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Ein neuer Fall für Olivia Rönning und Tom Stilton
In einem großen Ameisenhaufen in den schwedischen Wäldern wird eine Leiche entdeckt. Olivia Rönning soll die hiesige Polizei bei den Mordermittlungen unterstützen. Der Kopf des Toten ist verschwunden. Die Fingerabdrücke des Opfers sind in keiner Datenbank zu finden, und seit über zwanzig Jahren wurde in der Gegend niemand mehr als vermisst gemeldet. Der Tatort liegt nicht weit von einer alten samischen Opferstätte, ausgerechnet dort finden Forensiker deutliche Blutspuren. Angst macht sich in dem nahe gelegenen Dorf Slagtjärn breit. Ist es noch sicher, in der Dämmerung allein spazieren zu gehen? Dank des Zustroms von Städtern und niederländischen Auswanderern erfreut sich der kleine Ort eines lebhaften Miteinanders. Die Akzeptanz von Außenseitern und Exzentrikern ist traditionell hoch, doch jetzt ist der Zusammenhalt der Gemeinschaft bedroht. Je tiefer Olivia in diesen Kosmos eindringt, desto misstrauischer und verschlossener reagieren die Menschen. Um das Geheimnis des Dorfes zu lüften, muss sie schließlich Tom Stilton und Mette Olsäter um Hilfe bitten.
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Seitenzahl: 481
Veröffentlichungsjahr: 2025
In einem großen Ameisenhaufen in den schwedischen Wäldern wird eine Leiche entdeckt. Olivia Rönning soll die hiesige Polizei bei den Mordermittlungen unterstützen. Der Kopf des Toten ist verschwunden. Die Fingerabdrücke des Opfers sind in keiner Datenbank zu finden, und seit über zwanzig Jahren wurde in der Gegend niemand mehr als vermisst gemeldet. Der Tatort liegt nicht weit von einer alten samischen Opferstätte, ausgerechnet dort finden Forensiker deutliche Blutspuren. Angst macht sich in dem nahe gelegenen Dorf Slagtjärn breit. Ist es noch sicher, in der Dämmerung allein spazieren zu gehen? Dank des Zustroms von Städtern und niederländischen Auswanderern erfreut sich der kleine Ort eines lebhaften Miteinanders. Die Akzeptanz von Außenseitern und Exzentrikern ist traditionell hoch, doch jetzt ist der Zusammenhalt der Gemeinschaft bedroht. Je tiefer Olivia in diesen Kosmos eindringt, desto misstrauischer und verschlossener reagieren die Menschen. Um das Geheimnis des Dorfes zu lüften, muss sie schließlich Tom Stilton und Mette Olsäter um Hilfe bitten.
Cilla und Rolf Börjlind gelten als Schwedens wichtigste und bekannteste Drehbuchschreiber für Kino und Fernsehen. Ihre Serie um Polizistin Olivia Rönning und Kommissar Tom Stilton wurde sehr erfolgreich für das ZDF verfilmt. Die Kriminalromane sind Bestseller und erscheinen in 30 Ländern.
Die Rönning / Stilton-Serie bei btb:
Die Springflut
Die dritte Stimme
Die Strömung
Schlaflied
Wundbrand
Kaltes Gold
Der gute Samariter
Das Auge der Nacht
Cilla & Rolf Börjlind
Kriminalroman
Aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann und Julia Gschwilm
Die schwedische Originalausgabe erschien 2025 unter dem Titel »Skugga över Slagtjärn« bei Norstedts, Stockholm.
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Copyright © 2025 by Cilla & Rolf Börjlind
Copyright der deutschsprachigen Ausgabe 2025 by btb Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Published by Agreement with Grand Agency
Covergestaltung: semper smile, München
Covermotiv: © shutterstock (swqaz, Nejron Photo);
© Getty Images / Andreas Helvig Hansen
Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 978-3-641-32517-6V001
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Kleine Schnecke, hüte dich, denn sonst hol ich dich …
Eigentlich wollte Gusum angeln gehen. Ein Stück den Wasserfall hinunter hatte er eine Lieblingsstelle, die er sich ausgesucht hatte, weil normalerweise niemand anders dorthin ging. Doch dann hörte er ein Stück entfernt plötzlich dumpf summende Stimmen. Er stieg durch den Nadelwald den Hügel hinauf und versuchte herauszufinden, woher sie kamen. Neugierig kämpfte er sich durchs dichte Gestrüpp, die Äste schlugen ihm ins Gesicht. Schließlich blieb er stehen und streckte die Hände aus. Er hatte graue, gestrickte Fingerhandschuhe an. Vorsichtig teilte er die dicken Äste und spähte durch den Spalt. Weiter hinten sah er einen glatten, breiten Felsvorsprung und hörte das Rauschen des Slagån-Wasserfalls, das aber vom Wind fast übertönt wurde. Er wusste, was das für ein Felsvorsprung war, sein Vater hatte ihm von den unheimlichen Gerüchten erzählt, die über diesen Ort kursierten.
Gusum beugte sich vor, um besser sehen zu können.
Am Rand des Felsenplateaus waren flache Steine zu vier hohen Türmen aufgestapelt worden, auf denen ganz oben Fackeln brannten. Innerhalb der Türme gingen mehrere Gestalten in einem weiten Kreis herum. Ihre Gesichter waren unter schwarzen Kapuzen verborgen, am Körper trugen sie zerrissene braune Tierhäute. Ihr rhythmischer Sprechgesang schwebte über den Felsen.
Am liebsten wäre Gusum schnell wieder abgehauen, denn was er da sah, gefiel ihm überhaupt nicht. Gusum, du musst nach Hause gehen, dachte er.
Aber er blieb.
Als das letzte flimmernde Tageslicht am Horizont verschwunden war, hielten die Gestalten inne. Eine von ihnen erhob die Hand und machte eine ausladende Geste auf den dichten Wald hinter der Klippe zu. Zwischen den Baumstämmen trat ein nackter Mann heraus, über dem Kopf trug er eine grobe Jutemütze mit zwei schmalen Schlitzen für die Augen.
Gusum schluckte und biss in einen seiner Fingerhandschuhe.
Der Kreis der mit Häuten bekleideten Menschen öffnete sich und machte Platz für den nackten Mann. Er sank in der Mitte auf die Knie, und das dumpfe Summen brach ab. Eine der Gestalten trat aus der Reihe und zog seine schwarze Kapuze ab, ein Mann mittleren Alters. Er ging auf den knienden Mann zu. Mit einer raschen Bewegung riss er ihm die Jutemaske weg und hielt etwas in die Luft.
Gusum versuchte zu erkennen, was es war, sah das nicht aus wie ein Schädel? Ein Totenkopf? Er senkte den Blick. Plötzlich hörte er einen Schrei von den Felsen widerhallen und schaute erschrocken wieder hin. Die Gestalten hatten erneut begonnen, mit erhobenen Armen und zum Himmel gerichteten Blicken im Kreis herumzugehen.
Keine von ihnen beachtete, was Gusum sah. Wie die kniende Gestalt plötzlich der Länge nach hinfiel und mit der Stirn auf den Granit schlug. Als der Körper auf dem Felsplateau zu zittern begann, ließ Gusum die Äste fahren und rannte weg.
*
Die einzige Laterne des Dorfes war ausgeschaltet, die Kurve lag in der Dunkelheit, doch das war dem Mann im Ledermantel mit der schwarzen Brille egal. Er verließ sich auf seinen Führhund, einen kräftigen, weißen Labrador. Außerdem war er in Gesellschaft einer Frau aus der Gegend, Anita Forsbrandt. Sie trug einen karierten Fleecerock und hatte die Hand unter seinen Arm geschoben. Langsam gingen sie Seite an Seite die Dorfstraße entlang.
»Lundgrens haben frisch gestrichen«, sagte Anita.
»Dieselbe Farbe?«
»Nein, ein wenig mehr ins Terrakotta. Aber nur auf der Südseite.«
Der Blinde nickte. Beide kannten sie das Dorf. Der Blinde hatte ein Bild davon in seinem Inneren, und der Frau war es von den vielen Jahren des Lebens hier vertraut. Sie wohnte ein Stück weiter nördlich auf dem Musgården, und der Mann, den sie untergehakt hatte, Niek van der Graeff, war ein enger Freund, nicht mehr. Es hatte Zeiten gegeben, zu denen sie sich gewünscht hatte, dass es mehr wäre, doch das war vorbei. Jetzt waren sie auf andere Weise miteinander verbunden.
»Was ist?«, fragte Anita.
Niek war stehen geblieben. Er strich sein langes weißes Haar nach hinten und wandte den Kopf. Anita schaute in die gleiche Richtung. Hatte er einen Motor gehört? Sie wusste, dass er ein extrem feines Gehör besaß, er konnte ein Blatt vom Baum fallen hören. Niek legte den Kopf in den Nacken, seine Halsmuskulatur spannte sich an, ihn schauderte.
Dieses Verhalten hatte Anita schon früher bei ihm gesehen und fand es immer unbehaglich. Sie wusste, was er gerade durchmachte.
»Was siehst du?«, fragte sie.
Ihre Gesichtszüge entspannten sich, als er antwortete: »Steen.«
Niek schlug ein rasches Kreuz über seiner Brust, senkte die Hand dann wieder und ließ den Hund daran lecken. Anita wusste, dass es keinen Sinn hatte, noch mehr zu fragen. Wenn er etwas erzählen wollte, dann tat er das.
