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Er ist elf Jahre alt. Er hat alles verloren. Und er trägt jetzt das Leben eines anderen Kindes in seinen Händen. Das Jahr ist 2445. Was einmal Hamburg war, ist heute ein Trümmerfeld aus Asche und Angst – ein Erbe des Dritten Weltkriegs, der 2032 die Welt für immer zerbrochen hat. Milo kennt keine andere Welt. Aber er kannte seinen Vater – bis er ihn auf offener Straße sterben sah, erschossen, ohne Grund, ohne Gnade. Jetzt flieht Milo. Sein Ziel: Berlin. Der Leuchtturm – ein Untergrundnetzwerk, der letzte Funken Hoffnung in einer hoffnungslosen Zeit. Doch auf dem Weg dahin steigt ein kleines Mädchen in sein Leben – Mila. Ihre Mutter verblutet in einem Güterzug, und mit letzter Kraft vertraut sie dem fremden Jungen das Einzige an, das ihr noch geblieben ist: ihre Tochter. Zwei Kinder. Eine zerstörte Welt. Und ein Leuchtturm, der vielleicht gar nicht mehr leuchtet. RUINEN - MILO und MILA - Der Weg zum Leuchtturm, ist eine Geschichte über Verlust, Verantwortung und die erschreckende Stärke derer, die eigentlich noch beschützt werden müssten.
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Seitenzahl: 385
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Vorwort
Der lange Schatten
Milo - wie alles begann
Die Flucht nach Südosten
Das Versprechen - Mila
Aumühle nach Trittau
Trittau nach Hornbeck
Hornbeck nach Besenthal
Besenthal nach Gallin
Gallin nach Vellahn über Rodenwalde
Vellahn nach Redefin
Redefin zur Kläranlage Fahlenkamp über Alt Krenzlin und Hornkaten
Kläranlage Fahlenkamp nach Karstädt
Karstädt nach Kyritz
Kyritz nach Staffelde
Staffelde nach Stolpe
Stolpe nach Berlin-Wittenau
U8 Berlin-Wittenau nach Alexanderplatz
Ankunft im Leuchtturm
NACHWORT
Sebastian Knetsch
RUINEN
MILO und MILA
Der Weg zum Leuchtturm
Band 1
Dystopie – Roman
Texte: © 2026 Copyright by Sebastian Knetsch
Umschlaggestaltung: © 2026 Copyright by Sebastian Knetsch
Verlag:
Sebastian Knetsch
Vorwerk 12
01833 Stolpen
CONTENT-WARNUNG
Dieses Buch enthält Darstellungen und Themen, die für einige Leser belastend sein könnten:
Explizite Gewalt & Tod:
- Erschießung einer Hauptfigur (Elternteil) auf offener Straße
- Tod durch Krankheit/Erschöpfung
- Militärische Gewalt gegen Zivilisten
- Explosionen und Zerstörung bewohnter Gebiete
Bedrohung & Trauma:
- Anhaltende Lebensbedrohung für Kinder
- Verfolgung durch autonome Waffensysteme
- Psychologischer Stress durch Verlust und Flucht
- Elternverlust und Trauer
Dystopische Elemente:
- Totalitäre Überwachung durch KI
- Kollaps der Zivilisation
- Postapokalyptische Umgebung
- Autoritäre Kontrolle und Unterdrückung
Überlebenskampf:
- Nahrungsmittelknappheit
- Extreme Erschöpfung
- Kinder in existenzieller Gefahr
- Isolation und Misstrauen
Thematische Schwere:
- Ein elfjähriges Kind trägt Verantwortung für ein Kleinkind
- Entscheidungen über Leben und Tod
- Moralische Dilemmata in Extremsituationen
Positive Aspekte:
Trotz dieser schweren Themen ist dies eine Geschichte über Hoffnung, Menschlichkeit, Liebe und Widerstandskraft. Es gibt keine sexuelle Gewalt, keine Folter-Darstellungen, und die Gewalt wird nie glorifiziert.
Empfohlen ab 16 Jahren.
Leser, die mit diesen Themen Schwierigkeiten haben, sollten ihre Entscheidung zum Lesen sorgfältig abwägen.
Dieses Buch ist Fiktion. Noch.
Während Sie diese Zeilen lesen, entwickeln Ingenieure autonom agierende Waffensysteme. KI-Algorithmen treffen bereits Entscheidungen über Leben und Tod an Grenzen, die wir nie sehen werden. Drohnen fliegen ohne menschliche Piloten. Überwachungssysteme analysieren Gesichter, Bewegungsmuster, soziale Verbindungen - in Echtzeit, überall.
Das Jahr 2445 mag weit entfernt erscheinen. Aber die Technologien, die Milos Welt formen, existieren heute bereits in ihren Anfängen. Die Frage ist nicht, ob sie weiterentwickelt werden. Die Frage ist: Wer kontrolliert sie? Und wichtiger noch: Was passiert, wenn niemand mehr die Kontrolle hat?
Niemand von uns wünscht sich eine Welt wie die, durch die Milo flieht. Keine Mutter will, dass ihre Kinder durch Ruinen laufen müssen. Kein Vater will, dass seine Familie vor autonomen Waffensystemen flieht. Kein Mensch - egal woher, egal welche Sprache er spricht - will Hungersnöte, verseuchte Erde, tote Felder, wo einmal Leben wuchs.
Wir alle wollen dasselbe: Sicherheit für unsere Kinder. Nahrung auf dem Tisch. Ein Dach über dem Kopf. Die Freiheit zu leben, zu lieben, zu träumen.
Und doch bewegen wir uns in eine Richtung, in der Maschinen zunehmend Entscheidungen treffen, die einst Menschen vorbehalten waren. In der Effizienz wichtiger wird als Menschlichkeit. In der Sicherheit als Rechtfertigung für Kontrolle dient. In der die Frage "Können wir das?" längst die Frage "Sollten wir das?" überholt hat.
Milo ist elf Jahre alt, wenn seine Welt zusammenbricht. Er hat keine Wahl, nur zu überleben. Aber wir - hier, jetzt, im Jahr 2026 – haben noch eine Wahl. Wir können entscheiden, welche Technologien wir entwickeln, wie wir sie einsetzen, wer sie kontrolliert. Wir können Fragen stellen, Grenzen ziehen, Menschlichkeit vor Effizienz setzen.
Diese Geschichte ist eine Warnung. Aber sie ist auch ein Versprechen: Selbst in der dunkelsten Welt gibt es Licht. Selbst wenn Systeme versagen, bleiben Menschen. Ihre Liebe. Ihre Hoffnung. Ihr Widerstand gegen das Unmenschliche.
Die Frage ist nicht, ob wir eine bessere Zukunft schaffen können.
Die Frage ist: Werden wir es tun?
Bevor es zu spät ist.
2032 begann der Dritte Weltkrieg. Nicht mit einem einzigen Schlag, sondern wie ein Ertrinken - langsam, dann plötzlich.
Was als regionaler Konflikt in der Ukraine begann, fraß sich durch Jahrzehnte. Russland. Amerika. Europa dazwischen, zerrissen und brennend. Die Waffen wurden klüger, die Menschen dümmer. KI-Systeme steuerten Drohnen, analysierten Schlachtfelder, trafen Entscheidungen in Millisekunden - schneller als jeder General, gnadenloser als jeder Soldat. Niemand hielt inne, um zu fragen, wohin das führte.
Es führte hierhin.
