Schau mich an - Elif Shafak - E-Book

Schau mich an E-Book

Elif Shafak

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Beschreibung

Die Frau ist so dick, dass sie überall angestarrt wird. Auch ihr Geliebter, ein Kleinwüchsiger, zieht die Blicke auf sich. Doch während sie sich vor der Welt verstecken möchte, drängt er ins Licht – um jeden Preis. "Schau mich an" ist eines der ungewöhnlichsten Werke von Elif Shafak: eine humorvolle, tragische und Jahrhunderte überspannende Erkundung dessen, was es heißt, andere anzublicken und angeblickt zu werden.die Geschichte führt.

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Seitenzahl: 425

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Inhalt

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ÜBER DIE AUTORIN

Elif Shafak, in Straßburg geboren, gehört zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen der Gegenwart. Ihre Werke wurden in über fünfzig Sprachen übersetzt. Die preisgekrönte Autorin von siebzehn Büchern, darunter Die vierzig Geheimnisse der Liebe (2013) und Ehre (2014), schreibt auf Türkisch und Englisch. Mit Unerhörte Stimmen (2019) stand sie auf der Shortlist des Man Booker Prize. Ihre Artikel und Auftritte machten sie zum viel beachteten Sprachrohr für Gleichberechtigung und freiheitliche Werte zunächst in der Türkei, später in ganz Europa. Elif Shafak lebt in London. www.elifshafak.com

ÜBER DAS BUCH

Die Frau ist so dick, dass sie überall angestarrt wird. Auch ihr Geliebter, ein Kleinwüchsiger, zieht die Blicke auf sich. Doch während sie sich vor der Welt verstecken möchte, drängt er ins Licht – um jeden Preis.

Schau mich an ist eines der ungewöhnlichsten Werke von Elif Shafak: eine humorvolle, tragische und Jahrhunderte überspannende Erkundung dessen, was es heißt, andere anzublicken und angeblickt zu werden.

 

Für B. C.

 

Durch jedes Gitterfenster spähen Augen; jedes Gitterloch ein mandelförmiger Spion; so wachen über die Menschen des Viertels Tausende holzumrahmter Augen.

Refik Halit Karay, Drei Generationen – drei Leben

istanbul, 1999

Ich träumte von einem Luftballon. Seine Farbe konnte ich nicht erkennen, da aber der Himmel taubengrau war, die Wolken schäfchenweiß und die Sonne honiggelb, musste es eine andere Farbe gewesen sein als Taubengrau, Schäfchenweiß oder Honiggelb. Sonst hätte ich den Luftballon nämlich nicht gesehen. Wenn er zu sehen war, gab es ihn, und wenn nicht, dann nicht.

Der Luftballon stieg sachte empor, die schäfchenweißen Wolken schwebten kokett dahin, der taubengraue Himmel wurde finster und finsterer, die honiggelbe Sonne ging still und leise unter, als auf einmal ein heftiger Wind aufkam. Ein so heftiger, dass wir alle zusammenfuhren. Da prasselten auch schon Kalk und Teer und Lehm auf uns ein, Gesträuch und Gestrüpp, Gezücht und Geschmeiß, Staub und Dreck. Damit der Sturm nicht fortriss, was ich sah, musste ich sofort die Augen schließen. Sobald die Wimpern sich berührten, klang es, als ob Wasser auf heißes Fett spritzte. Dem Luftballon entwich die Luft; in jeder Sekunde außer Sichtweite prustete er in die Leere eine Handvoll Leere hinaus. Was immer er zu sich genommen hatte, spie er wieder aus. In Panik schlug ich die Augen auf. Zu spät. Er war nicht mehr da. Ich schon. Ich war erwacht.

An meinem Bettrand saß BC und sah mich missmutig an.

