Schatten über der Casa Speranza - Mia Löw - E-Book

Schatten über der Casa Speranza E-Book

Mia Löw

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Beschreibung

Ein dramatisches Geheimnis, eine alte Schuld und eine neue Liebe in Ligurien Mit dem romantischen Familiengeheimnis-Roman »Schatten über der Casa Speranza« entführt Mia Löw nach Italien, in ein traumhaft schönes Ferienhaus heute und vor 20 Jahren. Seit 14 Jahren versucht Amrei Peters, das Ende ihrer Au-pair-Zeit bei  Familie Podestà zu vergessen – obwohl sie sich an den Abend, der ein  Leben gekostet hat, kaum erinnern kann. Amrei hatte einen Filmriss. Doch Inga, ebenfalls Au-pair-Mädchen, und Amreis Gastbruder Alfredo behaupteten in jener Nacht, sie sei Schuld an dem Vorfall  und tarnten diesen schließlich als Unfall. Als Amrei überraschend  zur Hochzeit von Maria Podestà eingeladen wird, beschließt sie, endlich die Wahrheit zu sagen. Doch in der »Casa Speranza«  an der ligurischen Küste trifft sie nicht nur auf die  Schatten der Vergangenheit, sondern stößt  auf ein erschütterndes Geheimnis ...     Spannend, dramatisch und wunderbar atmosphärisch: Mia Löws Familiengeheimnis-Roman ist die perfekte Urlaubslektüre für alle Italien-Fans.

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Seitenzahl: 620

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Mia Löw

Schatten über der Casa Speranza

Roman

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Seit 14 Jahren versucht Amrei Peters, das Ende ihrer Au-pair-Zeit bei  Familie Podestà zu vergessen – obwohl sie sich an den Abend, der ein  Leben gekostet hat, kaum erinnern kann. Amrei hatte einen Filmriss.

Doch Inga, ebenfalls Au-pair-Mädchen, und Amreis Gastbruder Alfredo behaupteten in jener Nacht, sie sei Schuld an dem Vorfall  und tarnten diesen schließlich als Unfall. Als Amrei überraschend  zur Hochzeit von Maria Podestà eingeladen wird, beschließt sie, endlich die Wahrheit zu sagen.

Doch in der »Casa Speranza«  an der ligurischen Küste trifft sie nicht nur auf die  Schatten der Vergangenheit, sondern stößt  auf ein erschütterndes Geheimnis ...  

Inhaltsübersicht

1. Teil

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

2. Teil

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

51. Kapitel

1. Teil

Die Hochzeit

1

Porto Venere, Juli 2008

Ein gellender Schrei drang an ihr Ohr. Kaum war er verklungen, ging ihr ein weiterer durch Mark und Bein. Sie hatte von einer riesigen glitzernden Schlange geträumt, die sich wie eine Kobra mit gespreiztem Nackenschild bedrohlich vor ihr aufrichtete. Ihr schlimmster Albtraum. War dieser Schrei etwa aus ihrem eigenen Mund gedrungen? Doch da ertönte erneut der Schrei einer Frau, der Tote zum Leben erweckt hätte. Sie aber hatte die Lippen fest aufeinandergepresst. Das war kein Traum.

Zitternd lag sie in ihrem Bett. Jedenfalls glaubte sie das, als sie versuchte, die Augen zu öffnen. Ihre Lider waren bleischwer, und ihre Augen schienen mit Klebstoff verschlossen zu sein. Gegen ihre Schläfen hämmerte ein dumpfer Schmerz. Als sie es endlich geschafft hatte, die Augen wenigstens einen Spalt weit zu öffnen, versuchte sie, sich zu orientieren, ohne sich aufzusetzen. Bis auf das laute Zirpen der Zikaden war plötzlich alles still. Die Singzikaden waren ganz in ihrer Nähe. Das hörte sich anders an als in ihrem Zimmer.

Ich bin nicht in meinem Bett, ich bin draußen bei den Rhododendronbüschen, durchfuhr es sie eiskalt. Die Zikaden dort waren nicht totzukriegen, obwohl der Gärtner ständig versuchte, diese parassiti, wie er lauthals schimpfte, auszurotten. Vor ihrer Zeit in Ligurien hatte sie das Zirpen der Grillen für ein wunderbares Sommergeräusch gehalten. Doch Pedro, der Gärtner, hatte ihr in seinem deutsch-italienischen Kauderwelsch erklärt, dass die parassiti mache alles kapuutt in die Busch. Er hatte ein paar Jahre als Kellner in Deutschland gearbeitet und sprach mit ihr stets Deutsch, obwohl sie perfekt Italienisch konnte.

Der Rhododendron war oben auf der Terrasse vor dem Haus. Sie lag also auf einer der Sonnenliegen. Soweit es ihr im Liegen möglich war, ließ sie ihren Blick vorsichtig schweifen: die Farbe der Liegen, ein Himmelblau, verriet ihr, dass sie tatsächlich auf der Terrasse vor dem Haus lag. Nicht unten am Pool. Dort gab es rote Liegen. Die Signora hasste Unordnung. Jeden Abend stellte der Gärtner die Liegen wieder zurück an die richtigen Plätze.

Aber was machte sie hier unter dem Sternenhimmel im Licht des Vollmondes statt in ihrem Zimmer? Mit einem Stöhnen richtete sie sich auf. Der Kopf wollte ihr schier bersten. Ihr war speiübel, der Mund ausgetrocknet. Ein Frösteln ging durch ihren ganzen Körper. Auf ihren nackten Armen und Beinen bildete sich eine Gänsehaut.

Erschrocken stellte Amrei fest, dass sie nur einen Slip und einen BH trug. Und wenn sie sich nicht täuschte, war ihre Unterwäsche feucht, so als hätte sie damit gebadet. Ein erneutes Frösteln durchrieselte sie. Jetzt erst spürte sie, dass ihr schrecklich kalt war. Sie ließ ihren Blick, soweit sie dazu ohne Schmerzen in der Lage war, schweifen. Ja, sie befand sich auf der Terrasse der Casa Speranza mit dem unvergleichlichen Blick über den Golf der Poeten. Auf den Fliesen neben der Liege lag ein zusammengeknülltes Handtuch. Daneben ihr Kleid. Das Kleid mit den Pailletten, das Amrei für die Abschiedsparty an ihrem letzten Tag in Genua in der Via XX Settembre gekauft hatte. Eigentlich hatte nicht sie dieses schwarze Minikleid ausgesucht, sondern ihre Gastschwester. Amrei hätte viel lieber eines von den weich fallenden Sommerkleidern angezogen, die ihre Polster auf den Hüften vorteilhaft kaschierten. Mach dir nichts draus, pflegte ihre Mutter stets zu sagen, der Babyspeck verschwindet eines Tages wie von selbst. Maria hatte sie zu diesem Kauf überredet. Damit du auf dem Fest die Schönste bist!, hatte sie gesagt.

Erneut ergriff ein Schaudern Amreis ganzen Körper bei dem Gedanken an die gestrige Abschiedsparty für Inga, Leni und sie. Als sie versuchte, sich an Einzelheiten zu erinnern, wurde ihr erneut übel, aber es tauchten keine klaren Bilder vor ihrem inneren Auge auf. Nur die Ankunft am Nachmittag sah sie deutlich vor sich. Die Schwestern Inga und Lena hatten das Au-pair-Jahr in den Familien von Signora Podestàs beiden Brüdern verbracht. Deswegen war die ganze Clique um ihren Gastbruder Alfredo aus Genua zur Abschiedsparty gekommen. Sie waren alle zusammen mit dem Zug nach La Spezia gefahren. Dort hatte sie Pedro mit einem Bus abgeholt und zur Villa gefahren. Allerdings war er danach gleich wieder verschwunden, denn Alfredo hatte ihm deutlich gemacht, dass sie keinen Aufpasser bräuchten.

Amrei hatte nicht gezählt, wie viele sie waren, aber an die zwanzig Gäste waren sie bestimmt gewesen. Sie erinnerte sich dunkel: Die lärmende Schar von Feierwütigen war in die Casa Speranza regelrecht eingefallen. Schon wenig später war der Alkohol in Strömen geflossen. Ihr persönlich wäre es lieber gewesen, wenn Pedro in der Nähe geblieben wäre, denn sie trank weder Alkohol, noch probierte sie das weiße Pulver, das einer von Alfredos Freunden bei jeder Party hervorzauberte und die bildhübschen coolen Begleiterinnen der jungen Männer in kichernde Schulmädchen verwandelte, wenn sie wenig später, die eingerollten Geldscheine noch in der Hand, wieder aus dem Bad zurückkehrten. Wenn Maria dabei war, machte es einen Heidenspaß, über die abgedrehten Mädels, und natürlich auch die Jungs, zu lästern. Aber gestern hatte sie keine Verbündete gehabt. Maria war heute Morgen mit Freunden auf eine Reise nach Neuseeland aufgebrochen, um dort ihren älteren Bruder zu besuchen. Ein Geschenk ihrer Eltern zur bestandenen maturità.

