Unland - Antje Wagner - E-Book

Unland E-Book

Antje Wagner

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Beschreibung

Seltsame Dinge geschehen in Waldburgen: Menschen verschwinden und tauchen rätselhaft verändert wieder auf. Franka versteht nicht, warum die Bewohner so beharrlich darüber schweigen. Sie ist erst vor kurzem in das Elbdorf gezogen und rasch wird ihr klar: Irgendetwas stimmt hier nicht. Als sie eine abgesperrte Ruinenlandschaft am Waldrand entdeckt, spürt sie, dass sie etwas Großem auf der Spur ist. Doch je näher sie der Wahrheit kommt, desto mehr gerät ihre Welt ins Kippen … »Unland« wurde ausgezeichnet mit dem ver.di Literaturpreis.

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Seitenzahl: 440

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Antje Wagner

UNLAND

LASST DIE SCHATTEN FREI

Thriller

ULRIKE HELMER VERLAG

 

 

Der Roman Unland wurde u. a. mit dem ver.di Literaturpreis ausgezeichnet.

Sämtliche Orte in diesem Roman sind fiktionalisiert.

 

ISBN (E-Book) 978-3-89741-912-4

ISBN (Print) 978-3-89741-472-3

© 2023 E-Book nach der Originalausgabe

© 2023 Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach a. Taunus

Alle Rechte vorbehalten

Covergestaltung unter Verwendung einer Fotografie von © Kseniya Iv / Adobe Stock

 

Ulrike Helmer Verlag

Klosterhofstr. 3, 65843 Sulzbach

[email protected]

www.ulrike-helmer-verlag.de

 

 

Waldburgen

 

1. KAPITEL

HAUS EULENRUH

Mir war schlecht.

Der Bus raste eine Obstbaumallee entlang, und vor jeder Kurve drehte der Fahrer den Motor voll auf, dann legte er sich mit dem ganzen Bus in die Kurve. Äste knallten gegen die Fenster. Geistesgegenwärtig ließ ich meine Hand nach vorn schnellen, um meine Reisetasche, die im Gang stand, davon abzuhalten, schon wieder wegzurollen, da warf der Schwung mich schmerzhaft gegen das Busfenster.

Leise fluchend rappelte ich mich auf. Ich rieb mir den Arm, der garantiert schon voller blauer Flecken war. Die Tasche war natürlich weg.

Sie lag am Ende des Gangs. Verkehrt herum. Die anderen Leute im Bus schauten ausdruckslos vor sich hin. Gesichter, die aussahen, als hätte kein Lächeln je Lust gehabt, sich für ein Weilchen dort niederzulassen. Als ich aufstand, um die Tasche zurückzuholen, hangelte ich mich an den Sitzen entlang. Jetzt glotzten mich alle an. Sie wirkten, als ob sie gerade von der Nachtschicht kämen und nur eines wollten: ihre Ruhe.

Als ich schon fast am Ende des Gangs war, schnitt der Fahrer, den offenbar der heftige Wunsch trieb, mal mit seinem Bus bei der Formel 1 mitzumachen, eine neue Kurve. Ich verlor das Gleichgewicht, ruderte wild mit den Armen und rief dabei: »Eieieiah … aaahhh … naaaiih …« Peinlich.

Hätte ich mich nicht gerade noch an einer Stange festhalten und abfangen können, wäre ich einem dieser griesgrämigen Menschen mitten auf den Schoß gestürzt. Ich hievte meine Tasche hoch, schleppte sie zurück zu meinem Platz und wünschte dem Busfahrer die Pest an den Hals.

Dagegen war die Zugfahrt ja himmlisch gewesen. Jedenfalls erschien mir das langsame Gezuckel, das mich noch vor einer halben Stunde genervt hatte, jetzt richtig angenehm.

Nachdem wir Berlin hinter uns gelassen hatten, hatte der Zug an jedem, wirklich jedem Nest auf der Strecke gehalten. Schon die Namen sprachen Bände: Klebitz. Zahna. Bülzig. Zörnigall …

Als wir endlich in Wittenberg eingerollt waren, war ich erleichtert ausgestiegen und hatte mich bis zur richtigen Bushaltestelle durchgefragt.

Der Bus heulte auf. Ich schaute auf die Uhr. Zwei Stunden waren vergangen, seit ich in Berlin losgefahren war. Zwei Stunden, seit das Jugendamt bei Andreas und Vera Kämpf angerufen hatte, dass ich unterwegs sei. Wenn wir nicht vorher noch gegen einen dieser knorrigen Apfelbäume rasten, wofür die Chancen allerdings recht gut standen, müssten wir bald in Waldburgen ankommen.

Waldburgen. Mein neues Zuhause.

Ich nahm den Blick von der Uhr und sah aus dem staubigen Busfenster. Die Apfelallee war zu Ende.

Wir bretterten jetzt eine Kopfsteinpflasterstraße entlang, und bei jedem Ruck flog ich in die Höhe, um dann voller Wucht wieder runterzuknallen, wobei meine Knie gegen die Plastikverschalung des Vordersitzes schlugen. Ich versuchte, mich im Polster meines Sitzes festzukrallen und fragte mich zum wer weiß wievielten Mal, warum eigentlich keiner der Fahrgäste protestierte. Dieser Fahrer gehörte eingesperrt!

Vor meinem inneren Auge sah ich schon die Zeitungsmeldungen: Killerbus reißt zwanzig Unschuldige in den Tod. Oder: Testosteron auf Rädern – keiner konnte die Mörderfahrt stoppen. Oder: Man nannte ihn den Henker der Landstraße. Rund um die Meldung rankt sich ein rabenschwarzer Lilienkranz.

Gerade als ich den Beschluss fasste, nach vorn zum Fahrer zu gehen und ihn zu fragen, ob er noch ganz dicht sei, passierten wir ein gelbes Ortseingangsschild. Der Name zischte vorbei.

W-------EN. Mehr konnte ich bei der Geschwindigkeit nicht lesen.

W­­­­­­------EN?

Wie vom Blitz getroffen sprang ich auf, griff nach meiner Reisetasche und schleifte sie zur Tür. Der Gang war so eng, dass ich ständig irgendwo stecken blieb. Als ich endlich an der Tür war, drückte ich wild auf den Halteknopf.

Ich überlegte noch, einen der Fahrgäste zu fragen, ob es auch wirklich Waldburgen war und nicht irgendein Nachbarort, der mit W begann und auf EN endete: Wildenbrunnen vielleicht oder Weinbergen oder Wollhagen, als die Frau, die auf dem Sitz neben der Tür saß, sich zu mir vorreckte und meine Hand vom Halteknopf schlug.

»Ein Mal drücken!« Sie hatte eine unangenehm schrille Stimme. Wie eine Comicfigur. Auf solche Stimmen reagiere ich grundsätzlich nicht.

»He!«, schrie sie mich von der Seite an und pikte mit ihrem Finger in meine Schulter. »Hey, bist du taub?« Nicht wie eine gewöhnliche Comicfigur, dachte ich noch, sondern wie eine, die nur aus einem Mund bestand.

Da packte sie schon meinen Ärmel und zerrte daran herum. Ich hämmerte auf den Halteknopf. Der Scheißbus hielt nicht an!

»Der Bengel macht das mit Absicht«, schrie die Frau und riss an meinem Arm. »Der macht mit Absicht den Knopf kaputt!«

Ich fuhr herum. »Blöde Zicke!«

Gleich gibt’s Ärger, dachte ich und duckte mich schon, da hielt der Bus so abrupt, dass ich unwillkürlich stolperte und einen kleinen Schrei ausstieß. Die Tür ging auf. Ich zerrte die Tasche hoch. Die Frau gab mir einen kleinen gemeinen Stoß. Dann war ich draußen.

***

Niemand außer mir war ausgestiegen.

Bevor ich es mir doch noch anders überlegen konnte, hatte sich die Tür wieder geschlossen, und der Bus fegte davon. Er hinterließ eine große Staubwolke. Plötzlich war es sehr still.

Vor mir lag eine Landstraße, Katzenbuckelpflaster. Die Sonne flimmerte. An den Straßenrändern wuchsen kränklich aussehende gelbe Büsche. Die Blüten waren matt, von der Hitze ausgebleicht. Überhaupt war alles viel zu trocken und von Staub überzogen. Ich nahm meine Trinkflasche aus der Reisetasche und stellte dabei fest, dass auch die Tasche schon ganz staubig aussah. Ich trank, steckte die Flasche wieder weg und wartete weiter.