Schweigend gingen sie weiter. Eine Bö fegte zwischen den Häusern hindurch und stürzte sich auf ein Windspiel in einem Garten, das zerbrechliche Geräusch klang bis auf die Straße hinaus.
»Guckt sie?«, fragte Niek, als sie an einem niedrigen Holzhaus vorbeikamen. An sämtlichen Fenstern waren die Jalousien heruntergelassen. Anita sah hinüber. Zwischen zwei Lamellen war ein kleiner Spalt zu erkennen, durch den zwei Augen den Gestalten auf der Straße folgten.
»Ja«, erwiderte Anita. »Ich glaube, es geht ihr nicht sonderlich gut. Übst du noch mit ihr?«
»Nein.«
Das Paar erreichte den Rand des Dorfes und trennte sich am Königreichssaal. Niek faltete den Blindenstock zusammen und ging durch den grauen Eingang, Anita verschwand in der Dunkelheit.
Die Jalousie schloss sich vor den neugierigen Augen.
*
Viel später, kurz nach Mitternacht, hatte der Mond sich durch die Wolken gedrängt und streute sein blaukaltes Licht über den großen Felsenplatz.
Dort war niemand mehr.
Nur der Schatten eines vierbeinigen Tieres war zu sehen, das leise aus dem Wald kam, Witterung aufnahm und zu einem großen Fleck auf dem Granit schnürte. Die raue Zunge begann zu lecken. Den Wolf störte das Rauschen des Wasserfalls nicht, erst als die Stimme einer Frau es durchbrach, reagierte er. Eine gellend schreiende Frauenstimme, die durch die Stille schnitt. Der Wolf verließ die Stelle mit dem Fleck und lief vor bis zum Rand des Felsplateaus. Dort ließ er sich auf den Hinterbeinen nieder, hob den Kopf und heulte über den Wasserfall hin. Die Frauenstimme verstummte augenblicklich, ihr Echo verschwand zwischen den Felsen. Der Wolf senkte den Kopf, erhob sich und schlich leise wieder in den Wald.
Tautropfen bildeten ein schimmerndes Muster in den Spinnweben zwischen dem Preiselbeerreisig, die morgendliche Kälte hatten den Boden noch nicht verlassen, und er zitterte ein wenig. Er wusste, dass die Wärme bald kommen würde, in der Wetter-App war geringe Bewölkung und möglicherweise sogar etwas Sonne versprochen worden.
Aber noch nicht jetzt.
Er lehnte das Gewehr an eine knorrige Kiefer, holte die Snusdose heraus und schob sich eine ordentliche Ladung unter die Oberlippe. Er gehörte zu der Generation, die Snusbeutelchen verachtete. Oder besser gesagt, zu der Sorte von Männern, die alles verachtete, was nicht so war wie früher. Er schob die Dose wieder in seine dunkelgrüne Jacke zurück und wischte sich die Finger an den Beinen seiner Camouflage-Funktionshose ab. Er griff nach dem Gewehr und zuckte zusammen. Die vielen Jahre des Jagens hatten seine Fähigkeit, Dinge im Augenwinkel wahrzunehmen, trainiert. Eine rasche Bewegung zwischen den stillen Stämmen, ein Reh oder ein Elch? Doch was er aus dem Augenwinkel bemerkt hatte, war auf nur zwei Beinen unterwegs: ein hochgewachsener Mann, der sich weiter hinten an einer Felswand entlangbewegte. Er richtete sich auf und sah, wie der Mann stürzte, sich wieder hochrappelte und weiterrannte. Der Jäger hob das Gewehr. Was hatte den Mann erschreckt? Ein Bär vielleicht? Oder ein Wolf? In diesem Wald hier war beides anzutreffen. Er hielt das Gewehr fest im Griff und schlich vorwärts zur Felswand. Als er beinahe dort war, sah er einen großen Plastikeimer in den Preiselbeeren liegen. Er ging in die Hocke und schaute ihn sich an. Der Mann war verschwunden, es war jetzt still, man hörte nur noch ein paar knarzende Moorschneehühner, doch die konnten den Flüchtigen wohl kaum erschreckt haben.
Er stand auf und ging ein paar Schritte, immer auf der Hut. Im Wald war alles so ruhig, wie es in einem Wald überhaupt sein kann. Doch war weit und breit kein Wild zu sehen. Also stellte er das Gewehr wieder ins Moos. Doch plötzlich zog ein unbekannter säuerlicher Geruch an ihm vorbei, und als er sich umdrehte, sah er ein Stück entfernt einen gigantischen Ameisenhaufen zwischen den Bäumen. Er hatte schon öfter riesenhafte Ameisenhaufen gesehen, aber dieser war nach Süden an eine große Kiefer gebaut und schlug jeden Rekord. Er maß ihn mit dem Blick und schätzte, dass er knapp drei Meter hoch war und einen Umfang von wahrscheinlich zehn bis elf Metern hatte. Beim Näherkommen bemerkte er, dass der Ameisenhaufen zum Teil aufgegraben war.
Maulwürfe, dachte er, oder Grünspechte.
Erst als er auf der Rückseite herumging, sah er, was jenen Mann zu Tode erschreckt haben musste: Ein schmaler nackter Arm ragte, von herumeilenden rotbraunen Waldameisen bedeckt, aus dem Haufen aus Kiefernnadeln.
Um die Übelkeit zu bekämpfen, spie er den Snus aus.
*
Normalerweise benutzte er einen elektrischen Rasierapparat, aber an Tagen wie heute, wenn er keinen Stress hatte, zog er die Rasierklinge vor. Reichlich Schaum, einen weichen Pinsel und einen Rasierer mit Mahagonigriff, den er in einer kleinen Seitengasse in Venedig erstanden hatte. Teuer, aber ein ergonomischer Volltreffer.
Ulf Molin genoss es.
Der Duft von frisch gebrühtem Espresso zog ihm in die Nase, und er spürte, dass er sich das hier gönnen durfte. Es war sein erster freier Tag seit einem Monat, und er hatte vor, jede einzelne Minute davon auszukosten. Auf dem Polizeirevier in Strömsund hatte er Bescheid gegeben, dass er nicht gestört werden wollte, wenn es sich nicht um etwas Außergewöhnliches handelte, und er vertraute darauf, dass die Kollegen sehr gut entscheiden konnten, was unter die Bezeichnung »außergewöhnlich« fiel.
Er lehnte sich ein wenig vom Spiegel zurück und betrachtete sein Gesicht. Keine erkennbaren Falten an den falschen Stellen, eine kaum sichtbare Narbe über dem einen Wangenknochen – die Erinnerung an einen Zugriff im Drogenhändlermilieu in Östersund –, ansonsten sah er aus, wie er schon immer ausgesehen hatte. Zumindest in seinen eigenen Augen. Seine Frau war der Meinung, er sei zu schnell gealtert. Zu viele Überstunden, zu ungesundes Essen, zu viel schlafloses Grübeln über das eine oder andere Verbrechen.
In ihren Augen sah er mitgenommen aus.
Was ihm nicht gefiel, war, dass die kleinen Geheimratsecken am Haaransatz weiter und weiter nach oben krochen. Er war noch nicht einmal vierzig, und es graute ihm vor dem Tag, an dem es an der Zeit wäre, sich den Schädel zu rasieren, um nicht lächerlich auszusehen. Manchmal sah er Männer in seinem Alter, die versuchten, das Elend aufzuhalten, indem sie mit kleinen Pferdeschwänzen im Nacken herumliefen, ein Trick, auf den er nie verfallen würde.
Er schäumte sich das Kinn ein und begann, mit dem Rasierer über die Haut zu streichen. Im Hintergrund hörte er ein Handy klingeln. Sein Handy.
»Matilda, kannst du rangehen? Ich rasiere mich gerade!«
Er spülte die Klinge unter dem warmen fließenden Wasser ab und wollte sie gerade wieder am Kinn ansetzen.
»Hier.« Matilda stand mit seinem Telefon in der Hand in der Badezimmertür. Er sah sie an und schüttelte den Kopf. Sie streckte ihm das Handy hin.
»Außergewöhnlich.«
*
Sie hieß Emmy Sunna, war 32 Jahre alt und hatte die letzten fünf Jahre als Polizeiassistentin in Strömsund gearbeitet. Sie war die Erste in ihrer Familie, die sich für den Polizeiberuf entschieden hatte, und sie hatte diese Wahl noch nie bereut. Außerdem war sie die Erste, die sich die Zunge hatte piercen lassen, eine kleine silberne Kugel, die sie, wenn es gefährlich wurde, herausnahm. Ihre intensiv blickenden braunen Augen verliehen ihrem Gesicht Charakter, und die natürliche Ausstrahlung wurde durch ihre breiten Schultern unterstrichen.
Im Moment patrouillierte sie den Vildmarksvägen entlang, hauptsächlich, um Anwesenheit zu demonstrieren: Ein Streifenwagen hatte immer einen geschwindigkeitsdämpfenden Effekt auf den Verkehr. Das war allerdings ein nicht sonderlich inspirierender Auftrag, und als sie zu dem Dorf Slagtjärn abbog, war sie herzlich ungeduldig. Ein Stück vor dem Ortsschild bremste sie und fuhr auf einen Hof. Sie stieg aus, rückte die Uniform zurecht und drückte die Polizeimütze auf ihr dichtes dunkles Haar. Mit entschlossenem Schritt marschierte sie zum Haus und pochte laut an die Tür. Unter dem kleinen Fenster stand auf einem selbst gemachten Holzschild der Name »Jonas Kraft«. Emmy zog ihren Polizeiausweis heraus. Das Foto darauf gefiel ihr nicht, aber das konnte man nun nicht ändern. Sie klopfte noch einmal vernehmlich an die Tür.
