Verlag: E-Books im Verlag Kiepenheuer & Witsch Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2011

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E-Book-Beschreibung Rupien! Rupien! - Vikas Swarup

»Charmant und rasant erzählt« (FAZ) – Vikas Swarups Roman aus dem modernen Indien Warum sitzt ein armer indischer Kellner im Gefängnis? Er hat a) zu viel Whisky getrunken b) Geld aus der Kasse geklaut c) sich mit einem Kunden geprügelt d) in einer Quizshow gewonnen Mohammed Thomas wurde verhaftet. Und das, weil er zwölf Fragen in der Quizshow WER WIRD MILLIARDÄR? richtig beantworten konnte. Keiner kann sich vorstellen, dass ein Waisenjunge, der nie in seinem Leben eine Schule besucht oder eine Zeitung gelesen hat, weiß, wie der kleinste Planet unseres Sonnensystems heißt oder welche Stücke aus der Feder Shakespeares stammen. Er muss also ein Betrüger sein. Gemeinsam mit einer Anwältin, die wie die gute Fee aus dem Märchen im Gefängnis erscheint und Ram helfen will, schaut er sich die Videoaufzeichnung der Quizshow an, und erzählt ihr und dem Leser aus seinem unglaublichen Leben. Nach und nach wird klar, warum er die richtigen Antworten wusste. Kinostart: 19. März 2009

Meinungen über das E-Book Rupien! Rupien! - Vikas Swarup

E-Book-Leseprobe Rupien! Rupien! - Vikas Swarup

Inhalt

CoverTitelAnmerkungWidmungProlog1.000 – Der Tod eines Helden2.000 – Die Bürde eines Priesters5.000 – Das Wort eines Bruders10.000 – Nehmt Rücksicht auf die Krüppel50.000 – Wie man Australisch spricht100.000 – Passen Sie auf Ihre Knöpfe auf200.000 – Mord im Western-Express500.000 – Die Geschichte eines Soldaten1.000.000 – Lizenz zum Töten10.000.000 – Königin der Tragödien100.000.000 – X Gkrz Opknu (oder: Eine Liebesgeschichte)1.000.000.000 – Die dreizehnte FrageEpilogDanksagungenErläuterungenBuchAutorImpressum

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Eine Übersetzung der indischen Begriffe befindet sich in der Reihenfolge ihrer Erwähnung am Ende des Buches.

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Für meine Eltern Vinod & Indra Swarup und meinen verstorbenen Großvater Shri Jagadish Swarup

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Prolog

Ich wurde verhaftet, weil ich in einer Quizshow gewonnen habe.

Letzte Nacht hat man mich geholt, als selbst die streunenden Hunde schon schliefen. Sie haben die Tür aufgebrochen, mir Handschellen angelegt und mich zu einem wartenden Jeep mit blitzendem Blaulicht geführt.

Es gab keinen Protest. In den Hütten regte sich kein Mensch. Nur die alte Eule im Tamarindenbaum schrie.

Verhaftungen sind in Dharavi so häufig wie Taschendiebstahl in der Stadtbahn. Kein Tag vergeht, an dem nicht irgendein glückloser Bewohner auf das Polizeirevier gebracht wird. Manche schreien und toben und müssen von den Beamten mit körperlicher Gewalt abgeführt werden. Andere fügen sich still. Sie rechnen mit der Polizei, erwarten sie vielleicht schon. Für sie ist der Jeep mit dem Blaulicht fast eine Erlösung.

Im Nachhinein frage ich mich, ob ich nicht doch hätte schreien und um mich treten sollen. Ob es nicht besser gewesen wäre, meine Unschuld zu beteuern, Radau zu schlagen, meine Nachbarn zu alarmieren. Nicht, dass es mir geholfen hätte. Selbst wenn es mir gelungen wäre, ein paar Bewohner zu wecken, hätten sie keinen Finger für mich gekrümmt. Sie hätten sich nur mit müdem Blick das Schauspiel angesehen, hätten »Wieder einer weniger« oder sonst was Banales gemurmelt, gegähnt, sich umgedreht und weitergeschlafen. Für ihr Leben machte es keinen Unterschied, dass ich aus Asiens größtem Slum verschwand. Die Warteschlange würde beim Wasserholen am Morgen nicht kürzer sein, der tägliche Kampf, rechtzeitig den Zug um halb acht zu erwischen, wäre der gleiche.

Sie würden sich nicht mal fragen, warum ich überhaupt verhaftet wurde. Ehrlich gesagt, als die beiden Beamten in meine Hütte stürmten, habe ich das auch nicht getan. Wenn die ganze Existenz ›illegal‹ ist, wenn man am Rand des Elends in einem städtischen Brachland lebt, wo man um jeden Quadratzentimeter kämpfen und selbst für einen Schiss Schlange stehen muss, kommt einem die Verhaftung irgendwie unvermeidbar vor. Man gewöhnt sich an den Gedanken, dass eines Tages ein Haftbefehl auf den eigenen Namen ausgestellt wird, dass irgendwann ein Jeep mit blitzendem Blaulicht auf einen wartet.

Es gibt Leute, die sagen, ich wäre selbst schuld. Weil ich mich auf diese Quizshow eingelassen habe. Mit erhobenem Zeigefinger erinnern sie mich daran, dass die Alten in Dharavi immer sagen, man solle die Grenze zwischen Arm und Reich nicht überschreiten. Was muss so ein bettelarmer Kellner auch an einem Quiz für kluge Köpfe teilnehmen? Der Kopf ist ein Körperteil, dessen Benutzung uns nicht gestattet ist. Wir sollen bloß unsere Arme und Beine gebrauchen.

Wenn sie nur sehen könnten, wie ich die Fragen beantworte. Nach der Sendung hätten sie bestimmt Respekt vor mir. Leider wurde die Show noch nicht ausgestrahlt. Trotzdem verbreitet sich allmählich das Gerücht, ich hätte was gewonnen. In der Lotterie vielleicht. Als die anderen Kellner davon hörten, haben sie im Restaurant ein großes Fest für mich veranstaltet. Bis spät in die Nacht haben wir gesungen, getanzt und getrunken. Und zum ersten Mal gab es abends was anderes als Ramzis ranziges Essen. Wir haben uns Chicken Biryani und Shish Kebab vom Fünf-Sterne-Hotel am Marine Drive liefern lassen. Der tatterige Barkeeper bot mir seine Tochter zur Frau an. Selbst der griesgrämige Manager hat nachsichtig gelächelt und mir sogar den ausstehenden Lohn gezahlt. An dem Abend hat er mich nicht mal nutzloser Hund genannt. Auch nicht räudiger Köter.

Dafür nennt Godbole mich jetzt so, und Schlimmeres. Ich sitze im Schneidersitz in einer zwei mal drei Meter großen Zelle mit rostiger Eisentür und kleinem, quadratischem Gitterfenster, durch das ein Strahl staubiges Sonnenlicht fällt. In der Zelle ist es schwülwarm. Fliegen summen über dem breiigen Rest einer überreifen Mango, die zerquetscht auf dem Steinboden liegt. Ein traurig aussehender Kakerlak holpert mein Bein hinauf. Langsam werde ich hungrig. Mein Magen knurrt.

Mir wird gesagt, dass man mich gleich ins Verhörzimmer bringt. Zum zweiten Mal seit der Verhaftung soll ich vernommen werden. Nach unendlich langer Wartezeit holt mich jemand ab. Inspektor Godbole persönlich.

Godbole ist nicht besonders alt, vielleicht Mitte vierzig. Sein Kopf wird kahl; ein Schnauzbart prangt im runden Gesicht. Er geht mit schwerem Schritt, und sein übergewichtiger Bauch quillt über die Khakihose. »Mistfliegen«, flucht er und schlägt nach einer, die vor seinem Gesicht herumschwirrt. Der Schlag geht daneben.

Inspektor Godbole ist heute nicht in guter Stimmung. Ihm machen die Fliegen zu schaffen. Ihm macht die Hitze zu schaffen. Der Schweiß rinnt ihm über die Stirn. Er wischt ihn sich mit dem Ärmel ab. Vor allem aber macht ihm mein Name zu schaffen. »Ram Mohammad Thomas – was für ein blöder Name, sämtliche Religionen durcheinander. Konnte sich deine Mutter nicht entscheiden, wer dein Vater ist?«, fragt er nicht zum ersten Mal.

Die Beleidigung lässt mich kalt. Daran bin ich gewöhnt.

Vor dem Verhörzimmer stehen zwei Beamte stramm, ein sicheres Zeichen dafür, dass jemand Wichtiges drinnen ist. Am Morgen hatten sie nochpaangekaut und dreckige Witze erzählt. Godbole schiebt mich regelrecht in das Zimmer,in dem zwei Männer vor einer Wandkarte mit sämtlichen Entführungen und Morden des Jahres stehen. Den einen Mann kenne ich. Sein Haar ist lang wie bei einer Frau – oder einem Rockstar. Er war auch schon bei der Aufzeichnung der Quizshow dabei und hat dem Moderator über Kopfhörer Anweisungen gegeben. Den anderen Mann – ein Weißer mit Vollglatze – kenne ich nicht. Er trägt einen malvenfarbenen Anzug mit leuchtend orangerotem Schlips. Nur ein Weißer trägt bei dieser stickigen Hitze Schlips und Anzug. Er erinnert mich an Colonel Taylor.