Ich sollte hier abgeholt werden. Von Andreas und Vera Kämpf. Meinen neuen Betreuern.

Dort, wo der Bus um eine Kurve verschwunden war, sah ich ein Huhn auftauchen, über die Straße laufen und dann durch eine Lücke in einem Zaun verschwinden.

Kein Geräusch von einem sich nähernden Auto. Nichts. Totenstille.

Mein Puls beschleunigte sich. Scheiße, verdammte! Ich hatte einen Fehler gemacht!

Andreas und Vera Kämpf warteten garantiert zehn Orte weiter, in Waldburgen nämlich. Während ich in Wichtelshausen herumstand. Oder wie auch immer diese Kuhbläke hier hieß.

Gegenüber, halb auf dem Bürgersteig, stand ein VW. Ein ziemlich heruntergekommenes Exemplar, das ehemals blau gewesen sein musste. Jetzt war die Farbe teilweise abgeplatzt, teilweise von der Sonne zu einem milchigen Grau gebleicht. Der Wagen sah aus, als sei er vor Jahren hier vergessen worden, doch plötzlich bemerkte ich eine Bewegung. Ein Typ, etwa achtzehn, der offenbar dahinter im Gras gesessen hatte, kam um den Wagen herum. Er hatte eine Kippe in der Hand.

Irgendwie war er mir nicht geheuer. Er rauchte, als wäre er wütend, mit solchen hastigen, tiefen Zügen, dass mir schon vom Hingucken schlecht wurde. Außerdem starrte er mich die ganze Zeit unter seinen Lidern hindurch an. Seine Brauen waren schwarz und in der Mitte zusammengewachsen.

Ich versuchte abzuschätzen, ob ich ihn fragen könnte, wo genau ich hier war. Aber vielleicht tickt er dann aus, dachte ich. Dass er schlechte Laune hatte, sah jedenfalls ein Blinder.

Bevor ich eine Entscheidung treffen konnte, schleuderte er die Kippe auf die Straße und trat auf den Filter. Nicht so, als wollte er die Glut löschen, sondern als hätte er vor, den Filter zu töten. Dann lief er zur Fahrertür und riss sie auf. Er fing an, laut zu schimpfen, und ließ sich auf den Sitz fallen, wo er eine neue Zigarette drehte. Ich verstand nicht, worum es ging, bekam aber einzelne Satzfetzen mit: »… beschissener Tag … als ob ich Zeit hab wie Heu … am Arsch lecken …«

Wieder sah er zu mir rüber und eine Falte erschien auf seiner Stirn. Er brüllte: »Haste kein Zuhause, oder was?«

Halleluja. Wirklich ’ne nette Gegend hier, dachte ich, zog automatisch mein Basecap tiefer in die Stirn und trat einen Schritt zurück, weiter ins schattige Innere des Bushäuschens hinein. Dort stank es. Irgendwer musste in die Ecke gepinkelt haben. Ich hielt die Luft an. Bloß nichts Falsches sagen. Am besten gar nichts. Einfach so tun, als ob man taub, blind oder unsichtbar wäre, damit fährt man in solchen Situationen am besten. Er warf mir noch einen finsteren Blick zu, drehte seine Anlage auf undPeter Fox’ Stimme brach durch die Nachmittagsstille.

Dann knallte er die Wagentür zu, der Motor heulte auf und fort war er.

Erst als das Motorengeräusch ganz und gar verstummt war, kam ich wieder aus dem Bushäuschen heraus. Ich suchte nach irgendeinem Hinweis auf meinen Standort. Doch es stand kein Ortsname außen dran und innen klebte kein Fahrplan. Überhaupt sah das ganze Häuschen so verwittert aus, als käme nur alle halbe Jahre irrtümlich mal ein Bus vorbei.

Ein Hahn krähte. Es klang heiser und irgendwie unvollständig. Doch als wäre dies ein Signal, tauchte das Huhn wieder aus dem Loch im Zaun auf und rannte schnell über die Straße zurück.

Ich griff in die Reisetasche und zog einen zerknitterten Umschlag heraus. Er war an Peter adressiert, Absender: Jugendamt Berlin­-Pankow. Ich nahm den Zettel aus dem Umschlag und überflog das Schreiben, bis ich gefunden hatte, was ich suchte:

 

Haus Eulenruh / Wohnen & Schutz

Vera & Andreas Kämpf

Dreieulenweg 20

06901 Waldburgen

Haus Eulenruh. Ich sah im Geist schon die Anzeige in der Zeitung, die zu diesem Namen passte:

 

Wirst du tatterig und alt,

komm nach Eulenruh,

spür noch einmal Glück bei uns, denn bald,

bald ruhst auch du.

Ich steckte den Brief wieder weg, hievte meine Tasche hoch und ging los.

***

Hinter der Biegung stand das erste Haus des Ortes. Ein flach gedrücktes Gebäude mit Blechwänden. Maren’s Minimarkt. Rechts und links neben dem Eingang standen zwei steinerne Papier­körbe, in die jemand Erde eingefüllt und je drei Studentenblumen gepflanzt hatte. An die Blechwand war das Straßenschild montiert: Lange Maßen. Komischer Name für eine Straße.

Ich schob die Tür auf.

Kein Kunde war im Laden. Eine Verkäuferin sortierte Saftpackungen aus dem untersten Regal ins oberste.

»Guten Tag«, sagte ich, wartete, bis sie sich umdrehte, und lächelte sie an. »Können Sie mir bitte sagen, wie ich zum Haus Eulenruh komme?«

Sie lehnte sich gegen das Regal. In den Händen hielt sie je einen Tetrapak Schwarze Johannisbeere. Sie sah mich von oben bis unten an. Keine Ahnung, was sie suchte, aber offenbar gefiel ihr, was sie sah.

»Ach je«, sagte sie. »Hat dich keiner abgeholt? – Nimm’s nicht persönlich, wahrscheinlich hat Vera da was verwechselt … Bist du ein Neuer?«

Ich zuckte ein bisschen zusammen, als sie Neuer sagte, aber ich beschloss, es ihr nicht krummzunehmen. Ich war froh, dass sie Haus Eulenruh kannte. Das bedeutete nämlich, dass ich hier richtig war!

»Ja, ich bin neu«, sagte ich. »Ist das Haus weit von hier?«

»Na ja, es ist nicht gerade um die Ecke. Und die ist bestimmt schwer …« Ihr Blick lag besorgt auf meiner Reisetasche. Es war ganz klar: Sie mochte mich. Aber ich wusste, wie schnell sich das ändern konnte. Sie stellte die beiden Tetrapaks ins obere Regal und drehte sich gleich wieder zu mir um. »Ich würd’ dich ja bringen, aber ich bin heut allein. Ich kann hier nicht weg.«

»Klar«, sagte ich. »Sagen Sie mir nur den Weg.«

»Also gut: Du gehst die Lange Maßen runter, nimmst die Nächste links, dann kommt die Kreuzung. Rechts geht’s zum Marktplatz, du musst aber weiter geradeaus. Das ist der Große Streng. Auf dem bleibst du, bis ein Feldweg abgeht. Das ist der Dreieulenweg und den läufst du immer geradeaus. Haus Eulenruh ist das allerletzte Haus. Danach kommen nur noch die Felder und der Wald. – Du Armer«, sagte sie. »Es ist echt weit. Bestimmt mehr als ein Kilometer …«

Ich strahlte sie an. »Ist doch nicht viel«, sagte ich. Dann zeigte ich auf den Schriftzug Maren’s Minimarktauf der Scheibe und fragte: »Sind Sie Maren?«

Sie lachte. »Ja. Maren Rothenburg.«

Ich schulterte meine Tasche und sagte: »Danke, Frau Maren.«

»Wart mal kurz«, rief sie mir hinterher. »Wie heißt du eigentlich? Und wie alt bist du? Vielleicht kommst du ja in die Klasse von meinem Sohn. Tommy. Er kommt in die neunte.«

Ich war schon draußen, hielt noch die Tür in der Hand. Ich drehte mich um. Sie tat mir fast leid.

»Ich bin vierzehn«, sagte ich. »Und ich bin … ich bin die Fran­ka. – Franka Reinhold.«

Dann ließ ich die Tür langsam zufallen, um ihren Gesichtsausdruck nicht sehen zu müssen.

