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»Es gibt nur einen Weg aus der Angst. Und der führt mitten hindurch …« Katrina ist achtzehn, ihre Familie verschwunden, ihr Zuhause zerstört. Geblieben sind nur Fragmente, Schatten von Erinnerungen – und eine unfassbare Wut. Ein verlassenes Haus tief im Wald wird zu Katrinas Zufluchtsort. Als sie beginnt, es zu renovieren, beschleicht sie ein unheimliches Gefühl: Etwas in diesen Mauern scheint sie zu kennen. Stück für Stück enthüllt sich ein Geheimnis, das größer ist, als sie je geahnt hätte. Und bald stellt sich die Frage: Wer ist Katrina wirklich? »Hyde« wurde ausgezeichnet mit dem Phantastik-Preis der Stadt Wetzlar.
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Seitenzahl: 445
Veröffentlichungsjahr: 2025
Antje Wagner
HYDE
Verlier dich nicht
Roman
HELMER
Antje Wagner, geboren 1974, studierte deutsche und amerikanische Literatur- und Kulturwissenschaften und lebt in Hildesheim. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung nahm sie 2012 in den Kanon der 20 besten deutschsprachigen Schriftsteller unter 40 Jahren auf. Im Helmer Verlag erschienen bisher »Unland« (ver.di Literaturpreis), »Schattengesicht« und »Vakuum« (Leipziger Lesekompass) und »Der Schein« unter dem gemeinsamen Pseudonym Ella Blix mit der Autorin Tania Witte.
Die Arbeit an diesem Buch wurde vom Land Niedersachsen und mit einem Schloss-Wiepersdorf-Stipendium gefördert, wofür die Autorin herzlich dankt.
ISBN (E-Book) 978-3-89741-872-1
ISBN (Print) ISBN 978-3-89741-500-3
© 2025 E-Book nach der Originalausgabe
Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach a. Taunus
Alle Rechte vorbehalten
Covergestaltung unter Verwendung einer Illustration von © Andreiuc88 / AdobeStock
Ulrike Helmer Verlag
Klosterhofstr. 3, 65843 Sulzbach a. Taunus
E-Mail: [email protected]
www.ulrike-helmer-verlag.de
Was ist die Ursache für Liebe?
Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass die Liebe nicht verschwindet, wenn der Mensch, dem sie gilt, stirbt. Sie ist immer noch da. Wie das Licht, wenn eine Kerze erlischt. Sie ist in meinem Innern, streift suchend umher, heimatlos, mit wunden Füßen, sehnsüchtigen Händen.
1. KAPITEL
AUF DER STRASSE
Bei jedem Auto hielt ich den Daumen raus, aber alle rauschten nur hupend an mir vorbei. Der Wind zerrte an den dürren Kronen der Bäume am Straßenrand, klatschte mir Schneematsch von den Ästen auf die Haare, in den Kragen.
Ich stemmte mich gegen die Kälte und keuchte vor Anstrengung. Der Charlottenburger – das große Tuch, in das alle Handwerker auf der Walz ihre Besitztümer einwickeln und das an einem Lederriemen von meiner Schulter baumelte – fühlte sich immer schwerer an. Seit einer Stunde lief ich jetzt schon, ohne dass irgendwer anhielt. Mein schwaches linkes Bein zog ich nach. Es tat weh. Diese verdammte Straße hatte nicht einmal Seitenstreifen. Als ein neues Auto kam, wich ich hastig in den tiefen Schnee am Rand zurück und winkte wild. Doch das Winken schien den Fahrer zu verunsichern. Er fuhr noch schneller als die anderen an mir vorbei.
Meine Zehen, meine Hände, mein Gesicht spürte ich schon nicht mehr. Ich lief weiter. Wie eine Maschine.Wie die Blechmaus, die Zoe und ich früher gehabt hatten. Zog man sie auf, hoppelte sie so lange, bis der Mechanismus sich leer gedreht hatte.
Nein, ich würde kein Geld für ein Taxi ausgeben! Eher wollte ich verrecken. Mein Geld blieb in der Kriegskasse.
Kriegskasse. Sowie ich das Wort dachte, fühlte ich mich stärker und straffte mich. Die Kälte konnte mich mal. Wenn keiner anhielt, dann eben nicht. Ich hatte schon ganz andere Sachen geschafft. Mich kriegte niemand klein.
Ich zog den Hut tiefer in die Stirn und stapfte weiter. Der Hut gehörte zur Kluft. Er galt als Zeichen für Freiheit. Freiheit – auch das war ein gutes Wort, ein starkes.
Die Flocken wirbelten um mich herum und um ein Straßenschild, das darauf hinwies, dass die nächste Ortschaft sieben Kilometer entfernt war. Also ungefähr anderthalb weitere Marschstunden.
Machbar. Das kriegst du hin, Katrina.
Über meinen Rücken lief Schweiß. Ich hustete. Nicht gut. Ich hatte in der letzten Woche versucht, eine Bronchitis auszukurieren, aber ich war noch nicht gesund.
Weiter, Katrina, weiter.
Und dann geschah ein Wunder.
Es war ein dunkelblauer Wagen. Er reagierte erst wie alle vor ihm. Ich zog mich wieder von der Straße in den tieferen Schnee zurück. Er brauste an mir vorüber. Der Kotflügel zeigte zwei tiefe Schrammen. Zehn Meter vor mir wurde das Auto plötzlich langsamer und fuhr rechts ran. Ich starrte durch den fallenden Schnee nach vorn. Der meinte bestimmt nicht mich. Die Seitentür wurde aufgestoßen. Oder doch?
Aus dem Auto drang Rauch!
Der Schreck nagelte mich am Boden fest. Das Auto brannte! Ohne es zu wollen, sah ich Flammen hoch aufschießen, spürte den Glutgriff des Feuers aus meinen wiederkehrenden Albträumen, riss die Hände vors Gesicht. Ich nahm ein Heulen wahr. Schrecklich. Durchdringend. Meine eigene Stimme.
»Hallo?«
Jemand rief. Ich spähte durch meine Finger. Eine Frau beugte sich aus dem Fahrerfenster – hochgestecktes blondes Haar, Stäbchen darin, registrierte ich. Sie rief mir zu:
»Kommst du? Es wird kalt!«
Es ist nichts passiert, Katrina. Nichts passiert! Ich nahm die Hände herunter, atmete aus, die Lähmung löste sich. Erleichterung flutete meinen Körper.
»Oder willst du gar nicht mitfahren?« Der Wind trug ihre Stimme in Fetzen zu mir. Er riss auch an ihrer schönen Hochsteckfrisur.
»Doch! Ich komme!«
Ich humpelte vorwärts, so schnell ich konnte. Als ich beim Auto angekommen war und einsteigen wollte, schämte ich mich wegen meiner dreckigen, nassen Stiefel, doch ein Blick ins Wageninnere machte mir klar, dass ich mich deswegen nicht sorgen musste. Buchstäblich jeder Zentimeter war mit Müll bedeckt. Leere Pizzakartons, zerknüllte Einwickelpapiere verschiedenster Süßigkeiten, ausgetrunkene Cola-Zero-Dosen.
Sie bemerkte meinen Blick, sprudelte los: »Frag nicht! Es ist der Wagen meiner Tochter. Am Anfang hab ich den Fehler gemacht, sauber zu machen – aber das löst das Problem nicht. Schieb zur Seite, was stört, aber wirf nichts weg! Sie muss es von selbst wegwerfen wollen, sonst nützt das alles nichts!« Die Frau hatte eine unglaubliche Stimme. Rau, bellend. Wie ein lachender Hund.
Mit einer schnellen Handbewegung fegte sie leere Chipstüten vom Beifahrersitz auf den Boden. Ihre vielen Goldarmreifen glitzerten.
Als ich mich setzte, ließ der Schmerz in meinem schwachen linken Bein nach, und am liebsten hätte ich vor Dankbarkeit gestöhnt. Vorsichtig streckte ich das Bein aus, dabei knirschte etwas unter meinen Sohlen. Ich schob den Fuß hin und her. Pflaumenkerne. Kaum saß ich, kapierte ich auch, warum der Wagen geraucht hatte. Er war blau von Zigarettenqualm. Ich roch den Rauch mit meiner zugeschwollenen Nase zwar nicht, aber ich schmeckte ihn. Jede Pore dieses Fahrzeugs war verstopft davon.
Erschöpft lehnte ich mich zurück. Draußen hatte es angefangen zu graupeln. Wie müde ich war, merkte ich erst jetzt. Das Tuch um mein Gesicht war klatschnass von geschmolzenem Schnee.
»Schöne Armreifen«, sagte ich.
