Schatten über Ashwood - Timea Richter - E-Book

Schatten über Ashwood E-Book

Timea Richter

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Beschreibung

Als Alexander Jenkins, Stabschef des Gouverneurs, spurlos verschwindet, wird FBI-Agentin Mia Sanchez auf den Fall angesetzt. Was als Routineermittlung beginnt, entpuppt sich schnell als Abstieg in ein Netz aus Korruption, Machtmissbrauch und tödlichen Geheimnissen. Mit Hilfe des undurchsichtigen Ex-Agenten Derek Thompson stößt Mia auf eine Verschwörung, die Ashwood City und sie selbst bis ins Mark erschüttern könnte.

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Seitenzahl: 267

Veröffentlichungsjahr: 2025

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SCHATTEN

ÜBER

ASHWOOD

Band 1

…all jenen,

die die Melancholie

meiner oft trüben Welt

kennen,

aber

trotz aller Herausforderungen

versuchen,

ein wenig Farbe

hinein zu zaubern.

Impressum:

2. Auflage Dezember 2025

Texte:

© 2025 Copyright by Timea Richter

Umschlaggestaltung:

© 2025 Copyright by Timea Richter

Bilder/ Grafiken:

© 2025 Copyright by Timea Richter

Timea Richter

c/o Autorenglück #52823

Albert-Einstein-Straße 47

02977 Hoyerswerda

timea.richter@autorenglück.me

Herstellung: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Köpenicker Straße 154a, 10997 Berlin

Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]

Prolog - Im Schatten des Morgens

Der Montagmorgen kündigt sich leise und schwer an. Er wirkt wie ein Gast, den niemand erwartet hat, der jedoch ungefragt im Flur stehenbleibt. Die Welt liegt noch im Dunkeln, kein Hinweis auf Tageslicht am Horizont, nicht einmal die üblichen Geräusche der Stadt wagen sich hervor. Die Dunkelheit steht dicht im Raum, sie hängt an den Wänden, schiebt sich in jede Ecke, füllt jeden Zwischenraum zwischen Möbeln und Gedanken. Dieses Schwarz fühlt sich nicht wie einfache Abwesenheit von Licht an. Es hat Gewicht, es wirkt gedämpft und fast greifbar.

Mia Sanchez liegt ausgestreckt im Bett. Die Decke hüllt sie ein, warm und eng, beinahe wie eine zweite Haut. Die Wärme schenkt Trost, drückt jedoch zugleich schwer auf ihre Glieder. Jeder Muskel wirkt müde, weil die Nacht ihr keine echte Erholung gegönnt hatte. Die wenigen Ruhephasen trugen mehr Unruhe als Frieden in sich, durchzogen von Bildern, Gesprächsfetzen und einem Gefühl, das zwischen Wehmut und Dankbarkeit pendelte. Die letzten zwei Tage waren ein emotionales Kaleidoskop. Viv war zu Besuch gewesen. Diese Wochenenden sind selten geworden, seit das Leben sie auf unterschiedliche Wege geschickt hatte. Trotzdem fühlte es sich an wie ein kurzer Rückzug in eine vertraute Welt. Ein Stück Kindheit, das noch immer existiert. Sie hatten gelacht, bis ihnen die Luft fehlte, hatten Wein geöffnet, ohne den Morgen im Blick zu haben, hatten über Themen gesprochen, die sich im Alltag zu oft hinter Mauern verstecken. Alte Narben, neue Sorgen, Erinnerungen aus einer Zeit, in der sie barfuß durch Hinterhöfe gerannt waren. Viv kennt jede Ecke in Mias Kopf. Diese Vertrautheit trägt durch jedes Gespräch. Es gibt keine Fassade, keine Maske, die gehalten werden muss. Nur ehrliches Teilen, manchmal schmerzhaft, aber immer wertvoll.

Die Traurigkeit regt sich nun wieder in ihr. Sanft, nicht drängend. Der Abschied kam zu früh. Die Zeit mit Viv ist kostbar geworden, ein Gegenpol zu Dienstplänen, Aufträgen und inneren Schlachten. Das Echo ihres Lachens sitzt ihr noch in der Brust. Gleichzeitig entsteht ein leises Wohlgefühl. Viv nimmt selbst kleinste Veränderungen in ihr wahr, und diese Aufmerksamkeit schafft einen Raum, in dem sich Mia ohne Vorbehalte bewegen kann. Ihre Freundschaft trägt Worte und Pausen mit derselben Sicherheit. Ein zarter Hauch von Ruhe legt sich über Mia, wie ein erster Frühlingswindzug. Der Wunsch, einfach liegen zu bleiben, wächst. Einfach ruhen, in der Dunkelheit, ohne Zeit und Erwartung. Kein Denken, kein Entscheiden, kein Funktionieren.