Sie erinnerte sich noch sehr deutlich daran, dass Inga sie abfällig als »Langweilerin« bezeichnet hatte, nachdem Amrei mit Salvi, wie der kleine Salvatore genannt wurde, vom Strand zurückgekehrt war. Der sechsjährige Nachzügler ihrer Gasteltern war ihr Augenstern. Es war ihre Aufgabe, sich um den Jungen zu kümmern. Sie weckte ihn morgens, brachte ihn zur Schule, holte ihn wieder ab und machte Hausaufgaben mit ihm. Und sie hatte ihm im Pool des Ferienhauses das Schwimmen beigebracht. Er war wie der kleine Bruder, den sich das Einzelkind Amrei stets gewünscht hatte. Der Kleine hing an ihr wie eine Klette. Er hatte unbedingt mit zum Ferienhaus gewollt, was Alfredo, seinem älteren Bruder, gar nicht recht gewesen war.

Doch schließlich hatte die Signora ein Machtwort gesprochen und die Anordnung erteilt, ihren Jüngsten mit nach Porto Venere zu nehmen. Amrei hatte ihr versprochen, dass er bei ihr im Zimmer schlafen durfte und sie auf ihn aufpasste. Amrei nahm ihre Verantwortung sehr ernst. Deshalb war sie ja auch, nachdem der Pool mehr und mehr zu einer Partymeile geworden war, mit Salvi zum Strand gegangen und hatte den Tag mit ihm dort verbracht. Sie selbst hatte sich eine solche Abschiedsorgie auf keinen Fall gewünscht, aber die anderen hatten darauf bestanden, ihren Abschied im Sommerhaus mit allem, was dazugehörte, was auch immer das heißen mochte, zu feiern. Auf jeden Fall ohne die Eltern. Sie hätte das Ende ihres Italienjahrs viel lieber allein mit der Familie Podestà verbracht …

Das Hämmern in ihrem Kopf wurde unerträglich. Sie griff sich an die Schläfen und presste ihre Finger dagegen, aber das brachte keine Linderung. Im Gegenteil. Sie ließ den Kopf zurück auf die Liege sinken.

In dem Moment hörte sie aufgeregte Stimmen, die immer näher kamen und plötzlich auf sie einredeten.

»Du musst weg!«, fuhr die blonde Inga sie grob an und schüttelte sie, als wäre sie eine Schlackerpuppe. Amrei leistete keinerlei Widerstand, sondern ließ sich willenlos schieben und schubsen.

»Sie muss sofort weg!«, echote Alfredo, bevor er würgte und sich offenbar neben ihrer Liege erbrach.

Amrei wollte protestieren, aber ihr Mund war so trocken, dass sie keinen Ton hervorbrachte, doch da wurde bereits brutal an ihrem Arm gezerrt. »Wir holen jetzt ein Taxi. Dein Zug geht um sieben von La Spezia ab.«

Daran hatte sie gar nicht mehr gedacht. Ihr Zug von La Spezia fuhr tatsächlich in aller Frühe. Sie setzte sich mit einem Ruck auf. »Schon gut … Ich komme ja«, stöhnte sie.

Im Hintergrund sah sie wie hinter einer Nebelwand eine dritte Person auftauchen.

»Komm! Wir holen ihre Sachen!«, befahl Inga.

»Aber seht ihr das nicht? Sie kann nicht aufstehen.« Das war Lenis Stimme. Amrei wollte ihren Namen rufen, sie konnte nicht. Leni sah aus wie ein Gespenst, und ihr Nachthemd klebte ihr am Körper, als ob sie damit gebadet hatte.

Stattdessen hörte Amrei sich selbst verzweifelt nuscheln: »Was is’n?«

Doch da waren Inga und ihre Schwester bereits im Dunkel der Nacht verschwunden. Alfredo blieb bei ihr. Sein sonst eher ebenmäßig brauner Teint hatte im Mondschein die Farbe einer gekalkten Wand. Sie griff nach seiner Hand. »Was is’n?«, wiederholte sie. »Was is’n?«

»Du wirst deinen Zug verpassen«, entgegnete Alfredo mit fremder Stimme.

»Es ist doch noch tiefe Nacht.« Amrei hatte nur einen Wunsch: sich zusammenzurollen und weiterzuschlafen.

»Du irrst, schau über die Bucht. Die Morgendämmerung! Und du musst jetzt mit dem Taxi nach La Spezia.« Er zerrte erneut an ihrem Arm.

Sie setzte sich mit einem Ruck auf. »Aber ich möchte mich noch von Salvi verabschieden.« Salvi? Ein eiskalter Schreck durchfuhr ihre Glieder. Wieso hatte sie nicht in ihrem Zimmer bei ihrem Schützling geschlafen? Sie konnte sich dunkel daran erinnern, wie sie ihn gestern Abend ins Bett gebracht hatte. Nachdem sie ihm seine Lieblingspizza zubereitet hatte. Es war gar nicht so leicht gewesen, sich dort in der Küche am Herd ein Plätzchen zum Kochen zu ergattern. Das Partyvolk war überall im Haus. In der Küche war eine Bikinischönheit damit beschäftigt, Focaccia-Brote mit Tomaten und Pesto zu belegen, um sie in den Ofen zu schieben. Amrei hatte große Mühe, sie darum zu bitten, ihr für einen Augenblick die Arbeitsplatte und den Ofen zu überlassen.

»Ach, du bist das Kindermädchen. Kannst du die Brote bitte danach fertig machen? Wir brauchen an die dreißig Stück«, hatte die Frau sie mit schwerer Zunge gefragt.

Amrei hatte nur energisch mit dem Kopf geschüttelt und sich dann mit der fertigen Pizza und ihrem Schützling ins obere Stockwerk geflüchtet. Aber auch dort war die Party voll im Gange, was ihr nicht zuletzt das laute Stöhnen, das aus diversen Zimmern drang, verriet. Auch in ihrem Zimmer wollte sich gerade ein knutschendes Paar niederlassen. Die beiden waren nicht erfreut, als sie unmissverständlich auf den Flur hinauskomplimentiert wurden. Amrei hatte über eine Stunde gebraucht, um Salvi nach dem Abendessen in den Schlaf zu lesen und zu singen. Sie hatte noch überlegt, ob sie einfach ihrer eigenen Party fernbleiben sollte, aber dann war Alfredo gekommen und hatte sie gebeten mitzufeiern. Schließlich fände die Party nur ihr zuliebe statt. Sie erinnerte sich, dass sie ihr neues Kleid angezogen und das Zimmer verlassen hatte, nachdem sie dem schlafenden Salvatore einen Kuss auf die Stirn gegeben hatte. Ihn zu verlassen, fiel ihr am allerschwersten nach diesem Jahr in Italien …

»Ich möchte mich von Salvi verabschieden«, wiederholte sie.

»Der schläft«, gab Alfredo unwirsch zurück.

»Ich will ihm nur ein Küsschen zum Abschied geben«, flehte sie. »Ohne Salvi noch einmal zu sehen, rühre ich mich nicht vom Fleck!«

»Verdammt, du hast es so gewollt!«, zischte er. »Dann komm!« Rücksichtslos riss Alfredo Amrei am Arm empor und führte sie wie eine Gefangene vor sich her die Treppen hinab bis zum Pool. Dort auf den Fliesen lag etwas. Beim Näherkommen erkannte sie, dass es ein Körper war. Der Körper eines Kindes. Mit einem Aufschrei stürzte sich Amrei auf Salvatores leblosen Körper, wollte ihn schütteln, wieder zum Leben erwecken, aber da hatte Alfredo sie bereits von ihm weggerissen und seine Hand unsanft auf ihren Mund gepresst.

»Jetzt reiß dich zusammen. Musst ja nicht gleich das ganze Haus wecken. Wir wollen dir nur helfen. Es ist alles deine Schuld. Du bist mit ihm schwimmen gegangen mitten in der Nacht und hast ihn dann einfach seinem Schicksal überlassen. Er ist ertrunken. Mein geliebter kleiner Bruder …« Seine Stimme brach, und er schluchzte laut auf.

Amrei spürte nichts mehr. Weder ihren ausgekühlten Körper noch ihr Inneres. Sie hatte nur einen Wunsch: so tot zu sein wie der kleine Kerl da auf den Fliesen. In einem fernen Winkel ihres Hirns begriff sie, dass er tot war und dass es ihre Schuld war.

Sie begann heftig zu zittern. Ihre Gliedmaßen zuckten willenlos. Sie spürte, dass man ihr etwas um die Schultern legte, aber das richtete nichts gegen die eisige Kälte aus, die ihren Körper erstarren ließ.

»Hör zu, Amrei! Es wird keiner erfahren, dass du die Schuld hast. Wir schweigen und bringen dich von hier weg, sodass dich keiner zu den Vorfällen befragen kann. Dann sieht es wie ein Unfall aus. Verstehst du mich?«

Erneut schüttelte er sie und hielt ihr Gesicht so in seinen Händen, dass sie seinem Blick nicht ausweichen konnte. »Hörst du? Du warst schon im Zug, als das Unglück passiert ist. Wiederhole, was ich gesagt habe.«

»Ich war schon im Zug, als das Unglück passiert ist«, echote sie, aber der Sinn seiner Worte wollte sich ihr nicht erschließen.

»Ich muss es deinen Eltern sagen!«

»Bist du verrückt? Die zeigen dich an. Man macht dir einen Prozess! Das Taxi kommt in einer Viertelstunde. Bis dahin müssen wir fertig sein.«

In diesem Augenblick kam Inga angerannt. Sie trug Kleidung unter dem Arm. Leni folgte ihr keuchend mit Amreis schwerem Koffer in der Hand. Der alte Koffer, der sich nicht ziehen ließ, weil ihre Mutter das Geld für einen modernen nicht hatte.

