Ruhm der frühen Jahre - Laura Martens - E-Book

Ruhm der frühen Jahre E-Book

Laura Martens

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Beschreibung

Dr. Baumann ist ein echter Menschenfreund, rund um die Uhr im Einsatz, immer mit einem offenen Ohr für die Nöte und Sorgen seiner Patienten, ein Arzt und Lebensretter aus Berufung, wie ihn sich jeder an Leib und Seele Erkrankte wünscht. Seine Praxis befindet sich in Deutschlands beliebtestem Reiseland, in Bayern, wo die Herzen der Menschen für die Heimat schlagen. Der ideale Schauplatz für eine besondere, heimatliches Lokalkolorit vermittelnde Arztromanserie, die ebenso plastisch wie einfühlsam von der beliebten Schriftstellerin Laura Martens erzählt wird. Gustav Maurer erwachte von einem nagenden, bohrenden Schmerz in seinem Magen. Er richtete sich auf dem Strohlager auf, das er sich am Abend zuvor gemacht hatte, und starrte durch das schmale Fenster der verfallenen Scheune nach draußen. Seit er vor einer Woche seine Uhr gegen Brot und einige Wurstdosen getauscht hatte, lebte er quasi ohne Zeit, andererseits konnte er sich auf sein Gefühl verlassen, das ihm bis auf eine Stunde genau sagte, wie spät es war. Der Mann griff nach der Wasserflasche, die er neben sein provisorisches Lager gestellt hatte, und nahm einen langen Schluck. Bis auf ein paar angefaulte Äpfel hatte er seit über vierundzwanzig Stunden nichts mehr gegessen. Es wurde allerdings höchste Zeit, daß er etwas in den Magen bekam. Woher nehmen und nicht stehlen, dachte er sarkastisch. Gut, er konnte am nächsten Morgen nach Tegernsee gehen und sich an das dortige Sozialamt wenden, um ein wenig Geld zu bekommen, aber er haßte es, bei Ämtern vorzusprechen. Es gab nur zwei Alternativen: Entweder, er mußte zusehen, daß er einen Gelegenheitsjob bekam, was sich als immer schwieriger erwies, oder er mußte betteln. Gustav beschloß, es erst einmal mit einem Gelegenheitsjob zu versuchen. Falls er keine Arbeit fand, konnte er sich immer noch mit seiner Mundharmonika und seinem Hut vor das Tegernseer Schloß setzen. Er preßte die Hände auf seinen Magen. Selbst, wenn er Glück hatte und einen Job fand, würde es noch endlos dauern, bis er etwas zu Essen bekam, nur so lange konnte er nicht mehr warten. Sein Magen machte ihm in letzter Zeit ohnehin Schwierigkeiten. Er brauchte etwas zwischen die Zähne! Gustav Maurer stand auf, packte seine wenigen Habseligkeiten in einen verschlissenen Rucksack, schnallte auf ihm die Decke fest, die schon so dünn geworden war, daß sie nur noch illusorische Wärme spendete, und verließ die Scheune. Sein Blick glitt den Berg hinunter nach Tegernsee. Bis auf die Straßenbeleuchtung lag die Stadt in tiefster Dunkelheit. Es war kalt, kälter, als man es in einer Oktobernacht erwarten durfte. Fröstelnd rieb er sich die Hände.

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Seitenzahl: 114

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Der Arzt vom Tegernsee – 52 –Ruhm der frühen Jahre

Laura Martens

Gustav Maurer erwachte von einem nagenden, bohrenden Schmerz in seinem Magen. Er richtete sich auf dem Strohlager auf, das er sich am Abend zuvor gemacht hatte, und starrte durch das schmale Fenster der verfallenen Scheune nach draußen. Seit er vor einer Woche seine Uhr gegen Brot und einige Wurstdosen getauscht hatte, lebte er quasi ohne Zeit, andererseits konnte er sich auf sein Gefühl verlassen, das ihm bis auf eine Stunde genau sagte, wie spät es war.

Der Mann griff nach der Wasserflasche, die er neben sein provisorisches Lager gestellt hatte, und nahm einen langen Schluck. Bis auf ein paar angefaulte Äpfel hatte er seit über vierundzwanzig Stunden nichts mehr gegessen. Es wurde allerdings höchste Zeit, daß er etwas in den Magen bekam.