»Sag mal! Wie lang muss ich dich noch rütteln, bis du endlich aufwachst? Du hast so was von fest geschlafen!«

Noch bevor ich antworten konnte, zog er mir rüde die Bettdecke weg, und ich sah aus wie ein Fischerboot, das mitsamt seinem Netzgewirr nackt und bloß daliegt, weil ihm das Meerwasser davongegurgelt ist. Abrupt war ich um die laue Dunkelheit des Wassers gebracht und musste mich dem Licht aussetzen, in einem Tempo, das mir entsetzlich schnell, BC hingegen elend langsam erschien. Hatten meine Gliedmaßen sich bis dahin im Schutz der Dunkelheit genüsslich ausgebreitet, waren sie nun hektisch um Sammlung bemüht. BCs eindringlicher Appell zog sie an wie ein Magnet.

»Da draußen ist der Teufel los, und die gnädige Frau schnarcht einfach weiter. Los, steh auf und schau dir das Spektakel an.«

Durch die sperrangelweit offen stehende Terrassentür blies der Wind herein und blähte die Vorhänge auf wie in einem Geisterfilm, sodass nur hin und wieder der Himmel durchspitzte. Eine sternenlose, wolkenlose, mondlose Nacht; ein schwarzer Filter, damit meine Augen nicht geblendet wurden.

Ich blieb dem Fenster fern.

Und sah, was ich sah, durch das Auge von BC.

Und was ich fern vom Fenster durch das Auge von BC sah, war dies:

Am Fuß der steilen Straße / kommt eine mollige / bleiche / schnuckelige Frau / um die fünfzig / im Nachthemd / mit Bommeln an den Pantoffeln / aus dem Haus gestürzt / und da steht sie / unter der Laterne / und glotzt und starrt / auf all die Fliegen / die da schwirren / und sich verirren / und sie flucht / und sie sucht / was immer sie verloren / so spät in der Nacht.

Als sie fünfzig wurde / feierte sie / den Schmerz um jedes Jahr / mit einem Kanonenschuss / und tanzte und johlte / bei jedem Schuss / und Mutter ist sie / von drei Kindern / und Brüste hat sie / wie ausgequetschte Zitronen / die Gebärmutter ist ihr / früh vertrocknet / dabei mag sie doch gar nicht / ihr Blut / kein Gedanke daran / sich nach ihm zu sehnen / so findet sie sich rasch ab / denn so ist sie / umgänglich / dabei schweigsam / wer kocht besser als sie / allein ihre Spinatböreks / und wer außer ihr / bringt neun Nudeltäschchen / auf einen Löffel / wer rollt Weinblätter / dünn wie Papier / ihre Schrift wie gestochen / damals in der Schule / wie gut noch alles war / wie lauwarme Milch / floss das Leben ihr die Kehle hinab / und wärmte sie von innen / damals / alles drehte sich um sie / ihr war jeder zu Befehl / da scharwenzelte der Kerl / der ihr Mann werden sollte / um sie herum / was heißt Kerl / das Wort ist noch zu gut / nach all den Jahren nun / schämt er sich nicht / in seinem Alter / kommt daher / opfert sein Heim / seine Frau wie eine Rose / seine Kinder / und das für wen / seine Tochter könnte sie sein / das Weibsstück / wenn sie genug von ihm hat / ihm sein Geld weggefressen / scheucht sie ihn davon / beiß die Zähne zusammen / ein Mann wird erst im Nachhinein gescheit / halt aus / um deiner Kinder willen / denk nicht / du wärst die Einzige / denn es geschieht uns allen / wie hat dein Vater es getrieben / lange sagte ich nichts / ließ mir nichts anmerken / das geht vorüber / muss vorübergehen / wie alles andere auch / er kommt zu dir zurück / fällt vor dir auf die Knie / fleht um Verzeihung / wer kocht so gut wie du / allein schon die Spinatböreks / ob wohl das Miststück den Weg in die Küche findet / ihr Geschick liegt woanders / doch ihre Weiblichkeit / flammt nur auf wie ein Streichholz / und sie erlischt / sobald sie das Bett verlässt / während deine Weiblichkeit / legendär ist.

