Sarinas neue Freunde - Patricia Vandenberg - E-Book

Sarinas neue Freunde E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. Patricia Vandenberg ist die Begründerin von "Dr. Norden", der erfolgreichsten Arztromanserie deutscher Sprache, von "Dr. Laurin", "Sophienlust" und "Im Sonnenwinkel". Ohne ihre Pionierarbeit wäre der Roman nicht das geworden, was er heute ist. Die ganze Welt fühlt sich an wie Schmirgelpapier.« Sarinas Stimme war heiser. Lange Zeit war sie künstlich beatmet worden und ihr Rachen gereizt und rau. »Alles ist zu laut und zu grell. Sogar die Gedanken in meinem Kopf tun weh.« Dr. Daniel Nordens Gesicht drückte tiefstes Mitgefühl aus, als er am Bett der jungen Patientin saß. Das, was Sarina Mathä erlebt hatte, wünschte er noch nicht einmal seinem ärgsten Feind. »Ich verspreche dir, dass das mit jedem Tag besser wird.« »Und schlafen kann ich auch nicht mehr richtig.« Sarina hörte seine Worte offenbar nicht. Oder ignorierte sie einfach. »Dabei war schlafen mein einziger Trost.« Daniel presste die Lippen aufeinander. Sarinas Verletzungen waren furchtbar gewesen, das Schädel-Hirn-Trauma und die anschließende Hirnschwellung lebensbedrohlich. Dagegen waren die Schnittwunden an den Armen und die gebrochenen Rippen Lappalien gewesen. »Die Schlafstörungen kommen wohl daher, dass die Schmerzmittel langsam reduziert werden.« Um Sarina ruhigzustellen und ihr das Leben so erträglich wie möglich zu machen, waren ihr starke Medikamente verabreicht worden. »Die Gefahr bei diesen Mitteln ist, dass man davon abhängig werden kann. Deshalb müssen die Ärzte sehr vorsichtig mit der Dosierung sein.

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Seitenzahl: 114

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Dr. Norden – 125 –Sarinas neue Freunde

Unveröffentlichter Roman

Patricia Vandenberg

Die ganze Welt fühlt sich an wie Schmirgelpapier.« Sarinas Stimme war heiser. Lange Zeit war sie künstlich beatmet worden und ihr Rachen gereizt und rau. »Alles ist zu laut und zu grell. Sogar die Gedanken in meinem Kopf tun weh.«

Dr. Daniel Nordens Gesicht drückte tiefstes Mitgefühl aus, als er am Bett der jungen Patientin saß. Das, was Sarina Mathä erlebt hatte, wünschte er noch nicht einmal seinem ärgsten Feind.

»Ich verspreche dir, dass das mit jedem Tag besser wird.«

»Und schlafen kann ich auch nicht mehr richtig.« Sarina hörte seine Worte offenbar nicht. Oder ignorierte sie einfach. »Dabei war schlafen mein einziger Trost.«

Daniel presste die Lippen aufeinander. Sarinas Verletzungen waren furchtbar gewesen, das Schädel-Hirn-Trauma und die anschließende Hirnschwellung lebensbedrohlich. Dagegen waren die Schnittwunden an den Armen und die gebrochenen Rippen Lappalien gewesen.

»Die Schlafstörungen kommen wohl daher, dass die Schmerzmittel langsam reduziert werden.« Um Sarina ruhigzustellen und ihr das Leben so erträglich wie möglich zu machen, waren ihr starke Medikamente verabreicht worden. »Die Gefahr bei diesen Mitteln ist, dass man davon abhängig werden kann. Deshalb müssen die Ärzte sehr vorsichtig mit der Dosierung sein. Und rechtzeitig wieder damit aufhören.«

Sarina starrte den Arzt, den sie bereits von Kindesbeinen an kannte, entgeistert an. Die Gedanken in ihrem kaputten Kopf wirbelten durcheinander, dass ihr schwindlig davon wurde.

