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Wie werde ich ihn los – heute! Schluss ist Schluss … Nicht genug, dass Annettes Freund Thomas ihren Heiratsantrag abgelehnt hat – jetzt betrügt er sie auch noch! Ganz klar: Er muss raus! Raus aus ihrer Wohnung und raus aus ihrem Leben. Doch Thomas denkt gar nicht daran, auszuziehen und von da an herrscht Krieg im trauten Heim: Falsche Nachsendeaufträge, ein fieser Computervirus und exzessive Online-Shoppingtouren mit SEINER Kreditkarte sind da erst der Anfang. Zum Glück bekommt sie dabei Unterstützung von ihrem charmanten Kollegen Josch. Aber warum wird Annette die alten Gefühle für Thomas einfach nicht los? Als dieser jedoch zum ultimativen Gegenschlag ausholt, geht die Schlacht erst richtig los … Eine trubelig-romantische Komödie für alle Fans von Sophie Kinsella und Mhairi McFarlane.
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Seitenzahl: 349
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Nicht genug, dass Annettes Freund Thomas ihren Heiratsantrag abgelehnt hat – jetzt betrügt er sie auch noch! Ganz klar: Er muss raus! Raus aus ihrer Wohnung und raus aus ihrem Leben. Doch Thomas denkt gar nicht daran, auszuziehen und von da an herrscht Krieg im trauten Heim: Falsche Nachsendeaufträge, ein fieser Computervirus und exzessive Online-Shoppingtouren mit SEINER Kreditkarte sind da erst der Anfang. Zum Glück bekommt sie dabei Unterstützung von ihrem charmanten Kollegen Josch. Aber warum wird Annette die alten Gefühle für Thomas einfach nicht los? Als dieser jedoch zum ultimativen Gegenschlag ausholt, geht die Schlacht erst richtig los …
eBook-Neuausgabe März 2026
Dieses Buch erschien bereits 2002 unter dem Titel »Die Lavendelschlacht« bei Editionnova, Rheinbreitbach.
Copyright © der Originalausgabe 2002 by Michaela Thewes
Copyright © der Neuausgabe 2026 dotbooks GmbH, München
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Michael Meller Literary Agency GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Kristin Pang, unter Verwendung von einen Motiven von shutterstock.com (Magenta10, Artloca, Hanna Ilsv, Innoria, SepDesign)
eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (ah)
ISBN 978-3-690-76625-8
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Michaela Thewes
Roman
Eingelullt von dem monotonen Gluckern und Blubbern der Kaffeemaschine, lehnte ich mich in meinem Stuhl zurück und ließ den Blick träge durch die Redaktion wandern. Die gelb gestrichenen Räume waren dank der hohen Fenster zwar hell, aber weiß Gott nicht besonders groß. Chronischer Platzmangel war die Folge. Überall, auf dem Boden, auf den Tischen sowie auf sämtlichen anderen Möbelstücken, türmten sich Berge, ach was: ganze Gebirgsmassive aus Zeitschriften, und die Regale drohten unter einem Wust von Papier und Aktenordnern jeden Augenblick zusammenzubrechen.
Ein normaler Mensch würde bei diesem Anblick wahrscheinlich schreiend davonlaufen. Schon aus Angst um seine Sicherheit. Doch ich liebte dieses Chaos! Jeden Morgen dankte ich dem lieben Gott auf Knien, dass ich bei Diabolo arbeiten durfte. Teuflisch war lediglich der Name des Magazins, das wir fleißig und ziemlich erfolgreich mit Veranstaltungshinweisen, Reportagen sowie Klatsch und Tratsch aus der Region fütterten. Obwohl Diabolo nur einmal im Monat erschien, waren ruhige Nachmittage wie dieser dünn gesät, und so genoss ich es umso mehr, ausnahmsweise mal nicht unter Stress und Termindruck zu stehen. Am Schreibtisch gegenüber regte sich etwas. Hinter dem Computerbildschirm tauchte Fraukes dunkler Haarschopf auf, doch einen Moment später war er schon wieder in der Versenkung verschwunden.
Irgendwie war mir diese beschauliche Atmosphäre nicht ganz geheuer. Jetzt ein Tausendkalorienstückchen von Mamas Käsesahnetorte, und ich hätte schwören können, es wäre Sonntag. Kaum zu glauben, sogar das Telefon gab ganz gegen seine Gewohnheit nicht einen einzigen Mucks von sich. Eine Störung?
Bestimmt war die Leitung tot. Vorsichtig hob ich den Hörer ab und lauschte auf das Freizeichen.
Hm, alles paletti.
Die Gunst der Stunde musste genutzt werden. Ob ich Thomas anrufen sollte, um mit ihm ein bisschen zu quatschen? Ich hatte Lust, seine Stimme zu hören.
Nein, besser nicht! Ich verwarf den Gedanken genauso schnell, wie er gekommen war. Mein Süßer konnte ausgesprochen sauer reagieren, wenn man ihn ohne triftigen Grund, wie etwa eine Herzattacke oder eine Feuersbrunst, von der Arbeit abhielt.
Unwillkürlich seufzte ich. Früher, ja früher, da war das anders gewesen. Stundenlang hatten wir uns irgendwelche verliebten Spinnereien ins Telefon gesäuselt. Aber man muss den Tatsachen ins Auge sehen: Nach sechs Jahren hat es sich ausgesäuselt. So ist das halt. Auch die Schmetterlinge im Bauch waren nach ein paar Bruchlandungen etwas flügellahm geworden. Dafür spürte ich das Kribbeln nun umso häufiger in meinem Arm, wenn Thomas es sich beim Fernsehgucken darauf gemütlich gemacht hatte. Aber was spielte das schon für eine Rolle? Ich liebte Thomas von ganzem Herzen. Nur das zählte. Er war der Mann, mit dem ich alt, und wenn es sich trotz qualvoller Aerobicstunden nicht vermeiden ließ, auch klapperig werden wollte.
Plötzlich übermannte mich eine heftige Sehnsuchtsattacke. Na bitte, wer sagt’s denn – und das nach sechs Jahren ... Vielleicht hatte der Lack im Laufe der Jahre ein paar Risse bekommen, aber ab war er noch lange nicht!
Gedankenverloren grapschte ich nach einem Bleistiftstummel und kritzelte ein Strichmännchen auf den Block, der, wie es sich für eine gute Journalistin gehörte, immer griffbereit neben dem Telefon lag.
Kopf, Bauch, Arme, Beine. Fertig.
Meinem Adam fehlte zwar noch ein entscheidendes Körperteil, aber das sah ich nicht so eng. Ein bisschen künstlerische Freiheit musste erlaubt sein. Und damit das arme Kerlchen sich nicht so einsam fühlte, malte ich gleich noch eins. Mein Schaffensdrang war kaum zu bremsen, der Stift sauste über das Papier.