»Los, zieh das hier an!« Inga warf Amrei die Sachen hin, die sie sich gestern Abend noch für die heutige Abreise auf den Stuhl neben das Bett gelegt hatte. Ihre Lieblingsjeans, eine kurzärmelige Bluse, ihre neuen Sneakers. Amrei aber starrte wie betäubt auf Salvatores leblosen Körper. Warum trägt er seinen Schlafanzug?, dachte sie, warum hat er einen Schlafanzug an?

»Ist die bescheuert?«, schimpfte Inga. »Wenn sie unsere Hilfe nicht will, dann lass sie doch hier hocken, bis die Polizei kommt! Ist doch ein klarer Fall!«

»Nein!«, entgegnete Alfredo in scharfem Ton. »Wir bringen sie aus der Schusslinie. Jetzt!«

Wieder wurde an Amrei gezerrt, was sie willenlos über sich ergehen ließ. Als Inga ihr die Hose reichte und zischte: »Anziehen!«, folgte sie ihrer Anordnung. Ihr Blick fiel auf Leni, die mit schreckensweit geöffneten Augen zusah, wie Amrei in ihre Kleidung schlüpfte. »Vielleicht sollten wir doch lieber sagen …« Weiter kam Leni nicht, weil Inga sie mit einem harschen »Halt die Schnauze!« zum Schweigen brachte. Lenis Augen füllten sich mit Tränen, aber Amreis Blick schweifte zurück zu dem kleinen Jungen. Schon hatte sie einen Satz auf ihn zugemacht und sich über seinen Körper geworfen. Sie umschlang ihn, rieb seine eiskalten Beine und Arme, während sie auf ihn einredete. »Salvi, wach auf. Komm mit ins Bett. Ich lass dir ein heißes Bad ein.«

Amrei schrie laut auf, als Alfredo mit Gewalt ihre Umklammerung von dem Kind löste. »Halt endlich den Mund!«, herrschte Inga sie an. Amrei verstummte. Sie leistete auch keinen Widerstand, als Inga und Alfredo sie an beiden Seiten fest unterhakten und zur Einfahrt schleppten, wo schon ein Taxi wartete. Leni folgte ihnen schwer atmend mit ihrem Koffer und ihrem Rucksack.

Alfredo schob sie auf den Rücksitz des Wagens. Sie hörte wie von ferne, dass er dem Fahrer sagte: »Ich gebe Ihnen fünfzig Euro mehr, falls sie Ihnen in den Wagen kotzt. Sie ist immer noch betrunken. Bringen Sie sie bitte bis zum Gleis und setzen sie sicher in den Zug nach Milano.«

Bevor er die Autotür von außen zuschlug, hörte sie Lenis Stimme flüstern: »Es tut mir so leid.« Leni ist ein nettes Mädchen, aber sie steht völlig unter der Fuchtel ihrer Schwester, dachte Amrei, bevor ein anderes Bild vor ihrem inneren Auge auftauchte. Sie sah nur noch die Flasche mit der braunen Flüssigkeit und wie sie ihre Hand danach ausstreckte. Sie hatte das ekelhafte Gesöff wie Wasser hinuntergekippt. Danach herrschte Dunkelheit in ihrer Erinnerung. Alfredo hatte recht: Weil sie getrunken hatte, war sie nicht mehr in der Lage gewesen, auf Salvi zu achten. Im Gegenteil, sie hatte ihn mitten in der Nacht in den Pool gezerrt und ertrinken lassen.

Schluchzend verbarg sie ihr Gesicht in den Händen. »Soll ich anhalten? Ist Ihnen schlecht?«, fragte der Taxifahrer, aber sie reagierte nicht, auch nicht, als der Mann ihr am Bahnhof in La Spezia aus dem Wagen half und sie und ihren Koffer kurzerhand am Vorplatz stehen ließ. Inzwischen war es hell geworden, und Amrei spürte nichts, außer dass es wieder so ein heißer Tag wie gestern werden würde.

2

Hamburg, Juni 2022

Amrei liebte ihre Wohnung in der vierten Etage am Paulinenplatz. Auf ihrem Balkon, der zum Hinterhof ging, war es erstaunlich ruhig. Von dem Lärm des belebten Stadtteils St. Pauli drang wenig bis nach oben. Die Wohnung war überdies ideal geschnitten für eine Singlefrau wie sie. Eine große Küche, in der man sitzen konnte, ein geräumiges helles Wohnzimmer, von dem aus man auf den relativ großen Balkon gelangte, und ein kleines Schlafzimmer. Das lag zwar zur Straße hin, aber die Fenster waren jüngst ausgetauscht worden durch Dreifachverglasung. Dafür war die Miete entsprechend gestiegen, aber Amreis Einkommen reichte. Noch jedenfalls. Und das trotz der vergangenen zwei Jahre, in denen Corona auch die Bilanzen von Frauenzeitschriften erheblich durcheinandergebracht hatte. Doch ihren Brotjob in der Online-Redaktion eines überregionalen Blatts hatte sie halten können. Eine sichere Nebeneinnahme war hingegen ausgeblieben: ihre Beiträge für ein Reisemagazin. Finanziell fiel das zwar kaum ins Gewicht, aber inhaltlich. Das war die Arbeit, die ihr Spaß machte: zu schreiben, statt Nachrichten zusammenzuklauben, um sie für das Netz aufzuarbeiten. Vor allem war das weit entfernt von ihren einstigen Zielen. Sie hatte stets davon geträumt, soziale Ungerechtigkeiten aufzuspüren und weltbewegende Themen zu recherchieren, und war dann doch bei Mode, Gesundheit und Promis gelandet. Anfangs hatte sie sich eingeredet, das sei nur ein Einstieg in das Berufsleben, um sicherer zu werden, aber bislang hatte sie den Ausstieg nicht gefunden. Die gelegentlichen Reisereportagen gaben ihr immerhin das Gefühl, etwas Vernünftiges zu tun. Das war zwar nicht der Blick auf die große Politik – auf andere Länder, Menschen und Kulturen hingegen durchaus. Sie vermisste diese Arbeit sehr.

Umso erfreuter war sie, als sie eben im Briefkasten die Anfrage eines Reisemagazins vorgefunden hatte. Den Brief hatte sie noch unten im Flur hektisch überflogen und einen kleinen Luftsprung gemacht, als sie las, dass man sie um Rückruf bat, um Näheres über die gewünschte Reportage mit ihr abzusprechen. Natürlich interessierte es sie brennend, über welches Land sie wohl schreiben sollte, aber sie würde alles nehmen, immer gesetzt den Fall, es wäre mit ihrem Job vereinbar. Eigentlich hätte sie beim Homeoffice bleiben können, weil sie auf diese Weise viel effektiver für die Online-Redaktion arbeiten konnte, aber man verlangte von ihr Präsenz, zumindest drei Tage die Woche.

An diesem Tag lag einige Post im Kasten, was ziemlich ungewöhnlich war, weil sie in der Regel alle Nachrichten per Mail bekam. Sie stopfte die Briefe ungelesen in ihre elegante Fahrradtasche, denn sie hatte erst kürzlich ihren Pkw abgeschafft. Den brauchte sie weder in ihrem Stadtteil noch für den Weg zur Redaktion im Medienhaus. Dafür hatte sie sich ein neues Rad gekauft, das sie nun immer mit in den vierten Stock schleppen musste, damit es nicht geklaut wurde. Aus dem Hausflur wurden selbst Räder und Kinderwagen gestohlen. Aber sie hatte sich ein teures Faltrad geleistet, das sich problemlos treppauf und treppab tragen ließ. Sie war überaus sportlich und trainiert, sodass sie kaum außer Atem geriet, wenn sie oben angekommen war.

Dass das auch anders sein konnte, wurde ihr immer dann bewusst, wenn ihre Mutter zu Besuch kam. Karen – Amrei nannte sie beim Vornamen – schnaufte jedes Mal ganz fürchterlich. Dabei war sie durch ihr Yoga nicht untrainiert und schlank, aber sie rauchte selbst gedrehte Zigaretten in Kette. Als Impfgegnerin versuchte sie stets, Amrei weiszumachen, ihre Kurzatmigkeit käme von der Impfung, zu der man sie gezwungen habe. Amrei war so klug, ihr nicht zu widersprechen und ihr jedes Mal den Raum zu lassen, alles und jeden für ihre Beschwerden verantwortlich zu machen außer ihren schwarzen Tabak. Nicht, weil Amrei die Diskussion scheute, sondern weil mit Karen keine ernsthafte Auseinandersetzung möglich war. Jedenfalls nicht, wenn es um Corona ging.

Seit das Virus nicht nur ihr Leben durcheinandergebracht hatte, lebte sie in einer Amrei völlig fremden Welt und wollte partout keine Gegenargumente ihrer Tochter gelten lassen. Mit dem Ergebnis, dass sie sich im vergangenen Jahr sehr wenig gesehen hatten, weil Amrei von ihr bei Besuchen Tests verlangt hatte, wenn sie frisch von irgendwelchen Großdemonstrationen zurückgekehrt war, was Karen als unfassbare Zumutung und Einschränkung ihrer Bürgerrechte abgelehnt hatte.