»Polizei! Machen Sie auf!«
Niemand kam. Emmy probierte vorsichtig die Klinke, die Tür war nicht verschlossen. Sie warf einen Blick über ihre Schulter, ehe sie behutsam die Tür aufschob. Die Diele dahinter war dunkel, und der Holzfußboden knarrte, als sie einen Schritt nach vorn machte. Sie fasste mit der Hand auf ihr Pistolenholster.
»Jonas Kraft!«
Ihre Stimme hallte im Haus wider. Keine Reaktion. Sie ging noch ein paar knarrende Schritte weiter, da tauchte direkt vor ihr ein Mann auf. Er hatte ein auffällig rustikales Gesicht, sein Oberkörper war nackt, und um den Unterleib hatte er eine Schürze gebunden. Jonas Kraft.
»Was zum Teufel soll das hier?«, fragte er. »Was wollen Sie?«
Emmy machte einen raschen Schritt vor, legte eine Handfläche auf die Brust von Jonas Kraft und presste ihn zurück.
»Kommen Sie bloß nicht auf die Idee, jetzt Ärger zu machen!«
Emmy schob ihn vor sich her in eine unordentliche Küche und drückte ihn auf eine Küchenbank.
»Ich weiß sehr gut, wie man mit solchen wie dir umgeht!«
In einer einzigen raschen Bewegung zog Emmy Hose und Unterhose herunter, riss Jonas die Schürze weg und entblößte einen beeindruckenden Ständer. Jonas lehnte sich zurück. Emmy setzte sich rittlings auf ihn und führte sein Glied in ihre Scheide. Rhythmisch begann sie, ihn zu reiten. Jonas stöhnte, und Emmy biss sich auf die Unterlippe. Sie hatte es eilig.
Da klingelte das Handy in ihrer Brusttasche.
Sie zog es heraus und sah auf das Display: »ULFMOLIN«. Verdammt.
Sie fuhr das Tempo ein wenig herunter und ging ran. Hörte zu. Und endete mit: »Ich fahre sofort los!«
Emmy drückte das Gespräch weg und beugte sich über Jonas.
»Jetzt müssen wir hier mal ein bisschen Fahrt aufnehmen.«
Mit vereinten Kräften, Schweiß und intensiven Bewegungen gelang es dem Paar, in einem gemeinsamen Orgasmus zu landen. Emmy stieg von Jonas herunter und griff nach einer Rolle Küchenpapier. Jonas sah ihr zu, wie sie sich zwischen den Beinen abtrocknete.
»Wir sollten heiraten«, sagte er.
»Warum das denn?«
Emmy zog sich die Hose hoch, und Jonas hielt ihr eine kleine Tüte hin.
»Ich hab heut Morgen ein paar Zimtschnecken gebacken.«
»Danke.«
»Was ist denn passiert?«
»Jemand hat irgendwas im Wald gefunden.«
»Wilderer?«
»Nein. Mach die Schürze wieder um.«
*
Emmy hatte von Ulf, ihrem Chef, den GPS-Standort erhalten, zusammen mit der Info, um welches Waldgebiet es sich handelte. Das war eine Gegend, die sie sehr gut kannte, denn der Wald begann am Rand des Dorfes, in dem sie wohnte. Schon viele Male war sie hier unterwegs gewesen, nicht zuletzt in Gesellschaft von Veronica, ihrer besten Freundin aus der gemeinsamen Gymnasialzeit in Strömsund, die Leistungssportlerin im Orientierungslauf war.
Sie wusste also, auf welchen schmalen Weg sie einbiegen musste und welche Schranke dort auf sie wartete. Die war allerdings meist nicht abgeschlossen. Der Wald gehörte dem Sägewerk in der Region, und es gab keinen Grund, die Schranke abzuschließen. Sie klappte sie hoch und fuhr auf einem noch schmaleren Weg weiter, der von dunklem, dichtem Nadelwald gesäumt war. Nach einer knappen Viertelstunde hielt sie an. Vor ihr auf dem Weg stand ein Mann in Jagdkleidung. Er hielt eine Hand in die Luft, in der anderen hatte er ein Gewehr. Emmy fuhr noch ein Stück weiter, dann blieb sie stehen und stieg aus.
»Jens Larsson?«, fragte sie.
»Ja.«
»Sie haben angerufen?«
»Ja.«
Emmy öffnete den Kofferraum und holte eine Rolle Absperrband und ein paar abgenutzte grüne Gummistiefel heraus: Die Hoffnung auf Sonne konnte man aufgeben, stattdessen regnete es hartnäckig. Sie schloss das Auto ab und ging zu Larsson.
»Sie gehen voraus.«
Nebelschleier wischten zwischen den Bäumen hindurch. Das ungleiche Paar stiefelte durch nasses Moos und schreckte ein paar Goldregenpfeifer auf. Emmy hatte vermieden anzusprechen, was sie da erwartete, also begann Larsson, irgendwann zu reden: »Kurz bevor ich es gesehen habe, lief ein Typ durch den Wald.«
»Aha?«
»Ich dachte erst, irgendein Wild hätte ihn erschreckt, denn sonst gibt es ja keinen Grund, einfach so davonzurennen.«
»Stimmt. Und? Wie sah er aus?«
»Er war ziemlich weit weg, ich weiß es nicht.«
»Jung? Alt?«
»So alt war er wohl nicht, aber er sah groß aus, ein bisschen plump. Irgendwie. Da war’s auch schon.«
Jens Larsson blieb stehen und zeigte auf den riesenhaften Ameisenhaufen, der sich vor ihnen auftürmte.
»Es ist auf der Rückseite«, erklärte er.
Emmy ging langsam um das riesige Gebilde herum und sah, was der Jäger auch gesehen hatte: den Arm, der übersät von herumwuselnden Waldameisen aus dem Ameisenhaufen herausragte.
»Das sieht schon ziemlich eklig aus«, meinte Larsson.
Emmy antwortete nicht. Sie holte ihr Handy heraus. Einerseits, um zu dokumentieren, was sie hier sah, andererseits, um die Gefühle in Schach zu halten – die Kamera wurde zu einem Schutzschild gegen das Morbide vor ihr. Sie machte eine Reihe von Fotos, vom Arm mit den Ameisen, vom Ameisenhaufen. Ihre Hand, die das Handy hielt, zitterte ein wenig. Als sie fertig war, schickte sie die Fotos an Ulf.
»Das ist echt fies, oder?«, hakte Larsson noch einmal nach.
Emmy wusste nicht, was sie antworten sollte, es war ihr erster echter Kontakt mit einem Mord. Zumindest ging sie davon aus, dass es einer war. Ein Mord, der ihr Übelkeit verursachte. Sie hatte durchaus schon Leichen gesehen, Ertrunkene und Selbstmörder, aber das hier war was ganz anderes.
Eine Leiche in einem Ameisenhaufen.
Sie rief Ulf an und sagte, dass sie ihm Fotos geschickt habe.
»Ich hab sie gesehen«, antwortete er. »Kenneth und die Techniker aus Östersund sind auf dem Weg. Wie geht es dir?«
»Bis später.«
Emmy beendete das Gespräch und schaute in den Wald. Der intensive Sex auf dem Küchensofa von Jonas schien plötzlich eine Ewigkeit her. Zimtschnecken? Er hatte Zimtschnecken gebacken?
»Und dahinten liegt ein Plastikeimer.«
Larsson deutete zwischen den Bäumen hindurch. Emmy riss sich aus dem Unbehagen und wurde wieder zur Polizistin. Sie machte ein paar Schritte hin zu dem Plastikeimer, der zwischen einigen moosbewachsenen Steinen lag, und zog ein paar Gummihandschuhe an. Vorsichtig schraubte sie den schwarzen Deckel ab und schnüffelte. In dem Eimer schwappte eine graue Flüssigkeit.
»Maische.«
Sie schraubte den Deckel wieder auf und stellte den Eimer ins Moos. Als sie sich umdrehte, hatte Larsson seine Snusdose rausgeholt und drückte sich gerade ein fettes Ding unter die Lippe.
»Möchten Sie auch?«, fragte er.
»Nein.«
Emmy zog sich die Gummihandschuhe aus und betrachtete Jens Larsson.
»Sie sind nicht aus der Gegend.«
»Nein.«
»Gehören Sie zum hiesigen Jagdverein?«
»Nein«, erwiderte Larsson.
»Was machen Sie denn dann hier?«
»Ich gehe gerne im Wald spazieren.«
»Mit Gewehr?«
»In dieser Gegend gibt es Wölfe.«
»Die Sie nicht jagen dürfen«, erwiderte Emmy.
»Im Moment nicht.«
»Nein. Aber?«
»Aber man könnte ja angegriffen werden.«
Emmy nickte zu dem Gewehr hin.
»Haben Sie einen Waffenschein für das da?«
»Ja.«
»Und den haben Sie sicherlich auch dabei?«
»Nein. Aber die Jagderlaubnis.«
Larsson schob die Hand in die grüne Jacke und zog eine Jagderlaubnis heraus.
Emmy warf einen Blick darauf.