Der Moment zerbricht abrupt. Ein schrilles Klingeln schneidet durch die Stille wie ein klares Messer. Das Telefon reißt sie aus der Ruhe. Der Ton knallt gegen die Dunkelheit, trifft sie so hart, dass sie leicht zusammenzuckt. Sie blinzelt, dreht sich schwerfällig zur Seite. Das Display leuchtet hell auf dem Nachttisch, ein greller Punkt in der Finsternis. Wer ruft um diese Uhrzeit an? Gedanken prallen aufeinander. Wild und ungeordnet. Viv? Ein Notfall? Das Büro? Oder etwas, das sie noch weniger hören möchte? Ihr Herzschlag beschleunigt sich, während ihre Hand nach dem Telefon tastet. Die Kälte des Raumes kriecht durch den Ärmel ihres Shirts, während sie das Gerät ans Ohr hebt. Bevor ein klarer Gedanke Form annehmen kann, nimmt sie den Anruf bereits an. „Sanchez“, meldet sie sich. Die Stimme klingt rau vom Schlaf. „Mia, hier ist Hale. Ich brauche deine Hilfe bei einem Fall. Ein Mann namens Alexander Jenkins, ein Mitarbeiter des Gouverneurs, ist verschwunden. Wir gehen von einer Gefahr aus. Wir benötigen deine diskrete und effiziente Arbeit. Bist du bereit, den Fall zu übernehmen?“ Die Kälte in seiner Stimme trifft sie unmittelbar. Das ist kein beiläufiger Anruf. Da steckt Dringlichkeit dahinter.

Mia richtet sich auf, reibt sich die Stirn, versucht den Schleier der Nacht zu lüften. Das Wochenende mit Viv war laut gewesen. Schön, befreiend, doch keine ideale Vorbereitung auf einen klaren Kopf. „Ja, Chef. Ich bin unterwegs“, sagt sie schließlich. Die Stimme gewinnt an Festigkeit, geformt durch Routine. Der Schleier der Müdigkeit liegt weiterhin auf ihr, sie zwingt sich jedoch zur Aufmerksamkeit.

Sie schwingt sich aus dem Bett. Die Decke gleitet zur Seite, und sofort schlägt ihr die Kühle entgegen. Ihre Füße finden den Boden, und ein kurzer Windzug aus Erschöpfung zieht durch ihre Muskeln. Ein Teil von ihr würde sich gern wieder fallen lassen. Doch der Zeitpunkt für Ausreden ist vorbei. Der Dienst ruft. Wenn Hale persönlich anruft, bedeutet das wenig Gutes. Während sie sich streckt und die Schultern kreisen lässt, tastet sie nach ihrer Kleidung. Jeans, ein schlichtes T-Shirt, die robuste Lederjacke, die sie im Einsatz bevorzugt. Ihre Gedanken beginnen zu kreisen, wie der Lichtkegel einer Taschenlampe in einem dunklen Wald. „Gut, Mia. Ich erwarte dich in einer Stunde im Büro“, ertönt Hales Stimme erneut. „Wir haben wenig Zeit. Jenkins’ Verschwinden könnte mit den Vorfällen im Gouverneursbüro zusammenhängen. Wir müssen vorsichtig vorgehen.“

Die Information setzt sich sofort fest. Im Umfeld des Gouverneurs gibt es Unruhe, und das reicht, um ihre Müdigkeit zu verdrängen. Hale spricht solche Dinge nur an, wenn dahinter ein größeres Problem schlummert. Ein Schauer läuft ihr über den Rücken. Der Verstand setzt ein, schneller und fokussierter. War Jenkins nur ein Spielstein? Hat er etwas gesehen, das gefährlich war? Etwas, das jemand begraben möchte? Ihr Bauchgefühl sendet Warnsignale. Dieser Fall wird kein Standardbericht. Nicht einmal annähernd. Das könnte ein Skandal sein, der Machtstrukturen ins Wanken bringt. Vielleicht ist Jenkins der erste Stein einer Kette, die Ashwood City öffentlich erschüttern wird. Sie atmet tief ein. Klarer denken. Keine Panik. Keine vorschnellen Schlüsse. Der Fokus liegt auf dem ersten Schritt. Den Fall übernehmen. Die Lage erfassen. Die Spur aufnehmen.

Zwischen Blut, Benzin und Vertrauen

Noch bevor ich einen Schritt mache, denke ich an den Moment, an dem alles begann. Die Basis jeder Entscheidung liegt in diesem einen Wendepunkt. Vor acht Jahren, kaum dass ich mein Kriminologie-Studium abgeschlossen hatte, trat Ryan Hale in mein Leben. Er war nicht nur ein FBI-Agent. Er war mein Wegweiser in eine Welt, die ich bis dahin nur aus Büchern und Theorien kannte.

