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Ein Raubüberfall ohne Räuber? Ein Mörder, der keiner war? Und ein Mörder, der kein Mörder sein wollte? Ein Unfall oder doch ein Suizid? Kriminaloberkommissarin Rita Böhringer hat eigentlich genug Arbeit für zwei. Doch seit zweieinhalb Monaten ist sie auf sich alleine gestellt. Erst als sie bei ihrem Chef interveniert, stellt man ihr einen Team-Partner zur Seite. Genauer gesagt: eine Team-Partnerin. Dass es sich dabei um ihre Wunschkandidatin handelt, ist für Rita doppelt erfreulich. Letztlich aber bleibt es Kriminalhauptkommissar a. D. Edgar Schaaf vorbehalten, entscheidende Impulse bei den Ermittlungen zu setzen und den gesuchten Mann dingfest zu machen. Und dann ist da noch das kleine Mädchen, das mit einer mutigen Aktion Edgar Schaafs Herz zu öffnen vermag.
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Seitenzahl: 290
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Ein Raubüberfall ohne Räuber? Ein Mörder, der keiner war? Und ein Mörder, der kein Mörder sein wollte? Ein Unfall oder doch ein Suizid?
Kriminaloberkommissarin Rita Böhringer hat eigentlich genug Arbeit für zwei. Doch seit zweieinhalb Monaten ist sie auf sich alleine gestellt. Erst als sie bei ihrem Chef interveniert, stellt man ihr einen Team-Partner zur Seite. Genauer gesagt: eine Team-Partnerin. Dass es sich dabei um ihre Wunschkandidatin handelt, ist für Rita doppelt erfreulich.
Letztlich aber bleibt es Kriminalhauptkommissar a. D. Edgar Schaaf vorbehalten, entscheidende Impulse bei den Ermittlungen zu setzen und den gesuchten Mann dingfest zu machen.
Und dann ist da noch das kleine Mädchen, das mit einer mutigen Aktion Edgar Schaafs Herz zu öffnen vermag.
für Brigitte, die treue Leserin
Schaafshaus
19. März 2025, 01.20 Uhr
19. März 2025
20. März 2025
21. März 2025, acht Uhr fünfzig.
21. März 2025, elf Uhr fünfundvierzig.
21. März 2025, zwölf Uhr fünfzehn.
21. März 2025, 23.30 Uhr
22. März 2025
22. März 2025, 09.45 Uhr
23. März 2025
24. März 2025
25. März 2025
26. März 2025
27. März 2025
28. März 2025
29. März 2025
30. März 2025
31. März 2025
01. April 2025
02. April 2025
05. April 2025
06. April 2025
Anmerkungen des Autors
Schaafswinter
Schaafssturm
Schaafshammer
Schaafsgold und der ungelesene Autor
Schaafsinsel
Schaafshunde
Schaafsfrauen
Schaafssteine
Schaafsherbst
Schaafskind
Schaafsfeuer
Schaafspelz
Schabrack
Schwimmende Steine
18. März 2025
Marian hatte schon wieder seinen Job verloren. Nach gerademal zweieinhalb Wochen als Hilfslandschaftsgärtner bei der Firma Laubinger Gartenbau in Hochburg. Wiederholt zu spät zur Arbeit erschienen. Dabei war es nicht Marians Schuld gewesen, sondern die des Mopeds. Eine alte Kreidler Florett, die er von einem privaten Schrauber in Weinbuch gekauft hatte. War einfach nicht angesprungen, das Scheißding.
Die Arbeit hatte ihm sowieso nicht geschmeckt. Tag für Tag bei Wind und Wetter von morgens bis abends draußen in den Grünanlagen der Stadt und den umliegenden Gemeinden zu schuften. Hauptsächlich Unkraut jäten. Überall dort, wo ein Fleckchen Erde nicht in Privatbesitz war, stand Laubinger Gartenbau unter Vertrag.
Es gab begehrtere Jobs bei Laubinger, doch an die geriet er als Hilfskraft nicht. Als solcher musste er im wahrsten Sinne des Wortes unten anfangen. Mit der Harke, mit den Händen, mit der Nase am Boden. Wer eine der Maschinen bedienen wollte, musste länger bei der Firma beschäftigt sein. Rasenmäher, Motorsense, Motorsäge und Laubbläser waren für die arrivierten Mitarbeiter reserviert. Da konnte einer, der erst zwei Wochen dabei war, keine Ansprüche anmelden.
Im Grunde kam Marian die Entlassung heute nicht ungelegen, denn es war kalt und windig und von Frühling keine Spur. Nachdem er das Moped endlich zum Laufen gebracht hatte, viel zu spät und dann doch, war er direkt zur Firma gefahren und hatte sich von der Sekretärin im Büro für immerhin acht volle Arbeitstage gleich auszahlen lassen. Mindestlohn zumindest, und nun hing er auf einem Barhocker in der Kneipe Schwarzer Kater ab und war dabei, sich systematisch zu besaufen.
Der Wirt hatte eine neue Thekenbedienung eingestellt. „Arbeitsunfall?“, fragte sie, als sie das nächste Bier vor Marian hinstellte und auf dessen fehlenden kleinen Finger deutete.
Er grinste schräg und versuchte mit einem Augenaufschlag bei ihr zu landen. Zu seiner Enttäuschung war die Frau gegen solche Anmache immun.
„Kreissäge“, antwortete er. Was nicht stimmte. Marian war in Rumänien Mitglied einer Bande gewesen und hatte das Pech gehabt, in die Fänge einer rivalisierenden Organisation zu geraten. Als Warnung an den Kopf seiner Bande hatten sie ihm den kleinen Finger der linken Hand abgeschnitten und ihn dann wieder laufen gelassen. Dass seine Familie wenig später die Aussiedlung nach Deutschland beschloss, hatte er durchaus begrüßt. Das Pflaster in Temeschwar war ihm doch zu heiß geworden.
