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Mila ist sechsundzwanzig und eigentlich Lehrerin. Doch dann begeht ihre Freundin Polly einen Mord für sie und die beiden flüchten vor der Polizei. Auf ihrer Odyssee geraten Mila und Polly immer wieder an gefährliche Menschen und in lebensbedrohliche Situationen, der Tod scheint sie zu verfolgen. Mit dem wenigen Geld, das Mila mit schlecht bezahlter Schwarzarbeit verdient, halten sie sich über Wasser. Sie leben in Abrisshäusern und brechen oft über Nacht alle Zelte ab, nur um in einer neuen Stadt wieder auf Pollys Fahndungsfotos zu stoßen. Das einzig sichere Versteck und mögliche Endstation ihrer Flucht scheint ein leerstehendes Haus in Schweden zu sein, von dem nur sie beide wissen. Doch nicht allein das Sterben umgibt die Freundinnen wie eine Aura. Etwas Ungreifbares, Rätselhaftes schwebt über den doch so unterschiedlichen Frauen: Ist wirklich allein ihre Freundschaft der Grund für den Zusammenhalt? Der Blick zurück in die gemeinsame Kindheit lüftet ein dunkles Geheimnis, das Mila und Polly untrennbar, auf beinahe obsessive Art, miteinander verbindet. Antje Wagner nimmt die LeserInnen mit auf eine ungewöhnliche Reise in die Tiefen der menschlichen Psyche und stellt auch in diesem Genre ihr literarisches Können unter Beweis.
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Seitenzahl: 238
Veröffentlichungsjahr: 2010
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Die Arbeit an diesem Buch wurde mit dem Erfurter Stadtschreiber-Literaturpreis gefördert, wofür die Autorin sehr herzlich dankt.
Handlung und Personen sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Ereignissen oder Personen wäre rein zufällig.
Erste Auflage der Printausgabe September 2010
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Umschlag und grafische Realisierung von Sergio Vitale unter Verwendung eines Fotos Fotolia (kaputte Scheibe © York).
ISBN 978-3-89656-514-3
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Querverlag GmbH und Salzgeber & Co. Medien GmbH
Mehringdamm 33, 10961 Berlin
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Eine Jeans, ein Pullover, ein T-Shirt, eine Wetterjacke.
Drei Schlüpfer, drei Unterhemden, zwei Paar Socken.
Ein Paar Freizeitschuhe, ein Paar Hausschuhe.
Drei Handtücher, ein Geschirrtuch, zwei Taschentücher.
Ein Teller, eine Schüssel, eine Tasse, eine Kanne, ein Salzstreuer, eine Frischhaltedose, ein Satz Besteck.
Ein Kissen, ein Kissenbezug, zwei Wolldecken, ein Bettlaken, ein Bettdeckenbezug.
Ein Schlafanzug.
„Unterschreiben Sie hier!“
- - -
In Flugzeugen gibt es keine dreizehnte Reihe. Die Deutsche Bahn hat keinen Waggon mit der Nummer 13. Und in keinem der Hotels, in denen ich gearbeitet habe, gab es ein Zimmer 13. Auf das zwölfte folgte gleich das vierzehnte.
Wie seltsam also, dass – als ich von der Kammer komme, wo ich meine Sachen abgegeben und neue bekommen habe, einen ganzen Arm voller fremder Sachen – ich vor einer Tür mit der Nummer 13 stehe. Dass man mir aufschließt. Ich trete ein, die Tür fällt ins Schloss, ich bin allein. Ich werfe die Sachen aufs Bett und gehe sofort hinüber zum Fenster.
Man sieht den Hof, den Rasen, die Wäscherei und die angrenzenden Wirtschaftsgebäude. Darüber der Himmel wie ein aufgehängter Lappen. Kein ruhiges, gleichmäßiges Grau, sondern so ein Drecksgrau. So ein Waschmaschinenabwassergrau, wenn es aus dem Schlauch ins Waschbecken schießt.
Ich drehe mich um. Der Blick hat nicht viel Platz zum Herumstreifen. Zwei mal vier Meter. Ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl, ein schmaler Metallschrank, ein Standregal. Der Boden ist gefliest. Die Fliesen haben die gleiche Farbe wie die Haut starker Raucher.
Polly ist nicht hier. Wäre sie jetzt da, würde sie zuerst die kleine runde Plastikplakette mit der eingestanzten schwarzen 13 von der Tür abmontieren und stattdessen mit Tesa einen Zettel rankleben: 12 A.
Polly fehlt mir. Sie fehlt mir wie verrückt. Ich halte mich am Fensterbrett fest und lege die Stirn gegen die Scheibe. Schließe die Augen. Polly. Polly. Polly.