Amrei holte sich ein eiskaltes Glas des Weins, eines ligurischen Roséweins, den ihr Vater – den sie, seit sie erwachsen war, nur noch bei seinem Vornamen Marcello nannte – geschickt hatte, aus dem Kühlschrank und setzte sich mit dem Stapel Post auf den Balkon. Sie atmete einmal tief durch. Wenn sie an diesem warmen Sommerabend die Augen schloss und den Duft ihrer Pflanzenpracht einatmete, war das ein Gefühl wie in Griechenland, Spanien und … ja, auch wie in Italien. Es war wie verhext, seit damals versuchte sie, ihr geliebtes Land durch andere Leidenschaften zu ersetzen. Sie war häufig in fremde Länder gereist und hatte wunderbare Berichte über Kreta geschrieben oder über die Provence. Und trotzdem landete sie immer wieder bei italienischem Wein und hatte den Duft der ligurischen Küste immer noch in der Nase. Sie nahm einen Schluck und öffnete die Augen.

Zuoberst lag eine bunte Postkarte aus Indien. Sie freute sich aufrichtig für ihre Mutter, dass sie wieder reisen konnte, und hoffte, dass ihr diese Freiheit auch wieder zu einem freien Denken verhalf. Die Karte musste lange unterwegs gewesen sein, denn Karen war ihres Wissens bereits zurück in Hamburg, hatte sich aber noch nicht bei ihr gemeldet. Schmunzelnd drehte Amrei die Karte um. Sie strotzte nur so vor Superlativen. Der geilste Strand, der beste Guru der Welt und Wahnsinnsmänner … Amrei gönnte es ihrer Mutter.

Als Kind hatte sie oft unter der unkonventionellen Karen gelitten und vor allem unter der Tatsache, dass ihre Mutter zwar wusste, wer Amreis Erzeuger war, ihn aber partout nicht von seiner Vaterschaft in Kenntnis hatte setzen wollen. Das hatte Amrei dann mit vierzehn Jahren selbst in die Hand genommen. Sie war einfach zu ihm an den Comer See gefahren und hatte sich als seine Tochter bei dem italienischen Hotelbesitzer vorgestellt. Er hatte sie sofort als sein Kind akzeptiert – was bei den ausdrucksstarken braunen Augen, die sie von ihm geerbt hatte, auch schwerlich zu leugnen gewesen wäre – und hatte ihr von da ab monatlich Geld überwiesen. Geld, das Karen partout nicht annehmen wollte. Emotional hatte sich allerdings nur eine freundlich zugewandte und keine tiefe Beziehung zwischen Tochter und Vater entwickelt. Dafür hatte seine Frau, eine eifersüchtige Sizilianerin, gesorgt, die das Ergebnis seines Fremdgehens mit der Deutschen schwerlich in ihrer Nähe vertragen konnte, zumal sie selbst kinderlos geblieben war. Amrei hatte sogar ein gewisses Verständnis dafür und nie um mehr Zuwendung bei ihm gebettelt. Stattdessen hatte sie ihre ganz eigene Liebe zu Italien entdeckt. Sie konnte schon mit sechzehn ziemlich gut Italienisch sprechen und war mit ihrer Mutter und deren jeweiligen Begleitern dann jedes Jahr in den Urlaub an die Adria gereist. Zum Campen. Bis auf einmal, als Karen einen vermögenden Freund gehabt hatte. Da waren sie vierzehn Tage in feinen Hotels an der Amalfiküste abgestiegen. Deshalb war es nur konsequent, dass sie nach dem Abitur als Au-pair-Mädchen nach Italien gegangen war.

Wie immer, wenn ihre Gedanken an dieser Stelle angekommen waren, versuchte sie, an etwas anderes zu denken. Das gelang ihr nicht immer. Vor allem kehrte das Verdrängte nachts mit aller Macht in ihren Träumen zurück. Früher hatte sie oft von Schlangen geträumt, heute spielten in ihren Albträumen ertrunkene Kinder die Hauptrolle. Darüber, was Schlangen in der Traumdeutung zu sagen hatten, hatte Amrei einiges gelesen, für die Kinderträume brauchte sie keine Literatur. Sie wusste genau, von welchem Kind sie da träumte, und auch, was die eigene Todesangst zu bedeuten hatte, die sie jedes Mal im Traum beim Anblick des bleichen Kindes überkam. Es war ihre Angst, an ihrem schlechten Gewissen zu ersticken, es war ihre Panik, die Schuld könnte sie eines Tages erwürgen. Wenn sie schweißgebadet mitten in der Nacht aufwachte, tobte in ihrer Seele die reine Hölle. Wenn sie morgens die Jalousien aufzog, ging es ihr besser, und sie konnte wieder frei durchatmen. Das hatte sie ihrer jahrelangen Therapie bei Susan zu verdanken.

Kurz nachdem man sie an der Journalistenschule aufgenommen hatte, war sie seelisch zusammengebrochen. Sie hatte oft unvermittelt ganz bitterlich um den kleinen Jungen geweint. Die fähige Therapeutin hatte ihr schließlich geholfen. Sie war die Einzige, die um ihr Geheimnis wusste. Das Schöne war, Amrei und Susan hatten sich Jahre danach wiedergetroffen, weil Amrei sie für eine Frauenzeitung interviewt hatte. Daraus war eine enge Freundschaft geworden. Die rund fünfzehn Jahre, die Susan älter war als Amrei, spielten keine Rolle. Susan sah nicht nur jünger aus, sie war es auch im Herzen.

Amrei hatte während der vielen Jahre gelegentlich mit dem Gedanken gespielt, ihre Mutter in ihr Geheimnis einzuweihen, aber diesem Impuls stets erfolgreich widerstanden. Natürlich hätte Karen versucht, sie zu trösten, und sicher behauptet, das Ganze habe eine tiefere karmische Bedeutung. Doch Amrei hätte keine derartigen spirituellen Erklärungsmodelle ertragen. Im Gegenteil, ihre Seele krankte daran, dass sie niemals die Verantwortung übernommen hatte. Wie oft hatte sie sich in den vergangenen vierzehn Jahren ausgemalt, nach Genua zu reisen und den Eltern des Jungen die Wahrheit zu sagen. Dass er nicht ertrunken wäre, wenn sie nicht mitten in der Nacht schwer alkoholisiert mit ihm in den Pool gegangen wäre und ihn dort sich selbst überlassen hätte, um ihren Rausch auszuschlafen.

Aber so mutig war sie nicht, obwohl Susan damals die Meinung vertreten hatte, dass sie eine Beichte wahrscheinlich nachhaltig von ihren schrecklichen Schuldgefühlen befreien könnte. Nun, sie hatte auch gesagt, dass sie sich dazu nicht zwingen solle.

Dass ihre Wunden nicht verheilt waren, stand ihr immer dann besonders deutlich vor Augen, wenn wieder einmal eine ihrer Liebesbeziehungen gescheitert war. In neue Beziehungen stürzte sich Amrei gern voller Verve. Das lenkte sie so herrlich von ihren inneren Abgründen ab, aber nach einer Weile passierte jedes Mal das Gleiche: Der Mann wollte mehr von ihr. Nicht körperlich, denn auf dem Gebiet hatte sie keinerlei Probleme, sondern er wollte tiefer in ihre Seele eindringen, aber da hatte bislang jeder auf Granit gebissen. Es gab vielleicht ein oder zwei Männer, die das Zeug gehabt hätten, ihre Mauern mit der Zeit zu durchdringen, doch diese Zeit ließ sie ihnen nicht. Amrei zog bei den ersten Anzeichen, dass die Männer unzufrieden waren, die Reißleine und beendete die Beziehungen. Seit damals waren es genau eine Handvoll Männer gewesen, von denen sie sich vor Ablauf eines Jahres getrennt hatte.

Bei jeder Trennung hatte sich ein gewisses Drama wiederholt. Die Männer hatten sie in der Regel angefleht, ihnen noch eine Chance zu geben, ihr Blumen in die Redaktion gebracht, sie mit Liebesnachrichten bombardiert bis auf Malte, der hatte sie wüst beschimpft. Eisprinzessin mit einem Herzen aus Stahl war eine seiner netteren Bezeichnungen für Amrei gewesen. In diversen Beziehungsforen jedenfalls kursierten immer noch die wildesten Spekulationen über ihre Beziehungsunfähigkeit, natürlich anonym – weil Malte in gewisser Weise besessen war von ihr, aber das berührte sie nicht, obwohl Freunde sie darauf angesprochen hatten. Solange er nur im Netz sein Unwesen trieb und nicht nachts vor ihrer Haustür lauerte, war ihr das gleichgültig. Sie hatte ihn als ihren bislang letzten Fehlgriff abgehakt.

Doch sie war vorsichtiger geworden und hatte sich seitdem nicht mehr auf eine ernsthafte Beziehung eingelassen. Dabei war es nicht so, dass sie sich nicht nach einer großen Liebe sehnen würde, aber sie wusste gar nicht, wie ein Mann, der ihre Mauern würde bezwingen können, sein sollte. Und eines war ihr klar: Sie wollte keine Nähe zu einem Mann, mit dem sie ihr Geheimnis nicht teilen konnte. Und dieses Bedürfnis hatten weder Phillip noch Jan, Markus oder Malte bei ihr ausgelöst. Sie lächelte beschämt in sich hinein bei dem Gedanken, dass ihr der fünfte Name partout nicht einfallen wollte. Das Deprimierende war, dass sie in keinen dieser Männer wirklich verliebt gewesen war. Nach der Pleite mit Malte hatte sie sich fest vorgenommen, ihr Herz nur dann erneut zu öffnen, wenn ein Mann es so tief berührte, wie es ihre erste Liebe getan hatte. Dieser Mann, dessen Namen sie sich nicht einmal zu denken traute – aus lauter Angst, allein der leiseste Gedanke an ihn würde sofort die Geschichte mit seinem kleinen Bruder wieder aufrühren.