Ich erinnere mich noch genau an den Tag, als ich aus dem Hörsaal trat und seine Nachricht auf meinem Handy las. Damals war er noch Senior Special Agent, berüchtigt für seine unerschrockenen Einsätze gegen organisierte Kriminalität und aktuell mitten in den Ermittlungen zur Zerschlagung eines skrupellosen Menschenhändlerrings. Dass ausgerechnet er mich, eine frisch gebackene Absolventin, rekrutierte, schien mir damals fast unwirklich. Schon während seiner Gastvorträge an der Uni hatte mich seine Art fasziniert. Diese ruhige Autorität, gepaart mit einer Leidenschaft, die jeder im Raum spüren konnte. Er sprach nicht über Fälle. Er lebte sie. Seine Augen funkelten, wenn er Zusammenhänge erklärte, Täterprofile analysierte oder ethische Dilemmata zur Diskussion stellte. Ich hing an seinen Worten, nahm jedes Detail auf wie ein Schwamm, und irgendwo tief in mir wusste ich: Ich wollte genau dahin, wo er war. Als er mir schließlich anbot, ihn bei den Ermittlungen zu unterstützen, zögerte ich keinen Moment. Ich wusste, das war mehr als nur ein Einstieg ins Berufsleben. Es war ein Sprung ins kalte Wasser, direkt hinein in die Realität, mit all ihren Grauzonen. Es war der Anfang einer Partnerschaft, die mich prägte wie keine andere.

Unter seiner Anleitung lernte ich nicht nur, wie man ein Verbrechen aufklärt, sondern auch, wie man im Angesicht des Grauens einen kühlen Kopf bewahrt, wie man dem Bösen standhält, ohne selbst daran zu zerbrechen. Mit den Jahren wurde ich sicherer, schärfte meinen Instinkt, verfeinerte meine Methoden. Gemeinsam deckten wir Netzwerke auf, brachten Täter zur Strecke, gaben Opfern ihre Stimmen zurück. Es waren nicht immer saubere Siege. Manche kosteten uns Nächte voller Schlaf, andere hinterließen Narben, die man nicht sah. Aber wir blieben dran. Immer. Seite an Seite. Heute ist Ryan Hale der Special Agent in Charge des FBI Field Offices in Ashwood City. Dies ist ein Titel, der Respekt verlangt, selbst in unseren Reihen. Für mich aber ist er weit mehr als ein Vorgesetzter. Er ist mein Mentor, mein Vertrauter, jemand, der an mich geglaubt hat, lange bevor ich es selbst tat. Ich verdanke ihm nicht nur meinen Platz beim FBI, sondern auch die Überzeugung, dass man in dieser Welt etwas verändern kann. Schritt für Schritt. Fall für Fall.

Der Rückblick verliert seine Farben und sinkt in die Tiefe meines Bewusstseins. Der heutige Morgen gewinnt Raum. Ich richte mich auf und umklammere meinen Kaffeebecher, der noch warm in meiner Hand liegt. Der aufsteigende Dampf kräuselt sich wie ein flüchtiger Gedanke in der kalten Morgenluft und vermischt sich mit dem Hauch von Benzin, der bereits in der Luft liegt. Mit einem leisen Seufzen lasse ich mich in den Sitz meines alten Ford Mustangs sinken. Der Lack, einst leuchtend rot, wirkt in der Morgendämmerung gedämpft wie eine verblasste Erinnerung. Dieses Auto ist ein Erbstück meines Vaters. Keine moderne Maschine, kein perfekter Neuwagen, eher ein stählerner Zeitzeuge, durchzogen von Geschichte und Herzblut. Als die Fahrertür zufällt, steigt mir der vertraute Duft von altem Leder, warmem Öl und rostigem Metall in die Nase. Ein Geruch, der sich anfühlt wie ein Schlüssel zu all den Momenten, die mich geprägt haben. Mein Blick fällt auf das abgenutzte Lenkrad. Jede Rille erzählt von Berührungen, die nicht meine waren. Ich sehe vor mir die Hände meines Vaters. Hände, die hart arbeiteten und gleichzeitig mit einer Ruhe führten, die ich bis heute bewundere und auch vermisse. Er war Marine. Pflichtbewusst, präsent, selbst dann, wenn er tausende Meilen entfernt auf einem Schiff stand und in Ländern stationiert war, die ich als Kind nicht einmal aussprechen konnte. Kam er nach Hause, veränderte sich die Welt für einen Atemzug. Dann gehörte die Zeit uns und oft auch diesem Wagen. Im Schatten der Motorhaube hat er mir mehr beigebracht als jedes Klassenzimmer. Geduld. Durchhalten. Den Mut, auch dann weiterzumachen, wenn etwas klemmt oder schiefgeht. Wir haben geschraubt, gelacht, gestritten und wieder geschwiegen. Er zeigte mir, wie man einen Motor nicht nur repariert, sondern versteht. Er sprach wenig, doch seine Gesten waren eindeutiger als jedes Wort. Eine Hand auf meiner Schulter, wenn ich Fehler machte. Ein kurzer, warmer Blick, wenn ich etwas begriff. Seine Stärke war still. Sie hallt in diesem Auto nach, in jedem Knarzen und in jedem Atemzug. Manchmal lege ich während der Fahrt die Hand auf den leeren Beifahrersitz. Ein Reflex. Ein Wunsch. Eine Erinnerung an ein Mädchen, das glaubte, die Welt sei sicher, solange ihr Vater am Steuer sitzt. In manchen Momenten höre ich seine Stimme. Rau, warm, voll Leben. Er erzählte Geschichten, die mehr waren als Anekdoten. Es waren Lektionen über Verantwortung, Mut und Liebe. Nicht übertrieben, nicht pathetisch, sondern echt. Dieser Mustang ist kein Fahrzeug. Er ist ein Stück Kindheit. Ein stiller Raum, in dem die Zeit stehen bleibt, wenn der Motor aufbrüllt und die Vibrationen durch meinen Körper laufen. Manchmal fühlt es sich an, als würde mein Vater in diesen Schwingungen weiteratmen. Als wäre er mit mir unterwegs, sobald der Zündschlüssel dreht und der V8 sein tiefes, raues Lied singt.