Woher nehmen und nicht stehlen, dachte er sarkastisch. Gut, er konnte am nächsten Morgen nach Tegernsee gehen und sich an das dortige Sozialamt wenden, um ein wenig Geld zu bekommen, aber er haßte es, bei Ämtern vorzusprechen. Es gab nur zwei Alternativen: Entweder, er mußte zusehen, daß er einen Gelegenheitsjob bekam, was sich als immer schwieriger erwies, oder er mußte betteln. Gustav beschloß, es erst einmal mit einem Gelegenheitsjob zu versuchen. Falls er keine Arbeit fand, konnte er sich immer noch mit seiner Mundharmonika und seinem Hut vor das Tegernseer Schloß setzen.

Er preßte die Hände auf seinen Magen. Selbst, wenn er Glück hatte und einen Job fand, würde es noch endlos dauern, bis er etwas zu Essen bekam, nur so lange konnte er nicht mehr warten. Sein Magen machte ihm in letzter Zeit ohnehin Schwierigkeiten. Er brauchte etwas zwischen die Zähne!

Gustav Maurer stand auf, packte seine wenigen Habseligkeiten in einen verschlissenen Rucksack, schnallte auf ihm die Decke fest, die schon so dünn geworden war, daß sie nur noch illusorische Wärme spendete, und verließ die Scheune.

Sein Blick glitt den Berg hinunter nach Tegernsee. Bis auf die Straßenbeleuchtung lag die Stadt in tiefster Dunkelheit. Es war kalt, kälter, als man es in einer Oktobernacht erwarten durfte. Fröstelnd rieb er sich die Hände.

Ich muß irgendwo etwas zu essen finden, dachte er und überlegte, in welche Richtung er sich wenden sollte. Hinunter nach Tegernsee gehen, um in ein Lebensmittelgeschäft oder eine Bäckerei einzubrechen, erschien ihm irrsinnig. Eher konnte er sich in die Küche eines Bauernhofes schleichen, allerdings auch nur, wenn es dort keinen Wachhund gab. Vor Hunden hatte er sowieso ziemlichen Respekt, seit er vor fünf Jahren von einem Rottweiler angefallen worden war.

Plötzlich fiel ihm der Leinerhof ein, an dem er am Vortag auf seinem Weg in Richtung Neureuth vorbeigekommen war. Den Leinerhof hatte es schon gegeben, als er noch in Tegernsee gelebt hatte, allerdings befand sich inzwischen dort ein Tierpflegenest, wie er es auf dem Schild am Tor gelesen hatte. Ein Tierpflegenest konnte nichts anderes als ein Tierheim sein, und in einem Tierheim waren die Hunde bei Nacht in ihren Zwingern.

Gustav Maurer nickte entschlossen. Ja, er würde dem Leinerhof einen Besuch abstatten, sein knurrender Magen ließ ihm keine andere Wahl.

Der Mann schritt rasch aus. Der Mond schien in dieser Nacht so hell, daß er keine Mühe hatte, seinen Weg zu finden. Nach etwa einer halben Stunde erreichte er eine Koppel. Sie gehörte bereits zum Leinerhof. Sehnsüchtig betrachtete er das dazugehörige Stallgebäude. Auch wenn es ihm lächerlich erschien, beneidete er minutenlang die Tiere, die in ihm standen. Sie hatten es nicht nur warm und bequem, sondern vor allen Dingen auch bestimmt einen vollen Magen.

Leise schlich er am Stall vorbei und erreichte ein langgezogenes Gebäude, das so gebaut worden war, daß es einen Teil der ziemlich neuen Hofmauer bildete. Gleich daneben gab es eine schmale, hohe Tür. Sie war abgeschlossen, doch jahrelange Übung ließ ihn dieses Hindernis innerhalb weniger Minuten überwinden.

Gustav schlüpfte fast lautlos durch die Tür. Etwa zwanzig Meter von ihm entfernt erhob sich ein altes, einstöckiges Bauernhaus, dessen weiße Fassade mit Lüftlmalerei verziert war. Um den ganzen ersten Stock lief ein breiter Balkon. Einen weiteren Balkon gab es im Dachgeschoß. Rechts und links des Eingangs blühten in steinernen Kübeln noch ein paar einsame Geranien.

