Sammy und das Geheimnis des Blechmonsters - Carina Senger - E-Book

Sammy und das Geheimnis des Blechmonsters E-Book

Carina Senger

0,0

Beschreibung

Unter jeder Rüstung schlägt ein Herz, das gehört werden will. Sammy ist kein gewöhnliches Tier: halb Streifenhörnchen, halb Murmeltier. Er ist voller Neugier, Sensibilität und einem großen Herz. Seit seiner Flucht aus dem Zoo lebt er in einem Baumhaus im Stadtpark. Dort hat er mit Sim und Franz echte Freunde gefunden, doch tief in ihm bleibt die Sehnsucht nach seiner besten Freundin Ashley. Eines Abends begegnet Sammy Arzah. Der Jugendliche wirkt nach außen stark, doch in Wahrheit verdeckt er seine Unsicherheit, indem er andere kleinmacht. Mit seinen abwertenden Kommentaren und verletzenden Gesten schüchtert er jüngere Kinder und kleinere Wesen wie Sammy mühelos ein. Sein Spott trifft Sammy mitten ins Herz. Überfordert von Scham, Wut und Traurigkeit greift Sammy nach dem nächstbesten Gegenstand und beißt in eine Blechdose. Doch statt seinen Gefühlen Luft zu machen, setzt er damit eine unerwartete Veränderung in Gang: Sammy beginnt sich in ein Blechmonster zu verwandeln. Plötzlich steht sein Leben Kopf. Seine Freunde reagieren verunsichert, manche sogar ängstlich. Sammy fragt sich, wer er ist, wenn niemand mehr das niedliche, freundliche Tier in ihm erkennt. Zum ersten Mal muss er sich seiner größten Angst stellen: Was, wenn er für die Menschen nur dann liebenswert ist, wenn er wie ein überdimensionales Kuscheltier aussieht? Auf seiner Reise begegnet Sammy schwierigen Gefühlen, neuen Herausforderungen und der Frage, wie er trotz Verletzungen mutig bleibt. Er wächst über sich hinaus und lernt, dass echter Mut bedeutet, zu sich selbst zu stehen, auch dann, wenn man sich verändert. Und dass wahre Freunde nicht dein Äußeres sehen, sondern dein Herz. Eine warmherzige, witzige und berührende Geschichte über Mobbing, Selbstvertrauen und wahre Freundschaft: ideal für Kinder ab 8 Jahren, Eltern, Großeltern und Lehrkräfte, die über Gefühle, Mut und Stärke ins Gespräch kommen möchten.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 180

Veröffentlichungsjahr: 2026

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Als Mutmacher für alle Kinder, die schon mal gemobbt wurden.

Inhalt

Sammy

Sammys Freunde

Die Garage

Veränderungen

Wiedersehen

Beste Freunde?

Die anderen Jungs

Verflucht?

Streit

Allein

Zuhause

Der nächste Morgen

Begegnung im Park

Blemo

Verlorenes Zuhause

Notunterkunft

Frühstück

Zusammenstoß

Besuch

Ortswechsel

Die Tierärztin

Unerwartetes Wiedersehen

Rückweg

Pizza

Hugos Cousine

Wiedersehen

Abrupter Abschied

Nachtruhe

Connys Mann

Der Traum

Familienfrühstück

Die Diagnose

Besuch

Tapetenwechsel

Geistesblitz

Enttäuschte Hoffnung

Fragen über Fragen

Bedürftig?

Die Verbindung

Pausenbrot

Zusammentreffen

Abschied

Und täglich grüßt …

Veränderung

Paukenschlag

Freunde fürs Leben

Danksagung

Die Autorin

SAMMY

Wenn doch Sim und Franz hier wären, dachte Sammy wehmütig und ließ seinen Blick durch den menschenleeren Park wandern. Sein buschiger gestreifter Schwanz zuckte unruhig hin und her, während der Wind durch sein dichtes Fell strich.

Die sich bedrohlich auftürmenden Gewitterwolken und der leise durch die Zweige säuselnde Wind ließen ihn schaudern.

Ashley würde jetzt sagen, dass ich mich in Sicherheit bringen soll, bevor das Gewitter losbricht, schoss es ihm durch den Kopf. Beim Gedanken an die Tierpflegerin lächelte er traurig. Ashley war seine beste Freundin gewesen und die einzige Familie, die er je gehabt hatte.