Der Deckenventilator läuft auf Hochtouren, doch ohne Fenster wirkt das Zimmer irgendwie luftleer. Hitze steigt von den weiß getünchten Wänden auf und staut sich unter der niedrigen Holzdecke. Ein langer, schmaler Deckenbalken teilt den Raum in zwei gleiche Hälften. Bis auf einen rostigen Tisch in der Mitte, um den sich drei Stühle gruppieren, ist das Zimmer leer. Direkt über dem Tisch hängt vom Holzbalken eine Lampe aus Metall herab.

Wie ein Ringrichter seinen Lieblingslöwen stellt mich Godbole dem Weißen vor. »Das hier ist Ram Mohammad Thomas, Sir.«

Der Weiße betupft sich mit einem Taschentuch die Stirn und sieht mich an, als stünde er vor einer neuen Affenart. »Das ist also unser berühmter Gewinner! Ich muss sagen, er sieht älter aus, als ich erwartet hatte.« Ich versuche, seinen Akzent einzuordnen. Er redet mit demselben Näseln wie die wohlhabenden, weit gereisten Touristen aus Baltimore oder Boston, die in Scharen nach Agra kommen.

Der Amerikaner macht es sich auf einem Stuhl bequem. Er hat dunkelblaue Augen und eine rosige Nase. Die grünen Adern auf seiner Stirn sehen wie dünne Zweige aus. »Hallo«, spricht er mich an, »ich heiße Neil Johnson und bin hier im Namen von NewAge Telemedia, der Firma, der die Lizenzen an der Quizshow gehören. Dies ist Billy Nanda, der Produzent.«

Ich bleibe stumm. Affen reden nicht. Erst recht kein Englisch. Er dreht sich zu Nanda um. »Er versteht doch Englisch, oder?«

»Sind Sie nicht ganz bei Trost, Neil?«, weist ihn Nanda zurecht. »Wie kommen Sie darauf, dass er Englisch spricht? Mein Gott, er ist doch bloß so ein blöder Kellner aus irgendeinem gottverlassenen Restaurant.«

Durchdringendes Sirenengeheul nähert sich. Ein Polizist stürzt ins Zimmer und flüstert Godbole etwas ins Ohr. Der Inspektor eilt mit ihm nach draußen und kehrt mit einem untersetzten, korpulenten Mann in der Uniform eines hochrangigen Polizeibeamten zurück. Godbole strahlt Johnson an und fletscht die gelben Zähne. »Der Sahib Commissioner ist eingetroffen, Mr. Johnson.«

Johnson erhebt sich.

»Vielen Dank, dass Sie kommen konnten, Commissioner. Ich glaube, Billy kennen Sie schon?«

Der Commissioner nickt. »Ich fuhr her, als ich die Nachricht vom Innenminister erhielt.«

»Ach ja … Er ist ein alter Freund von Mr. Mikhailow.«

»Also, was kann ich für Sie tun?«

»Wir brauchen Ihre Hilfe bei WWM.«

»WWM?«

»Die Abkürzung für Wer wird Milliardär.«

»Und was soll das sein?«

»Eine Quizsendung, die gerade von unserer Firma in fünfunddreißig Ländern gestartet wurde. Ihnen ist doch bestimmt unsere Werbung aufgefallen, die überall in Mumbai hängt.«

»Muss ich übersehen haben. Warum eine Milliarde?«

»Warum nicht? Haben Sie nie Wer wird Millionär? gesehen?«

» Kaun banega crorepati. Die Show war im ganzen Land ein Hit und in meiner Familie Pflichtprogramm.«

»Warum haben Sie sich die Sendung angesehen?«

»Na ja … weil sie so interessant war.«

»Wäre sie auch dann so interessant gewesen, wenn dem Sieger bloß zehntausend statt einer Million gewinkt hätten?«

»Tja … ich glaube nicht.«

»Ganz genau. Sehen Sie, der größte Anreiz in dieser Welt ist nicht Sex, sondern Geld. Und je größer die Summe, umso größer der Reiz.«

»Ich verstehe. Und wer ist der Quizmaster?«

»Prem Kumar moderiert für uns.«

»Prem Kumar? Dieser abgehalfterte Schauspieler? Der ist doch nicht mal halb so berühmt wie Amitabh Bachchan von Crorepati.«

»Keine Sorge, das wird schon noch. Natürlich waren wir gewissermaßen verpflichtet, ihn zu engagieren, da ihm neunundzwanzig Prozent der indischen Tochtergesellschaft von NewAge Telemedia gehören.«

»Okay, ich verstehe. Und was hat dieser Kerl – wie heißt er gleich noch? – dieser Ram Mohammad Thomas mit alldem zu tun?«

»Er war letzte Woche Teilnehmer an unserer fünfzehnten Show.«

»Und?«

»Und er hat alle zwölf Fragen für die Milliarde Rupien richtig beantwortet.«

»Was? Soll das ein Witz sein?«

»Nein, das ist kein Witz. Wir waren ebenso verblüfft wie Sie. Dieser Bursche hat den größten Jackpot aller Zeiten geknackt. Allerdings wurde die Sendung noch nicht ausgestrahlt, weshalb auch noch nicht allzu viele Leute darüber Bescheid wissen.«

»Okay. Wenn Sie sagen, er hat eine Milliarde gewonnen, dann hat er eben eine Milliarde gewonnen. Wo ist das Problem?«

Johnson schweigt und sagt dann: »Können Billy und ich kurz allein mit Ihnen sprechen?«

Der Commissioner schickt Godbole mit einer Handbewegung hinaus. Der Inspektor funkelt mich wütend an und geht. Ich bleibe im Zimmer, doch achtet niemand auf mich. Ich bin bloß ein Kellner. Und Kellner verstehen kein Englisch.

»Okay, schießen Sie los«, sagt der Commissioner.

»Verstehen Sie, Commissioner, Mister Mikhailow ist gerade nicht in der Lage, eine Milliarde Rupien zu bezahlen«, erklärte Johnson.

»Warum hat er sie dann überhaupt ausgesetzt?«

»Na ja … das war ein Werbetrick.«

»Hören Sie, das begreife ich trotzdem nicht. Müsste Ihre Show nicht gerade dann besonders gut ankommen, wenn jemand den höchsten Preis gewinnt? Wenn ein Kandidat in Wer wird Millionär? die Millionen geschafft hatte, haben sich meines Wissens die Zuschauerzahlen verdoppelt.«

»Es geht um das Timing, Commissioner, das Timing. Shows wie WWM dürfen nicht vom Zufall, vom Würfelglück diktiert werden. Sie müssen einem vorgeschriebenen Skript folgen. Und laut unserem Skript konnte es die ersten acht Monate keinen Hauptgewinner geben, wodurch wir die nötige Zeit gewonnen hätten, die Investitionen durch Einnahmen wieder wettzumachen. Aber jetzt hat dieser Thomas unsere ganzen Pläne durcheinander gebracht.«

Der Commissioner nickt. »Okay, also was soll ich Ihrer Meinung nach tun?«

»Ich brauche Ihre Hilfe, um beweisen zu können, dass Thomas bei der Quizshow betrogen hat. Dass er die Antworten auf alle zwölf Fragen ohne einen Komplizen gar nicht wissen konnte. Überlegen Sie doch nur. Er ist nie zur Schule gegangen und hat niemals eine Zeitung gelesen. Er konnte unmöglich die Milliarde gewinnen.«

»Na ja … da wäre ich mir nicht so sicher.« Der Commissioner kratzt sich am Kopf. »Es hat Fälle gegeben, wo Jungs aus ärmlichen Verhältnissen im späteren Leben sogar zu Genies wurden. Ist nicht selbst Einstein von der Schule geflogen?«

»Hören Sie, Commissioner, wir können es Ihnen auf der Stelle beweisen, dass dieser Kerl kein Einstein ist«, sagt Johnson und gibt Nanda einen Wink.

Nanda fährt sich mit den Fingern durch das üppige Haar und kommt auf mich zu. Er spricht mich auf Hindi an. »Ram Mohammad Thomas, nehmen wir einmal an, dass Sie tatsächlich so clever gewesen wären, unsere Show zu gewinnen. Um das zu beweisen, möchten wir Sie bitten, nun für uns an einem weiteren Quiz teilzunehmen. Die Fragen sind ganz einfach und können eigentlich von jedem beantwortet werden, der auch nur über ein Durchschnittsmaß an Intelligenz verfügt.« Er lässt mich auf einem der Stühle Platz nehmen. »Sind Sie so weit? Hier kommt Frage Nummer eins: Womit zahlt man in Frankreich? Zur Auswahl stehen: A) Dollar, B) Pfund, C) Euro oder D) Franc.«

Ich bleibe stumm. Plötzlich saust die offene Hand des Commissioners durch die Luft und verpasst mir einen festen Schlag auf die Wange. »Idiot, bist du taub? Antworte, oder ich breche dir die Kieferknochen«, droht er.