Seufzend legte sie die Karte ihrer Mutter beiseite und las noch einmal den Brief der Reiseredaktion und stellte fest, dass sie etwas überlesen hatte. Rufen Sie mich an. Gern nach 18 Uhr unter dieser Nummer. Eine Mobilnummer war handschriftlich hinzugefügt. Amrei überlegte kurz, holte dann ihr Telefon hervor und wählte die Nummer.

Es meldete sich eine Melanie Janson, die hocherfreut über ihren Anruf zu sein schien. »Wie schön, dass Sie sich melden. Wir wollten Ihnen das nicht in den Verlag schicken, weil unsere Hochglanzzeitschrift bei der Konkurrenz erscheint, aber ich habe den Tipp von einer ehemaligen Kollegin von Ihnen bekommen. Sie versicherte mir, dass ich für diesen Reisebericht keine Bessere finden würde …« Ihr Gegenüber holte kurz Luft, und diese Pause nutzte Amrei, um nach dem Namen der Kollegin zu fragen, denn auch im Hinblick auf gute Freunde und Kollegen war sie wählerisch. Doch als sie den Namen ihrer einst engsten Mitarbeiterin Tina hörte, war sie noch offener für dieses Angebot. Tina war eine wirklich gute Freundin, die aber leider zur Konkurrenz nach München gegangen war.

»Für welche meiner Fähigkeiten hat Tina bei Ihnen die Werbetrommel gerührt?«

»Sie schwärmte, dass Sie die besten Reisereportagen schreiben, und ja, ich habe auch schon etwas von Ihnen gelesen über Kreta. Das war sehr hübsch geschrieben, und das Besondere an Ihren Reportagen ist das Herzblut. Man liest förmlich, wie Sie für diese Orte brennen, und das überträgt sich auf die Leser. Deshalb ist diese Sache fast ein Selbstgänger, wenn man Tina Glauben schenkt.«

»Und worüber soll ich schreiben?«, hakte Amrei interessiert nach.

»Über Ligurien, speziell die Riviera di Levante. Wie mir Tina versicherte, sprechen Sie perfekt Italienisch, haben einen italienischen Vater und sogar ein Jahr in Ligurien gelebt.«

Amrei spürte sofort einen Kloß im Hals. Vor Schreck war sie verstummt.

»Kann ich Ihr Schweigen als Freude deuten, dass Sie auf Kosten unseres Magazins nach Ligurien reisen dürfen?«, scherzte die Redakteurin an der anderen Seite der Leitung.

»Wann soll der Artikel fertig sein?«, erkundigte sich Amrei mit belegter Stimme.

»Wir hätten ihn gern schon im August«, erwiderte Melanie Janson.

»Oh, das muss ich erst mit meiner Chefin klären, ob ich im Sommer noch Urlaub bekommen kann. Darf ich Sie wieder anrufen?«

»Ja, sicher«, entgegnete die Redakteurin. Sie konnte ihre Enttäuschung kaum verbergen. Offenbar hatte sie gehofft, dass Amrei in Jubelschreie ausbrechen würde, was sie bei jedem anderen Reiseziel wohl auch getan hätte.

»Könnten Sie mir bis morgen Bescheid geben? Es ist ja doch sehr kurzfristig, und falls Sie mir eine Absage erteilen … Was ich allerdings nicht hoffe!«

»Natürlich. Ich rufe Sie spätestens morgen Abend um dieselbe Zeit an«, versprach Amrei und war erleichtert, nachdem ihr Gegenüber aufgelegt hatte.

Sie nahm einen kräftigen Schluck aus ihrem Glas, während ihre Gedanken wild durcheinanderwirbelten. Für und Wider lieferten sich ein hektisches Kopf-Pingpong. Sie konnte das Geld gut gebrauchen, und die Vorstellung, eine Woche in Ligurien zu verbringen, ließ ihr Herz höherschlagen. Doch dann war da diese Angst, dass vor Ort alles wieder hochkommen würde, was sie selbst im fernen Hamburg nur unter größter mentaler Anstrengung mal besser und mal schlechter zu verdrängen schaffte. Wie sollte das werden, wenn sie an die Orte des Geschehens zurückkehrte? In einem Reisebericht über Ligurien konnte sie schlecht Porto Venere auslassen oder dort die Via Giuseppe Garibaldi umgehen, von der der private Weg zur Casa Speranza abging. Nein, entweder sie mutete sich diese Reise in die Vergangenheit zu, oder sie sagte den Job ab. Dass man ihr so kurzfristig keinen Urlaub geben würde, wäre durchaus eine glaubwürdige Begründung für eine Absage.

Sie wollte noch einen Schluck nehmen, aber ihr Glas war leer. Zum Kühlschrank zu gehen und sich ein zweites einzuschenken, war keine Option für sie. Sie trank grundsätzlich nicht mehr als eins. Sie hatte Jahre nach dem kompletten Filmriss in jener Nacht in Porto Venere gar nichts angerührt, aber neuerdings hatte sie sich angewöhnt, abends nach der Arbeit ein Glas zu trinken. Mehr nicht. Ihre Angst, jemals in ihrem Leben erneut derart die Kontrolle zu verlieren, machte ihr diesen Entschluss leicht. Ihre Kolleginnen machten sich schon lustig über sie, weil sie Amrei noch nie beschwipst erlebt hatten. Sie hatten diverse Male versucht, sie auszutricksen, doch in dem Punkt war sie sehr achtsam und bemerkte es sofort, wenn ihr halb leeres Glas plötzlich wieder voll war. Auch Überredungsversuche nach dem Motto: Aber zwei Gläser schaden nichts, blieben bei ihr erfolglos. Der Nachteil daran war, dass es ihr beim gemeinsamen Feiern mit ihren Freundinnen meist zu später Stunde langweilig wurde, wenn die ansonsten klugen Frauen nur noch Unsinn von sich gaben und sich albern bewegten.

Zur Ablenkung von der schwierigen Entscheidung, ob sie über ihren Schatten springen sollte oder nicht, nahm sie sich die weitere Post vor. Es waren alles Rechnungen. Bei dem Preis der neuen Espressomaschine wurde ihr leicht mulmig zumute. Allein, um diese ohne schlechtes Gewissen zu benutzen, wäre eine zusätzliche Einnahme sinnvoll. Natürlich konnte sie jederzeit ihren Vater um Geld bitten, aber als sie nach Abschluss der Journalistenschule ihren ersten Job bei einer Frauenzeitung bekommen hatte, hatte sie ihm mitgeteilt, dass sie nun auf eigenen Füßen stand. Er schickte ihr nur noch Geld zum Geburtstag und zu Weihnachten. Gesehen hatte sie ihn wegen Corona seit drei Jahren nicht mehr. Seit dem Drama in Porto Venere vor vierzehn Jahren war sie nach Italien nie weiter als bis zum Comer See gefahren. Das war die magische Grenze, die sie eigentlich nicht hatte überschreiten wollen. Und das mache ich nicht wegen einer Espressomaschine, sagte sie sich entschieden und griff nach dem letzten Umschlag. Er war cremefarben und aus edlem Material. Offenbar eine Einladung, doch wer schickte so etwas heutzutage per Post? Es war kein Absender auf dem Umschlag, aber etwas irritierte sie: die italienische Briefmarke. Da weder ihr Geburtstag noch Weihnachten vor der Tür stand, schien er nicht von ihrem Vater zu sein, der überdies grundsätzlich die Hotelumschläge benutzte.

Der Umschlag sah nicht nur ansprechend aus, sondern er roch auch gut. Ihr Herzschlag beschleunigte sich, als sie den Duft erkannte. Es war unverkennbar das Luxusparfum von Signora Podestà. Ein Klassiker von Xerjoff. Sie schnupperte am Umschlag. Grapefruit und Zitrone, diese Noten waren unverkennbar. Sie hatte diesen speziellen Duft weder vor ihrem Jahr in Italien noch je danach gerochen. Und es war eine Eigenart der Signora, auf ihre privaten Briefe einen Hauch ihres Lieblingsdufts zu sprühen.

Mit zitternden Fingern öffnete Amrei den Umschlag und zog die Karte vorsichtig hervor. Es war das Foto eines jungen Paars im Garten der Villa der Familie Podestà im Genueser Stadtteil Albaro. Sie musste zweimal hingucken, um die strahlende junge Frau zu erkennen. Es war Maria, auch wenn sie ein wenig fremd wirkte. Sie schien etwas fülliger und war erblondet, aber ihre warmen braunen Augen waren unverändert. Außerdem war sie immer noch strahlend schön. Der Mann, der liebevoll den Arm um sie legte, war einen Kopf größer als sie, hatte dunkles volles Haar, einen Dreitagebart und sah aus wie ein männliches Modell. Auf den zweiten Blick aber hatte er eine gewisse Ähnlichkeit mit Massimo, Marias einstigem Schwarm, der sich damals zu Marias großem Kummer mit einer anderen verlobt hatte. Amrei war ihrer Gastschwester eine große Stütze in Sachen Liebeskummer gewesen. Und umgekehrt …

Der Text der Einladung zur Hochzeit ihrer Tochter Maria, die von ihren einstigen Gasteltern, Signora Roberta Podestà und Signor Stefano, stammte, bestätigte ihre Vermutung: Massimo war der Name des Bräutigams. Maria hatte also doch ihren Traummann bekommen, denn dies war ihre Einladung zur Hochzeit der beiden, die in drei Wochen in Genua stattfinden sollte. Amrei ließ die Karte sinken. Es schien ihr wie verhext. Erst das Jobangebot und nun die Einladung. Plötzlich fiel ihr alles wieder ein, als wäre es gestern gewesen: wie Maria und sie einander ihre Herzen ausgeschüttet hatten, weil sie beide in die falschen Männer verliebt waren. Maria in den mit einer anderen Frau verlobten Massimo und Amrei in Marias Bruder Alfredo.