»Wie bitte?«
Dass ich es immer wieder vergaß, dass die Leute meine Aussprache so schlecht verstanden …
»Die Armreifen«, sprach ich langsam. »Sie. Sind. Schön.«
»Die gehören zum Job«, sagte sie. »Wie das Kleid.«
Sie hatte etwas Goldenes an, das wie eine Theaterrobe um sie herumwallte. Mit der Hochsteckfrisur, diesem Kleid und ihrem Gesicht, dessen Schönheit mir wie ein Echo aus der Vergangenheit erschien – zerschlissen, abblätternd, angegriffen von zu viel Rauch und vom Leben –, wirkte sie wie eine Frau aus einem Traum in Sepia.
Sie fuhr noch nicht los. »Ich muss zwar nur zum Radio«, sagte sie, »die Leute sehen mich also gar nicht. Aber ich brauch das – fürs Gefühl. Man spricht anders mit einem goldenen Kleid, anders als in Jeans und T-Shirt. Man denkt auch anders. Kennst du das?«
»Hm.« Ich erinnerte mich an mein erstes Kleid.
Gloria hatte es mir gekauft. Kurz nach der Gefangennahme. Das Kleid war neongrün und faustgroße orangefarbene Gerberablüten auf dem Stoff verstreut gewesen. Ich hatte die Farben grässlich gefunden. Ich mochte Oliv. Oder Kaki. Anthrazit auch. Und Beige. Tannengrün fand ich gut. Erdbraun. Nebelgrau. Schwarz.
Gloria hatte sich geweigert, mir solche Sachen zu kaufen.
»Keine Tarnfarben«, hatte sie gesagt. Überhaupt mochte sie es nicht, wenn ich Dinge tat, die ich vorher getan hatte. Vor der Gefangennahme.»Du willst doch dazugehören! Du musst daran denken: Was du auch tust und sagst, wird immer mit deiner Vergangenheit in Verbindung gebracht werden. Also pass dich an.«
»Kann man sich denn besser anpassen als durch Tarnfarben?«
Sie hatte mir nur stumm das Kleid hingehalten.
Ich erinnerte mich, wie ich mich darin bewegt hatte: verunsichert, voller Hemmungen. Wie ich das Gefühl gehabt hatte, das Kleid würde auch meine Worte beeinflussen, sie färben: jedes Wort krachbunt, alle Satzzeichen aufdringlich wie orangefarbene Gerbera.
»Ich bin Josefine«, sagte meine Fahrerin und katapultierte mich aus der Vergangenheit zurück in das schmuddelige Auto. Sie sah mich direkt an, lächelte.
»Katrina.«
»Karzyna? Ist das polnisch?«
»Nein, Katrina«, sagte ich so deutlich wie möglich.
Ich erwartete irgendeinen Spruch wegen meiner verschliffenen Aussprache. Oder wegen des Tuchs vor meinem Mund.
Ich wappnete mich bereits innerlich. Aber nichts. Ich hatte offenbar Glück.
»Was machst du denn so alleine hier draußen in der Kälte? Wissen deine Eltern, wo du bist? – Wie alt bist du? Fünfzehn? Sechzehn? – Ist das eine Pfadfinderkluft, die du da anhast?«
Ich hätte sauer sein können. Schließlich mischte sie sich ein. Aber sie fragte anders als andere. Nicht, als wollte sie mich aushorchen und festnageln, sondern als würde sie sich wirklich Sorgen machen.
»Ich. Bin. Achtzehn«, sagte ich langsam, stolperte aber trotzdem über einzelne Buchstaben. »Tischlerin. Auf. Der. Walz.«
»Oh. Entschuldigen Sie.« Sie sah mich genauer an. Sagte aber immer noch nichts wegen des Tuchs. Oder meiner Aussprache. Ich bewunderte die beiläufige Eleganz, mit der sie vom Du zum Sie gewechselt war. »Haben Sie im Motel übernachtet?«
Hatte ich. Und unten im Frühstücksraum hatte ich acht Fernfahrer angesprochen, ob sie mich mitnehmen würden. Alle hatten abgelehnt. Kein Wunder. Ich hatte schwankend vor dem Tisch mit dem Brotkorb, der Marmelade und den Schmelzkäseecken gestanden, zitternd und hustend, und das Fieber musste von mir abgestrahlt haben wie Hitze von einem Radiator. Einige hatten nicht mal geantwortet, sondern sich schnell abgewandt. So, wie man sich von einem Penner abwendet. Taub und blind.
Nach der achten Ablehnung hatte ich mir einen Kaffee aus der Thermoskanne gedrückt. Kaffee zu trinken, gehörte zu den wenigen Dingen, die ich seit der Gefangennahme übernommen hatte. Kaffee mochte ich. Im Gegensatz zu den anderen Sachen, die sie mir zu essen und zu trinken gegeben hatten. Vielleicht, weil Kaffee bitter war. Bitter wie Beifußtee. Bitter wie wilde Rauke.
Ich war mit dem Kaffee zu einem Tisch gegangen, der am weitesten in der Ecke und am weitesten von allen anderen entfernt stand. Hatte den Becher zwischen die Hände genommen, mich daran gewärmt. Meine Hände hatten in dem Energiesparlicht gräulich grün ausgesehen. Wie etwas Verschimmeltes.
Ich hatte mich davon überzeugt, dass ich mit dem Rücken zu den Fernfahrern saß, dann hatte ich kurz das Tuch gelüpft, um trinken zu können.
Die Luft hatte mein Gesicht getroffen wie eine intime Berührung. Als wäre die Haut dünn geworden vom ewigen Verdecktsein, dünn und empfindsam. Ich hatte kleine Schlucke von dem schwarzen, heißen Zeug genommen, und sofort war mir Energie ins Blut geschossen, eine Wirkung, an die ich mich noch immer nicht gewöhnt hatte. Augenblicklich hatte ich mich besser gefühlt. Wacher. Wütender. Dann würde ich eben laufen, hatte ich gedacht. Laufen, so lange, bis jemand anhält.
»Ich hab mal gehört, dass es so Regeln für Leute wie Sie gibt, die auf der Walz sind«, sagte Josefine in meine Erinnerung hinein. »Sie dürfen für Übernachtungen nicht zahlen, oder?«
Ich nickte.
»Wir Gesellen versuchen, da zu wohnen, wo es nichts kostet. Oder wo wir dafür arbeiten«, mühte ich mich durch die Sätze. Alle Worte, für die man die Lippen bewegen musste – B, P, M, F, W –, fielen mir schwer. »Wir übernachten in Pfarrhäusern«, sagte ich. »Wenn es nicht so kalt ist, auch mal in einer Scheune. Im Motel hab ich ein Fenster repariert und durfte danach ein paar Tage umsonst bleiben.« Leider nicht lange genug, um die Bronchitis loszuwerden.
»Und jetzt wandern Sie weiter?«
»Wir dürfen keine Verkehrsmittel nehmen, die Geld kosten«, sagte ich und bemühte mich wieder sehr um Deutlichkeit.
»Das klingt anstrengend! Immer nur laufen und trampen und arbeiten …« Sie hielt mir eine Packung Zigaretten hin. Ich lehnte ab. »Nicht mal einen ordentlichen Fußweg haben sie hier gebaut!«, sagte sie und deutete nach draußen. Dann zündete sie sich eine Zigarette an und zog den überquellenden Aschenbecher raus. »Ein Skandal … Jedes Jahr kommen welche um auf dieser Strecke!«
Ich musterte sie von der Seite. Ihr Haar hatte die Farbe von Buchenrinde. Einen wirren Moment lang fragte ich mich, ob es auch so roch.
»Wohin wollen Sie eigentlich?« Sie blies Rauch aus.
»Am besten in die nächste Stadt. – Ich suche einen Job«, sagte ich und musste dann husten. Ich hustete mich richtig ein, konnte gar nicht mehr damit aufhören.
»Fette Erkältung, hm?« Sie bellte mir ihr Lachen entgegen, ließ das Fenster auf ihrer Seite runter und die Kälte fegte ins Wageninnere. »Wegen des Rauchs. Sonst ersticken Sie mir noch!«
Sie aschte aus dem Fenster und gab Gas.
*
»Von mir aus können Sie den Mundschutz abnehmen«, sagte sie und sprach damit erstmals mein Tuch an.
»Nein!«, presste ich heraus. »Auf keinen Fall!« Ich checkte in Windeseile das Tuch, zog es exakt über Nase und Mund. Achtete darauf, dass nichts als die Augen herausschauten.