»Dann …, dann …, dann sind die schönen Träume …, die warme weiche orange Höhle, wo ich mit Mama zusammen sein kann …« Sie verstummte hilflos. Tränen ließen ihren Blick verschwimmen. »Die gibt es gar nicht wirklich?«

Daniels Herz war schwer vor Kummer. Behutsam griff er nach Sarinas Hand und drückte sie vorsichtig. Auf keinen Fall wollte er ihr wehtun.

»Wenn du diese Mittel nicht bekommen hättest, wärst du verrückt geworden vor Schmerzen«, versuchte er, Verständnis in ihr zu wecken.

Sarina entzog ihm ihre Hand und wischte sich über die Augen.

Aufmerksam, wie er war, griff Daniel sofort nach der Box mit den Papiertüchern und zog zwei, drei davon heraus. Ohne eine Miene zu verziehen oder ihm zu danken, griff Sarina danach und putzte sich die Nase.

»Jetzt hab ich keinen Ort mehr, an dem ich mich verstecken kann«, sagte sie dann bitter.

Daniel blieb nichts anderes übrig, als auf die eine gute Nachricht zu bauen, die er für Sarina hatte.

»Wenn du weiterhin solche Fortschritte machst, wirst du bald entlassen. Ach, da fällt mir gerade ein … Schwester Anke lässt dir ausrichten, dass dein Papa heute Nachmittag kommt, um alles mit dir zu besprechen.«

Wider Erwarten konnte sie aber auch diese Nachricht nicht aufmuntern. Ganz im Gegenteil schien er sie damit nur in eine neue, noch größere Verzweiflung zu stürzen.

»Ich will meinen Vater aber nicht sehen!«, rief sie. »Er hat sich zwölf Jahre lange nicht um uns gekümmert.« Als sie den Nachhall ihrer Worte hörte, biss sie sich so fest auf die Unterlippe, dass sie blutete. Es gab kein »uns« mehr. Ihre Mama, ihre geliebte Mama Lea, war bei dem furchtbaren Autounfall ums Leben gekommen, während sie schwer verletzt überlebt hatte. »Und ich will nicht bei ihm und seiner neuen Familie wohnen. Ich will zurück in mein eigenes Haus, in mein eigenes Zimmer. Ich will nach Hause.« Sarina ignorierte den Schmerz in ihrem Hals, den Schmerz in ihrem Körper. Trotzig schlug sie mit der Hand auf die Bettdecke.

Ruhig wartete Daniel Norden ab, bis sich ihre Verzweiflung etwas legte.

»Bevor du nach Hause gehen kannst, wirst du auf der Insel der Hoffnung noch weiter aufgepäppelt«, erklärte er.

»Insel der Hoffnung?«, unterbrach Sarina ihn unbarmherzig und mit unverhohlenem Spott in der Stimme.

Doch Daniel ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

»Das ist eine Art Sanatorium, eine Kurklinik, in der verschiedene Therapeuten, Psychologen und Ärzte mit dir arbeiten und dich auf deinem Weg zurück ins Leben begleiten werden«, erklärte er geduldig. »Und auch, wenn du über diesen Namen lachst, so ist er doch berechtigt. Kaum einer verlässt diesen magischen Ort, ohne neue Hoffnung geschöpft zu haben.«

»Dann werde ich eben die Erste sein.« Trotzig verschränkte Sarina die Arme vor dem schmächtigen Körper und starrte unglücklich vor sich hin.

Seit dem Unfall war nichts mehr so, wie es sein sollte, und in besonders dunklen Momenten fragte sich Sarina, warum sie hatte überleben müssen. Warum sie nicht bei ihrer Mutter sein durfte, wo auch immer Lea jetzt war. Kein Ort konnte schlimmer sein als diese grausame Welt. Davon war Sarina zutiefst überzeugt.

An diesem Vormittag hatte Daniel Norden keine Sprechstunde. So machte er sich, nachdem Sarina vor Erschöpfung eingeschlafen war, auf die Suche nach seiner langjährigen Freundin und Kollegin, der Klinikchefin Jenny Behnisch.