***

Ich ging den Weg, den Maren Rothenburg mir beschrieben hatte. Hinter jedem Gartentor schlugen die Hunde an. Keine Menschenseele war zu sehen. Entweder waren alle ausgeflogen, dachte ich, oder sie hockten drinnen vor den Fernsehern.

Irgendwie gefielen mir die Gärten nicht. Manche wirkten, als hätte man sie straff gezogen. Alle Runzeln und Unebenheiten entfernt. Bis sie glatt und perfekt dalagen. Mit diesen artig gestutzten Grasflächen und den kleinen Wegen, die wie mit Lineal und Bleistift durch die Erde gezogen waren. Etwas fehlte.

Bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, bog ich aber schon in den Dreieulenweg ein, und der erforderte meine ganze Konzentration. Es war ein festgetrampelter, rissiger Lehmweg mit Hunderten von Schlaglöchern. Jemand, der es wahrscheinlich gut gemeint hatte, hatte große Steine und Kies in diese Löcher geschüttet, damit man nicht stolperte und sich alle Gräten brach. Leider stolperte man jetzt über die Kies­ und Steinberge. Beim letzten Haus, das Haus Eulenruh sein musste, stellte ich meine Reisetasche auf den Weg und trat näher an den Zaun heran. Ich staunte. Und zwar nicht über das Haus, sondern über den Zaun.

Der Zaun war knallbunt angemalt, und er bestand aus riesigen schmiedeeisernen Eistüten, die sich aneinanderreihten. Vielleicht war hier früher mal ein Eisladen drin gewesen? Das Eingangstor war jedenfalls ein zwei Meter hoher geschmiedeter Eisbecher, aus dem ein überdimensionaler Löffel in die Luft ragte wie ein Speer. Auf dem Becher stand in eisernen Schnörkeln: Eis von Klabunde? Schmeckt zu jeder Stunde!

Ich schaute durch eine der Eistüten auf das Grundstück.

Ein Mädchen im Latzkleid und ein Junge, der nichts als ein Handtuch trug, das er sich um den Hals geknotet hatte und das hinter ihm herwehte, tobten über den Rasen. Beide waren vielleicht vier oder fünf Jahre alt. Das Mädchen rannte dem Jungen hinterher und schrie dabei: »Gleich hab ich dich, Axel, ich krieg dich, du, pass auf!« Und der Junge rannte vor ihr weg und keuchte dabei abgehackt: »De­-Denise, du sollst doch nicht A­-Axel sagen! – Ich bin doch der – der B­-Batman! Du – musst – A­-A­-Angst  – vor – mir – haben!« Doch Denise hatte keine Angst, sie hatte einen Schlauch in der Hand, und immer wenn der Wasserstrahl ihn traf, fingen beide wie auf Kommando an zu kreischen. Ein Dackel rannte ihnen die ganze Zeit hinterher, haselnussbraun und mit Schlappohren, und er japste und bellte und versuchte, in den Wasserstrahl zu beißen.

Auf einer Decke im Gras, nur ein paar Meter von mir entfernt, saßen zwei Mädchen, vielleicht fünfzehn. Sie waren konzentriert mit ihren Aufgaben beschäftigt: Eine saß im Yogasitz und übte Jonglieren mit Eiern, von denen ich hoffte, dass sie gekocht und nicht roh waren, die andere schrieb etwas in ein Buch. Eine trug ein Kleid, die andere kurze Hosen. Sie hatten exakt die gleichen Gesichter: denselben herzförmigen Mund, dieselben hohen Wangenknochen. Sie hatten auch dasselbe hellblonde Haar, aber obwohl jede wie das Spiegelbild der anderen aussah, wirkten sie trotzdem sehr verschieden. Ich hätte nur nicht genau sagen können, warum.

Auf einem Liegestuhl am Haus lag ein zu lang geratener, ungesund bleich aussehender Junge mitten in der prallen Sonne. Etwa sechzehn, schätzte ich. Neben sich hatte er eine Bluetoothbox, aus der unablässig Technorhythmen hackten, und er schien tief und fest zu schlafen. Das hoffte ich zumindest für ihn, denn er sah eher so aus, als wäre er tot.

Am Grill stand ein Mann ganz versunken in seine Arbeit. Er pfiff vor sich hin, während er verträumt die Steaks und die Gemüsespieße wendete. Weder das Kreischen von Denise und Axel noch die Technomucke schienen ihn irgendwie zu erreichen. Auf dem Kopf trug er einen Strohhut, und er hatte eine Schürze um, auf der Hier kocht Andreasstand.

Das sollte Andreas Kämpf sein?

Jemand, der so hieß, sollte eigentlich groß und stark oder wenigstens dick sein und schon ein paar Jährchen auf dem Buckel haben! Dieser Andreas Kämpf hier war so dünn wie eine Stehlampe und Anfang dreißig.

Da kam eine Erscheinung aus dem Grünzeug herausgeschwebt, hinter dem ich das Haus vermutete. Sie schwebte buchstäblich, denn sie bestand aus einer orangefarbenen Wolke Stoff. Ich wendete ihr sofort meine ganze Aufmerksamkeit zu. Ein Gewand, dachte ich ehrfürchtig, obwohl ich eigentlich gar nicht genau wusste, was ein Gewand war, aber das musste einfach eins sein. Sie hielt ein Tablett mit Tellern und Gläsern in den Händen und sie klingelte beim Gehen, weil sie bestimmt zehn Armreifen um jedes Handgelenk trug.

»Vera, bringst du mir nachher ein Bier mit raus?«, rief An­dreas Kämpf ihr zu.

Vera!

Wenn man so aussah, sollte man Scheherazade heißen, aber doch nicht Vera! Vor allem nicht Vera Kämpf!

Nachdem sie die Limonadengläser abgestellt hatte, drehte sie sich zu dem schlafenden oder toten Jungen um und rief streng: »Matthias, Musikwechsel! Deine halbe Stunde ist längst rum. Jetzt sind die Zwerge dran.«

Da schlug er die Augen auf und nölte: »Ooooch nee! Das is’ jetzt echt nicht wahr, oder? Das waren doch höchstens zehn Minuten! Wie soll man sich denn hier entspannen, wenn immerzu diese Kinderkacke läuft!«

Vera Kämpf sagte nichts. Sie wartete. Beide sahen sich an. Kampfblick. So lange, bis er die Augen senkte und neben sich griff,wo ein Handy lag. Er tippte genervt stöhnend darauf he­rum. Helle, quäkige Stimmen durchdrangen jetzt den Nachmittag, die Alle haben Eis gern sangen. Sesamstraße.

Vera Kämpf schirmte sich mit einer Hand die Augen ab, sah sich im Garten um und rief: »Denise? Axel? Tischdienst!«

Denise und Axel waren nicht zu sehen. Der Schlauch lag im Gras und eine große Pfütze begann sich unter ihm zu bilden.

»Denise? Axel!«

Die ganze Situation kam mir unwirklich vor. So als wäre alles nur gespielt oder als wären diese Menschen aus einer Hochglanzzeitschrift, die »Pures Familienglück« heißen könnte, fein säuberlich ausgeschnitten und hier im Dreieulenweg 20 wieder eingeklebt worden. Ich kam gar nicht auf die Idee, die Klinke am Tor hinunterzudrücken und einzutreten in diese Zeitschriftenwelt.

»Treffer! – Na super …«, rief es plötzlich von der Decke im Gras. Die Zwillinge. »Kannst du sie das nächste Mal einfach in die andere Richtung werfen, Lizzie?« Das Mädchen, das gesprochen hatte, war das mit der Hose. Sie wischte an ihrem Notizbuch herum. »Noch besser wäre allerdings, sie vorher zu kochen«, fuhr sie fort. Das Mädchen, das Lizzie hieß, antwortete nicht. Sie sah nur betrübt auf drei Flecken vor sich auf der Decke. Drei gelbe, glitschige Flecken.

»Ey, du Spanner, was glotzt’n hier rein?!« Ich zuckte zusammen.

»Ja, ich mein dich, Mann!«

Es war der Junge mit der ungesunden Hautfarbe. Er hatte mich entdeckt und richtete sich jetzt in seiner ganzen Höhe auf. Auch die Mädchen guckten kurz her, widmeten sich dann aber wieder ganz dem Eierunfall auf ihrer Decke.

»Mach schon«, brüllte er. »Verzieh dich, das ist privat, oder sollen wir vielleicht noch ’n Schild hinhängen: Füttern verboten?«

»Matthias«, sagte Vera Kämpf und schüttelte den Kopf.

