?«
Violet geht nicht darauf ein. Sie wirft die leere Flasche in ihren Spind, schließt die Tür und schultert ihre Sporttasche. »Musst du deinen Kursplan noch holen?«
Ihr plötzlicher Themenwechsel irritiert mich. »Nein, ich habe ihn.«
»Was ist deine erste Stunde?«
»Physik«, sage ich sofort. Ich kenne diesen ganzen Plan in- und auswendig. »Bei Ms Jones.«
»Oh.« Wieder gleitet ein Schatten über ihr Gesicht. »Na, dann viel Spaß.«
»Wieso sagst du das in diesem Ton?«
Sie seufzt. »Du bist im ersten Semester. Wie Calix. Soweit ich weiß, hat er den naturwissenschaftlichen Zweig belegt. Könnte sein, dass er auch dort ist.«
»Na und?«
»Er ist der Prinz, Inez.« Ihr Ton klingt ernst. Viel ernster, als das Wort es eigentlich verdient. Sie berührt den goldenen Ring in ihrem Nasenflügel und schaut zur Tür.
Ich entdecke die drei Brüder. Sie schlendern in die Eingangshalle wie Könige auf der Suche nach neuen Untertanen, und dabei zischt ihr Blick sofort zu mir. Die Bewegung ist so synchron, dass sie mir wie eine Kerzenflamme über die Wirbelsäule leckt.
»Fuck«, flucht Violet. »Sie haben es schon auf dich abgesehen.«
»Wie bitte?«
»Sie starren dich alle an, als wollten sie dich umbringen.«
Mit Entsetzen registriere ich, dass sie recht hat.
»Wenn du dieses Jahr überstehen willst«, raunt Violet und sieht mich ernst an, »fall bloß nicht auf.«
»Das hatte ich nicht vor, bis du mich angerempelt hast.«
»Tut mir echt leid.«
Die Art, wie sie bedauernd ihre Brauen zusammenzieht, lässt mich das sogar glauben.
»Treffen wir uns zum Mittagessen?«
Ich will gerade zustimmen, als sich mir die Nackenhaare aufstellen und ich ganz deutlich spüre, wie sich jemand hinter mir aufbaut.
»Du kennst die Regeln nicht«, raunt mir eine tiefe, raue Stimme ins Ohr.
Calix, denke ich sofort, gefolgt von einer Reihe wilder, unkontrollierter Herzschläge. Ich spüre die Hitze seines Körpers an meinem, seinen Atem an meinem Hals, ich rieche seinen betörenden Duft, einzigartig und anders als alles, was ich kenne, ja, betörend