- - -
Als es klopft, zucke ich zurück und fahre herum. Ich habe nicht einmal Zeit, meinen Gesichtsausdruck zu wechseln, schon geht die Tür auf, und eine Frau, die ich nicht kenne, steht im Raum. Ich wische mir kurz übers Gesicht.
„Milana Helmholz?“
Ich sage nichts, nicke auch nicht, ich sehe sie einfach an.
„Ich bin Frau Hartwig.“ Sie kommt auf mich zu, hebt mir ihre Hand entgegen, drückt meine. „Frau Klemm und Frau Zenker zeigen Ihnen die Bücherei, die Waschküche und die Kantine. Kommen Sie.“
- - -
Der Gang ist beige. Rechts gehen Türen ab. Sie sind klinkenlos und aus Stahl. Es riecht nach Sagrotan.
Die Bücherei besteht aus einer Regalwand. Das Holz ist rissig. Man bleibt mit dem Ärmel hängen, wenn man zu dicht daran vorbeigeht. Die Bücherei ist einmal wöchentlich geöffnet.
Es stehen nur Schmöker drin. Zerlesene Taschenbücher und alte, schwere Schinken. Ich lasse meinen Blick über die Kategorien streifen, die jemand mit Kuli auf gelbe Zettelchen geschrieben und an den Regalbrettern befestigt hat: Heimat. Liebe. Natur.
„Ich bin wegen Betrug hier“, sagt die, die Ilka heißt. Sie erzählt es, ohne dass ich danach gefragt habe. „Sandra wegen schwerer Körperverletzung.“
Ich sehe kurz auf Sandra. Sie ist vielleicht einsfünfundsechzig, hat schwarze Locken, schulterlang, ein fleischiges Gesicht, ihre Augen sind wach und beweglich. Ihr Körper wirkt zusammengestaucht, dicht, schwer. Sandra sieht so aus, als würde da, wo sie hinschlägt, so schnell nichts nachwachsen.
„Es war Notwehr“, sagt Sandra. „Er hat es so hingebogen, als ob ich ihn absichtlich angegriffen hätte.“
„Und … hast du?“, frage ich.
„Erst als sie keine Luft mehr bekommen hat“, sagt Ilka.
An der Leichtigkeit, mit der sie die Sätze hin- und herspringen lassen, merke ich, dass sie dieses Gespräch nur für mich führen. Sie wissen all diese Dinge längst voneinander. Es ist ihre Art, sich vorzustellen. Ihre Art, mich aufzunehmen. Es mir zu erleichtern, hier anzukommen.
Ankommen – das Wort klingt nach einer Reise, die nach Strapazen und Abenteuern endlich dahin führt, wo man hinwollte. Kurz geht mein Blick aus dem Fenster, in den zerwühlten Himmel, rutscht ab und prallt gegen die Mauer, die unser Gelände hier umzieht. Früher war es ein Klostergelände. Aus irgendeinem Grund denke ich Heimat, Liebe, Natur, drehe mich um und sage: „Okay, jetzt die Waschküche.“
Später haben sie mir noch die Kantine gezeigt. „Drei von uns können abwechselnd hier und in der Küche arbeiten“, sagte Sandra.
Ich habe mich mit an ihren Tisch gesetzt, mich den anderen vorstellen lassen. Und wieder haben sie es mir leicht gemacht. Ich musste nur nicken und hin und wieder lächeln.
„Warum bist du hier?“, fragt Ilka plötzlich, als wir nach dem Abendessen durch den Gang gehen. Vor Nummer 13 bleibe ich stehen.
Um neun ist Nachtverschluss, und morgen früh geht es zu Tillmans.
Arbeit ist etwas Seltenes hier, hatte Sandra betont, ein Ausblick. Es gibt nicht viele Werkstätten, die mit Strafvollzugsanstalten zusammenarbeiten. Ich habe Glück, ich habe einen Platz zugeteilt bekommen. Manche Frauen müssen den ganzen Tag in ihrer Zelle hocken. Taschen. Tillmans fertigt Taschen an.
„Mila?“
Ich schrecke zusammen. Sehe sie an. „Ich hab jemanden umgebracht.“
Als ich zum Feierabend die Tür zur Umkleide öffnete, schlug mir eine betäubende Wolke aus Haarspray und Parfum entgegen. Alles war leer. Die anderen Zimmermädchen waren schon weg, ich war die letzte aus der Tagesschicht.
Ich ging quer durch den Raum und öffnete das Fenster. Es war ein deprimierender Apriltag. Der Hotelportier lief neu ankommenden Gästen mit einem Schirm entgegen. Seit morgens regnete es ununterbrochen.