»Is doch wahr …«, maulte Matthias. »… glotzen dauernd hier rein, als wären wir Tiere im Zoo …«

Als ich gerade etwas sagen wollte, quietschten Bremsen hinter mir auf dem Weg. Gleichzeitig hörte ich Hip­-Hop. Dann schlug eine Autotür zu. Ich drehte mich um.

»Guten Tag«, sagte ich.

Der Typ schnippte eine Zigarette auf den Boden. Er sah kurz an mir hoch und runter, als versuchte er, mich einzuordnen, gab aber schnell auf und öffnete den Kofferraum des VWs. Er hievte einen Kasten Wasser, einen Kasten Fritz Cola und einen Kasten Limonade heraus.

»Ricardo ist da!«, schrie der blasse Matthias, und als wäre dies ein wichtiges Codewort, hoben alle die Köpfe und starrten auf das Auto. »Na los, jetzt mach’s nicht so spannend. Wo is’n die Neue? – Traut die sich nich’ aus’m Auto, oder was?«, rief Matthias.

»Die ist gar nich’ im Bus gewesen«, brummte Ricardo, »hilf mal mit ausladen.«

»Was?«, fragte Andreas Kämpf alarmiert und kam zum Tor.

»Was heißt denn nicht im Bus?«

»Guten Tag«, sagte ich zu Andreas Kämpf. Der nickte mir abwesend zu.

»Nich’ im Bus heißt nich’ im Bus, Mann.«

»Ich weiß, dass ich ein Mann bin, Ricardo! Bist du sicher, dass du lange genug gewartet hast, bis alle ausgestiegen waren?«, fragte Andreas Kämpf. Seine Stimme klang jetzt wie eine Sturmglocke, die dabei war, sich warm zu machen.

»Ja«, sagte Ricardo gereizt und hob eine Klappkiste aus dem Kofferraum, in der Joghurt und etliche Tetrapaks Milch gestapelt waren. »Da is bloß so ’n Typ ausgestiegen. – Und jetzt lass mich in Ruhe. Es reicht mir heute eh schon.«

Matthias kam zum Tor.

»Hallo«, sagte ich zu Matthias.

»Dampf ab, du Pfeife!«, sagte der nur, und dann zu Ricardo: »Aber sie ist doch in Berlin eingestiegen. Soll sie sich in der Zwischenzeit in Luft aufgelöst haben, oder was?«

Jetzt kamen auch die Zwillinge. Ich sagte: »Hi!«

Die mit der Hose sah aufmerksam an mir hoch und runter, dann grinste sie plötzlich, hielt ihre Hand durch eine gusseiserne Eistüte und sagte: »Auch hi! – Ich bin Ann.« Mit der würde ich mich verstehen, das wusste ich sofort.

Vera Kämpf kam angerannt und rief: »Aber wo ist sie nur, wo ist sie denn bloß hin?«

»Ey, dubist doch der Typ, der ausgestiegen ist«, sagte Ricardo plötzlich zu mir.

Ich schüttelte immer noch Anns Hand. »Nein, kein Typ«, sagte ich. »Ich bin Franka. Franka Reinhold. – Die Neue.«

***

Der vermuffelte Gesichtsausdruck verschwand so plötzlich aus Ricardos Gesicht, als hätte ihm jemand einen Eimer Quallen über den Kopf geschüttet. Er starrte. Er starrte mich an wie etwas, von dem man angenommen hatte, es nie in seinem Leben zu Gesicht zu bekommen: die Niagarafälle zum Beispiel. Ich kannte diesen Blick. Die beiden Zwerge hielten sich an den Händen und staunten mich von unten an. Batman lief die Nase.

Ann war die Einzige, die sich nicht wunderte. Sie beugte sich zu mir und flüsterte: »Ich hab gleich gewusst, dass du es bist, Franka.«

Der lange, bleiche Matthias jedoch war völlig entgeistert und rief: »Ey, Mann, das ist ja Beschiss! Zurückschicken und umtauschen!« Er streckte einen Finger in meine Richtung aus: »Da hat ja ’n Baumstamm mehr von einem Mädchen!«

Ich wollte was sagen, aber ich konnte nicht, weil mein Blick an Matthias’ T-Shirt hängen blieb. Oder sollte ich besser sagen, kleben blieb? Es war voller Flecken. Richtig eklig. Als hätte er irgendwas Fettiges, Gelbliches gegessen und sich dann die Hände auf Brusthöhe abgewischt.

»Reiß dich zusammen«, fuhr Vera Kämpf ihn scharf an, öffnete das Tor und sagte: »Herzlich willkommen, Franka.«

Doch bevor ich auch nur einen Fuß aufs Grundstück setzen konnte, schoss der Dackel um die Ecke. Er hielt einen orangefarbenen Gummiknochen im Maul. Als er am Tor angekommen war, ließ er den Knochen fallen, sah mich aus zwanzig Zentimetern Höhe an und knurrte mit hochgezogenen Lefzen.

»Fussel!«, ermahnte ihn Vera Kämpf. »Aus! – Ignorier ihn einfach, Franka, komm rein.«

Aber als ich das versuchte, sprang er nach vorn und schnappte nach meinem Schuh. Ich machte einen Satz nach hinten.

»Böser Fussel!«, rief Vera Kämpf sofort, griff nach unten, schnappte sich den Kläffer und drückte ihn an ihren großen Busen. Dann sagte sie zu mir: »Wir dachten, wir machen ein kleines Grillfest zu deiner Begrüßung.«

***

»Hast du denn Hunger?«, fragte der Zwilling, der Ann hieß.

Ich war überrumpelt und nickte. Wusste aber, dass ich gleich die ganze Stimmung zerstören würde.

»Ein Würstchen oder gleich ein Steak?«, fragte Vera Kämpf freundlich.

»Ich bin Vegetarierin.«

Die Zwillinge fingen an zu lachen. Vera Kämpf schaute auf, und ich machte mich schon auf die üblichen Sprüche gefasst: Eijeijei, das wird aber schwierig. Oder: Aber HEUTE kannst du doch mal eine Ausnahme machen. Oder noch schlimmer: Warum das denn?

Weil es echte Muskelfasern sind. Weil es kein Klumpen Irgendwas ist, sondern mal auf der Wiese stand, neugierig die Nase in die Sommerluft gestreckt und sich dann gemütlich an einem Baum geschubbert hat.

Weil es mal gelebt hat und jetzt tot ist.

Vera Kämpf lächelte und fragte: »Vegan, Ovo­- oder Laktovegetarierin?«

»Was?«

»Isst du tierische Produkte?«

»Milch und Eier schon.«

»Ovolaktovegetarisch«, sagte sie und hielt Andreas Kämpf einen Teller hin. Der schaufelte mir eine Backkartoffel und eine gegrillte Tomate auf.

»Da wird Ricardo sich freuen«, sagte Vera Kämpf. »Jetzt seid ihr schon zwei.« Dann drehte sie sich um und verschwand hinter dem Grünzeug. »Ich hol noch Ketchup«, rief sie.

Ich schob mich auf meinen Platz und sah aus den Augenwinkeln zu Ricardo hin. Der saß griesgrämig da. Er hatte sich die Kapuze über den Kopf gestülpt und aß, ohne jemanden anzuschauen. Er sah nicht so aus, als würde er sich jemals über irgendwas freuen. Geschweige denn über mich. Und – er sah auch nicht wie ein Vegetarier aus.

Alle schwiegen. Nur Fussel nicht. Der kommentierte jede meiner Bewegungen mit einem Knurren.

Tolles Grillfest, dachte ich und kaute auf der Kartoffel herum. Würde vielleicht mal jemand was fragen? Wie die Fahrt war, zum Beispiel? Ob Berlin nice ist? Wie ich mir mein neues Leben hier in Waldburgen vorstellte?

Nichts.

Da war ja die Besichtigung eines Bestattungsinstituts unterhaltsamer. Garantiert lag das an mir. Ich griff nach meinem Glas und trank es in einem Zug leer. Immer noch schwiegen alle, aber ich merkte, dass sie mich beobachteten. Vor allem Matthias. Der saß in seinem schmierigen T-Shirt da und hatte den Teller mit einem Arm abgeschirmt, als hätte er Schiss, dass jemand ihm was wegnehmen könnte. Während er kaute, glotzte er mich ungeniert an.