Nanda hüpft wie ein Irrer umher – oder wie ein Rockstar. »Biiiitte, können wir das nicht auf zivilisierte Weise erledigen?«, fragt er den Commissioner. Dann blickt er mich an. »Ja? Wie lautet Ihre Antwort?«

»Franc«, erwidere ich mürrisch.

»Falsch. Die richtige Antwort lautet: Euro. Okay, Frage Nummer zwei: Wie hieß der Mann, der als Erster einen Fuß auf den Mond setzte? War es A) Edwin Aldrin, B) Neil Armstrong, C) Juri Gagarin oder D) Jimmy Carter?

»Weiß ich nicht.«

»Es war Neil Armstrong. Frage Nummer drei: Stehen die Pyramiden A) in New York, B) in Rom, C) in Kairo oder D) in Paris?«

»Weiß ich nicht.«

»In Kairo. Frage Nummer vier: Wie heißt der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika? Ist es A) Bill Clinton, B) Colin Powell, C) John Kerry oder D) George Bush?«

»Weiß ich nicht.«

»Die korrekte Antwort lautet George Bush. Es tut mir Leid, Ihnen das sagen zu müssen, Mister Thomas, aber Sie haben keine einzige Frage richtig beantwortet.«

Nanda wendet sich wieder an den Commissioner und fällt zurück ins Englische: »Sehen Sie, ich habe Ihnen doch gesagt, dass dieser Kerl ein Schwachkopf ist. Er konnte letzte Woche unmöglich die Antworten auf alle Fragen wissen – es sei denn, er hat betrogen.« »Irgendeine Ahnung, wie er betrogen haben könnte?«, fragt der Commissioner.

»Das ist es ja gerade. Ich habe zwei Kopien vom Mitschnitt auf DVD. Unsere Experten sind mit der Lupe drübergegangen, aber sie konnten bis jetzt absolut nichts finden. Aber irgendwann werden sie schon Erfolg haben.«

Der Hunger steigt mir von den Eingeweiden in die Kehle und macht mich schwindlig. Ich krümme mich vor Husten.

Johnson, der kahlköpfige Amerikaner, mustert mich mit scharfem Blick. »Erinnern Sie sich an den Fall des Majors, Commissioner, der bei Wer wird Millionär? eine Million Pfund gewonnen hat? Ist vor einigen Jahren in England passiert. Die Gesellschaft hat die Zahlung verweigert. Die Polizei führte eine Untersuchung durch und konnte den Major schließlich überführen. Wie sich herausstellte, hatte er einen Komplizen im Publikum, einen Professor, der ihm die richtigen Antworten durch einen Hüstel-Code verriet. Irgendwas Ähnliches ist hier auch passiert, hundert Pro.«

»Also müssen wir nach einem Hüstler im Publikum fahnden?«

»Nein, es gibt keinerlei Anzeichen für ungewöhnliches Hüsteln. Es muss ein anderes Signal gewesen sein.«

»Wurde er vielleicht von einem Pieper oder Handy angewählt?«

»Nein, wir sind uns ziemlich sicher, dass er kein technisches Gerät bei sich hatte. Außerdem hätten Pieper und Handy im Studio nicht funktioniert.«

Dem Commissioner kommt eine Idee. »Glauben Sie, ihm wurde ein Gedächtnischip ins Hirn implantiert?«

Johnson seufzt. »Ich fürchte, Sie haben zu viele Science-Fiction-Filme gesehen, Commissioner. Hören Sie, was es auch ist, mit Ihrer Hilfe können wir es herausfinden. Wir wissen nicht, wer sein Komplize war. Wir wissen auch nicht, was sie für ein Signalsystem benutzt haben, aber ich bin mir hundertprozentig sicher, dass dieser Typ ein Betrüger ist. Helfen Sie uns, das zu beweisen.«

»Haben Sie schon daran gedacht, sich den Mann einfach zu kaufen?«, fragt der Commissioner hoffnungsvoll. »Ich meine, er weiß doch bestimmt nicht mal, wie viele Nullen eine Milliarde hat. Da könnte ich mir schon vorstellen, dass er ganz glücklich wäre, wenn Sie ihm ein paar tausend Rupien zustecken.«

Am liebsten würde ich dem Commissioner an die Gurgel springen. Zugegeben, vor der Show habe ich nicht gewusst, wie viel eine Milliarde ist, aber das war mal. Jetzt weiß ich Bescheid. Und ich habe fest vor, meinen Preis zu kassieren. Mit sämtlichen neun Nullen.

Johnsons Antwort beruhigt mich. »Das können wir nicht machen«, sagt er. »Damit würden wir ein juristisches Verfahren riskieren. Verstehen Sie, er ist entweder ein ehrlicher Gewinner oder ein Gauner. Deshalb erhält er seine Milliarde, oder er geht ins Gefängnis. Halbe Sachen kommen nicht in Frage. Und darum müssen Sie mir helfen, dass er in den Knast wandert. Mister Mikhailow bekäme einen Herzinfarkt, wenn er jetzt eine Milliarde rausrücken müsste.«

Der Commissioner schaut Johnson direkt ins Gesicht.

»Ich verstehe ja Ihren Standpunkt«, sagt er gedehnt, »aber was springt für mich dabei raus?«

Wie auf ein Stichwort zieht ihn Johnson am Arm in eine Ecke. Ihre Stimmen sind gedämpft. Ich verstehe nur die Worte »Zehn Prozent«, und der Commissioner ist sichtlich begeistert von dem, was ihm gesagt wird. »Okay, okay, Johnson, ist so gut wie erledigt. Jetzt lassen Sie mich Godbole wieder hereinrufen.«

Der Inspektor wird geholt. »Was haben Sie bis jetzt über ihn rausgefunden, Godbole?«, fragt der Commissioner.

Godbole wirft mir einen wütenden Blick zu. »Nichts, Sahib Commissioner. Der Dreckskerl gibt immer dieselbe Antwort und sagt, er hätte Glück gehabt und die Antworten eben ›gewusst‹.«

»Glück, he?«, schnaubt Johnson verächtlich.

»Genau. Allerdings habe ich den dritten Grad noch nicht angewandt, sonst würde er längst wie ein Kanarienvogel zwitschern. Aber wenn Sie Ihre Einwilligung geben, habe ich in null komma nichts die Namen sämtlicher Komplizen.«

Der Commissioner sieht fragend zu Johnson und Nanda hinüber. »Wäre Ihnen das recht?«

Nanda schüttelt den Kopf so heftig, dass ihm die langen Haare um die Ohren fliegen. »Nichts da. Keine Folter. Die Zeitungen haben schon Wind von der Verhaftung bekommen. Wenn die auch noch herausfinden, dass er misshandelt wurde, sind wir erledigt. Außerdem habe ich bereits genug Probleme am Hals, da will ich mich nicht auch noch darum sorgen müssen, dass uns irgendeine verdammte Menschenrechtsorganisation ein Verfahren anhängt.«

Der Commissioner klopft ihm auf den Rücken. »Du redest schon wie die Amerikaner, Billy. Keine Angst. Godbole ist ein Profi. Man wird ihm nicht das Geringste ansehen können.«

Wie ein Ballon steigt die Galle in mir auf. Mir ist, als müsste ich mich übergeben.

Der Commissioner wendet sich zum Gehen. »Godbole, bis morgen früh will ich den Namen des Komplizen und einen genauen Bericht über Ihre Vorgehensweise. Wenden Sie alle nötigen Mittel an, um die gesuchten Informationen zu erhalten, aber seien Sie vorsichtig. Denken Sie daran, dass Ihre Beförderung von dieser Sache abhängt.«

»Danke, Commissioner, danke«, Godbole setzt sein Plastiklächeln auf. »Keine Sorge, Sir. Wenn ich mit dem Jungen fertig bin, ist er bereit, den Mord an Mahatma Gandhi zu gestehen.«

Ich versuche, mich daran zu erinnern, von wem Mahatma Gandhi umgebracht wurde. Immerhin soll er kurz vor seinem Tod »Hey, Ram« gesagt haben. Ich weiß noch, wie ich »Das ist ja mein Name!« gerufen habe, aber Vater Timothy hat mir behutsam erklärt, es sei der Name von Ram, dem Herrn, gemeint, von jenem Gott der Hindus, der schon vor vierzehn Jahren in den Dschungel verbannt worden war.

Godbole hat inzwischen den Commissioner und die beiden Männer nach draußen geleitet und kommt nun zurück. Er schnauft ins Verhörzimmer und knallt die Tür hinter sich zu. Dann zeigt er mit einem Fingerschnipsen auf mich. »Okay, Arschloch, zieh dich aus!«

Stechender, pochender Schmerz dringt mir aus jeder Pore. Meine Hände sind mit einem Seil an den drei Meter über dem Boden angebrachten Balken gebunden, weshalb meine Beine in der Luft baumeln. Hände und Füße fühlen sich an, als würden sie auseinander gerissen. Ich bin völlig nackt. Die Rippen stehen vor wie bei afrikanischen Hungerbabys.