Ich wendete mich ab und knöpfte das mintgrüne Kleid auf. Bevor ich es in den Sack für die Wäscherei warf, nahm ich das weiße Schildchen ab, auf dem Mila stand. In dem daneben stehenden Sack waren saubere Kleider, und ich suchte eins in Größe S heraus, heftete das Schildchen wieder an und hängte das Kleid in den Spind. Wenn man erst am Morgen dazu kam, nach einem Kleid zu suchen, konnte es passieren, dass es keins mehr in der richtigen Größe gab, und man lief den ganzen Tag in einem mintgrünen Sack herum. Was unsere ohnehin schon groteske Kostümierung noch verschlimmerte.
Die Kleider reichten bis zum Knie und wurden vorn mit einer Reihe weißer Plastikknöpfe geschlossen. Es war ein weißes Schürzchen angenäht, das keinerlei Funktion hatte. Es sah nur drollig aus. Puffärmel und ein runder, weißer Kinderkragen – kein Wunder, dass keiner uns Mädchen ernst nahm.
Dabei war unsere Arbeit elementar. Elementarer sogar als die der Hostessen, die uns wie Fußvolk behandelten, sich in der Kantine niemals zu uns setzten und kein Wort an uns richteten, außer wenn sie eine Kippe wollten.
Die Hostessen trugen Tiefrot. Knöchellange, enge Röcke, Hackenschuhe in demselben Farbton, ehrfurchtgebietend weiße Blusen, tiefrote Fliegen. Tiefrot ist eine Farbe, die man nie belächeln würde. Wenn man etwas Tiefrotes von Weitem auf sich zukommen sieht, strafft man sich innerlich.
Die Liftboys trugen Dunkelblau, die Portiers Schwarz und Silber, der Zimmerservice ein diskretes, beflissenes Ocker. Mintgrün hingegen war eine Farbe wie Zuckerwatte, alle Mädchen leuchteten darin weithin, und bis wir in jemandes unmittelbare Nähe kamen, hatte derjenige genug Zeit, seine Gesichtszüge ins Verächtliche oder Anzügliche rutschen zu lassen.
Ich griff nach meinen Sachen vom Morgen. Sie waren immer noch klamm, und ich fröstelte, als ich die Jeans anzog. Am Personaleingang lächelte mir der Pförtner hinter seinem Glasfenster entgegen. Ich gab ihm meine Tasche durch, und er warf nur einen kurzen Blick hinein und schob sie dann zurück. „Bis morgen.“ Ich nickte kurz, wie die anderen Mädchen, die alle kaum Deutsch sprachen. Und ich lächelte, weil alle Mädchen die Pförtner anlächeln.
Als ich die Tür aufstieß, sprühte mir der Regen ins Gesicht. Ich zögerte kurz und blieb stehen, doch dann spürte ich den aufmerksamen Blick des Pförtners im Rücken und trat hinaus. Dieses Zögern, dachte ich, musst du dir endlich abgewöhnen.
Die Pförtner wussten, dass alle Mädchen nach Feierabend über den Boulevard nach Hause schlenderten. Also spannte ich den Schirm auf und schlenderte über den Boulevard. Ich zwang mich, langsam zu laufen und hielt das Lächeln straff. Passte mich dem Gondeln der Touristen an. Schaute in die Schaufensterauslagen. Blieb hin und wieder stehen. Wie alle.
Ich wäre schneller zu Hause, wenn ich den direkten Weg an der Hauptverkehrsstraße entlang nehmen würde, aber es wäre zu einfach, mir zu folgen. Ich hatte mir einen anderen Weg ausgearbeitet.
Nach einer Weile auf dem Boulevard kam ich bei den Arkaden an, glitt aus den Reihen der Flanierenden in eins der Glasmäuler,durchquerte eilig, aber nicht hastig mehrere miteinander verbundene Boutiquen und schlüpfte durch den Westausgang wieder ins Freie. Ich befand mich nun in einer Parallelstraße, die ausschließlich aus Cafés bestand. Fünf davon ließ ich hinter mir, um die Tür zum Café Endlos zu öffnen. Ging durch den Raum in den Hofgarten, an den Bierbänken vorbei, über den Rasen. Zum Hinterausgang. Man kommt überall durch die Liefereingänge hinein oder heraus, man darf nur nicht zögern, auf keinen Fall suchend hin- und herblicken, man muss einfach nur geradeaus gehen, sonst wird das Personal aufmerksam.