»Wie lange waren Sie schon hier?«, fragte sie. »Im Wald?«
»Ein paar Stunden.«
»Haben Sie sonst noch Menschen gesehen? Außer dem, der weggelaufen ist?«
»Ja, ich habe zwei Personen aus der Entfernung gesehen, ich nehme an, dass es sich um Beerenpflücker handelte, ich war nicht in ihrer Nähe.«
»Waren es Männer oder Frauen?«
»Das habe ich nicht gesehen.«
»Wo haben Sie die gesehen?«
Larsson wies in den Wald.
»Ziemlich weit dadrinnen … und ach ja! Ich habe auch ein Mädchen gesehen, das hatte so Sportklamotten an und einen Rucksack auf, wahrscheinlich hat es trainiert.«
Emmy ahnte schon, wer das gewesen sein könnte. Sie zog einen kleinen Notizblock und einen Stift heraus.
»Adresse und Handynummer.«
Larsson gab ihr Auskunft.
»Haben Sie einen Ausweis bei sich?«, fuhr Emmy fort.
»Den Führerschein. Wollen Sie den auch sehen?«
»Gerne.«
Larsson holte seinen Führerschein heraus. Emmy fotografierte ihn mit dem Handy.
»Der läuft in einer Woche ab«, sagte sie.
»Ich weiß.«
»Haben Sie einen neuen beantragt?«
»Ja. Ist das wichtig?«
Emmy reichte den Führerschein zurück.
»Kein sonderlich gutes Foto, muss ich sagen.«
Sie zog die Gummistiefel aus und legte sie in den Kofferraum. Larsson war mit einem Quad weggefahren, sie wusste aber, wie sie ihn erreichen konnte, wenn es nötig wäre. Der Regen hatte nachgelassen, und sie lehnte sich mit dem Handy in der Hand an den Kühler. Es würde noch eine Weile dauern, ehe die Techniker hier waren, also nutzte sie die Gelegenheit für ein paar Telefonate. Das erste galt ihrer alten Freundin.
»Hallo, Veronica, hier ist Emmy. Warst du heute in der Nähe von Slagtjärn im Wald unterwegs?«
»Ja … ich habe auf dem Musgården übernachtet. Woher weißt du das?«
»Hast du noch jemand anders im Wald gesehen?«
»Nein, warum?«
»Keine Beerenpflücker?«
»Nein. Warum fragst du das?«
»Wir haben in einem Ameisenhaufen etwas Unangenehmes gefunden. Ist dir ein Jäger begegnet?«
»Nein. Aber du weißt ja, wenn ich trainiere, bin ich in meiner Blase, und außerdem hab ich Musik auf den Ohren. Was habt ihr denn Unangenehmes gefunden?«
»Das kann ich nicht erzählen. Ich melde mich. Tschüss!«
Es war, wie sie schon vermutet hatte. Der Jäger hatte Veronica Forsbrandt im Wald laufen sehen. Trainieren. Sie war eine sehr gute Orientierungsläuferin mit mehreren schwedischen Meisterschaftsmedaillen – und in der Gegend bekannt und beliebt. Emmy war erleichtert, dass es nicht Veronica gewesen war, die den Arm aus dem Ameisenhaufen hatte ragen sehen.
Das nächste Gespräch ging an ihren Chef.
»Bist du noch am Ameisenhaufen?«, fragte Ulf.
»Nein, ich stehe auf dem Weg. Ich muss doch Kenneth und die anderen reinwinken, aber ich habe schon abgesperrt.«
»Wie lief es mit Jens Larsson?«
»Ich glaube, der wollte wildern.«
»Wie kommst du darauf?«, fragte Ulf.
»Nur so ein Gefühl, er war einfach der Typ dafür. Ich habe alle seine persönlichen Daten. Außerdem lag ein Stück vom Ameisenhaufen entfernt ein großer Plastikeimer voller Maische.«
»Selbst gebrannter Schnaps?«
»Vermutlich. Es ist ja hier in der Gegend eine alte Tradition, das im Ameisenhaufen zu verstecken.«
»Ich weiß.«
»Larsson behauptet, er habe einen Mann im Wald wegrennen sehen«, sagte Emmy. »Vielleicht wollte der eigentlich den Eimer verstecken und hat dann versehentlich den Arm ausgegraben.«
»Möglich. Wie sah er aus?«
»Eher jung als alt, groß, das war alles, was Larsson dazu sagen konnte.«
»Kennst du jemanden, der da in der Gegend selbst brennt?«
»Ja. Der Sohn von Handbreit-Pär, Gusum. Der macht das eigentlich immer.«
»Vielleicht ist der ja weggerannt«, meinte Ulf.
»Möglich. Ich fahre hin, sowie Kenneth und die andern da sind.«
»Gut. Wie geht es dir?«
»Diesen Arm werde ich nie vergessen.«
»Das verstehe ich.«
Emmy beendete das Gespräch und überlegte, ob sie Jonas anrufen sollte. Keine gute Idee, dachte sie. Er würde viel zu viele Fragen stellen, und sie wollte und durfte nicht antworten. Also öffnete sie die Autotür und holte die Tüte mit den frischen Zimtschnecken heraus.
*
Der Hof lag ein wenig abseits, direkt unterhalb des Waldrands. Das alte Blockhaus war Ende des 19. Jahrhunderts hier errichtet worden, und aus der einen Seite ragte ein neuer Anbau aus dunklem Ziegelstein heraus. Das sah nicht sonderlich schön aus, war aber funktional: eine Küche und ein zusätzliches Schlafzimmer. Der Hof gehörte Pär Ljunghed, im Dorf als Handbreit-Pär bekannt. Er wohnte dort mit seinem erwachsenen Sohn Gusum, einem Junggesellen, der vermutlich niemals von zu Hause ausziehen würde. Mitten auf dem Hofplatz stand eine abgeblätterte Fahnenstange, an der Emmy noch nie eine Fahne hatte hängen sehen. Sie blieb am Tor stehen, zog wieder ihre Gummihandschuhe an und hob den Eimer aus dem Kofferraum, den sie in einer großen, durchsichtigen Plastiktüte verstaut hatte.
Noch bevor sie halb über den Hof war, öffnete ein kleiner, sehniger alter Mann in einem zerschlissenen, aber gut sitzenden Anzug mit rot gepunkteter Fliege und kurzem, getrimmtem Schnurrbart über der Oberlippe die Eingangstür. Handbreit-Pär.
Er klang besorgt: »Was hat er jetzt wieder ausgefressen?«
»Nichts. Ich will nur mit ihm reden.«
Emmy folgte Pär mit dem Eimer in der Hand ins Haus. Sie war schon ein paarmal hier gewesen und wunderte sich nicht – jemand anders hätte das sicher getan. Die Diele und die Zimmer, durch die sie ging, waren von oben bis unten mit einem chaotischen Sammelsurium aus Kleidern, Möbeln, Werkzeug, Umzugskisten, Fahrrädern und tausend anderen Sachen vollgestopft. Das alles verströmte einen muffigen Geruch. Sie hatte sich schon oft gefragt, wie der propere alte Mann es eigentlich aushielt, so zu wohnen.
Sie betrat die Küche. Tisch und Bänke mit Resopalflächen, weihnachtsmannrote Schränke, ein paar starke Leuchtstoffröhren unter der Decke und grüner Linoleumfußboden – eine sehr schlichte Küche. Am Esstisch saß ein großer junger Mann. Sein Gesicht war glatt und offen wie ein freundlicher Pfannkuchen. Gusum. Sein blondes Haar war gut gekämmt, an den Händen hatte er graue Fingerhandschuhe. In der einen Hand hielt er einen dünnen Bleistift, auf dem Tisch vor ihm lag ein Zeichenblock.
Pär hatte sich mit gerader Haltung an die Spüle gelehnt.
»Hallo, Gusum«, sagte Emmy.
Gusum nickte. Emmy setzte sich an den Tisch und stellte den Eimer zwischen ihre Beine.
»Warst du heute Morgen im Wald unterwegs?«
Gusum ließ den Stift über den Block wandern.
»Dieser Eimer hier, gehört der dir?«
Emmy schob den Eimer ein Stück vor. Gusum rührte sich nicht.
»Wir haben den im Wald gefunden, gehört er dir?«
Gusum wandte den Blick nicht von seinem Block. Emmy sah zu Pär, der mit den Schultern zuckte.
»Er antwortet, wenn er antwortet, weißt du doch.«
»Es wäre gut, wenn er es jetzt tun würde.«
Emmy drehte sich wieder zu Gusum.
»Gusum, ich glaube, dass du im Wald etwas gesehen hast, das sehr unangenehm war, und ich verstehe, dass du nicht darüber reden willst. Ich will einfach nur wissen, ob du dort warst. Es ist mir egal, ob in dem Eimer Selbstgebrannter ist, ich will einfach nur wissen, ob du im Wald warst.«
Gusum ließ den Stift los, fuhr sich mit den Händen über die Oberschenkel und wiegte ein wenig seinen Oberkörper vor und zurück. Emmy dachte daran, wie sehr der Anblick des Ameisenhaufens sie selbst schockiert und angeekelt hatte, und sie litt mit Gusum. Wenn er denn überhaupt mit seinem Eimer dort gewesen war.
Sie versuchte es noch einmal: »Ist das dein Eimer?«
Gusum hob den Kopf und schaute seinen Vater an. Handbreit-Pär fingerte nervös an der Fliege herum. Emmy stand mit dem Eimer in der Hand auf.