Godbole foltert mich seit einer Stunde, aber er ist noch nicht fertig. Alle halbe Stunde kommt er mit einem neuen Marterinstrument herein. Erst hat er mir eine Holzstange in den After geschoben. Die Stange war mit Chilipulver eingerieben. Ein Gefühl, als würde mir ein glühend heißer Dorn in den Hintern getrieben. Vor Schmerz musste ich würgen und bin fast erstickt. Dann hat er meinen Kopf in einen Eimer Wasser gesteckt und mich untergetaucht, bis meine Lungen platzen wollten. Ich habe gekeucht und nach Luft geschnappt und wäre fast ertrunken.

Jetzt hält er ein elektrisch geladenes Kabel in der Hand, als liefe er mit einer Wunderkerze über das Diwali-Lichterfestival. Wie ein betrunkener Boxer tanzt er um mich herum, holt dann plötzlich aus und stößt mit dem Kabel nach meiner linken Fußsohle. Der Strom durchfährt meinen Körper wie heißes Gift. Ich zucke und krümme mich vor Schmerz.

Godbole schreit mich an: »Du Scheißer! Willst du mir immer noch nicht sagen, welchen Trick du bei der Show benutzt hast? Wer hat dir die Antworten verraten? Sag’s mir, und die Folter hört auf. Du kriegst ein schönes warmes Essen und kannst sogar nach Hause gehen.«

Doch mein Zuhause scheint mir im Augenblick weit fort zu sein. Und sollte ich tatsächlich eine heiße Mahlzeit vorgesetzt bekommen, müsste ich nur kotzen. Wenn man lange nichts isst, verkümmert der Hunger, stirbt ab und hinterlässt in der Magengrube nur ein dumpfes Bohren.

Eine erste Welle von Übelkeit schlägt über mir zusammen. Ich werde ohnmächtig. Durch dichten Nebel sehe ich eine hoch gewachsene Frau mit langem schwarzem Haar. Hinter ihr heult der Wind, weht das pechschwarze Haar über ihr Gesicht, verdeckt es. Sie trägt einen weißen Sari aus dünnem Stoff, der sie wie ein Papierdrache umflattert und umtanzt. Sie breitet die Arme aus und ruft: »Mein Sohn … mein Sohn … was tut man dir an?«

»Mutter!«, antworte ich und strecke über die Kluft aus Nebel und Dunst die Hand nach ihr aus, doch Godbole packt mich grob am Kragen. Mir ist als würde ich laufen ohne voranzukommen. Er schlägt mir hart ins Gesicht, die Finsternis verfliegt.

Godbole hält mir wieder einen Stift hin. Er ist schwarz, die Feder glänzt wie Gold. Blaue Tinte schimmert an ihrer Spitze. »Unterschreibe das Geständnis«, befiehlt er.

Das Geständnis lautet schlicht: »Ich, Ram Mohammad Thomas, erkläre hiermit, dass ich am 10. Juli an der Quizshow Wer wird Milliardär? teilgenommen habe, und ich bekenne, dass ich ein Betrüger bin. Ich habe die Antworten auf die Fragen nicht gewusst und ziehe meinen Anspruch auf den höchsten Preis wie auch auf alle anderen Preise zurück. Ich bitte um Entschuldigung. Ich mache dieses Geständnis im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte und wurde von niemandem unter Druck gesetzt. Unterzeichnet: Ram Mohammad Thomas.«

Ich weiß, es ist nur eine Frage der Zeit, bis ich das Geständnis unterschreibe. Ich werde nicht mehr lange durchhalten. Man hat uns immer gesagt, wir sollten uns auf keinen Ärger mit der Polizei einlassen. Straßenjungen wie wir stehen am unteren Ende der Nahrungskette. Über uns kommen die Kleinkriminellen, die Taschendiebe etwa, darüber die Erpresser und Kredithaie. Über denen stehen die Mafiosi und über denen die großen Geschäftsleute. Doch über allem steht die Polizei. Sie besitzt die Instrumente nackter Macht. Und niemand kann sie kontrollieren. Denn wer hütet die Gesetzeshüter? Also werde ich das Geständnis unterschreiben. Vielleicht noch zehn, fünfzehn Schläge. Vielleicht noch fünf, sechs Stromstöße.

Plötzlich wird es unruhig vor der Tür. Polizisten rufen. Stimmen werden laut. Die Tür bebt und schlägt krachend auf. Eine junge Frau platzt ins Zimmer. Sie ist schlank und durchschnittlich groß, hat hübsche Zähne und schön geschwungene Augenbrauen. Mitten auf ihrer Stirn prangt ein großes, rundes, blaues bindi. Sie trägt einen weißen salvar kameez, einen blauen dupatta, Ledersandalen und hat langes, schwarzes, offenes Haar. Eine braune Handtasche hängt über ihrer Schulter. Es geht etwas Besonderes von ihr aus.

Godbole ist so durcheinander, dass er selbst das Kabel anfasst. Vor Schmerz schreit er auf. Schon will er den Eindringling am Kragen packen, als ihm aufgeht, dass es sich um eine Frau handelt. »Wieso zum Teufel platzen Sie hier so herein? Können Sie nicht sehen, dass ich beschäftigt bin?«

»Ich heiße Smita Shah«, erklärt die Frau gelassen. »Und ich bin die Anwältin von Mr. Ram Mohammad Thomas.« Sie schaut zu mir herüber, sieht, dass ich nichts anhabe und wendet den Blick rasch wieder ab.

Godbole ist verblüfft. Er ist so verblüfft, dass er nicht mal merkt, wie verblüfft ich selbst bin. Ich habe diese Frau noch nie gesehen. Ich habe nicht mal Geld für ein Taxi. Also werde ich mir wohl kaum eine Anwältin leisten können.

»Wie bitte?«, krächzt Godbole. »Sie sind seine Anwältin?«

»Ja. Und was Sie meinem Mandanten antun, ist ebenso ungesetzlich wie inakzeptabel. Ich verlange, dass jegliche Misshandlung sofort eingestellt wird. Außerdem behält sich mein Mandant das Recht vor, Sie nach Paragraph 330 und 331 des indischen Strafrechtes zu verklagen. Ich verlange darüber hinaus, dass mir seine Haftpapiere vorgelegt werden. Meines Wissens liegt keine Anzeige gegen ihn vor. Gründe für eine Verhaftung, deren Angabe Artikel 22 unserer Verfassung verlangt, sind nicht bekannt, somit wurde Paragraph 50 des Gesetzes über den Umgang mit Strafgefangenen verletzt. Falls Sie daher keinen rechtskräftigen Haftbefehl vorlegen können, werde ich mit meinem Mandanten jetzt das Polizeirevier verlassen, um mich in Ruhe mit ihm zu beraten.«

»Äääähmmm. Ich …, ich muss … mit dem Commissioner reden. Bitte warten Sie«, ist alles, was Godbole hervorbringt. Er wirft der Frau einen hilflosen Blick zu, schüttelt den Kopf und schleicht sich aus dem Zimmer.

Ich bin beeindruckt. Ich habe nicht gewusst, dass Anwälte solch eine Macht über die Polizei besitzen. Die Nahrungskette muss neu überdacht werden.

Ich weiß nicht, wann Godbole wieder ins Zimmer kommt, was er der Anwältin sagt oder was ihm die Anwältin sagt, denn vor lauter Schmerz, Hunger und Glück werde ich ohnmächtig.

Ich sitze auf einer Ledercouch und halte eine Tasse mit heißem, dampfendem Tee in der Hand. Der rechteckige Tisch ist mit Papieren übersät. Obenauf liegt ein Briefbeschwerer, daneben steht eine rote Schreibtischlampe. Das Zimmer ist rosarot gestrichen. Auf den Regalen reiht sich ein schwarzer Wälzer an den anderen, auf den Bücherrücken sind goldene Lettern zu sehen. An den Wänden hängen eingerahmte Urkunden und Diplome. Aus einer Zimmerecke ragt schräg ein eingetopftes Silberblatt hervor.

Smita bringt einen Teller und ein Glas. Ich kann das Essen riechen. »Ich weiß, dass Sie hungrig sein müssen, also habe ich Ihnen ein paar chapattis geholt, etwas Gemüse und eine Cola. Mehr war nicht im Kühlschrank.«

Ich greife nach ihrer Hand. Sie fühlt sich warm und feucht an. »Danke«, sage ich. Ich weiß immer noch nicht, wie sie aufs Polizeirevier gekommen ist – oder warum. Sie hat mir nur gesagt, sie hätte von meiner Verhaftung in der Zeitung gelesen und wäre so schnell wie möglich gekommen. Jetzt bin ich in ihrem Haus in Bandra. Ich frage nicht, wann oder warum sie mich hergebracht hat. Man hinterfragt kein Wunder.

Ich esse. Ich verdrücke sämtliche chapattis und vertilge das ganze Gemüse. Ich trinke die Cola. Ich stopfe das Essen in mich hinein, bis mir die Augen aus dem Kopf quellen wollen.