Ein lautes Donnergrollen riss ihn aus seinen Erinnerungen und er rannte zu seinem Baumhaus. Hastig kletterte er den Stamm hinauf und schloss die Luke im Boden. Dann setzte er sich ans Fenster und seine Gedanken wanderten zurück zu Sim und Franz.

In den letzten Wochen hatten seine beiden Freunde kaum Zeit für ihn gehabt. Als Sammy sich darüber beschwert hatte, erklärte Franz, dass er jetzt auf dem Gymnasium sei und dort hätte er eben mehr Hausaufgaben zu erledigen.

„Ich will nächstes Jahr auch aufs Gymnasium. Deshalb brauche ich ein gutes Zeugnis“, hatte Sim ergänzt. Jetzt, in den Herbstferien, waren die beiden Brüder mit ihren Eltern verreist, und Sammy fragte sich, wann sie endlich zurückkamen.

Nun saß er allein am Fenster in seinem Baumhaus und zitterte trotz seines dichten Fells vor Kälte. Außerdem hatte er vor lauter Warten auf seine Freunde völlig vergessen zu essen. Sein Magen knurrte wütend.

„Ich warte, bis der Regen nachlässt, und gehe dann raus“, flüsterte er sich selbst zu und rollte sich neben dem Fenster zusammen.

Aber die Minuten verstrichen, ohne dass sich das Wetter besserte. Stattdessen quälten ihn düstere Erinnerungen an die Zeit im Zoo. Solange Sammy zurückdenken konnte, hatten die Menschen ihn freundlich behandelt. Dies änderte sich schlagartig, als er eines Tages in einen Zoo gelockt und in ein Gehege gesperrt wurde.

Die Besucher strömten in Scharen an den Zaun seines Geheges, um ihn zu bestaunen: eine ein Meter große, aufrecht gehende und sprechende Mischung aus einem Streifenhörnchen und einem Murmeltier.

Anfangs hatte Sammy noch fröhlich mit den Zoobesuchern geplaudert. Doch bald erkannte er, dass sie ihn nicht als Freund betrachteten. Für sie war er nur eine Sehenswürdigkeit, von der sie ihren Bekannten und Verwandten erzählen konnten.

„Das ist lange her“, seufzte Sammy laut und schüttelte den Kopf, um die unerwünschten Gedanken zu verscheuchen. Traurig sah er in den strömenden Regen, der wie ein dichter Vorhang zu Boden fiel. Fröstelnd kuschelte er sich unter seine Decke und schloss die Augen.

Im Halbschlaf versuchte er sich zu erinnern, wann Sim und Franz aus dem Urlaub zurückkamen. Aber selbst ohne die Süßigkeiten seiner beiden besten Freunde gab es im Park mehr als genug Futter. Zum Beispiel die halbaufgegessenen Sandwiches, die Spaziergänger achtlos ins Gebüsch warfen, oder die Müsliriegel, die den Joggern aus der Jackentasche fielen. Nur Gemüse hatte Sammy bisher nie angerührt. Aber heute war sein Hunger trotz des Süßkrams so groß, dass er selbst die sonst immer verschmähten Minikarotten gegessen hätte.

Am nächsten Morgen weckte ihn sein knurrender Magen. Verschlafen stand Sammy auf und kletterte den Baum hinunter. Glücklicherweise hatte der Regen aufgehört und er begann, den Park nach Essen zu durchkämmen. Nachdem er die Spielplätze und Sitzbänke abgesucht und sogar die Mülleimer durchwühlt hatte, blieb er ratlos stehen. Vor lauter Hunger war ihm ganz schwindelig.

Normalerweise mied er die Innenstadt, weil dort die Gefahr zu groß war, dass ihn jemand entdeckte. Bei der Vorstellung, dass ihn dann die Menschen zurück in den Zoo schleiften, brach Sammy der Angstschweiß aus. Aber heute war sein Hunger größer als seine Angst, also schlich er zum Kino. Doch auch dort war seine Ausbeute mager: zwei Popcorn. Er verschlang sie trotzdem, aber anstatt seinen Hunger zu stillen, machte es das Popcorn nur schlimmer.

Zunehmend verzweifelt begab sich Sammy auf den Rückweg zu seinem Baumhaus. Es dämmerte bereits, aber heute wollte er auf keinen Fall hungrig ins Bett gehen. Also streifte er weiter ziellos durch den Park, bis er Stimmen hörte.