Die hatten einfach was anderes erwartet. Keine Ahnung, was, jedenfalls nicht so was wie mich. Plötzlich wollte ich nur noch in mein Zimmer. Ich sehnte mich danach, die Tür hinter mir zuzumachen. Ich wollte keinen mehr sehen und von keinem mehr beglotzt werden.

»Kann ich Franka das Haus zeigen?«, fragte Ann, als Vera Kämpf an den Tisch kam.

»Sicher«, sagte sie. »Wenn ihr aufgegessen habt.« Und dann zu mir: »Du willst bestimmt duschen und aus den dicken Klamotten raus …«

»Lizzie borgt dir bestimmt ein Kleid … huaahhh, huaaaah!«, schrie Matthias und brach in ein wieherndes Gelächter aus. Ich schob meinen Stuhl zur Seite, zerrte meine Tasche vom Rasen hoch und sagte zu ihm: »Kümmer dich einfach um deinen eigenen Scheiß, okay?«

»Du gehörst jetzt zu meinem Scheiß«, sagte er.

Da hieb Ann Matthias ihren Ellenbogen in die Seite und sagte: »Jetzt halt die Luft an, Mann. Wenn dir Franka nicht passt, dann zieh doch aus hier, geh nach Hollywood und mach dort ’ne steile Karriere als Leiche. Bei deinem Teint hast du echt super Chancen.«

Matthias klappte den Mund auf und wieder zu und sagte lahm: »Was’n mit dir los? In ’n Gifttopf gefallen, oder was?«

***

»Lass dir von Matthias bloß nicht die Laune verderben«, sagte Ann und zog mich über die Wiese. Noch immer schwieg ich. Es schien ihr nichts auszumachen. »Der pubertiert gerade …«

Hängendes Grünzeug versperrte uns plötzlich den Weg. Ann streckte die Hand aus und schob es zur Seite wie einen Vorhang. »Nach dir«, sagte sie, und zögernd trat ich in die entstandene Lücke.

»Knöterich, Klematis und Wilder Wein«, sagte sie und ließ das Gehänge wieder los, das sich hinter uns schloss. Ich fühlte mich wie in einem Gewächshaus oder in einer grünen Kugel.

»Alles Kletterpflanzen«, sagte sie und zog mich weiter. »Hat der Vorbesitzer angepflanzt. Wachsen wie die Pest. Aber dann ist er gestorben und das Haus hat jahrelang leer gestanden. Keiner hat sich drum gekümmert. Das Grünzeug konnte wuchern, wie es wollte. Erst hat es das Haus zugedeckt, sogar das Dach, dann hat es sich von dort aus über die Bäume geworfen, weiß der Geier, wie es das geschafft hat, und jetzt … na ja, du siehst ja selbst …«

Mein Blick folgte ihrem.

»Es hangelt sich von Baumkrone zu Baumkrone«, sagte sie, »webt alles ein, und dann diese Dinger hier …« Sie zog kräftig an einer Ranke, die von einem Baum herabbaumelte wie eine Liane. Ein Vogel kam aus dem Blattwerk geschossen und protestierte lautstark. Ann lachte. »Wie im Urwald ist das hier«, schloss sie.

»Hm.«

»Du redest nicht viel, was?«, fragte sie.

Ich zuckte nur mit den Schultern. Blöde Frage. Vorhin hatten sie selbst alle geschwiegen. Außerdem: Was soll man schon groß reden, wenn so ein Wasserfall neben einem sprudelt.

Ann ließ sich nicht stören. Sie fuhr einfach fort: »Vera wollte am Anfang alles runterreißen, damit die Bäume mehr Licht und Luft kriegen. Sie wollte auch die Hauswände frei schneiden lassen, weil sie Angst hatte, dass sich Käfer und Spinnen einnisten und ins Haus kommen. Aber als die Gärtner die Vorderfront frei geschnitten hatten, kam das Haus darunter zum Vorschein. Da hat Vera sich so erschrocken, dass sie die ganze Aktion abgeblasen hat. Jetzt würde sie das Grünzeug am liebsten wieder rankleben, Käfer und Spinnen hin oder her.«

Wir standen nun genau davor. Ich ging ein paar Schritte rückwärts, um das Haus ganz in den Blick zu bekommen.

Ich verstand augenblicklich, warum Vera Kämpf die Aktion abgeblasen hatte.

Die Nacktheit der Vorderfront war ein Schock. Diese freigelegte fleckige Mauer dort strömte etwas unendlich Ödes aus. Die Seitenwände schienen üppig bewachsen, doch die paar Triebe, die sich von dort aus schon wieder über die Vorderfront tasteten, machten es nicht besser. Sie waren so dünn und verästelt, dass sie auf dem rohen Grau wie Adern wirkten.

Mit den Augen suchte ich Mauerwerk und Dach ab, suchte nach … ich weiß nicht … nach irgendetwas, was ich nett finden könnte, ein kleines Erkerfenster vielleicht oder einen Balkon. Aber das Haus hatte keine Erkerfenster. Es hatte überhaupt nichts.

Ein grobporiger, steinerner Block war es, der in die Breite gelaufen war. Fest verschlossen. Die Fenster winzig und tief in die Mauer gedrückt. Schweinsäuglein in einem teigigen Gesicht. Das Dach in die Stirn gezogen, eine verkniffene Tür, halsstarrig und krumm.

»Und?«, fragte Ann und sah mich interessiert an.

»Das war bestimmt billig …«, sagte ich stockend.

»Worauf du einen lassen kannst«, sagte Ann.

Da musste ich lachen. Unerwartet. Das erste Mal seit Tagen. Das erste Mal seit der Sache mit Martina lachte ich.

»Haus Eulenruh …« Ich prustete. »Eulenruh! So ein idyllischer Name für diesen düsteren Kasten …« Ich sah das missratene Haus an und lachte und lachte. Mir war, als hätte das Lachen tief in mir an einer Leine gekauert, die plötzlich durchgeschnitten worden war.

Als ich mich wieder beruhigt hatte, sagte Ann: »Innen ist es wirklich gemütlich.«

Und dann schob sie die Tür auf.

 

2. Kapitel

LIZZIE UND ANN

Die Kohle im Grill war längst verglüht, das Geschirr hereingetragen, die Gespräche verstummt. Alle hatten sich auf ihre Etagen verteilt und nach und nach waren die Lichter ausgegangen. Haus Eulenruh bereitete sich darauf vor, in den Schlaf zu fallen. Ich lag mit offenen Augen im Bett. Schon immer hatte ich diese Stunde gemocht. Schon im Heim. Wenn wir alle in unseren Zimmern verschwunden waren, wenn ich die Tür hinter mir zumachen konnte und der Tag ausgeknipst war. Wenn ich endlich einmal allein war. Denn dann wurden die Geräusche spürbar. Die Geräusche des Hauses. Ein Knistern in den Wänden, Wasserläufe in den Heizungen, ein Knacken im Boden.

Das Fenster stand offen. Es war ein Fliegenfenster eingesetzt gewesen, aber weil ich das Gefühl gehabt hatte, die Nachtluft würde einfach davor anhalten, hatte ich es herausgenommen. Außerdem konnte ich jetzt den Himmel sehen. Dass Mücken hereinfliegen würden, war mir egal.

Wolken trieben schnell über den Mond, und der verwilderte Garten draußen raschelte und war von bewegten Schatten erfüllt. Ein Nachtvogel schrie. Dann noch einer. Käuzchen vielleicht? Ich hatte noch nie ein echtes Käuzchen schreien hören, aber genau so stellte ich mir eins vor. Der Himmel war über und über mit Sternen betupft. So viele Sterne. In Berlin sah man nur selten so viele auf einmal.

Nie hätte ich gedacht, dass ich mal aus Berlin weggehen würde, und nachdem die Sache mit Martina passiert war, hatte ich mich darauf eingestellt, wieder ins Heim zurückzumüssen. Stattdessen nun Haus Eulenruh. Hundert Kilometer südlich von Berlin. Hundert Kilometer entfernt von allem, was ich kannte.

Das sachsenanhaltinische Dorf Waldburgen mit seinen 784 Einwohnern, darunter 55 Arbeitslose, liegt mitten in der Elbaue, etwa 18 Kilometer entfernt von Wittenberg. Es hat eine Fläche von 15,58 Quadratkilometern und befindet sich in einem Naturschutzgebiet für Biber und Eulen. Es ist auch ein Paradies für Angler.