Es ist spät abends. Ich habe gegessen und geschlafen. Smita ist noch bei mir, doch bin ich jetzt in ihrem Schlafzimmer auf einem großen Bett mit blauer Bettdecke. Ihr Schlafzimmer ist anders als das des Filmstars Neelima Kumari, bei dem ich früher einmal gearbeitet habe. Statt großer Spiegel, Auszeichnungen und Schauspielpreise finden sich Bücher in den Regalen und ein großer, brauner Teddybär mit Glasaugen. Doch wie Neelima hat sie einen Sony-Fernseher und sogar einenDVD – Player.

Smita sitzt neben mir auf dem Bettrand, einen Disc-Pack in der Hand. »Wie Sie sehen, ist es mir gelungen, eine DVD – Aufnahme des Abends zu besorgen. Jetzt können wir die Sendung haarklein durchgehen. Und ich möchte, dass Sie mir genau erklären, wieso Sie die Fragen beantworten konnten. Außerdem will ich, dass Sie mir die Wahrheit erzählen.«

»Die Wahrheit?«

»Selbst wenn Sie betrogen haben, bin ich hier, um Sie zu beschützen. Was Sie mir sagen, kann vor Gericht nicht gegen Sie verwandt werden.«

Erste Zweifel melden sich. Ist diese Frau nicht zu gut, um wahr zu sein? Wurde sie vom kahlköpfigen Johnson geschickt, um mir belastende Erkenntnisse zu entlocken? Kann ich ihr vertrauen?

Zeit, eine Entscheidung zu treffen. Ich greife nach meiner bewährten Rupie. Kopf heißt, ich arbeite mit ihr zusammen, Zahl, ich binde ihr einen Bären auf. Ich werfe die Münze. Kopf.

»Kennen Sie Albert Fernandes?«, frage ich sie.

»Nein. Wer ist das?«

»Ihm gehört eine illegale Fabrik in Dharavi, die Uhrbandschnallen herstellt.«

»Und?«

»Er ist ein Matka-Spieler.«

»Matka?«

»Ein verbotenes Kartenspiel.«

»Ich verstehe.«

»Albert Fernandes spielt also Matka, und letzten Dienstag hatte er unglaubliches Glück.«

»Was ist passiert?«

»Er hat fünfzehnmal hintereinander gewonnen. Können Sie sich das vorstellen? Fünfzehnmal hintereinander. An dem Abend hat er fünfzigtausend Rupien eingesackt.«

»Und? Ich sehe da immer noch keinen Zusammenhang.«

»Nein? Er hatte Glück im Spiel, ich hatte Glück bei der Show.«

»Sie meinen, Sie haben die Antworten erraten und rein zufällig zwölfmal die richtigen genannt?«

»Nein, ich habe die Antworten nicht erraten. Ich habe die richtigen Antworten gewusst.«

»Sie wussten die Antworten?«

»Ja, auf alle Fragen.«

»Was hat das dann mit Glück zu tun?«

»Na ja, war es kein Glück, dass nur Fragen gestellt wurden, auf die ich die Antwort wusste?«

Smitas völlig ungläubiges Gesicht verrät alles. Ich ertrage es nicht länger. Ich platze vor Wut und Traurigkeit. »Ich weiß, was Sie denken. Sie fragen sich wie Godbole, was ich in dieser Quizshow zu suchen hatte. Und wie Godbole glauben Sie, ich wäre gerade gut genug, um im Restaurant Whisky und gebratenes Huhn zu servieren. Dass ich wie ein Hund leben und wie eine Fliege sterben sollte, stimmt’s?«

»Nein, Ram.« Sie greift nach meiner Hand. »Das würde ich niemals glauben. Aber verstehen Sie doch, wenn ich Ihnen helfen soll, muss ich wissen, wie Sie die Milliarde gewonnen haben. Und ich gestehe, mir fällt es schwer, das zu begreifen. Mein Gott, die Hälfte der Fragen hätte ich selbst nicht beantworten können.«

»Nun, Madam, wir Armen können auch Fragen stellen und Antworten verlangen. Und wenn die Armen ein Quiz veranstalten würden, dann möchte ich wetten, dass die Reichen keine einzige Frage beantworten könnten. Ich weiß nicht, welche Währung in Frankreich gültig ist, aber ich kann Ihnen sagen, wie viel Shalini Tai dem Geldverleiher in unserem Viertel schuldet. Ich weiß auch nicht, wer der erste Mensch auf dem Mond war, aber ich weiß, wer der erste Mensch war, der in Dharavi Raub-DVDs produziert hat. Könnten Sie in meinem Quiz solche Fragen beantworten?«

»Hören Sie, Ram, regen Sie sich nicht auf. Ich wollte Sie nicht beleidigen. Ich will Ihnen wirklich helfen. Und wenn Sie nicht betrogen haben, muss ich wissen, wieso Sie die Antworten wussten.«

»Ich kann es nicht erklären.«

»Warum nicht?«

»Fällt Ihnen auf, dass Sie atmen? Nein, Sie wissen einfach, dass Sie atmen. Ich bin auf keine Schule gegangen. Ich habe keine Bücher gelesen, aber ich sage Ihnen, ich habe diese Antworten gewusst.«

»Also muss ich Ihre ganze Lebensgeschichte kennen lernen, wenn ich verstehen will, wieso Sie antworten konnten?«

»Vielleicht.«

Smita nickt. »Ich glaube, damit haben wir den Schlüssel gefunden. Ein Quiz ist schließlich in erster Linie kein Wissenstest, sondern ein Test der Erinnerungsfähigkeit.« Sie zupft ihren blauen Dupatta zurecht und schaut mir in die Augen. »Ich möchte Ihre Erinnerungen hören. Können Sie bitte von Anfang an erzählen?«

»Sie meinen vom Jahr meiner Geburt. Vom ersten Jahr an?«

»Nein, von der ersten Frage an. Doch ehe wir beginnen, Ram Mohammad Thomas, müssen Sie mir versprechen, die Wahrheit zu sagen.«

»So wie im Kino, meinen Sie? Die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit?«

»Ganz genau.«

Ich hole tief Luft. »Ja, das verspreche ich Ihnen. Aber wo ist das Buch, auf das ich schwören soll? Die Gita, der Koran, die Bibel, egal, welches.«

»Ich brauche kein Buch. Ich bin Ihre Zeugin. So wie Sie mein Zeuge sind.«

Smita nimmt eine schimmernde Disc aus ihrer Hülle und schiebt sie in den DVD – Player.

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1.000 –

Der Tod eines Helden

Es hat zum dritten Mal geklingelt. Gleich hebt sich der purpurne Samtvorhang. Nach und nach werden die Lichter gedimmt, bis nur noch die roten EXIT – Schilder wie Glut im dunklen Saal glimmen. Popcornhändler und die Verkäufer kalter Getränke gehen hinaus. Salim und ich nehmen Platz.

Sie müssen über Salim vor allem wissen, dass er mein bester Freund ist. Und dann sollten Sie noch wissen, dass er verrückt nach Hindi-Filmen ist. Aber nicht nach allen Hindi-Filmen. Nur nach denen, in denen Armaan Ali mitspielt.

Es heißt, zuerst war da Amitabh Bachchan. Dann kam Shahrukl Khan. Und heute gibt es Armaan Ali. Der ultimative Actionheld. Indiens griechischer Gott. Der Schwarm von Millionen.

Salim liebt Armaan. Genauer gesagt: Er betet ihn an. Sein winziges Zimmer im Wohnblock ist ein Schrein, beklebt mit unzähligen Postern, die den Helden in unterschiedlichsten Posen zeigen. Armaan mit Lederjacke. Armaan auf einem Motorrad. Armaan ohne Hemd, die haarige Brust nackt. Armaan mit Gewehr. Armaan auf einem Pferd. Armaan in einem Swimmingpool, umgeben von einem Schwarm schöner Frauen.

ImRegal Talkiesin Bandra haben wir die Sitzplätze A21 und A22 in der ersten Reihe, erster Rang. Eigentlich dürften wir hier gar nicht sitzen. Auf den Karten in meiner Hosentasche steht nichtERSTER RANG, 150 Rupien, sondernSPERRSITZ, 25 Rupien, aber der Platzanweiser war heutegut gelaunt und hat uns einen Gefallen getan. Weil das Kino fast leer ist, sagt er, dürfen wir in die Loge. Doch selbst die Loge ist fast leer. Außer Salim und mir sitzen kaum mehr als zwei Dutzend Leute in den Reihen.

Wenn Salim und ich ins Kino gehen, sitzen wir in der ersten Reihe. Da können wir pfeifen und ›buh‹ rufen. Salim meint, je näher man an der Leinwand sitzt, umso näher sei man am Geschehen. Er sagt, er könne sich vorbeugen und Armaan fast berühren. Er kann die Muskelstränge auf Armaans Bizeps zählen, das Weiß in Armaans grünen Augen sehen, die feinen Stoppeln in Armaans ausgeprägtem Kinngrübchen, den kleinen, schwarzen Leberfleck auf Armaans wie gemeißelter Nase.