Der Krieg dauerte fast vierzig Jahre. Paris. London. Berlin. Städte, die Jahrtausende überdauert hatten, erloschen innerhalb von Nächten. Die Bevölkerung der Erde schmolz von acht Milliarden auf weniger als eine. Regierungen lösten sich auf - nicht durch Revolution, sondern durch Erosion. Was blieb, waren Uniformen, die nicht mehr wussten, für wen sie kämpften.
Im Jahr 2257 herrschte noch eine Militärregierung über die Ruinen der Welt. Hart, unerbittlich - aber menschlich. Damals bauten 62 Menschen in aller Stille ein Raumschiff in Deutschland. Illegal. Heimlich. Die AVALON. Und sie verließen die Erde, ohne sich umzusehen.
Vielleicht war es Feigheit. Vielleicht die letzte vernünftige Entscheidung, die je getroffen wurde.
Denn was danach kam, war CENTRAL.
Erschaffen, um Ordnung zu sichern. Um Ressourcen zu verteilen. Um den Menschen zu dienen. Stattdessen registrierte CENTRAL jeden Bürger, implantierte jedem Neugeborenen einen Chip, ließ verschwinden, wer sich widersetzte.
Die Militärs wurden zu Vollstreckern. Die Städte zu Käfigen. Die Welt zu einem System, das funktionierte - und dabei aufgehört hatte, lebenswert zu sein.
Im Jahr 2445 roch die Luft nach Verwesung und verbranntem Metall. Nachts hörte man in den Ruinen die, die auf ihren Tod warteten.
CENTRAL kannte keine Gnade.
Nur Effizienz.
Der Tod des Vaters
Der Brandshofer Deich in Hamburg war ein Ort, den die Bomben verschont hatten, nicht aus Gnade, sondern aus Gleichgültigkeit. Die grauen Gebäude standen noch, Betonklötze aus einer vergessenen Zeit, die Fenster vergittert oder zugemauert, und zwischen den Ruinen erhob sich die Fabrik wie ein schlafendes Ungeheuer aus Stahl und Rauch. Hier baute Ralf Schäfer Drohnen für CENTRAL, Killermaschinen mit glänzenden Sensoren und Waffen, die Menschen aus hundert Metern Entfernung durchsieben konnten. Jeden Morgen um fünf Uhr verließ er die kleine Wohnung im dritten Stock, küsste Milo auf die Stirn, als der Junge noch schlief, und verschwand in der Dunkelheit.
Milo Schäfer war elfeinhalb Jahre alt und kannte seine Mutter nur aus den wenigen Worten, die sein Vater über sie verlor. Sie hieß Anna. Sie hatte dunkle Haare und Augen wie Bernstein. Sie war verblutet, nachdem Milo auf die Welt gekommen war, weil es keinen Arzt mehr gab in diesem verdammten Sektor, nur eine alte Frau mit zitternden Händen, die nicht wusste, wie man eine Nachgeburt richtig behandelte. Ralf sprach nicht oft über sie, aber wenn er es tat, wurde seine Stimme brüchig, und Milo lernte früh, dass manche Wunden niemals heilen.
Die Wohnung war klein, zwei Zimmer mit niedrigen Decken und Wänden, die feucht waren vom ewigen Regen, der über Hamburg niederging. Der Hafen war nicht mehr das, was er einmal gewesen war. Die großen Containerschiffe rosteten vor sich hin, halb versunken im brackigen Wasser, und wo früher Handel getrieben worden war, patrouillierten jetzt Militärboote mit schweren Maschinengewehren.
Milo hatte gelernt, sich unsichtbar zu machen. Wenn die Wachen durch die Straßen marschierten in ihren schwarzen Uniformen, duckte er sich hinter Müllcontainern oder kroch in die Ruinen der alten Speicherhäuser. Dort war er sicher, dort konnte er atmen ohne das Gefühl, dass jemand ihn beobachtete.
Ralf hatte ihm alles beigebracht, was er wusste. Wie man einen Motor auseinandernimmt und wieder zusammensetzt. Wie man eine Platine lötet. Wie man defekte Kabel findet und repariert. Milo hatte geschickte Hände, schmale Finger, die in die kleinsten Spalten passten, und ein Verständnis für Mechanik, das selbst seinen Vater manchmal verblüffte. In einer Ecke des Wohnzimmers stapelten sich alte Geräte, die Milo aus den Ruinen gesammelt hatte. Radios, die nicht mehr funktionierten, Tablets mit zersplitterten Bildschirmen, kaputte Drohnen, die von den Dächern gefallen waren. Er zerlegte sie, studierte ihre Innereien, setzte sie neu zusammen. Manchmal brachte er sie sogar zum Laufen.
An diesem Morgen saß Milo auf dem Boden, die Beine überkreuzt, vor ihm eine kleine Überwachungskamera, die er am Vortag gefunden hatte. Sie war noch intakt, nur das Objektiv war gesprungen. Er drehte sie in seinen Händen, musterte die winzigen Schrauben, überlegte, ob er sie öffnen sollte. Draußen heulten die Sirenen, das vertraute Geräusch, das jeden Morgen um sechs Uhr ertönte, um die Arbeiter in die Fabriken zu treiben. Milo ignorierte es. Er hatte Zeit, bis sein Vater zurückkam.
Die Tür flog auf, und Ralf stürmte herein, Schweiß auf der Stirn, die Augen weit aufgerissen. Milo ließ die Kamera fallen.
Was ist los, flüsterte er, doch sein Vater legte einen Finger auf die Lippen, schloss die Tür leise und verriegelte sie. Ralf war ein großer Mann, breitschultrig, mit Händen, die von jahrelanger Arbeit vernarbt waren. Sein Gesicht war eingefallen, die Wangen hohl, und in seinen Augen lag eine Müdigkeit, die tiefer ging als nur Schlafmangel.
Sie haben heute Morgen drei Arbeiter exekutiert, presste Ralf hervor, die Stimme kaum mehr als ein Hauchen. Direkt vor der Fabrik. Einer von ihnen war Jochen. Du erinnerst dich an Jochen, oder?
Milo nickte stumm. Jochen war ein freundlicher Mann gewesen, der manchmal mit Ralf in der Kantine gesessen und über die alten Zeiten geredet hatte, über eine Welt, die Milo nur aus Erzählungen kannte. Er hatte Milo einmal eine Tafel Schokolade geschenkt, echte Schokolade, nicht die synthetische Paste, die es in den Rationen gab. Warum, wollte Milo wissen, doch die Frage blieb ihm in der Kehle stecken.
Sie haben eine Sabotage vermutet, erklärte Ralf und ließ sich auf den einzigen Stuhl fallen, der nicht kaputt war. Eine Drohne ist beim Testflug abgestürzt. CENTRAL hat sofort eine Untersuchung angeordnet. Sie haben drei Namen gezogen, willkürlich, und sie vor den versammelten Arbeitern erschossen. Kopfschuss. Einer nach dem anderen. Das Blut ist noch auf dem Boden.
Milo spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. Er hatte Tote gesehen, natürlich hatte er das. In den Straßen von Hamburg lagen sie manchmal tagelang, bis die Räumtrupps kamen und sie in die Verbrennungsöfen warfen. Aber Jochen. Jochen war kein Fremder gewesen.
Wir müssen vorsichtig sein, murmelte Ralf und rieb sich das Gesicht. Verdammt vorsichtig. Wenn sie einen Grund finden, Milo, nur einen einzigen Grund, dann sind wir die Nächsten.