Kritisch musterte ich das Ergebnis: Eva unterschied sich von Adam durch zwei pralle Rundungen, bei deren Anblick nicht nur ich, sondern auch Pamela Anderson vor Neid ganz grün geworden wäre. Ups, ich bin nun wirklich nicht prüde, aber irgendwie fand ich mein Gekritzel ein klein wenig zu anstößig.
O.k., das ließ sich ändern. Dem Herrn verpasste ich einen schmucken Frack nebst dazu passendem Zylinder. Und seine Begleiterin steckte ich kurzerhand in ein wallendes, bodenlanges Gewand.
Hach, was für ein schönes Paar!
Jetzt war ich richtig in Fahrt gekommen. Mit Hingabe feilte ich weiter an meinem Kunstwerk. Wie von selbst entstand unter meinen dilettantischen Fingern eine Kutsche, die Hundertwasser alle Ehre gemacht hätte: nicht ein einziger rechter Winkel. Und der Gaul, der das Gefährt ziehen sollte, war offensichtlich aus einem Kalb und einem Bernhardiner geklont worden. Nun, meine Talente lagen auf anderen Gebieten, tröstete ich mich. »Tamtamtata, tamtamtata, ta tam tata ta! «, schmetterte es plötzlich in voller Lautstärke hinter mir. Unverkennbar der Hochzeitsmarsch.
Vor Schreck fiel ich fast vom Stuhl. Der Stift entgleiste, und ein Blitz zuckte mitten durch das Bernhardiner-Kalb und das glückliche Paar.
Wie ein ertapptes Sünderlein fuhr ich herum und blickte in Monas grinsendes Gesicht. Sie erinnerte mich an eine Katze, die soeben einer ganzen Mäusesippschaft den Garaus gemacht hat. Schaute das letzte Schwänzchen vielleicht noch raus? Feixend platzierte sie eine dampfende Tasse Kaffee vor meiner Nase und zog sich einen Stuhl heran, den sie, um sich setzen zu können, erst einmal entrümpeln musste. Achtlos pfefferte sie den Zeitschriftenstapel auf den Boden. Dann beäugte sie mit halb zusammengekniffenen Augen und schräg gelegtem Kopf mein Kunstwerk, so als wäre es ein echter Picasso oder das Machwerk eines anderen hochkarätigen Schmierfinks.
Das Ganze war mir hochnotpeinlich. »Wie, keine Milch?«, probierte ich, sie abzulenken, und hielt ihr vorwurfsvoll meine Tasse entgegen.
»Netter Versuch.« Mist, Mona konnte ich nichts vormachen. »Schätzchen, du trinkst deinen Kaffee schwarz, falls dir das kurzfristig entfallen sein sollte.« Sie durchbohrte mich mit anklagenden Blicken. »Also, Annette, wirklich, mir als deiner besten Freundin hättest du es ja wohl sagen können ...«
Ich war mir – ausnahmsweise mal – keiner Schuld bewusst. »Ja, Herrgott nochmal, was hätte ich dir sagen sollen? Dass ich nicht malen kann?«
»Blödsinn! Dass ihr heiratet natürlich!«
Mir verschlug es glatt die Sprache. Doch bevor ich mich wieder einigermaßen gefasst hatte, war Mona bereits aufgesprungen und drückte mich so fest an sich, dass mir die Luft wegblieb. Uff, vermutlich war meine Lunge jetzt platt wie eine Flunder. »Mensch, ich freue mich so für dich!«
Schön, aber musste sie mich deshalb gleich umbringen?! Japsend rang ich nach Atem.
Aufgeschreckt durch den Tumult, lugte Frauke hinter dem Bildschirm hervor. »Mädels, gibt’s was zu feiern?« Die Neugierde stand ihr ins Gesicht geschrieben.
»Und ob! Annette und Thomas heiraten!«, posaunte ihr Mona die vermeintlich gute Nachricht über zwei Schreibtische hinweg entgegen.
Fraukes Reaktion war an Euphorie kaum zu überbieten: »Eeecht?« Sie zog das Wort wie ein altes, ekeliges Kaugummi in die Länge. »Ich hoffe, du weißt, was du tust, Annette.« Mit Sorgenfalten auf der Stirn gesellte sie sich zu uns und schwang sich seufzend auf meinen Schreibtisch. »In der Ehe pflegt gewöhnlich einer der Dumme zu sein. Nur wenn zwei Dumme heiraten – das kann mitunter gutgehn.«
Sie ließ uns etwas Zeit, um diese unerhörte Erkenntnis sacken zu lassen. »Ist nicht von mir, ist von Tucholsky.«
Frauke war ein wandelndes Zitatenlexikon. Bevor sie uns mit weiteren Lebensweisheiten beglücken konnte, war es wohl an der Zeit, hier etwas richtig zu stellen. Dringend. »Mona, so Leid es mir tut, und Frauke, nur zu deiner Beruhigung: Ich werde nicht heiraten.« So, das war also geklärt.
Mit weit aufgerissenen Augen starrte Mona mich an. »Du willst nicht?«
»Doch natürlich will ich. Irgendwann.« Ein heikles Thema. Nervös wickelte ich eine blonde Strähne um meinen Finger und begann darauf herumzunuckeln. Furchtbare Angewohnheit. »Falls Thomas mich jemals fragt ...«
Mona lachte erleichtert. »Ach, wenn’s weiter nichts ist. Das ist doch bei euch nur noch eine reine Formsache. Nach sechs Jahren! Wart’s ab, früher oder später wird er dir schon einen Antrag machen.«
Na, die hatte gut reden! Mit ihren achtundzwanzig Lenzen. In letzter Zeit beschlich mich immer häufiger der Verdacht, dass die Dreißig kein Alter, sondern ein Verfallsdatum war. Rein biologisch betrachtet.
»Früher wäre mir aber lieber als später. Ich bin immerhin zweiunddreißig. Höchste Zeit, sich über die Familienplanung Gedanken zu machen.«
Fraukes sorgenvolle Gesichtszüge entspannten sich. Vom Heiraten hielt sie nicht viel, von Kindern dafür umso mehr. Ihr kleiner Sohn Tillmann war ihr Ein und Alles. Seit ein paar Monaten drückte der kleine Rabauke die Schulbank und brachte die Lehrer, wie Frauke uns mit stolzgeschwellter Brust berichtet hatte, mächtig auf Trab. Ich konnte mir das lebhaft vorstellen. Live und in Farbe. Die gebeutelten Lehrkörper hatten mein volles Mitgefühl. Dennoch dachte ich nicht im Traum daran, sie zu schonen. Die Mischung aus Thomas’ und meinen Genen versprach ebenso interessant wie hochexplosiv zu werden. Aber bis unser Sprössling mal eingeschult würde, war der eine oder andere Pauker sicherlich schon in den wohlverdienten Ruhestand entlassen worden.