Ich habe nicht besonders viel für Armaan Ali übrig. Ich finde, er spielt in jedem Film dieselbe Rolle. Trotzdem sitze ich auch gern in der ersten Reihe, so nahe wie möglich an der riesigen Leinwand. Von dort sieht der Busen der Heldin noch viel üppiger aus.

Der Vorhang ist aufgegangen, und die Leinwand erwacht zum Leben. Zuerst kommt die Werbung. Vier von Privatfirmen gesponserte Beiträge, einer von der Regierung. Man sagt uns, dass wir die Besten in der Schule und Champions im Kricket werden, wenn wir Cornflakes zum Frühstück essen. Dass wir tolle Mädchen kennen lernen und schnelle Autos fahren, wenn wir das Rasierwasser Spice Cologne benutzen. (»Das nimmt auch Armaan«, erklärt Salim.) Dass wir befördert werden und strahlend weiße Kleider tragen, wenn wir uns mit der Seife Roma waschen. Dass wir wie Könige leben, wenn wir Red & White Whisky trinken. Und dass wir an Lungenkrebs sterben, wenn wir Zigaretten rauchen.

Nach der Werbung gibt es eine kleine Pause, in der die Filmrollen gewechselt werden. Danach erscheint auf der Leinwand das Zertifikat. Es teilt uns mit, dass Kinder den Film nur in Begleitung Erwachsener sehen dürfen, dass er auf siebzehn Rollen aufgespult wurde und eine Länge von 4639,15 Metern hat. Das Zertifikat wurde von einer gewissen Mrs. M. Kane unterzeichnet, der Vorsitzenden der Zensurbehörde. Ihr Name steht auf sämtlichen Filmzertifikaten. Salim hat mich schon oft nach dieser Frau gefragt. Er beneidet sie um ihren Job. Sie sieht die Armaan-Filme als allererste.

Der Vorspann läuft. Salim kennt die Namen sämtlicher Mitarbeiter an diesem Film. Er weiß, wie die Garderobiere heißt, wie der Hairstylist, die Maskenbildnerin. Er kennt den Namen des Produktionsmanagers, des Finanzkontrolleurs, des Tonmeisters und den aller Assistenten. Er spricht nicht besonders gut Englisch, aber er kann die Namen lesen, selbst die klein gedruckten. Den Film hat er sich schon achtmal angeschaut, und jedes Mal merkt er sich neue Namen. Doch wenn Sie jetzt sehen könnten, wie konzentriert er aussieht, würden Sie glauben, er sähe sich mit Schwarzmarkttickets die First Day First Show an.

Nach zwei Minuten hat Armaan Ali seinen großen Auftritt und springt aus einem blauweißen Hubschrauber. Salims Augen leuchten. Ich entdecke auf seinem Gesicht dieselbe unschuldige Begeisterung wie damals, vor einem Jahr, als er Armaan zum ersten Mal gesehen hat. In Fleisch und Blut.

Salim kommt ins Zimmer gestürmt und lässt sich auf das Bett fallen.

Ich erschrecke. »Salim …, Salim«, rufe ich. »Was ist los? Wieso bist du schon so früh wieder zurück?« Ich drehe ihn auf den Rücken. Er lacht.

»Heute ist was Wunderbares passiert. Das ist der glücklichste Tag in meinem Leben«, erklärt er.

»Was ist denn? Hast du im Lotto gewonnen?«

»Nein. Was viel Besseres. Ich habe Armaan Ali gesehen.«

Wort um atemloses Wort fördert Salim die Geschichte zutage. Wie er bei seiner täglichen Runde durch Ghatkopar einen Blick auf Armaan Ali erhascht hat. Der Star stieg gerade aus seinem Mercedes Benz, um ein Fünf-Sterne-Hotel zu betreten. Salim sollte die letzte Lunchbox an einen Kunden liefern und fuhr mit dem Bus. Kaum hatte er Armaan entdeckt, sprang er vom fahrenden Gefährt, wurde fast von einem Maruti überrollt und rannte dem Schauspieler hinterher, der gerade durch die Drehtür ging. Ein großer, muskulöser Wachtposten in Uniform hinderte ihn daran, das Hotel zu betreten. »Armaan!«, schrie Salim und versuchte verzweifelt, die Aufmerksamkeit des Stars auf sich zu lenken. Armaan hörte den Ruf, stockte und drehte sich um. Seine Blicke suchten Salim. Er schenkte ihm ein kurzes Lächeln, ein kaum wahrnehmbares Kopfnicken der Anerkennung und ging dann weiter in die Lobby. Salim vergaß die Luchbox und rannte zu mir nach Hause, um mir brühwarm zu erzählen, dass sein Traum wahr geworden war. An diesem Nachmittag blieb ein Kunde vomGawli-Lunchlieferdiensthungrig.

»Sieht Armaan anders aus als auf der Leinwand?« frage ich.

»Nein – und wenn, dann besser«, sagt Salim. »Er wirkt größer, attraktiver. Mein Leben kennt nur noch das eine Ziel, ihm einmal die Hand zu schütteln. Nur ein einziges Mal. Bestimmt wasch ich mir dann einen Monat lang die Hände nicht mehr.«

Ich überlege, wie gut es doch ist, einfache, umkomplizierte Ziele zu haben, die sich leicht erfüllen lassen. So etwa das Ziel, einem Filmstar die Hand zu schütteln.

Auf der Leinwand hält diese Hand mittlerweile ein Gewehr auf drei Polizisten gerichtet. Armaan spielt einen Gangster, einen mit goldenem Herzen. Er beraubt die Reichen und verteilt das Geld an die Armen. Zwischendurch verliebt er sich noch in die Heldin Priya Kapoor, eine junge, ehrgeizige Schauspielerin, singt sechs Lieder und erfüllt seiner geliebten Mutter den Wunsch, sie auf eine Pilgerfahrt zum Schrein von Vaishno Devi zu begleiten. Das ist zumindest die Handlung bis zur Pause.

Priya Kapoors Auftritt wird mit Buhrufen aus dem Saal quittiert. Sie ist eine große, gut aussehende Schauspielerin, die vor einigen Jahren zur Miss World gewählt wurde. Sie hat die Figur einer klassischen Schönheit, schwere Brüste und eine schlanke Taille. Zurzeit ist sie meine Lieblingsschauspielerin. In diesem Film zieht sie oft einen Flunsch und sagt ständig »Halt den Mund« zum Komiker. Wir lachen.

»Du wünschst dir, Armaan die Hand zu schütteln«, sage ich zu Salim, »aber was glaubst du, was sich Armaan vom Leben wünscht? Er hat doch alles – gutes Aussehen, Ruhm und Glück.«

»Du irrst dich«, erwidert Salim ernst. »Urvashi hat er nicht.«

Nach einer stürmischen, neun Monate dauernden Romanze sind die Zeitungen nun voll mit der Trennung von Armaan und Urvashi. Ein Gerücht sagt, Armaan sei todunglücklich, er esse und trinke nicht mehr und denke an Selbstmord. Urvashi Randhawa hat ihre Karriere als Model wieder aufgenommen.

Ich sehe Salim weinen. Die Augen sind rot und tränennass. Er hat den ganzen Tag noch nichts gegessen. Der herzförmige Glasrahmen mit dem Bild von Armaan und Urvashi, für den er fast die Hälfte seines kärglichen Lohns hingegeben hat, liegt in hundert Scherben zersplittert auf dem Boden.

»Hör mal, Salim, das ist doch kindisch. Du kannst nichts dagegen tun«, sage ich.

»Wenn ich Armaan doch bloß sehen könnte. Ich möchte ihn trösten, seine Hand halten und ihn an meiner Schulter weinen lassen. Es heißt, durch Weinen würde einem leichter ums Herz.«

»Und was würde das nützen? Urvashi käme trotzdem nicht zu Armaan zurück.«

Plötzlich blickt Salim auf. »Glaubst du, ich könnte mit ihr sprechen? Vielleicht sollte ich sie überreden, zu Armaan zurückzukehren. Ihr erklären, dass alles nur ein Missverständnis war. Und ihr sagen, wie traurig und zerknirscht er ist.«

Ich schüttle den Kopf. Ich will nicht, dass Salim durch ganz Mumbai stromert und Urvashi Randhawa sucht. »Es ist keine gute Idee, deine Nase in anderer Leute Angelegenheiten zu stecken, Salim. Oder dir anderer Leute Angelegenheiten zu Eigen zu machen. Armaan Ali ist ein erwachsener Mann. Er wird mit seinen Problemen schon auf seine eigene Weise fertig.«

»Na schön, dann werde ich ihm aber wenigstens ein Geschenk schicken«, sagt Salim.

Er geht hin, kauft eine große Flasche Fevicol und klebt die Scherben wieder zusammen. Er braucht eine ganze Woche, aber schließlich ist das Herz wieder ganz, und nur ein Raster ineinander verschränkter schwarzer Streifen verrät noch die Bruchkanten.

»Das schicke ich Armaan«, sagt er. »Es ist ein Symbol und soll ihm zeigen, dass selbst ein zerbrochenes Herz wieder heilen kann.«

»Mit Fevicol?«, frage ich.