Er war ein rassiger Mann. Nicht besonders groß, dafür schlank und drahtig. Der Haaransatz in der Stirn lag tief, und er kämmte die dunkelbraunen Haare unter Verwendung von Haarfestiger gewollt fahrlässig mit den Fingern. Das Pfund, mit dem er Frauen gegenüber wucherte, waren die langen Wimpern. Sie gaben ihm etwas Verletzliches, das den Beschützerinstinkt mancher Frauen weckte, und gleichzeitig den verruchten Charme eines Freibeuters. Marians Manko: Er konnte nicht treu sein. So zählte er zwar eine Menge Bekanntschaften, doch eine feste Beziehung führte er derzeit nicht.
Kurz vor siebzehn Uhr tat sich was im Schwarzer Kater. Ein Mann betrat die Kneipe, über den Marian vor zwei Jahren an das derzeitige Haus der Familie Weber geraten war. Herr Scheffel. Er bedachte Marian nur mit einem knappen Kopfnicken und setzte sich an den Einzeltisch in der Ecke des Lokals.
Kaum dass er Platz genommen hatte und ihm ein Bier gebracht wurde, trat ein kahlköpfiger Mann an den Tisch und setzte sich Scheffel gegenüber. Marian kannte ihn vom Sehen. Er betrieb einen Laden in der Brauereigasse.
Freundlichkeiten tauschten die beiden nicht aus. Marian hatte erfahren, dass Scheffel auch Geld verlieh. Um solch ein Geschäft schien es zu gehen. Nicht dass Marian absichtlich lauschte, aber am Ende war Scheffels Stimme so laut, dass er nicht zu überhören war: „Drei Tage, Kremer. In drei Tagen besuche ich Sie in Ihrem Geschäft, und dann möchte ich mein Geld haben. Vormittags.“
Marian trank kein weiteres Bier mehr. Denn jetzt brauchte er einen klaren Kopf. Wenn einer von Scheffels Kunden dermaßen angeschnauzt wurde, handelte es sich nicht um Peanuts. Da musste echte Kohle über den Tisch wachsen. In drei Tagen war Freitag.
Marian war nicht mal so unglücklich über den Verlust des kleinen Fingers, denn dafür hatte er einen anderen bösen Finger aus Rumänien mitgebracht. Eine alte Pistole Walther P 1. Er bezahlte seinen Bierdeckel und verließ mit einer Idee im Kopf die Kneipe.
Edgar Schaaf hatte eines der sieben Fenster geöffnet. Kalte Nachtluft strömte über das Fensterbrett ins Türmchenzimmer und umspielte seine nackten Beine. Er war nur mit einem Pyjama bekleidet. Der mit den kurzen Hosen.
Er war wach geworden, weil er auf die Toilette gemusst hatte. Fast pünktlich auf die Minute wie mittlerweile jede Nacht. Der Rhythmus des Alters, mit dem er leben musste. Das würde sich, schätzte er, langfristig nicht mehr ändern und er wusste, dass er Glück haben würde, wenn es noch eine geraume Zeit so blieb. An andere Optionen wagte er zu dieser Stunde nicht zu denken. Es gab Überraschungen, auf die er nicht erpicht war.
Seit ein paar Stunden war er zweiundsiebzig Jahre alt. Geboren am achtzehnten März 1953. Sein erster Geburtstag in der neuen Rolle als Vater. Saida, das kleine marokkanische Mädchen, war seit vergangene Weihnachten seine Adoptivtochter. Und Melanies selbstverständlich.
Saida hatte ihm ein Portraitbild von der gesamten Familie geschenkt. Ein Gruppenbild mit allen Bewohnern des Hauses. Mit Janna, Gerti, Rita, Mama Melanie, Papa Edgar, Hund Lydia, Hund Müller, Katze Frida Dideldum – und sich selbst. Gemalt, gezeichnet, wie auch immer, auf jeden Fall genial und besser als jede aufwändige Fotografie. Ein Schatz. Sowohl das Mädchen als auch das Bild.
Vom Badezimmer aus hatte er nach Melanies Atem gelauscht. Er meinte, dass sie tiefer und ruhiger schlief, seit sie in Rente gegangen war. Anstatt ins Bett zurückzukehren, war er barfuß über den Flur zur Treppe ins Türmchenzimmer geschlichen. Was ihn dazu bewogen hatte, konnte er nicht genau beschreiben. Eine Stimmung undefinierbarer Farbe – vielleicht, um diese Erinnerung an den gestrigen Tag in seinem Kopf zu fixieren, oder sich des Seins als Mensch im Allgemeinen, und als Vater im Besonderen, bewusst zu werden. Aber er würde auch andere Begründungen gelten lassen, sofern sie mit seiner Philosophie nicht über Kreuz gerieten.
Er saß noch nicht lange auf dem Sessel, der zentral im Türmchenzimmer stand, als er auf ein Geräusch aufmerksam wurde. Er spitzte die Ohren und ortete das Geräusch an der Tür. Ein leises Schaben. Oder ein Kratzen. Er stand auf und öffnete die Tür zu Treppe. Mit einem kurzen Miau wischte Frida Dideldum herein. Saidas Katze.
Sie promenierte im Kreis im Zimmer herum, Schwanz hoch aufgerichtet, bis Edgar wieder auf dem Sessel saß, um sich dann auf seinen Oberschenkeln niederzulassen. Er kraulte sie im Nacken, und Frida Dideldum drückte ihm schnurrend die Krallen in die Haut. Eine Zuneigungsbezeugung der anderen Art.