In ihrem Nachthemd / den Pantoffeln mit den Bommeln / ist sie schnuckelig / auch wenn sie manchmal widerspricht / und während ihr das Leben / gleich lauwarmer Milch / die Kehle hinunterrinnt / sie von innen aufwärmt / entsetzt sie auf einmal ein scheußlicher Geschmack / ob die Milch wohl schlecht war / sie speit sie wieder aus / dieses furchtbar Schleimige / es war der Rahm der Milch / er hat ihr den Magen umgedreht.

Einer der Bommel / ist ziemlich lose / wie abgestorbene Haut an der Lippe / maßt sich an / sein eigenes Fleisch zu verlassen / sein Vogelhaus / den Ort / an den er gehört / er baumelt schon / gleich geht er ab / ist fast schon weg / und der andere Bommel / der feste / ist der wirklich so fest / oder tut er nur so / und äfft nur etwas nach / um das herauszufinden / muss man kräftig dran ziehen / doch wenn er dann abgeht / obwohl er doch fest ist / sehenden Auges / am besten gar nicht versuchen / aber neugierig ist man doch / will es wissen / und sehen / was die Augen sehen können / und nimmt den Pantoffel vom Fuß / den mit dem festen Bommel / die Fliegen sind weit weg / sind wie Geier hinter dem Aas her / zerfetzen schwarz das Fleisch des Lichts / alle völlig gleich / doch die Frau weiß genau / welche sie im Auge haben muss:

»Du Huuuuuuure! Du gottverdammte Fliegenhure!«

Die Stimme der Frau peitschte durch die Luft.

»Du Huuuuuure! Sinem, du Fliegenhure!«

Was ich fern vom Fenster durch das Auge von BC sah, war dies:

Auf einer der beiden Seiten Istanbuls, in einem eher lauten Viertel, in dem sowohl solide Familien als auch freiheitsliebende Junggesellen wohnten, stand zu reichlich vorgerückter Abendstunde eine Frau um die fünfzig, Mutter dreier Kinder, am Fuß einer steilen Straße, die man schwer hinauf- und auch nur schwer hinunterkam, und schrie hinaus, sie wolle von einer gewissen Sinem, die wie eine Fliege an einer Straßenlaterne klebe, ihren Ehemann zurück. Hunde heulten, Türen gingen auf, Lichter wurden angemacht, Babys schrien, und der Klatsch und Tratsch der folgenden Tage formte sich. Die Leute standen auf den Balkons und an den Fenstern oder strömten auf die Straße. Verwundert aufgerissene Augen glänzten rötlich in Erwartung des bald losbrechenden Tumults. In einer einzigen Nacht erwuchs ihnen der Stoff für die langen Winternächte. So füllten sie denn alle eifrig ihre Krüge.

Alle, bis auf die Menschen aus jener einen Wohnung!

Die wussten nicht, wie ihnen geschah, waren der Frau barfuß hinterhergeeilt, Kinder, Schwestern, Neffen, Onkel, in Schlafanzügen und Nachthemden, mit Creme auf dem Gesicht und Lockenwicklern im Haar, so standen sie um die Frau und zogen und zerrten an ihr und versuchten flehend, sie wieder ins Haus zu bekommen, dort sollte sie ruhig schreien und weinen, so viel sie wollte, aber nur rein mit ihr, damit die Nachbarn sie nicht mehr sahen, das Hören war ja nicht so schlimm, aber Hauptsache, sie wurde nicht mehr gesehen.