Ich starte den Wagen. Der Motor erwacht mit einem Grollen, das sich anfühlt wie ein Herzschlag aus Metall und Erinnerung. Die Vibrationen durchziehen meinen Rücken, mischen sich mit einem schmerzhaften Gefühl von Verlust und einem stillen Stolz, der mich begleitet, seit ich denken kann. Ich bin wieder das Mädchen auf dem Beifahrersitz, das aus dem Fenster sieht, während der Mann am Lenkrad schweigend für sie die Welt zusammenhält. Der Mustang ist meine Brücke. Er verbindet das, was war, mit allem, was noch kommt. Und solange ich hinter diesem Steuer sitze, fährt mein Vater mit mir.

Die Schatten der Nacht liegen noch schwer auf den Gebäuden, das frühe Licht tastet sich erst vorsichtig über die Fassaden. Mein Blick konzentriert sich auf die Straße, aber mein Geist driftet immer wieder ab. Zurück zu dem Anruf, der diesen Morgen jäh unterbrochen hat. Die Worte hallen nach, schwer und beunruhigend. Alexander Jenkins ist verschwunden. Der Name, kaum ausgesprochen, entfaltet in meinem Kopf ein leises Echo. Kein lautes Aufhorchen, sondern ein sachter Widerhall, der sich wie eine vage Erinnerung durch die Schatten meiner Gedanken tastet. Zunächst ist da nur ein undeutliches Bild, verschwommen wie durch beschlagenes Glas gesehen. Doch mit jedem Atemzug wird es klarer, schärfer, als würde mein Verstand langsam das Archiv meiner Erinnerungen durchblättern und nach jenem einen, unscheinbaren Moment suchen, in dem sich unsere Wege kreuzten.

Ich erinnere mich. Es war eine dieser überinszenierten politischen Veranstaltungen, bei denen glänzende Weingläser und gezwungene Lächeln mehr zählten als ehrliche Worte. Menschen in maßgeschneiderten Anzügen, die ihre Stimmen erhoben, um zu beeindrucken, während ihre Augen unruhig durch den Raum wanderten, als seien sie stets auf der Suche nach der nächsten Gelegenheit, dem nächsten Kontakt, dem nächsten Vorteil. Und mittendrin: Alexander Jenkins. Er war anders. Kein Lautsprecher, keiner, der die Bühne suchte oder sich in den Vordergrund drängte. Seine Anwesenheit war leise, unauffällig, und doch so präsent, dass sie hängen blieb. Da war etwas in seinem Blick, in seiner Haltung. Eine zurückhaltende Entschlossenheit, eine stille Souveränität, die tief unter der Oberfläche zu glimmen schien. Er sprach wenig, aber wenn er etwas sagte, dann hatte es Gewicht. Ich erinnere mich an seinen festen Händedruck, seine ruhige Stimme, die nie zögerte, und an dieses Gefühl, dass er mehr wusste, als er preisgab. Nun ist er weg. Einfach so. Keine Spur, kein Lebenszeichen. Als hätte ihn die Stadt verschluckt. Es ist dieses beunruhigende Schweigen um sein Verschwinden, das mich nicht loslässt, wie ein kalter Windhauch im Nacken, den man nicht sieht, aber spürt. Bisher kam nichts in den Nachrichten. Die Medien scheinen noch nichts über den Vermisstenfall zu wissen. Doch, was ist passiert? Hat er etwas entdeckt, das ihm zum Verhängnis wurde? Ist er einem Spiel auf die Schliche gekommen, das größer ist als alles, was wir bisher kannten? Oder war es einfach nur Pech, ein unglücklicher Zufall im falschen Moment? Diese Fragen setzen sich fest in meinem Innersten, graben sich mit scharfen Krallen in mein Denken, lassen mich nicht mehr los. Ich kenne dieses Gefühl. Dieses leise Dröhnen im Bauch, wenn etwas nicht stimmt. Diese unruhige Ahnung, dass unter der glänzenden Fassade der Stadt etwas lauert. Etwas Altes, Mächtiges, das sich dem Licht entzieht. Ich spüre es wie einen Sog. Und ich weiß: Dies wird kein gewöhnlicher Fall. Dies ist der Anfang von etwas Größerem. Etwas Dunklem. Und dann ist da der Gouverneur. Ich traue Harrison Green nicht. Das habe ich nie. Schon beim ersten Händedruck, diesem kühlen, beinahe antiseptischen Kontakt, ging eine leise Alarmglocke in mir los. Er ist der Typ Mensch, der ständig mit einem perfekten, kontrollierten Lächeln auf den Lippen herumläuft. Kein warmer, ehrlicher Ausdruck von Freude. Es wirkte immer wie eine sorgfältig einstudierte Mimik, die genau dosiert, wie viel Nähe er zulässt. Es ist dieses Lächeln, das nie die Augen erreicht. Diese glatt polierte Fassade, hinter der sich etwas reglos Kaltes verbirgt. Wenn ich an ihn denke, zieht sich in mir etwas zusammen. Da ist ein inneres Misstrauen, das ich nicht abschütteln kann. Es kriecht unter meine Haut, jedes Mal, wenn ich seine Stimme im Fernsehen höre oder ein Foto von ihm in der Zeitung sehe. Je länger ich mich mit ihm befasse, desto stärker wird dieses nagende Gefühl. Es ist, als würde etwas an seiner Erscheinung falsch flimmern, wie ein Bild auf einem Bildschirm, das kurz flackert und einen Blick auf das dahinterliegende System erlaubt. Seit seinem Amtsantritt ist Ashwood City nicht mehr dasselbe. Die Kriminalität ist nicht nur gestiegen, sie hat sich wie ein bösartiges Geschwür ausgebreitet. Schnell, lautlos, und vor allem: systematisch. Es ist, als ob die dunklen Ecken der Stadt plötzlich mutiger geworden wären. Und dieser Wandel kam nicht allmählich. Nein, er kam mit dem Regierungswechsel. Mit ihm. Das kann kein Zufall sein. Es ist, als ob der Gouverneur nicht gegen das Chaos kämpft, sondern es stillschweigend duldet oder, schlimmer noch: als ob er es lenkt. Wie ein Puppenspieler hinter einem Samtvorhang, der mit dünnen, unsichtbaren Fäden die Geschicke lenkt, während er den Bürgern das Bild eines verantwortungsbewussten Anführers vorspielt. Immer akkurat. Immer höflich. Und dabei so leer. Eventuell ist Jenkins in diesen Strudel aus Macht geraten. Oder er hat etwas gesehen, das ihn gefährlich machte. Ein Blick zu weit in die Tiefe kann einen Menschen verschwinden lassen.