Er überlegte, ob er es wagen sollte, in das Haus einzudringen, oder ob es nicht besser sein würde, erst einmal in der Futterküche nach Eßbarem zu suchen. Sein Instinkt sagte ihm, daß sie sich in dem langgezogenen Gebäude befand. Allerdings riskierte er dann, womöglich die Hunde zu wecken.

Gustav schlich leise zum Haus. Mühelos fand er die Küche. Eines ihrer Fenster war nur gekippt. Vorsichtig griff er durch die Lücke und wollte das Fenster gerade entriegeln, als er hinter sich ein langgezogenes Knurren hörte. Erschrocken fuhr er herum und erstarrte. Etwa einen Meter von ihm entfernt stand ein großer schwarzer Hund mit hochgezogenen Lefzen. Es sah nicht aus, als würde er Spaß verstehen.

»Ich verschwinde schon«, flüsterte Gustav heiser. »Ich…« Statt sich langsam Zentimeter um Zentimeter auf die offene Seitentür zuzubewegen, begann er zu rennen. Der Hund jagte ihm kläffend nach. Er brauchte keine fünf Sekunden, um ihn einzuholen. Verzweifelt trat der Mann nach ihm, was sich schon im nächsten Moment als Fehler erwies, weil der Hund nach seinem Bein schnappte.

Gustav spürte einen brennenden Schmerz und stürzte hin. Sein Jammern ging in dem ohrenbetäubenden Gebell der anderen Hunde unter, die in ihren Zwingern Alarm schlugen. Im Hof wurde es mit einem Schlag fast taghell.

Ilse Gabler, die Besitzerin des Leinerhofes, erwachte aus tiefem Schlaf. Barfuß rannte sie auf den Balkon hinaus. Da ihr Schlafzimmer jedoch nach hinten lag, konnte sie nur sehen, daß die Hofbeleuchtung angegangen war. Eilig zog sie sich ihren warmen Morgenrock über, schlüpfte in ihre Hausschuhe und eilte zur Treppe.

Beate Riedl kam ihr aus dem Dachgeschoß, wo sie mit ihrem Enkel lebte, entgegen. Ilse lachte innerlich auf, als sie sah, daß ihre Wirtschafterin die schwere Taschenlampe, die sie ergriffen hatte, wie eine Waffe schwenkte.

»Da muß jemand in den Hof eingedrungen sein«, sagte Frau Riedl. »Klaus ist bereits nach draußen gelaufen.« Grimmig fügte sie hinzu: »Heutzutage ist man wirklich seines Lebens nicht mehr sicher.«

»Wir wollen keine voreiligen Schlüsse ziehen«, meinte Ilse

Gabler. »Schauen wir erst mal nach, was passiert ist.« Sie eilte die Treppe hinunter.

Klaus Riedl, Beates Enkel, hielt den großen schwarzen Hund, der Gustav Maurer angegriffen hatte, am Halsband fest, während Andrea Stanzl, die als Tierpflegerin auf dem Leinerhof arbeitete, neben Gustav Maurer kniete und sein Bein untersuchte.

»Sieht aus, als wollte dieser Mann bei uns einbrechen, Frau Gabler«, sagte Klaus, als Ilse in den Hof trat. »Gefährlich sieht er allerdings nicht aus. Ich nehme an, daß er nur etwas zu essen suchte. Borro hat ihn am Bein erwischt.«

»Am besten, du sperrst Borro erst einmal ein.« Ilse tätschelte den Hals des Hundes. »Hast fein aufgepaßt, Borro«, lobte sie ihn. »Aber jetzt ist es genug. Du hast deine Pflicht erfüllt.« Sie wandte sich an den jungen Mann. »Gib ihm am besten ein paar Hundekuchen.«

»Mach ich, Frau Gabler«, erwiderte Klaus. »Komm, Borro.« Er zog den sich sträubenden Hund in Richtung des Zwingergebäudes. »Zeit für ein Schläfchen.«

Die junge Frau, die neben Gustav Maurer kniete, hob den Kopf. »Sieht nicht allzu schlimm aus, Ilse, trotzdem sollten wir Doktor Baumann anrufen oder den Mann in die Klinik bringen.«