Edgars Gedanken schweiften ab, hinaus durchs Fenster, in eine Welt, die er in zunehmendem Maße als bedrohlich betrachtete. Diese eine Welt. Eine andere stand nicht zur Verfügung. Da konnten irgendwelche Verschwörungstheoretiker von Paralleluniversen faseln so oft sie mochten. Edgar wusste, wo er hingehörte. Wo er zu Hause war.
Als Zeitungsleser, noch hielt er die analoge Presse für integer und glaubwürdig, war er manchmal versucht, an der Welt zu verzweifeln. Und unter Umständen war das, was er im Internet über sie erfuhr, ob gesehen oder gehört, nicht mal wahr. Ihn wunderte nicht, dass viele Menschen auf die Tricks und Fakes hereinfielen, denn man konnte Wahrheit und Lüge kaum noch unterscheiden. Wer seine Informationen überwiegend aus den Kanälen der großen Puppenspieler bezog, ganz gleich welchen Namens, lief geblendet in die geöffneten Arme der Verführer. Da war es dann leicht jeden Mist zu glauben, wenn doch so viele andere ebenfalls mit den gleichen Lügen zugemüllt wurden. Dann war man einer unter vielen, und viele mussten schließlich recht haben. Kam dann noch KI ins Spiel und bekam das Denken ganz praktisch vorgekocht, war es mit der Mündigkeit der Leute aus und vorbei. Wie konnten Menschen nur so bescheuert sein, und den Verlust des eigenen Verstandes für ein erstrebenswertes Ziel halten?
Was ihn erschreckte, war die ungehemmte und unkontrollierte Flut von Hass und Hetze in den sogenannten Sozialen Medien. Versteckt hinter der Anonymität, stellte so mancher sein wahres Gesicht zur Schau. Es war wie im Krieg, in dem Morden, Töten, Folter und Vergewaltigung nicht verfolgt wurden. Auch dort missachteten, im sichtbaren Leben als harmlose Bürger getarnt, die kriegführenden Leute alle Regeln der Menschlichkeit. Mutierten zu Monstern. Wie träumten solche Menschen? Was taten sie, wenn niemand sie beobachtete? Was dachten sie, wenn sie ihre Kinder sahen?
Was war es, das der Mensch in all den vielen Jahrzehnten und Jahrhunderten nicht gelernt hatte? Es ging längst nicht mehr um den einzelnen Schuss, den man als Warnung hätte hören sollen. Es war die schiere Menge an Schüssen, die zu überhören zur Gewohnheit geworden war. Und warum? Übersättigt von Reizen jeglicher Art stellte sich alsbald Gleichgültigkeit ein, wenn immer nur das gleiche geschah und nicht jeden Tag eine andere Sau durchs Dorf getrieben wurde.
Wie konnte es möglich sein, dass das Wissen über die Fragilität des gesellschaftlichen Zusammenhalts und die Erfahrungen aus der Geschichte die Menschen nicht zur Besinnung riefen? Waren alle Errungenschaften aus Forschung, Wissenschaft und Kultur nur Fassade für ein System, das stets den Stärkeren an die Spitze beförderte? Edgar begriff nicht, welche Sehnsucht die Leute dazu bewog, sich von Egoisten und Narzissten regieren zu lassen. Er schätzte, dass es ein Fehler in der DNA des Homo sapiens sein musste. Der Siegeszug des Populismus rund um den Erdball kam nicht von ungefähr. Und noch nie war es so einfach gewesen, den Leuten unwidersprochen nach dem Maul zu reden und sie zu belügen.
Von Emotionen abgelenkt, kraulte Edgar die Katze auf seinem Schoß heftiger, als sie es für angenehm fand. Fauchend sprang sie zu Boden und zur Tür hinaus.
So ist es, dachte er. Sie hat die Wahl. Haben wir Menschen die auch? Und falls ja, wie lange noch?
Der Wind frischte spürbar auf. Es wird Sturm geben, dachte er und begann zu frösteln. Er erhob sich aus dem Sessel und schloss das Fenster. Sperrte die Welt aus. Den Frieden, den er brauchte, würde er nur im eigenen Haus finden. Bei den Menschen und Tieren, die Saida gezeichnet hatte.
Ein Ort, wie er trostloser kaum sein konnte. Am Rande von Gengenbachs Industriegebiet südlich der Eisenbahnstrecke. Weder Haus noch Baracke, eine Mixtur aus Spanplatte, Wellblech und Eternit. Fließend Wasser ja, aber oft spuckte es rostrot aus der Leitung, wie der blutige Auswurf eines Todkranken. Zum Kochen war es völlig ungeeignet. Hierzu kaufte man das Wasser in großen Plastikflaschen. Die Toilette ein Donnerbalken in einem zugigen Verschlag über einer geschaufelten Grube, sechs Meter von der Hütte entfernt. Elektrizität für Licht, Kochherd und Fernsehgerät gab es nur über einen Bezahlautomaten für Münzgeld. Die Wäsche wurde in einem großen Aluminiumtopf auf dem Kochherd gewaschen. Die Körperreinigung ohne Privatsphäre am Küchenspülbecken vorgenommen. Die Heizung ein Kanonenofen, in dem alles verheizt wurde, was irgendwie brannte. Für Holz mussten die Bewohner selber sorgen. Kleine Mengen Brennholz kauften sie für teures Geld im Supermarkt. Spaziergänge fanden deshalb bevorzugt in die umgebenden Wälder statt, die in irgendjemandes Besitz waren. Die wenigen Äste, die man sich getraute aufzulesen, waren meistens feucht und rauchten mehr als dass sie wärmten. Wurde man erwischt, gab es eine Anzeige wegen Holzdiebstahls.