Die Angst, sich vor aller Augen zu blamieren, tropfte den Angehörigen aus dem Gesicht, und der Kleinste der Familie, ein liebenswerter Fünfjähriger, den das ganze Getue am wenigsten mitnahm, reihte die herumspritzenden Angsttropfen auf eine Schnur und machte eine Halskette daraus, mit der er dann herumhüpfte. Na ja, was versteht man in dem Alter schon, aber die Erwachsenen merkten das gar nicht, denn sie waren vollauf damit beschäftigt, der Frau Herr zu werden, und das war überhaupt nicht einfach. Ja, sie schafften es nicht, weder die Tochter noch die Schwester noch die Nichte, denn über die Frau war die Kraft der Verrückten gekommen. Man sagte, dass mit einem einzigen Haar eines Verrückten auch vierzig Kämme nicht fertigwerden, denn dessen Kraft ist übermenschlich …

Sie sahen ein, dass es so nicht ging, die Frau war vollkommen übergeschnappt, doch schließlich gelang es ihnen, sie mit vereinten Kräften in ein Taxi zu bugsieren. Sie besaßen zwar selbst Autos, doch jemand hatte mal wieder alles zugeparkt. Dieser Jemand befand sich höchstwahrscheinlich unter den Umstehenden, und es wäre nicht schwergefallen, ihn ausfindig zu machen, doch das ließen sie besser sein. Lieber so schnell wie möglich mit dem Taxi in das nächste und zugleich fernste Krankenhaus.

Der junge, kräftige Taxifahrer / frisch verheiratet / hat seiner Frau erlaubt zu arbeiten / solange sie keine Kinder haben / er rühmt sich seiner Fortschrittlichkeit / doch nach Verlobung und Hochzeit / sind sie ohnehin bis an den Hals verschuldet / da schadet es nicht / wenn die Frau arbeitet / der junge Taxifahrer / übernimmt das Taxi abends um zehn / und fährt damit bis zum Morgen / dann übergibt er es einem Freund / die beiden arbeiten / für einen neureichen Kerl / einen Lottogewinner / gebaut wie ein Fass / der immer noch träumt / er sei wieder arm / und beim Erwachen lauthals dankt / viel leiser aber spricht er / damit Gott es nicht hört / wenn er mit seinen Fahrern / um jeden Groschen feilscht / denn ob die beiden / etwas verdient haben oder nicht / will er den gleichen Betrag auf die Hand / der andere Fahrer ist nicht fortschrittlich / und lässt seine Frau nicht arbeiten / doch wenn er sie auch ließe / wer würde sie schon nehmen / es war ja keine Frau / es war eine Missgeburt / fünf Kinder hatte sie geboren / das fünfte sah genauso aus wie sie / platte Nase / platter Mund / krumm und bucklig / seine Frau dagegen / war eine Schönheit / rank und schlank / vielleicht ein wenig klein geraten / sonst wäre sie glatt ein Model / viel zu gut für den Laden / in dem sie arbeitet / sie hat selbst erzählt / da komme so ein Kerl / fast