Das hatte ich gegoogelt, als ich wusste, dass ich nach Waldburgen gehen würde. Ich war ab heute Einwohnerin Nr. 785!

Waldburgen ist ein typisches Rundlingsdorf.

Rundlinge, das hatte ich mal in einem Museum gesehen, waren Dörfer, die an einer erhöhten Stelle in der Nähe eines Gewässers errichtet worden waren. In diesem Fall an der Elbe, dachte ich. Und Rundlinge hatten immer ein Ortszentrum, einen Marktplatz zum Beispiel. Sie waren also anders als Straßendörfer, die ohne irgendein Zentrum gebaut waren, weil sie nur aus einer einzigen lang gestreckten Straße bestanden. Häuser rechts. Häuser links. Auf der Herfahrt hatte ich einen Haufen solcher langweiliger Straßendörfer gesehen.

Der beliebte Elberadweg führt an Waldburgen vorbei. Das stand unter »Attraktivitäten«.

Doch neben seiner idyllischen Lage hat das Dorf noch eine Menge mehr zu bieten: aktive Sportvereine beispielsweise und eine bemerkenswerte Infrastruktur. So besitzt Waldburgen eine eigene Arztpraxis, einen Lebensmittelladen (Maren’s Minimarkt, dachte ich), einen Friseur, kleinere handwerkliche Betriebe, eine Kirche und einen Sportplatz. Die beiden Gasthäuser »Zum eisernen Becher« und »Am Sportlereck« laden zum Verweilen ein. »Haus Eulenruh«, eine Erziehungsstelle des Familienwerks, bietet Kindern ein neues Zuhause. Weiterhin beleben eine Schule, eine Bibliothek und ein Jugendclub den Ort.

Beim Stichwort »Außergewöhnliche Persönlichkeiten« war ein Strich gewesen.

Ich drehte mich auf die Seite. Es war jetzt total still. Nicht das kleinste Geräusch, selbst die Nachtvögel schwiegen. Und obwohl ich die Ruhe in Berlin immer gemocht hatte, vielleicht, weil es sie dort so selten gab, war sie mir jetzt auf einmal zu viel. Wie sollte man denn bei so einer Totenstille einschlafen! Das drückte ja richtig in den Ohren!

Ich setzte mich auf und stieß mich dabei an der Dachschräge. Die Stille lastete noch mehr. Ich hätte mit dem Handy Musik hören können, aber der Akku war leer. Vielleicht sollte ich den Radiowecker anschalten? Aber gab es hier überhaupt ordentliche Sender? Was hörten Jugendliche in der Elbaue in Sachsen-­Anhalt?

Und wie als Antwort fing auf einmal ein Frosch an zu quaken. Er quakte herzzerreißend. Eine Weile blieb er damit allein, dann machten seine Kumpels mit. Lang gezogen, krächzend, hingebungsvoll. Ich hörte ihnen zu, dann ließ ich mich langsam ins Kissen zurückrutschen und dachte: Herzlich willkommen in Waldburgen, Franka Reinhold, im Paradies für Angler, Eulen und Biber …

»Mit dir sind wir vollzählig«, hatte Vera Kämpf freundlich am Grill gesagt, und ich hatte gespürt, wie etwas in mir hart und unzugänglich wurde, was immer passierte, wenn jemand, der mich nicht mal kannte, mir versicherte, dass ich dazugehörte.

»Ich hoffe, du gewöhnst dich bald ein.« Sie hatte beim Sprechen genickt, und ihre goldenen Ohrringe machten dabei ein Geräusch, als würden viele Leute hektisch mit Sektgläsern anstoßen. »Es ist bestimmt nicht so leicht, besonders, weil alles so schnell ging …«

So schnell. Damit meinte sie Martina. Hätte Martina keinen Hirnschlag bekommen, wäre ich jetzt nicht hier. Aber Martina war einfach in der Küche umgekippt. Der Krankenwagen war mit Sirene und Blaulicht abgefahren. Sie hatte tagelang im Koma gelegen, und Peter war zusammengesackt wie ein Zelt, bei dem das Gestänge gebrochen ist. Er hatte nicht mehr mit uns geredet, sich um nichts gekümmert. Er hatte mich völlig vergessen, nur noch vor sich hin gestarrt und geraucht.

Nachdem dann die Nachricht gekommen war, dass Martina  … dass sie nicht mehr zurückkommen würde, war es tatsächlich schnell gegangen. Rasend schnell. Als hätte die Zeit sich in einen tosenden Zug ohne Türen verwandelt, der sich unaufhaltsam von meinem bisherigen Leben entfernte. Ich hatte durchs Rückfenster geschaut und gesehen, wie Peter und Martina zurückblieben. Vor allem Martina, deren Gesicht ich mir nicht mehr ohne das Blaulicht in Erinnerung rufen kann.

Ich war noch nicht mal lange genug da gewesen, um wirklich dazuzugehören. Ich glaube, ich habe noch nie so richtig irgendwo dazugehört. Außer vielleicht zum Jugendamt.

Betreutes Wohnen ist das Beste, was einem passieren kann. Besser als Heim oder Pflegefamilie, aber diese Plätze sind kaum zu haben. Haus Eulenruh war weder betreutes Wohnen noch eine Pflegefamilie wie bei Martina und Peter, hatten sie mir im Jugendamt erklärt. Es war ein anderes Modell. Es hieß Erziehungsstelle. Anders als Martina und Peter waren Vera und An­dreas Kämpf ausgebildete Pädagogen. Keiner von beiden arbeitete in einem Büro oder in einer Fabrik. Sich um die Kinder zu kümmern, die ihnen vom Jugendamt vermittelt wurden, war ihr Beruf.

Lizzie und Ann, zählte ich sie im Stillen auf, Ricardo und Matthias, Axel und Denise. Und ich. Sieben Menschen in jedem Alter und jeder Größe. Sieben verschiedene Geschichten und unterschiedliche Stufen von Freundlichkeit. Ich dachte dabei an Matthias und Ricardo. Und alle hatten wir etwas gemeinsam: dieses Haus.

Mitten in dem Gedanken hörte ich, wie es an meiner Tür scharrte.

Ich erschrak und zog die Decke bis zum Kinn. Wieder scharrte es, dann wurde die Klinke heruntergedrückt. Gott sei Dank hatte ich abgeschlossen. Ich hatte keine Lust auf den bleichen Matthias, der vielleicht nachgucken wollte, ob ich auch wirklich ein Mädchen war.

Es klopfte. Ganz leise. Und dann hörte ich ein Flüstern: »He, Franka, mach auf! Wir sind’s – Lizzie und Ann.«

***

Ich tappte zur Tür und drehte den Schlüssel um. Die Zwillinge huschten an mir vorbei ins Zimmer, und als ich die Tür wieder geschlossen hatte und mich umdrehte, saßen sie schon auf meinem Bett. Ich wusste sofort, wer wer war: Lizzie trug ein Flatterhemd und Ann einen gestreiften Pyjama.

»Wir dachten, dass du dich hier vielleicht ein bisschen allein fühlst …«, sagte Lizzie.

»… und deshalb wollten wir dir Gesellschaft leisten«, vervollständigte Ann.

Gesellschaft beim Alleinsein?, dachte ich.

»Hey, du hast das Fliegenfenster rausgenommen!« Ann kicherte. »Wenn Vera das spitzkriegt, bricht die Panik aus. Sie würde zwar ohne mit der Wimper zu zucken an ’ner versmogten Berliner Hauptverkehrsstraße entlangjoggen, aber die Landluft findet sie gefährlich. Bei jedem Mückenstich schlägt sie Alarm, weil wir die Beulenpest oder was weiß ich haben könnten.«

Ich hockte mich in den Sessel. Die Zwillinge ließen die Beine von meinem Bett baumeln. Ich sagte nichts.

»Hast du Heimweh?«, fragte Lizzie. Sie sah zwar aus wie Ann, hatte aber eine viel weichere Stimme. Wie Heu. »Ich meine, willst du wieder zurück?«

Ich schüttelte den Kopf. Da sie schon zu weiteren Fragen ansetzte, sagte ich schnell: »Seid ihr aus England?«

»Wie kommst’n darauf?«, fragte Ann.