»Ich will ein Kind!«, verlieh ich meinem Wunsch nach einem kleinen Lakritzemonster lautstark Ausdruck. Im Augenblick benahm ich mich selbst wie eins. Und zwar wie ein ziemlich verzogenes. Haben wollen!
Frauke, die sich mit dieser Art von Dickköpfigkeit besser auskannte, als ihr lieb war, hob beschwichtigend die Hände. »Schon gut, schon gut. Aber deshalb musst du doch nicht heiraten. Hurrikans, Herpes, Haifische, Halbfettmargarine – es gibt so viele schreckliche H-Wörter. Du als Journalistin müsstest das eigentlich am besten wissen. Allerdings ist Heiraten mit Abstand das schlimmste. Und wofür der ganze Aufstand? Dieser dämliche Wisch ist auch keine Garantie, dass Thomas dich nicht mit dem Wurm sitzen lässt. Sieh mich an, mein Exmann hat sich aus dem Staub gemacht, bevor ich den neuen Nachnamen fehlerfrei schreiben konnte.« Frauke machte eine kurze Pause zum Luftholen. »So gesehen müsste ich ihm auch noch dankbar sein. Wysznewski – grauenvoller Name.« Sie schüttelte sich angewidert. Nach der Scheidung hatte Frauke ihren Mädchennamen wieder angenommen, womit das Rechtschreibproblem zwar vom Tisch war, eine Menge anderer Probleme jedoch ungelöst blieben.
Aus der Seitentasche ihrer Hose kramte Mona ein Päckchen Zigaretten hervor und bot mir eine an. Alles in mir lechzte nach einem Glimmstängel, meine Finger zuckten. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Oh, diese Gier! Ich war kurz davor zuzugreifen. Nein, du bleibst standhaft, beschwor ich mich und kratzte die letzten kläglichen Reserven meiner Willenskraft zusammen.
Satan weiche!
Schweren Herzens lehnte ich ab.
Mona schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. »Oh, sorry. Wie blöd von mir! Ich vergess immer, dass du aufgehört hast.« Was sie aber nicht davon abhielt, sich genüsslich eine Zigarette anzuzünden und einen tiefen Zug zu nehmen. Gespielt gleichgültig polierte ich meine eh schon funkelnde Armbanduhr auf Hochglanz. Pah, sollte sie sich doch die Gesundheit ruinieren, wenn sie das unbedingt wollte.
Verdammt, scheiß auf die Gesundheit! Eine Zigarette würde einen schon nicht umbringen, oder?
Ohne etwas von meinen Seelenqualen zu ahnen, paffte Mona stillvergnügt vor sich hin. Meine Freundin war mir lieb und teuer, aber in diesem Moment hätte ich sie ohne mit der Wimper zu zucken lynchen können.
»Was willst du denn nun? Heiraten oder Kinder kriegen?«, fragte Frauke mit mütterlicher Strenge in der Stimme. Eis oder Schokolade? Pokémon oder Sesamstraße? Hopp, hopp, jetzt entscheide dich endlich!
»Beides!« Am liebsten hätte ich mit dem Fuß auf den Boden gestampft. Warum sich mit ein paar Krümeln begnügen, wenn man den ganzen Kuchen haben kann? Trotzig nippte ich an meiner Kaffeetasse.
»Und, wo liegt da das Problem?«
Mona war offensichtlich etwas schwer von Begriff. Ha, wahrscheinlich vernebelten die Nikotinstängel nicht nur die Luft, sondern auch das Gehirn!
»Das sagte ich doch bereits.« Hörte mir zur Abwechslung auch mal einer zu? »Thomas kommt einfach nicht aus dem Quark. Er fragt mich nicht. Letztes Jahr zum Beispiel, dieser Wahnsinnsurlaub auf den Malediven, das wäre die Gelegenheit gewesen. Sternklarer Himmel, Meeresrauschen, außer uns kein Mensch am Strand weit und breit – einfach traumhaft! Wie gemacht für einen romantischen Heiratsantrag. Und stattdessen hat Thomas die halbe Nacht damit verplempert, irgendwelche Wagen und Tiere am Himmel zu suchen.« Wütend attackierte ich meine unschuldige Schreibtischschublade mit Tritten. »Ich sage euch, der fragt mich nie!«
»Dann frag du ihn doch.«
»Wie bitte?!« Das konnte doch nicht ihr Ernst sein!
»Ich sagte: Dann frag du ihn doch! « Aus Monas Mund klang das wie das Selbstverständlichste von der Welt. Wie mal eben um die Ecke gehen und Brötchen kaufen. »Nirgendwo steht geschrieben, dass nur der Mann um die Hand seiner Angebeteten anhalten darf. Wo bleibt denn da die viel gepriesene Emanzipation?«
Frauen dieser Erde, vereinigt euch und schleppt eure Kerle vor den Traualtar! Irgendwie hatte ich mir unter Emanzipation immer etwas anderes vorgestellt.
Sogar Frauke begann sich für den Gedanken zu erwärmen und pflichtete Mona, wenn auch ein wenig verhalten, bei. Wer hätte das gedacht! Abgründe taten sich hier auf. Im Kampf um die Gleichberechtigung war sie sogar bereit, eine Hochzeit als notwendiges Übel billigend in Kauf zu nehmen.
Aber vielleicht hatten die beiden ja Recht. Warum warten, bis der gnädige Herr selbst auf die Idee kam? In manchen Dingen waren Männer nun mal Spätzünder.
Jetzt kam ich doch ins Grübeln.
Im ersten Moment hatte ich Monas Vorschlag für völlig abwegig gehalten, entsprach er doch nicht im Entferntesten der verklärten, in rosarote Zuckerwatte gepackten Vorstellung von meinem Traumprinzen, der mich auf Knien anflehte, seine Frau zu werden. Aber wenn ich nicht komplett daneben lag, würde Thomas weder auf dem Boden rumrutschen noch um mein Patschhändchen betteln. Vermutlich hätte das ohnehin nur zu Lachkrämpfen geführt. Nüchtern betrachtet war die Sache klar: Wir gehörten zusammen wie Bonny & Clyde oder wie Bernhard & Bianca. Was spielte es da schon für eine Rolle, wer wen fragte. Eine reine Formalität, die ich, ganz Frau der Tat, meinem Bernhard auch abnehmen konnte.
Ich holte tief Luft und gab mir einen Ruck. »Gut, ich werd’s tun.«
Jauchzend sprang Mona von ihrem Stuhl auf.
