Braut und Rüben - Michaela Thewes - E-Book

Braut und Rüben E-Book

Michaela Thewes

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Beschreibung

Eine Braut macht noch keine Hochzeit.

Was für ein Albtraum! Lizzie wird von ihrem Bräutigam vor dem Altar stehen gelassen, denn er muss als Dorfarzt Erste Hilfe leisten. Ein Porschefahrer ist in einen Kuhstall gerast - offenbar absichtlich. Der nur leicht verletzte Selbstmordkandidat quartiert sich in Lizzies Gasthof ein. Während ihre Mutter und ihr Bräutigam den Stadtaffen sofort wieder loswerden möchten, tut Lizzie alles, um Daniel vor einer erneuten Dummheit zu bewahren. Dabei wächst ihr der Schnösel mehr ans Herz, als ihr lieb ist ...

Turbulenter und humorvoll erzählter Roman über die verschlungenen Wege des Glücks. Für alle Fans von Susan Elizabeth Phillips und Kerstin Gier.

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Seitenzahl: 376

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Cover

Grußwort des Verlags

Über dieses Buch

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Über die Autorin

Weitere Titel der Autorin

Impressum

 

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Über dieses Buch

Was für ein Albtraum! Lizzie wird von ihrem Bräutigam vor dem Altar stehen gelassen, denn er muss als Dorfarzt Erste Hilfe leisten. Ein Porschefahrer ist in einen Kuhstall gerast – offenbar absichtlich. Der nur leicht verletzte Selbstmordkandidat quartiert sich in Lizzies Gasthof ein. Während ihre Mutter und ihr Bräutigam den Stadtaffen sofort wieder loswerden möchten, tut Lizzie alles, um Daniel vor einer erneuten Dummheit zu bewahren. Dabei wächst ihr der Schnösel mehr ans Herz, als ihr lieb ist …

MICHAELA THEWES

BRAUTUNDRÜBEN

Kapitel 1

Oh mein Gott, diese Schuhe bringen mich noch um, dachte ich sorgenvoll, während ich vor dem Altar stand und mein Gewicht so unauffällig wie möglich von einem Fuß auf den anderen verlagerte. Dabei war es sofort Liebe auf den ersten Blick gewesen! Zumindest bei den weißen Riemchenpumps. Mein Bräutigam hatte wesentlich länger gebraucht, um mein Herz zu erobern.

Ich schielte zu Alexander, der mit feierlicher Miene und kerzengeradem Rücken neben mir stand. Während er wie die Ruhe selbst wirkte, war ich das reinste Nervenbündel, und meine höllisch schmerzenden Füße trugen auch nicht gerade zu meiner Entspannung bei. Probehalber wackelte ich mit den Zehen und versuchte, sie ein bisschen anzuziehen. Ja, so ging es besser.

Dann konzentrierte ich mich wieder auf Alexander, der in seinem schicken dunklen Anzug einfach wahnsinnig gut aussah. Souverän und weltmännisch. Mit seiner hohen Denkerstirn und seinen aristokratischen Gesichtszügen hätte er statt eines Dorfarztes ebenso gut ein international bedeutender Politiker oder ein weltberühmter Operntenor sein können.

Zum Glück würde er vor mir vom Pastor ins Kreuzverhör genommen werden. Obwohl man das natürlich wie beim Elfmeterschießen so oder so sehen konnte. War es besser vorzulegen oder nachzuziehen? Da »Ladies first« in der katholischen Kirche nicht besonders populär war, erledigte sich diese Frage jedoch von selbst.

»Alexander«, richtete Pastor Roth das Wort an meinen zukünftigen Ehemann, »ich frage dich: Bist du hierhergekommen, um nach reiflicher Überlegung und aus freiem Entschluss mit deiner Braut Lizzie den Bund der Ehe zu schließen?«

Alexander lächelte mich liebevoll an. Dann antwortete er mit fester Stimme: »Ja.«

Bravo! Souverän versenkt.

Was auch passierte, Alexander ließ sich einfach nicht aus der Ruhe bringen. Das war eine der Eigenschaften, die nicht nur ich, sondern auch seine Patienten so an ihm liebten.

Nach einem kurzen Moment der Stille fuhr der Pastor fort: »Willst du deine Frau lieben und achten und …«

Plötzlich breitete sich Unruhe unter den Hochzeitsgästen aus. Ich wandte den Kopf leicht zur Seite und sah aus dem Augenwinkel, dass ungefähr ein halbes Dutzend Männer aufgesprungen war und hastig auf den Ausgang zustrebte. Ein ohrenbetäubendes Quietschen deutete darauf hin, dass sie die Kirche gerade verließen. Man munkelte, dass Pastor Roth die Kirchentür absichtlich nicht ölen ließ, damit seine Schäfchen pünktlich zum Gottesdienst erschienen. Auch das vorzeitige Verlassen einer Messe blieb dank des lauten Quietschens nie unbemerkt. Da die Männer geradezu fluchtartig aus dem Gotteshaus gestürzt waren, hätte es in diesem Fall allerdings keines zusätzlichen akustischen Signals bedurft, um die allgemeine Aufmerksamkeit zu erregen.

Was war bloß los? Da mein Liebesleben in der Vergangenheit nicht besonders turbulent gewesen war, schied eine Protestbewegung abgelegter Liebhaber, die ihren Unmut über meine Trauung zum Ausdruck bringen wollten, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aus.

Viel Zeit, weiter über den merkwürdigen Vorfall nachzudenken, blieb mir jedoch nicht, denn Pastor Roth fuhr nach einem kurzen Hüsteln an Alexander gewandt fort: »Willst du deine Frau lieben und achten und ihr die Treue halten alle Tage ihres Lebens?«

»Ja.«

Oh Gott, gleich war ich an der Reihe! Hoffentlich würde ich außer einem heiseren Krächzen überhaupt einen Ton hervorbringen. Ich warf meiner Freundin Hannah, die als meine Trauzeugin neben mir stand, einen hilfesuchenden Blick zu. Hannahs aufmunterndes Lächeln, das mir schon oft in schwierigen Situationen geholfen hatte, schien zu sagen: Du schaffst das!

Jawohl, ich schaff das! Nein zu sagen war schließlich viel schwerer. Das wusste niemand besser als ich selbst. Galt es mal wieder, einen Wohltätigkeitsbasar zu organisieren, oder wurde ein Dummer gesucht, der bei der Klassenpflegschaftssitzung Protokoll führte, schaffte ich es auch nie, Nein zu sagen. Ein Ja war für mich dagegen ein Kinderspiel. Ich straffte die Schultern und sah Pastor Roth fest in die Augen.

»Lizzie, ich frage dich: Bist du hierhergekommen, um nach reiflicher Überlegung und aus freiem Entschluss mit …«

Erneut ertönte das Quietschen der Kirchentür, dieses Mal jedoch gefolgt von lauten, polternden Schritten, die sich den Gang entlang rasch dem Altar näherten. Erschrocken fuhr ich herum. Hinter uns stand Kurti, der mit seiner grünen Latzhose und seinen dreckigen Gummistiefeln in der festlich geschmückten Kirche reichlich deplatziert wirkte. Er sah aus, als käme er geradewegs aus dem Kuhstall. Was vermutlich auch stimmte, denn Kurti und seine Viecher waren unzertrennlich. Kein Wunder, dass der ambitionierte Jungbauer bislang noch keine Frau gefunden hatte.