»Ach, wissen Sie, bei uns im Sender ist ständig jemand erkältet. Ich hab garantiert alle Bakterien dieser Welt schon durch. Ich bin immun.« Sie lachte und da beruhigte ich mich und lachte auch.
»Ich lass es besser um«, sagte ich. »Man weiß nie.« Sollte sie ruhig glauben, das Tuch wäre ein Bakterienschutz.
»Tut mir leid, das mit dem Rauchen«, sagte sie. »Aber ich will den Ascher so voll kriegen, dass er sich nicht mehr schließen lässt. Irgendwann muss bei meiner Tochter doch mal der Punkt erreicht sein, an dem sie sich sagt: Jetzt ist das Maß voll, jetzt spuck ich in die Hände und mach den Dreck weg!« Sie lachte. »Ich zieh das durch. Ich schwör’s Ihnen – und wenn das Auto bis zum Dach hoch verdreckt!«
Ich sah auf den Aschenbecher, in dem nicht nur Kippen, sondern auch zerkaute, graue Kaugummis und ein matschigbraunes Apfelgehäuse lagen.
»Es ist zutiefst widerwärtig, ich weiß.«
In Abständen streute sie Betonungen in die Sätze und seltsamerweise musste ich an Zoe denken. Wie sie Lauchringe auf unsere Brote gestreut hatte. Und wie die dann immer besser geschmeckt hatten als ohne.
»Aber ich kann das durchhalten. Wenn’s sein muss, für immer!«
Josefinewar eine der Fahrerinnen, die gernredeten, aber nicht darauf bestanden, dass man auch etwas erwiderte. Ich war froh darüber. Sprechen war anstrengend. Und wenn ich irgendwas während der Gefangennahme gelernt hatte, so war es Schweigen. Man erfährt viel mehr von den Menschen, wenn man schweigt.
»Sie suchen also einen Job? Als Tischlerin?« Ich mumpfte zustimmend in mein Tuch.
»Möglicherweise weiß ich etwas für Sie«, sagte sie. »Da könnten sie jemanden wie Sie dringend gebrauchen.«
»Eine Schreinerei?«
»Nein. Was anderes. Es ist nur ein kleiner Umweg, etwa dreißig Kilometer. Ich bring Sie hin.«
Ich wollte erschrocken abwinken, aber sie hielt meine Hand mitten in der Bewegung auf, drückte sie einfach. »Doch!«, sagte sie. »Nie im Leben lasse ich zu, dass Sie da draußen weiterstapfen! Es ist so eisig, dass ein Pinguin erfrieren würde!« Damit gab sie meine Hand wieder frei.
Josefine bevorzugte Gesten, die man auch aus der Ferne verstehen würde. Sie war der Typ für die Bühne. Hinter jedem Satz hörte man Ausrufezeichen. Alles war für immer, nie, vollkommen oder zutiefst. Kein Mittelmaß. Nur Extreme. Das fand ich gut. Ich hatte plötzlich das berauschende Gefühl, sie zu kennen. Das hatte ich noch nie bei jemandem erlebt. Ja, ich kannte sie. Irgendwie. Nicht aus der Wirklichkeit. Aus einer Sehnsucht.
»Um zu sehen, dass Sie zusammenbrechen würden, muss man nicht mal Wahrsagerin sein!«, rief sie.
Josefine war genau das: Wahrsagerin. Buchbar für Betriebsfeiern, Hochzeiten, Geburtstage, erklärte sie mir. Es war seltsam, aber ich stellte mir einen gefährlichen Moment lang vor, mich ihr anzuvertrauen. Mehr noch: mit ihr befreundet zu sein. Immer weiterzufahren mit ihr. Immer weiter in den Schnee hinein …
Ich strich den Gedanken sofort wieder durch. Bindungen einzugehen, war ausgeschlossen. Sie hielten nur auf. Ich war nicht unterwegs, um Freunde zu finden, sondern auf einem Feldzug. Darauf sollte ich mich konzentrieren.
Ihre bellende Stimme unterbrach meine Gedanken: »Ich mach alles«, sagte sie. »Kristallkugel, Pendel, Tarot, würfeln, inneres Tier, Jenseitskontakte, Channelling, Handlesen – das ganze Programm!« Sie lachte. »Man muss flexibel sein. Die Konkurrenz in der Branche schläft nicht.«
Sie wollte zu einem in der Nähe ansässigen Radiosender.
»Astro-Radio«, sagte sie. »Ich hab da eine tägliche Sendung: Lady Josefines Zukunftsschau. – Da können Leute anrufen und sich die Karten legen lassen. Aber es fängt erst in zweieinhalb Stunden an. Ich fahre Sie also zu Ihrem neuen Job! Keine Widerrede! Ich bin sicher, dass Sie dort was finden! – Nein, wir liegen gut in der Zeit, das schaffe ich locker!«
Sie redete und redete, ihre raue Hundestimme flog im Wagen herum. Sie erzählte, dass sie gern beim Radio aufhören würde. Ein Café eröffnen. »Ein Café, wo Sie nicht nur eine Tasse Kakao bekommen, sondern auch einen persönlichen Blick in die Zukunft. Das wär’s! Aber die Mieten! Unerschwinglich! Ich werde wohl noch ein paar Jahre durchs Radio geistern, bis ich so was wagen kann.«
»Was sagen denn die Karten zu dem Plan?«, sagte ich.
»Was?«
»Schaffen Sie’s mit dem Astro-Café?«
Sie lachte wieder. »Ich schau nicht in meine eigene Zukunft! – Klingt absurd, oder? Ist aber eine goldene Regel in unserer Branche. Es bringt Pech, wenn man für sich selbst … Ich sage jedenfalls nur für andere wahr.«
Ich fragte nicht weiter. Ich hatte mit dem eisigen Fahrtwind zu kämpfen. Er fegte durchs offene Fenster herein, kaute an mir, biss in Wange, Ohr und Hals. Er fror mich auf dem Sitz fest, presste das feuchte Tuch an mein Gesicht. Ich fragte mich, ob man Konturen sehen konnte.
»Wissen Sie, alle Menschen, denen ich begegne und die erfahren, dass ich Wahrsagerin bin, wollen, dass ich ihnen weissage«, sagte Josefine gerade. »Es gibt keine Ausnahme.«
Es war selbst zum Nicken zu kalt.
»Es war übrigens das Gleiche bei meinem vorigen Beruf. Ich bin ausgebildete Masseurin!«
Der Fahrtwind schleuderte den kleinen goldenen Engel am Rückspiegel hin und her, vertrieb den Rauch aus dem Wageninneren und klärte meinen Kopf.
»Was glauben Sie, was los war, wenn ich irgendwo auftauchte. AlleFreunde, Bekannten und Verwandten haben sich sofort mit schmerzverzerrtem Gesicht in den Nacken gegriffen. Als Wahrsagerin ist es genauso.«
Sie schwieg einen Moment.
»Aber Sie sind anders.« Sie warf mir einen schnellen, aufmerksamen Blick zu. »Sie fragen mich nicht. Dabei kann ich bei Ihnen eine Sache ganz klar erkennen.«
Mein Herz ging plötzlich schneller. Ich atmete heftig in das Tuch. Was konnte sie erkennen? Sah sie, was ich getan hatte? Oder was ich noch plante?
Josefine konzentrierte sich auf die Fahrbahn. »Da ist etwas … etwas Grauenhaftes.« Ihre Stimme wurde leiser. »Es liegt in Ihrer Vergangenheit.«
Automatisch ballten sich meine Hände zu Fäusten. Ich öffnete sie schnell wieder. Wandte mich ab.
»Ihnen ist ein Unrecht geschehen.«
Ich wollte es nicht hören. Nicht das. Ich zog mein Bündel vor die Brust – ein Schutzschild. Josefine bog von der Straße ab und folgte einem Schild, das zu einer Tankstelle wies. Der Eisgraupel trommelte wie Splitt aufs Dach und die Motorhaube. Ich legte die Hand an den Türgriff.
Sie fuhr jetzt sehr langsam. »Ein großes Unrecht …« Sie wusste etwas!
»Aus dieser Vergangenheit führen zwei Türen«, fuhr sie fort.
»Eine öffnet sich ins Licht und die andere in die Finsternis. Sie müssen sich entscheiden.« Sie sprach jetzt sehr leise und das erste Mal ohne Ausrufezeichen. »Es ist vielleicht die wichtigste Entscheidung Ihres Lebens.« Dann hielt sie an.
»Ich muss tanken.«
»Ich geh auf die Toilette.« Ich drückte die Tür auf und sprang raus. Weg hier.