Wie üblich hastete sie mit wehendem Kittel von einem Termin zum nächsten, nahm an Besprechungen teil, besuchte Patienten und überwachte den reibungslosen Ablauf des Klinikalltags.

»Du bist ein Multitasking-Wunder«, sagte Daniel bewundernd, als sie sich schließlich bei einer Tasse Tee gegenübersaßen.

»Kein Wunder.« Jenny lachte gut gelaunt. Trotz oder gerade wegen der vielen Arbeit fühlte sie sich pudelwohl in ihrer Haut, zumal sie bei ihrem Lebensgefährten, dem Architekten Roman Kürschner, den emotionalen Rückhalt und die Sicherheit fand, die sie für ihre nervenaufreibende Tätigkeit brauchte. »Ich bin schließlich eine Frau.«

»Unübersehbar!« Daniels bewundernder Blick ruhte auf ihrer schlanken Gestalt, ihrem aparten Gesicht.

Seit sie vor Jahren eine neue Liebe gefunden hatte, waren ihre Züge weicher geworden und hatten etwas von ihrer konzentrierten Strenge verloren.

»Alter Schmeichler. Kein Wunder, dass Fee eifersüchtig ist«, fuhr Jenny in neckischem Tonfall fort.

Daniel winkte ab.

»Ich glaube, diese Zeiten sind längst vorbei. Dafür haben wir schon zu viel zusammen erlebt.«

Mahnend hob Jenny den Zeigefinger.

»Man darf sich nie zu sicher sein!«, scherzte sie, wohl wissend, welch harte Zeit hinter der Arztfamilie lag. Auch wenn sie nicht wusste, wie dünn der Faden tatsächlich gewesen war, an dem das Glück der Nordens letztlich gehangen hatte, so besaß sie doch genug Einfühlungsvermögen, um eine vage Ahnung davon zu haben. »Aber sicher bist du nicht zu mir gekommen, um dich mit mir über deine Ehe zu unterhalten«, kam sie nach einem unauffälligen Blick auf ihre Uhr auf den Grund von Daniels Besuch zu sprechen.

Schlagartig wurde er ernst und nickte.

»Es geht um Sarina Mathä. Ich war eben bei ihr.«

Als er diesen Namen erwähnte, wurde auch Jennys Miene traurig.

»Furchtbar, was diese junge Frau erleben musste.«

»Es kommt nicht oft vor, dass ich Amnesie für einen Glücksfall halte. Bei Sarina ist es aber so«, gestand Daniel Norden ernst.

In ihrem jetzigen Zustand war es ein Segen, dass sie sich nicht an den Unfall erinnerte.

Nachdem Jenny Tee aus der Glaskanne nachgeschenkt hatte, legte sie die kalten Hände um die Tasse. Es war ein kühler Tag im Frühjahr und das warme, süße Getränk eine willkommene Stärkung.

Eine steile Falte stand auf ihrer Stirn, als sie antwortete: »Solange sie hier in der geschützten Umgebung der Klinik ist, mag das so sein«, gab sie zu bedenken. »Aber was passiert, wenn sie aus den Medien Einzelheiten über den Unfall erfährt?«

Die gleichen Gedanken hatte sich auch Daniel gemacht.

»Das ist der Grund, warum ich hier bin«, gestand er. »Sarina ist stark traumatisiert. Es ist unglaublich schwierig, im Zusammenhang mit dem Unfall und ihrer Zukunft die richtigen Worte zu finden. Deshalb würde ich ihr gern selbst berichten, was man bisher weiß. Bevor es ein anderer tut und damit einen nicht wiedergutzumachenden Schaden an ihrer Seele anrichtet.«

»Natürlich!« Jenny war sofort einverstanden. »Aber bitte nicht heute Nachmittag. Du weiß ja, dass ihr Vater kommt, um ihr von ihrem neuen Zuhause zu erzählen.«

Daniel sah gar nicht glücklich aus.