»Es ist so, Pär, wir werden auf diesem Eimer Fingerabdrücke finden, deswegen wäre es einfach gut, wenn er es jetzt gleich sagen würde.«
»Aber er hat doch immer Handschuhe an.«
»Immer?«
»Ja.«
»Und warum?«
»Er hat Angst um seine Hände. Nicht wahr, Gusum?«
»Angst, ja.«
Mehr sagte er nicht.
Emmy verließ den Hof mit dem Eimer in der Hand. Sie war sich ziemlich sicher, dass es sich um Gusums Eimer handelte und dass er beim Ameisenhaufen gewesen war. Ob er den Arm versehentlich selbst ausgegraben hatte oder ob der bereits herausragte, als er kam, wusste sie nicht. Sie öffnete den Kofferraum und hatte den Eimer gerade wieder hineingelegt, als Ulf anrief.
Ein kurzes Telefonat.
Er wollte, dass sie sofort zum Ameisenhaufen zurückkehrte.
Es war dunkel geworden, und es war schwer, im Wald voranzukommen. Aber Emmy hatte eine starke Taschenlampe und fand sich ohne größere Probleme zurecht. Aus der Entfernung war ein kurzes, scharfes Bellen zu hören, aber das machte ihr nichts aus.
Nachdem sie ein Stück gegangen war, senkte sie die Taschenlampe. Weiter hinten zwischen den Baumstämmen war ein helles Licht zu sehen, das ihr von hier an den Weg wies.
Was da leuchtete, waren starke, im Viereck aufgestellte Scheinwerfer. Als sie näher kam, sah sie, dass der ganze Ameisenhaufen mit einem großen gelben Zelt überdeckt war. Drinnen bewegten sich dunkle Silhouetten.
»Hallo.«
Emmy fuhr zusammen. Etwas abseits im Halbdunkel standen ein paar Kollegen und rauchten. Ulf war auch dabei. Ulf raucht?, schoss es ihr durch den Kopf.
»Wie läuft’s?«, fragte sie.
Ulf deutete zum Zelt. Emmy trat näher und klappte eine Seite auf. In dem Moment, als sie einen Fuß hineinsetzte, hoben Kenneth und ein anderer Techniker gerade vorsichtig eine nackte Leiche vom Ameisenhaufen auf eine Bahre. Der ganze Körper war mit gelbbraunen Wunden vom Angriff der Ameisen übersät. Aber das war nicht das Schlimmste.
Die Leiche hatte keinen Kopf.
Das gähnende, runde Loch war voller verwirrter Ameisen.
Kenneth wischte mit seinen dunklen Gummihandschuhen ein paar Insekten vom Torso. Alle im Zelt schwiegen, nur das Klicken der Kamera des forensischen Fotografen war noch zu hören. Emmy wandte den Blick von der Bahre und musste rausgehen. Ihr Magen drehte sich um.
»Krank.«
Das sagte Ulf, der sie draußen in Empfang nahm. Emmy nickte und schluckte.
»Es wird nicht viel Schlaf für uns geben«, fuhr er fort.
Emmy wusste nicht, ob er sich auf das Erlebnis im Zelt bezog oder auf die Arbeitszeiten. Vermutlich beides.
Ulf sah sie an.
»Du blutest schon wieder aus der Nase.«
»Ups.«
Emmy holte eine Papierserviette heraus und drückte sie auf ihre Nasenlöcher.
Ulf legte ihr eine Hand auf die Schulter und schaute in den dunklen Wald.
Plötzlich kam ein Mann aus dem Zelt und spie in hohem Bogen über einen Baumstumpf.
*
An jenem Abend legte sich das gottverlassene Kaff Slagtjärn zur Ruhe, als wäre nichts geschehen. Keine Haustür wurde verschlossen, Fenster blieben halb offen, die gesamte Außenbeleuchtung wurde ausgeschaltet, um Strom zu sparen.
Ein Dorf im Gefühl absoluter Sicherheit, wo Kinder noch in Zelten auf dem Grundstück schlafen durften.
Drinnen in dem kleinen Landhandel saß der Besitzer auf einem einfachen Holzhocker und versuchte, Soll und Haben zusammenzubringen. Es war kein florierendes Geschäft, das er betrieb, der Kundenstamm war gelinde gesagt schmal, aber er hatte den Laden von seiner Großmutter geerbt und wollte ihn so lange betreiben, bis er in Pension ging. Seine Kinder waren ausgezogen, und seine Frau hatte Affären. Aber die hatte sie schon während ihrer ganzen Ehe gehabt, das war also nichts, worüber er sich aufregte. Er hatte sein Geschäft, und sie hatte ihres. Wenn er geahnt hätte, was sich gerade nicht weit entfernt im Wald abspielte, wäre er vielleicht hin- und hergerissen gewesen. Tragödien sind nun mal Tragödien, aber eine Sensation kann auch dem Geschäft dienen. Oder krass ausgedrückt: Mordtouristen steigern den Umsatz.
Aber davon hatte er in diesem Moment ja noch keine Ahnung.
Ebenso wenig wie die beiden Männer, die jeder mit einer Katze am Fußende ins Bett gingen. Sie hatten ihre Atemübungen absolviert und freuten sich auf den nächsten Tag. Es war ihr Hochzeitstag, und sie planten, ihn mit einem kleinen Gartenfest zu feiern. In aller Einfachheit. Ein langer, mit indischen Leckereien gedeckter Tisch, dazu eine Musikanlage, die sanfte Hinduklänge spielen würde. Wenn die Leute tanzen wollten, war auf dem frisch gemähten Rasen Platz dafür.
Doch am nächsten Tag würde dort niemand tanzen.
Auch in dem dunklen Hobbyraum wusste man nicht, was kommen würde. Die zwei halb zerrissenen Hakenkreuzflaggen an der Wand würden auch am Morgen noch hier hängen, aber die Brüder, die sich gerade bei einem saftigen Pornofilm ein paar Lapin Kulta genehmigten, würden von einer Polizeiassistentin geweckt werden. Was sie jetzt noch nicht ahnen konnten.
Ähnlich sah es auch in den anderen Häusern des Dorfes aus: Menschen machten, was sie fast immer machten, und gingen davon aus, dass sie das auch am nächsten Tag tun würden.
Als der Mond hinter einer Wolke verschwand und es über dem Horizont dunkel wurde, legten sich also alle im Dorf nichts Böses ahnend zur Ruhe.
Fast alle.
Die Finger flogen über die Tasten und spielten eine wunderschöne, melodische Etüde. Ein weißhaariger Mann mit schwarzer Brille und langem Ledermantel saß am Klavier. Auf dem Notenständer lag sein weißer Stock. Draußen in dem großen dunklen Saal bewegte sich ein kräftiger Labrador in leisen Kreisen. Mitten in einer verschlungenen Koloratur richtete sich der Mann gerade auf und hob die Hände. Die Töne schwebten in den Raum hinaus. Langsam wandte er den Kopf zur Decke, die Halsmuskeln spannten sich an … und nach ein paar Sekunden sank er wieder zusammen und klappte den Klavierdeckel zu. Der Hund kam angetappt und begann, seine Hand zu lecken.
An diesem Morgen, dem 30. August, benutzte Ulf seinen elektrischen Rasierapparat. Kein Schaum, keine ergonomische Klinge. Er saß im Auto und rasierte sich auf dem Weg zur Polizeizentrale. Im Laufe des Tages sollte Verstärkung aus Östersund kommen, zwei erfahrene Ermittler, und er wollte nicht allzu verpennt aussehen. Die dunklen Ringe unter den Augen und die etwas graue Hautfarbe reichten schon.
Die ganze Nacht hatten sie an allem gearbeitet, was am dringlichsten war, einen provisorischen Ermittlungsraum eingerichtet, die Fingerabdrücke des Opfers erfolglos durchs Register geschickt und der Gerichtsmedizin eine E-Mail gesandt, um die Obduktion vorzubereiten. Sie hatten zudem die Techniker gebeten, Proben vom Opfer zu nehmen, um diese für eine DNA-Analyse an das Nationale Forensische Zentrum in Linköping schicken zu können. Emmy hatte eine Hundestaffel zusammengerufen, die sich, sobald es hell wurde, in den Wald begeben würde, und Ulf hatte verschiedene Streifenpolizisten beordert, von Haus zu Haus zu gehen und die Dorfbewohner zu befragen. Sie hatten sogar eine Liste gewalttätiger oder bereits früher verurteilter Personen für das ganze Gebiet zusammengestellt. Und schließlich hatten sie eine Reihe von Fotos vom Fundort, vom Ameisenhaufen und der Leiche im Ermittlerraum aufgehängt.
Es war kein schöner Anblick.
Um vier Uhr morgens hatte Ulf die Kollegen für ein paar Stunden Schlaf nach Hause geschickt. Er selbst war die sechs Kilometer zu seinem Haus auf Öhn gefahren. Auf der Brücke über Ströms Vattudal musste er kämpfen, um die Augen offen zu halten. Zu Hause war er komplett angezogen ins Bett gefallen, hatte es gerade noch geschafft, den Wecker zu stellen, und war eingeschlafen. Zu allem Überfluss hatte er es auch noch fertiggebracht, seine Frau Matilda zu wecken, die daraufhin nicht wieder einschlafen konnte. Aber sie wusste schon ungefähr, was während der Nacht passiert war, und nahm es gleichmütig.
Sie war daran gewöhnt.
Nicht an Leichen in Ameisenhaufen, aber an das, was man »unregelmäßige Arbeitszeiten« nannte.