*
Als ich in der Tankstelle stand, zwischen den grell ausgeleuchteten Regalen mit zehn verschiedenen Mineralwassern und doppelt so vielen Sorten Schokoriegeln, dachte ich kurz darüber nach, mich durch den Hinterausgang ins Lager und von dort davonzuschleichen. Aber diese Josefine war wichtig. Durch sie fand ich vielleicht den Job, den ich gerade dringend brauchte.
Der Husten schüttelte mich wieder und ich versuchte mich zu entscheiden. Abhauen oder nicht? Ich ließ mir den Toilettenschlüssel geben, humpelte aufs Klo, und als ich schließlich zum Auto zurückkam, stand Josefine schon an die Fahrertür gelehnt, in der einen Hand einen Kaffeebecher, in der anderen eine Kippe.
»Das ist nicht gut«, flüsterte ich, als ich einstieg.
»Was?«
»Sie. Rauchen. Zu. Viel.«
»Machen Sie sich keine Sorgen. Ich bin jetzt vierzig und werde einundachtzig!«, sagte Josefine und lachte bellend. Sie ließ den Motor an.
»Woher wissen Sie das?«, fragte ich.
Sie hob mir eine Hand entgegen mit den Flächen nach außen. »Die Handlinien!«
»Ich dachte, Sie machen das nicht: in eigenen Angelegenheiten in die Zukunft schauen?«
»Das stimmt auch. Ich war es nicht, sondern eine Kollegin!« Ihr Lachen fühlte sich warm und stark an, wie eine Umarmung. »Aber eigentlich sollte man selbst das nicht machen. – Es verschmutzt das Karma.«
Obwohl es erst kurz nach Mittag war, war es schon wieder düster draußen. Es schneite stärker. Josefine hatte die Scheinwerfer an. Das weiße Licht fraß sich durch den Schneewirbel und hatte einen dunstigen Hof.
Josefine würde einundachtzig Jahre alt werden.
Werde auch ich alt – so wie Sie?
Nein, ich stellte die Frage nicht laut. Ich wollte es gar nicht wissen. Die Antwort würde nur meine Handlungen beeinflussen, würde mir womöglich den Mut nehmen oder mich tollkühn machen. Beides war nicht gut. Ich brauchte all meine Kraft und Konzentration für den Plan. Die Rache. Zu viel über die eigene Zukunft zu wissen, war nicht gut.
So saß ich stumm, den Charlottenburger an mich gepresst, und obwohl die Kälte wie flüssiges Eis ins Wageninnere strömte, war ich Josefine dankbar. Zu Fuß wäre ich vielleicht zusammengebrochen.
Josefine griff zu mir rüber und öffnete das Handschuhfach, aus dem Erdnussschalen herausquollen und auf den Boden fielen. Beherzt wühlte die Hand sich in das Nusschaos und brachte eine Karte zutage. Ich sah darauf.
Der Zufall geht keine geraden Wege –
er steht plötzlich vor dir.
Josefine
Auf der Rückseite eine Telefonnummer.
»Nehmen Sie«, sagte Josefine. »Es ist meine Privatnummer, nicht die teure vom Sender. Rufen Sie mich an, wenn Sie Hilfe brauchen. Jederzeit. Ich meine es ernst«, sagte sie und sah von der Fahrbahn weg und zu mir. »Jederzeit. – Glauben Sie nicht, dass Sie mich stören könnten!«
Ich war überrumpelt und nahm die Karte. Spürte, dass ich rot wurde. Wieso?
»Danke«, sagte ich. Sie schwieg.
Die Fenster waren bespritzt, graue Flecken, Salz und Matsch. Über den Mittelstreifen der Straße zog sich ein schmaler Wall schwarzen Schnees. Das Vibrieren des Motors ging in meinen Körper über. Ich spürte, wie ich in einen gefährlichen Dämmerzustand glitt, in eine mit Kopfschmerz ausgepolsterte Gleichgültigkeit, die mir die Lider zuzog …
Eine Sirene riss mich aus dem Halbschlaf. Sofort schoss mir das Adrenalin ins Blut, und ich saß kerzengerade, während Josefine langsamer wurde und rechts ranfuhr. Im Rückspiegel sah ich das blinkende blaue Licht näher kommen. Ich atmete heftig durch den Mund.
Jetzt war es so weit.
Hatten sie Spuren entdeckt? Meine Spuren an Fischs Zuhause? Oder dem, was davon übrig war? Verdammt … verdammt! Sie durften mich nicht finden. Noch nicht. Ich war noch nicht fertig.
Das Fahrzeug pfiff an uns vorbei, der Sirenenton war eine Sekunde langsamer und zog gellend hinterher. Es war nicht die Polizei. Es war ein Rettungswagen. Josefine fuhr wieder an.
Die Erleichterung war brachial. Alle Energie, die mich eben noch durchströmt hatte, sickerte weg, versackte. So schnell und endgültig wie Wasser in einem Sieb. Ich spürte meine Muskeln flattern, hatte einen metallischen Geschmack im Mund. Gleich … gleich würde ich ohnmächtig werden …
»Wir sind gleich da«, sagte Josefine und ihre Stimme zog mich aus meiner Schwäche. Sie fügte rätselhaft hinzu: »Es gibt nicht immer ein Richtig und ein Falsch.«
Nach einer Weile fragte ich: »Wie meinen Sie das?«
»Das wissen Sie.«
Ich blieb stumm und dachte an Hyde. Auch Josefine schwieg.
»Ich bin jetzt achtzehn …«, begann ich plötzlich, »… doch wenn ich einen Raum betrete, hab ich seit einiger Zeit das Gefühl, dass ich das Ende nicht mehr erreiche.« Ich flüsterte. Schnell und ohne Josefine dabei anzusehen. Keine Ahnung, ob sie mich verstand, ob sie mich überhaupt hörte. Aber sie saß still da, also hörte sie mich vielleicht doch. »Ich hab das Gefühl, der Raum wird immer größer. Ich könnte schreien, aber meine Stimme … ist weg. Ich komme nicht an, verstehen Sie? Ich komme nirgends an … nirgends … ich …«
Nach einer Weile langte Josefine zu mir herüber und legte ihre Hand auf meine. Ich hatte nicht einmal gemerkt, dass ich weinte.
*
Josefine fuhr von der Straße ab, folgte einer langen Schleife quer durch eine trostlose Landschaft, bis am Straßenrand eine monströse, blinkende Reklame auftauchte: Kartoffelparadies – Motel & Restaurant.
Eine leuchtende Kartoffel, die Messer und Gabel in den knubbeligen Händen hielt und sich die Lippen leckte.
»Ich lasse Sie hier raus. Fragen Sie da nach einem Job! Falls die Sie nicht als Tischlerin nehmen, dann sicher für was anderes. Da arbeiten immer neue Leute – da finden Sie bestimmt was!«
Ich setzte mich auf, griff nach dem Bündel zu meinen Füßen. Sie hielt auf dem Parkplatz, auf dem lauter Trucks standen, drehte sich zu mir um und lächelte.
»Danke, Josefine.« Aus irgendeinem Grund war ich zuversichtlich.
Ich stieg aus, stand im Schneematsch. Ein riesiger Truck ragte neben mir auf. Etwas im Bündel war falsch gepackt und drückte am Rücken.
»Viel Glück.« Sie winkte mir aus dem Autofenster zu und fuhr davon.
Kaum war sie weg, spürte ich die Außentemperatur. Das Dämmerlicht um mich herum. Den Himmel so erstickend über mir. Ich schnappte nach Luft und klirrende Kälte füllte meinen Mund. Der Winter hatte den Tag fest im Griff.
Ich stapfte Schritt für Schritt durch den Schnee auf das blinkende Kartoffelparadies zu, das mir in jenem Moment wie eine Oase vorkam.
2. KAPITEL
GRUSELKABINETT
Als ich drinnen im Warmen saß, an einem der kleinen, wackligen Tische, versuchte ich die Blicke von den Nachbartischen zu ignorieren und sah mich um.
Es war erstaunlich. Der Eigentümer dieses Rasthofes hatte es geschafft, alles Schöne an dem Gebäude zu verderben. Die Holzbalken hatten eine graue Plastikverkleidung. Die Fensterrahmen waren gesplittert und offenbar nie repariert worden. Der Dielenboden trug eine hässliche gelbe Lackschicht. Dabei konnte das Holz wunderschön aussehen, wenn man es abschliff und wachste.
Eine der beiden miniberockten Kellnerinnen stakste auf hohen Hacken vorbei und ich bestellte Kartoffelpuffer. Das Tuch ließ ich um, und als mein Teller kam, schnitt ich die Puffer klein und schob sie häppchenweise unter den Stoff.