»Wegen eurer Namen.«

»Ach so«, sagte Lizzie. »Wenn du wüsstest …«

»Also«, sagte Ann und zeigte mit theatralischer Geste auf Lizzie, »das ist eigentlich Elizabeth. Und ich … gestatten: Anastasia. Elizabeth und Anastasia Fischer. Furchtbar! Aber ein Kind unter vier Silben wäre für unsere Eltern unvorstellbar gewesen. Die hatten ein Faible für lange und königliche Namen.«

»Vielleicht fühlten sie sich selbst zu kurz gekommen als Kurt und Grit Fischer«, sagte Lizzie.

Ich ging ans Fenster. Hinter dem Feld begann der Wald. Rechts davon zog sich die Silhouette einer Gebäudegruppe hin.

Die Mauern wirkten ungewöhnlich schwarz. Aber vielleicht lag das auch am Mondlicht. Ich kniff die Augen zusammen, doch es war ziemlich weit weg und wurde nicht deutlicher.

»Was ist das?«, fragte ich und zeigte hinüber. »Ein anderes Dorf?«

Die beiden sahen nur kurz hin.

»Nicht wirklich«, sagte Ann. »Das ist Unland. Ein toter Ort. Da wohnt jedenfalls keiner mehr.«

»Es sind Ruinen«, erklärte Lizzie. »So richtig redet da niemand drüber. Keine Ahnung, warum nicht.«

Ich schaute weiter über das Feld zu den schwarzen Umrissen der Häuser. Interessant. Ich beschloss, am nächsten Tag mal hinzugehen.

»Und du?«, fragte Lizzie. »Kommst du wirklich aus Berlin?«

»Hm, ja«, sagte ich und drehte mich endlich zu den beiden um. »Pankow.« Ich merkte, dass ich gesprächiger geworden war. »Ich weiß nicht, wie das Jugendamt auf das Haus hier kommt. Eigentlich vermitteln die nur Plätze innerhalb von Berlin.«

»Na ja, wir kommen auch alle aus Berlin«, sagte Lizzie. »Wir sind erst letztes Jahr hergezogen. Die vom Jugendamt in Berlin kennen Andreas und Vera.«

»Und wieso seid ihr hierhergekommen?«, fragte ich. »Hier ist doch nichts.«

»Das war Veras Idee. Seit sie wusste, dass wir Axel und Denise bekommen würden, wollte sie raus aus der Wohnung und in ein Haus ziehen, irgendwo am Rand von Berlin, nicht mehr direkt in der Stadt«, erklärte mir Lizzie.

»Weißt du noch«, fiel Ann ihr ins Wort, »wie sie im Wohnzimmer stand? Das Fenster war auf und von der Hofseite kam ständig dieses Geschrei hoch …«

»… und von der Straßenseite die Feuerwehr oder die Polizei oder beides zusammen. Wir haben direkt an der Potsdamer Straße in Schöneberg gewohnt«, sagte Lizzie.

»Wie, und dann seid ihr einfach von Berlin weg und in diese Pampa hier, so mir nichts, dir nichts?«, fragte ich ungläubig. »Freiwillig?«

»Nein, das ging nicht so schnell. Eigentlich war das alles ja auch ein Zufall. Das Familienwerk hatte dieses Haus hier gekauft. Und irgendwie kennen die sich da alle untereinander. Na ja, die wussten eben, dass Vera und Andreas sowieso vorhatten umzuziehen, und da haben sie ihnen das Haus angeboten. – Stimmt schon, es ist nicht wirklich der Stadtrand von Berlin …«

»Nicht direkt …«, sagte ich.

»Die Jungs haben Stress gemacht«, sagte Lizzie. »Zumindest am Anfang.«

»Vor allem Ricardo …«, sagte Ann.

»… aber Ann und ich waren froh«, fuhr Lizzie fort. »Wir wollten weg.«

»Warum will man denn aus Berlin weg?«

»Warum wolltest du denn weg?«

Ich schwieg. Ich dachte an Martina. Wie sie in der Küche gelegen hatte. Ich dachte an das Telefon. Wie ich den Hörer ans Ohr gerissen und plötzlich nicht mehr gewusst hatte, welche Nummer die richtige war: 110 oder 112 oder 115? Und dass die Nummer am Ende egal gewesen war, denn Martina war trotzdem gestorben.

»Zu viele Sirenen«, sagte ich leise.

Die Zwillinge sahen mich fragend an, aber ich schwieg.

»Bei uns war’s die Schule«, sagte Ann schließlich. »Die haben uns behandelt, als hätten wir was Ansteckendes, als wären wir … als wären wir …«

»… aussätzig«, sagte Lizzie, zog ihre Knie ans Kinn und schlang die Arme darum, als wäre ihr kalt.

»Aber wieso?«

Ganz kurz war es still und die Zwillinge tauschten einen Blick. Etwas wie eine unhörbare Botschaft ging zwischen ihnen hin und her. Dann schauten sie mich wieder an, und Ann sagte: »Okay. Du bist jetzt eine von uns. Vom Eulenhaus. – Aber du musst es versprechen!« Sie flüsterte.

»Was versprechen?«

»Du musst versprechen, keinem Menschen etwas davon zu verraten. Keinem einzigen!«

Ich sah zwischen den beiden hin und her, dann nickte ich.

»Ich verspreche es.«

Ann sagte: »Unser Vater ist im Knast. Schon seit sieben Jahren.«

»Seit sieben Jahren! Scheiße! Was hat er denn gemacht?«

»Jemanden umgebracht«, sagte Lizzie schlicht.

Ich schluckte. Die Vorhänge bewegten sich leise unter einer Brise Nachtwind. Ich fröstelte und schloss das Fenster.

»Und warum …« Ich flüsterte. »Ich meine … warum seid ihr nicht bei eurer Mutter?«

Ann sah Lizzie an. Lizzie sah Ann an. Dann sagte Ann zu mir: »Sie ist tot.«

Der Satz stand im Raum wie ein stiller schwarzer Schatten. Doch plötzlich begann er zu zittern, erst ein bisschen an den Rändern, dann immer mehr. Und auf einmal machte es Klick in meinem Kopf und mein Herz setzte einen Schlag aus.

Als die Nachricht gekommen war, dass Martina gestorben war, hatte ich gedacht, dass mir das Schlimmste passiert war, was einem passieren konnte.

Jetzt wusste ich, dass das nicht stimmte.

 

3. Kapitel

Die Harleys von Waldburgen

Ich war gelandet.

Der Planet hatte vom Raumschiff aus grün ausgesehen, und zuerst hatte ich gedacht, es wäre eine Art Nebel, doch als die Türen sich langsam öffneten, sah ich, dass es sich um etwas ganz anderes handelte. Es war –

»Gras!«, rief der Bordcomputer.

Aber was für ein Gras! Nicht so ein zerlatschtes, jämmerlich um sein Leben kämpfendes Gras wie auf dem Schulhof in Pankow. Dieses hier war geradezu unbeherrscht dick und saftig!

Ich nahm mir nicht mal Zeit, die Glieder zu strecken. Nichts wie rein wollte ich in diese grüne Pracht! Und so stürzte ich mit ausgestreckten Armen aus dem Raumschiff in diese rasenfrische Luft, auf diese sprießende Wiese, weiter, immer weiter …

Aber was war das denn!? Dieses Gras … es schoss in die Höhe! Wachsen dazu zu sagen, wäre eine ähnliche Untertreibung, wie die Ostsee als Spucke zu bezeichnen.

»Alarm!« Das war mein Pieper. »Gras reicht bis zum Knie!«, piepte er. Als ob ich das nicht selbst sehen würde.

Ich Idiot hatte mich viel zu weit vom Raumschiff entfernt. Und dieses Mistgras schien immer noch schneller zu wachsen! Die Halme sahen außerdem beunruhigend fleischig aus …

»Gras reicht bis zur Hüfte!«, piepte es.

Und dann kapierte ich, was hier passierte: Diese Scheißwiese hatte Hunger! Und ich sollte ihr Frühstück sein.

»Rückzug!«, piepte es. Wahnsinn. Auf die Idee wäre ich nie allein gekommen. Vom Raumschiff waren nur noch die oberen Luken und seine silberne Spitze zu sehen. Den Rest hatte das Gras schon verschlungen. Ich versuchte zu rennen. Ich kam nicht vorwärts. Die Grashalme bildeten heimtückische Schlingen, in denen ich hängen blieb. Ich stürzte hin.

»Halt!«, piepte es. »Anhalten!« Ich lag doch schon am Boden!

»Wunsch verwandeln!«

Das war die Lösung! Ich schlug mir gegen die Stirn und zum ersten Mal war ich dem Pieper wirklich dankbar. Ich griff in die Tasche und zog ihn heraus. Aber was sollte ich mir wünschen?