Hinter dem Endlos lag eine ruhige Straße mit restaurierten Altbauten und hohen Akazien, die zum Eingang des Stadtparks führte. Dort stand eine Litfasssäule, an der ich schnell vorüber ging. An der Säule klebte ein Plakat mit Pollys Gesicht und ihrer Personenbeschreibung. Ihr schwarzes Haar war damals noch lang. Sie lächelt. Als das Foto gemacht wurde, war die Sache mit Vincent noch nicht passiert.
Wegen dieses Plakats wusste ich, dass sie meine Wohnung durchwühlt hatten, denn das Foto hatte einmal mir gehört. Sie mussten es gefunden haben, zwischen den anderen Sachen, die ich ebenfalls liegengelassen hatte, als wir so überstürzt weg mussten.
Ich nahm die Hauptallee und bog dann in einen der weniger betretenen Nebenwege ein. An einer Gruppe Grauerlen schaute ich aufmerksam nach links und rechts, schob die herunterhängenden Zweige zur Seite und schlüpfte in die Öffnung. Hinter mir schlossen sich die Zweige wieder, und ich befand mich auf einem der alten Parkpfade.
Der Pfad wurde nicht mehr benutzt, zumindest nicht von den Oberstädtern. Die Büsche links und rechts wucherten vor sich hin – eine kraftstrotzende, dunkelgrüne Verwahrlosung. Den Gärtnern schien die Existenz dieses Pfads entgangen zu sein. Dabei war er provozierend sichtbar.
Wenn man von oben schaute, sah der Park adrett und fügsam aus – sein Angebot an Baumgrüppchen, Springbrunnen und kleinen Grotten war in einer das Auge erfreuenden Weise arrangiert –, dennoch wirkte er seltsam blass, geradezu anämisch. Abgesehen von diesem Pfad, eine fast unanständig pralle Ader, die sich durch die aufgeräumte und gestutzte Artigkeit der gesamten Anlage schlängelte. Diese vegetative Hemmungslosigkeit, dieser Lebenswille, der durch nichts gebändigt wurde – jeder Blinde, hatte ich vom zehnten Stock des Hotels aus gedacht, musste das sehen.
Vielleicht aber war dieser Pfad beim Übertragen des alten Parkgrundrisses in einen neuen vom Zeichner einfach vergessen worden. Und was nicht in einem Plan verzeichnet war, wurde auch nicht gesehen, egal wie sehr es in die Augen wucherte.
Zweige krochen über meine Arme, tasteten nach meinem Haar, alles strömte den scharfen Waldgeruch von Wachstum und Zerfall aus, das gefiel mir. Mir gefiel auch das Knacken alter Eicheln unter meinen Füßen. Ich erreichte die Brücke, die über den Fluss führte, der die zwei Teile der Stadt voneinander trennte. Am Ende der Brücke befand sich ein Eisentor, auf dessen Zacken Bierdosen gespießt waren. Ich schob das Tor hinter mir zu und war in der Unterstadt angekommen.
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Seit anderthalb Jahren waren Polly und ich unterwegs. Seit der Sache mit Vincent. Von einer Stadt in die nächste, wir wechselten die Koordinaten wie andere Leute ihre Kleidung, und jedes Mal zogen wir uns tiefer zurück.
Die Unterstadt war ein Labyrinth aus Straßen, die wie Laufmaschen irgendwo anfingen, dünner wurden und zerfaserten. Halbfertige Gebäude hier und da, ausgehobene Fundamente und herumliegende Steinhaufen zeugten von engagierten Bauvorhaben, die jedoch mitten im Prozess abgebrochen worden waren. Als hätten die Architekten dieses Teils der Stadt erst nach Baubeginn bemerkt, dass sie den Plan falsch herum hielten, dass es der Plan einer ganz anderen Stadt oder überhaupt kein Plan war. Sondern die von verwirrend feinen Linien durchzogene, stark vergrößerte Fotografie einer Handfläche vielleicht.
So hatte Polly mir die Unterstadt erklärt.
Polly hatte die Wohnung für uns aufgespürt. Wie jedes Mal. Sie schien Antennen für Signale aus gerade jenen Gegenden zu besitzen, die kein Tourist je zu Gesicht bekam. Gegenden, die die Stadtverwaltung am liebsten vergessen wollte. Die Wohnung lag im Dachgeschoss eines fünfstöckigen Mietshauses in der Rolandsgasse.
Busse oder Straßenbahnen fuhren nicht hierher. Nichts fuhr bis zur Rolandsgasse. Und selbst wenn es Öffentliche gegeben hätte – ich wäre trotzdem jeden Tag zu Fuß gegangen. Zu Fuß konnte ich besser kontrollieren, ob mir jemand folgte.
Das alte Mietshaus hatte etwas Schlossähnliches.