Es war ziemlich voll. Die Kundschaft war – bis auf einen einzigen Tisch, an dem ein Pärchen mit Kind saß – rein männlich. Ich dachte an die Trucks draußen auf dem Parkplatz. Die Kellnerinnen fegten hin und her, warfen ihr Lächeln in alle Richtungen und ihre Absätze klackerten laut über die malträtierten Dielen.
Als eine mir die Rechnung brachte, fragte ich: »Dürfte ich Ihren Chef sprechen?«
»Wie bitte?«
»Darf. Ich. Ihren. Chef. Sprechen? Bitte.«
Die junge Frau machte ein erschrockenes Gesicht. »War etwas nicht recht? Wollen Sie sich beschweren?«
»Nein, nein!«, wehrte ich ab.
Die Erleichterung war ihr deutlich anzumerken.
»Ich bin Gesellin«, sprach ich möglichst deutlich. »Ich würde meine Rechnung gern durch Arbeit begleichen.«
Sie führte mich quer durch den Gastraum in ein kleines Büro. Ich spürte, dass ein paar Leute uns hinterhersahen. Mir. Wegen des Tuchs vor meinem Gesicht? Oder wegen meiner Kluft? Weibliche Gesellen waren immer noch ein seltener Anblick.
»Warten Sie hier.« Sie klackerte davon.
Das Büro war überheizt, stickig. Ich hatte das dringende Bedürfnis, ein Fenster aufzureißen, doch es gab keins. Der Schreibtisch war übervoll von Papieren und schmutzigen Tassen. In einer Ecke stand ein vertrockneter Affenbrotbaum. Ich ging hinüber, ließ den Zeigefinger über ein Blatt gleiten. Mumifiziert. Affenbrotbäume sind Wüstengewächse. Extrem genügsam. Ich hatte bisher angenommen, dass sie nicht umzubringen sind. Dieses Exemplar war eindeutig tot.
Ein Hund stürzte herein, ein junger Schäferhund; er buffte mich neugierig an.
Sofort ließ ich mich auf alle viere nieder, buffte auch, ließ mich beschnüffeln, schnüffelte ebenfalls, sprang nach links, dann nach rechts. Wir stupsten uns an. Dann warf sich der Hund auf den Rücken, wälzte sich vor mir. Er fand offenbar, ich wäre ranghöher als er.
»Aber sonst geht’s euch gut?«
Ich hob den Kopf. Ein breiter, stiernackiger Mann stand im Türrahmen. »Zorro! Aus! Was soll das?« Der Mann trug eine fettige Schürze. Gesicht und Hals zeigten rote Flecke. Auf seiner Stirn glänzten Schweißperlen.
Ich erhob mich. Der Hund wälzte sich weiter auf dem Boden. Dem Mann im Türrahmen schien die Szene nicht zu passen. Ungeduld füllte den Raum.
Ich ging ihm einen Schritt entgegen, streckte die Hand aus.
»Guten Tag!«
Er antwortete nicht, übersah meine Hand, musterte stattdessen wortlos meinen Hut, den Charlottenburger und dann, lange, das Tuch vor meinem Gesicht. Schließlich band er die Schürze ab und warf sie auf den Papierstapel auf dem Schreibtisch. Er drängte sich an mir vorbei und setzte sich in den Drehsessel, ohne mir einen Platz anzubieten. »Ich bin der Chef vom Ganzen«, sagte er. »Gibt’s ein Problem?«
*
»… deshalb also. Und ich kann nicht nur Möbel reparieren, ich kann auch renovieren. Ich habe mich gefragt … ob Sie hier … ich meine … der Holzboden zum Beispiel …« Ich verhaspelte mich, brach ab, setzte wieder an, verhaspelte mich wieder. Verstand er mich überhaupt? Er machte mich nervös. Es waren seine Augen. Sein Mund lächelte zwar, aber nicht sein Blick. Der huschte die ganze Zeit über meinen Hut, das Tuch, über Hals, Hemd, Weste und die breite Zunfthose. Dabei müsste ich das Glotzen längst gewohnt sein, dachte ich.
Damals, kurz nach der Gefangennahme, hatten sie mich auch alle angestarrt – nicht nur wegen des Tuchs, sondern wegen allem: wegen der Gesten, die ich machte. Der Art, wie ich alles aufschrieb. Dass ich überhaupt schrieb. Ich weiß nicht, was sie erwartet hatten, aber sie starrten mich an, als wäre ich ein Schimpanse, der Vorträge über Quantenphysik hielt.
Die aggressiven Kameras, die Mikros, die Blitzlichter. Ich hatte doch gelernt, damit umzugehen!
Aber der Blick dieses Mannes war anders. Vielleicht lag es daran, dass er saß und ich stand. Ich schwankte plötzlich und hielt mich am Regal fest. »… ob Sie vielleicht Bedarf hätten?«, beendete ich endlich den Satz, von dem ich nicht mehr wusste, wie ich ihn begonnen hatte. »Und vielleicht auch ein Zimmer dazu?« Ich setzte jedes Wort einzeln.
Da sah er mir erstmals in die Augen. Ich biss mir sofort auf die Zunge. Ich hätte das mit dem Zimmer nicht sagen sollen. Er hatte gleich begriffen. Etwas Öliges floss in sein Lächeln und er lehnte sich zurück, verschränkte die Arme. »So abgebrannt also? Hast nicht mal mehr Geld für ’ne Bleibe?«
Er duzte mich! Ein Wirt ohne Manieren – wie ging das?
»Wir Gesellen«, ratterte ich runter, »müssen Regeln befolgen. Dazu gehört, ohne Geld zu übernachten. Wir arbeiten dafür.«
Zorro hatte sich in der Zwischenzeit neben mich gesetzt, presste seinen Körper an mein Bein, stupste mit der Nase gegen meine Hand. Ich streichelte ihm die Stirn.
»Also …«, sagte der Mann und befeuchtete seine Lippen mit der Zunge, »… für Reparaturen und Renovierung brauche ich keine Hilfe. Aber in anderer Hinsicht. Für eine Weile. – Dafür bekommst du ein Zimmer und noch einen kleinen Stundenlohn. Auch mit deiner Mahlzeit von eben sind wir dann quitt.«
Ich wollte schon erleichtert aufatmen, als sein Blick von meinem Gesicht über den Hals abwärts rutschte, als würde er Maß nehmen. »Ich brauche nämlich eine Kellnerin«, verkündete er. »Meine dritte Kraft hat überraschend gekündigt.«
Eine Kellnerin?! Aber das war nicht, was ich …
»Ich bin Tischlerin«, insistierte ich. »Ich kann Ihre Türen reparieren, die Treppe ausbessern oder Fensterläden anbringen. Ich …«
Er ging gar nicht darauf ein. »Hast du schon mal im Service gearbeitet?«
Er sprach im Service seltsam aus, doch sein Gesichtsausdruck war normal. Das Ölige war fort. Vielleicht hatte ich mir den Unterton auch nur eingebildet.
»Ich weiß nicht … ich … Wieso wollen Sie mich ausgerechnet als Kellnerin?« Die Tür zum Gastraum stand offen. Ich ließ den Blick über die Tische schweifen. Es waren eine ganze Menge. Hinzu kamen noch die Plätze an der Bar.
»Wieso nicht? – Ich brauche eine Kellnerin.«
Wollte ich kellnern? Fernfahrern Bier an den Tisch bringen?
Auf der anderen Seite: Es war ein Job, oder nicht? Im Grunde war jeder Job gut, weil er Geld bedeutete. Geld für die Kriegskasse. Ich hob den Blick, sah ihn an. »Vielleicht würde ich das machen.«
»Trägst du das Tuch etwa immer, auch beim Arbeiten?«, fragte er übergangslos.
Ich nickte.
»Wozu brauchst du es überhaupt?«
»Zum Schutz«, sagte ich knapp und hoffte, dass er es dabei bewenden lassen würde. Aber er ließ nicht locker.
»Was soll das heißen: zum Schutz? Hast du was Ansteckendes? Dann kann ich dich nicht gebrauchen!«
Etwas in mir wurde hart wie Glas. »Das Tuch schützt nicht vor Bakterien.«
»Sondern?«
»Vor Blicken.«
Er wollte etwas erwidern, verstummte jedoch, als die Botschaft bei ihm ankam. Aufdringlich beugte er sich vor: »Wieso? Was soll da schon groß sein? Zeig mal!«
»Nein!« Schnell trat ich einen Schritt zurück und hielt einen Arm abwehrend vor mich. »Auf gar keinen Fall!«
»Was soll die Ziererei?«
Zorro, der bemerkt hatte, dass die Atmosphäre im Raum sich verändert hatte, fing an zu gähnen.