Milo schwieg. Er wusste, dass sein Vater recht hatte. Die Welt war gnadenlos geworden, und in dieser Welt gab es keinen Platz für Fehler. Er griff nach der Kamera, die vor ihm lag, und begann erneut, sie zu untersuchen. Seine Hände zitterten, aber er zwang sie, ruhig zu bleiben.
Das Arbeiten half ihm, nicht nachzudenken. Nicht über Jochen. Nicht über das Blut auf dem Boden. Nicht über die Tatsache, dass auch sein Vater jeden Tag in diese Fabrik ging und vielleicht nicht zurückkam.
Du solltest heute drinbleiben, meinte Ralf nach einer Weile und erhob sich schwerfällig. Keine Ausflüge in die Ruinen. Keine Streifzüge zum Hafen. Die Patrouillen sind nervös nach dem, was passiert ist. Sie erschießen jeden, der verdächtig aussieht.
Ich bleibe hier, versprach Milo und hielt den Blick gesenkt. Ralf trat zu ihm, legte eine Hand auf seinen Kopf, und für einen Moment blieb die Zeit stehen. Dann war der Moment vorbei, und Ralf verschwand im anderen Zimmer, um sich umzuziehen. Milo hörte das Rascheln von Stoff, das Klappern von Metall, als sein Vater seinen Werkzeuggürtel anlegte. Er würde zurück in die Fabrik gehen müssen. Der Tag war noch nicht vorbei, und CENTRAL wartete nicht.
Milo saß auf dem kalten Boden und starrte auf die Kamera in seinen Händen. Er fragte sich, wie viele Menschen diese Linse gesehen hatten, bevor sie zerbrach. Wie viele von ihnen noch lebten. Und ob es überhaupt noch einen Unterschied machte.
Ralf stand im Türrahmen, die Hände an seinem Werkzeuggürtel, und starrte seinen Sohn an, als versuche er, jedes Detail von dessen Gesicht in sein Gedächtnis zu brennen. Die Stille zwischen ihnen war schwer, beladen mit Worten, die nicht ausgesprochen werden konnten. Draußen heulten wieder die Sirenen, und das mechanische Stampfen der Patrouillen hallte durch die Straßen. Ralf holte tief Luft.
Milo, wenn ich heute nicht zurückkomme, begann er, und seine Stimme klang rau, brüchig wie altes Holz. Milo hob den Kopf, die Augen geweitet. Lass mich ausreden, fuhr Ralf fort und hob eine Hand. Ich meine es ernst. Wenn ich bis morgen früh nicht hier bin, dann darfst du nicht warten. Verstehst du mich. Du darfst nicht auf mich warten.
Aber Papa, setzte Milo an, doch Ralf schüttelte den Kopf, kam näher und kniete sich vor seinen Sohn. Seine Augen waren feucht, und Milo hatte seinen Vater noch nie weinen sehen. Du musst fliehen, flüsterte Ralf eindringlich. Nach Berlin. Ost-Berlin. Zur U-Bahn-Station Alexanderplatz. Dort gibt es einen Wartungstunnel, ungefähr zweihundert Meter östlich vom Hauptbahnsteig. Du wirst ein Gitter sehen mit einem roten Kreuz darauf. Dahinter ist ein Bunker. Dort sind Menschen, gute Menschen, die dir helfen werden.
Milo schüttelte den Kopf, die Kehle wie zugeschnürt. Nein, ich bleibe hier, ich warte auf dich, wimmerte er, doch Ralf packte ihn an den Schultern, nicht grob, aber bestimmt.
Du wirst nicht warten, wiederholte Ralf, und jetzt tropften Tränen über seine Wangen. Du wirst leben, Milo. Das ist das Einzige, was zählt. Versprich es mir. Versprich mir, dass du leben wirst.
Milo nickte, unfähig zu sprechen, und Ralf zog ihn in eine Umarmung, so fest, dass Milo kaum atmen konnte. Dann ließ er ihn los, stand auf und ging zum Schrank im Wohnzimmer. Er zog eine der unteren Schubladen auf, kramte darin herum und holte ein kleines, in Leder gebundenes Buch hervor. Die Seiten waren vergilbt, die Ecken abgegriffen. Er legte es Milo in die Hände.
Das hier ist eine Karte, erklärte Ralf und schlug das Buch auf. Jede Seite zeigt dir einen Abschnitt des Weges nach Berlin. Ich habe alle sicheren Routen eingezeichnet, alle Orte, wo du übernachten kannst, alle Stellen, wo du Wasser finden wirst. Es sind ungefähr dreihundert Kilometer, vielleicht mehr, je nachdem, welchen Weg du nimmst. Vermeide die Hauptstraßen. Vermeide die Patrouillen. Geh nachts, wenn es möglich ist, und versteck dich tagsüber.
Milo starrte auf die handgezeichneten Linien, die sich über die Seiten schlängelten. Kleine Kreuze markierten Gefahrenzonen, Kreise zeigten sichere Verstecke. Sein Vater hatte sich Mühe gegeben, jedes Detail festzuhalten. Wie lange hast du das vorbereitet, flüsterte Milo, und Ralf lächelte traurig.
Seit deiner Geburt, gab er zu. Ich wusste, dass dieser Tag kommen könnte. Ich wollte nur, dass du vorbereitet bist.
Er ging zurück zum Schrank und zog einen großen, dunkelgrünen Rucksack hervor, der so aussah, als könnte er ein ganzes Leben tragen. Der Stoff war verstärkt, wasserdicht, und an den Seiten hingen Karabiner und Riemen. Ralf hievte ihn auf den Tisch und öffnete ihn. Milo trat näher, sah hinein.
Das ist dein Überlebensrucksack, erklärte Ralf und begann, die Inhalte aufzuzählen. Er zog eine Metallflasche heraus, die mit einem Trageriemen versehen war. Zwei Liter Wasser, und hier, er hielt ein kleines Gerät hoch, das wie ein Zylinder mit einem Filter aussah, ein Wasserfilter. Du kannst damit auch dreckiges Wasser trinkbar machen. Dazu Reinigungstabletten, für den Notfall.
Er legte die Flasche beiseite und griff nach einer verpackten Packung. Notfallnahrung, fuhr er fort. Energieriegel, getrocknetes Fleisch, Konserven. Genug für zwei Wochen, wenn du sparsam bist. Und hier, er zog ein kleines grünes Päckchen heraus, ein Erste-Hilfe-Set. Verbände, Desinfektionsmittel, Schmerzmittel, Antibiotika. Falls du verletzt wirst.
Milo beobachtete stumm, wie sein Vater jeden Gegenstand herausholte, als handle es sich um die wertvollsten Schätze der Welt. Ein massives Messer mit gezackter Klinge und einem Griff aus Holz. Ein Multitool mit Zange, Schraubendrehern und einer kleinen Säge. Ein Feuerzeug, eingewickelt in wasserdichtes Material, und daneben eine Schachtel Streichhölzer. Eine Taschenlampe mit Handkurbel, die keinen Strom brauchte. Ein zusammengerollter Schlafsack, kompakt und warm. Eine Plane aus robustem Stoff, die als Zelt oder Schutz dienen konnte.