3

Genua, Juli 2007

Amrei war müde und aufgeregt zugleich, als der Zug sich dem Bahnhof von Genua näherte. Sie war bereits seit fünfzehn Stunden unterwegs. In München waren die Schwestern Inga und Leni zugestiegen. Signora Podestà hatte Amrei brieflich davon in Kenntnis gesetzt, dass auch ihre beiden Brüder je ein deutsches Au-pair-Mädchen bei sich aufnehmen würden, und dafür gesorgt, dass sie im Zug von München nach Genua in demselben Abteil saßen.

Zwischen Inga und Amrei war es Abneigung auf den ersten Blick, für Leni empfand sie Sympathie und eine Spur Mitleid, weil diese unübersehbar im Schatten ihrer älteren Schwester stand. Allein, wie sie nicht nur ihren Koffer in die Gepäckablage gehievt hatte, sondern auch den ihrer Schwester. Natürlich war Amrei ihr hilfsbereit zur Hand gegangen, während Inga nach einer kurzen arroganten Begrüßung mit ihrem teuren Smartphone beschäftigt war und Nachrichten versendete. Zugegeben, sie war eine außergewöhnlich hübsche junge Frau, schätzungsweise ein bisschen älter als Amrei. Sie hatte weizenblondes langes Haar, ein schmales Gesicht und einen Mund in Herzform. Dabei war sie groß und schlank, trug einen Minirock und hatte lange schöne und leicht gebräunte Beine. Leni war das ganze Gegenteil ihrer Schwester. Sie war ebenfalls blond, ihr Haar hatte allerdings einen aschfarbenen Ton und wirkte eher struppig. Ihr Gesicht hatte keinen Makel, aber es machte einen faden Eindruck. Leni war nicht übergewichtig, sondern hatte schlicht eine plumpe Ausstrahlung.

Amrei fühlte sich ihr vom ersten Moment an verbunden, weil sie sich mit ihren Röllchen um Hüften und Bauch immer noch für zu dick hielt. Kein Wunder, denn in ihrer Klasse war der Magerwahn ausgebrochen. Amrei hatte alles versucht, um die Kilos purzeln zu lassen, aber sie schaffte es nicht. Nicht zuletzt wegen ihrer Leidenschaft für Eiscreme. Ihre Mutter behauptete hartnäckig, bei ihr sei das mit achtzehn auch so gewesen, und mit zwanzig sei sie wie durch ein Wunder schlank geworden. Amrei wollte nicht so recht an die Prophezeiung ihrer Mutter glauben, denn Karen vertrat manchmal recht seltsame Einstellungen. Sie war Teilhaberin eines Bioladens und steckte ihr knappes Geld in alle möglichen Workshops und Reisen in indische Ashrams. Karen hätte Amrei nach dem Abitur viel lieber mit nach Indien genommen, als sie nach Genua ziehen zu lassen. Verdienen konnte sie dort nicht mehr als ein Taschengeld, aber ihr Vater hatte ihr dringend zugeraten und sich nicht davon abbringen lassen, ihr für das Jahr monatlich fünfhundert Euro auf ihr Konto zu überweisen, damit sie sich in Italien etwas leisten konnte. Er war es auch, der den Kontakt zur Familie Podestà hergestellt hatte, weil Signora Podestà Gast in seinem Hotel am Comer See gewesen und er mit ihr ins Gespräch gekommen war.

Für Amrei war es die Erfüllung eines Traums, ein Jahr in einer italienischen Familie leben zu können. Wäre das Verhältnis zur Frau ihres Vaters nicht so angespannt gewesen, hätte er sie sehr gern bei sich aufgenommen, wie er ihr bedauernd versichert hatte. Doch nun hatte er die Familie des Reeders Podestà für sie gefunden, die einen Palazzo im vornehmen Genueser Stadtteil Albaro und ein Sommerhaus in Porto Venere besaßen. Die Familie hatte vier Kinder: der Älteste, Alessandro, der genau in der Zeit, während der sie in Italien lebte, in Neuseeland studierte und in dessen Zimmer sie wohnen würde, der Zweitälteste, Alfredo, der seit dem Abitur im vergangenen Jahr in der väterlichen Firma arbeitete, Maria, die wie Amrei gerade Abitur gemacht hatte, und das Nesthäkchen, Salvatore, für dessen Betreuung man Amrei engagiert hatte. Eine Aufgabe, auf die sie sich sehr freute, denn sie mochte kleine Kinder. Trotzdem wollte sie weder Lehrerin noch Erzieherin werden, sondern beruflich das tun, was sie am besten konnte: Schreiben. Gleich nach dem Abitur traute sie sich nicht, sich an einer Journalistenschule zu bewerben, aber von dem Jahr in Italien versprach sie sich mehr Selbstbewusstsein. Amrei wirkte eher schüchtern. Dabei war sie nicht besonders ängstlich, sondern wenn sie von etwas überzeugt war, zögerte sie nicht, es in die Tat umzusetzen. Aber sie war zurückhaltend, wenn sie auf fremde Menschen traf, und konnte sehr schweigsam sein.

Mit Leni war das anders. Die beiden hatten sich auf Anhieb verstanden und während der gesamten Fahrt eifrig ausgetauscht. Amrei erfuhr, dass die beiden Schwestern waren und Leni wie sie achtzehn Jahre alt war. Und dass die zwei Jahre ältere Inga nach ihrem Schulabschluss eine Lehre in einer Modefirma begonnen, aber abgebrochen hatte. Ihr Traum war es wohl, später in Mailand zu arbeiten. Sie versprach sich einiges davon, bei der Familie Garibaldi als Au-pair-Mädchen zu arbeiten, weil der Bruder von Signora Podestà, Signor Garibaldi, ein Modehaus führte. Der andere Bruder der Signora arbeitete ebenfalls in der Modebranche; das alles interessierte Leni kein bisschen. Ihre Motivation waren die vier lebhaften italienischen Trüffelhunde der Familie, um die sie sich kümmern sollte.

Das Gespräch der beiden endete abrupt kurz vor Genua, weil Inga sie aufforderte, mit dem Plappern aufzuhören; sie müsse eine wichtige SMS schreiben. Amrei hätte das gern ignoriert, aber Leni verstummte sofort. Und Amrei wollte sich nicht schon am ersten Tag mit dieser Person anlegen. Der Gedanke, dass die Brüder der Signora auch in Genua lebten und man sich wohl in Zukunft öfter über den Weg laufen würde, behagte ihr gar nicht. Sie kannte Mädchen vom Schlag Ingas aus der Klasse. Dort hatte es eine Clique von vier Blondinen gegeben, die sich für etwas Besseres gehalten hatten. Amrei hatte es vorgezogen, Abstand zu ihnen zu halten und sich nicht mit ihnen anzulegen. Sie hatte weder je darum gebuhlt, zu der Clique zu gehören, noch war sie ihnen ein Dorn im Auge gewesen wie andere aus der Klasse.

Von Vorteil war ihr bei dem Ziel, nicht ins Visier der Zicken zu geraten, dass sie keinerlei Interesse an Jungen aus ihrer Schule hatte. Das lag nicht daran, dass sie gar kein Interesse am anderen Geschlecht hatte, sondern an ihrem festen Freund, den sie aus dem Segelverein kannte. Sie war eine leidenschaftliche Seglerin, wobei sie lieber auf der Elbe segelte als auf der Alster. Thees war zwei Jahre älter als sie, leicht übergewichtig, aber ein begnadeter Segler. Er lebte auch nur für dieses Hobby, hatte die Schule vor dem Abitur abgebrochen und machte eine Lehre zum Bootsbauer. Thees war ein bodenständiger junger Mann, der mit Amrei am liebsten eine Hochzeit geplant hätte. Aber sie war unsicher. Sie mochte ihn von Herzen, doch Liebe war das eher nicht, sonst hätte sie ihn nicht vor vollendete Tatsachen gestellt mit ihrem Plan, ein Jahr nach Italien zu gehen. Im Gegenteil, sie hatte gehofft, dass er nicht auf sie warten würde. Und so war es dann auch: Er hatte sich sofort von ihr getrennt, und sie hatte ihn neulich mit einer anderen in einer Jolle vorbeirauschen sehen. Es tat ihr durchaus ein bisschen weh, aber der Schmerz war nicht so groß, dass ihr Herz zu brechen drohte. Karen hatte sie überschwänglich beglückwünscht zu der Entscheidung, ihre Zukunft nicht mit Thees zu planen. In den Augen ihrer Mutter war er ein biederer Langweiler. Am liebsten wäre Amrei allein deshalb mit ihm zusammengeblieben, aber ihre Gefühle reichten nicht für eine derartige Trotzreaktion.