Für diesen Ort, für diese Unterkunft, bezahlten sie Miete. Pro erwachsene Person hundertzehn Euro, für Kinder die Hälfte. Fünfhundertfünfzig für alle. Für die Familie. Oma, die Patriarchin; der Vater; der Bruder des Vaters; die Mutter; zwei Kinder. Fünfhundertfünfzig.
Vater Anton arbeitete im Schichtdienst als Toilettenmann an der Autobahnraststätte Mahlberg Ost. Kein Job, der ihm Ansehen einbrachte, aber gemacht werden musste, und wegen der hohen Besucherfrequenz und der Sensibilität des Themas Hygiene unter öffentlicher Beobachtung stand. Mutter Simona verdiente Geld als Raumpflegerin in einem Gengenbacher Sanatorium; Oma Valentina passte während der Abwesenheit der Eltern auf die zwei Kinder auf, von denen das älteste Mädchen Viona, gerade zehn geworden, in Gengenbach aktuell die dritte Schulklasse besuchte, der jüngere Bub Stan unregelmäßig in den Kindergarten ging. Der Bruder des Vaters, Marian, war Gelegenheitsarbeiter mit entsprechend unsicherem Einkommen und, was seine Vergangenheit in Rumänien betraf, so etwas wie das Schwarze Schaf der Familie.
Rumäniendeutsche waren sie. Familienname Weber. Aus Temeschwar in der rumänischen Provinz Siebenbürgen, wo einst achthunderttausend Menschen deutschen Ursprungs lebten. Nach dem letzten Zensus von 2022 waren es nur noch knappe dreiundzwanzigtausend. Ein enormer Aderlass, bedingt durch den Zweiten Weltkrieg, die Zeit des Kommunismus und die Rumänische Revolution von 1989.
So gesehen hatte die Familie Weber die letzte Auswanderungswelle verpasst, denn die Webers waren erst im Sommer 2023 nach Deutschland gekommen. Das erhoffte bessere Leben hatten sie jedoch auch hier nicht gefunden. Immerhin standen sie, im Gegensatz zur Situation in Rumänien, in Lohn und Brot.
Valentina und Simona versuchten, der steinigen Brache um ihr Haus etwas Gemüse abzugewinnen. Mit Kartoffeln waren sie noch recht erfolgreich. Von Bohnen, Gurken, Kraut und krüppelwüchsigen Buschtomaten ernteten sie nur kleine Mengen.
An Geld mangelte es der Familie eigentlich nicht. Bei zwei Verdiensten und den sporadischen Zuschüssen Marians kamen sie über die Runden. So reichte es immerhin für einen gebrauchten Renault, den Anton für die Fahrt zur Arbeit benötigte. Sie hielten die Wohnung und die Kleider aller Bewohner sauber. Die Kinder erhielten das, was andere Kinder ihres jeweiligen Alters auch bekamen. Viona durfte an den Projekten ihrer Schule teilnehmen, wie zum Beispiel an Ausflügen, Landschulaufenthalten oder Theateraufführungen. Der Traum der Webers allerdings war eine andere Unterkunft. In der jetzigen Hütte, denn mehr war es nicht, waren Krankheiten vorprogrammiert. Im Winter war es zu kalt und zu feucht; unter dem Wellblechdach zogen die Winde hindurch; im Sommer war es zu heiß. Die Spanplattenwände sogen Feuchtigkeit, quollen auf und brachen auseinander. Unter dem Fußbodenbelag aus Stragula bildete sich Schimmel. Eine richtige Wohnung also sollte es sein, oder besser noch ein Haus. Finanziell würden sie das gestemmt kriegen.
Aber ihr Wunsch wurde nicht erfüllt. So oft sie auch zu Besichtigungsterminen gingen und in langen Menschenschlangen anstanden – sie kamen nicht an die Reihe. Vertröstende Worte wie Ich hab´ mir Ihre Namen notiert oder Geben Sie mir Ihre Handynummer, ich rufe Sie zurück hatten sie zu Hauf gehört. Bitternis machte sich breit. Sie gehörten nicht zur gesuchten Klientel.
Lag es an Antons tiefliegenden schwarzen Augen, dem markanten Habichtgesicht, dem Schnauzbart? Oder an Simonas langem schwarzen Haar und ihrer Vorliebe für bunte Kleider? An Oma Valentinas Kopftuch? An den Kindern?
Zigeuner, hatte Simona es bei einer Besichtigung tuscheln gehört, das sind Zigeuner.
Nein, wir sind Deutsche aus Deutschland. Schwaben aus dem Schwabenland, hatte sie richtigstellen wollen, und es nicht getan. Diese Standhaftigkeit hatte sie nicht besessen.
Dann die Hiobsbotschaft: Kündigung. Der Vermieter der Bruchbude hatte ihnen auf ersten Juli gekündigt. Telefonisch.
*
Der Mann schaute in den Spiegel und prüfte mit der Hand, ob die Rasur perfekt war. Die Nassrasur, versteht sich, denn ein Trockenrasierer reichte an die Gründlichkeit einer Messerklinge nicht heran. Auf diesen Unterschied legte er Wert.
Er stellte die Schaumdose hin, wo sie hingehörte, spülte den Rasierer ab und legte ihn akkurat an seinen Platz. Stopp, ein bisschen weiter nach rechts. So, jetzt war es gut.