Als wir bei der ersten Besichtigung das schwere Haustor hinter uns geschlossen hatten und unten in der düsteren Eingangshalle standen, hatte ich den Kopf in den Nacken gelegt und die Augen aufgerissen.
„Und?“, hatte Polly gefragt.
„Na ja, es ist nicht gerade das Starlight“, hatte ich schockiert geantwortet.
„Ja, krass, oder? Hier könnte man glatt die zweiten Teile von Die Nacht der lebenden Toten oder Castaway drehen.“
Unsere Stimmen klangen hohl in dem Gebäude. Polly drehte sich um ihre eigene Achse und sah nach oben. „Haaallo“, rief sie, und auch das Echo klang verzerrt. Als würde das Haus seine Schatten um alles Lebendige schlingen, und wäre es nur eine Stimme.
Über steile Treppen ging es zu den Stockwerken, durch deren feuchte Dunkelheit sich Gänge gruben. Wir hatten mit der Taschenlampe hineingeleuchtet, und die Gänge hatten in dem dünnen Licht geschwankt. Manche Wohnungstüren fehlten, und die schwarzen Öffnungen schienen nach dem Licht zu schnappen. Sie strömten einen dumpfen, undefinierbaren Geruch aus. Ein böser Kindertraum von Schloss. Kein Laut darin. Nichts. Das Haus war von Anfang an so still gewesen, als läge es im Sterben. Doch der Tod hauste nur in den unteren Etagen. Wir wohnten oben.
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Ich hatte das Mietshaus erreicht, schaute zu unserem Fenster, das dunkel war, und öffnete dann das Tor. Im Treppenhaus legte ich den Arm vors Gesicht und begann den Aufstieg. Ich ging schnell.
Über die Wände zog sich eine Wolkenlandschaft aus Schimmel, die jetzt, im beginnenden Frühling, eine lebhafte, hellgrüne Färbung annahm. Im Winter, als es noch fror, hatte der Pilz grau und tot ausgesehen, doch nun schien er Kraft aus der ersten, vorsichtigen Wärme zu saugen, tastete sich vorwärts und entfaltete sich zu einem großflächigen Kunstwerk aus Gift.
Im obersten Stockwerk hörte der Schimmel auf. Oben gab es immer frische Luft. Hier reichte der Tod nicht hin, und ich nahm den Arm von Nase und Mund. Der Schlüssel lag in meiner Hand, daumengroßes Metall, schwer und beruhigend, das in der Handfläche warm geworden war.
Ein Schwarm Spatzen flog vor mir auf, so unerwartet, dass ich mich kurz an der Wand festhalten musste. Wenn man in einem Haus ist, und Vögel fliegen vor einem auf, gerät etwas im Kopf ins Wanken. Mein Blick raste den Vögeln hinterher, ins Dachgestühl, das dem Himmel nachgab. Ein Dach, über lange Strecken löchrig wie Spitzenbesatz. Es zerrieselte Tag für Tag in eine immer porösere Schönheit. Unsere Wohnung lag jedoch am Ende des Gangs, dort, wo das Dach noch intakt war. Ich schloss die Tür auf.
„Na endlich“, rief Polly verschlafen aus dem Zimmer, das wir Wohnzimmer nannten. „Ich dachte schon, du hast dich für heute im Starlight eingemietet …“
„Nein, nein. Es gab Ärger mit Rosa“, rief ich zurück und fummelte die Kette vor die Tür. Dann lehnte ich mich dagegen. Zu Hause. Irgendwie.
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Die Dunkelheit in der Wohnung. Kugelsicher, da kam nichts durch. Das Dach hielt. Der Tag war draußen.
Polly gähnte, dann rief sie: „Ich hab was Neues gekocht.“
Ich stieß mich von der Tür ab und knöpfte die Jacke auf. „Ich hatte eigentlich vor, noch ein paar Jahre zu leben“, sagte ich. Da ich die Garderobe im Dunkeln nicht gleich fand, ließ ich die Jacke einfach fallen. Dann streifte ich die Schuhe ab. „Mach doch mal ’ne Kerze an, Polly!“
„Du hast doch gesagt, wir müssen Kerzen sparen“, gab Polly zurück.
„Ja, aber doch nicht so!“
„Also, hör zu“, rief Polly, ohne sich weiter um das Lichtproblem zu kümmern. „Es besteht aus Paprika und Schalotten! Ich hab sie in heißes Öl gelegt, Knoblauch reingetan, mit Muskat gewürzt, einen Schuss Weißwein dazugegeben und Zucker drübergestreut.“
„Gnade …“, stöhnte ich, während ich mich bis zur Kommode vortastete, wo die Taschenlampe liegen musste.