jeden Tag / angeblich wegen Hemden und Pullovern / dort geht er morgen mal hin / und sieht nach dem Rechten / wenn ihm seine Frau einfällt / verspürt er manchmal ein Kribbeln / und ein paar Mal / hat er es nicht ausgehalten / und ist schnurstracks nach Hause gefahren / da werden die Nachbarn / geschmunzelt haben / nun aber fährt er nicht mehr mal eben / in das Viertel, in dem sie wohnen / er muss andauernd arbeiten / und das tut er ja auch / doch würde es ihn diese Nacht / wieder einmal reizen / vielleicht wenn er die da hinten los ist / er sieht in den Rückspiegel / die Arme / denkt er / ist völlig hinüber / kein Wunder, wenn immer alles teurer wird / deshalb arbeitet er auch nur noch nachts / denn die Nachtkunden rechnen nicht so genau wie die Tageskunden / die Nachtkunden reden auch über anderes / man könnte meinen / entweder reden die Leute ernst / oder sie erzählen puren Unsinn / doch die Nachtkunden reden ernst / wenn sie Unsinn erzählen / und sie erzählen Unsinn / wenn sie ernst reden / neulich hatte er einen / mit einer eingedrückten Nase / sternhagelvoll / so gegen fünf Uhr morgens / der plärrte auf einmal / suchen wir das Grab von Mehmet dem Eroberer / und heizen wir dem mal so richtig ein / wozu hast du denn Istanbul erobert / hast Schiffe auf dem Landweg in das Goldene Horn geschafft / hast so viele Soldaten sterben lassen / und wozu das Ganze / nun ja / aus ihm sprach die Trunkenheit / der Fahrer ging nicht darauf ein / doch der Mann streckte den Kopf zum Fenster hinaus / und schrie, so laut er konnte: Sultan Mehmet! Sultan Mehmet! / Wo bist du? / Steh auf und sieh dir an / wie es deinem Enkel geht / er hörte und hörte nicht auf / die frommen Muslime / auf dem Weg zum Morgengebet / sahen das Taxi entsetzt an / der Fahrer wusste sich nicht mehr zu helfen / und fuhr zu einer Wache / und überließ den Mann / der Polizei / danach packte ihn die Reue / als der so herrlich Betrunkene / in die Wache geschleift worden war / hatte er sich umgedreht und gefragt / es heißt / er habe einen Ohrring getragen / stimmt das auch? / da hatte der Taxifahrer gestutzt / und hätte beinahe jemanden / nach Sultan Mehmets Ohrring gefragt / komm wieder zu dir / dachte er dann / lass dich von einem Verrückten / doch nicht verrückt machen / hast du etwa keine anderen Sorgen / als den Ohrring von Sultan Mehmet? / Erst neulich hatte er in den Nachrichten gehört / die Zahl der Insassen in den Irrenhäusern / sei dieses Jahr gehörig gestiegen / und die da hinten / hat es ja auch ziemlich erwischt / was soll nur werden aus diesem Land / wir sterben entweder tobsüchtig / oder wir sterben einfach verrückt!