In seiner Wohnung in Eckenwiesen befand sich immer alles, wo es hingehörte. Nichts lag oder stand auch nur ansatzweise so herum. Auch nicht versehentlich. Eine Ordnung musste sein. Im Kleiderschrank das gleiche Bild. Hemd auf Hemd, Jacke an Jacke, Socke neben Socke. Und sauber. Sauber musste es sein. Gewaschen, gebügelt, geputzt. Schuh an Schuh. Die Stahloberfläche der Küche glänzte wie neu. Die Teppiche gesaugt, die Böden gewienert. Die Bilder an den Wänden, Kunstdrucke mit Sonnenblumenmotiven von Van Gogh, hingen als Alibigeber für einen Kunstdesinteressierten in exakt gleicher Höhe. Unnötiger Krimskrams, Staubfänger in seinen Augen, suchte man vergebens, bis auf zwei Kopfkissen mit Handkantenknick auf dem Sofa. In der ganzen Wohnung fand sich kein einziger Gegenstand, der auf den Bewohner irgendwelche Rückschlüsse zuließ. Die Ordnung war´s, die ihn ausmachte. Er war die Ordnung.
Der Schreibtisch ein Musterbeispiel. Laptop in der Mitte, Kugelschreiber und Bleistifte streng voneinander getrennt und der Länge nach sortiert. Es gab zwei Ablagefächer. Eins für eingehende, eins für ausgehende Post. Davor der Brieföffner. Linkerhand der Locher und der Hefter. Obendrüber Briefpapier und Briefumschläge verschiedener Formate. Büroklammern in der Schublade nach Größe geordnet. Aber kein Indiz dafür, dass die Gegenstände auch benutzt wurden.
Emil Scheffel hieß der Mann. Frühpensionierter Buchhalter der alten Schule. Frühpension, weil er sich glaubhaft dumm genug angestellt hatte, sich auf neue Datenverarbeitungsmaschinen und -systeme umzustellen. Diesen angeblichen Fortschritt hatte er nicht mitgemacht. Nicht mitmachen wollen. Erfolgreich, aus seiner Sicht, obwohl er privat einen Computer benutzte.
Er besaß die Konturen eines Schleifsteins. Langer Oberkörper, kurze Beine, hängende Schultern, keinen sichtbaren Hals und einen runden Kopf. Er war ein Mann ohne Kanten. War er schon immer gewesen. Selbst auf Fotos aus seiner Kinder- und Jugendzeit von den Fußballmannschaften, in denen er gespielt hatte, wirkte er, als sei dort, wo er auf den Bildern eigentlich zu sehen sein müsste, ein Loch im Fotopapier.
Emil war nie verheiratet gewesen. Er hatte nie das Verlangen nach einer Frau gehabt. Im Übrigen auch nicht nach einem Mann. Er hatte keine Freunde und keinen sozialen Umgang. Er trug weder Jeans noch T-Shirts, sondern stets gebügelte Hemden und Hosen. Seine ausgeprägteste Charaktereigenschaft war der verinnerlichte und gelebte Geiz. Das hieß nicht, dass er mit dem Arsch auf dem Geld saß. Er war ständig bestrebt, es zu vermehren. Womit er sich tagein tagaus beschäftigte, waren zum einen die gewährten Kredite an Menschen in Not, und die pünktlichen Rückzahlungen der ausgehandelten Raten mit Zinsen, zum anderen die Kurse der Aktien, von denen er einige gekauft hatte.
Im direkten Zusammenhang mit den Krediten stand sein täglicher Besuch in der Kneipe Schwarzer Kater in Hochburg, wo in einer Ecke ein Zweier-Tisch mit Sichtverbindung zur Theke ausschließlich für ihn reserviert war. Von seiner Wohnung in Eckenwiesen nach Hochburg war es nur ein Katzensprung, den er, wie könnte es anders sein, mit einem unauffälligen Mercedes zurücklegte.
Der eingeweihte Wirt des Schwarzer Kater verwies Leute, die unbürokratisch schnelles Geld brauchten, per Augensprache an den unscheinbar aussehenden Mann in der Ecke. An Emil. Der benötigte nicht mehr als eine Stunde täglich von siebzehn bis achtzehn Uhr, außer sonntags, für seine Geschäfte rund um das Geld, das er verlieh oder zurückverlangte. Ganz ohne Werbung für sich gemacht zu haben, war der Schwarzer Kater als Anlaufstelle für diskrete Geschäfte ohne Bonitätsprüfung bekannt.
Ein Halsabschneider war er nicht. Er verlangte moderate Zinsen. Es machte für ihn keinen Sinn, einen Bittsteller mit absurd hohen Zinsforderungen zu knebeln, wissend, dass derjenige die Schuld nie würde begleichen können. Aber Emil ließ auch nicht mit sich feilschen, weshalb er seine Bedingungen vor einem Abschluss wiederholt erklärte und nachhakte, ob der Kunde überhaupt in der Lage sein würde, die Forderungen zu bedienen. Hegte Emil Zweifel, nahm er von einem Geschäft lieber Abstand, denn zu verschenken hatte er nichts.
Er hatte die Webers nicht gedrängt, in das … Haus dort am Ortsrand einzuziehen. Emil wusste im Grunde selbst, dass es eine Zumutung war, jemanden dort wohnen zu lassen, aber hätte er die Familie auf der Straße sitzen lassen sollen? Etwas anderes war zu jener Zeit auf dem Wohnungsmarkt nicht verfügbar gewesen und die Leute hatten dringend ein Dach über dem Kopf gebraucht. War es nicht so gewesen, dass sie ihn förmlich auf den Knien darum gebeten hatten, ihnen das Haus zu vermieten? Das hatte letztlich den Ausschlag gegeben. Dass sie nach fast zwei Jahren noch immer dort hausten, war von vornherein nicht geplant gewesen. Aber die Zeit war ein Dieb, und der Mensch war ein Gewohnheitstier, und manchmal arrangierte man sich mit dem Schicksal, auch wenn es einem nicht gefiel.