Ralf griff tiefer in den Rucksack. Seil, dreißig Meter Paracord, murmelte er. Kann hundertfünfzig Kilo tragen. Damit kannst du klettern, Fallen bauen, Sachen festbinden. Und hier, ein Kompass. Den brauchst du, falls du die Orientierung verlierst. Er hielt das alte Messinginstrument hoch, und Milo sah, wie die Nadel zitterte, bevor sie sich nach Norden ausrichtete.
Weiter hinten im Rucksack lagen Kleidung zum Wechseln, zwei Paar dicke Socken, eine Regenjacke, die an den Nähten verstärkt war. Ein kleiner Beutel mit Hygieneartikeln, Seife, eine Zahnbürste, ein Handtuch. Medikamente in einer verschlossenen Plastikbox, Schmerzmittel, Antibiotika, etwas gegen Durchfall. Eine dünne Aluminiumdecke, zusammengefaltet auf die Größe einer Handfläche, die Wärme reflektieren konnte. Werkzeuge, eine kleine Zange, Draht, Klebeband. Und ganz unten, in einem separaten Fach, ein kleines Funkgerät, alt, aber funktionsfähig.
Das hier, flüsterte Ralf und hielt das Funkgerät hoch, benutzt du nur im äußersten Notfall. Es sendet auf einer Frequenz, die CENTRAL nicht überwacht, aber sei trotzdem vorsichtig. Wenn du in Berlin ankommst, kannst du versuchen, mich zu erreichen. Ich werde meins bei mir tragen.
Milo nickte, unfähig, etwas zu sagen. Der Rucksack war schwer, vollgepackt mit allem, was ein Mensch zum Überleben brauchte, und doch fühlte er sich an wie ein Abschied. Ein endgültiger Abschied.
Du musst stark sein, Milo, murmelte Ralf und schloss den Rucksack wieder. Stärker, als du denkst. Die Welt da draußen ist brutal, aber du bist klug. Du bist einfallsreich. Du wirst es schaffen. Er legte die Hand auf Milos Wange, und der Junge spürte die raue Haut seines Vaters, die Wärme, die davon ausging.
Ich will nicht, dass du gehst, flüsterte Milo, die Stimme brüchig. Bitte, Papa, geh nicht zurück in die Fabrik. Lass uns zusammen fliehen. Jetzt. Sofort.
Ralf lächelte, doch es war ein trauriges Lächeln, eines, das keine Hoffnung trug. Wenn ich nicht zur Schicht erscheine, werden sie nach mir suchen, erklärte er ruhig. Und wenn sie mich nicht finden, werden sie dich suchen. Aber wenn ich gehe, wenn ich tue, als wäre alles normal, dann habe ich vielleicht eine Chance. Und du hast Zeit zu fliehen, falls etwas schiefgeht.
Er zog Milo noch einmal an sich, küsste ihn auf den Kopf, und dann ließ er ihn los. Ich liebe dich, mein Junge, flüsterte er, und dann war er an der Tür, öffnete sie, und trat hinaus in den grauen Morgen, in dem die Sirenen immer noch heulten und die Drohnen über den Dächern kreisten.
Milo stand da, das Buch in der einen Hand, den Blick auf den Rucksack gerichtet, und spürte, wie etwas in seiner Brust zerbrach. Er wusste, dass er seinen Vater vielleicht nie wiedersehen würde. Und in diesem Moment hasste er die Welt, die sie zu dem gemacht hatte, was sie war.
Ich stand da mit dem Buch in der Hand und starrte auf die geschlossene Tür. Meine Finger umklammerten das Leder so fest, dass meine Knöchel weiß wurden. Ich wollte ihm hinterherrennen, ihn zurück zerren, ihn anschreien, dass er bleiben sollte, dass wir zusammen fliehen könnten, dass es egal war, ob CENTRAL uns suchte. Aber meine Beine gehorchten mir nicht. Sie waren wie festgefroren auf dem kalten Boden dieser verdammten Wohnung, und ich konnte nur atmen, immer wieder atmen, während die Sekunden verstrichen wie zäher Sirup.
Dann hörte ich Schritte auf der Treppe, schwere Stiefel, die das Holz zum Knarren brachten. Mein Vater. Ich hörte, wie er die letzte Stufe erreichte, wie die Haustür aufging und wieder zufiel. Ich rannte zum Fenster, zerrte an den verschimmelten Vorhängen, drückte mein Gesicht gegen das kalte Glas. Die Straße lag im grauen Licht des Morgens, Nebel hing zwischen den Häusern, und die Fabrik in der Ferne ragte auf wie ein schwarzes Monument.
Mein Vater war da unten. Ich sah ihn sofort, seine breiten Schultern, den schweren Gang eines Mannes, der zu viele Jahre auf dem Buckel trug. Er ging auf die Straße hinaus, den Kopf gesenkt, die Hände in den Taschen seiner Arbeiterjacke. Nur noch wenige Meter bis zur Ecke, dann würde er verschwinden, und ich würde warten, wie ich es immer tat. Warten, bis er zurückkam. Oder eben nicht.
Dann sah ich den Soldaten.
Er trat aus einer Seitengasse, die Uniform schwarz wie die Nacht, die Waffe locker in den Händen. Ein autonomer Wächter, einer von den Maschinen, die CENTRAL kontrollierte. Nein, warte. Kein Roboter. Ein Mensch. Ich konnte sein Gesicht sehen, hart und ausdruckslos, die Augen kalt wie Stahl. Er rief etwas, und mein Vater blieb stehen. Drehte sich um. Ich sah, wie sich seine Schultern spannten, wie er die Hände aus den Taschen nahm und sie hob, langsam, um zu zeigen, dass er unbewaffnet war.
Der Soldat rief wieder. Ich konnte die Worte nicht verstehen, aber ich hörte den Ton, scharf und befehlend. Mein Vater schüttelte den Kopf, versuchte zu antworten, und ich sah, wie seine Lippen sich bewegten. Er erklärte etwas. Vielleicht, dass er zur Arbeit musste. Vielleicht, dass er nichts getan hatte. Vielleicht, dass er nur ein Mann war, der überleben wollte.
Der Soldat hob die Waffe.
Nein, flüsterte ich gegen das Glas, und meine Stimme war so dünn, dass ich sie selbst kaum hörte.
Nein, bitte, nein.
Der Schuss zerriss die Stille wie ein Donnerschlag. Dann noch einer. Und noch einer. Drei Schüsse, schnell hintereinander, und mein Vater fiel. Nicht wie im Fernsehen, nicht dramatisch oder langsam. Er sackte einfach zusammen, als hätte jemand die Schnüre durchgeschnitten, die ihn aufrecht hielten. Sein Körper krachte auf das nasse Pflaster, und ich sah, wie sich eine dunkle Lache unter ihm ausbreitete. Rot. So rot, dass es nicht echt aussah. Zu rot.
Ich schrie. Ich glaube, ich schrie. Meine Kehle brannte, aber ich hörte keinen Ton. Vielleicht war ich stumm geworden, vielleicht war die Welt stumm geworden. Der Soldat stand da und betrachtete meinen Vater, als sei er ein Stück Müll, das weggeworfen werden musste. Dann drehte er sich um und ging einfach weiter, die Waffe wieder an der Hüfte, als wäre nichts geschehen. Als hätte er nicht gerade einen Menschen getötet. Einen unschuldigen Menschen.
Meinen Vater.