Sammy hielt inne und sah sich nach einem Versteck um. Als die beiden Jungen in Sichtweite kamen, verbarg er sich hastig im Halbdunkel der herabhängenden Zweige am Wegrand.

Der eine Jugendliche war klein und rundlich. Auf seiner Jacke prangte ein großes „B“. Der andere war größer, bewegte sich geschmeidig wie eine Raubkatze und trug ein rotes Cappy, tief ins Gesicht gezogen.

„Gib mir was zu essen, Bo“, verlangte der mit dem Cap.

Bo klopfte seine Taschen ab und zog schließlich einen Schokoriegel hervor. Sammy starrte ihn wie hypnotisiert an und presste beide Pfoten auf seinen leeren Magen. Und dann geschah etwas, das er später selbst nicht glauben konnte: Er sprang aus dem Gebüsch, fletschte die Zähne und rief laut „Buh!“

Die Jungen erschraken kein bisschen, im Gegenteil: Sie lachten schallend.

„Will uns das übergroße Streifenhörnchen etwa erschrecken?“, lachte Bo. „Arzah?“, fuhr er plötzlich nervös fort, als der Junge mit dem Cap langsam auf Sammy zuging.

Arzahs bedrohliche Miene jagte Sammy Angst ein und er wollte zurückweichen. Aber er stolperte über seinen Schwanz, überschlug sich und wurde schließlich von einem Laternenmast gestoppt. Benebelt blieb er liegen. In dem Moment knurrte sein Magen laut.

„Hast wohl Hunger, Kleiner?“, fragte Arzah gönnerhaft und warf Sammy eine leere Getränkedose hin.

„Sollen wir ihm nicht was geben? Der Arme hat vielleicht seit Tagen nichts mehr gegessen …“, wandte Bo vorsichtig ein.

„Bist du bekloppt?!“, fuhr Arzah ihn an.

„War ja nur eine Idee.“ Bo hob beschwichtigend die Hände.

„So einem Freak geben wir nichts. Vor allem nicht, wenn wir selbst noch nichts gegessen haben.“ Arzah sah Sammy finster an und wandte sich ab.

Bo musterte Sammy mitleidig und für einen Moment hoffte dieser, dass er ihm doch etwas zu essen geben würde. Aber Bo wandte sich ab und lief seinem Freund hinterher.

Sammy blieb allein zurück. Frustriert zerdrückte er die Dose, die an einer Stelle aufplatzte. Die scharfe Kante schnitt in seine Pfote und Blut tropfte auf den Boden. Aber Sammy war so aufgebracht, dass er keinen Schmerz verspürte. Stattdessen konzentrierte sich seine Wut mit einem Mal auf die Dose. Einem plötzlichen Impuls folgend biss er herzhaft hinein, in der Hoffnung, sich danach besser zu fühlen. Doch statt zu verschwinden, loderte seine Wut nur noch stärker auf. Wie im Rausch verschlang er die schwarze Dose, als wäre sie aus Zuckerwatte. Dann starrte er fassungslos auf seine leere Pfote. Er war so verstört, dass er seinen Hunger vergaß.

Wie von Sinnen raste er zurück in sein Baumhaus, rollte sich in einer Ecke zusammen und versuchte zu schlafen. Vergeblich. Er fühlte sich, als lägen schwere Gewichte auf jedem Zentimeter seines Körpers. Immer wieder packte ihn die Panik, weil er glaubte, keine Luft mehr zu bekommen.

So starrte er stundenlang in die Dunkelheit, unfähig, die Begegnung mit Arzah und Bo im Schlaf zu verarbeiten. Um sich abzulenken, zählte er in Gedanken seine liebsten Süßigkeiten auf. Doch immer wieder kehrten seine Gedanken zu der Dose zurück.

Wie war es möglich, dass er sie hatte essen können, ohne sich zu verletzen? Immerhin hatte die scharfe Kante seine Pfote aufgeschlitzt. Zögernd strich er sich über den Bauch. Bis auf ein leises Gluckern schien dort alles in Ordnung zu sein. Merkwürdig.