»Ich weiß. Das ist das nächste schwierige Thema.« Sinnend ließ er den Blick durch das geschmackvoll eingerichtete Büro schweifen, das Jennys klare schlichte Handschrift trug. »Sarina weigert sich hartnäckig, zu ihrem Vater zu ziehen. Offenbar verstehen sich die beiden nicht besonders.«

»Das hab ich auch schon mitbekommen«, seufzte Jenny bedrückt. »Ihr Vater, Kilian Mathä, arbeitet in einer anderen Stadt und ist beruflich viel unterwegs. Aber immerhin konnte er es seit dem Unfall viermal einrichten, seine Tochter zu besuchen.«

»Und? Hast du mitbekommen, wie es zwischen den beiden läuft?«, fragte Daniel gespannt.

Sarinas Reaktion ließ nichts Gutes ahnen. Leider bestätigten Jennys Worte diesen Verdacht.

»Ich konnte es zweimal einrichten, ins Zimmer zu kommen, als er da war. Beide Male weigerte sich Sarina, sich von ihm anfassen zu lassen. Und geredet hat sie offenbar auch nicht mit ihm.«

»Das sind ja nicht gerade rosige Aussichten. Schließlich ist sie fast erwachsen. Niemand kann sie zwingen, bei ihrem Vater zu leben. Aber allein? Nach dem Unfall?« Daniel, der Sarinas Mutter Lea gut gekannt hatte, schüttelte unwillig den Kopf. »Gibt es sonst irgendwelche Verwandten, bei denen sie unterkommen könnte?«

Jenny nickte. Sie kannte Sarinas Akte in- und auswendig, so sehr beschäftigte sie das Schicksal der unglücklichen jungen Frau.

»Einen Bruder. Linus Wolter. Meines Wissens ist er in der Vorstandsetage einer Versicherung.«

»Das klingt zumindest solide. Und dein Eindruck?«

Ein Lächeln huschte über Jennys Gesicht, und sie beugte sich vor, um die Teetasse auf dem kleinen Glastisch abzustellen.

»Ein netter Mensch, sehr korrekt. Vielleicht ein bisschen steif«, erinnerte sie sich an die kurzen Gespräche, die sie zwischen Tür und Angel mit ihm geführt hatte. »Aber ich hatte den Eindruck, dass sich die beiden ganz gut verstehen.«

»Das ist immerhin ein Lichtblick«, gab Daniel erleichtert zurück und stand auf.

Nicht nur Jenny musste weitereilen. Auch er hatte an diesem Nachmittag diverse Hausbesuche vor sich, auf die er sich noch in Ruhe und gründlich wie immer vorbereiten wollte, bevor er sich wieder um Sarina kümmern würde.

Linus Wolter stand in der Kantine der Versicherungsgesellschaft, ein Tablett in den Händen, und studierte die Speisenfolge, die auf einer Tafel oberhalb des Tresens notiert war.

»Was ist denn das?«, fragte er schließlich unwillig. »Seit wann gibt es denn diese komischen Sachen? Tortellini in Gemüsebrühe? Gnocchi mit Salbeibutter? Coda di rospo alla grigilia? Ich will ein einfaches Schnitzel!« Seine Aussprache war fürchterlich und er erntete belustigtes Gelächter.

»Dann nehmen Sie doch die scaloppine alla milanese.« Eine weiß gekleidete Frau trat aus der Küche hinter dem Tresen neben die Dame an der Kasse. Ihr dunkles lockiges Haar war zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst, ihre schwarzen Augen funkelten fröhlich. Sie wischte sich die Hände an dem Geschirrtuch im Bund ihrer Schürze ab und reichte ihm die Hand. »Mein Name ist Francesca di Lauro. Ich bin die neue Küchenchefin hier und habe mir vorgenommen, frischen Wind in den grauen Kantinenalltag zu bringen«, sagte sie mit ungewöhnlich dunkler Stimme. »Und Sie sind Linus Wolter, Mitglied des Vorstands.«

Linus ignorierte ihre Hand und starrte sie ungläubig an.