Emils Vater war Erdbeer-, Spargel- und Weinbauer gewesen und hatte in den Achtzigern des vergangenen Jahrhunderts auf dem Brachgelände am Rande Gengenbachs, das ihm gehörte, das Haus für die Erntehelfer errichtet, inklusive Strom- und Wasseranschluss. Niemand hatte jemals danach gefragt, ob die Unterkunft rechtmäßig erbaut worden war und den Baubestimmungen entsprach. So war es nach dem Tod seines Vaters an Emil gefallen. Lange war der Bau leer gestanden, bis vor zwei Jahren der Rumäne mit seiner Bitte an ihn herangetreten war.
Irgendeinem Sesselpupser des Landratsamts musste das Haus auf dem Brachland aufgefallen sein. Vielleicht, weil er täglich mit der S-Bahn an ihm vorbei zur Arbeit und wieder nach Hause fuhr und es ihm ein Dorn im Auge war. Vielleicht hatte er sich, um Meriten zu verdienen, durch alte Akten gewühlt und festgestellt, dass für das Haus überhaupt keine Baugenehmigung vorlag. So mochte der Stein ins Rollen gebracht worden sein. Vielleicht.
Denn nun mussten die Webers das Haus räumen. Auf Anordnung des Landratsamts. Wohl oder übel, und es war nicht Emils Schuld, weswegen er ihnen die Kündigung aussprechen musste. Nicht seine Schuld, wie er sich mantraartig selbst belog, bis auf die Tatsache, dass er der Familie die Hütte wegen des Verfügungsrechts des Landratsamts und diverser Baubestimmungen erst gar nicht hätte vermieten dürfen. Ja, nach Vaters Tod nicht hätte stehen lassen dürfen. Aber in der sicheren Annahme, dass die Mühlen der Behörden für allfällige Entscheidungen oft jahrelang brauchten, hatte er es dennoch getan. Das war dann, zugegebenermaßen, irgendwie dumm gelaufen. Aber das sollte nicht Emils Problem sein.
Edgar verstand das Wetter nicht mehr. Gestern noch kalt, und heute frühlingshaft warm. Gut, es war kalendarischer Frühlingsanfang, doch die Unterschiede waren krass. Sogar Müller und Lydia schien es aufs Gemüt zu schlagen. Sie wirkten unlustig, selbst als Edgar auf ihre Lieblingsstrecke zusteuerte: Die mit den Abwasserrohren, durch die sich so schaurig hohl bellen ließ.
Sind Hunde wetterfühlig?, fragte er sich und versuchte die Vierbeiner durch Stöckchenwürfe zu animieren. Auf seiner Frage blieb er derweil sitzen, denn Müller und Lydia beantworteten sie nicht.
Er war ein totaler Familienmensch geworden. Von der Zeit, in der er noch aktiver Polizist gewesen und von den Kollegen mit einigem Respekt als der Einsame tituliert worden war, lag er gefühlte Lichtjahre entfernt. Den Mann von damals gab es nicht mehr. Dennoch gehörte die erste wache Stunde des Tages den Hunden – und ihm allein. Nur manchmal wurde er morgens früh von Melanie begleitet, was eine ganz andere Qualität für ihn darstellte. Doch meistens war er allein.
Dabei passierte es ziemlich oft, dass er über eine Sinnfrage stolperte. Diese konnte weltpolitischer Natur, aber auch regionaler oder gesellschaftlicher Couleur sein. Selbst vor banalen Themen schreckte er nicht zurück. So wie heute: Wieso, fragte er sich, kleben seit neuestem Etiketten auf Bananen, Äpfeln, Birnen, Kiwis und Zitronen? Und zwar auf jedem einzelnen Stück?
Die Frage entsprang dem Ärger, den er morgendlich verspürte, wenn er die Zutaten für sein Müsli schnippelte. Er kriegte die Etiketten kaum ab, insbesondere bei Äpfeln und Bananen, und wegmachen musste er sie, wollte er die Aufkleber später nicht im Kompost haben. Und dann blieb noch zu klären, ob die Klebstoffe an den Etiketten giftig waren oder nicht. Blieben da nicht Reste des Klebers an den Obstschalen hängen? Haben wir demnächst neben Mikroplastik auch noch Klebstoff im Blut, im Körper? Im Zuge dieser Gedanken stellte er sich ein Jobinserat der obstverarbeitenden Betriebe vor: Etikettenkleber gesucht, (mwd), ganztags auf Minijobbasis. Oder so ähnlich.
Edgar nahm sich vor, Melanie oder Gerti zu fragen, woher sie das Obst bezogen. Vom Supermarkt oder vom Biohof? Sie waren diejenigen, die für die Einkäufe sorgten. Nicht, dass er es nicht könnte, aber Gerti ließ sich da nur ungern ins Handwerk pfuschen, und im Grunde ging er einer Diskussion mit einer spitzzüngigen Gerti lieber aus dem Weg. Aber auf Alternativen werde ich doch wohl hinweisen dürfen, dachte er und pfiff den Hunden. Ja, es war ein Auf und ein Ab mit dem Wetter und Müller und Lydia schienen es ähnlich zu empfinden. Den Heimweg jedenfalls stürmten sie Edgar weit voraus.
Melanie indes schmiedete Pläne, wie sie der Galerie im Keller des Türmchenhauses eine Art Renaissance angedeihen lassen könnte. Es wäre zu schade, wenn der herrliche Gewölbekeller aus dem Bewusstsein der Gengenbacher Öffentlichkeit geriete. Denn gerade um sie wollte Melanie werben. Um Gengenbachs Bürgerinnen und Bürger. Die nämlich sollten die Aussteller sein.
Ihr schwebte vor, per Zeitungsinserat um Kunstwerke zu bitten, die sich in privatem Besitz befinden. Egal ob bildhauerische oder gemalte Werke, ob aus eigenhändiger Produktion oder irgendwie erworbene oder geerbte. Eine Kommission querbeet aus der Gengenbacher Gesellschaft, die noch zu bilden wäre, würde darüber entscheiden, welche der angebotenen Werke in Melanies Galerie ausgestellt werden sollten. So es denn überhaupt zu mehr Angeboten käme als verfügbare Ausstellungfläche vorhanden war.