Sammy wollte sich zur Seite drehen, doch seine Glieder waren bleischwer. Nur mit größter Mühe gelang es ihm, den Kopf zu wenden. Durch die rechteckige Luke im Boden sah er in die Dunkelheit. Draußen war es still. Nur aus der Ferne drangen einzelne Gesprächsfetzen zu ihm herauf. Obwohl Sammys Gedanken durcheinander kreiselten wie wild gewordene Jo-Jos, schlief er schließlich doch noch ein.

SAMMYS FREUNDE

Ein schrilles Sirenengeräusch riss Sammy am nächsten Morgen aus dem Schlaf. Erschrocken riss er die Augen auf und sprang auf. Als er erkannte, dass ihm keine Gefahr drohte, atmete er erleichtert auf und ließ sich zurück auf sein Kissen fallen.

Kurz horchte er in sich hinein. Sein Körper fühlte sich irgendwie aufgequollen an und es juckte ihn überall. „Vielleicht war die Dose vergiftet“, murmelte Sammy zu sich selbst und kratzte sich am Arm. Sein Fell fühlte sich ungewohnt glatt und kühl an. Verwirrt starrte er auf seinen Arm, dann auf seinen Bauch und die Hinterpfoten. Sein Fell war verschwunden und seine Haut glitzerte silbrig.

Das ist bestimmt nur ein Traum, dachte Sammy benommen. Die Vorstellung beruhigte ihn. Er kniff die Augen zusammen, streckte sich und öffnete die Augen wieder. Doch nichts hatte sich verändert.

Sein Magen knurrte bedrohlich. Mit einem dicken Kloß im Hals kletterte Sammy aus dem Baumhaus. Normalerweise war er ein Meister im Klettern, aber heute rutschte er immer wieder ab. Der ungewohnte Anblick seines kahlen Körpers ließ ihn frösteln. Schweißüberströmt kam er am Boden an und duckte sich instinktiv hinter einem Busch. Doch so früh am Morgen war der Park noch wie ausgestorben.

Er sog tief die frische Luft ein, betrachtete die Nebelschwaden am Boden und die vom Tau glitzernden Grashalme. Sein Magen knurrte erneut. Kurz überlegte Sammy, ob er einfach Gras essen sollte. Doch der Geschmack war fad und es fühlte sich an, als würde er auf alten Zahnstochern herumkauen. Und dann war da noch der Gedanke an all die Hundepfoten und schmutzigen Schuhe, die darübergelaufen waren.

„Heute finde ich bestimmt etwas Besseres“, sagte er sich und machte sich auf den Weg zum Spielplatz, seinem Lieblingsort für Leckereien. Zu seiner Überraschung wurde er sofort fündig: Auf einer Bank lag eine halbe Packung Nachos mit Soße. Nicht gerade sein Lieblingsessen, aber immerhin. Er verschlang die Nachos und leckte die Verpackung sauber. Prüfend schaute er in den Mülleimer? Vielleicht hatte jemand einen Muffin oder eine andere Köstlichkeit weggeworfen? Doch der Mülleimer war leer und Sammy warf die nun leere Nacho-Verpackung hinein.

Dann ließ er sich auf der Bank nieder und starrte nachdenklich auf den Sandkasten. Die Begegnung vom Vorabend ließ ihn nicht los. Warum waren die beiden so gemein? Ich hatte doch nur Hunger, dachte er traurig. Als ihm die Tränen in die Augen stiegen, wischte er sich verärgert mit der nackten Pfote darüber.

„Hoffentlich kommen Sim und Franz bald wieder“, flüsterte er und seine Gedanken wanderten zu seinem ersten Treffen mit den beiden zurück. Damals hatte er sich vor den Menschen versteckt und lebte in ständiger Angst vor Wärtern, die ihn in den Zoo zurückbringen wollten. Doch dann hatte er Sim und Franz beim Herumtollen gesehen und erkannt, dass nicht alle Menschen wie die Wärter im Zoo waren.

Für einen Moment hatte er sich aus seiner Deckung gewagt. Sim bemerkte ihn, woraufhin Sammy erschrocken abtauchte. Doch als er später wieder aus seinem Versteck kroch, lag da auf dem Rasen ein ausgepackter Schokoriegel. Vorsichtig biss Sammy hinein. Die Geschmacksexplosion in seinem Mund lenkte ihn so ab, dass er nicht bemerkte, wie sich Sim und Franz näherten.

„Bist du ein Streifenhörnchen?“, hatte Franz neugierig gefragt.