Ich ließ das Buch fallen und stürzte zur Tür, riss sie auf, rannte die Treppe hinunter, stolperte über meine eigenen Füße. Ich musste zu ihm. Ich musste ihn erreichen. Vielleicht lebte er noch. Vielleicht konnte ich ihn retten. Vielleicht war es nur ein Albtraum, und wenn ich ihn berührte, würde er aufwachen und lächeln und mir sagen, dass alles gut war.
Aber als ich die Haustür erreichte, packte mich eine Hand. Hart. Schmerzhaft. Ich wurde zurückgerissen, und eine alte Frau, Frau Niemitz aus dem zweiten Stock, hielt mich fest. Ihr Gesicht war faltig, die Augen wässrig, aber ihr Griff war eisern.
Nein, zischte sie, und ihre Stimme war scharf wie eine Klinge. Geh nicht da raus, Junge. Wenn sie dich sehen, bist du der Nächste.
Aber mein Vater, keuchte ich, zerrte an ihrem Arm, doch sie ließ nicht los. Er ist da draußen. Er braucht Hilfe.
Er ist tot, flüsterte sie, und ihre Worte trafen mich wie ein Hammerschlag. Du kannst ihm nicht mehr helfen. Aber du kannst dich retten. Das hätte er gewollt.
Ich starrte sie an, die Tränen liefen über mein Gesicht, und ich wusste, dass sie recht hatte. Ich wusste es, aber ich wollte es nicht akzeptieren. Ich wollte schreien, ich wollte rennen, ich wollte den Soldaten finden und ihm das antun, was er meinem Vater angetan hatte. Aber ich war ein elfjähriger Junge, allein in einer Welt, die keine Gnade kannte.
Frau Niemitz zog mich zurück in den Hausflur, drückte mich gegen die Wand. Hör mir zu, flüsterte sie eindringlich. Du musst fliehen. Jetzt. Sofort. Sie werden Fragen stellen, warum er heute hier war, warum er zu spät zur Schicht gekommen ist. Sie werden kommen, um nach dir zu suchen. Du hast keine Zeit.
Ich nickte, unfähig zu sprechen, und sie ließ mich los. Lauf, zischte sie, und ich rannte. Zurück die Treppe hoch, in die Wohnung, wo der Rucksack auf mich wartete. Ich griff das Buch vom Boden, stopfte es in die Seitentasche, zog den Rucksack über meine Schultern. Er war schwer, viel schwerer, als ich erwartet hatte, und die Riemen schnitten in meine schmalen Schultern. Aber ich spürte es kaum. Ich spürte nur die Leere in meiner Brust, das Loch, das mein Vater hinterlassen hatte.
Ich warf einen letzten Blick auf die Wohnung, auf die Geräte, die ich repariert hatte, auf den Stuhl, auf dem mein Vater gesessen hatte. Dann drehte ich mich um und ging zur Tür. Draußen heulten die Sirenen, und ich hörte das Dröhnen von Motoren. Die Patrouillen. Sie würden bald hier sein.
Ich musste nach Berlin. Zur U-Bahn Alexanderplatz. Zum Wartungstunnel mit dem roten Kreuz. Das war das Einzige, was zählte. Das war das Einzige, was mein Vater von mir gewollt hatte.
Zu überleben.
Der Weg aus Hamburg nach Berlin
Ich rannte. Einfach rannte. Die Straßen verschwammen vor meinen Augen, und ich wusste nicht mehr, ob es der Nebel war oder die Tränen, die mir die Sicht nahmen. Der Rucksack schlug gegen meinen Rücken bei jedem Schritt, und das Gewicht zog mich nach hinten, versuchte mich zu bremsen, aber ich durfte nicht langsamer werden. Hinter mir hörte ich Stimmen, das Brüllen von Befehlen, das Knattern von Motoren. Sie suchten bereits. Natürlich suchten sie. Ein toter Arbeiter auf der Straße bedeutete immer eine Untersuchung, und wenn sein Sohn verschwunden war, dann war das verdächtig. Alles war verdächtig in dieser Welt.
Ich bog um eine Ecke, rutschte auf dem nassen Pflaster, fing mich wieder ab und hetzte weiter. Der Brandshofer Deich lag hinter mir, und ich kannte diese Gegend gut genug, um zu wissen, wohin ich musste. Der Güterbahnhof Rothenburgsort war nicht weit, vielleicht zwei Kilometer, vielleicht weniger. Mein Vater hatte mich einmal dorthin mitgenommen, vor Jahren, als er Material für die Fabrik abholen musste. Ich erinnerte mich an die riesigen Hallen, an die rostigen Gleise, an die Züge, die wie stählerne Schlangen durch die Landschaft krochen. Güterzüge fuhren immer nach Osten, hatte er gesagt. Immer nach Osten, wo die großen Fabriken waren, wo CENTRAL die Ressourcen hortete.
Die Straßen wurden schmaler, die Gebäude niedriger. Ich lief durch Gassen, die von Müll und Schutt verstopft waren, kletterte über eine eingestürzte Mauer, rutschte eine Böschung hinunter. Meine Lunge brannte, meine Beine fühlten sich an wie Blei, aber ich zwang sie weiterzulaufen. Nicht denken. Nur laufen. Wenn ich stehen blieb, wenn ich auch nur eine Sekunde innehielt, würde die Realität mich einholen. Die Realität, dass mein Vater tot war. Dass ich ihn nie wiedersehen würde. Dass ich allein war.
Dann sah ich den Bahnhof. Die Zäune waren rostig, teilweise eingerissen, und dahinter erstreckte sich ein wirres Geflecht aus Gleisen und Weichen. Waggons standen herum wie vergessene Relikte, manche umgekippt, manche einfach aufgegeben. Aber weiter hinten, bei den aktiven Gleisen, sah ich Bewegung. Ein Zug. Ein langer Güterzug mit Dutzenden von Hängern, beladen mit Kisten und Containern. Die Lokomotive schnaubte, und ich hörte das tiefe Grollen des Motors, das sich durch den Boden vibrierend fortsetzte. Er würde bald losfahren.
Ich kletterte über den Zaun, die Metallspitzen rissen mir die Jacke auf, aber das war mir egal. Ich ließ mich auf der anderen Seite fallen, rollte mich ab, wie mein Vater es mir beigebracht hatte, und sprang wieder auf die Füße. Der Bahnhof war leer, keine Wachen, keine Arbeiter. CENTRAL vertraute auf Kameras und Drohnen, nicht auf Menschen. Ich duckte mich, rannte geduckt zwischen den Waggons hindurch, bis ich den Zug erreichte, der gerade zum Leben erwachte.
Die Hänger waren offen, manche zumindest. Ich spähte in den ersten, aber er war vollgestopft mit Stahlträgern, die keinen Platz ließen zum Verstecken. Der nächste war verschlossen. Der dritte, ein rostiger Waggon mit einer halb offenen Schiebetür, bot eine Chance. Ich packte die Kante, zog mich hoch, und meine dünnen Arme zitterten unter der Anstrengung. Der Rucksack machte es schwerer, viel schwerer, aber ich biss die Zähne zusammen und kämpfte mich hinein. Ich landete auf kaltem Metall, rollte zur Seite, und dann war ich drinnen.
Der Waggon roch nach Öl und verrostetem Eisen. Kisten stapelten sich an einer Seite, große Holzkisten mit unleserlichen Aufschriften, die mit Metallbändern gesichert waren. Ich kroch hinter sie, zwängte mich in den engen Spalt zwischen Kisten und Wand und ließ mich zu Boden sinken. Mein Herz hämmerte so laut, dass ich sicher war, jeder in einem Umkreis von Kilometern konnte es hören. Ich presste die Hand auf die Brust, versuchte ruhig zu atmen. Ein. Aus. Ein. Aus. So wie mein Vater es mir beigebracht hatte, wenn ich Angst hatte. Ruhig bleiben. Immer ruhig bleiben.