Je weiter der Mustang mich zum Büro bringt, desto mehr verfestigt sich der Verdacht in mir, dass dieser Fall tatsächlich mehr ist, als er zunächst zu sein scheint. Der Gouverneur hat mit Sicherheit mehr damit zu tun, als er zuzugeben bereit sein wird.

Ich biege in die Straße ein, in der das FBI-Gebäude liegt, und der Anblick des kalten, trostlosen Komplexes reißt mich jäh aus meinen Gedanken. Ein grauer Koloss aus Beton und Glas, der nichts von sich preisgibt. Abweisend, wortlos und doch schwer zu übersehen. Es ist nicht dessen Größe, die ins Auge fällt, sondern diese stille Autorität, die sich wie eine unsichtbare Mauer zwischen dem Gebäude und der Welt um es herum legt. Ein Ort, an dem man keine Illusionen über das Leben und den Kampf gegen das Verbrechen hat.

Ich steige aus und spüre, wie der kalte Wind meine Haut streift. Der Fall, der vor mir liegt, wird kein einfacher sein. Die Dunkelheit, die sich hier verbirgt, ist greifbar. Doch ich bin bereit. Bereit, mich der Wahrheit zu stellen, ganz gleich, wie tief sie geht.

Mit einem entschlossenen Schritt gehe ich auf den Eingang des Gebäudes zu, spüre das vertraute, fast schon schwerfällige Gefühl des Sicherheitsbereichs, das mich immer ein wenig in den Hintergrund rückt. Das Foyer ist in gedämpftes Licht getaucht, der Duft von Kaffee und Papier liegt in der Luft, während Menschen in Eile vorbeihuschen, den hektischen Rhythmus des FBI-Alltags fortsetzend.

Ich nehme mir einen Moment, um das Treiben zu beobachten, bevor ich den Sicherheitsbeamten begrüße. Ich ziehe meinen Ausweis hervor und zeige ihn ihm. Er nickt mir zu, ohne ein Wort zu verlieren, doch seine Geste lässt mich wissen, dass ich passieren darf. Ich steige in den Aufzug, der mich mit einem leisen Rumpeln in den obersten Stock bringt. Die Fahrt fühlt sich immer ein wenig an wie das Ankommen in einer anderen Welt, der Welt des FBI, die von Geheimnissen, Ermittlungen und oft auch von dunklen Wahrheiten beherrscht wird.

Als der Aufzug seine Reise beendet, steige ich aus und gehe den Korridor entlang, bis ich vor der Tür meines Bosses, SAC Ryan Hale, stehe. Ein schneller Blick auf die Uhr um zu sehen, dass wir keine Zeit mehr zu verlieren haben. Ich klopfe an, und sofort ertönt ein schroffes „Herein“, das mir den letzten Schub gibt, die Schwelle zu überschreiten.