»Ein Unfall«, keuchte er und rang, die Hände in die Hüfte gestemmt, schwer atmend nach Luft. Offenbar war er gerannt. »Ein schlimmer Unfall. Schnell, wir brauchen einen Arzt!«

Obwohl ich genau wusste, was das zu bedeuten hatte, weigerte ich mich zu glauben, was hier gerade passierte.

Alexander beugte sich zu mir herab und drückte mir einen flüchtigen Kuss auf die Lippen. »Entschuldigung, Schatz.« Dann drehte er sich um und hastete mit weit ausholenden Schritten den Gang hinunter. Kurz bevor er den Ausgang erreichte, drehte er sich noch einmal um. »Merken Sie sich die Stelle, Herr Pastor, es wird bestimmt nicht lange dauern.«

Kurz darauf quietschte es wieder, und einen Moment später fiel die Kirchentür mit einem lauten Knall hinter Alexander und Kurti ins Schloss.

Das war genau der Moment, in dem ich eigentlich hätte aufwachen müssen, um erleichtert festzustellen, dass alles nur ein böser Traum gewesen war. Einer von vielen Albträumen, die ich in den vergangenen Wochen gehabt hatte. Es gab kaum ein Horrorszenario, das ich im Schlaf nicht durchgespielt hatte: Mal war es ein heimtückischer Magen-Darm-Virus gewesen, der mich ein paar Minuten vor Beginn des Traugottesdienstes außer Gefecht gesetzt hatte, ein anderes Mal stolperte ich auf meinen hohen Schuhen und fiel beim feierlichen Einzug in die Kirche der Länge nach hin. Sogar Tobias, der leibliche Vater meines sechsjährigen Sohns Finn, der mich noch vor der Geburt verlassen hatte, war in einem dieser Träume aufgetaucht und hatte versucht, die Hochzeit in letzter Sekunde zu verhindern. Der Albtraum, den ich jetzt live und in Farbe erlebte, war jedoch neu. Dass Alexander mich einfach vor dem Altar stehen lassen könnte, hatte wohl selbst die Vorstellungskraft meines Unterbewusstseins überstiegen.

Nachdem Pastor Roth seine Brille zurechtgerückt hatte, räusperte er sich vernehmlich. »Ich würde sagen, wir machen eine kurze Pause, besinnen uns und bitten den Herrgott, den Opfern und natürlich auch den Helfern des Unfalls beizustehen.« Er gab dem Organisten oben auf der Empore ein Zeichen.

Kurz darauf erfüllte leise, unaufdringliche Orgelmusik die Kirche, die der Hintergrundberieselung in einem Kaufhaus nicht unähnlich war.

»Kein Grund zur Sorge, Lizzie.« Pastor Roth, der mich bereits getauft hatte, tätschelte meine Hand, die vor Aufregung eiskalt war. »Ich hab jede Menge Zeit. Sobald Alexander wieder da ist, setzen wir die Trauung fort. So eine kleine Pause ist doch nicht weiter tragisch.«

»Haben Sie denn schon häufiger eine Trauung unterbrechen müssen, Herr Pastor Roth?«, fragte ich beinahe hoffnungsvoll.

Nicht, dass es die Sache besser gemacht hätte, aber irgendwie wäre es ganz tröstlich gewesen zu hören, dass ich nicht die Einzige war, der so etwas passierte.

»Ein Mal ist das tatsächlich schon vorgekommen. Die Braut verspürte plötzlich ein menschliches Bedürfnis.« Er zwinkerte mir hinter seinen kleinen runden Brillengläsern verschmitzt zu.

»Harndrang oder Freiheitsdrang?«, flachste mein Bruder Philipp, der den letzten Satz des Pastors wohl aufgeschnappt hatte und sich nun zu uns gesellte.

»Ach, Philipp, wie geht es dir? Schön, dass du dich auch mal wieder hierher verirrst.« Pastor Roth nutzte die seltene Gelegenheit, um den verlorenen Sohn im Schoße der Kirche willkommen zu heißen.

Während Philipp dem Pastor Rede und Antwort stand, nutzte ich die Chance, um mich zurückzuziehen und meinen unkomfortablen Steh- gegen einen Sitzplatz einzutauschen.

»Na, mein Großer, darf ich euch Gesellschaft leisten?«, fragte ich und ließ mich mit einem Seufzer der Erleichterung zwischen meinem Sohn und meiner Mutter in der ersten Reihe nieder.

»Du, Mama, Kurti hat ganz schön große Füße.« Finn zeigte auf die lehmigen Fußspuren, die Kurtis Gummistiefel auf dem Kirchenboden hinterlassen hatten.

»Stimmt, du hast recht.« Zärtlich strich ich über Finns blonden Haarschopf, der zur Feier des Tages heute ausnahmsweise mal halbwegs ordentlich gekämmt war.

»Oma meint, dass ich bestimmt auch mal so große Füße kriege«, erklärte mein Sohn mit ernster Miene und präsentierte stolz seine schwarzen Sneakers, die für einen fast Siebenjährigen in der Tat schon eine beachtliche Größe aufwiesen.

»Na, wenn Oma das meint, wird es wohl stimmen.« Über seinen Kopf hinweg wechselte ich mit meiner Mutter einen amüsierten Blick.

»Die Männer von der freiwilligen Feuerwehr haben alle eine Nachricht auf ihr Handy bekommen«, plapperte Finn scheinbar zusammenhanglos weiter.

Ach, daher der überstürzte Aufbruch! Ich war froh, dass das Gespräch eine neue Richtung nahm, denn das Thema Füße stand bei mir derzeit nicht besonders hoch im Kurs. Diese vermaledeiten Schuhe drückten so doll, dass ich meine Zehen kaum noch spürte.

Mit wichtiger Miene fuhr Finn fort: »Robert hat mir das mal erklärt, als ich ihn auf der Feuerwache besucht habe.«

Als Hannah, die ganz in unserer Nähe gestanden hatte, den Namen ihres Mannes hörte, kam sie zu uns. Erst jetzt fiel mir auf, dass ihre bessere Hälfte ebenfalls durch Abwesenheit glänzte. Was aber im Gegensatz zu Alexanders Fehlen nicht weiter tragisch war, denn Hannah und Robert waren bereits seit über zehn Jahren verheiratet und hatten gemeinsam zwei wunderbare Töchter, die in diesem Moment brav auf den Stufen zum Altarraum kauerten und sich gegenseitig die Haare flochten.

»Mal wieder Strohwitwe?«, versuchte ich mit einem schiefen Grinsen zu spaßen.

»Tja, mit so etwas muss man halt rechnen, wenn man einen Mann heiratet, der bei der freiwilligen Feuerwehr ist.« Meine Freundin zuckte gleichmütig mit den Schultern. »Lukas ist auch zum Unfallort gerufen worden.«

Was mich nicht weiter überraschte, denn Lukas war nicht nur unser ranghöchster, sondern auch unser einziger Dorfpolizist, der immer sofort zur Stelle war, wenn es irgendwo Probleme gab.