Während sie hinten versuchten, die Frau zu beruhigen, hielt der Mann auf dem Beifahrersitz dem Taxifahrer mit zitternden Händen eine Zigarette hin, schon nach zwei, drei Zügen war der Wagen vollgeraucht, die Fenster waren zu, sie machten sie nicht auf, und der Mann klagte sein Leid, »meine Schwägerin ist das, die ist von zu Hause weg, im Sommer, und seitdem wohnt sie bei uns, sie will sich unbedingt scheiden lassen, dabei hat sie drei Kinder, Riesenkerle schon, als ob das so einfach wäre, sich in dem Alter noch scheiden lassen, die mussten noch nie im Leben eine Familie durchbringen, diese Frauen, haben sich immer von ihren Männern durchfüttern lassen, keine Ahnung haben die, wie schwer es ist, über die Runden zu kommen, wo kriegt sie ihr Essen her, wenn sie erst mal geschieden ist, ich habe zu meiner Frau gesagt, soll sie doch sehen, wie sie zurechtkommt, aber die beiden hocken ja ständig zusammen und plappern von morgens bis abends, und mal bringt meine Frau die Schwägerin zum Weinen und mal die Schwägerin meine Frau, wie oft habe ich schon gesagt, jetzt hör doch mal damit auf, da wird alles nur noch schlimmer, redet doch mal über was anderes, oder fahrt mal zu diesen Heilquellen, und nehmt eure Mutter mit, das tut ihrem Rheuma gut, aber ich kann sagen, was ich will, und wenn dann die anderen Frauen aus der Verwandtschaft antanzen, wird alles wieder aufgewärmt und noch mal durchgekaut, aber von keiner hat die Schwägerin sich umstimmen lassen und wollte sich immer noch auf Teufel komm raus scheiden lassen, dann ist sie tatsächlich zu einem Anwalt und hat die Scheidung beantragt, und eines Tages ist vom Gericht ein Schrieb gekommen, aha, habe ich gesagt, dann hast du ja jetzt deinen Willen, tanz ruhig um den Tisch herum, aber da hat sie mich auf einmal angeschaut, als wäre ich vom Himmel gefallen, und da habe ich gemerkt, die wird uns verrückt, aber meine Frau will mir das nicht glauben, die lässt ja nichts kommen auf ihre Schwester, na ja, habe ich gesagt, morgen sehen wir weiter, und die Schwägerin hat sich beruhigt und sogar das Geschirr gespült, dann ist sie in ihr Zimmer, obwohl im Fernsehen gerade die Serie gekommen ist, die sie sonst nie verpasst, aber diesmal hat sie keinen Blick drauf geworfen, und weil ihr der Magen wehtat, hat sie ein Glas lauwarme Milch nach dem anderen getrunken, und dann ist sie früh ins Bett, angeblich träumt sie nichts mehr, schon seit ihrer Kindheit, und wir sind dann auch ins Bett und gleich eingeschlafen, und normalerweise steht sie als Erste auf und richtet uns das Frühstück, und zwar immer vom Feinsten, die Eier genau, wie sie sein sollen, und sogar der Tee schmeckt besser, wenn sie ihn macht, das muss man schon sagen, den Haushalt hat die so toll geschmissen, da macht ihr keine was vor, nicht wie meine Frau, die ist ja ein ganz anderer Schlag, aber was hilft es schon, wenn man so rechtschaffen ist und dabei doch unglücklich, wobei natürlich die Hauptschuld meinen Schwager trifft, ich meine, was soll das nach so langer Ehe, ich schäme mich fast, es zu erzählen, mit einem so jungen Ding, so alt ungefähr wie seine Tochter, der hat er doch tatsächlich eine Wohnung eingerichtet, Tänzerin soll sie sein, in einem Nachtklub, Sinem heißt sie, letztes Jahr hat er sie uns vorgestellt, so ein kleines, stilles Mädchen, ich habe nichts weiter gesagt, das geht vorüber, habe ich mir gedacht, wer hätte denn ahnen können, dass der es so weit treibt mit der, bis hin zur Scheidung, na jedenfalls nach der Sendung sind wir auch ins Bett, aber darauf hat sie nur gewartet, und kaum lagen wir im Bett, ist sie in Nachthemd und Pantoffeln aus der Wohnung rausgeschossen, ist auf die Straße runter, dass man hätte meinen können, wir hätten sie als Sklavin gehalten, und wir natürlich raus aus den Federn bei all dem Getöse, und da steht sie doch tatsächlich unten auf der Straße und plärrt herum und führt sogar einen Tanz auf, wir wussten gar nicht, wie uns geschieht, was da überhaupt los ist, also fahren Sie uns einfach ins nächste Krankenhaus, wir haben uns ja so was von blamiert, und seien Sie mir nicht böse, in all der Eile habe ich kein Geld eingesteckt, tut mir wirklich leid, aber so plötzlich, wie das über uns gekommen ist, wir im Schlafanzug raus und so, da habe ich an meine Brieftasche nicht gedacht, aber ich werde ja selber noch verrückt, ich lasse mich am besten auch scheiden, soll sie mit ihrer närrischen Schwester und ihrer rheumatischen Mutter hingehen, wo der Pfeffer wächst, mir doch egal, ich bin so was von fertig, ich gehe noch vor die Hunde mit denen.«