Eine Pistole war sinnlos gegen Grashalme. Ein Flammenwerfer auch, da würde ich gleich mit abbrennen … aber vielleicht … ja, das war’s! Ich tippte eine Zahlenkombination ein. Es machte zzzzzzing, und: Ein nagelneuer Rasenmäher stand vor mir!

Ich stürzte mich auf ihn, drückte auf Start, der Motor heulte auf und dann begann ich zu mähen.

Ich mähte, was das Zeug hielt. Mähte meinen Weg zurück zum Raumschiff oder zumindest in die Richtung, in der ich das Raumschiff vermutete, denn jetzt war es völlig vom Gras verschluckt, ich mähte alles nieder, mähte um mein Leben, mähte, mähte, mähte, mähtemähtemähte …

»Ich halt’s nicht aus, ich halt das einfach NICHT MEHR AUS!«

Ich fuhr hoch, stieß mit der Stirn gegen etwas und riss die Augen auf. Was war los? Wo war ich?

Ein anderer Planet war es nicht.

Ich saß im Bett. Über mir die Dachschräge, gegen die ich gestoßen war. Am Fußende das Fenster. Durch das Fenster drang die Sonne herein. Staubgeflimmer. Und – die Stimme von Vera Kämpf.

Langsam legte ich mich zurück ins Kissen, rieb mir die Stirn, auf der ich eine Beule wachsen spürte, und hörte Vera Kämpf fasziniert zu: »Wird denn hier nie eine Pause gemacht? Ich wünsch mir doch nur einen Tag. Nur einen einzigen Tag Ruhe! – Und heute ist schließlich SONNTAG!«

Ich gähnte. Dann schüttelte ich den Kopf, schüttelte die Reste meines Traums ab, aber der intensive Grasgeruch blieb. Genau wie das durchdringende Geräusch von einem … ja, das war tatsächlich ein Rasenmäher! Dem Lärmpegel nach zu urteilen, handelte es sich sogar um zwei, wenn nicht gar drei! Ich robbte bis zum Fenster am Fußende des Bettes und beugte mich hinaus.

Denise und Axel waren dabei, Schüsseln auf dem Tisch zu verteilen, während Vera Kämpf – diesmal in etwas Beigefarbenes, Flatteriges gekleidet – ein Tablett mit Tassen abstellte. Dann richtete sie sich hoch auf, schaute mal nach links und mal nach vorne, denn aus beiden Richtungen rollten Rasenmäher-Lärmwellen heran. Sie rollten und rollten, um auf dem Grundstück vom Haus Eulenruh zusammenzutreffen und ein glücklich dröhnendes Paar zu bilden.

Mit einer Geste, von der ich bisher angenommen hatte, dass sie nur in Büchern, aber nicht in der Wirklichkeit vorkommt, griff sich Vera Kämpf ins Haar und zerraufte es.

»Ich meine doch nur …«, versuchte sie ihre Stimme wieder gegen das Dröhnen zu stemmen, wurde aber gnadenlos weggemäht. »Ich meine …«, schraubte sie die Stimme deshalb ein paar Dezibel höher, »… dass das Gras nach einem Tag Mähpause DOCH NICHT GLEICH HÜFTHOCH STEHT!«

Nichts passierte. Ungerührt dröhnten die Rasenmäher weiter. Axel und Denise waren jetzt fertig mit den Schüsseln und legten Löffel daneben. Sie schauten nicht mal auf. Vera Kämpf sah sich verzweifelt um und rang die Hände. Auch dies war etwas, was ich nur aus Büchern kannte: Noch nie hatte ich einen echten Menschen verzweifelt die Hände ringen sehen. Das musste ich mir sofort notieren.

Ich griff nach unten, wo meine Reisetasche noch unausgepackt stand, und wühlte ein grünes, zerfleddertes Übungsheft hervor, auf dem »Geografie« stand.

Wenn man ein Tagebuch führt oder etwas anderes, was einem genauso wichtig ist wie ein Tagebuch, dann gibt es zwei Regeln. Erstens: Es darf auf keinen Fall tagebuchartig aussehen. Es sollte also nicht aus rotem Samt bestehen und so ein kleines Schloss mit Schlüsselchen haben, es sei denn, man will unbedingt, dass es gelesen wird. Bücher aus rotem Samt mit Schloss schreien ja förmlich danach, aufgebrochen zu werden. Zweitens: niemals irgendwo verstecken! Alles, was versteckt unter der Matratze oder hinter dem Spiegel klemmt, erregt sofort Verdacht, wenn es aus Zufall gefunden wird, weil dieses raffinierte Versteck ja irgendeinen Grund haben muss. Deshalb: am besten irgendwo ganz auffällig hinlegen. Alles, was auffällig daliegt, ist langweilig und wird nicht beachtet.

Ich schlug das Heft auf. Es gab etwas, was mich wirklich interessierte: Sätze sammeln. Ich hatte das Heft sowohl von vorn als auch von hinten begonnen: Schlug man es vorn auf, standen dort lauter Sätze, die man in Büchern nicht verwenden sollte. Zum Beispiel: Das Blut stockte in seinen Adern oder Ihre Augen weiteten sich vor Schreck oder Sie rang verzweifelt die Hände. Das war nämlich Blödsinn. Irgendwer hatte sich diese Sätze mal ausgedacht und seitdem wurden sie in allen möglichen Büchern dauernd wiederholt. Dabei wäre gestocktes Blut genau wie gestockte Milch dick und fest, es würde in den Adern klumpen und unweigerlich zum Tod führen. Und Augen öffnen sich, aber sie weiten sich nicht, höchstens die Pupillen, und auch die nur bei zunehmender Dunkelheit und nicht, wenn man erschrickt. Das verzweifelte Ringen der Hände aber konnte ich jetzt, dank Vera Kämpf, von der Liste löschen. Das war also verwendbar. Interessant. Ich schraubte den Füller auf und strich den Satz durch.

Schlug man das Heft hinten auf, standen dort andere Sätze. Sätze, die einmal jemand in einem Buch schreiben sollte. Der erste Satz dort ist dunkel wie die meisten, die danach kommen, und er macht mich auch jetzt noch wütend. Ich hab ihn geschrieben, nachdem Lauren aus dem Fenster gesprungen war.

Sie hatte ihr Zimmer ein Stockwerk über mir im Heim gehabt. Drei Jahre älter als ich war sie gewesen und ging doch in meine Klasse, weil sie dreimal sitzen geblieben war. Mešuk hieß sie mit Nachnamen und wurde Meschugge genannt. Ihre Haut hatte etwas Wässriges. Obwohl sie dünn war, wirkte ihr Körper aufgeschwemmt, und die Haare, die langen, glatten, die sie mit einem Gummi zurückband und die wirklich schön hätten sein können, sahen wie das Haar einer Maus aus: grau und zu dünn. Lauren sprach ermüdend langsam und stolperte über die Worte. Und dann hatte sie diesen merkwürdigen Ausdruck im Gesicht. Jeder merkte sofort, dass etwas nicht stimmte. Dass irgendwas Wichtiges fehlte. Dass hinter Lauren Mešuks Stirn keiner zu Hause war.

Sie war mit elf ins Heim gekommen, weil ihr Vater sie »an seine Kumpels verfüttert hatte«. Das ist der Satz, mit dem mein Heft von hinten beginnt. Ihr Vater hatte sie an seine Kumpels verfüttert.

Ich weiß nicht, warum Laurens Geschichte durchgesickert war, wer aus der Heimleitung oder von den Lehrern nicht dichtgehalten hatte, ich weiß nicht, woher dieser Satz kam, aber alle in der Schule kannten ihn. Er war roh, er war gemein, und das war der Grund, warum ihn die Jungs Lauren ins Gesicht sagten. Lauren lachte dann. Jedes Mal. Jedes Mal dieses schwerfällige, begriffsstutzige Lachen. Es konnte einen wütend machen. Lauren oder Lolita. Lolita Meschugge. Der Name wurde ihr hinterhergebrüllt. Wollten sie, dass Lauren einmal anfing zu weinen? Ich weiß es nicht, und keiner von uns anderen hatte sie je verteidigt, wenn sie ihr an den Hintern und an die Brust griffen und den Satz quer über den Schulhof brüllten. Denn Lauren lachte ja. Lauren bekam doch gar nichts mit. Und selbst wenn, hieß es. Selbst wenn.