»Du müsstest eigentlich daran gewöhnt sein, dass Alexander plötzlich verschwindet«, sagte Hannah halb im Spaß, halb im Ernst. »Zugegeben, das Timing ist lausig. Aber wenn ihr erst einmal verheiratet seid, werdet ihr bestimmt über diesen Zwischenfall lachen.«

»Ja wenn …«, murmelte ich düster. »Dafür müssten wir die Trauung erst einmal über die Bühne bringen.«

»Kommt Alexander denn wieder?«, fragte Finn mit großen Augen.

»Selbstverständlich, mein Schätzchen«, kam meine Mutter mir mit der Antwort zuvor. »Schließlich muss er deine Mami noch fertig heiraten.«

Klar, was man einmal begonnen hatte, musste man auch zu Ende bringen. Das klang ganz nach meiner Mutter. Davon mal abgesehen, war sie nicht nur ein glühender Befürworter dieser Ehe, sondern auch Alexanders größter Fan. Nicht zuletzt weil er, der angesehene Herr Doktor, mich von meinem schmachvollen Dasein als alleinerziehende Mutter erlösen würde. Natürlich war auch bei uns auf dem Land die Zeit nicht stehen geblieben, doch während wir politisch, musikalisch und modisch stark aufgeholt hatten, hinkten wir moralisch immer noch mächtig hinterher.

»Darf ich hoch zur Orgel gehen?«, fragte Finn mich.

Ich nickte. »Sicher, mein Süßer, geh nur.«

Meine Mutter, die, wie ich wusste, eine heimliche Schwäche für unseren Organisten hegte, folgte Finn die Wendeltreppe hinauf zur Orgel.

Ich war froh, als die beiden außer Sichtweite waren und ich mich nicht länger zusammenreißen musste. Mit einem gequälten Stöhnen vergrub ich mein Gesicht in den Handflächen und stieß ein paar trockene Schluchzer aus. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Hoffentlich würde ich nur einen kleinen hysterischen Anfall und keinen ausgewachsenen Nervenzusammenbruch bekommen!

Hannah fächelte mir mit einem der hübsch gebundenen Liederheftchen, deren Erstellung mich mindestens zwei freie Abende gekostet hatte, Luft zu. »Atmen, Lizzie, schön ruhig atmen.«

»Scheiße, Scheiße, Scheiße.« Ich blinzelte hektisch und versuchte mit aller Macht, die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. »Das gibt’s doch gar nicht.«

Alexanders Oma, die neben meiner Mutter in der Kirchenbank gesessen hatte und nun aufgerückt war, musterte mich anklagend.

»’tschuldigung«, murmelte ich halb an Oma Grete, halb an das Kreuz über dem Altar gerichtet.

Natürlich war mir klar, dass Schimpfwörter in der Kirche normalerweise absolut tabu waren. Aber normalerweise wurde man ja auch nicht von seinem Noch-nicht-ganz-Ehemann während der Trauungszeremonie stehen gelassen.

Ich versuchte, ruhig und gleichmäßig zu atmen, wie Hannah es mir befohlen hatte, und meine Nerven in Schach zu halten. Dass Oma Grete währenddessen begonnen hatte, halblaut ein Gegrüßet seist du, Maria nach dem anderen vor sich hin zu murmeln, war dabei nicht unbedingt hilfreich. Nun warf ich ihr einen vorwurfsvollen Blick zu. Immerhin hatte sie uns diesen ganzen Schlamassel eingebrockt. Gut, das war ein wenig übertrieben, aber zumindest war sie dafür verantwortlich, dass es keine »Generalprobe« auf dem Standesamt gegeben hatte.

Alexanders Oma zuliebe, die bald neunzig wurde und felsenfest davon überzeugt war, diesen Geburtstag nicht mehr zu erleben, hatten wir uns dazu entschlossen, die kirchliche Hochzeit bereits jetzt im kleinen Rahmen zu feiern und vor der standesamtlichen Trauung stattfinden zu lassen. Seit ein paar Jahren war das in Einzelfällen möglich, und Alexander hatte Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um in den Genuss dieser Regelung zu kommen. Dass Oma Grete streng katholisch war und die Kirche bereits vor Jahren als Alleinerbin ihres nicht ganz unbeträchtlichen Vermögens eingesetzt hatte, mochte die Sache ein wenig vereinfacht haben.

Mir war die Reihenfolge egal. Ehrlich gesagt wusste ich nicht, warum wir überhaupt heiraten mussten. Es lief auch ohne Trauschein gut. Alexander und ich waren seit drei Jahren ein Paar, und wir hatten uns in dieser Zeit nicht ein einziges Mal gestritten. Natürlich gab es hin und wieder kleine Zankereien oder Kabbeleien, aber nichts, was ernsthaft von Belang war. Warum sollte man an diesem paradiesischen Zustand irgendetwas ändern? Ein Trauschein war auch keine Gewähr dafür, dass eine Beziehung nicht in die Brüche ging.

»Warum ist dieser Unfall ausgerechnet während meiner Trauung passiert?«, überlegte ich gerade so laut, dass Hannah mich verstand, aber Oma Grete nichts von unserem Gespräch mitbekam. »Meinst du, das ist ein Zeichen?«

»Ein Zeichen?« Hannah runzelte die Stirn. »Wofür?«

»Na, dass Alexander und ich lieber nicht heiraten sollten. Denk nur an die ganzen Albträume, die ich in letzter Zeit hatte.«

»Lizzie, es ist völlig normal, dass man vor dem großen Tag nervös ist«, sagte Hannah beruhigend. »Glaub mir, ich habe vor meiner Hochzeit auch kalte Füße bekommen.«

»Wenn sie wenigstens nur kalt wären.« Unter Oma Gretes vorwurfsvollem Blick schlüpfte ich aus meinen Riemchenpumps.

Meine Zehen sahen aus, als wären sie mit einem Brandeisen malträtiert worden.

»Wie viele Zeichen brauchst du noch?«, schluchzte ich. »Die Schuhe passen mir nicht.«

Um Hannahs Mundwinkel herum zuckte es verdächtig. Wie ich meine Freundin kannte, hätte sie am liebsten laut losgelacht, aus Rücksicht auf Oma Grete beherrschte sie sich jedoch und kicherte stattdessen nur leise.

»Dann bist du wohl doch nicht Aschenputtel, sondern nur eine der bösen Stiefschwestern.«

»Mach dich ruhig über mich lustig«, schmollte ich. Aber wenigstens hatte ich jetzt nicht mehr das Gefühl, jeden Moment in Tränen ausbrechen zu müssen. »Mensch, Hannah, ich will die ganze Sache endlich hinter mich bringen. Du weißt doch, wie ich es hasse, im Mittelpunkt zu stehen. Schlimm genug, dass ich diesen ganzen Zirkus überhaupt über mich ergehen lassen muss, aber diese Warterei macht mich echt fertig.« Mit einem tiefen Seufzer strich ich den zarten Stoff meines Kleides glatt. »Außerdem möchte ich endlich wieder ohne schlechtes Gewissen Schokolade essen dürfen. Bei jedem Stück, das ich mir in den Mund stecke, spüre ich, wie meine Mutter mich mit vorwurfsvollen Blicken durchbohrt, selbst dann, wenn sie überhaupt nicht im Raum ist.«

»Das ist eben der Preis für ein so atemberaubend enges Kleid, meine Liebe. Du siehst fantastisch aus. Und wärst du nicht meine beste Freundin, dann wäre ich verdammt neidisch.«