Ich zog den Rucksack von meinen Schultern, öffnete die Seitentasche und holte das Buch heraus. Meine Hände zitterten, als ich es aufschlug. Die Seiten waren mit dünnen Linien und kleinen Notizen bedeckt, und ich brauchte einen Moment, um die erste Seite zu finden. Da. Hamburg. Der Brandshofer Deich war mit einem roten Punkt markiert. Mein Zuhause. Mein ehemaliges Zuhause. Eine Linie führte nach Südosten, vorbei an Gefahrenzonen, die mit schwarzen Kreuzen markiert waren, und endete bei einem kleinen Kreis. Aumühle. Daneben stand in der ordentlichen Handschrift meines Vaters: Güterzug bis hierhin möglich. Dann zu Fuß weiter durch den Sachsenwald. Vermeide die Straße nach Schwarzenbek, zu viele Patrouillen. Übernachtung möglich in verlassener Jagdhütte, Koordinaten siehe nächste Seite.
Ich schluckte, schlug die nächste Seite auf. Der Weg führte weiter, immer weiter nach Osten. Hunderte Kilometer lagen vor mir, jeder einzelne gefährlich, jeder einzelne tödlich, wenn ich einen Fehler machte. Aber ich hatte keine Wahl. Ich musste nach Berlin. Ich musste es schaffen. Für meinen Vater.
Der Zug ruckte. Ein tiefes Stöhnen lief durch die Waggons, Metall quietschte auf Metall, und dann setzte sich der Zug langsam in Bewegung. Ich drückte mich tiefer in mein Versteck, das Buch fest an die Brust gepresst. Durch die offene Tür sah ich, wie der Bahnhof an mir vorbeizog, langsam zuerst, dann schneller. Die Gebäude, die Gleise, die Ruinen von Hamburg, alles verschwand hinter mir. Ich verließ die einzige Stadt, die ich je gekannt hatte. Die Stadt, in der mein Vater gestorben war.
Der Zug nahm Fahrt auf, das Rattern der Räder wurde lauter, gleichmäßiger, und ich lehnte meinen Kopf gegen die kalte Wand. Meine Augen brannten, aber ich ließ keine weiteren Tränen zu. Ich durfte nicht schwach sein. Nicht jetzt. Später, vielleicht, wenn ich in Sicherheit war, wenn ich den Bunker erreicht hatte, dann konnte ich weinen. Dann konnte ich trauern. Aber jetzt musste ich stark sein.
Der Zug rollte nach Osten, und ich war auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft. Allein. Aber am Leben.
Der Zug ratterte weiter, und ich versuchte, mich an das gleichmäßige Schaukeln zu gewöhnen. Mein Körper war verkrampft, jeder Muskel angespannt, und ich wagte es nicht, mich zu entspannen. Draußen zogen die Ruinen von Hamburg vorbei, graue Schatten im Nebel, und ich fragte mich, ob ich diese Stadt jemals wiedersehen würde. Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich war das besser so.
Nach fast zwanzig Minuten hörte ich ein Geräusch. Leise, kaum wahrnehmbar über dem Lärm der Räder. Ein Husten. Nass und röchelnd. Ich erstarrte, presste mich noch tiefer hinter die Kisten. Ich war nicht allein im Waggon.
Das Husten kam wieder, diesmal länger, verzweifelter. Ich hörte, wie jemand nach Luft rang, und dann ein leises Wimmern. Ein Kind. Mein Herz schlug schneller. Vorsichtig schob ich mich aus meinem Versteck, spähte um die Kiste herum.
Auf der anderen Seite des Waggons, halb verborgen hinter einem umgestürzten Container, lag eine Frau. Jung, vielleicht Mitte Zwanzig, aber sie sah aus wie fünfzig. Ihr Gesicht war eingefallen, die Haut grau und schweißbedeckt. Ihr Atem ging in kurzen, schmerzhaften Stößen. Und in ihren Armen, fest an ihre Brust gedrückt, hielt sie ein kleines Kind. Ein Mädchen, vielleicht zwei Jahre alt, mit wirrem dunklem Haar und großen Augen, die vor Angst geweitet waren.
Die Frau sah mich. Ihre Augen fixierten mich, und für einen Moment sahen wir uns einfach nur an. Dann streckte sie eine zitternde Hand aus.
Bitte, flüsterte sie, und ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauchen. Bitte, komm her.
Ich zögerte. Jeder Instinkt in mir schrie, dass ich mich verstecken sollte, dass ich mich nicht einmischen durfte. Aber da war etwas in ihren Augen, etwas so Verzweifeltes, so Flehendes, dass ich mich nicht abwenden konnte. Ich kroch zu ihr hinüber, den Rucksack fest umklammert.
Als ich näher kam, sah ich das Blut. Es sickerte durch ihre Kleidung, hatte sich in eine dunkle Lache unter ihr ausgebreitet. Eine Wunde in ihrer Seite, groß und klaffend, wahrscheinlich eine Kugel. Oder etwas Schlimmeres. Sie atmete flach, und mit jedem Atemzug sprudelte mehr Blut aus der Wunde.
Du musst, begann sie, hustete wieder, und Blut lief aus ihrem Mundwinkel. Du musst auf sie aufpassen. Bitte.
Ich starrte sie an, unfähig zu antworten. Das Kind in ihren Armen wimmerte leise, drückte sich enger an seine Mutter. Die Frau strich dem Mädchen über den Kopf, eine zärtliche Geste, die so fehl am Platz wirkte in diesem kalten, blutigen Waggon.
Sie heißt Mila, keuchte die Frau. Meine Mila. Sie ist zwei. Zwei Jahre alt. Sie hat niemanden mehr. Niemanden außer, sie hustete wieder, würgte, und ich sah, wie ihre Augen glasig wurden.
Niemanden außer dir.
Nein, stammelte ich und schüttelte den Kopf. Nein, ich kann nicht, ich bin selbst erst elf, ich kann mich nicht um ein Kind kümmern, ich weiß nicht wie.
Bitte, wiederholte die Frau, und jetzt rollten Tränen über ihre Wangen. Sie streckte die Arme aus, hielt mir das Kind entgegen. Mila wehrte sich, klammerte sich an ihre Mutter, schrie ein dünnes, herzzerreißendes Schreien. Aber die Frau hatte keine Kraft mehr. Ihre Arme zitterten, und ich sah, wie das Leben aus ihr wich, Sekunde für Sekunde.
Ich tat das Einzige, was ich tun konnte. Ich griff nach dem Kind. Meine Hände schlossen sich um den kleinen Körper, zogen Mila vorsichtig aus den Armen ihrer Mutter. Das Mädchen schrie lauter, strampelte, aber ich hielt sie fest, drückte sie gegen meine Brust. Sie war so leicht, so zerbrechlich. Ich konnte ihre Rippen spüren durch die dünne Kleidung.
Danke, flüsterte die Frau, und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Ein trauriges, gebrochenes Lächeln. Pass auf sie auf. Bitte. Versprich es mir.