»Nein, mit Liebe und Nachsicht.«

Salim wickelt es in ein Tuch und schickt es an Armaan Alis Adresse. Ich weiß nicht, ob es Armaan erreicht hat oder nicht. Ob es auf der Post zerbrach, von den Wachen zertrümmert oder von Armaans Sekretärin weggeworfen wurde. Wichtig ist nur, dass Salim glaubt, es hätte seinen Helden erreicht und geholfen, die Wunde zu schließen. Es hat Armaan wieder ganz gemacht und ihm erlaubt, neue Blockbuster zu drehen – so einen wie diesen, den ich zum ersten Mal sehe, Salim zum neunten Mal.

Ein frommes Lied ertönt. Armaan und seine Mutter steigen zum Schrein von Vaishno Devi auf.

»Es heißt, wenn man Mata Vaishno Devi ernsthaft um etwas bittet, dann erfüllt sie jeden Wunsch. Sag mir, was du dir wünschen würdest«, bitte ich Salim.

»Was würdest du dir denn wünschen?«, kontert er.

»Ich glaube, ich würde sie um Geld bitten«, sage ich.

»Ich würde sie darum bitten, dass Armaan und Urvashi wieder zusammenkommen«, sagte er, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern.

Auf der Leinwand leuchtet in großen roten Lettern das Wort PAUSE auf.

Salim und ich stehen auf und vertreten uns die Beine. Wir kaufen beim Händler zwei aufgeweichte Samosas. Der Junge mit den Softdrinks mustert bekümmert die leeren Sitzreihen. Er wird heute kein gutes Geschäft machen. Dann beschließen wir, zur Toilette zu gehen. Da gibt es hübsche weiße Fliesen, Pissoirreihen und saubere Waschbecken. Wir haben beide unseren Stammplatz. Salim geht immer ganz nach rechts, ich nehme immer das einzige Pinkelbecken auf der linken Seite. Ich leere meine Blase und lese die Graffiti an der Wand. FICK MICH. HIER HAT TINU GEPISST. SHEENA IST EINE NUTTE. ICH LIEBE PRIYANKA.

Priyanka? Ich verfluche den letzten Grafittikünstler, der die Inschrift verunstaltet hat, spucke in die Hände und versuche, die zugefügten Buchstaben zu entfernen, aber sie sind mit dem gleichen schwarzen Marker geschrieben und lassen sich nicht verwischen. Schließlich nehme ich die Fingernägel zur Hilfe, kratze die Lettern von der Wand und stelle die ursprüngliche Aussage wieder her. Genauso, wie ich sie vor vier Monaten hingeschrieben hatte. ICH LIEBE PRIYA.

Es klingelt wieder. Die Pause ist zu Ende. Gleich geht der Film weiter. Salim hat den Rest der Geschichte schon mal für mich zusammengefasst. Armaan und Priya werden jetzt ein Lied in der Schweiz singen, ehe Priya dann von einer feindlichen Bande ermordet wird. Aus Rache bringt Armaan anschließend zahllose böse Jungs um, stellt korrupte Politiker und Polizisten an den Pranger und stirbt dann einen Heldentod.

Wir kehren zu A21 und 22 zurück. Im Saal wird es wieder dunkel. Plötzlich öffnet ein hoch gewachsener Mann die Logentür und setzt sich neben Salim. A20. Er kann unter zweihundert Plätzen wählen, aber er entscheidet sich für A20. Sein Gesicht ist nicht zu erkennen, aber mir fällt auf, dass er ein alter Mann mit langem, herabwallendem Bart ist. Er ist wie ein Pathane gekleidet.

Dieser Mann macht mich neugierig. Warum kommt er erst zur zweiten Hälfte ins Kino? Hat er für seine Karte auch nur die Hälfte bezahlt? Salim kümmert das nicht. Er reckt den Hals und freut sich auf die Liebesszene zwischen Armaan und Priya, die jetzt beginnt.

Armaan ist in die Schweiz geflogen, anscheinend, um einen Kontaktmann zu treffen, doch eigentlich nur, um Priya zu becircen und ein Lied zu singen, bei dem sich zwanzig weiße Tänzerinnen in traditionellen und angesichts dieses kühlen Berglandes doch recht knappen Kostümen um ihn gesellen. Kaum sind Lied und Tanz vorbei, sitzt er in seinem Hotelzimmer vor einem prasselnden Kaminfeuer.

Priya nimmt ein Bad. Wir hören Wasser einlaufen, und Priya summt eine Melodie, dann sehen wir sie in der Wanne. Sie seift sich die Beine und die Schultern ein. Sie hebt ein schaumbedecktes Bein und braust es ab. Wir hoffen, dass sie den Strahl auch auf ihren üppigen Busen richtet, um den Schaum abzuspülen, doch wir werden enttäuscht.

In nichts als ein rosiges Handtuch gehüllt, steigt sie endlich aus der Wanne. Ihr rabenschwarzes, vor Feuchtigkeit schimmerndes Haar fällt offen über die Schultern. Die langen Beine sind glatt und haarlos. Armaan nimmt sie in die Arme und bedeckt ihr Gesicht mit Küssen. Seine Lippen tasten sich zu ihrer Halsbeuge vor. Leise, romantische Musik ertönt. Priya nestelt die Knöpfe an seinem Hemd auf, das Armaan dann träge abstreift und dabei die männliche Brust entblößt. Die Glut des Feuers umspielt die Liebenden mit goldenem Hauch. Priya gibt sanfte, stöhnende Laute von sich. Sie lehnt sich hintenüber und erlaubt Armaan, ihr den Hals zu liebkosen. Seine Hand schiebt sich auf ihren Rücken, zupft an dem Handtuch. Der rosige Stoff sinkt zu ihren Füßen hinab. Ein qualvoll kurzer Blick auf Schenkel und Po, doch keine Aufnahme von ihren Brüsten. Salim glaubt, daran ist die Zensur schuld. Und deshalb beneidet er Mrs. Kane.

Armaans Torso umschlingt nun Priya. Uns wird der Ansatz ihrer Brüste gezeigt, der Schweiß, der sich auf ihrer Stirn bildet, wir hören atemloses Keuchen. Aus dem Parkett ertönen Buhrufe und Pfiffe. Der alte Mann, der neben Salim sitzt, windet sich auf seinem Sitz und schlägt die Beine übereinander. Ich bin mir nicht sicher, ob er sich mit der Hand die Schamgegend reibt.

»Der Alte neben dir wird hibbelig«, flüstere ich Salim zu, doch der hat mich und den alten Mann vergessen. Er starrt die verschlungenen Körper an, die sich im Rhythmus der Musik bewegen. Die Kamera schwenkt über Armaans Rücken, zeigt, wie er sich hebt und senkt, und holt dann den Kamin heran, in dem goldgelbe Flammen in wachsender Raserei über die Scheite herfallen. Gleich darauf wird die Leinwand schwarz.

Als ich in den Wohnblock zurückkehre, lodert in unserer Küche ein Feuer ähnlichen Ausmaßes, doch wirft Salim statt Holzscheite Papier hinein. »Arschlöcher!«, »Schweinehunde!«, murmelt er, während er ein dickes Bündel Glanzpapier in Fetzen reißt.

»Was machst du da, Salim?«, frage ich erschrocken.

»Ich räche mich an den Dreckskerlen, die sich an Armaan vergangen haben«, sagt er und wirft noch mehr Blätter auf den Scheiterhaufen.

Mir fällt auf, dass Salim Seiten aus einer Zeitschrift reißt.

»Was ist das für eine Zeitschrift? Die sieht noch neu aus.«

»Das ist die neueste Ausgabe von Starburst. Ich vernichte so viele, wie ich besorgen kann. Am Kiosk gab es nur zehn Stück.«

Ich greife mir ein Exemplar, das noch nicht zerfetzt wurde. Das Titelblatt zeigt Armaan Ali, dazu die reißerische Schlagzeile: »Die nackte Wahrheit über diesen Mann.«

»Aber dein Held ist auf dem Titelblatt. Warum verbrennst du die dann?«

»Wegen der Sachen, die sie über ihn schreiben.«

»Du kannst doch gar nicht lesen …«

»Ich kann genug lesen, und ich kann hören. Ich habe gehört, wie sich Mrs. Barve und Mrs. Shirke über die unverschämten Anschuldigungen unterhalten haben, die in dieser Ausgabe gegen Armaan erhoben werden.«

»Zum Beispiel?«

»Dass Urvashi ihn verlassen hat, weil er sie nicht befriedigen konnte. Dass er schwul ist.«

»Ja und?«

»Und? Denkst du, die können meinen Helden derart beschimpfen und glauben, sie kämen ungeschoren davon? Ich weiß, dass dieser Bericht ein Haufen Blödsinn ist. Armaans Konkurrenten im Filmgeschäft sind eifersüchtig auf seinen Erfolg. Die haben sich das nur ausgedacht, um seinen guten Ruf zu zerstören. Aber das lasse ich nicht zu. Ich zieh los und steck das Büro von Starburst in Brand.«

Salim tobt vor Wut. Ich weiß auch, warum. Er hasst Schwule. Seinem Idol Homosexualität nachzusagen, ist in seinen Augen die äußerste Schmach.