In diesem Moment betrat der Küster durch die Sakristei den Altarraum. Nach einer kurzen geflüsterten Unterredung mit Pastor Roth wandte dieser sich an die Hochzeitsgäste, die zum Teil noch in den Bänken saßen oder in Grüppchen herumstanden. »Uns hat soeben die Nachricht erreicht, dass es wohl noch eine Weile dauern wird, bis wir den Bräutigam zurückerwarten dürfen. Ein Auto ist mit überhöhter Geschwindigkeit in Kurtis Kuhstall gefahren. Offenbar hat die Feuerwehr Probleme, den Unfallfahrer aus dem Autowrack zu bergen.«

Ein Tuscheln ging durch die Reihen, dann herrschte ratlose Stille. Die Situation war, gelinde gesagt, ein wenig ungewöhnlich, und ich hatte nicht den Hauch einer Ahnung, was in einem solchen Fall zu tun war, geschweige denn, was von mir als Braut ohne Bräutigam erwartet wurde. Normalerweise lief ich in Krisensituationen zur Höchstform auf, denn das war gewissermaßen mein Job. Nach dem Tod meines Vaters hatte ich vor vier Jahren die Leitung unseres familieneigenen Gasthofs übernommen. Seither hatten wir sogar noch expandiert und unterhielten mittlerweile zwanzig Fremdenzimmer. Kleine und große Katastrophen waren da an der Tagesordnung. Sie zu beheben war mein täglich Brot, aber heute herrschte in meinem Kopf einfach nur ein heilloses Chaos.

Während ich noch damit beschäftigt war, meine Gedanken in Aschenputtel-Manier zu sortieren – die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen –, verschaffte sich meine Mutter oben auf der Empore mit einem lauten Händeklatschen Gehör und erklärte dann munter: »Gut, dann würde ich sagen, ihr kommt erst einmal alle mit zum Sonnenhof. Wenn wir uns mit Kaffee und Kuchen gestärkt haben, werden wir schon sehen, wie es weitergeht.«

Kapitel 2

Gut eine halbe Stunde nach dem vorläufigen Abbruch der Trauung hatte die ganze Hochzeitsgesellschaft an der festlich gedeckten Kaffeetafel im Garten des Sonnenhofs Platz genommen.

Da von Alexander immer noch jede Spur fehlte, durfte Finn mir unter den teils amüsierten, teils mitleidigen Blicken der Gäste helfen, die wunderschön dekorierte Hochzeitstorte anzuschneiden. Dass ich dabei keine Schuhe trug, war vermutlich noch das Normalste an der Situation.

Im Gegensatz zu mir genoss Finn es sichtlich, im Mittelpunkt zu stehen. Während er angesichts der dreistöckigen Schokoladentorte vor Begeisterung über alle vier Backen strahlte, war die Stimmung beim Rest der Hochzeitsgesellschaft eher gedämpft.

»Meine Güte, warum ziehen denn alle so lange Gesichter?« Philipp, der neben mir saß, gab mir einen aufmunternden Klaps auf den Rücken. »Schwesterchen, mach dich mal locker! Das ist doch hier keine Beerdigung!«

»Kein Wunder, dass niemandem nach Feiern zumute ist.« Hannah schob sich lustlos einen winzigen Bissen Kuchen in den Mund.

An der Qualität der Schokoladentorte lag es sicher nicht, denn die war meiner Mutter hervorragend gelungen. Dank Mamas Back- und Kochkünsten war der Sonnenhof nicht nur in unserem Dorf, sondern auch in den umliegenden Regionen der Eifel für seine gute Küche bekannt. Ein Umstand, dem wir viele treue Stammgäste, aber auch ständig neue Besucher verdankten.

»Seien wir doch mal ehrlich«, fuhr Hannah, nachdem sie den Kuchen runtergeschluckt hatte, fort, »hier fehlt einfach was.«

»Du hast recht«, stimmte Philipp meiner Freundin zu. »Was ist schon eine Hochzeit ohne Alkohol?«

»Eigentlich hatte ich mehr an den Bräutigam gedacht«, gluckste Hannah und faltete, wohl zum Zeichen, dass sie nichts mehr herunterbekam, lachend ihre weiße Stoffserviette zusammen. »Aber ein Schnaps wäre tatsächlich gar nicht so verkehrt. Ich glaube, wir können nach der Aufregung alle einen Schluck vertragen.«

»Ich werde Maribelle und Betti Bescheid sagen, dass sie sich darum kümmern sollen.«

Als ich aufstehen wollte, drückte Philipp mich mit sanfter Gewalt auf meinen Platz zurück. »Lass mal, Schwesterherz. Gönn deinem Personal ruhig ’ne kleine Pause. Ich mach das schon. Glaub mir, mit euren Spirituosen kenne ich mich aus.«

»Dann geht die Flasche Whisky, die Mama neulich gesucht hat, wohl auf dein Konto.« Ich bemühte mich um einen strengen Tonfall.

»Whisky? Welcher Whisky?«

Philipp machte ein so treuherziges Gesicht, dass ich für einen Moment geneigt war, an seine Unschuld zu glauben.

»Ich würde mich niemals trauen, eine zwanzig Jahre alte Flasche Single Malt einfach ohne Mamas Erlaubnis mit nach Hause zu nehmen. Auch wenn es natürlich eine Todsünde wäre, sie einfach so verstauben zu lassen …«

Gespielt ärgerlich drohte ich Philipp mit dem Zeigefinger. »Wenn du jemanden um Erlaubnis bitten musst, dann ja wohl mich.«

»Jawohl, Chefin!« Philipp salutierte, dann ließ ich ihn abtreten, damit er für alkoholische Getränke sorgen konnte.

Ein unbeteiligter Beobachter hätte das wohl für keine gute Idee gehalten, denn als mein Bruder nun den Garten durchquerte, sah es so aus, als wäre er bereits sternhagelvoll. Das schleppende Tempo lag jedoch daran, dass Freunde und Verwandte versuchten, ihn im Vorübergehen in ein Gespräch zu verwickeln, die Schlangenlinien wiederum gingen auf das Konto etlicher Wangen kneifender Tanten, die Philipp weiträumig umrundete. Kurz bevor er das Haus erreichte, drehte er sich noch einmal in Hannahs und meine Richtung um und reckte zum Zeichen seines Erfolgs die Faust nach oben.

»Ich glaube, er wird nie erwachsen.« Lachend schüttelte ich den Kopf. »Ein echter Kindskopf, aber ein verdammt liebenswerter.«

Hannah, die einen großen Teil ihrer Kindheit und Jugend gemeinsam mit Philipp und mir auf dem Sonnenhof verbracht hatte, kicherte. »Weißt du noch, wie er als kleiner Junge versucht hat, deiner Mutter weiszumachen, dass nicht wir, sondern der Weihnachtsmann die Zimtsterne für seine Rentiere aus der Vorratskammer stibitzt hat? Ich schwöre dir, deine Mutter war kurz davor, selbst wieder an den Weihnachtsmann zu glauben.«

»Ja, wenn Philipp will, kann er ausgesprochen überzeugend sein.« Grinsend spielte ich mit meinem Kaffeelöffel herum und schob damit ein paar versprengte Zuckerkörner auf dem Tischtuch zusammen. »Davon können auch seine zahlreichen Damenbekanntschaften ein Lied singen.«

Mit Anfang vierzig war mein Bruder immer noch unverheiratet, und es machte auch nicht den Anschein, als ob sich in naher Zukunft daran etwas ändern würde. Wenn meine Mutter ihn darauf ansprach – und das tat sie häufig –, sagte er immer nur, dass er die Richtige noch nicht gefunden habe. Und bis es so weit war, vergnügte er sich eben mit den Falschen. Meistens dauerten seine Beziehungen nicht länger als ’ne Ampelphase.