Sammy bekam einen solchen Schreck, dass er mit aufgerichtetem Schwanz senkrecht in die Luft sprang.

„Keine Angst, wir tun dir nichts“, sagte Sim und streckte beruhigend die Hände aus. „Ich heiße Simon, aber alle nennen mich nur Sim. Und das ist mein Bruder Franz.“

Die beiden sahen Sammy gespannt an. Da sie keine Anstalten machten, ihn zu packen oder festzuhalten, legte sich Sammys Angst. Vorsichtig hob er den Blick und betrachtete sie genauer. Beide hatten dunkelblaue Augen und kurze dunkelblonde Haare, die in alle Richtungen abstanden. Sie waren auch ungefähr gleich groß.

Zuerst dachte Sammy, sie seien Zwillinge. Doch dann bemerkte er, dass sich Sims Haare in sanften Locken kringelten, während die von Franz einfach nur zerzaust waren. Außerdem waren Sims Gesichtszüge weicher und kindlicher als die seines Bruders.

„Ich bin Sammy“, stellte er sich vor. Die Augen der Jungen weiteten sich.

„Du kannst ja sprechen!“, riefen sie begeistert.

„Ich weiß“, erwiderte Sammy trocken.

Die beiden Jungs brachen in schallendes Gelächter aus.

„Du bist lustig. Magst du mit uns spielen? Wir haben auch noch ganz viele Süßigkeiten in unserem Rucksack“, erzählte Sim stolz.

„Was sind Süßigkeiten?“, fragte Sammy misstrauisch.

„Du weiß nicht, was Süßigkeiten sind?“ Die Jungs starrten ihn entsetzt an. Sammy schüttelte den Kopf.

„Der Schokoriegel war aus Schokolade. Das ist zum Beispiel eine Süßigkeit!“, erklärte Franz.

„Au ja, das war lecker“, rief Sammy. Sim lachte und reichte ihm eine Handvoll Gummibärchen. Sammy schnappte sich alle auf einmal und schaufelte sie in den Mund.

„Du hast ja einen Hunger!“, rief Franz. Sammy hielt inne. „Ist schon in Ordnung. Mama sagt immer, wir hätten einen Extramagen für Süßigkeiten“, erzählte Sim. Von da an waren Sammy, Sim und Franz unzertrennlich.

Das entfernte Klappern von Geschirr und das Brummen von Motoren rissen Sammy aus seinen Gedanken. Die Menschen wachten auf – höchste Zeit weiterzugehen. Wenn er sich nicht beeilte, würde ihn noch die Welle kinderwagenschiebender, wickeltaschenbepackter Mütter überrollen.

Gerade wollte er aufspringen, da sah er aus dem Augenwinkel ein Glitzern. Neugierig drehte er sich um. Doch es war nur eine Schraube, die sich aus der Bank gelöst hatte und auf den Boden gefallen war.

„Die passt bestimmt gut in meine Sammlung nützlicher Dinge“, murmelte er und hob sie auf. Neben Süßigkeiten, Nüssen und Beeren sammelte Sammy Gegenstände, mit denen er an Regentagen spielen konnte oder die ihm aus einem anderen Grund hilfreich erschienen. In seinem Baumhaus hatte sich so eine bunte Sammlung zusammengefunden: ein alter Buchdeckel, ein angerosteter Kochtopf, ein Suppenlöffel und eine Handvoll Schrauben.

Doch kaum hatte er die Schraube aufgehoben, begann die Innenseite seiner Pfote unerträglich zu jucken. Erschrocken warf er sie ins Gebüsch. Sofort ließ das Jucken nach.

„Was war das denn?“, rätselte Sammy. Seit dem Aufwachen hatte er das Gefühl, als würden winzige Ameisen über seinen ganzen Körper krabbeln. Bisher hatte er es seinem fehlenden Fell zugeschrieben, aber diese heftige Reaktion auf die Schraube gab ihm den Rest.

Und als sei das nicht genug, rebellierte auch noch sein Magen. Vermutlich hatte er die Nachos nicht vertragen. Vielleicht würde sein Bauch sich beruhigen, wenn er schlief?

Er verkroch sich ins Unterholz, rollte sich zu einem haarlosen Knäuel zusammen und schloss die Augen. Der Würgereiz ließ nach und Sammy döste ein.