Je länger sie sich mit der Idee befasste, desto besser gefiel sie ihr. Im Geiste sah sie bereits die Schätze, die aus den Wohnzimmern und Speichern der Bevölkerung in ihrer Galerie ans Licht kämen. Und sie hatte sich auch schon auf eine Kopfzeile für das Inserat festgelegt: Gengenbach zeigt Kunst.
Insgeheim freute sie sich auf Edgars Gesicht, wenn sie ihm den Plan vorstellte. Denn bislang wusste er noch nichts von ihrem Projekt. Und sie freute sich, für die Eröffnung der Vernissage Peter Seibelt als Gitarrist zu gewinnen. Doch, doch, Melanie besaß ein ausgezeichnetes Gespür dafür, was bei den Leuten ankam.
Jedes Mal, wenn die Ladentürglocke bimmelte, zuckte Uli zusammen. Eigentlich sollte er froh sein, sie zu hören, denn normalerweise kündigte die Glocke einen Kunden oder eine Kundin an, die sein Ladengeschäft betrat. Wenn da nur nicht diese Frist wäre. Die letzte Frist. Die Ultimative.
Achtunddreißig Jahre alt, nur eins neunundsechzig groß, und ein Oberkörper wie ein Preisboxer – irgendwie wollte die Figur nicht so recht in den Laden passen. Der trapezförmige Hals war so breit wie der kahlrasierte Kopf. Die Oberarme so dick wie manches Mannes Oberschenkel. Als Eisenflechter benötigte er keine Hanteln, um Muskeln aufzubauen. Dagegen war er von der Hüfte abwärts geradezu unterentwickelt.
Die Glocke, wenn er es ehrlich betrachtete, bimmelte viel zu selten. Dabei hatte er geglaubt, dass die Lage des Geschäfts optimaler nicht sein könnte. Innenstadt, Fußgängerzone, in der Nähe von zwei Schulen, dazu die Gewerbeschule nur ein Steinwurf entfernt – sein Laden müsste brummen. Es zog so viel Publikum an seinem Fenster vorbei. Aber das war es eben: Vorbei.
Was war los mit den jungen Leuten? Er sah sie doch alle mit Ohrstöpseln herumlaufen. Die hörten doch Musik. Musik, oder? Über Kopfhörer. Warum betraten sie dann seinen Laden nicht, der vor Musik ohne Ende aus allen Nähten platzte?
Langspielplatten noch und nöcher, zig Regalmeter Vinyl aus allen Jahrzehnten, seit Buddy Holly den Planeten betreten, und leider viel zu früh verlassen hatte.
Oder die Altachtundsechziger. Warum standen sie bei ihm nicht Schlange, wo er doch jeden Musikwunsch aus jener Zeit erfüllen konnte? Iron Butterfly, Jefferson Airplane, John McLaughlin, Amon Düül, Guru Guru, Tangerine Dream … all das schöne gute alte Zeug. Hatten die all ihre Idole für die rausch- und knisterfreie digitale Technik eingetauscht?
Ein eigener Laden war schon immer Ulis Traum gewesen. Nicht einfach nur ein Laden. Dieser Laden war sein Traum. Weg von den Flohmärkten, die nur an Wochenenden stattfanden. Weg von der Wetterabhängigkeit. Weg vom wöchentlichen Kampf um einen Stellplatz. Schluss mit der ständigen Aus- und Einpackerei. Ein Ort, eine Straße, eine Hausnummer hatte er haben wollen.
Dann war es passiert. Einer der Dutzend Barber-Shops in der Stadt hatte zugemacht. Innenstadt, Fußgängerzone, Brauereigasse. Das Zeichen, auf das er gewartet hatte. Der Laden war frei geworden. Sein Laden!
Der Besitzer? Schild an der Tür. Eine Scheiß-Immobiliengesellschaft. Eine Firma ohne Sinn für das, was einer Stadt wie Hochburg gut tun würde. Eine Firma ohne Fantasie. Für sie zählten Quadratmeter, umbauter Raum, Premiumlage, Kapitaloptimierung.
Uli ergatterte trotzdem einen Termin. Eingang oberste Etage, Glaspalast. Stellte sich vor. Ein Plattenladen. Also Vinyl. Oldies, na Sie wissen schon.
Kaution? Aber hallo! Miete? Ja verreck´!
Ausgang untere Etage.
Aus der Traum.
Nach einem Vierteljahr war ein Döner eingezogen; an den Fingern abgezählt der achte Dönerladen in der Stadt, und Uli hatte sich gefragt, warum der und nicht er? Aber zwei Überfälle später, ausgeführt nach Mafia-Art, war der Döner wieder geschlossen, und es hatte erneut ein Schild an der Tür gehangen. Gleiche Immobiliengesellschaft zu gleichen Bedingungen. Das hatte Uli für ein Zeichen gehalten.
Kaution? Zehntausend. Miete? Zweitausendfünfhundert. Im Voraus.
Uli hatte unterschrieben, weil er die Zusage für das Geld schon in der Tasche hatte.
Ein Typ im Schwarzer Kater, Sorte Spießbürger mit Kalter-Fisch-Syndrom, hatte Ulis Geschäftsmodell für unterstützenswert angesehen und ihm sogleich einen Finanzierungsplan mitgegeben. In diesem Fall keine Raten, sondern Zahlungsziel der Gesamtsumme in einem Jahr mit Zinsen.