»Freu dich mal nicht zu früh«, bremste ich sie. »Zur Strafe – schließlich hast du mich auf diese verrückte Idee gebracht – verdonnere ich dich zur Trauzeugin.«
»Viel zu gerne!« Sie strahlte wie ein überdüngter Primeltopf. »Schön, dass du mich gefragt hast.« Eigentlich war es keine Frage gewesen, sondern ein Befehl, doch mit solchen Feinheiten hielt Mona sich nicht lange auf. »Ich wäre nämlich tödlich beleidigt gewesen, wenn du es nicht getan hättest. Natürlich aus purem Egoismus – man kann ja nie wissen: Vielleicht springt dabei von deinem Glück ein Funke auf mich über.«
Ich wünschte es ihr von ganzem Herzen. Es war wirklich zum Mäusemelken. Obwohl Mona einer der fröhlichsten, hübschesten, intelligentesten – kurzum liebenswertesten Menschen unter der Sonne war, hatte sich Mr. Right einfach noch nicht blicken lassen. Weit und breit war kein Mann in Sicht, mit dem sie sich vorstellen konnte, den Kleiderschrank, geschweige denn ihr Leben zu teilen. An fehlenden Angeboten lag das nicht. Ganz im Gegenteil: Mona konnte sich vor Verehrern kaum retten. Sogar das Schlangestehen nahm die liebeskranke Meute für die Aussicht auf ein Date mit ihr in Kauf. Und das war es auch, was die meisten von ihnen bekamen: die schöne Aussicht. Wenn Mona sich dann doch mal zu einer Verabredung hinreißen ließ, pickte sie sich mit sicherer Hand die Nieten heraus.
»Was ist denn mit deinem Verehrer aus der Volkshochschule?« Immerhin tat dieses Exemplar etwas für seine Bildung. Ein vielversprechender Anfang. »Wäre der denn nichts?«
Mona machte eine wegwerfende Handbewegung. »Noch so ein Störfall. Ich glaube, der Spanischkurs ist ihm zu Kopf gestiegen. Mittlerweile hält er sich für Don Juan oder zumindest für genauso unwiderstehlich. Typischer Fall von Selbstüberschätzung. Na ja, ihr wisst doch, wenn man ‘ne Null groß genug schreibt, wird daraus auch ‘ne große Nummer.« Grimmig starrte sie vor sich hin. »Wenn ich mit den Kerlen doch nur mal halb so viel Glück hätte wie du mit Thomas. Apropos ...« Schon lachte sie wieder. »Wie soll deine Hochzeit denn über die Bühne gehen?«
Da brauchte ich gar nicht lange zu überlegen. »Na, das volle Programm eben.«
»Das volle Programm«, echote Frauke so ungläubig, als hätte ich mir vorgenommen, mit dem Schlauchboot Kap Hoorn zu umrunden.
»Das volle Programm!«, bestätigte ich gut gelaunt. »Polterabend, Standesamt, Kirche, Sektempfang, alles, was dazugehört!«
»Annette, Annette, ist dir überhaupt klar, auf was du dich da einlässt? Allein schon, was das kostet: jede Menge Zeit, Geld und Nerven.«
Dieses Risiko musste ich eingehen. Wie unzählige meiner Geschlechtsgenossinnen hatte ich als junges Mädchen bei Sissi-Filmen Rotz und Wasser geheult. Vor allem bei dieser sagenhaft romantischen Hochzeit, wo es mich vor Rührung schier zerriss. Gut, der Geschmack ändert sich mit der Zeit: Ein paar Kilo Kitsch und ein paar Meter Rüschen weniger wären auch ganz o.k., aber der Traum von einer Hochzeit in Weiß mit allem Zipp und Zapp bleibt einem wie Kaugummi an den Sohlen kleben.
Frauke versuchte hartnäckig, mir meine Sissi-Phantasien madig zu machen. »Wenn du A einlädst, muss auch B eine Einladung erhalten.«
»Na und, was macht das bei einer solchen Feier schon großartig aus?«, erhielt ich von Mona Rückendeckung. Dankbar blinzelte ich ihr zu.
»Ganz einfach: nämlich C. Und C wiederum ... Ja, und so geht das dann das ganze lange Alphabet rauf und leider auch wieder runter. Vertraut mir, ich weiß, wovon ich rede. Schließlich habe ich den ganzen Zirkus schon mal mitgemacht. Oder wenn ich bloß an das Problem mit der Tischordnung denke ... Um Gottes willen! Onkel Alfred durften wir nicht neben Tante Josephine setzen. Die beiden vertragen sich nicht. Streng genommen verträgt sich Onkel Alfred, dieser alte Stinkstiefel, aber mit niemandem. Also wohin mit ihm?«
Ich schluckte. Ein ähnliches Dilemma würde uns mit Thomas’ Mutter blühen. Plötzlich begannen heftige Zweifel an mir und meinem Sissi-Traum zu nagen. Ob Thomas von so viel Tamtam überhaupt begeistert wäre? Mein Ehemann in spe bevorzugte bei Festivitäten in aller Regel die schlichtere Variante.
Nun, kein Problem! Das war ein Grund, aber kein Hindernis. So schnell ließ ich mich nicht ins Bockshorn jagen. Dann würden wir eben einen Kompromiss finden! Basta.
Gerade hatte ich diesen versöhnlichen Entschluss gefasst, da erschien Bernd auf der Bildfläche. Chefredakteur, Herausgeber von Diabolo und Fels in der Brandung – alles in Personalunion. Auch wenn die ganze Redaktion schon lange im Chaos versunken war, Bernd behielt die Ruhe. Wie ein Kapitän steuerte er das Boot bei stürmischer See in den sicheren Hafen. »Ihr habt wohl nichts zu tun, hm?«, fragte er gespielt vorwurfsvoll.
Ihm ging es genauso. Grinsend schaufelte er sich ein Plätzchen frei.
Keine zwei Minuten später kam auch Josch anscharwenzelt. Bis auf Mausi, unsere Praktikantin, die in der Stadt ein paar Besorgungen erledigte, war das Team nun komplett. »Ich dachte, unsere Krabbelgruppe wäre erst morgen. Habe ich was verpasst?« »Und ob!« Frauke ignorierte meinen drohenden Blick und ließ die Katze aus dem Sack. Toll, am besten setzte ich die Neuigkeit, die eigentlich noch gar keine war, gleich in den Stadtanzeiger oder erzählte sie brühwarm meiner Friseuse. Alle waren jetzt über meine Heiratsabsichten informiert. Mit Ausnahme des Bräutigams. Der erfuhr als Letzter von seinem Glück.
Bernd freute sich über meine Pläne. »Hach, na endlich! Dann bin ich bald wenigstens nicht mehr der Einzige, der in dieser Redaktion kein Lotterleben führt. Ich dachte schon, ich wäre spießig.« Zufrieden schaute er in die Runde.
»Bernd, du bist spießig!«, riefen alle wie auf Kommando im Chor.