Name ohne Gesicht

Ich atme tief durch und öffne die Tür. Hales Büro empfängt mich mit dem warmen, schwer zu ignorierendem Duft von Leder, vermischt mit dieser subtilen, aber allgegenwärtigen Ausstrahlung von jemandem, der es gewohnt ist, die Fäden in der Hand zu halten. Ruhig, unerschütterlich und jederzeit Herr der Lage. Er sitzt hinter seinem Schreibtisch, den Blick auf seine Papiere gerichtet, als ich eintrete. Doch als er mich bemerkt, hebt er den Kopf. Seine Augen treffen die meinen, und er nickt mir zu. Es ist ein knappes, aber anerkennendes Zeichen, dass ich Platz nehmen soll. „Mia, danke, dass du so schnell gekommen bist“, sagt er, seine Stimme klingt etwas schärfer als sonst. „Wie ich schon erwähnt habe, ist der Stabschef von Green, Alexander Jenkins, verschwunden, und wir müssen ihn finden, bevor es zu spät ist.“ Die Worte kommen schnell, als ob er sich beeilen muss, sie auszusprechen. Und dann, als ich einen Blick auf ihn werfe, bemerke ich es: etwas, das ich noch nie an ihm gesehen habe: Nervosität. Ein Hauch von Unsicherheit bei einem Mann, der sonst nur von Selbstbewusstsein und Entschlossenheit geprägt ist. Hale, der erfahrene Agent, der immer die Ruhe bewahrt, scheint in diesem Moment aufgewühlt, fast angespannt.

Er ist Ende fünfzig, und die Jahre haben Spuren in seinem Gesicht hinterlassen. Tiefe Linien, die Geschichten erzählen. Die scharfen Konturen seiner Wangen und die markante Kieferpartie sind wie gemeißelt, kantig und klar, ein Spiegelbild seines Wesens. Die einst dunklen Haare sind nun vom Grau des Alters durchzogen, doch das verleiht ihm keine Schwäche. Im Gegenteil. Es macht ihn nur eindrucksvoller, fast majestätisch in seiner Erscheinung. Eine Präsenz, die den Raum füllt, noch bevor er ein Wort sagt. Aber hinter dieser äußeren Strenge liegt weit mehr, als er zeigt. Manchmal, in seltenen und fast kostbaren Augenblicken, verändert sich sein Blick. Die Härte weicht einen Hauch zur Seite und ein leiser Funken Wärme wird sichtbar. Kein offenes Gefühl, eher ein Licht, das sich kurz durch Risse in seiner Fassade drängt.

Es ist der Ausdruck eines Mannes, der in seinem Kern für seine Leute einsteht, der Verantwortung trägt und Erwartungen stellt, weil er weiß, was auf dem Spiel steht. Der sich ihrer annimmt, sie fordert, aber auch beschützt.

Seine Karriere beim FBI ist legendär. Er hat Fälle gelöst, die andere längst zu den Akten gelegt hätten und er hat sich durch die dunkelsten Winkel des Verbrechens gearbeitet, mit einem Scharfsinn und einer Hartnäckigkeit, die man nicht lehren kann. Die sich nur in Jahren des Kampfes gegen das Unrecht formen. In seinem Blick liegt die Last, die er getragen hat, aber auch der Stolz, niemals aufgegeben zu haben. Er strahlt eine natürliche Autorität aus, die niemand infrage stellt. Nicht mit Worten, nicht mit Blicken. Wenn Hale den Raum betritt, wird es still. Nicht aus Angst, sondern aus Respekt. Doch heute liegt ein Schatten über ihm. Eine feine, kaum wahrnehmbare Spannung, die sich wie ein Schleier über seine Miene legt. Seine Schultern wirken angespannter als sonst, sein Blick schärfer, als ob er einen Gedanken mit sich herumträgt, der ihn nicht loslässt. Für mich ist er nicht nur der Mann, der mich damals in diese Welt hineingeholt hat, der mir eine Chance gegeben hat, als ich frisch von der Uni kam, voller Ideale, aber ohne jede Ahnung, was mich erwartete. Er ist mein Mentor. Und vielleicht, in einer Welt, in der meine eigene Familie längst nur noch in Erinnerungen existiert, ist er auch so etwas wie eine Vaterfigur geworden. Jemand, der mich mit harter Hand geformt hat, der mir aber auch gezeigt hat, dass Vertrauen nicht verschenkt, sondern verdient wird und dass es eine Verantwortung ist, wenn jemand es dir schenkt. Hale verlangt viel von seinem Team. Präzision, Verlässlichkeit, unerschütterliche Professionalität. Und er duldet keine halben Sachen. Aber was ihn besonders macht, ist seine Loyalität. Wenn er dich einmal respektiert, wenn du in seinem inneren Kreis bist, dann steht er hinter dir. Mit einer Intensität, die fast einschüchternd ist. Er kämpft für dich, wenn es niemand sonst tut. Und genau deshalb wiegt sein Schweigen heute schwer. Denn wenn Hale schweigt, ist etwas im Gange, das größer ist als Worte.