»Findest du das etwa langweilig, was ich sage, Köter?«, fuhr sein Herrchen ihn an.
»Er will uns nur beruhigen«, sagte ich und senkte die Stimme.
»Ich bin ruhig!«
Er begann mit dem Drehstuhl zu kippeln, was mich nervös machte. Vor und zurück. Vor und zurück. Dabei begutachtete er mich. Wie einen seltsamen Strandfund, dessen Wert er zu schätzen versuchte. Vor und zurück. Gleich brechen die Rollen ab, dachte ich, er kracht nach hinten in den Schrank, sein Kopf knallt an die Kante, die Schädeldecke platzt auf und alles quillt heraus.
»Nun gut«, sagte er nach einer Weile und ließ den Stuhl auf den Boden plumpsen, drehte sich eine halbe Runde, bis er vor dem Schrank zum Halten kam, öffnete die Tür und griff in ein Fach.
»Deine Sachen.« Er hielt mir etwas Rotes entgegen.
»Ich habe meine eige…«
»Mit der Bauarbeiterkluft vertreibst du alle Gäste außer denen, die blind sind!«, unterbrach er mich und streifte meine schwarze Zunfthose mit einem verächtlichen Blick. Schwarz stand für alle Holzberufe. »Das hier sind die Sachen für die Kellnerinnen.« Ich nahm das Bündel entgegen. »Wenn sie passen und du dich ansprechend darin bewegen kannst, kannst du gleich morgen früh anfangen!«
Ansprechend darin bewegen?
»Aber …« Ich starrte auf das Bündel in meiner Hand. Obenauf lag ein Paar hochhackiger Schuhe. Rot. »So was will ich nicht tragen. – Ich hab noch nie … Und mein linkes Bein ist nicht so … Ich kann darin jedenfalls nicht laufen.«
»Unsinn. Frauen tragen so was! Zieh sie mal an.«
Ich sah ihn scharf an, tat aber, was er verlangte. Er fläzte sich in seinem fetten Chefsessel und grinste. »Lauf mal ein paar Schritte!«
Ich stakste durchs Büro; mein schwaches linkes Bein setzte ich nur vorsichtig auf. »Das behindert mich!«
»Quatsch nicht. Das sieht klasse aus. – Wenn die Uniform auch so gut sitzt, ist alles klar.«
Die Uniform? »Also – wenn ich tatsächlich kellnern sollte …« Hier machte ich eine Pause. »… was ich mir noch überlegen muss …« Hier wieder. »… dann auf keinen Fall in solchen Mörderschu…«
Als ich das Grinsen um seinen Mund sah, hörte ich auf zu sprechen. Alles in seinem Gesicht sagte: Na los, bettle mich an.
Da konnte er lange drauf warten! Ich umkrallte das Klamottenbündel fester.
»Morgen früh um acht fängst du an. Heute ist Sonntag – Geld für die erste Woche gibt’s nächsten Sonntag! Du kannst hier wohnen. Ich hab Zimmer im Haus – für die Fernfahrer«, sagte er. »Eine Treppe hoch, dann links. Den Gang entlang. Die 18 ist in der Mitte.« Er reichte mir einen Schlüssel, an dem ein großer Holzklotz mit einer eingestanzten 18 hing.
»Die Zimmer kosten zwanzig Euro die Nacht. Für dich geht das am Sonntag einfach vom Lohn ab. Das Gästebad ist hinter der letzten Tür oben im Gang. – Ich bin übrigens Roland«, sagte er, machte aber keine Anstalten, mir die Hand zu geben.
»Katrina«, antwortete ich steif.
Zorro, der die ganze Zeit auf dem Boden gelegen hatte, hob den Kopf und schmiegte ihn gegen meine Wade.
»Jetzt mach schon, geh in dein Zimmer, probier die Uniform an und komm dann wieder, damit ich sehen kann, wie sie wirkt. Ich hab noch andere Größen da.« Damit war ich entlassen.
*
Das Zimmer war eine kahle Zelle. Es war eisig und roch nach Zigaretten. Alles darin war scheußlich. Der Stapelstuhl. Das Poster an der Wand, das ein küssendes Paar am Strand vor einem pinkfarbenen Sonnenuntergang zeigte und dessen Ecken sich hochrollten. Das uralte Bett. Das braunfleckige Miniwaschbecken. Wie im Gastraum waren auch hier die Dielen mit gelbem Lack überstrichen. Der Lack war schmutzig und blätterte ab.
Das Gaubenfenster wies hinaus auf einen riesigen Metallcontainer mit großem Tor, offenbar eine Garage. Ich machte das Fenster auf. Atmete gierig die kalte, klare Luft ein.
Der Schnee schluckte die Geräusche der nahen Autobahn. Hinter dem Container erstreckte sich verlassenes Land, in dem jeder Wechsel von Farbe nur aus hellem und dunklerem Grau bestand. Gesteinsbrocken. Selten ein zerrupfter Baum, eine niedrige Hecke. Kein Gebäude weit und breit. Die eintönige Landschaft wurde von einer einzelnen Straße zerschnitten. Sie wirkte wie eine dünne, zittrige Ader, die in einen abgelegenen Körperteil führt. Diese Straße nahm niemand zum Vergnügen. Hier kamen nur Leute entlang, die entweder auf die Autobahn wollten oder von der Autobahn abfuhren. Zwangsläufig landeten sie dabei im Kartoffelparadies. Ich warf das Klamottenbündel auf die Matratze. Stellte meine Sachen ab. Atmete durch und musste husten. Ich versuchte, das schrille Pink der untergehenden Postersonne zu übersehen.
Ich hatte es geschafft. Job und Unterkunft – noch heute. Zwar ein artfremder Job, aber gut. Eine Woche, sagte ich mir. Nur eine Woche, bevor ich weiterziehen würde – zu einer Schreinerei. Den schmierigen Wirt würde ich einfach, so gut es ging, ignorieren. Mit diesem Gedanken wickelte ich dieUniform auseinander.
*
»Die passen nicht«, sagte ich und hielt Roland die Sachen hin. Abgesehen davon, dass ich so etwas niemals freiwillig tragen würde, war alles mindestens eine Nummer zu klein.
Roland saß immer noch im Chefsessel. Als hätte er sich keinen Zentimeter bewegt, seit ich nach oben gegangen war. Doch der Hund war weg.
»Im Zwinger«, sagte er, als könnte er meine Gedanken lesen, und dann: »Was heißt, sie passen nicht?«
»Viel zu eng!«
Das ölige Lächeln klebte wieder auf seinen Lippen.
»Wieso zu eng? Das glaub ich nicht.«
»Der Rock ist zu schmal«, sagte ich und versuchte verzweifelt, das Bild vom Hund im Zwinger aus meinem Kopf zu bekommen. »Darin kann ich nicht gehen.«
»Das ist ein Bleistiftrock – die sind schmal.«
Wie er dasaß in seinen gemütlichen, breiten Hosen und mir erklärte, was ein Bleistiftrock war! Er hatte doch keine Ahnung.
Ich ließ ihn in eben diesem Bleistiftrock vor meinem inneren Auge tanzen. Eine Presswurst in Rot. So was half immer. Zumindest verlor meine Wut bei der Vorstellung die Kanten. Er war einfach ein Hohlkopf.
»Der Gehschlitz ist zu klein«, sagte ich geduldig. Ich sprach extra langsam, weil ich unbedingt wollte, dass er es kapierte.
»Bleistiftröcke sind nicht sehr praktisch, wenn man viel hin und her laufen soll. Man kann nur winzige Schritte darin machen.« Vielleicht war ihm wirklich nicht bewusst, was er mit seiner Uniform von den Kellnerinnen verlangte. »Und diese Schuhe. So was ist gut für den Laufsteg, aber doch nicht für die Arbeit.Wie viele Zentimeter sind das? Acht?« Ich hielt ihm die Pumps unter die Nase. »Haben Sie die mal anprobiert?«
Da legte Roland die Hände in den Nacken, lehnte sich zurück und lachte. Und lachte. Und lachte. Nach einer Weile beugte er sich vor. Er lächelte immer noch, aber sein Tonfall war jetzt scharf: »Was ist mir denn da für ein kleiner Scherzvogel ins Haus geflogen?«
»Mein linkes Bein ist nicht in Ordnung«, sagte ich. »Ich kann in so was nicht laufen. Ich humple hin und wieder.«
»Du humpelst?«, fragte er interessiert. »Das ist gut. Passt zur Themenwoche!« Er klatschte in die Hände, als hätte ich ihm ein Geschenk gemacht.
Themenwoche? Was sollte das heißen?