Als der Zugführer ankündigte, dass der nächste Halt Genova P. P. sei, wurde Amrei nervös. Was würde sie in Genua erwarten?

»Was hat der eben gesagt?«, fragte Inga und steckte ihr Telefon in die Tasche.

»Dass wir gleich am Hauptbahnhof sind«, erwiderte Amrei und fragte sich, ob Inga denn gar kein Wort Italienisch verstand.

Inga warf daraufhin ihrer Schwester einen auffordernden Blick zu, ihren Koffer herunterzuholen. Da konnte sich Amrei nicht länger beherrschen. »Ich helfe dir gern bei deinem Koffer. Und du kannst mir bei meinem helfen«, schlug sie Inga vor. Die musterte sie mit einem abschätzigen Blick. »Ich mache das schon«, beeilte sich Leni zu sagen und kümmerte sich erst um Ingas Koffer, dann um ihren eigenen. Amrei half ihr, und so standen die drei Koffer bereit, als der Zug in den Bahnhof von Genua einlief.

»Tragen kannst du ihn schon allein, oder?«, versuchte Amrei zu scherzen, aber Inga zischte nur: »Was mischst du dich überhaupt ein?«

Der Beginn einer wunderbaren Feindschaft, dachte Amrei und nahm sich vor, Inga in den nächsten Monaten möglichst aus dem Weg zu gehen. Es fühlte sich gut an. Als hätte sie damit nachträglich stellvertretend den Klassenzicken doch noch die Meinung gesagt.

Inga würdigte sie keines Blickes mehr. Sie verließen den Zug und begaben sich zum Bahnhofsplatz. Dort sollten sie abgeholt werden. Und tatsächlich, neben dem Eingang standen ein Herr in einer Uniform und ein junger gut aussehender Mann, die auffällig in ihre Richtung sahen.

Als Inga das bemerkte, stolzierte sie auf den jungen Mann zu und flötete: »Sind Sie Francesco Garibaldi, der Sohn meiner Gastfamilie?«

Er setzte ein strahlendes Lächeln auf und antwortete auf Italienisch: »Leider nein, meine Tante und mein Onkel haben einen Chauffeur für Sie geschickt. Ich bin hier, um Signora Peters abzuholen.«

»Was hat er gesagt?«, zischte Inga Amrei ins Ohr. Natürlich erwartete sie von Amrei, dass sie ihr die Antwort diskret ins Ohr flüsterte, aber sie sagte stattdessen laut: »Er sagt, dass er gekommen ist, um mich abzuholen. Eure Gasteltern haben den Chauffeur geschickt.«

»Sie können kein Italienisch?«, fragte er Inga in einer Mischung aus Verwunderung und Mitgefühl. Er sprach offenbar Deutsch.

»Ich werde es hier lernen!«, erwiderte sie mit einem vernichtenden Seitenblick auf Amrei.

Amrei wandte sich an Leni: »Dann wünsche ich dir einen schönen Start in Genua. Wir sehen uns bestimmt bald wieder …«

»Ganz sicher werdet ihr euch sehen. Am Wochenende gibt meine Mutter einen Empfang, und da kommen ihre Brüder, meine Cousins, Cousinen und die drei ragazze aus Deutschland«, mischte sich Alfredo ein, während der Chauffeur die Koffer der Schwestern nahm.

Der junge Mann nahm den von Amrei. »Folgen Sie mich!«, bat er auf holprigem Deutsch.

»Sie können gern Italienisch mit mir sprechen«, erwiderte Amrei. »Deshalb bin ich ja hier, um es zu perfektionieren.«

Er entgegnete ihr begeistert auf Italienisch, dass es daran wohl kaum etwas zu verbessern gäbe.

Die Wagen standen nebeneinander auf dem Parkplatz. Der junge Mann hatte einen Sportwagen mit offenem Dach. Er bat sie galant, sich auf den Beifahrersitz zu setzen, während er ihren Koffer auf dem Rücksitz verstaute. Amrei winkte Leni zu, die ihr schüchtern zunickte. Inga warf ihr indessen einen zornigen Blick zu.

Amrei aber lehnte sich auf dem Beifahrersitz zurück, als der junge Mann losbrauste.

»Ich bin Alfredo«, sagte er, als sie das Meer auftauchen sah.

Während sie die Küstenstraße entlangfuhren, fühlte sie sich wie in einem Film. Alfredo war ein charmanter Plauderer und hatte eine samtige Stimme, die ihr durch und durch ging. Verstohlen betrachtete sie das Profil ihres Chauffeurs, und sie verspürte ein Prickeln im Bauch. Die römische Nase, das ausgeprägte Kinn, alles, was sie sah, gefiel ihr außerordentlich. Und als er vor einer Eisdiele hielt und fragte: »Wollen wir noch ein Eis essen, bevor es in die Höhle der Löwen geht?«, war es um sie geschehen. Sie fühlte das, worauf sie bei Thees vergeblich gewartet hatte: einen Blitz, der sie aus heiterem Himmel traf. Amrei hatte sich in Alfredo verliebt.

4

Hamburg, Juni 2022

Amrei hatte in dieser Nacht wenig geschlafen. Ihr Gedankenkarussell hatte sich so wild im Kreis gedreht, dass sie kaum zur Ruhe gekommen war. Und wenn sie überhaupt eingeschlafen war, hatten wirre Albträume sie bald wieder schweißgebadet erwachen lassen. Und es waren nicht die üblichen Angstträume, die sie bereits kannte. Nein, sie hatte von Alfredo geträumt, aber er war ihr als unheimliches Monster erschienen. Sie bedauerte zutiefst, dass sie gestern so intensiv an ihre erste Begegnung gedacht hatte. Wieso er allerdings in ihren Träumen zum Monster mutierte, konnte sie sich beim besten Willen nicht erklären. Schließlich war er es gewesen, der sie damals aus der Schusslinie gebracht und ins Taxi gesetzt hatte, damit man sie nicht in Verbindung mit Salvatores Tod brachte. An Einzelheiten konnte sie sich nicht erinnern, nur dass er dafür gesorgt hatte, dass sie ihren Zug bekam und verschwand, daran entsann sie sich genau. Aber dass er in ihre Träume als Monster wiederkehrte, nein, das hatte er nicht verdient. Sie hatte zwar darunter gelitten, dass sie insgeheim so entsetzlich verknallt in ihn gewesen war und er sie mehrfach verletzt hatte, aber das machte ihn nicht zu einer Mischung aus einem furchterregenden Yeti und einem Auftragskiller, der sie mit einem Messer verfolgte.

Amrei war froh, als die Nacht vorbei war, und versuchte, sich keine unnötigen Gedanken über den Sinn oder Unsinn ihrer nächtlichen Albträume zu machen, sondern sich auf ihre zu treffende Entscheidung zu konzentrieren. Sie machte sich mit ihrer teuren neuen Espressomaschine, die auch alle anderen Kaffeevariationen herstellen konnte, einen Cappuccino und setzte sich damit an den Küchentisch. Dort nahm sie sich den Block, auf dem sie stets ganz altmodisch ihre Einkaufszettel schrieb, und machte zwei Spalten. Pro und kontra Ligurien. Wobei sie eine Entscheidung bereits getroffen hatte: Wenn sie diesen Auftrag annahm, würde sie auch zu Marias Hochzeit gehen. Wennschon, dennschon!

Auf die Pro-Seite schrieb sie Espressomaschine, womit sie die Bezahlung derselben meinte. Danach fiel ihr erst einmal nichts mehr ein, aber dann füllte sich das Blatt. Allerdings fielen ihr nur Gründe ein, die dafürsprachen, die Reise anzutreten.

Auf der Kontra-Seite standen lediglich zwei Sätze: Ich möchte keine alten Wunden aufreißen. Und: Es könnte schmerzhaft werden, während die andere Seite schier überquoll: Du musst dich endlich stellen. Beende diesen Albtraum. Stelle dich deiner Verantwortung. Sehnsucht nach Ligurien. Wiedersehen mit Alfredo … Letzteres hatte sie allerdings dick durchgestrichen. Und dann folgten jede Mengeberuflicher Gründe, warum sie diese Chance nicht vergeben durfte, wie: Du willst früher oder später bei dieser Zeitschrift eine Festanstellung. Wenn du diese Tür zuschlägst, bist du raus!

Sie brauchte noch ein paar Minuten, um zu begreifen, dass die Würfel gefallen waren: Sie würde sich am Ort des Geschehens ihrem Trauma stellen.

Als Erstes rief sie Melanie Janson an, deren Stein sie förmlich vom Herzen plumpsen hörte. »Wunderbar! Ich freue mich auf Sie. Und wenn wir mit Ihrem Artikel zufrieden sind, gibt es gleich einen Folgeauftrag. Wir planen eine ganze Ausgabe über Italien.«

Normalerweise hätte Amrei Luftsprünge gemacht, aber ihr war immer noch ein wenig mulmig zumute bei dem Gedanken, welchen Preis dieser Auftrag von ihr erforderte. Sie bedankte sich so freudig, wie sie nur konnte, und schrieb sich die Daten heraus, obwohl ihr Melanie Janson gleich den Vertrag mailen würde. Terminlich war das Projekt so ideal, als hätte sie es vorher präzise geplant. Die Woche, für die man ihr die Reisekosten zur Verfügung stellte, begann drei Tage nach der Hochzeit. Es blieb ihr also reichlich Zeit, ihre Angelegenheit in Genua vorher zu erledigen, falls sie wirklich den Mut fassen sollte, der Familie Podestà die Wahrheit zu sagen.