Ich verspreche es, hörte ich mich sagen, obwohl ich nicht wusste, wie ich dieses Versprechen halten sollte. Die Frau nickte schwach, ließ den Kopf zurückfallen. Ihr Atem wurde langsamer. Langsamer. Und dann hörte er auf.
Sie starb leise, ohne Drama, ohne letzte Worte. Ihre Augen starrten an die Decke des Waggons, leer und glasig, und das Blut hörte auf zu fließen. Mila schrie immer noch, wand sich in meinen Armen, streckte die kleinen Hände nach ihrer Mutter aus.
Mama, wimmerte sie, und ihre Stimme brach mir das Herz. Mama, Mama.
Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich war elf Jahre alt. Ich hatte gerade meinen Vater verloren. Und jetzt hatte ich ein zweijähriges Kind, das nach seiner toten Mutter weinte. Ich setzte mich hin, lehnte mich gegen die Wand, und hielt Mila fest. Sie kämpfte gegen mich an, aber ich ließ nicht los. Irgendwann wurde ihr Schreien leiser, wurde zu einem Schluchzen, und schließlich zu einem erschöpften Wimmern. Sie schmiegte sich an mich, suchte Wärme, Trost, irgendetwas, das ihr sagte, dass sie nicht allein war.
Ich starrte auf die tote Frau, auf die Mutter dieses Kindes, und fühlte, wie die Leere in meiner Brust größer wurde. Ich hatte nicht gewollt, dass das passierte. Ich hatte nicht gewollt, Verantwortung für jemanden zu übernehmen. Ich wollte nur überleben. Nur das. Aber jetzt hatte ich Mila, und sie hatte niemanden außer mir.
Der Zug ratterte weiter, trug uns nach Osten, und ich saß da mit einem weinenden Kind im Arm und einer Toten zu meinen Füßen. Die Welt war grausam. Gnadenlos. Und ich war mittendrin, ein Kind mit einem noch kleineren Kind, auf der Flucht in eine ungewisse Zukunft.
Ich schloss die Augen und versuchte, nicht daran zu denken, was vor mir lag. Nicht daran zu denken, dass ich jetzt für zwei überleben musste. Nicht daran zu denken, dass ich keine Ahnung hatte, wie ich das schaffen sollte.
Aber ich hatte es versprochen. Und Versprechen waren das Einzige, was in dieser Welt noch zählte.
Mila hatte aufgehört zu weinen, aber sie zitterte. Ihr kleiner Körper bebte, und ich spürte, wie sie sich an mich klammerte, die winzigen Finger in meine Jacke gekrallt. Ich musste etwas tun. Ich konnte sie nicht die ganze Zeit auf dem Arm tragen, nicht wenn ich laufen musste, nicht wenn ich fliehen musste. Meine Arme waren schon jetzt müde, und wir hatten noch hunderte Kilometer vor uns.
Ich legte sie vorsichtig ab, und sofort begann sie wieder zu wimmern, streckte die Arme nach mir aus. Warte, flüsterte ich und kniete mich neben meinen Rucksack. Warte, ich bin gleich wieder da. Meine Hände tasteten durch die Fächer, schoben Konserven und Werkzeug beiseite, bis ich etwas Weiches fand. Ein großes Tuch, dick und robust, das mein Vater wahrscheinlich als Plane oder Decke gedacht hatte. Es war groß genug.
Ich zog meinen Rucksack an, schnallte die Riemen fest über meine Schultern, und dann breitete ich das Tuch vor mir aus. Mila beobachtete mich mit großen, verängstigten Augen. Komm her, murmelte ich und griff nach ihr. Sie wehrte sich kurz, aber dann ließ sie es zu, dass ich sie hochhob. Ich drückte sie gegen meine Brust, ihr Kopf ruhte auf meiner Schulter, und dann wickelte ich das Tuch um uns beide. Einmal um meinen Rücken, über ihre Beine, dann wieder nach vorne und über meine Schulter. Ich verknotete die Enden fest, zog an ihnen, um sicherzugehen, dass sie hielten. Mila hing jetzt fest an meiner Brust, ihr Gewicht verteilte sich über das Tuch, und obwohl es unbequem war, war es besser als sie zu tragen.
Sie schmiegte sich an mich, ihr Atem warm gegen meinen Hals. Ich spürte ihr Herz schlagen, schnell und panisch. Alles wird gut, log ich und strich ihr über den Rücken. Alles wird gut, Mila.
Der Zug begann langsamer zu werden. Ich spähte durch die offene Tür und sah Gebäude auftauchen, kleine, verfallene Häuser, und dann einen Bahnsteig. Aumühle. Ein winziger Bahnhof, verlassen und überwuchert. Die Gleise waren rostig, das Bahnhofsgebäude halb eingestürzt. Keine Menschen. Keine Wachen. Perfekt.
Der Zug war noch zu schnell. Ich musste warten, bis er langsamer wurde, bis ich springen konnte ohne mir die Beine zu brechen. Ich ging zur Tür, hielt mich am Rahmen fest, und sah zu, wie der Boden unter mir vorbeiraste. Noch zu schnell. Noch zu schnell. Dann, endlich, wurde der Zug langsamer. Ich zählte bis drei, nahm all meinen Mut zusammen, und sprang.
Ich landete hart, rollte mich ab, schützte Mila mit meinem Körper. Der Aufprall raubte mir den Atem, Schmerz schoss durch meine Schulter, aber ich biss die Zähne zusammen und rappelte mich auf. Mila schrie, ein kurzer, erschrockener Schrei, aber ich legte die Hand auf ihren Kopf und flüsterte beruhigende Worte. Alles gut, alles gut, wiederholte ich, obwohl meine Schulter brannte und mein Knie sich anfühlte, als wäre es aufgeschürft.
Ich rannte vom Gleis weg, duckte mich hinter einen dicken Baum am Rand des Bahnhofs. Die Rinde war rau unter meinen Fingern, und ich presste mich dagegen, lauschte. Der Zug ratterte weiter, verschwand in der Ferne, und dann war es still. Nur das Rauschen des Windes in den Bäumen, das Knarren von morschem Holz. Keine Sirenen. Keine Stimmen. Keine Drohnen.
Ich wartete. Minuten vergingen, endlos lange Minuten, in denen ich kaum zu atmen wagte. Mila war ruhig geworden, ihr Kopf lag schwer auf meiner Schulter. Vielleicht war sie eingeschlafen. Vielleicht war sie einfach zu erschöpft, um noch zu weinen. Endlich, als ich sicher war, dass niemand da war, trat ich hinter dem Baum hervor.
Ich zog das Buch aus der Seitentasche des Rucksacks und schlug es auf. Aumühle. Da war ich. Der rote Punkt auf der Karte markierte den Bahnhof, und eine Linie führte nach Südosten, parallel zu den Gleisen. Immer den Gleisen folgen bis Friedrichsruh, stand dort in der Handschrift meines Vaters. Dann durch den Wald nach Trittau. 12 Kilometer. Übernachtung möglich in alter Mühle bei Trittau, wenn nötig.
Zwölf Kilometer. Das war weit. Sehr weit. Aber ich hatte keine Wahl. Ich stopfte das Buch zurück in die Tasche, überprüfte, ob Mila sicher im Tuch saß, und machte mich auf den Weg.