Doch auch im Schlaf zuckten seine Ohren bei jedem kleinen Geräusch. Als ein Baby in einem vorbeifahrenden Kinderwagen laut „DADADADADA!“ schrie, schreckte er hoch und ergriff die Flucht.

Instinktiv lenkte er seine Pfoten in Richtung Baumhaus. Doch der Park war voller Mütter, Kinder und Spaziergänger. Normalerweise reichte das Unterholz, um ihn vor neugierigen Blicken zu schützen. Doch mit seiner silbrig glänzenden Haut war er zwischen den kahlen Bäumen kaum zu übersehen. Die Gefahr, entdeckt zu werden, war zu groß.

Unschlüssig blieb er stehen. Wohin sollte er sonst gehen? Nach kurzem Zögern machte er sich auf den Weg zu dem Haus, in dem Sim und Franz mit ihren Eltern wohnten. Vielleicht hatte er Glück und die Jungs waren aus dem Urlaub zurück.

Wenig später kletterte er auf den Baum vor Sims Fenster. Doch heute war das Zimmer dunkel und das Bett leer. Enttäuscht ließ sich Sammy wieder hinuntergleiten.

Gerade wollte er sich umdrehen und zurück in den Park laufen, als sein Blick an der Garage hängen blieb. Vielleicht fand er dort etwas zu essen? Während er sich vorsichtig näherte, blickte er sich immer wieder um. Aber niemand war zu sehen und Sammy drückte langsam die Klinke hinunter.

DIE GARAGE

Mit einem leisen Quietschen schwang die Tür der Garage auf. Ein muffiger Geruch schlug Sammy entgegen.

„Hier riecht’s schlimmer als Sims Sportsachen!“, murmelte er und rümpfte die Nase. Aber letztlich siegte seine Neugier. Nachdem er sich ein letztes Mal vergewissert hatte, dass niemand ihn beobachtete, huschte er ins Halbdunkel. Seine Augen brauchten einige Sekunden, um sich an das Dämmerlicht zu gewöhnen. Doch dann staunte er nicht schlecht.

Vor ihm türmten sich alte Möbel, verbeulte Eimer, Gartengeräte, Säcke mit Erde, Farbdosen, eingetrocknete Pinsel und alte Spielsachen. Da war ein Ritterhelm mit eingedrücktem Visier, ein abgenutzter Fußball und ein halber Kasten Legosteine.

„Ein echtes Schatzlager!“, murmelte Sammy ehrfürchtig.

Neben einem rostigen Spaten entdeckte er einen Eimer voller Nägel, Schrauben und Muttern. An der Wand lehnte ein eingerollter staubiger Teppich und überall lagen Stöcke und Steine. Vorsichtig kletterte Sammy über einen wackeligen, in der Mitte gebrochenen Holztisch. Als er auf der anderen Seite ankam, seufzte er enttäuscht: keine Spur von Schokolade, Gummibärchen oder auch nur einem Keks. Nur alte, teils rostige Gegenstände, bei deren Anblick seine Haut sofort wieder zu kribbeln begann.

Hastig wandte er den Blick ab und tastete sich weiter. Als er sich nach Luft schnappend an der Wand abstützte, bröckelte der Putz ab. Ein silbriger Nagel fiel ihm direkt auf die Schulter.

Verwundert hob Sammy ihn auf. Der Nagel glänzte, als wäre er gerade erst aus einer Verpackung gekommen. Und er hatte genau die gleiche Farbe wie seine Haut.

„Was hat das zu bedeuten?“, flüsterte er.

Kurz überlegte er, ob er den Nagel mitnehmen sollte, doch in dem Moment hörte er, wie draußen ein Auto in die Einfahrt einbog. Hastig ließ Sammy den Nagel fallen und kletterte, so schnell er konnte, zwischen kaputten Tretrollern und altem Spielzeug hindurch nach draußen.

Er rannte auf die andere Straßenseite und versteckte sich hinter einem Baum. Atemlos lugte er hervor und sah, wie das Auto von Sims Eltern in die Einfahrt bog. Die Türen wurden aufgerissen und Sim und Franz sprangen heraus.

Sammy spürte, wie sein Herz einen freudigen Hüpfer machte. Für einen Moment vergaß er sogar das ständige Jucken. Als Sim sich suchend umsah, hob Sammy die Pfote und winkte. Doch Sim winkte nicht zurück.