»Meinst du, er hat es je bereut, hier weggegangen zu sein?«, fragte Hannah nachdenklich.

»Philipp? Ganz bestimmt nicht. Der fühlt sich in der Stadt sauwohl.«

Mein Bruder hatte das Dorf zum Studieren verlassen und war danach nicht mehr zurückgekehrt. Derzeit arbeitete er als selbstständiger Personal Trainer und Fitness-Coach in Bonn. Allerdings kam er häufig auf eine Stippvisite vorbei, um Finn irgendwelchen Blödsinn beizubringen und sich mit Mamas guter Küche verwöhnen zu lassen.

»Hast du dich nie gefragt, wie dein Leben wohl verlaufen wäre, wenn du nach der Schule hier weggegangen wärst?«, fragte Hannah, ohne mich dabei anzusehen, und zerpflückte eine weiße Rose, die sie aus einem der liebevoll arrangierten Tischgestecke gezupft hatte.

»Nein«, sagte ich ehrlich. »Du etwa?«

»Na ja, wenn ich mir Philipp so ansehe …«

»Blödsinn.« Ich tippte mir vielsagend gegen die Stirn. »Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Meinst du nicht, Philipp sehnt sich tief in seinem Inneren nach einer festen Beziehung, nach Kindern und allem, was dazugehört? Du hast hier Robert und deine beiden süßen Mädels.« Ich zeigte zu Lea und Julia hinüber, die mit Finn und einigen anderen Kindern im hinteren Teil des Gartens kreischend und lachend Zombieball spielten. »Das ist es doch, worauf es ankommt.«

»Wahrscheinlich hast du recht.«

Aber irgendwie klang Hannah nicht restlos überzeugt.

Leider konnten wir das Thema nicht weiter vertiefen, denn in diesem Augenblick kehrte Philipp mit einem breiten Angebot an Spirituosen in den Garten zurück und wurde mit großem Hallo empfangen. Der ernste Moment war verflogen, der nachdenkliche Ausdruck auf Hannahs Gesicht auch. Nun lachte sie wieder. Bislang war ich fest davon ausgegangen, dass meine Freundin glücklich war und das Leben führte, das sie sich immer erträumt hatte. Allerdings hatte das eben ein wenig anders geklungen. Ich nahm mir fest vor, Hannah bei nächster Gelegenheit noch mal darauf anzusprechen. Doch nun musste ich mich erst mal um meine anderen Gäste kümmern.

Also drehte ich artig im Garten meine Runde, machte hier ein bisschen Smalltalk und ließ mich dort ein wenig ausfragen oder wegen der abgebrochenen Trauungszeremonie bemitleiden. Im Gegensatz zu meinem Bruder blieben mir dabei auch die Wangen kneifenden Tanten und Hintern tätschelnden Onkel nicht erspart, und weil Alexander nicht da war, musste ich mich um seinen Teil der Verwandtschaft auch noch kümmern.

Als ich eine gefühlte Ewigkeit später wieder an meinen Platz zurückkehrte, unterhielten Philipp und Hannah sich angeregt, brachen ihr Gespräch aber sogleich ab, als sie mich bemerkten.

»Und, wie war’s?«, wollte mein Bruder mit einem schadenfrohen Grinsen wissen.

Anstelle einer Antwort verdrehte ich nur genervt die Augen. »Schnell, ich brauche einen Schnaps!«

Ausnahmsweise gehorchte mein Bruder mal anstandslos und griff sofort nach einer Schnapsflasche und einem frischen Glas.

»Das hält man im Kopf nicht aus«, stöhnte ich. »Tante Marlies hat ununterbrochen von ihren Krampfadern und Tante Gisela von ihren Katzen geredet, und Onkel Reinhard wollte partout nicht begreifen, warum Alexander und ich erst im November standesamtlich heiraten.«

»Ich finde, das war eine gute Idee«, sagte Hannah, während ich das Schnapsglas, das mein Bruder mir reichte, ohne abzusetzen leerte.

Das Zeug brannte wie Feuer in der Kehle, kurz darauf durchströmte eine angenehme Wärme meinen Körper.

»Wenn die Saison vorbei ist und du hier im Sonnenhof nicht mehr so eingespannt bist, kannst du die Hochzeit viel mehr genießen«, bestärkte Hannah mich noch einmal in meiner Entscheidung, am heutigen Tag nur ein Kaffeetrinken und die eigentliche Feier erst im Herbst auszurichten.

»Apropos Hochzeit: Tante Rita hat an die zehn Mal wiederholt, was für ein schönes Ehepaar ihr doch abgebt.« Feixend zeigte ich erst auf Philipp und dann auf Hannah, die so entsetzt schaute, als hätte Tante Rita ihr den Glöckner von Notre Dame und nicht meinen – wie ich leider zugeben musste – sehr attraktiven Bruder als Ehemann angedichtet.

»Philipp und ich?«, ächzte sie. »Wie kommt sie denn darauf?«

»Keine Ahnung«, antwortete ich und zuckte gleichmütig mit den Schultern. »Aber sie ist fest davon überzeugt, dass sie euch zu eurer Hochzeit eine Miele-Küchenmaschine geschenkt hat.«

»Völlig ausgeschlossen.« Philipp schüttelte nachdrücklich den Kopf. »Dafür ist Tante Rita viel zu geizig.« Er legte Hannah den Arm um die Schultern und drückte ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange. »Oder weißt du etwas von einer Küchenmaschine, Schatz?«

War Hannah wirklich gerade rot geworden?

Sicher lag es am Alkohol, dass ihre Wangen so glühten, denn sie ging ganz locker auf Philipps Spiel ein: »Unfassbar! Männer sind ja so was von vergesslich. Natürlich hat Tante Rita uns keine Küchenmaschine, sondern ein Bügeleisen geschenkt.«

»Im Gegensatz zu euch Frauen merken wir uns eben nur die wichtigen Dinge.« Philipp, dessen Arm immer noch auf Hannahs Schulter ruhte, lehnte sich entspannt auf seinem Stuhl zurück.

»Aber Tante Rita hat recht. Rein optisch gebt ihr wirklich ein hübsches Paar ab.« Angelegentlich sah ich von einem zum anderen. Während Philipp den blonden, breitschultrigen Hünen verkörperte, war Hannah klein, zierlich und dunkelhaarig. »Gab es denn in all den Jahren nie einen Moment, in dem ihr daran gedacht habt, etwas miteinander anzufangen?«

»Für mich war Philipp immer wie ein Bruder«, antwortete Hannah wie aus der Pistole geschossen.

»Ich fand Hannah schon immer sehr süß«, erklärte Philipp, wobei er meiner Freundin übertrieben schmachtende Blicke zuwarf, »aber sie hat es ja leider vorgezogen, mir die Luft aus den Fahrradreifen zu lassen.«

»Was sich neckt, das liebt sich«, scherzte ich, wofür ich von Hannah prompt einen giftigen Blick erntete.