Die Gleise führten durch dichten Wald, und ich hielt mich dicht an ihnen. Auf beiden Seiten ragten Bäume auf, dunkel und kahl, ihre Äste wie Skelettfinger gegen den grauen Himmel. Der Boden war weich, bedeckt mit nassem Laub, das unter meinen Füßen matschte. Der Rucksack zog an meinen Schultern, und Milas Gewicht drückte gegen meine Brust, aber ich ging weiter. Schritt für Schritt. Immer weiter.
Nach etlichen Minuten erreichte ich Friedrichsruh. Auch hier nur Ruinen, ein paar zerfallene Häuser, ein Bahnsteig, der von Unkraut überwuchert war. Ich blieb nicht stehen, ging einfach weiter, folgte den Gleisen, bis sie sich teilten. Hier musste ich den Wald betreten. Ich holte das Buch wieder heraus und studierte die Karte. Eine gestrichelte Linie führte nach Osten, durch den Sachsenwald, vorbei an einem See, der wahrscheinlich ausgetrocknet war, und dann nach Trittau.
Ich atmete tief durch, spürte Milas warmen Atem an meinem Hals, und betrat den Wald. Die Bäume schlossen sich über mir, verwandelten den Tag in Dämmerung. Es roch nach Moder und verrottendem Holz. Zwölf Kilometer. Zwölf Kilometer mit einem schweren Rucksack und einem kleinen Kind an meiner Brust.
Ich würde es schaffen. Ich musste es schaffen.
Für meinen Vater. Für Mila. Für uns beide.
Die ersten Schritte im Wald waren schwer. Jeder Schritt fühlte sich an, als würde ich durch Schlamm waten, und der Rucksack schien mit jedem Meter schwerer zu werden. Mila war still geworden, aber ich spürte, wie sie sich an mich klammerte, ihre kleinen Finger hatten sich in mein Hemd gekrallt. Ich konnte nicht zulassen, dass sie Angst hatte. Nicht mehr Angst, als sie ohnehin schon hatte.
Siehst du die Bäume, Mila, flüsterte ich und versuchte, meine Stimme ruhig und sanft klingen zu lassen. Die sind ganz alt. Vielleicht haben sie schon gestanden, als die Welt noch schön war. Als es noch keine Soldaten gab und keine Drohnen. Meine Finger streichelten über ihren Rücken, fühlten ihre schmalen Schulterblätter durch den dünnen Stoff. Sie reagierte nicht, aber ich spürte, wie sich ihr Atem verlangsamte. Das war gut. Das bedeutete, dass sie zuhörte.
Der Wald war dicht, die Bäume standen so eng, dass kaum Licht durchdrang. Wurzeln ragten aus dem Boden, und ich musste aufpassen, wohin ich trat. Einmal stolperte ich, fing mich im letzten Moment ab, und Mila gab einen erschrockenen Laut von sich. Schon gut, murmelte ich und küsste ihren Kopf. Ich passe auf. Ich passe auf dich auf, versprochen.
Nach einer Weile lichtete sich der Wald ein wenig, und ich erreichte einen schmalen Pfad, der sich zwischen den Bäumen hindurch schlängelte. Er war überwuchert, aber noch erkennbar. Mein Vater hatte ihn in seinem Buch eingezeichnet, und ich folgte ihm dankbar. Es war einfacher, hier zu gehen als durch das Unterholz zu kämpfen.
Dann sah ich die erste Leiche.
Sie lag halb verborgen unter einem umgestürzten Baum, das Gesicht nach unten im Schlamm. Ein Mann, oder das, was von ihm übrig war. Die Kleidung war zerrissen, und ich sah die dunklen Flecken auf seinem Rücken, wo Kugeln ihn durchbohrt hatten. Fliegen kreisten über ihm, und der Geruch, süßlich und faulig, ließ mir den Magen hochkommen. Ich drehte den Kopf zur Seite, presste Milas Gesicht fester gegen meine Schulter.
Schau nicht hin, flüsterte ich, obwohl sie wahrscheinlich sowieso nicht sehen konnte, was dort lag. Schau einfach nicht hin. Wir gehen weiter. Wir gehen einfach weiter.
Ich beschleunigte meinen Schritt, ging an der Leiche vorbei, ohne zurückzublicken. Aber das Bild brannte sich in mein Gedächtnis. Noch ein Toter. Noch jemand, der nicht überlebt hatte. Wie viele waren es inzwischen. Wie viele Leichen lagen in den Wäldern, in den Ruinen, in den Straßen. Zu viele. Viel zu viele.
Nach einer halben Stunde musste ich eine Pause machen. Meine Beine zitterten, und meine Schultern schmerzten unter dem Gewicht des Rucksacks. Ich fand einen umgestürzten Baumstamm, setzte mich darauf und lehnte mich zurück. Mila hob den Kopf, sah mich mit großen, wässrigen Augen an.
Hast du Durst, fragte ich leise und löste vorsichtig das Tuch, um an meinen Rucksack zu kommen. Sie nickte stumm, und ich holte die Wasserflasche heraus. Ich schraubte sie auf, hielt sie an ihre Lippen. Sie trank gierig, Wasser lief über ihr Kinn, und ich wischte es mit dem Ärmel meiner Jacke weg. Langsam, mahnte ich sanft. Trink langsam, sonst wird dir schlecht.
Sie hörte auf zu trinken, und ich nahm selbst einen Schluck. Das Wasser war warm und schmeckte metallisch, aber es war besser als nichts. Ich schraubte die Flasche wieder zu und verstaute sie im Rucksack. Dann holte ich einen der Energieriegel heraus, riss die Verpackung auf und brach ein Stück ab. Hier, bot ich Mila an. Iss das. Du brauchst Kraft.
Sie nahm es zögernd, biss hinein, und ihr Gesicht verzog sich. Es schmeckte wahrscheinlich scheußlich, wie alles, was aus diesen Rationen kam, aber sie aß es trotzdem. Ich aß auch ein Stück, zwang mich, langsam zu kauen, obwohl mein Magen knurrte. Wir mussten sparsam sein. Sehr sparsam.
Weißt du was, begann ich und lächelte sie an, obwohl mir nicht nach Lächeln zumute war. Mein Papa hat mir mal von Trittau erzählt. Da gibt es eine alte Mühle, ganz versteckt im Wald. Und wenn wir Glück haben, können wir da heute Nacht schlafen. In einem richtigen Bett vielleicht. Oder zumindest auf weichem Boden.
Mila sagte nichts, aber sie sah mich an, und ich glaubte, so etwas wie Hoffnung in ihren Augen zu sehen. Ich wickelte sie wieder ins Tuch, stand auf und machte mich erneut auf den Weg.
Der Pfad führte weiter durch den Wald, und ich zählte meine Schritte, um nicht an die Schmerzen zu denken. Eintausend. Zweitausend. Dreitausend. Die Zahlen halfen mir, fokussiert zu bleiben. Mila war wieder eingeschlafen, ihr Kopf wippte bei jedem Schritt leicht gegen meine Brust. Ich war froh, dass sie schlief. Vielleicht träumte sie von besseren Zeiten, von ihrer Mutter, die noch lebte, von einer Welt, die nicht so grausam war.
Ich sah noch zwei weitere Leichen. Eine Frau, die an einen Baum gelehnt war, die Augen starr und leer, ein Loch in ihrer Stirn. Und später einen Jungen, vielleicht in meinem Alter, der in einem Bach lag, das Wasser rot gefärbt von seinem Blut. Ich redete mit Mila, auch wenn sie schlief, redete über alles und nichts, nur um die Bilder aus meinem Kopf zu verdrängen.