Unser Boss schien das als Kompliment aufzufassen und lächelte versonnen. Er hatte auch allen Grund dazu, denn er führte ein Leben wie aus dem Bilderbuch. Ein Häuschen im Grünen, ein wohlgeratener Hund, zwei stubenreine Kinder, ein liebendes Weib, das ihm jeden Morgen klaglos seine Butterbrote und Essiggurken eintupperte. Na, der sollte es wagen, sich zu beschweren!
»Wie man so hört, liegen Babys derzeit mehr im Trend als Handys.« Bernd lächelte harmlos. So ein Schlitzohr. Die Wände hatten Ohren, und zwar seine. »Also sag mir bitte rechtzeitig Bescheid, wenn ich meine Lieblingsredakteurin verliere, versprochen?«
»So, so, Lieblingsredakteurin.« Ich verdrehte die Augen. »Liegt das daran, dass du meinen Schreibstil so brillant findest, oder hängt deine Begeisterung für mich eher damit zusammen, dass ich deine einzige Redakteurin bin?«
In der Tat gab es bei Diabolo nur einen fest angestellten Schreiberling mit Sozialversicherungsausweis und Knebelvertrag. Und das war ich. Darüber hinaus bediente sich Bernd je nach Bedarf und Belieben einer Schar von freien Mitarbeitern, die in regelmäßigen Abständen an seiner Tür kratzten und um Aufträge winselten.
Josch schlug in die gleiche Kerbe wie Bernd. Seine Augen dackelten um die Wette. »Wie soll mein zartes Ego bloß verkraften, dass du diesen Häuslebauer mir vorziehst?« Er strotzte geradezu vor Selbstbewusstsein, und sein Ego machte auf mich einen äußerst strapazierfähigen Eindruck. Kein Wunder, denn der liebe Gott hatte sich bei ihm mächtig ins Zeug gelegt und ihn mit einem Astralkörper und jeder Menge Charme ausgestattet. Vor allem dieses kleine niedliche Grübchen, das Josch beim Lachen auf seine Wange zauberte, war ein echter Hingucker und ließ Frauenherzen reihenweise dahinschmelzen.
»Annette-Schatz, überleg dir das mit der Hochzeit nochmal. Das willst du mir doch nicht wirklich antun! Oder kannst du es verantworten, dass ich an gebrochenem Herzen sterbe?« Theatralisch fasste Josch sich an die Brust und mimte den sterbenden Schwan.
Vor Lachen bekam ich Seitenstiche. Was Josch wiederum dazu veranlasste, seine dramatische Inszenierung auf die Spitze zu treiben.
»Spar dir die Energie, Sunnyboy. Bei Annette beißt du dir deine karieszerfurchten Zähnchen aus«, verpasste Mona ihm schnippisch einen Dämpfer. »Du hast es doch eben gehört: Die Frau ist so gut wie verheiratet. Weg vom Markt. Capito?«
Plötzlich war Josch wieder höchst lebendig. »So gut wie. Aber noch ist sie es ja schließlich nicht! Die Schlacht ist erst verloren, wenn sie vor dem Altar steht oder«, er warf einen schnellen Blick auf meinen Schreibtisch, »in einer Kutsche sitzt.«
O Mann, zu blöd aber auch, warum hatte ich den Block nicht rechtzeitig verschwinden lassen?!
Josch pfiff durch die Zähne. »Bist du das wirklich?« Unverhohlen musterte er meine Oberweite. Dem Vergleich mit den prallen Melonen auf dem Bild würden meine Brüste wohl nicht standhalten.
Ich musste lachen. »Klar bin ich das. Mit mindestens drei Wonderbras übereinander!« Man konnte Josch einfach nicht böse sein. »Wie schön, dass es euch Männern bei einer Frau nur auf die inneren Werte ankommt.«
Wir alberten noch eine Weile herum, bis Bernd vorschlug, eine Flasche Sekt zu köpfen, die er eigens für solche Anlässe im Kühlschrank gebunkert hatte. Die Idee stieß auf allgemeine Zustimmung.
»Nein, ohne mich!« Ich wollte kein Spielverderber sein, aber heute Abend brauchte ich noch einen klaren Kopf. Rasch schaute ich auf die Uhr. Überhaupt, was saß ich hier eigentlich noch tatenlos rum? Das hatte ich schon viel zu lange getan. Jetzt wurde es Zeit, dass ich mein Schicksal endlich mal selbst in die Hand nahm. Mona hatte wirklich Recht. Warum sollten immer die Männer die Initiative ergreifen? In welchem Jahrhundert lebten wir denn? Selbst ist die Frau. Jawohl!
Hastig verabschiedete ich mich von meinen lieben Kollegen, stürmte mit fliegenden Mantelschößen aus der Redaktion und schwang mich in meinen Fiesta. Unter Missachtung sämtlicher Verkehrsregeln brauste ich gut gelaunt Richtung Heimat.
»Love is in the air!« Voller Inbrunst trällerte ich den uralten Song aus dem Radio mit. Ich hätte die ganze Welt umarmen können und suhlte mich genussvoll auf Wolke sieben. »Love is in the air!« Keinen blassen Dunst, wie der Text weiterging. Egal – Mut zur Lücke. Das hatte sich seit nunmehr zweiunddreißig Jahren bewährt.
Während ich wieder und wieder den hoffnungsvollen Refrain schmetterte, versuchte ich mir Thomas’ Gesicht vorzustellen, wenn ich ihm die alles entscheidende Masterfrage stellen würde. Erst verdutzt und dann überglücklich. Oder sofort glücklich? Mein Herz machte einen aufgeregten Hüpfer. Voller Ungeduld und Vorfreude trat ich das Gaspedal durch und schoss mit Tempo fünfzig plus Mehrwertsteuer auf die nächste Kreuzung zu. Just in diesem Moment sprang die Ampel von Orange auf Rot um.
Ich rang mit mir. Vollbremsung oder nicht?
Ach was, Augen zu und durch! Rote Ampeln werden in der heutigen Gesellschaft sowieso überbewertet, versuchte ich mein schlechtes Gewissen in Schach zu halten, während ich über die Kreuzung bretterte.
Tschakaaaa!
Heute war ich auf der Überholspur!
Als ich die Wohnungstür aufschloss, wallte ein Gefühl tiefer Zufriedenheit in mir auf. Ich liebte es, nach Hause zu kommen. In unser Zuhause. In unsere eigenen vier Wände. Diese Wohnung war meine persönliche Festung, die mir Sicherheit und Geborgenheit gab. Draußen konnte mit Pauken und Trompeten die Welt untergehen, aber hier drinnen, davon war ich überzeugt, würde uns nichts und niemand etwas anhaben.
In der Diele schnupperte ich und sog tief den vertrauten Duft ein. Hmm! Eine Mischung aus Holz und einem Hauch Zitrone. Und etwas, das sich nicht beschreiben ließ. Nicht nur jeder Mensch, sondern auch jede Wohnung hat ihren eigenen, unverwechselbaren Geruch. Und unsere Wohnung roch einfach wunderbar!