Meine Güte, die war aber heute empfindlich!

In diesem Moment erscholl lautes Kindergeschrei, das sich rasch näherte. Eine Horde durstiger Zombieball-Spieler verlangte nach Getränken.

»Dürfen wir auch was davon haben?«, fragte Finn, dessen Haare mittlerweile wieder völlig zerzaust waren, und zeigte mit ausgestrecktem Finger auf die Schnapsflasche.

»Na klar dürft ihr was davon haben«, antwortete Philipp, ohne mit der Wimper zu zucken. Bevor ich empört einschreiten konnte – meinem Bruder traute ich so ziemlich alles zu – fügte er noch hinzu: »… in ungefähr zehn Jahren.«

»Was für ein Tag«, seufzte Hannah, nachdem die Rasselbande mit Apfelschorle versorgt und wieder abgezogen war.

»Das kannst du aber laut sagen.« Ich betrachtete meine nackten Füße, auf denen immer noch die Abdrücke der Schuhe zu erkennen waren. »Irgendwie kommt mir das alles so unwirklich vor. Erst die Kirche, dann der Unfall …«

»Tja, so kann’s gehen. Cheers, meine Damen!« Philipp hob sein Glas und prostete damit erst Hannah und dann mir zu. »Wenn ihr mich fragt, war das Rettung in letzter Sekunde.«

»Noch weiß man doch gar nichts Genaues«, widersprach ich, bevor ich mein Schnapsglas, das mein Bruder frisch gefüllt hatte, zum Mund führte. »Ich wünschte, Alexander oder Robert hätten sich mal gemeldet. Hoffen wir einfach das Beste.«

»Ich meinte auch gar nicht den Unfall, sondern deine Hochzeit«, erklärte Philipp mit einem verschlagenen Grinsen.

Ich schnitt meinem Bruder eine Grimasse. »Du konntest Alexander ja noch nie besonders gut leiden.«

»Och«, Philipp feixte, »wenn ihm mal jemand den Stock aus dem Hintern ziehen würde, wäre er bestimmt ein netter Kerl.«

Irgendwie stimmte mich der Schnaps friedfertig, daher unterließ ich es, Philipp darauf hinzuweisen, dass er so nicht über meinen zukünftigen Ehemann sprechen durfte. Ich wusste ohnehin, dass die beiden sich nicht riechen konnten.

Der Grundstein für diese Antipathie war bereits zu Schulzeiten gelegt worden, denn Philipp und Alexander waren gemeinsam in eine Klasse gegangen. Während Alexander in der Schule ein Überflieger gewesen war, hatte Philipp immer geradeso mit Ach und Krach die Versetzung geschafft. Am Ende der neunten Klasse, als Philipp in die Nachprüfung musste, hatte er Alexander irgendwie dazu gebracht, ihm auf der Toilette beim Pfuschen zu helfen – und war mit Pauken und Trompeten durchgerasselt. Mein Bruder schwor Stein und Bein, dass Alexander ihm absichtlich die falschen Ergebnisse zugesteckt hatte, was sich unter den Schülern natürlich schnell herumsprach und Alexanders Beliebtheit tiefer sinken ließ, als ein Pottwal tauchen kann.

Aber das waren doch nun wirklich uralte Kamellen, und ich hoffte inständig, dass die beiden das Kriegsbeil anlässlich der Hochzeit endlich begraben würden.

Plötzlich tönten aufgeregte Rufe durch den Garten.

»Sie kommen!«

»Lizzie, dein verlorener Bräutigam kehrt zurück!«

»Sie sind endlich da!«

Vom Parkplatz waren das Aufspritzen von Kies sowie das kurze Aufheulen eines Martinshorns zu hören. Vermutlich war der Tross von Männern, die kurze Zeit später auf das Gartentor zustapften, mit dem Feuerwehrauto vom Unfallort hierhergefahren.

Als Alexander, Robert und die übrigen Helfer den Garten betraten, wurden sie sofort umringt und mit Fragen bestürmt.

Bis meine Mutter schließlich ein Machtwort sprach: »Jetzt lasst die armen Jungs doch erst einmal in Ruhe ankommen.« Sie drückte allen Neuankömmlingen ein Schnapsglas in die Hand, was diese dankbar entgegennahmen.

Nachdem ich Finn und seine Spielgefährten losgeschickt hatte, sich ein Eis zu holen – ich war mir nicht sicher, ob das, was die Männer vom Unfallort zu berichten hatten, für Kinderohren geeignet war –, begann Alexander schließlich zu erzählen.

»Es war furchtbar. Ihr könnt euch das echt nicht vorstellen. Als ich in den Kuhstall reingekommen bin, habe ich zuerst nur Blut gesehen. Blut, Blut, überall nur Blut.« Alexander schloss einen Moment die Augen, und als er sie wieder öffnete, schüttelte er, wie um die grauenvolle Erinnerung loszuwerden, den Kopf. Dann setzte er dumpf hinzu: »Sie muss sofort tot gewesen sein.«

»Oh nein, wie schrecklich!« Schockiert biss ich mir auf die Unterlippe und starrte auf die roten Sprenkel, mit denen Alexanders weißes Hemd übersät war. Unwillkürlich rückte ich ein Stück von ihm ab. »Sie? Dann war der Fahrer also eine Frau?«

»Nein, nein, der Fahrer war ein Mann. Ich hab von Molli geredet. Dass es ausgerechnet sie erwischen musste, ist wirklich tragisch. So eine gute Milchkuh bekommt Kurti nicht so schnell wieder.«

Alle Umstehenden nickten betroffen. Abgesehen davon, dass manche Ehefrau sich glücklich schätzen könnte, wenn ihr Mann sie so liebevoll umsorgen würde wie Kurti seine Kühe, war Molli sein bestes Tier im Stall, mit dem er bereits mehrere Preise und Auszeichnungen eingeheimst hatte.

»Und der Fahrer? Was ist mit dem Fahrer?«, drängte Hannah. »Hat er den Unfall überlebt?«

»Ja«, knurrte Alexander barsch. Dem Tonfall nach zu urteilen, hätte man fast meinen können, dass ihm das leidtat. »Er ist mit einigen Prellungen und Schürfwunden, die ich am Unfallort versorgt habe, davongekommen. Ich habe ihn ins Krankenhaus bringen lassen, wo er noch mal gründlich durchgecheckt wird und die Nacht zur Beobachtung verbringen muss. Alles Weitere entscheiden die Kollegen dann vor Ort.«

»Mehr Glück als Verstand. Unglaublich, was der Kerl für Dusel gehabt hat«, ergänzte Robert kopfschüttelnd.

»Die Frage ist nur, ob dieser Vollidiot das genauso sieht«, polterte Alexander, während er sich von meiner Mutter noch einen Schnaps einschenken ließ, mit ärgerlicher Miene.

»Wie meinst du das?«

»Das kann Lukas euch besser erklären«, gab Alexander die Frage mit einer knappen Kopfbewegung an unseren Dorfpolizisten weiter, der im schicken dunklen Anzug und ohne die gewohnte Uniform seltsam fremd aussah.

»Nun ja, der Porsche muss ganz schön schnell gefahren sein, bevor er in den Stall gebrettert ist«, begann Lukas, uns die Details des Unfallhergangs zu erläutern.