»Keine Klinik, bitte keine Klinik«, flüsterte Gustav angstvoll. »ein Pflaster reicht, und dann verschwinde ich.« Er blickte zu Ilse auf. »Ich habe Ihnen nichts Böses antun wollen.«

»Das kann jeder behaupten«, bemerkte Beate Riedl. Sie drohte dem Mann wütend mit der Taschenlampe. »Also, wenn Sie mich fragen, sollten wir die Polizei anrufen. Solche Kerle gehören hinter Schloß und Riegel. Schauen Sie ihn sich nur an. Der sieht aus, als würde er jede Nacht im Freien verbringen. solches Gelichter gehört nicht nach Tegernsee. Er…«

»Wenn man jede Nacht ein Bett zum Schlafen hat und genügend zu essen, kann man leicht so reden«, mischte sich Andrea ein. Sie wußte, was es hieß, kein Zuhause zu haben.

»Ja, da hast du völlig recht, Andrea«, meinte Ilse. »Meinen Sie, daß Sie aufstehen können?«

Gustav nickte. Bereits im nächsten Moment richtete er sich auf, bemühte sich jedoch, sein verletztes Bein nicht zu belasten. »Wenn ich noch ein Pflaster bekommen könnte und eventuell einen Happen zu essen…«

»Auch noch Forderungen stellen«, brummte die Wirtschafterin.

»Kommen Sie erst einmal in die Küche«, sagte Ilse. »Wie heißen Sie denn?« Sie nannte ihren Namen und stellte auch ihre Wirtschafterin und Andrea vor. »Der junge Mann, der Borro in den Zwinger bringt, ist Klaus, der Enkel der Wirtschafterin.«

Gustav nannte ebenfalls seinen Namen. »Bis auf Mundraub habe ich mir wirklich noch nichts zuschulden kommen lassen. Leider muß der Mensch essen, sonst…«

»Haben Sie es schon einmal mit Arbeit versucht?« fragte Beate Riedl bissig. Sie ärgerte sich darüber, daß Frau Gabler wieder einmal ihr weiches Herz sprechen ließ. Es wurde Zeit, daß ein Mann auf den Hof kam. Ihren Enkel zählte sie da nicht. Seit er sich in Andrea Stanzl verliebt hatte, nahm sie ihn nicht mehr für voll.

Andrea half dem Eindringling in die Küche. Aufatmend ließ er sich auf einen der Stühle fallen. »Kaffee oder Tee?« fragte sie und füllte den Kessel mit Wasser.

»Wenn Sie schon fragen, Tee«, sagte Gustav und fragte sich, ob er träumte.

»Sie bekommen auch gleich etwas zu essen«, versprach Ilse und wies ihre Haushälterin an, ein kräftiges Vesper zu richten. »Ich rufe inzwischen Doktor Baumann an.« Sie schüttelte den Kopf. »Nein, keine Widerrede, ich bestehe darauf, daß ein Arzt Ihre Wunden ansieht, Herr Maurer. Sie sind bestimmt auch nicht gegen Tetanus geimpft.«

Dr. Eric Baumann wohnte am anderen Ende von Tegernsee. Er brauchte fast zwanzig Minuten, bis er den Leinerhof, der auf dem Großtegernseer Berg lag, erreichte. Als er durch das Hoftor fuhr, begannen die Hunde in ihren Zwingern erneut zu bellen. Der Lärm, den sie vollführten, war in der Stille der Nacht vermutlich bis in die Stadt hinunter zu hören.

»Tut mir leid, daß wir Sie wegen eines Penners aus dem Bett jagen mußten, Herr Doktor«, wurde er von Beate Riedl empfangen. »Ich verstehe nicht, weshalb Frau Gabler ihr Mitgefühl an so einen Kerl verschwendet. An ihrer Stelle hätte ich die Polizei angerufen, statt ihn noch mit Schinken und Salami zu bewirten. Es ist empörend, was heutzutage…«

»Ich würde mir den Mann gern ansehen, bevor ich mir ein Urteil bilde, Frau Riedl«, fiel ihr Dr. Baumann ins Wort. Er wußte, wie unerbittlich diese alte Frau sein konnte. Für die gab es nur schwarz und weiß. Es war fast unmöglich, ihre einmal gefaßte Meinung über einen Menschen zu ändern.