Immer noch fröhlich vor mich hin trällernd, ging ich von Raum zu Raum und knipste die Lampen an.
Es werde Licht!
Gerade mal halb sechs, und draußen war es schon stockfinster. Im Gegensatz zu den meisten Leuten mochte ich den Herbst. Herrlich! Nicht nur der Stress der Biergartenbesuche, Grillpartys und Freibadausflüge, sondern auch die Sommerpause von Mon Chéri & Co. war endlich vorbei. Was konnte es da Schöneres geben, als sich mit einer Decke auf das Sofa zu kuscheln und Unmengen von Schokolade und Büchern zu verschlingen?
Unschlüssig blieb ich vor dem offenen Kamin stehen. Kalt genug war es ja. Und so ein bisschen knisternde Atmosphäre konnte für meine Zwecke nur hilfreich sein. Mit geübtem Blick nahm ich den Stoß Holzscheite in Augenschein. Wenn das Feuerchen bis spät in die Nacht brennen sollte – ich nahm nicht an, dass wir heute früh ins Bett gehen würden, und falls doch, dann bestimmt nicht zum Schlafen –, musste ich wohl oder übel für Nachschub sorgen.
Unsere Holzvorräte waren in einem kleinen Verschlag auf der Dachterrasse untergebracht. Obwohl meine Zähne vor Kälte kastagnettenartig aufeinanderschlugen, verharrte ich einen Augenblick an der Brüstung, um den wunderbaren Ausblick, den man von hier oben hatte, zu genießen. Direkt hinter dem Haus erstreckten sich weite Wiesen und Felder, ganz in der Ferne leuchteten die Lichter von Düsseldorf. Schwer vorzustellen, dass man in gerade mal zwanzig Minuten mitten in der City war. Nur widerstrebend riss ich mich von dem friedlichen Anblick los und stapfte mit einer Ladung Holz unter dem Arm ins Wohnzimmer zurück, um das Feuer in Gang zu bringen.
Als wir vor zwei Jahren diese Eigentumswohnung gekauft hatten, brauchte man viel Phantasie und Optimismus, um sich vorzustellen, dass aus einem Gruselkabinett ein schnuckeliges Heim werden würde. Wirklich schade, dass schlechter Geschmack nicht strafbar war! Sonst hätte der Vorbesitzer seinen Lebensabend statt in einer Finca auf Mallorca im Kittchen verbringen müssen! Doch Thomas und ich hatten gleich gespürt, dass sich unter kackbraunen Badezimmerfliesen und wild gemusterten Tapeten, die einem kalte Schauer über den Rücken jagten, etwas Besonderes verbarg. Diese Wohnung hatte Charme. Wie ein Diamant wartete sie nur darauf, geschliffen zu werden.
Und geschliffen und gehämmert werden musste mehr als genug. Wochenlang verwandelte sich unser neues Zuhause in eine einzige große Baustelle. Obwohl Thomas als Architekt ständig von einem ganzen Rudel Handwerker umgeben war, stellte sich leider heraus, dass er außer dem fachmännischen Umgang mit der Bierflasche nichts von ihnen gelernt hatte. Um es einmal deutlich zu sagen: Sein handwerkliches Talent war mit dem Öffnen des Werkzeugkoffers ausgereizt. Aber wofür hat man Freunde und Bekannte?! Noch dazu welche, die uns im Brustton der Überzeugung ihre tatkräftige Unterstützung zugesichert hatten. Äußerst leichtsinnig, wie sich im Nachhinein herausstellte, denn wir nahmen ihr Angebot gerne an. Um uns die Sympathie unserer Helfer nicht vollends zu verscherzen, schmissen wir eine Mitmach-Party nach der anderen. Besonders unsere Pinsel-Party wurde der absolute Renner! Damit hatten wir die sprichwörtlichen zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Alle amüsierten sich prächtig, und die Wohnung war in null Komma nichts fertig gestrichen.
Ich beobachtete die Flammen, die inzwischen knisternd um die Holzscheite züngelten. Trotz Schwielen an den Händen war es eine tolle Zeit gewesen! Bei der Erinnerung musste ich schmunzeln. Wahrscheinlich war nicht nur der Umsatz der örtlichen Baumärkte, sondern auch die Einnahmen der Getränkehändler sprunghaft in die Höhe geschnellt. Aber die Investition hatte sich gelohnt. Der Anblick der gemütlichen Dreizimmerwohnung erfüllte mich jedes Mal aufs Neue mit Stolz und Freude. Genau so ein Nest hatte ich mir immer gewünscht!
Genug jetzt!
Resolut schob ich meine sentimentalen Gedanken beiseite. Das war nun wirklich der falsche Zeitpunkt für weibische Gefühlsduseleien. Grob geschätzt blieben mir noch zwei Stunden, bis Thomas von der Arbeit kam. Zwei Stunden, in denen ich mich nicht nur seelisch und moralisch, sondern auch ganz praktisch auf den Heiratsantrag vorbereiten musste!
Nervös nuckelte ich an einer Haarsträhne. Das würde knapp. Verdammt knapp sogar. Schließlich fehlte noch der angemessene feierliche Rahmen. Ich konnte Thomas ja schlecht zwischen Spätnachrichten und Zähneputzen fragen: »Ach, übrigens, Schnuckel, hast du Bock, mich zu heiraten?« Nein, ausgeschlossen! So ging das nicht! Mein Gott, etwas dermaßen Wichtiges musste geplant werden! Teurer Schampus, Geigenschluchzen, eine Vorratspackung Kerzen, Rosen oder anderes Grünzeug, ein Fünfgängemenü und was weiß ich nicht noch alles ...
In meinem Kopf ratterte es. Wahrscheinlich war es am vernünftigsten, das Ganze zu vertagen. Andererseits wollte ich die Angelegenheit hinter mich bringen, bevor ich es mir anders überlegen konnte. Vielleicht hatte mich bis morgen der Mut schon wieder verlassen.
Energisch klatschte ich in die Hände. Jetzt oder nie! Ich würde das durchziehen. Mensch, Annette, sei einfach ein bisschen kreativ, spornte ich mich selbst an. Zeig, was du draufhast!
Hier war Improvisationstalent gefragt. In Windeseile entwickelte ich einen Schlachtplan: Der Himmel würde heute Abend ohnehin voller Geigen hängen, also tat es Eros Ramazzotti zur Not sicher auch. Für den Blumenschmuck musste ich halt den Zimmerefeu zerlegen. Wir würden Wein anstelle von Schampus trinken. Und was das Essen betraf: Bei Thomas zeigten sich bereits die ersten verräterischen Ansätze eines Rettungsrings, und auch ich hatte in letzter Zeit um die schlanke Linie zu kämpfen. Wehret den Anfängen! In Gedanken strich ich drei der fünf Gänge. Der Rest würde sich finden.