Er weigerte sich nicht nur, mir die Uniform zu ersparen, er weigerte sich auch, sie mir wenigstens eine Nummer größer zu geben. »Nicht bevor ich mich selbst davon überzeugt hab, dass sie wirklich zu klein ist.«
Ich kochte vor Empörung. Aber ich schluckte sie runter, kehrte in mein Zimmer zurück und knallte die Tür zu. Idiot! Wütend quetschte ich mich in die schwarze Feinstrumpfhose, den roten Rock, in die knallenge weiße Bluse, die am Dekolleté ein paar mehr Knöpfe hätte vertragen können, und in die Pumps. So wankte ich die Stiege wieder herunter. Mein schwaches linkes Bein protestierte. Außerdem hatte ich bei jedem Atemzug Angst, dass die Nähte platzen könnten.
»Bitte schön«, sagte ich und stellte mich flach atmend auf die Schwelle. »Es. Ist. Vulgär!«
Er stützte das Kinn in die Hand, musterte mich intensiv.
»Passt super.«
»Das ist nicht Ihr Ernst!«
»Du trägst die Uniform oder du gehst. Jeder hier trägt seine Arbeitsklamotten. Vera, Annika, du und ich.«
Arbeitsklamotten! Wir sollten in Puffkleidung herumstaksen, während er bequeme Sneakers, eine weite Kochhose und ein luftiges T-Shirt trug. So sah es doch aus!
Aber ich würde um nichts bitten – nicht ihn. Wenn es sein musste, konnte ich auch in solchen bescheuerten Klamotten arbeiten. Ich würde sie einfach als Tarnkleidung betrachten – damit kannte ich mich aus. Ich drehte mich um und wollte gerade wieder in mein Zimmer stöckeln, als er mich zurückrief: »Lass die Uniform gleich an und geh zu Annika in die Küche. Die zeigt dir alles. Dann weißt du, wie der Laden hier läuft. Morgen früh um acht geht’s los.«
*
Nach anderthalb Stunden schwankte ich die Treppe hoch. Das Neonlicht warf ein kaltes, flackerndes Licht auf den Gang. Der Boden war versifft, klebrig.
Ich war erschöpft, fühlte mich krank, fiebrig. Ich brauchte einen Tee, musste ins Bett.
Meine Schritte. Mein Atem. Der Schlüssel an dem riesigen Holzklotz in meiner Hand. Eine eingestanzte 18. Der Gang – so lang und fensterlos. Ich bekam zu wenig Luft, ich erstickte! Ich riss mir das Tuch vom Gesicht. Ein Kind tauchte plötzlich auf, ich erkannte es. Es war das Kind aus dem Gastraum.Vom einzigen Tisch, wo eine Familie gesessen hatte.
Es hatte einen Bagger in der Hand, starrte mich an und begann zu schreien. Ich sah nur den offenen Mund, ein kreischendes Loch, ich rannte jetzt. Presste das Tuch zurück aufs Gesicht. Fernsehlärm hinter geschlossenen Türen. Das schreiende Kind.
Würde ich mich je daran gewöhnen?
Als ich an der Tür Nr. 18 stand, zitterte alles an mir. Beine. Arme. Finger. Lippen. Mein Körper dampfte. Ich schloss auf, trat ein, warf die Tür hinter mir zu. Lehnte mich von innen dagegen und ließ das Tuch fallen. Sicherheit.
*
Der Raum lag im Dämmer.
Immer dieser Kampf gegen das Dunkel. Schon als Kind hatten Zoe und ich das verabscheut. Von Anfang Juni bis Ende Februar hatten wir Hyde nicht mehr verlassen dürfen, sobald es dämmerte.
Nur im März, April und Mai hatten wir Papas Erlaubnis, brauchten den Wettlauf mit der Finsternis nicht anzutreten, waren nicht abhängig vom Zustand des Lichts.
Wie wir es hassten, wenn der Herbst kam und die Tage immer dünner wurden. Wenn man spürte, dass man sie bald stützen musste mit Kerzenlicht. Die Stunden rutschten so schnell ins Dunkel, und jedes Mal, wenn die Schatten den See überwuchsen, schauten wir erschrocken auf die Uhr. Wir ließen alles fallen, was wir gerade in den Händen gehabt hatten – ich die Tüte mit den Kienäpfeln und Steinen, mit denen ich die Außenwand des Hauses schmücken wollte, Zoe das Körbchen mit den Kamillenköpfen. Wir sprangen auf und rannten los. Zwischen den Bäumen hindurch, zum Haus. Hyde.
Das Dunkel war verboten. Es war zu gefährlich. Lebensgefährlich.
»Los!«, rief Zoe. Sie hatte mich immer angetrieben.»Schneller! Ich will noch nicht sterben! – Sie darf uns nicht kriegen!«
Wir hatten versucht, vor der Dämmerung davonzulaufen, doch mit jedem Schritt verdichtete sie sich um uns. Spann uns ein. Floss zu unseren Füßen zu finsteren Pfützen zusammen. Wenn wir endlich das Tor erreicht hatten, durch all das Grün hindurchgeschlüpft waren und Hyde erreichten, stand Papa schon in der Tür, sah uns besorgt entgegen.
*
Ich knipste den Lichtschalter des Motelzimmers an.
Das Miniwaschbecken in der Ecke, das küssende Paar auf dem Poster, das Bett, so schwer und düster wie ein Sarkophag. Davor ein Toilettenvorleger.
Unglaublich.
Roland sollte sich um die Goldene Himbeere für Innenausstattung bewerben. Er würde garantiert gewinnen.
Das Licht kam von einer Neonröhre an der Decke. Kalt, britzelnd. Viel zu hell. Ich blinzelte. Der Zigarettengeruch war penetrant.
Ich ging zum Gaubenfenster, kippte es an. Ließ Luft ins Zimmer. Hustete.
Kaum war das Fenster offen, kam ein höllisches Dröhnen herein, erschütterte die Wände, den Boden unter mir. Was war das? Ein grelles Licht von draußen presste sich durch den dünnen Vorhang, zog über den Boden, strich über die Wand und war fort.
Eine Weile herrschte Stille, dann dröhnte es erneut, der Boden bebte, die Wände, das Fenster. Und wieder drang das bewegliche Licht durch den Vorhang ins Zimmer.
Ich zog den speckigen Stoff weg, sah hinaus. Der gigantische Metallcontainer, den ich für eine Garage gehalten hatte, war eine Lkw-Waschanlage! Das Tor war jetzt geöffnet und es herrschte Hochbetrieb. Ich hielt mich an der Heizung fest. Die Heizung war kalt.
Draußen fiel grelles Licht auf den Truck, der gerade in die Waschstraße fuhr. Riesige Bürsten schoben sich seitlich heran, dann schoss Wasser heraus, und die Bürsten begannen zu rotieren – so laut, als würde ein Raumschiff starten. Alles dröhnte. Mein Kopf fühlte sich doppelt so groß an, die Bürsten schienen die Innenwände meines Schädels aufzuscheuern. Ich schloss das Fenster wieder, zog den Vorhang zu, heftig. Doch es nützte nichts – der Lärm drang durch die Scheiben, durch den Stoff.
Wer kam auf die bescheuerte Idee, eine Lkw-Waschanlage direkt neben ein Motel zu bauen?
Gut, wenn schon keine frische Luft, dann wenigstens Wärme. Ich drehte die Heizung auf. Der Thermostat ließ sich nur bis Stufe 2 bewegen. Nichts passierte. Erst nach einer Weile gurgelte widerwillig ein Schwall Wasser durch die eisigen Rippen.
Ich hustete wieder. Es tat tief in der Brust weh.
Ich ging zu meinem Charlottenburger, faltete ihn auf, durchwühlte meine Sachen. Zog den Gaskocher hervor, den kleinen Kessel, den Thermosbecher und eine dunkelbraune Papiertüte, sorgfältig mit schwarzer Tinte beschriftet – so wie Papa es früher gemacht und dann mit Zoe und mir geübt hatte, als wir schreiben lernten.
Probleme haben die Leute draußen. Versteht ihr?
Wenn ich still war, hörte ich seine Stimme noch immer. Die Sätze kamen angeschwommen – wie Wrackteile aus einem anderen Leben. Hier ein Teil, dort ein anderes. Ich klammerte mich daran fest. Sätze, die die Katastrophe überlebt hatten. Sätze, die einmal das Dunkel draußen umfasst hatten, die Kälte in Schach hielten. Ich sah wieder durch die weit aufgezogene Öffnung im Dach, wie riesengroß die Sterne waren. Der Mond, als könnte man ihn anfassen. Alles war da … alles. Ich musste mich nur erinnern.