»Der Porsche, phh, wenn ich das schon höre. Das ist ja mal wieder typisch«, kommentierte jemand hinter mir abfällig.

»Jetzt lass Lukas doch weiterreden«, schimpfte ein anderer.

»Ich schätz mal hundert, hundertzwanzig Sachen wird der Wagen schon draufgehabt haben«, fuhr Lukas fort, »vielleicht sogar noch mehr. Sonst hätte er die Mauer nicht durchbrochen. Was mir an der ganzen Sache gleich von Anfang an so merkwürdig vorgekommen ist: Es waren keine Bremsspuren am Unfallort zu finden …« Mit vielsagendem Gesichtsausdruck sah er in die Runde.

»Du meinst, er wollte …«

»Du glaubst also, er hat versucht …«

Lukas, der die allgemeine Aufmerksamkeit sichtlich genoss, nickte theatralisch. »Ich glaube es nicht nur, ich weiß es.«

»Wie kannst du dir da so sicher sein, Lukas?«, fragte Philipp mit lauter Stimme, um das Getuschel, das eingesetzt hatte, zu übertönen. »Vielleicht ist er von einer Biene gestochen worden oder war durch irgendwas anderes so abgelenkt, dass er das Bremsen vergessen hat. Oder die Technik hat versagt.«

Lukas schüttelte mit ernster Miene den Kopf.

»Hat er zugegeben, dass … dass es kein Unfall gewesen ist?«, hakte ich nach, obwohl ich mir gar nicht sicher war, ob ich es wirklich wissen wollte. Ich umschlang mit den Armen meinen Oberkörper, denn trotz der sommerlichen Temperaturen fröstelte ich plötzlich.

»Ja.« Lukas straffte die Schultern und machte ein so wichtiges Gesicht, als hätte er einem Schwerverbrecher ein Geständnis entlockt. »Natürlich nicht sofort, aber ihr kennt mich ja. Mir kann man so leicht nichts vormachen. Ich rieche es zehn Kilometer gegen den Wind, wenn irgendwo was faul ist – und dieser Unfall«, Lukas malte mit den Fingern Anführungszeichen in die Luft, »dieser Unfall, so viel kann ich euch sagen, der stank ganz gewaltig. Also habe ich nicht lockergelassen – bis der Mann schließlich zugegeben hat, dass er sich das Leben nehmen wollte.«

»Wie schrecklich«, hauchte Hannah neben mir leise.

Sie war ganz blass im Gesicht.

Obwohl Alexander im Gegensatz zu meiner Freundin am Ort des Geschehens gewesen war, schien ihm die Sache längst nicht so an die Nieren zu gehen wie ihr.

Er schnaubte ärgerlich. »Hätte der Idiot nicht einfach ein paar Tabletten einwerfen können, wie das andere Menschen, die sich umbringen wollen, auch tun?«

»Alexander!«, rügte meine Mutter ihren Schwiegersohn in spe milde.

Hätten Philipp oder ich eine solche Bemerkung vom Stapel gelassen, hätte sie uns bestimmt Stubenarrest gegeben oder damit gedroht, uns zu enterben.

»Sei froh, dass Pastor Roth dich nicht gehört hat. Der hätte dir garantiert ein paar Vaterunser extra aufgebrummt«, ulkte Philipp gehässig.

»Apropos, wo ist Pastor Roth eigentlich?«, fragte meine Mutter und sah sich suchend um. »Schließlich muss er gleich noch seines Amtes walten.«

»So leid es mir tut, aber ich glaube, aus der Trauung wird heute nichts mehr.« Hannah zuckte bedauernd mit den Schultern. »Das letzte Mal, als ich Pastor Roth gesehen habe, war vor zirka einer Stunde. Da hat er in der Gartenlaube ein kleines Nickerchen gemacht. Er ist eben auch nicht mehr der Jüngste. Und dann die Wärme und die ganze Aufregung …«

»… und die vielen Schnäpse«, ergänzte Philipp mit einem Augenzwinkern.

Die Vorstellung, von einem angeschickerten Pastor getraut zu werden, war mir fast genauso zuwider wie der Gedanke, meine schmerzenden Füße heute noch einmal in diese furchtbaren Folterinstrumente hineinzwängen zu müssen. Bei aller Liebe: Das ging gar nicht! Außerdem hatten einige Gäste älteren Semesters bereits die Segel gestrichen und das Fest verlassen, unter ihnen auch Oma Grete.

»Deine Oma war müde und wollte nicht länger warten. Dein Vater hat sie nach Hause gefahren«, berichtete ich Alexander.

»Na dann …«, mein Beinahe-Ehemann nickte bedächtig und warf mir einen Verständnis heischenden Blick zu, »… dann sollten wir die Trauung vielleicht lieber verschieben.«

Allen Widrigkeiten zum Trotz war es letzten Endes dennoch eine schöne Feier geworden. Der halbwegs glimpfliche Ausgang des Unglücks – immerhin gab es außer Molli keine weiteren Opfer zu beklagen – sowie der Alkohol, der entgegen der ursprünglichen Planung in Strömen geflossen war, hatten das Ihrige dazu beigetragen, die Laune der Hochzeitsgesellschaft zu heben. Es war viel gelacht und getanzt worden, und alle hatten sich augenscheinlich prächtig amüsiert. Wenn man von dem kleinen Schönheitsfehler, dass Alexander und ich immer noch nicht verheiratet waren, einmal absah, konnten wir mit unserer Hochzeitsfeier zufrieden sein.

Dennoch war ich heilfroh, als alle Gäste endlich gegangen waren. Feierabend! Gott sei Dank!

Alexander, der nach dem Einsatz im Kuhstall ziemlich groggy gewesen war, hatte es vorgezogen, bei sich zu Hause zu schlafen. Unsere Hochzeitsnacht würden wir – genau wie die Hochzeit selbst – zu einem späteren Zeitpunkt nachholen.

Auch wenn ich mich ein wenig für den Gedanken schämte, musste ich insgeheim zugeben, dass es durchaus auch Vorteile hatte, dass wir noch getrennt lebten. So würde ich heute ungestört einschlafen können, ohne dabei von Börsenkursen oder Nachrichten berieselt zu werden. Alexander schaltete vor dem Zubettgehen immer den Fernseher ein. Ich hasste das! Und es würde nicht leicht werden, Alexander dazu zu bringen, in Zukunft auf diese blöde Angewohnheit zu verzichten.

Da der Umzug bislang aus den unterschiedlichsten Gründen immer wieder verschoben worden war, hatten wir der Einfachheit halber beschlossen, nach der Hochzeit zusammenzuziehen. Wer hatte auch ahnen können, dass sich selbst dieser Termin verzögern würde …

Auf nackten Füßen tappte ich die Treppe hoch und steckte meinen Kopf zu Finns Zimmertür hinein. Auf den ersten Blick war von dem kleinen Racker nichts zu sehen, aber unter der Bettdecke zeichneten sich deutlich die Konturen seines schmalen Körpers ab.

»Finn!? Finn, wo bist du denn?«, ging ich, um ihm eine Freude zu bereiten, auf sein Spiel ein und unterdrückte dabei nur mit Mühe ein herzhaftes Gähnen.

Doch während Finn sonst gewöhnlich so lange in seinem Versteck ausharrte, dass ich mir Sorgen machte, er könnte dort verhungern, ließ er seine Tarnung dieses Mal durch wildes Strampeln mit den Beinen erstaunlich schnell auffliegen.