Allein bei dem Gedanken klopfte ihr das Herz bis zum Hals, und sie spürte, dass sie Hilfe brauchte. Natürlich wusste sie, wer ihr am besten würde helfen können. Trotzdem hatte sie Bedenken, Susan anzurufen, weil sie sich dann womöglich wieder wie ihre Patientin fühlen würde. Und das Schöne an ihrer Freundschaft war doch, dass sie inzwischen auf Augenhöhe waren.

Vor lauter Aufregung trank Amrei einen zweiten Cappuccino, anschließend griff sie zu ihrem Handy und tippte Susans Nummer ein. Als die sich völlig verschlafen meldete, warf Amrei einen Blick auf die Küchenuhr und erschrak. Es war noch nicht einmal neun Uhr, was Melanie Janson nicht gestört hatte, aber für Susan, der das Ausschlafen heilig war und die nie vor zehn Uhr Termine vergab, war das garantiert zu früh.

»Sorry, habe ich dich geweckt?«, fragte Amrei deshalb zur Begrüßung.

»Nein, ich wollte gerade aufstehen, denn um zehn Uhr muss ich in der Praxis sein«, knurrte die Freundin.

»Gut, dann können wir auch später telefonieren, wenn dir das lieber ist«, beeilte sich Amrei zu sagen.

»Unsinn! Wenn du so früh anrufst, brennt die Hütte. Was ist passiert?«

Amrei schluckte ein paarmal. Es war verblüffend, wie gut die Freundin sie kannte. Hektisch erklärte sie Susan, was geschehen war. Und sie endete damit, dass sie der Familie am liebsten die Wahrheit sagen würde.

Als sie ihre Schilderung beendet hatte, herrschte zunächst einmal Schweigen, gefolgt von einem tiefen Seufzer. Amrei malte sich schon allerlei aus, was das zu bedeuten hatte, und zwar nur Negatives … Sie legte sich gerade im Kopf eine Entschuldigung zurecht, dass sie die Freundin als Therapeutin missbrauchte, doch Susan kam ihr zuvor. »Und ich habe befürchtet, du hast es wirklich geschafft, die Geschichte zu verdrängen. Glückwunsch zu deiner mutigen Entscheidung!«

»Du … du meinst also, ich soll fahren und die Gelegenheit beim Schopf packen?«, hakte sie aufgeregt nach.

»Unbedingt. Das würde dir sehr guttun. Dann ändert sich vielleicht auch dein Beziehungsleben.«

»Jetzt fang ja nicht an, mich zu analysieren, Frau Doktor«, entgegnete Amrei mit scherzhafter Strenge und spürte, wie sich eine gewisse Erleichterung in ihr breitmachte.

»Nein, das sage ich als Freundin. Was auch immer die Zukunft bringt, es wird dir eine Last von den Schultern nehmen.«

»Und wenn die mich rauswerfen und beschimpfen?«, hakte Amrei vorsichtig nach.

»Dann verlässt du deren Palazzo mit Grandezza und wirst diese Leute niemals wiedersehen. Amrei, das ist vierzehn Jahre her, und du weißt doch gar nicht genau, was passiert ist, weil du diesen Filmriss hast.«

»Ja, aber es ist schlimm genug zu wissen, dass ich den kleinen Kerl mitten in der Nacht aus dem Bett geholt habe und …«

Amrei konnte nicht weitersprechen, weil ihr die Tränen kamen. Sie konnte kaum an Salvi denken, ohne dass sie ihre Schuld an seinem Tod schmerzhaft spürte.

»Ach, Süße, ich finde deinen Plan mutig, und glaube mir, diese Reise wird etwas zum Positiven verändern«, versuchte Susan, sie zu trösten.

Ihre Therapeutenfreundin fand meist die richtigen Worte, dass ihr leichter ums Herz wurde. Aber an diesem Tag funktionierte es nicht. Im Gegenteil, das ganze Drama brach mit aller Macht wie ein plötzliches Unwetter über sie herein.

»Danke für deinen Rat«, entgegnete sie mit fester Stimme. »Ich melde mich.« Dann legte sie hastig auf. Sie wollte nicht, dass sich Susan Sorgen um sie machte. Sie hatte in dieser Sache genug getan. Damals als ihre Therapeutin. Amrei befürchtete, ansonsten würde sie heute nicht dort stehen, wo sie im Leben stand.

Trotzdem kämpfte sie mit heftigen Zweifeln, ob sie wirklich so mutig sein sollte, wie sie es gerade von sich verlangte. Vielleicht wäre es doch besser, den Job zu machen und die Hochzeit abzusagen. Ihr als Profi war es sicher möglich, auch Genua und Porto Venere aus rein beruflicher Sicht zu betrachten … Amrei hatte den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, als ihr das Wort einfiel, das Melanie Janson benutzt hatte, um ihre Reportagen zu beschreiben. Herzblut!

Das war die Antwort auf ihr Gedankenspiel, die Hochzeit abzusagen. Nein, sie würde sich weder feige vor der Verantwortung drücken noch einen blutleeren Artikel abgeben, den sie womöglich aus lauter Angst, in Ligurien von ihren Emotionen überrollt zu werden, verfasste.

Amrei setzte sich im Nachthemd auf den Balkon, nachdem sie sich einen weiteren Espresso gemacht hatte. Es war ein wunderbarer Sommermorgen, und die Tatsache, dass sie, nur im dünnen Hemdchen, selbst im Schatten nicht fror, deutete auf einen neuen heißen Tag hin. Amrei liebte dieses Wetter und verstand nicht, warum so viele Menschen über die Hitze stöhnten außer der Tatsache, dass dies ein untrügliches Zeichen des Klimawandels war.

Sie atmete ein paar Mal tief durch und versuchte etwas, das sie sich seit Jahren untersagte: herauszufinden, was in jener Nacht in der Casa Speranza wirklich geschehen war und was sie zu diesem Irrsinn verleitet hatte, mit Salvi mitten in der Nacht in den Pool zu gehen und ihn dann seinem Schicksal zu überlassen. Warum war er nicht einfach geschwommen wie sonst? Salvi war ein wirklich guter Schwimmer gewesen. Amrei hatte es ihm schließlich beigebracht.

Sosehr sie sich den Kopf über jenen Morgen ihrer hektischen Abreise aus der Casa Speranza zerbrach, ihre Erinnerung gab nicht mehr preis als das Bild, wie Inga und Alfredo sie von der Liege gezerrt und zum Taxi geschleppt hatten. Auch Alfredos Sätze, dass sie mit Salvi mitten in der Nacht im Pool gewesen war, hatten sich ihren Erinnerungen eingebrannt. Genau wie das Bild vom leblosen Körper Salvis auf den kalten Fliesen …

Amrei schlug die Hände vor das Gesicht. Aber warum hatten sie ihr geholfen zu verschwinden? Bei Alfredo konnte sie das wenigstens ansatzweise verstehen. Er war immer nett zu ihr gewesen, ja, manchmal, wenn ihm der Sinn danach gestanden hatte, hatte er sogar mit ihr geflirtet und Komplimente gemacht. Und manchmal waren sie sich auch für einen Moment lang nähergekommen, sodass Amrei hoffte, dass er ihre Gefühle erwiderte, doch das waren nur Träume geblieben. Aber Inga? Warum hatte sie das getan? An Inga hatte sie keine guten Erinnerungen. Im Gegenteil. Dabei war die Zugfahrt von München nach Genua erst der Auftakt gewesen für ihre Abneigung gegen diese Person. Dass Inga nicht nur überheblich und ignorant, sondern auch gefährlich war, hatte sie erst ein paar Tage später zur Willkommensparty für die drei Au-pair-Mädchen in der Villa Podestà bitter erfahren müssen.

5

Genua, August 2007

Das vornehme Stadtviertel Albaro lag östlich vom Stadtzentrum Genuas und besaß mit der Strandpromenade Corso Italia und dem antiken Fischerdorf Boccadasse zwei beliebte Ausflugsziele der Stadt.

Amrei war ein wenig enttäuscht gewesen, als Alfredo an einer viel befahrenen Straße vor einem Haus hielt, das von der Straße her nicht besonders imposant wirkte und auch keinen Blick aufs Meer hatte. In diesem Punkt schien ihr Vater maßlos übertrieben haben. Die Podestàs gehörten, wie er sagte, zur Oberschicht Genuas und seien äußerst wohlhabend. Sie besäßen ein Traumhaus in Albaro … Dass ihr Vater keineswegs zu viel versprochen hatte, erschloss sich Amrei erst, als Alfredo eine Eisenpforte öffnete und einen Weg am Haus entlang hinunter zur Rückseite fuhr. Dort erst entfaltete das Haus seine ganze Pracht. Die Villa war groß und hochherrschaftlich, und die Außenfassade in einem strahlenden und edlen Weiß gestrichen. Offenbar war Alfredo ihr enttäuschter erster Blick nicht entgangen.

»Die Lage an der Via dei Maristi ist nicht die beste, aber das einstige Sommerhaus der Familie Podestà hat mein Urgroßvater in das Wohnhaus der Familie verwandelt, nachdem die Faschisten Albaro ihrem Groß Genua angegliedert hatten«, sagte er mit einem Augenzwinkern, aber da war Amrei schon völlig verzaubert von dem Palazzo, der einen parkähnlichen Garten besaß.