»Warum wurde ich nicht darüber informiert?« Diese Tatsache bereitete ihm fast körperliches Unbehagen. Normalerweise war er über alles informiert, was im Unternehmen geschah. Darauf legte er größten Wert. Nur ja nicht die Kontrolle verlieren.

»Sie waren eine Weile nicht da«, erklärte Francesca unerschrocken. »Also, was ist? Versuchen Sie es mit den scaloppine?« Sie zwinkerte den Angestellten zu, die hinter Linus in der Schlange standen und langsam aber sicher ungeduldig wurden.

»Was ist das?«, fragte er unwillig.

»Schnitzel«, gab Francesca belustigt zurück.

Alles lachte über diese Parade. Linus schäumte vor Wut und klammerte sich an sein Tablett, dass seine Knöchel weiß wurden.

»Also schön, dann das Schnitzel. Und ein Glas stilles Wasser.« Er musterte sie aus schmalen Augen. »Und bevor Sie mir ein anderes Getränk andrehen wollen: Nein, danke. Ich trinke immer stilles Wasser zum Mittagessen.«

Mit einem engelsgleichen Lächeln nahm Francesca die Bestellung auf und verschwand wieder an ihrem angestammten Platz in der Küche, während die Dame an der Kasse den Rechnungsbetrag nannte und abkassierte.

Linus bezahlte, um sich an seinen angestammten Platz zu setzen. Dort in der Ecke konnte er ungestört den Wirtschaftsteil der Zeitung lesen, während sich die Kollegen in kleinen Grüppchen zusammenfanden und Neuigkeiten austauschten, lachten und sich Francescas Köstlichkeiten schmecken ließen.

Doch wie häufiger in letzter Zeit – genauer gesagt seit dem Unfalltod seiner einzigen Schwester – konnte sich Linus nicht auf die Worte konzentrieren.

»So etwas passiert doch nur anderen Menschen«, hatte er an Leas Grab zu ihrer besten Freundin gesagt. So viele Menschen waren zu ihrer Beerdigung gekommen. Er hatte nicht gewusst, dass seine Schwester so beliebt gewesen war. »Aber doch nicht uns. Nicht Lea!«

Leas Freundin hatte daraufhin tröstend, aber wortlos ihre Hand auf seinen Arm gelegt. Daran musste Linus immer wieder denken. Und an seine Nichte Sarina. Sie war seine einzige noch lebende Verwandte, und wenn alles so kam wie verabredet, würde sie nach der Reha zu ihrem Vater ans andere Ende des Landes ziehen. Linus war sich sicher, dass er Sarina nie wiedersehen würde.

»Sarina, mein Engel!«

Obwohl sie die Augen geschlossen hatte, erkannte Sarina die Stimme ihres Vaters sofort. Sie passte perfekt zu seinem sonnenstudiogebräunten glatten Gesicht, zu seinem perfekten Äußeren, das in jeder Hinsicht makellos war.

»Hallo, Vater«, rang sie sich mit immer noch geschlossenen Augen eine Begrüßung ab. Das Wort Papa, brachte sie nicht über die Lippen.

Kilian haderte mit sich, ob er darauf bestehen sollte, entschied sich dann aber dagegen.

»Du siehst fantastisch aus!« Er drückte ihr die Rosen in Zellophan in die Hand und zog sich einen Stuhl ans Bett. »Hast du die gute Nachricht schon gehört? In drei Tagen wirst du entlassen. Dann geht es in die Reha. Und wenn du das alles hinter dir hast, kannst du endlich dein neues Zuhause beziehen. Carola ist schon so gespannt auf dich.«

Trotzig schürzte Sarina die Lippen.

»Ich will nicht zu euch. Ich habe ein eigenes Zuhause.«

Kilian lächelte. Er war Realist und hatte mit diesem Widerstand gerechnet.

»Schätzchen, ich weiß, dass ich dich nicht dazu zwingen kann, bei uns zu leben. Aber ich hoffe so sehr auf eine zweite Chance. Bitte erlaub mir, alles wiedergutzumachen.«