Fünfundzwanzigtausend Euro hatte Uli für die Kaution und sechs Monatsmieten Cash erhalten. Das Zahlungsziel inklusive zehn Prozent Zinsen waren Siebenundzwanzigtausendfünfhundert. Die Frist war vor drei Tagen ausgelaufen und vor drei Tagen wäre das Geld fällig gewesen. Uli hatte bei dem Kredithai im Schwarzer Kater um drei Tage Schonfrist gebeten. Heute war also Ultimatum. Noch vor dem Mittag. Drei Stunden noch in etwa. Und Uli hatte das Geld nicht beisammen.
Für diesen Laden hatte er alles gewagt: Die Wohnung gekündigt und die Arbeit als Eisenflechter bei einer Baufirma aufgegeben. In zweien der drei Rückräume richtete er ein kombiniertes Wohn-Schlafzimmer und eine Miniküche ein. Ein kleiner Duschraum mit WC gehörte zum Inventar. Das dritte Zimmer im direkten Anschluss an den Verkaufsraum nutzte er als Büro. Es existierte ein schmaler Flur mit Zugang zu den Kellerräumen und mit Ausgang zum Hinterhof, wo er seinen alten Opel Meriva parken konnte. Die Zufahrt zum Hinterhof war allerdings nur über die Parallelstraße zur Brauereigasse möglich. Doch das störte Uli nicht.
Die jetzige spartanische Wohnsituation war hinsichtlich einer Beziehung zwar ziemlich ungeeignet, aber momentan tat sich in dieser Richtung sowieso nichts, und für ihn allein war sie völlig ausreichend. Eigentlich konnte es besser nicht sein. Aber …
Die Ladentürglocke bimmelte. Uli zuckte zusammen.
Schreck oder Erleichterung?
Verwirrung!
Es war nicht der, den er erwartet hatte. Nicht der Mann aus dem Schwarzer Kater. Es war aber auch noch längst nicht Mittag. Warum bloß war er dann so nervös?
Ein Kunde war es gleichwohl nicht. Kunden trugen für gewöhnlich keine Motorradmaske, und sie hielten auch keine Waffe in der Hand.
„Kasse!“, sagte der Typ mit heiserer Stimme und hielt den Lauf der Pistole auf Uli gerichtet.
Uli schüttelte langsam den Kopf. „Du fehlst mir gerade noch“, entgegnete er völlig angstfrei. „Hier gibt´s nichts zu holen.“
Der Pistolenlauf wanderte ein Stückchen zur Seite. Dann drückte der Kerl ab. Es knallte gewaltig und stank beißend nach verbranntem Pulver. „Kasse! Geld! Dalli, dalli! Oder du bist tot.“ Der Ton wurde aggressiver.
Uli ließ sich nicht einschüchtern. Er bückte sich hinter den Ladentresen und tauchte mit einem Eisenrohr wieder auf. „Pass´ mal auf, du Arsch. Wenn du glaubst, du kannst mir mit deiner Knarre Angst einjagen, dann hast du dich geschnitten.“ Dann holte er aus uns schlug zu. Heftig. Mitten auf den Kopf. Und noch einmal. Auf den Kopf.
Der Maskenmann sackte wie vom Blitz getroffen zusammen. Die Pistole polterte auf den Boden unter ein Regal.
„Idiot“, zischte Uli, ging um den Kassentisch herum und klaubte zuerst die Waffe auf. Einer ersten Einschätzung nach handelte es sich um eine alte halbautomatische Pistole Walther P 1. Dann beugte er sich über den Mann und zog ihm mit einem Ruck die Maske vom Kopf. Blut rann seitlich von der Stirn des Mannes in den Haaransatz über dem Ohr. Es war kein ganz junger Kerl mehr, der vor ihm lag. Etwa um die Dreißig. Struppiges braunes Haar, Dreitagebart. Jeans, Jacke und Sneakers Billigware.
Uli stieß ihn mit dem Fuß an. „Hey, wach´ auf, du Penner!“
Eine Jacke anzuziehen hätte er sich heute sparen können. Gegenüber gestern war es noch einmal eine Spur wärmer geworden. Wolken hingen am Himmel. Und was Emil so gar nicht leiden mochte, war diese Luft, die im Hals wie Schmirgelpapier kratzte, und zwischen den Zähnen knirschte. Als er vor ungefähr einer halben Stunde in sein Auto gestiegen war, hatte er den Beleg: Saharastaub auf Karosserie und Windschutzscheibe.
Emil atmete enttäuscht aus. Sollte er sich in der Beurteilung des jungen Mannes geirrt haben? Damals, vor einem Jahr, als er ihm den Kredit gewährt hatte? Obwohl, mit annähernd vierzig Jahren war einer nicht mehr so jung, bedachte Emil.
Er hatte durchaus einen guten Eindruck bei ihm hinterlassen, und das Konzept mit den Schallplatten war ja nicht aus der Welt gegriffen gewesen. Vor drei Tagen jedoch, am Fälligkeitstag der Rückzahlung, waren dann schon erhebliche Zweifel an der Zahlungsfähigkeit des Kunden aufgetaucht. Sein Auftreten im Schwarzer Kater, fahrig und – ja – beinahe panisch, hatte Emil doch stutzig werden lassen.
Drei zusätzliche Tage hatte er ihm gegeben, um die Schuld begleichen zu können. Drei Tage. Und heute war der dritte Tag.
Es war abgemacht, dass Emil das Geld vor der Mittagszeit im Laden abholen sollte. Eine Abmachung, auf die er sich sonst nur selten einließ, denn er liebte es nicht, mit einer hohen Summe durch die Gegend zu spazieren. Er sah es als ein letztes Zugeständnis an diesen Uli Kremer.
So hieß er nämlich: Ulrich Kremer, achtunddreißig Jahre alt, Bauarbeiter von Beruf.