Das alte Gericht in Strömsund ist ein stattliches Gebäude, weiß gekalkt, mit schwarzer Kuppel auf dem Dach und großen Sprossenfenstern. Der Gerichtsbezirk Hammerdal hatte es zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichtet. Nun befand sich dort die Polizeibehörde der Stadt, also Ulf Molin und seine Mitarbeiter. Ein luxuriöser Arbeitsplatz.
Fünf Minuten vor der vereinbarten Zeit bog Ulf auf den Kiesparkplatz ein. Dort standen zwei Autos, die er kannte, und ein unbekanntes. Sind die Leute aus Östersund schon da?, dachte er und eilte ins Haus.
Sie waren schon da.
Emmy auch.
Er war der Letzte.
Kein guter Start, dachte er und wandte sich an die Neuankömmlinge: »Hallo und willkommen.«
Er schüttelte Arnold Lundbäck Spjuth und Bengt Tryman, zwei ziemlich abgebrühten Männern in den Sechzigern, die Hand. Beide hatte er schon im Zuge von Ermittlungen kennengelernt, mit dem einen war er auch schon mal auf die Jagd gegangen. Da alle anderen bereits eine Tasse mit Kaffee in der Hand hatten, ging er selbst und goss sich einen ein.
»Dann sollte ich euch vielleicht erst mal darüber informieren, was …«
»Das hat Emmy gerade schon gemacht«, unterbrach ihn Arnold mit rauer, vom Whisky angefressener Stimme.
»Ach so? Sehr gut.«
Ulf sah Emmy an, die in ihren Kaffeebecher blickte. Bengt hatte seine schwarze Nappajacke über einen Stuhl gehängt. Er hatte graue Haare und eine pockennarbige Haut, die Augen waren von einer Brille mit dunklem Rand eingerahmt.
»Sollen wir weitermachen?«, fragte er.
»Selbstverständlich«, sagte Ulf und vermied es, sich zu setzen. Er wandte sich Emmy zu: »Keine neuen Informationen seit heute Nacht, nehme ich an?«
»Doch. Die Gerichtsmedizin hat zurückgemailt und legt los, sowie die Leiche dort ist.«
»Gut. Wir brauchen Antworten auf ziemlich viel. Die Todesursache, dann wie lange die Leiche in dem Ameisenhaufen gelegen hat, ob der Mord dort vor Ort geschehen ist, mögliche physische Erkennungszeichen, Narben, Beinbrüche, ihr wisst schon … um vielleicht die Identität herauszufinden. Eine Zahnanalyse ist ja nicht möglich.«
»Deshalb habe ich vorhin schon versucht, zur Forensik Kontakt aufzunehmen«, sagte Emmy. »Aber die haben sich noch nicht wieder gemeldet.«
»Und wenn sie es tun, dann erfahren wir ja doch nur, dass sie alle Hände voll zu tun haben und ihre Zeit brauchen und dass alles der Reihenfolge nach gehen muss und bla, bla, bla …« Es war Arnold, der das sagte. Wie schon erwähnt: abgebrüht und entspannt. Er setzte sich neben Bengt, zog ein Tabakpäckchen aus seiner Stoffweste und begann, eine längliche Pfeife zu stopfen.
Hat der vor, hier drinnen zu rauchen?, dachte Ulf.
Was er sagte, war jedoch etwas anderes: »Im Moment ist es so, dass wir die Identität des Opfers nicht kennen. Wir haben keinen Kopf. Keine Kleidung. Niemand ist vermisst gemeldet. Keine sonstigen Beobachtungen.«
»Und wir wissen nicht, ob Fundort und Tatort identisch sind«, fügte Bengt hinzu. »Ob er also auch dort ermordet oder hingefahren worden ist.«
»Das stimmt«, sagte Ulf. »Darauf müssen uns die Gerichtsmediziner eine Antwort geben.«
»Summa summarum wissen wir also im Moment rein gar nichts«, stellte Arnold fest.
»Korrekt.«
Emmy fand die beiden unnötig negativ.
»Aber wir wissen, dass sich mindestens fünf Personen zum Zeitpunkt des Fundes in der Gegend aufgehalten haben«, gab sie zu bedenken. »Der Jäger Larsson, Veronica Forsbrandt, zwei weitere Personen, möglicherweise Beerenpflücker, und vermutlich Gusum Ljunghed. Wenn man allerdings bedenkt, dass das Opfer eine Weile in diesem Ameisenhaufen gelegen hat, dann ist wohl keiner von ihnen akut verdächtig, selbst etwas mit dem Mord zu tun zu haben.«
»Aber wir wissen auch nicht, wann das Opfer da hingelegt worden ist«, entgegnete Arnold und fingerte an seiner Pfeife herum. »Der Mord kann ja früher geschehen sein, und dann hat man die Leiche vielleicht viel später versteckt. Die kann ja ganz woanders gelegen haben und erst gestern dorthin gebracht worden sein.«
»Wer von denen, meinst du, hätte das tun können?«, fragte Ulf.
»Veronica nicht, und Gusum wohl auch kaum«, unterbrach Emmy.
»Und warum nicht?«, fragte Arnold.
»Weil ich sie kenne.«
Ein zweifelhaftes Argument, das aber exakt ihrem Gefühl entsprach.
»Jemand von den anderen dreien könnte es aber ja getan haben«, fuhr sie fort.
Bengt antwortete säuerlich: »Es ist ja wohl kaum anzunehmen, dass der Jäger erst die Leiche in den Ameisenhaufen eingräbt, um dann die Polizei zu rufen und zu sagen, dass sie da liegt, oder?«
»Nein, wahrscheinlich nicht.«
Emmy merkte, wie sie ein wenig rot wurde. Diese Leute aus Östersund hatten eine Attitüde, die sie nervös machte.
»Bleiben also nur noch die Beerenpflücker«, sagte Ulf.
»Können das irgendwelche Thais sein?«, fragte Arnold.
»Nach dem ganzen Theater um deren Arbeitsbedingungen im letzten Jahr haben wir dieses Jahr keine Thailänder hier in der Gegend«, gab Emmy zurück. »Aber es können ja Privatleute gewesen sein. Wir hatten einige aus der Ukraine, das weiß ich. Ich habe den lokalen Radiosender gebeten zu verbreiten, dass wir die Leute, die im Wald gewesen sind, bitten, sich bei uns zu melden.«
»Könnten das welche aus dem Dorf da sein?«, fragte Bengt.
»Slagtjärn?«
»Ja?«
»Ich bin heute Morgen rumgelaufen und habe mehrere Familien befragt«, antwortete Emmy. »Keiner von denen war zum fraglichen Zeitpunkt im Wald oder wusste von jemandem, der dort gewesen wäre.«
Ulf sah Emmy an. Heute Morgen? Jetzt war doch Morgen. War sie zu nachtschlafender Zeit im Dorf rumgelaufen und hatte Leute geweckt? Dann hatte sie selbst ja vermutlich keine Sekunde geschlafen.
»Leute können aber auch lügen«, meinte Emmy.
»Vor allen Dingen, wenn sie einen Mord verbergen wollen«, fügte Arnold hinzu und entblößte grinsend seine nikotingelben Zähne. »Ich schlage vor, dass wir die Unternehmen, die mit Beerenpflückern aus der Gegend zusammenarbeiten, kontaktieren und nachfragen, ob sie gestern hier im Wald Leute hatten. Und nun gedenke ich, eine Rauchpause zu machen.«
Arnold stand auf, und Bengt folgte ihm.
»Ihr könnt ja solange schon mal die Adressen der Unternehmen raussuchen«, sagte er. »Es könnte immerhin auch ein Pflücker sein, der da im Ameisenhaufen gelegen hat.«
Beide verließen den Raum.
»Das wird ja richtig nett werden mit denen«, sagte Emmy.
»Was meinst du damit?«
»Nichts.«
»Was hast du denn den Dorfbewohnern gesagt, als du herumgegangen bist und sie befragt hast?«
»Ich hab nur gesagt, dass ich Informationen zu Ermittlungszwecken brauche.«
Emmy ging zur Wand hinter dem Schreibtisch und betrachtete die Bilder. Ihr Blick blieb an einer Nahaufnahme des verstümmelten und verletzten Torsos, übersät von gelbbraunen Wunden, hängen.
»Wir müssen den Kopf finden«, sagte sie leise.
»Und wenn wir ihn nicht finden?«, fragte Ulf und setzte sich endlich hin.
*
Gestern Vormittag ist in einem Waldgebiet bei Slagtjärn in Jämtland eine tote Person aufgefunden worden. Alles deutet darauf hin, dass sie gewaltsam ums Leben gebracht wurde. Die Polizei hat ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, über die Identität des Opfers liegen jedoch offenbar noch keine Informationen vor.
Die Nachricht von der Leiche hatte gegen Mittag die Runde gemacht, und bis zum Abend wussten die meisten im Dorf, was passiert war. Das Pärchen, das seinen Hochzeitstag feiern wollte, hatte das Fest abgesagt und sich zu der Gruppe Menschen vor dem kleinen Landhandel gesellt, eine rasch wachsende Schar schockierter und ängstlicher Dorfbewohner. Eine ältere Frau weinte und wischte sich mit ihrem gestrickten Halstuch das Gesicht ab.
»Eine Leiche, hier?«
»Müssen wir jetzt die Türen abschließen?«
»Was sollen wir den Kindern sagen?«
Die Stimmen kamen aus unterschiedlichen Richtungen der Gruppe, leise, als ob es Ohren gäbe, die lauschen könnten. Der rundliche Besitzer des Landhandels, Kent Hartmann, kam mit einer Thermoskanne Kaffee heraus und teilte Pappbecher aus. Die meisten streckten eine Hand hin.