Während im Badezimmer das Wasser in die Wanne plätscherte, galt es, die Menüfolge festzulegen. Mit gerunzelter Stirn checkte ich den Inhalt unseres Kühlschranks. Wer die Wahl hat, hat die Qual ... Ich hatte weder das eine noch das andere. Unsere Vorräte waren ausgesprochen übersichtlich, um nicht zu sagen spärlich. Fein, dann also Spaghetti Bolognese nach Art des Hauses. Und zum Nachtisch Vanilleeis mit heißen Kirschen: »Heiße Liebe«. Eine doppelte Portion! Hmmm ... Mein Puls setzte zu einem Trommelwirbel an.
Von solch verheißungsvollen Aussichten beflügelt, sprang ich mit einem Satz aus meinen Jeans und entledigte mich in Rekordzeit der restlichen Kleidungsstücke. Dann posierte ich splitternackt vor dem Badezimmerspiegel.
Bangemachen gilt nicht! Und Luftanhalten ist verboten. Ich kannte die Regeln. Kritisch unterzog ich meinen Körper einer Inspektion. Mit der Modelkarriere würde das wohl nichts werden -jedenfalls nicht in diesem Leben. Aber trotz kleiner Mängel konnte ich mit dem, was ich sah, eigentlich ganz zufrieden sein.
Frauen, die permanent etwas an ihrem Äußeren herumzumeckern hatten, waren mir ein Gräuel. Meine Güte! Der Busen zu schlaff, die Beine zu kurz, der Po zu fett ... Apropos fett; auf den zweiten Blick registrierte ich, dass ich um die Taille herum ein wenig füllig geworden war.
»Scheiße!« Kein Gemecker, sondern konstruktive Kritik.
Ich kniff in die Speckpölsterchen und streckte meinem Spiegelbild die Zunge heraus. Seit ich Thomas zuliebe mit dem Rauchen aufgehört hatte, war mein Appetit kaum zu bremsen. Summa summarum hatte mir der Nikotinentzug nicht nur vier Wochen extrem schlechte Laune, sondern zu allem Überfluss auch noch drei zusätzliche Kilos auf den Hüften beschert. Die mussten wieder runter! Und zwar schnell! Schließlich wollte ich in meinem Hochzeitskleid eine gute Figur machen.
Ich pulte die Kontaktlinsen heraus und ließ mich wohlig seufzend in das warme Badewasser gleiten. Meine Umwelt nahm ich nur noch verschwommen wahr. Zum einen lag das an dem ätherischen Badeöl, das mir auf höchst angenehme Weise die Sinne vernebelte, zum anderen an meinen schlechten Augen. Ohne Sehhilfe war ich blind wie ein Maulwurf. Manchmal fand ich das sogar ganz praktisch. Wenn ich wollte, konnte ich die böse, böse Welt um mich herum einfach ausblenden.
Vor mir tanzte, wie mit Weichzeichner gemalt, ein gelber Punkt auf der Wasseroberfläche. Thomas’ Quietscheentchen. Er würde ein toller Vater werden! Glücklich lächelnd gab ich mich meinen Träumereien von einem sorgen- und keimfreien Familienleben hin. Während ich in der Küche das Abendessen vorbereitete, würde Thomas unserem Nachwuchs einen bunten Drachen bauen oder Geschichten vorlesen.
Halt! Stopp! Nochmal von vorne! Das war eigentlich nicht die Art von Rollenverteilung, die mir vorschwebte.
Ich würde weiter arbeiten gehen. Logisch. Natürlich nicht sofort, aber spätestens dann, wenn unser Sohnemann oder Töchterchen in den Kindergarten kam. Thomas und ich würden alles miteinander teilen: Freud und Leid, die Hausarbeit, die Kosten für Nachbars Fensterscheibe, die unser Sprössling zertrümmert hatte ... Ach nein, die übernahm die Haftpflicht.
Mittlerweile fühlte ich mich wie eine glitschige Seegurke. Höchste Zeit, dass ich aus der Wanne rauskam! Nachdem ich mich mit diversen Kosmetikpräparaten aufgehübscht hatte – Thomas sollte auch sehen, was er für eine gute Partie machte –, widmete ich mich der Pasta.
Die Nudelsoße köchelte vor sich hin, und gerade setzte ich den Topf mit den Spaghetti auf, da hörte ich Thomas’ Schlüssel klimpern. Einen Augenblick später kam Linus mit Karacho um die Ecke gefegt. Mit wedelndem Schwanz warf er sich mir zu Füßen. So gehörte sich das! Wenigstens ein männliches Wesen, das mich vorbehaltlos anbetete ...
Ich kraulte ihm zärtlich den Bauch. »Brav, Linus, brav.«
Hunde und Männer haben eins gemeinsam: Weiß man ihr Benehmen nicht entsprechend zu würdigen, reagieren sie beleidigt oder werden bockig. Also legte ich vorsichtshalber noch ein paar Streicheleinheiten nach. »Ja, mein Schatz, du bist ein ganz Lieber.«
Linus war ein echter Genießer. Er räkelte sich auf dem Küchenboden. Seine dreieckigen Lauschlappen wackelten dabei lustig hin und her, das struppige Fell stand wild in alle Himmelsrichtungen ab. Es war kaum zu übersehen, dass unser kleiner Schlingel ein Mischling war, aber woraus, das wusste nur der liebe Gott.
Wir waren zu Linus auf ähnliche Weise gekommen wie die Jungfrau Maria zum Jesuskind. Nicht im Traum hatte ich daran gedacht, mir einen Hund anzuschaffen. Ich bin doch nicht blöd! Schließlich ist hinreichend bekannt, dass die kläffenden Vierbeiner ihren Besitzern viele nette Sachen bescheren: Lärm, Dreck und gelegentlich auch Feinde. Vorzugsweise in der Nachbarschaft. Das musste ich nicht haben – dachte ich zumindest. Bis ich eines Abends ein winselndes, zitterndes Bündel Hund unter meinem Auto fand. Ein Blick in die dunklen, treuen Knopfaugen, und es war um mich geschehen. Ich brachte es einfach nicht übers Herz, den kleinen Welpen in ein Tierheim abzuschieben. Also gewährten wir ihm – natürlich nur vorübergehend – Asyl.
Am nächsten Tag klapperte ich gemeinsam mit Linus alle Bäume in der Umgebung ab. Er hinterließ seine Duftmarke, ich einen Zettel, auf dem ich die Bevölkerung über Linus’ Aufenthaltsort in Kenntnis setzte. Das Ergebnis unserer Bemühungen war das Gleiche: Es meldete sich niemand. Auch meine täglichen Anrufe beim Tierheim und beim Fundbüro – die Leute kamen ja manchmal auf merkwürdige Ideen – waren erfolglos. Linus’ Besitzer blieb verschollen. Und um ehrlich zu sein, war ich sogar froh darüber, denn wir hatten unser Findelkind so liebgewonnen, dass wir es gar nicht mehr hergeben wollten. Taten wir auch nicht.