„Dann Milch, Sahne, Pfeffer und Salz“, rief Polly. „Estragon und Pimpinelle. Und Anis! Wie findest du das?“
„Das willst du nicht wirklich wissen.“
Wenn ich arbeiten war, verbrachte Polly den Tag in der Wohnung. Nur Vincent war bei ihr. Die Stunden vertrieb sie sich mit irgendwas, zurzeit mit Kochen.
„Es könnte Paprikotten heißen. Oder klingt das zu sehr nach Kotelett?“
„Es klingt nach Zotten.“
„Na, dann eben Schalottrika.“
Polly erfand Rezepte. Allerdings hatten wir keinen Herd. Polly kochte stattdessen im Kopf.
Die Taschenlampe lag nicht auf der Kommode, und ich tastete jetzt auf dem Boden herum. Mein Rücken schmerzte. Es zog vom Steiß über die Wirbelsäule bis zu den Halssehnen hoch. „Wo ist die verdammte Taschenlampe hin?“
„Keine Ahnung. Vielleicht im Regal?“
„Du kannst doch nicht die ganze Zeit im Dustern hocken!“
„Glaub mir, die Wohnung ist erträglicher, wenn man sie nicht sehen muss“, sagte Polly. „Außerdem kann ich so Orientierung üben. Für den Fall, dass ich mal erblinde.“
Ich stand auf und stieß mir den Kopf an der Garderobe, die die erstaunliche Eigenschaft zu besitzen schien, im Finstern zu wandern. „Toll, gibst du mir Nachhilfe?“ Mit ausgestreckten Armen ging ich ins stockfinstere Wohnzimmer, um das Regal abzutasten.
„Klar, wenn du anrufst!“, rief Polly.
„Wen soll ich anrufen?“
„Jetzt tu doch nicht so …“
- - -
Acht Zimmer pro Schicht waren im Starlight das Soll. Ich hatte dreizehn übernommen. Wegen des Geldes. Dreizehn Zimmer mit Bad und Kochnische, und sobald die Gäste merkten, dass wir Mädchen auch das Geschirr machten, rührten sie den Abwasch nicht mehr an.
Es gab zwei fünfzig pro Zimmer, aber weil der Hotelmanager keine Fragen stellte und mich am Ende der Woche bar auszahlte, hatte ich nicht gefeilscht. Nur mein Rücken machte langsam Probleme. Die Gäste zahlten ein Vermögen für sanfte Nächte, und je teurer der Schlaf ist, desto schwerer sind die Matratzen.
Wenn alles normal lief, schaffte man ein Zimmer in fünfundzwanzig Minuten. Wenn man bestimmte Tricks kannte, reichte sogar eine Viertelstunde. Hatte eine von uns aber Pech, weil sie beim Tricksen erwischt wurde, dann wurde sie überwacht und brauchte eine Stunde.
Zwei fünfzig, und seit zwei Wochen unterschlugen sie mir bei der Abrechnung jedes Mal ein paar Zimmer. Doch ich wusste, dass Rosa dahintersteckte und schwieg.
Rosa. Der Name passte zu ihr wie ein Schleifchen zu einer Viper, und mir war klar, dass sie den Moment herbeisehnte, an dem ich meuterte. Sie stand beim Abrechnen vor mir und sah mich mit schmalen Augen an.
Es hatte angefangen, als Mariza nicht mehr kam, da stand Rosa eines Morgens in der Tür zur Umkleide und sah auf mich. Von allen Mädchen im Raum nur auf mich, und ich dachte: Scheiße.
Wenn sie ein Auge auf dich werfen, weil ihnen irgendwas an dir nicht passt, wenn sie beginnen, Geschmack daran zu finden, dich zu quälen, ist es vorbei. Dann können sie nicht mehr zurück, selbst wenn sie es wollten, keine Ahnung, warum, vielleicht ist das wie bei Kampfhunden, die verbeißen sich in etwas Lebendiges und lassen dann nicht mehr los, du kannst sie anschreien und wegzerren, wie du willst, am Ende hört es auf zu zucken und fällt schlaff zu Boden.
Noch war es nicht so weit.
Noch war Zeit, aber nicht mehr lange. Ich wusste, wie solche Sachen anfingen, und wie es dann weiterging. Wenn ich mich klug verhielt, konnte ich Rosa noch ein wenig hinhalten. Ein paar Tage. Vielleicht sogar ein paar Wochen. Wenn man den Job braucht, lernt man zu pokern. Aber man darf nie den Moment versäumen, an dem man noch passen kann.
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Ich hatte die Taschenlampe gefunden und seufzte erleichtert.
„Also, rufst du nun an oder nicht?“ Polly schien es ernst zu meinen.