Noch wusste niemand, dass die Leiche in einem Ameisenhaufen gefunden worden war. Auch nicht, dass der Kopf fehlte – eine Information, die sicher die Stimmung noch weiter verschlechtert hätte.
»Was bedeutet es, wenn man gewaltsam ums Leben gebracht wird?«, fragte eine junge Frau im karierten Flanellhemd, Linda Vikberg. »Das heißt doch wohl, dass man getötet wurde, oder?«
»Ja.«
»Ermordet«, verdeutlichte Hartmann und streckte Linda einen Becher hin.
»Es könnte hier also ein Mörder herumlaufen?« Diese Frage stellte ein gebeugter grauhaariger Mann mit buschigen Augenbrauen, Waldemar Enoksson. Er nahm gerne für sich die Bezeichnung »Dorfältester« in Anspruch, obwohl es durchaus Menschen im Dorf gab, die älter waren als er.
»Was heißt denn herumlaufen?«, sagte Hartmann. »Hier im Dorf läuft ja wohl keiner herum. Wenn man jemanden getötet hat, dann verschwindet man doch.«
»Wie können wir das wissen?«, fragte Enoksson.
Er bekam keine Antwort, aber die meisten in der Gruppe schauten sich in unterschiedliche Richtungen um, sahen zur Straße, zu den Häusern, zum Wald. Die Nachricht vom Mord hatte bereits Unsicherheit erzeugt.
Und dabei war seit dem Fund kaum mehr als ein Tag vergangen.
Schon bald würde sich die Wirkung auch auf andere, auf greifbare Weise zeigen. Alarmanlagen würden installiert werden, Fensterhaken ausgewechselt, aus den Werkzeugschuppen würden Äxte geholt werden und Waffen griffbereit platziert – in dieser Gegend lag den Menschen die Jagd im Blut, und die meisten besaßen mehrere Gewehre.
So verwandelte sich Slagtjärn von diesem Abend an von einer vertrauensvollen Gemeinschaft in ein wachsames und verängstigtes Dorf.
Oskar Molin strich sich mit einem Finger über die Oberlippe, eine unbewusste Geste, die er machte, wenn er nachdachte. Er war der stellvertretende Chef der NOA, der Nationalen Operativen Abteilung bei der Polizei. Außerdem war er der Vater von Ulf Molin. Das war einer der Gründe, warum er jetzt gerade in seinem Büro saß und einen internen Bericht über das las, was die Medien den »Ameisenhaufenmord« getauft hatten. Je mehr er las, desto häufiger schüttelte er den Kopf. Nicht heftig, sondern eher bekümmert. Die Ermittlung lief jetzt seit einer Woche und schien auf der Stelle zu treten. Am Ende nahm er das Handy und rief seinen Sohn an.
»Hallo, Ulf. Wie läuft es für dich?«
»Mit der Ermittlung?«
»Ja. Was sonst?«
Ulf reagierte kaum. Der Vater war nicht übertrieben oder eigentlich überhaupt nicht an seinem Privatleben interessiert. Aber er verfolgte die polizeiliche Entwicklung seines Sohnes. Das lag ja in den Genen.
»Na ja«, sagte Ulf. »Ich weiß nicht, wie viel du …«
»Ich habe eben einen Bericht gelesen. Es scheint kompliziert zu sein.«
»Ja. Es ist schwierig vorwärtszukommen, wir haben nicht viel, womit wir arbeiten können.«
»Wie funktioniert es mit Arnold und Bengt?«
»Gut.«
Eine kurze Antwort, die Molin der Ältere als höflich interpretierte. Er hatte selbst schon einige Male mit den beiden Ermittlern aus Östersund zu tun gehabt und wusste, dass es sich um recht eigensinnige Herren handelte. Kompetent, aber nicht sonderlich kooperativ. Die fuhren oft ihr eigenes Ding, und es fiel ihnen schwer, Anregungen aus der Umgebung anzunehmen. Was Molin bei mehreren Gelegenheiten schon geärgert hatte und auch ein Grund war, warum er jetzt sagte: »Vielleicht sollten wir dir zur Verstärkung jemanden von hier schicken. Was hältst du davon?«
»Gerne. Wir nehmen alle Hilfe, die wir kriegen können. Hast du an jemand Bestimmtes gedacht?«
Das hatte Oskar. Sofort. Er dachte an eine seiner eigensinnigsten und furchtlosesten Ermittlerinnen. Olivia Rönning. Die Vorstellung, wie die Typen aus Östersund reagieren würden, wenn Olivia die Bühne betrat, bereitete ihm Vergnügen, aber das war nicht entscheidend. Rönning besaß die Fähigkeit, Lösungen zu sehen, wo andere nur verschlossene Türen sahen. Eine Fähigkeit, die sie von ihrer Mentorin Mette Olsäter übernommen hatte, die wiederum während ihrer aktiven Zeit zu Molins besten Freundinnen gehört hatte.
Also antwortete er: »Olivia Rönning. Du kennst sie doch aus der Polizeihochschule, oder?«
»Ja. Na klar.«
Ulf war, gelinde gesagt, überrascht. Oder eher überrumpelt. Olivia? Er kannte ihr Potenzial, hatte ihre Karriere verfolgt und war mehr als ein Mal sehr beeindruckt gewesen. Dass er während der Zeit an der Hochschule ordentlich in sie verknallt gewesen war, wusste sein Vater nicht, aber der war ja wie gesagt nicht sonderlich an Ulfs Privatleben interessiert. Aber Olivia?
»Hat sie denn überhaupt Zeit?«, fragte er. »Seid ihr da unten nicht rund um die Uhr mit diesen ständigen Gangkonflikten und dem ganzen Scheiß beschäftigt?«
»Das regele ich.«
»Okay. Sie wäre eine gute Verstärkung.«
*
Olivia Rönning hatte sich eben ein fettes Sandwich von Subway reingeschoben und lief jetzt quer durch den Kronobergsparken. Zwischen den Bäumen fegte eine kräftige Windbö durch, sodass sie sich zusammenkrümmte. Sie war auf dem Weg zur Polizeizentrale auf der Bergsgatan und nutzte den Spaziergang, um mit einer ihrer liebsten Kolleginnen, Lisa Hedqvist, zu sprechen. Oder besser gesagt: einer ehemaligen Kollegin. Lisa arbeitete inzwischen bei der Polizei in Kristianstad. Sie hatte sich entschieden, dorthin zu ziehen, um mit ihrer großen Liebe und seiner Tochter zusammenzuleben.
Aber sie sprachen sich fast täglich.
»Und du bist wie immer vollauf beschäftigt?«, fragte Lisa.
»Ja, und noch ein bisschen mehr. Im Moment bin ich dabei, einen Bericht über eine Explosion in einem Einfamilienhaus in Stuvsta zu schreiben.«
»Es nimmt einfach kein Ende.«
»Nein, leider«, stimmte Olivia zu. »Und jetzt haben wir den ganzen Mist auch noch nach Dänemark exportiert. Womöglich wirst du auch mit reingezogen werden.«
»Ich hab’s bereits auf dem Tisch.«
»Sag Bescheid, wenn ihr Hilfe braucht.«
»Versprochen!«
Olivia beendete das Gespräch und betrat die große Eingangshalle.
»Rönning!«
Olivia drehte sich zu den Fahrstühlen um und sah eine Frau in Zivil winken und näher kommen.
»Molin will mit dir sprechen.«
»Jetzt?«
»In seinem Zimmer.«
Im Fahrstuhl nach oben nutzte Olivia die Gelegenheit, ihre Frisur zu richten. Der Wind hatte mit ihren langen dunklen Haaren Orkan gespielt, und immerhin musste sie zu ihrem Chef rein. Sie verließ den Fahrstuhl, ging zu Molins Tür und klopfte. Von drinnen kam keine Reaktion, aber weil er ja unbedingt mit ihr in seinem Zimmer reden wollte, machte sie einfach die Tür auf und trat ein. Molin saß hinter seinem großen Mahagonitisch und hielt ein Handy ans Ohr. Er winkte Olivia herein und bedeutete ihr, sie solle ihm gegenüber Platz nehmen. Das tat sie, und er beendete das Gespräch.
»Hallo, Olivia.«
»Hallo, du wolltest mit mir reden?«
»Ja, du kennst doch meinen Sohn Ulf noch aus der Polizeihochschule, oder?«
»Ja.«
»Er arbeitet jetzt oben in Strömsund und hat diesen Ameisenhaufenmord am Hals. Du weißt davon?«
»Ja, vage.«
»Offensichtlich ist das eine komplizierte Sache, und die brauchen wohl etwas Verstärkung. Hast du gerade viel zu tun?«
»Ja. Warum? Willst du, dass ich da hinfahre?«
»Ja.«
Olivia sah ihren Chef an. Ein Chef, vor dem sie sehr großen Respekt hatte, fast so viel wie vor Mette Olsäter.
Fast.
Und jetzt wollte er sie nach Jämtland schicken.
»Wenn du findest, dass die mich da oben besser gebrauchen können, dann …«
»Darum geht es nicht. Du wirst hier die ganze Zeit gebraucht, aber du weißt ja, manchmal muss ich auch in anderen Ecken ein bisschen helfen.«
»Ja, verstehe. Wann soll ich hochfahren?«
»Morgen?«
»Okay.«
»Vielleicht kannst du kurz Ulf anrufen und dich ein bisschen über die Lage informieren.«
»Mach ich.«
Molin streckte sich nach einem Bündel Papier und reichte es Olivia.