Ich selbst kenne nur ein paar Perverse und weiß, was sie nichts ahnenden Jungen in dunklen Sälen antun, in öffentlichen Toiletten, Stadtparks und Erziehungsheimen.

Zum Glück zieht Starburst in der nächsten Ausgabe die Anschuldigung zurück und bewahrt so einen Dabbawallah davor, Brandstifter zu werden.

Inzwischen geht es auch vor der Leinwand heiß her. In Sitz A20. Der alte Mann schiebt sich an Salim heran. Wie zufällig streift er sein Bein. Beim ersten Mal denkt Salim, es sei seine Schuld. Beim zweiten Mal hält er es für einen Zufall. Beim dritten Mal ist er überzeugt, dass es absichtlich passiert.

»Mohammad«, flüstert er mir zu. »Ich verpass dem Arsch neben mir einen Tritt, wenn der sein Bein nicht im Zaum hält.«

»Denk an sein Alter, Salim. Vielleicht hat er bloß das Zipperlein«, gebe ich zu bedenken.

Die Kampfszene beginnt, und Salim hat nur noch Augen für die Action auf der Leinwand. Armaan ist ins Quartier des Bösewichtes eingedrungen, und die Hölle ist los. Der Held wendet sämtliche Tricks und Kniffe an – Boxen, Karate, Kung-Fu –, um es seinen Gegnern ordentlich zu geben.

Die Hände des Alten sind ebenfalls in Aktion. Er presst den Ellbogen gegen die gemeinsame Armlehne, schiebt seinen Arm an Salims Arm heran, streift ihn federleicht. Salim merkt es kaum. Er ist von dem Geschehen auf der Leinwand gebannt, das seinen Höhepunkt erreicht.

Die berühmteste Szene dieses Films beginnt. Jene, in der Armaan Ali stirbt, nachdem er sämtliche Halunken umgebracht hat. Sein Unterhemd ist blutgetränkt, der Körper von Schusswunden übersät. Die Hose ist dreckig und verstaubt. Er schleppt sich über den Boden auf seine Mutter zu, die gerade den Ort des Geschehens betreten hat.

Salim ist in Tränen aufgelöst. Er beugt sich vor und flüstert mit ergriffener Stimme: »Ich hoffe, ich bin dir ein guter Sohn gewesen, Mutter. Weine nicht um mich. Vergiss nie, dass es besser ist, einen ehrenwerten Tod zu sterben, als das Leben eines Feiglings zu führen.«

Armaans Kopf ruht im Schoß seiner Mutter. Er spricht Salim nach: »Ich hoffe, ich bin dir ein guter Sohn gewesen, Mutter. Weine nicht um mich. Vergiss nie, dass es besser ist, einen ehrenwerten Tod zu sterben, als das Leben eines Feiglings zu führen.« Die Mutter hält den blutenden Kopf und weint. Tränen fallen auf Armaan Alis Gesicht. Er greift nach ihrer Hand. Wie im Krampf zieht sich seine Brust zusammen.

Tränen fallen in meinen Schoß. Ich sehe eine andere Mutter, die viele Male ihr Baby auf die Stirn küsst, ehe sie es in einen Wäschekorb legt, es mit Kleidern zudeckt. Im Hintergrund braust der Wind. Sirenen heulen. Die Polizei kommt, wie immer zu spät. Erst, nachdem der Held alle Arbeit für sie erledigt hat. Die Beamten können nichts mehr für ihn tun.

Ich sehe, dass die linke Hand des Bärtigen unbemerkt weitergewandert ist. Sie liegt nun zwischen Salims Beinen, ruht dort fast gewichtslos. Salim ist von der Todesszene so ergriffen, dass er nichts bemerkt. Der Alte fühlt sich ermutigt. Er reibt mit der Hand über den Stoff der Jeans. Und während Armaan seinen letzten Atem aushaucht, erhöht er den Druck auf Salims Schritt, greift fest zu.

Salim explodiert. »Du verdammte Drecksau, du widerlicher Perverser. Ich bring dich um«, schreit er und schlägt dem Mann ins Gesicht. Mit voller Kraft.

Der Mann zieht hastig die Hand aus Salims Schoß zurück und will aufstehen, doch ehe er sich ganz von seinem Platz erhoben hat, versucht Salim, ihn zu packen. Er erwischt den Kerl nicht am Kragen, bekommt aber seinen Bart zu fassen. Salim zieht – und hält den Bart in der Hand. Mit einem erstickten Schrei springt der Mann auf und hastet auf den nur fünf Meter entfernten Ausgang zu.

Im selben Augenblick fällt der Strom aus, das Aggregat springt an, und die Leinwand ist schwarz. Der dunkle Saal wird in blendend helles Licht getaucht, als die Notbeleuchtung aufflammt. Der Mann erstarrt, überrascht wie Wild im Scheinwerferlicht. Er wirbelt herum, weiß nicht, was er tun soll.

Ebenso plötzlich ist der Strom wieder da. Es war nur eine kurze Störung. Der Film läuft wieder an, das Notlicht geht aus. Der Mann eilt am schwarzen Vorhang entlang zum roten EXIT – Schild, reißt die Tür auf und ist verschwunden.

Doch in diesem Bruchteil einer Sekunde haben Salim und ich grüne Augen aufblitzen sehen, ein ausgeprägtes Kinngrübchen, eine wie gemeißelte Nase.

Während der Abspann läuft, hält Salim einen wirren, grauen Bart in der Hand, der unbestimmt nach Rasierwasser und Kleber riecht. Diesmal kann er die Namen des Plakatdesigners und des Presseverantwortlichen nicht lesen, auch nicht die der Beleuchter und der Küchenjungen, des Kampfszenenregisseurs und des Kameramannes. Er weint.

Armaan Ali, sein Held, ist tot.

Smita wirft mir einen skeptischen Blick zu. »Wann genau soll das passiert sein?«

»Vor ungefähr sechs Jahren. Als Salim und ich in einem Wohnblock in Ghatkopar lebten.«

»Und begreifen Sie die Bedeutung dessen, was Sie mir da erzählen?«

»Welche?«

»Dass Ihre Aussage, wenn sie denn an die Öffentlichkeit geriete, das Ende von Armaan Ali und seiner Filmkarriere bedeuten könnte. Natürlich nur, wenn wirklich wahr ist, was Sie mir da erzählen.«

»Also glauben Sie mir immer noch nicht?«

»Das habe ich nicht gesagt.«

»Ich sehe den Zweifel in Ihren Augen. Wenn Sie mir nicht glauben, tun Sie das auf eigene Verantwortung. Allerdings können Sie wohl kaum leugnen, was auf derDVDzu sehen ist. Wollen wir uns also den Teil über die erste Frage anschauen?«

Smita nickt und drückt auf der Fernbedienung die Taste PLAY.

Das Licht im Studio wurde abgedunkelt. Ich kann das Publikum kaum erkennen, das im Halbkreis um mich herum Platz genommen hat. In der Mitte, dort, wo ich vor Prem Kumar sitze, erhellt ein einziger Spot den Raum. Uns trennt nur ein halbrunder Tisch. Vor mir ist eine große Leinwand, auf der die Fragen zu sehen sein werden. Das Studioschild leuchtet. Darauf steht RUHE.

»Kameras laufen. Drei, zwei, eins, los!«

Die Erkennungsmelodie erklingt, und Prem Kumars tönende Stimme erfüllt den Saal. »Da wären wir also wieder, um aufs Neue herauszufinden, wer den größten Preis gewinnt, der auf dieser Welt zu haben ist. Ja, meine Damen und Herren, wir wollen wissen: Wer wird Milliardär?«

Auf dem Studioschild leuchtet APPLAUS auf, und das Publikum beginnt zu klatschen. Auch ein paar Buhrufe und Pfiffe sind zu hören.

Die Erkennungsmelodie verklingt. Prem Kumar sagt: »Wir haben heute Abend drei glückliche Kandidaten bei uns, die der Computer nach dem Zufallsprinzip ausgelost hat. Kandidat Nummer drei ist Kapil Chowdhary aus Malda in Westbengalen. Kandidat Nummer zwei ist Professor Hari Parikh aus Ahmedabad, doch unser erster Kandidat heute ist der achtzehnjährige Ram Mohammad Thomas aus unserem eigenen Mumbai. Meine Damen und Herren, bitte einen kräftigen Applaus.«

Alle klatschen. Der Applaus verebbt, Prem Kumar wendet sich wieder mir zu. »Ram Mohammad Thomas, also das ist nun wirklich ein interessanter Name, der den Reichtum und die ganze Vielseitigkeit Indiens widerspiegelt. Was sind Sie von Beruf, Mr. Thomas?«

»Ich bin Kellner in Jimmys Bar und Restaurant in Colaba.«

»Ein Kellner! Ach, wie spannend! Sagen Sie, was verdienen Sie so im Monat?«

»Etwa neunhundert Rupien.«

»Mehr nicht? Und was werden Sie machen, wenn Sie heute gewinnen?«

»Das weiß ich noch nicht.«

»Das wissen Sie noch nicht?«

»Nein.«