»Ach, da bist du ja«, tat ich überrascht und setzte mich neben ihn auf die Bettkante. »Soll ich dir noch eine Gutenachtgeschichte vorlesen, oder bist du dafür zu müde?«

Anstelle einer Antwort drang unter der Bettdecke nur ein herzzerreißendes Schluchzen hervor. Oje, das klang nach großem Kummer! Behutsam zog ich die Decke zur Seite und fand darunter einen tränenüberströmten Finn vor.

Obwohl es mir in der Seele wehtat, ihn leiden zu sehen, war ich gleichzeitig gerührt, dass mein Sohn sich die geplatzte Hochzeit so zu Herzen nahm. Auch Alexander würde das sicher sehr freuen, denn bislang war es ihm irgendwie noch nicht gelungen, ein wirklich inniges Verhältnis zu Finn aufzubauen. Er verhielt sich ihm gegenüber freundlich und geduldig, fast, als wäre Finn ein Patient, der zur Behandlung in seine Praxis kam. Lediglich der obligatorische Griff in die Bonbondose am Ende eines Besuches fehlte … Umso mehr überraschte es mich, dass die ausgefallene Trauung meinem Sohn so zusetzte.

Ich zog ihn liebevoll an mich. »Nicht traurig sein, mein Schatz.« Während ich mein Gesicht in seinen blonden Haaren vergrub, sog ich tief den vertrauten Duft ein und murmelte tröstend: »Die Hochzeit wird nachgeholt. Versprochen.«

Das Schluchzen verstummte schlagartig. Beinahe ruppig wand Finn sich aus meiner Umarmung, seine blauen Augen funkelten empört.

»Aber ich wein doch gar nicht wegen der Hochzeit!«

»Oh, okay. Ich dachte ja bloß…« Zärtlich strich ich ihm eine widerspenstige Haarsträhne aus der Stirn. »Hast du vielleicht Bauchweh?«

Verwunderlich wäre das nicht. So oft, wie Finn im Laufe des Nachmittags mit einem vollbeladenen Teller an mir vorbeigeflitzt war, musste er die dreistöckige Hochzeitstorte fast allein verputzt haben. Und dann auch noch das Eis …

Finn schüttelte den Kopf und wischte sich unwirsch ein paar Tränchen von der Wange. »Ich hab kein Bauchweh.«

»Kein Bauchweh. Das ist doch schon mal gut.«

Es war schrecklich, dass er so traurig war, aber solange ich nicht wusste, was ihn quälte, konnte ich ihm auch nicht helfen.

»Möchtest du mir denn nicht sagen, warum du weinst?«

Mit einem vorwurfsvollen Blick gab mir mein Sohn zu verstehen, dass ich als gute Mutter wissen müsste, was mit ihm los war. Leider tappte ich jedoch nach wie vor völlig im Dunkeln und zuckte darum auch nur ratlos mit den Schultern.

»Na wegen Molli natürlich«, klärte Finn mich endlich auf, verzog nachdenklich sein kleines Gesicht und schob, da er zum Glück nicht nachtragend war, seine Hand vertrauensvoll in meine. »Du Mama, weißt du, ob Kühe auch in den Himmel kommen?«

Ich dachte fieberhaft nach. In Indien galten Kühe als heilig, was sicherlich so eine Art Freifahrtschein in den Himmel war. Wie es sich allerdings mit deutschen Milchkühen – und seien sie noch so oft prämiert – verhielt, entzog sich meiner Kenntnis.

Da ich meinen Sohn jedoch nicht schon wieder enttäuschen und mich als schlechte Mutter outen wollte, versicherte ich ihm im Brustton der Überzeugung: »Mach dir keine Sorgen, mein Schatz. Brave Kühe wie Molli kommen ganz bestimmt in den Himmel.«

Leider würde ich wohl nie erfahren, ob ich damit recht hatte. Denn selbst wenn es Molli tatsächlich gelungen war, ein Plätzchen im Himmel zu ergattern, würden wir uns dort wohl niemals über den Weg laufen. Bei all meiner mütterlichen Flunkerei würde ich nach meinem Tod garantiert in der Hölle schmoren …

Kapitel 3

Am Morgen nach der geplatzten Hochzeit saß ich vor einem Berg Papierkram in meinem Büro und versuchte, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren. Aber ich war einfach nicht richtig bei der Sache, denn die Ereignisse des vergangenen Tages spukten ununterbrochen in meinem Kopf herum.

Vielleicht war es wirklich nur ein saublöder Zufall gewesen, dass das Auto just zum Zeitpunkt meiner Trauung in Kurtis Stall gerast war. Aber was, wenn hinter alldem doch ein tieferer Sinn steckte? Vielleicht wollte irgendeine höhere Macht Alexander und mir die Chance geben, unsere Hochzeitspläne noch mal zu überdenken. Möglicherweise waren wir für eine Ehe einfach zu verschieden. Andererseits hieß es schließlich nicht umsonst, dass Gegensätze sich anziehen. Alexander war mein Fels in der Brandung. Mein Ruhepol, wenn mein Temperament mal wieder mit mir durchging. Er der Kopfmensch, ich der Bauchmensch. Zwischen uns war es nie die knisternde, wild lodernde, alles verzehrende Liebe gewesen, unsere Beziehung war eher wie ein behagliches warmes Herdfeuer. Aber war das im Alltag nicht viel wichtiger? Mit einem tiefen Seufzer versuchte ich, die Gedanken beiseitezuschieben und meine Aufmerksamkeit auf die Arbeit zu richten.

Als ich zum x-ten Mal das Schreiben des Fremdenverkehrsvereins zur Hand nahm und zu lesen begann, steckte Hannah den Kopf in mein Büro.

»Darf ich dich kurz stören?«

»Klar.« Dankbar über die Ablenkung winkte ich meine Freundin herein. »Was gibt’s?«

Hannah war gelernte Hotelfachfrau und hatte schon bei uns gearbeitet, als mein Vater noch den Sonnenhof geführt hatte. Obwohl es auf Roberts Weingut sicher auch jede Menge für sie zu tun gegeben hätte, bestand Hannah darauf, beruflich ihr eigenes Ding zu machen, und ich würde einen Teufel tun, ihr das auszureden, denn auf diese Weise bekamen wir uns bei der Arbeit fast täglich zu Gesicht.

»Unten ist ein Gast, der ein Zimmer haben möchte«, erklärte Hannah und sah mich abwartend an.

»Und? Dann hätte er rechtzeitig reservieren müssen. Wir sind ausgebucht.«

Hannah, die heute in ihrem hellblauen Sommerkleid beneidenswert frisch aussah, nickte.

»Das habe ich ihm auch gesagt. Aber er will sich partout nicht abwimmeln lassen.«

»Wir haben Hochsaison! Denkt dieser Mensch, ich könnte mir ein freies Zimmer aus den Rippen schneiden oder wir würden ihm zuliebe Stammgäste auf die Straße setzen? Oder möchte er vielleicht auf meiner Wohnzimmercouch campieren?«

»Wenn du schon so fragst … Zu deiner Wohnzimmercouch würde er bestimmt nicht Nein sagen, aber er wäre auch mit dem Wohnklo zufrieden.«