»Hier ist erst mal ein Bericht über die Ermittlung. Du kannst ihn auf der Reise lesen.«
Olivia nahm den Stapel und ging zur Tür, und Molin griff wieder nach seinem Handy.
Sie fuhr mit dem Fahrstuhl ein Stockwerk nach unten und ging in ihr Zimmer. Es war spartanisch möbliert, ein einfaches Wandregal voller Ordner und ein Schreibtisch aus Birkenholz. Und ein einziger Stuhl. Sie arbeitete jetzt alleine und genoss das auch. Natürlich vermisste sie Lisa, und zwar sehr oft, aber wenn die nun mal nicht zur Verfügung stand, dann war es ihr doch lieber, das Zimmer für sich zu haben. Sie setzte sich hinter den Schreibtisch und legte Molins Bericht vor sich hin. Auf der ersten Seite stand die Nummer des Polizeireviers in Strömsund.
»Hallo, hier ist Olivia Rönning von der NOA, ich würde gern Ulf Molin sprechen.«
Es dauerte ein paar Momente, dann hörte sie zum ersten Mal seit vielen Jahren seine Stimme.
»Hallo, Olivia! Hat Papa mit dir gesprochen?«
»Ja.«
»Kannst du es einrichten?«
»Ja.«
»Super«, sagte Ulf.
»Offensichtlich ist es ein schwieriger Fall.«
»Gelinde gesagt. Wir tappen total im Dunkeln, es ist verdammt frustrierend. Aber wenn du hier wärst, könnten wir alle Register ziehen. Wann kommst du?«
»Morgen.«
»Dann hole ich dich in Östersund ab, das geht am schnellsten. Bis dann.«
Damit war das Gespräch auch schon beendet, und Olivia saß noch ein Weilchen mit dem Handy in der Hand da. Ein etwas seltsames Telefonat, fand sie. Extrem effektiv. Nichts von long time no see. Sie fand, Ulf klang gestresst. Vermutlich nicht grundlos. Schließlich schien er sehr einverstanden damit, dass sie raufkam. Sie ließ sich ein wenig im Stuhl sinken und erinnerte sich an die Hochschulzeit. Ulf war ihr als etwas aufdringlich und ziemlich linkisch im Gedächtnis. Nett, aber nicht allzu gut möbliert im Oberstübchen. Im Unterschied zu seinem Vater, Molin dem Älteren.
Vielleicht hat Ulf es auch nicht so leicht gehabt, dachte sie. In den zu großen Schuhen seines Vaters unterwegs, und all das. Vielleicht war das ein Grund dafür, dass er sich bis nach Strömsund zurückgezogen hatte. Das war ja nicht gerade ein Ort, an dem man Karriere machte.
Ihre vorurteilsbeladene Stockholmer Perspektive wurde von anderen Erinnerungen aus der Hochschulzeit unterbrochen. Kurze Splitter mit unbehaglichen Assoziationen. Das hatte alles nichts mit Ulf zu tun, sondern mit dem, was damals als Hausarbeit begann und damit endete, dass sie erfuhr, dass ihre beiden biologischen Eltern ermordet worden waren.
Sie holte sich den Bericht heran.
Jetzt würde sie sich auf Strömsund konzentrieren und auf ein kleines Dorf, das Slagtjärn hieß.
Und auf eine Ermittlung, die nicht vorwärtskam.
*
Arnold stand vor der Polizeizentrale und sog an seiner Pfeife. Die andere Hand hatte er auf eine Schneeschaufel gestützt, die seit dem Winter dort stand. Wahrscheinlich ist es bald wieder so weit, dachte er.
Die niedrig stehende Sonne brannte direkt auf das Gebäude, und er hatte seine Sonnenbrille aufgesetzt. Ein kurzer Blick auf die Uhr zeigte, dass der Arbeitstag sich dem Ende näherte. Er und Bengt pendelten jeden Tag die hundert Kilometer nach Östersund, das waren nette Fahrten. Sie plauderten über dieses und jenes, manchmal über die Ermittlung, aber meistens über anderes. Sie hatten viel Erfahrung darin, alles, was man im Moment nicht ändern konnte, auszublenden. Er klopfte die Pfeife aus und hob den Blick. Bengt streckte den Kopf aus einem der Fenster im ersten Stock.
»Komm mal rauf. Ulf möchte uns was erzählen.«
Arnold begab sich hinauf zum Ermittlungsraum und hoffte, dass ein paar unerwartete Hinweise aus der Bevölkerung eingegangen waren. Sie brauchten wirklich einen Durchbruch. Bengt stand allein mit Ulf im Zimmer.
»Ulf hat mit der NOA gesprochen«, sagte Bengt abwartend.
»Und?«
Arnold wurde verhalten neugierig. War womöglich irgendetwas aufgetaucht, das mit dem Fall hier in Verbindung stand?
»Ich bin ganz Ohr«, sagte er und setzte sich.
»Wir werden Verstärkung bekommen«, erklärte Ulf.
»Aha? Was heißt Verstärkung?«
»Eine Ermittlerin von der NOA.«
Ulf hatte vor diesem Gespräch ordentlich gegraut. Er wusste, dass die ganze Sache nicht unbedingt gut ankommen würde. Die Verstärkung nicht, und noch weniger die Person, die kommen würde.
»Ist das denn wirklich notwendig?«, fragte Arnold. »Glauben die, wir wären nicht kompetent, das hier zu stemmen?«
»Darum geht es nicht. Wir wissen alle drei, dass wir im Moment nicht vorwärtskommen. Die wollen uns einfach nur helfen.«
»Und wen wollen sie raufschicken?«
»Olivia Rönning.«
Das Schweigen, das folgte, war nicht lang, bestätigte aber, was Ulf befürchtet hatte. Die Sache kam nicht gut an.
»Ihr wisst, wer das ist?«, fuhr er fort.
»Ja.«
Bengt und Arnold tauschten Blicke.
»Die schicken also ein junges Mädchen rauf und glauben, dass die den Fall löst?«, fragte Arnold.
»Nein. Sie schicken sie rauf, damit wir eine Ermittlerin mehr haben, die vielleicht mit einem neuen Blick auf das Ganze kommt.«
»Und wer hat das entschieden?«, fragte Bengt.
»Die NOA.«
»Dein Papa?«
»Ja. Hast du ein Problem damit?«
Ulfs Stimme nahm einen scharfen Unterton an, was sowohl Bengt als auch Arnold bemerkte.
»Aha, gut, dann ist es eben so«, sagte Arnold und stand auf.
»Wann kommt sie?«
»Morgen. Außerdem ist sie kein junges Mädchen, sie ist 37 Jahre alt.«
Bengt und Arnold verließen das Zimmer. Ulf stand auf und schaute aus dem Fenster. Das wird nicht leicht werden, dachte er, aber warum sollte es auch?
Er freute sich auf Olivias Ankunft.
*
Ihr Verhältnis hatte sich vertieft, und was anfangs lediglich gegenseitige Anziehung gewesen war, hatte sich zu einer stabilen Beziehung entwickelt. Was dazu geführt hatte, dass Ove Gardman in Olivias Zweizimmerwohnung auf Söder eingezogen war. Ein Arrangement, das beiden sehr gut gefiel. Sie hatten völlig unterschiedliche Berufe, und oft war einer von ihnen wegen irgendeines Auftrags unterwegs. Ove war Meeresbiologe und reiste kreuz und quer durch die Welt, um an unterschiedlichen Symposien teilzunehmen, und Olivia war Kriminalpolizistin mit allem, was das an ständigen Einsätzen bedeutete.
Ihre Beziehung nutzte sich nicht ab.
»Hallo!«
Olivia rief in die Wohnung hinein und hängte gleichzeitig ihre Jacke in der engen Diele auf. Es kam keine Antwort. Das erklärte sich, als sie ins Wohnzimmer weiterging. Ove saß auf dem Sofa zu einem Fernseher an der Wand gebeugt, der sehr laut lief. Auf dem Bildschirm sah sie einen der bekanntesten und spitzfindigsten Kriminologen von ganz Schweden in Nahaufnahme.
»Er redet von diesem Ameisenhaufenmord in Slagtjärn«, erklärte Ove.
Olivia blieb nicht ohne Neugier stehen und sah, wie der Kriminologe sich die Brille auf die Stirn schob.
»Ameisenhaufen als Versteck sind ja ziemlich ungewöhnlich«, sagte er, »um nicht zu sagen: einzigartig. Das muss ein erfindungsreicher Täter sein. Jetzt kenne ich ja nicht alle Details dieses Falls, aber der wird schwer zu lösen sein. Und die örtliche Polizei gehört ja nun auch nicht gerade zu den schärfsten Messern, die wir in der Schublade haben.«
Olivia griff sich die Fernbedienung.
»Ist es in Ordnung, wenn ich das ein paar Minuten ausschalte?«
»Na klar.«
Olivia stellte den Fernseher aus und kroch neben Ove.
»Ich fahre morgen dorthin«, sagte sie.
»Wohin?«
»Nach Slagtjärn. Die NOA muss aushelfen.«
»Schärfere Messer?«
Olivia lächelte. Der Gedanke sagte ihr zu. Schmeicheleinheiten taten immer gut.
»Ja, vielleicht«, erwiderte sie.
»Und warum ausgerechnet du?«