„Hat er mich nicht gesehen?“, fragte sich Sammy enttäuscht. Dann fiel ihm ein, dass Sim wahrscheinlich nach einem überdimensionalen Streifenhörnchen Ausschau hielt und nicht nach einem silbrig glänzenden Wesen.

„Was, wenn sie mich nicht erkennen? Oder … nicht mehr mögen?“, schoss es ihm durch den Kopf.

„Ich kann sie nicht auch noch verlieren. Nicht, nachdem ich Ashley …“ Der Gedanke blieb Sammy im Hals stecken. Seine Kehle schnürte sich zu, als würde jemand sie von innen zusammenpressen. Sein Hunger war verschwunden.

Er senkte den Blick und trottete abseits der großen Wege zurück zu seinem Baumhaus. Unterwegs fand er zwei Äpfel und einen angebissenen Müsliriegel. Noch verspürte er keinen Hunger, aber bei der Erinnerung an seine leere Vorratsbox nahm er die Fundstücke mit. Morgen früh würde er sich bestimmt über ein Frühstück freuen.

Seine Gedanken wanderten zurück zu Sim und Franz. Sie hatten ihn nicht gesehen. Oder doch?

Was, wenn sie mich gesehen, aber nicht erkannt haben? Was, wenn ich jetzt wirklich so … anders bin, dass ich nicht mehr dazugehöre?, überlegte er ängstlich.

Er hielt die Luft an, als zwei Jogger an ihm vorbeiliefen. Aber sie bemerkten ihn nicht. Als er schließlich sein Baumhaus erreichte, schlang er den silbrig glänzenden Schwanz um seine Fundstücke und kämpfte sich nach oben.

Zentimeter um Zentimeter. Oben fiel er auf den Boden und blieb keuchend liegen.

Unglücklich betrachtete er seinen haarlosen Körper. Wieso nur war sein Fell plötzlich ausgefallen?

Vielleicht bin ich ja krank, überlegte Sammy. Im Zoo hatte er einmal eine Erkältung gehabt. Damals war er sogar zu schwach gewesen, um seinen Lieblingsbaum hinaufzuklettern. Sein Fell war struppig und matt gewesen, ausgefallen war es ihm allerdings nicht.

Sammy stand auf, schleppte sich zu seinem leeren Vorratskorb und legte die beiden Äpfel und den halben Müsliriegel hinein. Fröstelnd tastete er nach der löchrigen Wolldecke, auf der er sonst schlief, und kuschelte sich darunter.

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als er schließlich einschlief. Erst das laute Gurren der Tauben riss ihn aus dem Schlaf. Sie hatten sich unter seinem Baumhaus versammelt, angelockt von einem Rentner, der Brotkrümel auf den Boden streute.

VERÄNDERUNGEN

Mürrisch hob Sammy den Kopf. Als er durch die Luke im Boden den alten Mann mit dem Schlapphut erkannte, seufzte er leise. Jeden Morgen kam der Rentner mit seiner Tüte alten Brotes und fütterte die Tauben unter Sammys Baumhaus.

Sammy horchte in sich hinein. Sein Magen war noch etwas flau, aber die Übelkeit war verschwunden. Dafür kribbelte seine Haut immer noch.

Er versuchte, sich aufzurichten, doch sein Oberkörper fühlte sich so schwer an, als würde er aus Blei bestehen. Beim zweiten Versuch schaffte er es keuchend auf die Beine.

Ich kann doch nicht über Nacht so viel schwerer geworden sein, dachte Sammy verwirrt und klopfte mit der Pfote auf seinen Arm. Er erstarrte. Was er sah, war keine silbrig glänzende Haut mehr. Stattdessen bedeckten jetzt glänzende Metallplatten seinen Körper wie eine Rüstung. Prüfend strich er über seinen Arm. Die kühle, glatte Oberfläche ließ ihn zurückzucken.

Das ist nicht mehr meine Haut! Was passiert mit mir?, fragte er sich verängstigt. Was Arzah und Bo wohl sagen würden, wenn sie ihn so sähen?

Andererseits können sie mir jetzt nicht mehr wehtun, dachte Sammy und dieser Gedanke tröstete ihn. Während er darauf wartete, dass der alte Mann nach Hause ging, verschlang er die beiden Äpfel vom Vortag.