Natürlich konnte Linus nicht den ganzen Tag mutterseelenallein zu Hause hocken, aber auch für dieses Problem hatte unser neuer Familienzuwachs eine durch und durch unkomplizierte Lösung gefunden: Er eroberte das Herz meines Brötchengebers im Sturm. Thomas war ohnehin sein eigener Chef, und so begleitete Linus abwechselnd Thomas ins Büro und mich zu Diabolo. Heute war Thomas mit Hundesitten an der Reihe gewesen. Zu Linus’ Leidwesen schenkte ich nun seinem Herrchen die ungeteilte Aufmerksamkeit.
»Ciao, bella!« Latinlover Ramazzotti musste Thomas inspiriert haben. Sogar der Begrüßungskuss fiel relativ südländisch-temperamentvoll aus. Soll heißen: Er küsste mich statt auf die Wange auf den Mund.
»Hmm, das riecht aber lecker.« Erst linste er neugierig in die Töpfe und dann ins Wohnzimmer. Ich hatte den Esstisch mit Teelichtern, Servietten, bunten Steinen und Muscheln liebevoll dekoriert. Auf den Efeu hatte ich verzichtet, da ich nicht besonders erpicht darauf war, Blattläuse in den Spaghetti zu finden.
Aber auch ohne Blumenschmuck sah das Arrangement sehr festlich aus. Selbst Thomas schien das zu bemerken. Er machte ein bestürztes Gesicht.
»O Gott, habe ich etwa deinen Geburtstag vergessen?« Lachend schüttelte ich den Kopf.
»Oder vielleicht meinen?«
»Thomas, nebenan brennt der Kamin. Du hast im Hochsommer Geburtstag!«
»Also was ist es dann?« Himmel, was war der Mann hartnäckig. »Unseren Hochzeitstag kann ich ja schließlich nicht verschwitzt haben ...«
Knapp daneben ist auch vorbei.
Pling. Ich spürte, wie das Blut nach oben schoss und meinen Kopf in guter alter Feuermeldermanier zum Leuchten brachte. Wenn Thomas wüsste, wie nah er der Wahrheit gekommen war! Ich drehte ihm den Rücken zu und rührte geschäftig in der Bolognesesoße, die perfekt mit meiner Gesichtsfarbe harmonierte. »Ich dachte, wir machen es uns heute Abend mal wieder so richtig schön gemütlich.« Wider Erwarten gelang es mir, einen beiläufigen Ton zu treffen. »Machst du bitte mal die Weinflasche auf?«
Damit war er fürs Erste beschäftigt. Kurz darauf ertönte ein helles »Plopp«, gefolgt von einem leisen Plätschern.
»Übrigens habe ich meinem Bruder das neue Projekt übertragen. Du weißt schon, dieses Einkaufszentrum. Meinst du, das war richtig?«, fragte er mich, während er den Wein einschenkte. »Klar, warum nicht. Er verdient die Chance.« Ich mochte Thomas’ ›kleinen‹ Bruder, der mich um Längen überragte. Die Geschwister waren sich sehr ähnlich. Nicht nur äußerlich. Nach dem Studium war Kai mit in Thomas’ Architekturbüro eingestiegen, und er schien, nach allem, was ich bisher gehört hatte, ausgesprochen talentiert zu sein.
»Gut, Kai hat noch nicht so viel Berufserfahrung«, sagte Thomas mehr zu sich selbst als zu mir, »aber dafür viele interessante Ideen. Du würdest staunen, wenn du seine Entwürfe sehen könntest. Er entwickelt sich prächtig. Ein echter Gewinn für die Firma.«
Beim Essen drehte sich alles um den neuen Auftrag. Kai hier, Einkaufszentrum da. Normalerweise interessierte ich mich sehr für Thomas’ Arbeit, doch heute saß ich wie auf heißen Kohlen. So ‘n Mist! Wie sollte ich bloß die Kurve kriegen?
»Annette, hörst du mir überhaupt zu?«
»Klar!«, beeilte ich mich zu versichern. »Es ging um die Parkplätze. Knifflige Geschichte.«
»Ja, stimmt.« Seine blauen Augen blitzten verschmitzt. »Aber das war vor mindestens zehn Minuten.« Wenigstens war Thomas nicht beleidigt. »Wollen wir den Nachtisch vor dem Kamin essen?«, schlug er vor.
Ein Ortswechsel kam mir sehr gelegen. Ein Themenwechsel auch. Irgendwie musste es mir endlich gelingen, das Gespräch in die richtige Richtung zu lenken.
Als ich aus der Küche zurückkehrte, hatte Thomas es sich bereits auf dem flauschigen Teppich vor dem Kamin gemütlich gemacht. Ich verharrte einen Augenblick im Türrahmen und genoss den Anblick.
Annette, du bist wirklich ein Glückspilz, schoss es mir durch den Kopf, als ich Thomas so entspannt daliegen sah. Den Kopf auf die rechte Hand gestützt, schaute er scheinbar abwesend in die auf und ab tanzenden Flammen. In Sekundenbruchteilen registrierte ich jedes vertraute Detail: die klaren Linien seiner markanten Gesichtszüge; die störrische dunkle Haarsträhne, die ihm wie gewöhnlich in die Stirn fiel; das kräftige, satte Blau seiner Augen und natürlich seinen Körper, der auch durch den kleinen Bauchansatz nichts von seiner Anziehungskraft eingebüßt hatte. Thomas war groß, und seine breiten Schultern luden förmlich zum Anlehnen ein. Wahnsinn, ich konnte es noch gar nicht richtig glauben, dass ich mit diesem Traummann bald verheiratet sein würde.
»Hey, willst du etwa da Wurzeln schlagen?« Ob er meine Blicke gespürt hatte? Ich drückte ihm Eisbecher und Löffel in die Hand und suchte nach den passenden einleitenden Worten.
»Wenn ich es mir recht überlege, habe ich gar keinen Appetit auf Eis«, kam Thomas mir zuvor. Er schob den Glasbecher beiseite und zog mich liebevoll an sich. »Ein anderer Nachtisch wäre mir lieber«, flüsterte er mir ins Ohr. »Du siehst nämlich zum Anbeißen aus.« Zärtlich knabberte er an meinem Hals herum.
O Mann, nicht nur das Vanilleeis schmolz dahin. Willenlos ließ ich mich in seine kräftigen Arme sinken. In letzter Zeit war die schönste Nebensache der Welt bei uns entschieden zu kurz gekommen. Ich konnte mich kaum daran erinnern, wann Thomas und ich das letzte Mal zusammen geschlafen hatten. Vor vier Wochen? Vor sechs Wochen? Ostern?