„Ich hab keine Ahnung, wovon du redest“, sagte ich leichthin, um sie abzulenken.
Im dünnen Strahl der Lampe kontrollierte ich die Fenster. Die Pappe war fest, nichts hatte sich gelöst, keine Ritze, die klaffte. Ich zündete die Kerzen an.
Die schrägen Wände kamen zum Vorschein. Mein Blick ging zur Wand, an der ein Spiegel lehnte. Die Kerzen spiegelten sich darin und verdoppelten das Licht. Ich hatte ihn, wie die Plastikstühle in der Küche, auf dem Dachboden gefunden. Bis auf eine abgeplatzte Ecke und einen kaum sichtbaren Sprung quer durchs Glas war er völlig in Ordnung. Er hatte einen schönen Rahmen, und nahm man es nicht so genau, verlieh er unserem Zuhause sogar einen Hauch Eleganz.
Der Dachboden. Blitzlichthaft sah ich wieder das winzige, feindselige Gesicht, die glitzernden Augen im Schein der Taschenlampe. Dieses eilige, leise Geräusch, so erschreckend nah an meinen Händen. Eine Art Schleifen. Krallen, die übers Holz strichen. Das Wegtauchen ins Dunkel. Ich wischte mir übers Gesicht, wischte die Erinnerung weg.
Polly schwang die Beine vom Sessel, stand auf und streckte sich. „Wie geht’s Vincent?“, flüsterte ich, dabei war er im Nebenzimmer und konnte uns gar nicht hören.
„Es wird nicht besser“, antwortete Polly genauso leise. „Er schläft den ganzen Tag.“
Dann lief sie an mir vorbei in den Korridor und schnappte sich meine Tasche. Plastikfläschchen fielen auf den Boden, als sie mein Portemonnaie hervorzog. „Hier“, sagte sie und hielt mir einen Zettel hin. „Ruf an.“
Es war kalt im Zimmer, die Heizung ging nicht, meine Zehen krümmten sich auf dem nackten Boden. Im Februar hatten wir einen Gasheizer benutzt, ich hatte ihn billig auf dem Flohmarkt erstanden, aber irgendwas stimmte nicht damit, denn er verlor Gas, während er brannte, und einmal, als er schon seit Stunden lief, wären wir beinah davor eingeschlafen. Seitdem hatte ich ihn nicht mehr angemacht, lieber fror ich mir die Füße blau.
Ich legte den Zettel auf den Tisch und strich ihn glatt. Heftig. Seit Monaten, genau gesagt seit dem dritten August vor einem halben Jahr, an dem ich mich das erste Mal geweigert hatte anzurufen, löcherte Polly mich. Aus irgendeinem Grund war ich wütend.
„Was soll das bringen, Polly?“
„Gewissheit!“
„Wir können nicht dorthin. Das Haus ist garantiert verkauft. Und selbst wenn nicht … ich meine, selbst, wenn alles beim Alten wäre … wir können doch nicht dahin zurückgehen, wo wir … Was, wenn uns jemand erkennt?“
„Feigling. Wer soll uns denn erkennen? Du willst also hier bleiben und verrotten! Zwei Wochen, hast du am Anfang gesagt! Zwei Wochen! Wie lange sind wir schon hier? Über zwei Monate!“ Polly warf sich wieder auf den riesigen Sessel. Die Leute, die einmal hier gewohnt hatten, hatten das Monster wahrscheinlich zurückgelassen, weil man einen Kran gebraucht hätte, um es von der Stelle zu bewegen. Er war hässlich, hatte die Farbe von alter Mettwurst, aber er war intakt und das Einzige in diesem Loch, was bequem war. „Ich fühle mich wie ein Kellerpilz! Fehlt nur noch, dass ich grün werde und Sporen bekomme! – Und Vincent? Denkst du auch an ihn? In der Wohnung hier stirbt er!“
Ich hob den Blick und sah Polly an. „Du würdest also zurückgehen und mit einer Leiche im Keller leben?“
„Im Anbau, nicht im Keller! Und wir müssten nicht in den Anbau gehen.“ Sie sank im Sessel zusammen. „Außerdem hast du das Haus geliebt“, flüsterte sie. „Weißt du das nicht mehr?“
Mein Herz zog sich zusammen. Schnell und leicht wie eine Möwe zog das Bild des Hauses vorbei: die Mauern von Sternmoos bewachsen, die Dielen, an denen man sich so schnell Splitter einzog, die Sonne, die durch alle Räume wanderte, und wir darin. Vielleicht könnte Vincent dort wieder gesund werden.