Gustav Maurer saß noch in der Küche des Bauernhauses. Sein verletztes Bein lag auf einem Stuhl. Trotz seiner Schmerzen fühlte er sich behaglich und geborgen. Er hatte gut gegessen, heißen Tee getrunken und sehnte sich nur noch nach einem warmen Plätzchen, auf dem er sich zur Ruhe legen konnte.

Ilse Gabler kam dem Arzt entgegen. Sie hatte sich zwar schon am Telefon für die nächtliche Störung entschuldigt, jetzt aber tat sie es noch einmal. »Herr Maurer wollte nicht ins Krankenhaus. Ich nehme an, er hat seine Gründe.«

»Ist schon gut, Frau Gabler«, meinte Eric. »Als ich mich entschloß, in die Fußstapfen meines Vaters zu treten, wußte ich, daß meine Nachtruhe oft gestört werden würde.« Er stellte seine Tasche ab und reichte Gustav die Hand. »Wie ich hörte, hatten Sie einen kleinen Zusammenstoß mit einem der Hunde.«

»Meine Schuld«, bekannte Gustav. »Ich dachte, ich könnte mir in der Küche etwas Eßbares besorgen, und war überzeugt, daß in einem Tierheim alle Hunde des Nachts im Zwinger sind.« Er hob die Schultern. »Wie sich herausgestellt hat, ein Irrtum.«

»Am besten, wir lassen Doktor Baumann mit Herrn Maurer allein«, schlug Ilse vor. »Ich bin im Wohnzimmer, Doktor Baumann.« Sie wartete, bis Andrea und Frau Riedl die Küche verlassen hatten, dann folgte sie ihnen und schloß die Tür hinter sich.

»Was geschieht nun mit Herrn Maurer?« fragte Andrea. Der Mann tat ihr unendlich leid.

Darüber hatte Ilse auch schon nachgedacht. Sie brachte es nicht fertig, Gustav Maurer in die Nacht hinauszujagen. »Ich bin dafür, daß er wenigstens solange bei uns bleibt, bis seine Wunde verheilt ist«, sagte sie.

Beate Riedl stieß heftig den Atem aus. »Wenn man uns eines Nachts die Kehle durchschneidet, haben wir das Ihrer Gutmütigkeit zu verdanken, Frau Gabler«, sagte sie außer sich.

»Der Mann sieht mir nicht nach einem potentiellen Mörder aus, Großmutter«, wandte Klaus ein. »Er könnte in einer der beiden Kammern schlafen, die hinter Ihrer Werkstatt liegen, Frau Gabler. Es wäre ja nicht das erste Mal, daß dort jemand wohnt. Außerdem könnten wir auf dem Hof ein wenig Hilfe gebrauchen.«

»Einverstanden.« Ilse nickte ihm zu.

»Ich helf dir dabei, Klaus«, sagte Andrea.

»Sieht aus, als würde ich nicht gebraucht«, erklärte die Wirtschafterin. »Da meine Meinung in diesem Haus ohnedies nichts mehr gilt, kann ich auch ins Bett gehen.«

Ilse war es leid, sich mit ihr zu streiten, deshalb verzichtete sie auf eine Antwort. »Gute Nacht, Frau Riedl«, sagte sie nur und ging ins Wohnzimmer, um dort auf Dr. Baumann zu warten.

Frau Riedl stieg empört die Treppe hinauf und ließ kurz darauf laut ihre Schlafzimmertür ins Schloß fallen.

Gustav Maurer war überaus dankbar, daß er die nächsten Tage auf dem Leinerhof bleiben durfte. Er konnte sein Glück kaum fassen und versicherte Ilse ein ums andere Mal, daß er alles tun würde, um sich nützlich zu machen.

»Sieht aus, als hätten Sie mal wieder ein Sorgenkind mehr auf dem Hof«, meinte Dr. Baumann, als ihn Ilse Gabler zu seinem Wagen brachte. »Herr Maurer hat mir übrigens erzählt, daß er aus Tegernsee stammt. Seine Familie hatte es während des Krieges hierher verschlagen.«

»Hat er noch Angehörige in Tegernsee?«

»Nein.« Eric schüttelte den Kopf. »Mal sehen, was wir für ihn tun können. Meiner Meinung nach würde er gern seßhaft werden.«