»Wir drei schaffen es«, hatte er gesagt. »Du, Zoe und ich. Wir leben ein besonderes Leben.« Die Bäume ringsum hatten geatmet, ihre Kronen den Nachthimmel gestreift. »Probleme haben die Leute draußen.Wir nicht. Für uns gibt es nur Herausforderungen.«
Herausforderungen.
*
Ich ging zum Waschbecken in der Ecke, ließ den Kessel volllaufen, machte den Gaskocher an und stellte den Kessel über die kleine Flamme.
Während das Wasser heiß wurde, zerrte ich die Matratze, Decke und Kissen vom Bett und baute mir neben dem Kocher, auf dem Boden, ein Nest. Ich schwitzte vor Anstrengung, doch zugleich fror ich und musste wieder husten.
Das Neonlicht machte mich nervös. Es knispelte und flackerte. Ein beständiges Jucken hinter den Augen, an einer Stelle, die man nicht kratzen konnte, irgendwo tief im Hirn. Ich stand auf, machte das Licht wieder aus. Das Jucken war weg. Jetzt war nur noch der Gaskocher an.
Ich starrte in das Flämmchen, während die Dunkelheit ringsum pulsierte. Als das Wasser kochte, öffnete ich im Flammenlicht die Papiertüte und gab etwas Pulver in den Becher. Goss Wasser auf. Wartete. Ich wartete zehn Minuten, den Becher an meine Brust gepresst, auf der Matratze hockend, die Decke um mich geschlungen. Atmete den Dampf tief ein.
Er roch gesund. Vertraut. Er roch nach Zoe. Grün und dunkel. Mild und bitter zugleich. Echinacea pallida. Die Wurzel des blassfarbenen Sonnenhuts.
»Hier kommt Echinacea pallida!«, hatte Zoe gerufen, als sie mit der dampfenden Tasse zu mir kam. Als würde ein Kellner »Hier kommt der Riesenerdbeereisbecher mit Sahne und Schokosoße!« rufen.
Da war ich krank gewesen, durfte Hyde nicht verlassen, saß auf meinem Bettenlager in unserem Zimmer, starrte auf die Tasse in der Hand meiner Schwester. »Wozu ist das gut?«
»Es hilft bei Atemwegserkrankungen, bei schlecht heilenden Wunden und stärkt das Immunsystem«, sagte Zoe, als hätte sie ein Heilkräuterlexikon auswendig gelernt, und genau das hatte sie auch.
»Du bist echt gut in Pflanzenkunde.« Zoe war tausendmal besser darin als ich.
»Na und? – Dafür weißt du alles über Holz«, sagte sie. »Wie man es wässert, sägt, schleift, ölt, wachst. Welches man biegen kann, welches splittert.«
Das stimmte. Zoe und ich wussten zwar viele Dinge gemeinsam – aber wir wussten auch eine Menge Verschiedenes. Zusammen waren wir unschlagbar.
Jahre später, nach der Gefangennahme, als ich bei Gloria wohnen musste, hatte ich mir Bücher gewünscht. Dieselben, die Papa in der Bibliothek stehen gehabt hatte. Heilen mit Wildkräutern und Die Natur und du und Der Geist der Pflanzen. Bücher, die Zoe gelesen hatte.
Und dann hatte ich angefangen zu sammeln. Wie Zoe vorher. Echinacea pallida. Da war ich fünfzehn gewesen. Gloria hatte es gehasst. Ich hatte trotzdem einen großen Vorrat an Echinacea pallida angelegt.
»Trink!«, sagte Zoe in meinem Kopf. »Wir bekämpfen die Bakterien. – Auge um Auge. Zahn um Zahn.« Das war ihr Lieblingsspruch.
Ich machte den Gaskocher aus und trank im Dunkeln langsam den Becher leer – ließ den bittersüßen Sud schluckweise in mich hineinlaufen, spürte die Hitze, spürte das Wurzelaroma durch den Hals in den Magen wandern, spürte Zoe, und dann traten Schweißtropfen aus meinen Poren, so plötzlich und heftig, als sei irgendwo ein Rohr gebrochen.
Sie werden für alles bezahlen, Zoe. Dachte ich. Du kannst dich auf mich verlassen. Zahn um Zahn. Sie wissen es nicht, aber ich bin schon unterwegs.
Ich tastete im Dunkeln nach meinem Handy. Es war metallicblau und hatte einmal Fisch gehört, aber jetzt war es meins. Ich schaltete es ein und durchsuchte die Videos nach einem bestimmten. Bevor ich es abspielte, atmete ich tief durch.
Ich ließ das Video ohne Ton laufen. Sah zu, wie meine Schwester auf dem winzigen Display auftauchte. Dann auch ich. Auf mich achtete ich nicht, nur auf sie. Sie krachte in mein Herz.
Ihr wildes Haar flog durch die Luft. Ich saugte jede Bewegung ein: wie sie lief, wie sie die Fäuste ballte, wie sie schrie. Das Blitzen ihrer Augen, ihr aufgerissener Mund. Die Wut machte sie schön. Ich streichelte mit der Fingerkuppe über ihr Gesicht. Zoe. Meine Zoe.
Ich hatte Angst, das Video zu oft zu sehen, Angst, dass es eines Tages seine Wirkung verlieren könnte. Als es zu Ende war, hätte ich es am liebsten noch einmal abgespielt, aber das musste genügen. Ich machte das Handy aus, steckte es zurück.
Es war jetzt vollkommen dunkel in dem kleinen Raum, doch sobald ein Lkw dröhnend die Waschstraße verließ und sein Scheinwerfer durch denVorhang ins Zimmer drang, holte das Licht Umrisse aus dem Dunkel: das Sarkophag-Bett gleich rechts neben meinem Kopf, den Stapelstuhl, meinen Charlottenburger: einen kleinen Hügel aus Leintuch voll finsterer Geheimnisse.
*
Die Neonlampe im Gang über meiner Tür flackerte vor sich hin und ich lief die ersten paar Schritte im Halbdunkel. Ich hatte das Tuch wieder umgebunden. Erinnerte mich an das Kind.Wie es geschrien hatte. Der Mund ein Loch.
Ein paar Türen weiter wurde es heller. Dort war die Röhre intakt. Sie sirrte und schüttete ihr bläuliches Licht über die schäbige Tapete. Ich musste an Hyde denken. An die Kerzen, die Papa entzündet hatte. Dieses anschmiegsame Licht.
Das Motel war kaum belegt. In den meisten Zimmern war es still, nur einmal hörte ich Gesprächsfetzen in einer fremden Sprache. Polnisch vielleicht. Oder Russisch? Hinter einer anderen Tür telefonierte jemand. Ich hatte meinen Charlottenburger um und in den Händen hielt ich den staubigen Radiowecker aus meinem Zimmer und einen Thermosbecher voller Tee.
Das Schild auf der letzten Tür verkündete Waschraum.
*
In dem schimmelgrün gekachelten Raum gab es keine Dusche. Zwei Badewannen standen nebeneinander. Wieso zwei? Sollten hier zwei wildfremde Menschen gleichzeitig baden?
Daneben ein weiterer Stapelstuhl. Er hatte eine gespaltene Lehne. Es roch penetrant nach nassem Fell und die Emaille am Wannenrand war abgeplatzt. Einen Vorhang für die Wannen gab es nicht. Auch keine Handtücher,Vorleger, Seife. Außerdem war es eiskalt, denn das Fenster war gekippt, und Schnee stob herein.
Ich stellte den Thermosbecher auf den Boden, legte meine Sachen auf dem Stuhl ab und schloss das Fenster. Dann drehte ich die Heizung auf. Der Thermostat bewegte sich hier nicht einmal bis 1. Er war fixiert auf einer Stufe, die eine Schneeflocke zeigte. Die Wannen waren schmutzig. Der Kachelboden auch. Jemand war mit matschigen Schuhen ins Bad gekommen und hatte eine braune Spur hinterlassen. Kleine Gewölle aus Haaren und Staub lagen in den Ecken.
Ich spülte eine Wanne notdürftig aus und wollte sie mit dem Stöpsel verschließen, aber es gab keinen, nur ein Stück Angelsehne, das den Wannenrand herabbaumelte.
Ich schaute in die zweite Wanne. Auch dort die Angelsehne. Die Stöpsel waren abgeschnitten worden. Das passte zu Roland. So ließ sich heißes Wasser sparen.
Nicht mit mir. Ich zog eine Socke aus, knüllte sie zusammen und stopfte sie in das Abflussloch, dann drehte ich das heiße Wasser auf. Der provisorische Verschluss hielt. Ich ging zur Tür und sperrte ab.