Ich betrachtete Polly. Ihre Haut sah bleich aus, und irgendwas war mit ihren Augen, sie wirkten zu schwarz, als ob sie zu tief lägen, vielleicht war es diese Wohnung. Polly und Vincent hielten sich den ganzen Tag hier auf. Ohne frische Luft. Ich spürte eine jähe, fast schmerzhafte Reue und ging zu ihr hin. Ich hockte mich vor den Sessel und sagte leise: „Okay, ich rufe an. – Aber was, wenn wieder niemand abhebt, wenn wie immer die automatische Stimme kommt?“
Sie griff nach meiner Hand. „Dann ist das Haus frei. Dann fahren wir zurück.“
Aber so einfach war es nicht.
- - -
In der Küche kramte ich ein paar Tassenportionen Hotel-Kaffee aus meiner Handtasche, machte den kleinen Gaskocher an und stellte den Kessel darauf. Mit Bedauern dachte ich daran, dass Rosa bald meine Tasche zum Feierabend durchsuchen würde. Bei Mariza hatte es auch so angefangen.
Dabei machten es alle Mädchen. Es war normal, die Tütchen aus den Zimmern mitzunehmen. Die meisten Gäste ignorierten sie, genau wie die Duschpröbchen auf der Badkonsole und das arrangierte Obst auf dem Nussholztischchen, und irgendwer musste die Sachen ja verbrauchen. Polly und mir half es, Geld zu sparen. Alle Mädchen taten es, und die Pförtner, die uns am Ausgang kontrollierten, verloren kein Wort darüber. Offiziell aber war es verboten. Was Rosa sehr wohl wusste. Und was Marizas Pech gewesen war.
Es war wie ein Gesetz: Eine war immer dran. Und keine half, wenn es passierte, alle Mädchen senkten den Blick. Ich war genauso gewesen. Ich hatte wie alle anderen geschwiegen, als Mariza nicht mehr kam. Danach hatte ich die Hälfte ihrer Zimmer übernommen.
„Willst du auch Kaffee?“, fragte ich.
„Ja. Mit Rum“, sagte Polly und kam in die Küche. Sie rieb die Hände aneinander. „Mann, ist das kalt! – Na ja, wenigstens sparen wir uns den Kühlschrank.“
Ich füllte das kochende Wasser in zwei Tassen und verrührte das Pulver. Goss je einen Schluck Rum auf, während Polly sich zu mir setzte und ihre Tasse heranzog.
Meine Hände lagen auf dem weißen Plastiktisch, der sich kalt und sauber anfühlte. In die Oberfläche war ein regelmäßiges Muster aus Kreisen geprägt. Ich ließ den Blick schweifen. Ein langer Spalt zog sich durch die Wand, den ich mit Mull zugestopft hatte. Zumindest kostete uns das Ganze keinen Cent.
Immer ging es um Geld. Jeder Cent Trinkgeld, den Rosa übersehen hatte, weil er unter dem Kopfkissen versteckt lag, war ein Zentimeter fort von hier.
Ja, auch ich wollte weg. Ich wollte es genauso sehr wie Polly. Aber in einer anderen Stadt wäre es wieder dasselbe, und das höhlte mich aus. Als wir vor anderthalb Jahren aufgebrochen waren, hatte ich geglaubt, zu irgendeiner späteren Stunde, in irgendeiner ferneren Stadt zu unserem vertrauten Leben zurückkehren zu können. Unser Leben mit einer richtigen Wohnung für Polly und mich. Ich hatte geglaubt, dass wir nur geduldig sein mussten, dass die Misere, in der wir lebten, ein Übergang zu unserem echten Leben war, den wir durchstehen müssten. Und an dieses Bild hatte ich mich geklammert. Aber die Städte wechseln, die Zeit vergeht, das Leben versickert wie Wasser im Ausguss, und plötzlich wird einem klar, dass man einem Phantom nachläuft. Dass das altes Leben nirgends auf einen wartet. Dass es einfach nicht mehr da ist.
Der Übergang war unser Leben. Wechselnde Wohnungen, die ich in Dunkelheit tunkte, um von außen nicht aufzufallen, ein ewiges Flüstern und Verstummen, wechselnde Rosas. Es gab keine Ruhe mehr; es gab nicht einmal eine Atempause. Unser Leben hieß: möglichst schnell einen Job finden, sobald wir in einer anderen Stadt waren. Möglichst viel Geld zur Seite legen. Sich überlegen, wie das Minimum an Dingen aussieht, das man zum Überleben braucht. Es hieß: mit allen Mitteln vermeiden, jemanden kennenzulernen. Sobald sich jemand für uns zu interessieren begann, sich womöglich verliebte, zogen wir weiter. Und Vincent zog mit.