Ich nehme Platz und höre ihm zu, doch die Nervosität, die mich in diesem Moment nicht ganz loslässt, bleibt in der Luft hängen. Hale atmet tief durch, als würde er sich einen Moment lang sammeln müssen, bevor er fortfährt. „Jenkins war gestern Abend bei einem Treffen mit einem Informanten“, beginnt er schließlich. „Er hat ihn allein treffen wollen, was ungewöhnlich ist. Sein Handy ist seitdem nicht mehr erreichbar, und sein Auto steht immer noch vor dem vermutetem Treffpunkt.“ „Mit einem Informanten?“, frage ich, mein Blick sofort scharf. „Woher stammen diese Angaben, und sind sie bestätigt worden? Und, wo war das Treffen?“ Diese Fragen müssen jetzt geklärt werden, denn sie könnten entscheidend für den Verlauf der Ermittlung sein. Hale nickt, als hätte er diese Fragen erwartet, und öffnet eine Akte auf seinem Schreibtisch. „Die Auskünfte stammen von einer vertrauenswürdigen Quelle innerhalb des Gouverneursbüros. Sie berichteten uns von Gerüchten rund um Jenkins, der angeblich Hinweisen über Korruptionen innerhalb der Regierung nachgehen wollte.“ Er zieht einige Papiere heraus, dreht sie um und legt sie auf den Tisch, als ob er mir damit ein Stück mehr Klarheit verschaffen möchte. „Das Treffen sollte wohl in einem kleinen Café in der Nähe des Gouverneursbüros stattfinden. Wir haben die dortigen Überwachungskameras überprüft und konnten Jenkins' Auto eindeutig identifizieren. Aber wir konnten nicht sehen, ob und mit wem er sich treffen wollte oder wohin er gegangen sein könnte. Laut den Aufnahmen hat er seinen Wagen verlassen, ist über die Straße gegangen, und von da an… verschwand er spurlos.“ Hale lässt diese Information in der Stille zwischen uns wirken, und ich kann förmlich die Schwere der Ungewissheit spüren. Jenkins, ein Mann, der scheinbar etwas aufgedeckt haben wollte, verschwindet plötzlich aus dem Nichts, nachdem oder bevor er einen Informanten getroffen haben soll. Das ist zu viel Zufall, oder zu viel Absicht, um es als normales Verschwinden abzutun. Dann schaut er mich direkt an und sagt: „Wir haben auch eine verdächtige Personengruppe im Visier, die möglicherweise mit dem Verschwinden von Jenkins zu tun hat. Es handelt sich um eine Gruppe von ehemaligen Soldaten, die sich `Die Schatten´ nennen. Sie sind bekannt für ihre skrupellosen Methoden und ihre Verbindungen zur Unterwelt.“ „Die Schatten…“, wiederhole ich in Gedanken, der Name hallt in meinem Kopf nach. Ex-Soldaten, die ihren Dienst gegen die Gesetze der Gesellschaft eingetauscht haben. Das klingt nach einem gefährlichen, gut organisierten Netzwerk. Ein Gegner, der nicht davor zurückschrecken würde, jemanden wie Jenkins verschwinden zu lassen. Es passt zu dem Bild, das sich langsam in meinem Kopf formt. Er könnte etwas auf der Spur gewesen sein, das zu gefährlich war, um es hinauszuposaunen. „Was wissen wir über sie?“, frage ich, meine Stimme nun schärfer, die erste Ahnung einer möglichen Lösung, die mir durch den Kopf geht. Hale lehnt sich zurück, und ich kann die Unruhe in ihm sehen. „Nicht viel. Sie sind geschickt darin, im Untergrund zu bleiben. Wir haben nur ein paar bruchstückhafte Informationen. Sie sind gut vernetzt, und ihre Kontakte reichen tief in die dunklen Ecken dieser Stadt. Aber sie sind nicht dumm und sie wissen, wie man Spuren verwischt.“ Ein kurzer Moment der Stille entfaltet sich zwischen uns, und ich weiß, dass es an mir liegt, die nächsten Schritte zu bestimmen. Diese Söldnertruppe, Korruption, ein verschwundener Stabschef. Dieser Fall riecht nach mehr, viel mehr, und ich kann schon jetzt spüren, wie tief er uns hineinziehen wird. „Was ist der nächste Schritt?“, frage ich, meine Gedanken bereits in Bewegung, bereit, in diese dunkle Welt einzutauchen. „Die Schatten? War da nicht vor ein paar Jahren dieser mysteriöse Fall an der Westküste?“ frage ich nachdenklich und lasse meinen Blick auf den Tisch fallen, als ob ich versuche, mich an die Details zu erinnern. „Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, Agent Smith hat damals daran gearbeitet. Vielleicht kann er uns ja noch etwas mehr darüber erzählen.“ „Ja, genau! Der Fall mit dem verschwundenen Gemälde. Es war ein so seltsamer Fall, voll von unerklärlichen Wendungen. Und du hast recht, Agent Smith war damals direkt involviert“, bestätigt Hale. „Ich werde ihn sofort kontaktieren. Er ist zwar schon lange nicht mehr im aktiven Dienst, aber er ist immer noch ein wertvoller Ansprechpartner, wenn es um diese alten Fälle geht. Er sitzt oft noch unten im Untergeschoss, wo er sich hauptsächlich um die Erstellung von Profilen vergangener Fälle kümmert. Aber ich bin mir sicher, dass er sich noch an so manches erinnern kann.“

Agent Smith ist niemand, den man leicht vergisst. Ein erfahrener Mann, gezeichnet von den Jahren im Dienst, der die jungen Agenten mit seiner ruhigen, fast stoischen Art immer wieder in den Wahnsinn trieb. Doch trotz seiner Ruhe hatte er das seltene Talent, Dinge zu sehen, die anderen verborgen blieben. Hale weiß, dass er, auch wenn er sich mehr und mehr zurückzieht, immer noch über einen unerschütterlichen Instinkt und unglaubliches Fachwissen verfügt. Nur wenige Minuten später tritt Agent Smith in Hales Büro. Die grauen Haare und die tiefen Falten in seinem Gesicht lassen ihn älter wirken, als er tatsächlich ist. Doch als er anfängt zu sprechen, kommt die gewohnte Klarheit zurück. Seine Worte sind scharf und präzise, und er erzählt von der Söldnergruppe, die sich `die Schatten´ nennt. „Es war damals ein gefährlicher Fall“, sagt Smith mit einer rauen Stimme, die die Jahre widerspiegelt, die er auf den Straßen und in den Dschungeln der Welt verbracht hat. „Es gab einen Informanten, der uns geholfen hat. Sein Name war Thompson. David oder Derek oder so. Der Typ war ein echtes Mysterium, ein Soldat mit einer dunklen Vergangenheit. Er verschwand irgendwann, und seitdem haben wir nichts mehr von ihm gehört.“ Hale hört aufmerksam zu und nickt langsam, als der Name ´Derek Thompson´ fällt. Ein Gefühl der Beklommenheit steigt in ihm auf, als er versucht sich an alles zu erinnern, was er über diesen Mann weiß. „Derek war es, glaube ich. Ich kenne ihn zwar nicht persönlich, aber der Name sagt mir etwas. Ein ehemaliger Soldat, der für den Geheimdienst gearbeitet hat, oder? Ein Mann, der wirklich wusste, wie man mit den Schatten der Welt umgeht.“ Er starrt auf den Bildschirm seines Computers, als er nach weiteren Informationen sucht. „Es gibt kaum etwas, das ich über ihn finden kann. Der Großteil seiner Akten ist entweder geschwärzt oder selbst für mich nicht zugänglich. Aber ich habe hier ein paar Informationen, die nützlich sein könnten.“ Hale atmet tief ein, als er die wenigen Daten durchgeht. „Derek Alexander Thompson. Geboren im Mai 1985 hier in Ashwood, diente im Militär von 2005 bis 2015. Er war bei zahlreichen Auslandseinsätzen, hat sowohl eine Ehren- als auch eine Tapferkeitsmedaille erhalten. Doch dann, nach seiner Militärzeit, verliert sich seine Spur. Alles danach bleibt im Dunkeln.“ Er zieht die Stirn in Falten und stützt sich nachdenklich auf den Tisch. „Ich habe gehört, dass er damals für den Militärgeheimdienst arbeitete und einige sehr heikle Undercover Operationen durchführte. Unter anderem war er wohl dabei, als `die Schatte´ zum ersten Mal in Erscheinung traten. Aber seitdem… nichts mehr. Er ist wie vom Erdboden verschluckt.“ Die Stille, die folgt, ist schwer und voll von unausgesprochenen Gedanken. Er sieht mich mit einem ernsten Blick an, als ob jede Sekunde zählt. „Mia, wir müssen ihn finden. Wenn er noch lebt, könnte er uns helfen, diese Leute zu enttarnen und Jenkins zu finden. Sollten sie wirklich mit dem Verschwinden zu tun haben, wäre er womöglich hilfreich“, sagt er, die Anspannung in seiner Stimme deutlich spürbar. Sein Blick wandert zu Agent Smith, als ob er dort eine Antwort suchen würde. „Können Sie uns noch irgendetwas über Thompson sagen? Vielleicht einen Hinweis, wo er sein könnte? Hat er Kontakte, die wir erreichen können?“ Agent Smith, der die Jahrzehnte in diesem Geschäft an sich vorbeiziehen lassen hat, nickt langsam. Die Erinnerung an die längst vergangenen Tage scheint ihn einen Moment lang in die Vergangenheit zu ziehen. „Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, dass Thompson eine Schwester hatte“, sagt er mit einer leisen Stimme, die fast verloren wirkt. „Sie lebte damals in Riverview, etwas außerhalb von Ashwood City. Wenn jemand weiß, wo er ist, dann vielleicht sie. Aber ich muss Sie warnen. Derek Thompson war ein extrem vorsichtiger Mann. Wenn er wirklich abgetaucht ist, wird es nicht einfach sein, ihn zu finden.“ Hale prüft die Informationen, die uns Agent Smith gerade gegeben hat, und sein Gesicht verzieht sich bei den Details. „Leah Thompson, 32 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder. Sie arbeitet als Lehrerin an einer Grundschule in Ashwood. Sie führt scheinbar ein ruhiges, normales Leben, aber, wir wissen nie, was sich hinter einer Fassade verbirgt.“ Er hebt den Blick und sieht mich an, als ob er nach etwas in meinen Augen suchen würde. „Wenn Derek Thompson wirklich Informationen über diesen Söldnertrupp hat, dann könnte sie der Schlüssel sein, um ihn zu finden.“