»Das hat doch keine Eile mit dem Geld. Wir wohnen ja im selben Viertel«, erwiderte der Taxifahrer.

Die Farben verblassten, die Bewegungen wurden langsamer. Der Mann murmelte etwas. Wie von selbst purzelten die Wörter heraus: »Ach, Sie sind auch aus dem Viertel. Meinen Sie, nach dieser Schande können wir hier wohnen bleiben?«

Dann zog er aus der Schlafanzugtasche sein Päckchen Zigaretten heraus. Er fühlte sich schuldig. Wollte dem Fahrer erklären, warum er an die Zigaretten gedacht hatte, aber nicht an die Brieftasche. Er brachte jedoch nichts heraus, seine Kehle war ganz vertrocknet. Er fand sein Feuerzeug nicht. Musste ihm im Taxi heruntergefallen sein. Oder hatte er gar keines dabeigehabt? Wie aber hatte er dann die Zigarette zuvor angezündet? Oder war das die erste? Er wurde noch missmutiger. Während er darauf wartete, dass der Zigarettenanzünder heraussprang, schielte er nach hinten. Die Schwägerin schrie nicht mehr, atmete aber heftig. Und wimmerte, als hätte sie irgendwelche Schmerzen. Der Fahrer, der immer wieder in den Innenspiegel sah, zündete sich aus seinem Päckchen eine Zigarette an. Erst wollte er das Radio anmachen, dann ließ er es. Das hätte jetzt nicht gepasst. Die Frau weinte in den Armen ihrer Schwestern. Die Nacht wurde immer dunkler, die Straße immer steiler. Der Mann fühlte eine Beklemmung und machte das Fenster ganz auf. Die Luft draußen roch nach Schnee, und der Zigarettenrauch zog wie ein aschgrauer Drachen mit flatterndem Schwanz zum Fenster hinaus.

Die Geräusche verstummten, der Wind legte sich. BC zog die Vorhänge zu, die sich blähten wie in einem Geisterfilm, und er sagte: »Gleich morgen ziehen die um. Die können sich hier nicht mehr halten.« Und mit säuerlichem Lächeln fügte er hinzu: »Kannst du Intimes nicht mehr schützen, musst schleunigst du den Ausgang nützen!«

Schau mich an

 

Ich träumte von einem Luftballon, der am taubengrauen Himmel dahinflog, zwischen schäfchenweißen Wolken hindurch, im Schatten der honiggelben Sonne. Ich war auf ein Dach gestiegen und sah dem Ballon nach, als auf einmal ein heftiger Wind aufkam, und zwar so heftig, dass wir alle zusammenfuhren. Erdschwarzer Staub wurde durch die Luft gewirbelt, und den Ballon trieb es rasch davon. Um ihn nicht aus den Augen zu verlieren, rannte ich über die Dächer hinweg und trat dabei ein paar Ziegel los, die sogleich zur Erde flogen. Erschrocken sah ich ihnen nach. Dort unten auf den glänzenden Straßen voller Menschen kam es durch die herabwirbelnden Dachziegel zu Unfällen. Mitten auf der Straße schnaubte wütend ein nagelneues, feuerrotes Auto, dessen Windschutzscheibe durch einen Ziegel zersplittert war. Über die kaputte Scheibe hatte eine Spinne bereits ein riesiges Netz gewebt, dessen klebrige Fäden im Wind waberten. Der Fahrer suchte nach mir, ohne aber zu wissen, dass er gerade mich suchte. Er hatte mich direkt vor den Augen, doch war ich ihm nicht verdächtig.

Auf den erdschwarzen Staub segelte blütenweißer Schnee herab. Ich ging den Bürgersteig entlang, ganz langsam, um auf keine Spinnweben zu treten. Plötzlich fiel mir auf, dass ich an den Füßen wollene Babyschuhe mit einem Vogelmuster trug. Beim Fortgehen musste ich vergessen haben, mir Straßenschuhe anzuziehen. Das war mir furchtbar peinlich. Bevor jemand etwas bemerkte, musste ich irgendwo Schuhe herbekommen. In den Schaufenstern wimmelte es vor Waren. Da gab es Ballettschuhe, pelzgefütterte Stiefel, Sandalen, Schnürstiefel, hochhackige Frauenschuhe, Herrenschuhe mit Blockabsätzen und niedliche Kinderschuhe. Und überall stand eine Geschmacksrichtung drauf. Die Schuhe waren nämlich allesamt aus Speiseeis. So betrat ich eines der Geschäfte und kaufte die Stiefel mit Fruchtgeschmack aus dem Schaufenster. Als ich wieder herauskam, stand der Fahrer des kaputten Autos vor mir und sah mich mit zusammengekniffenen Augen an. Ich machte mich auf Zehenspitzen davon, und er ging mir nicht einmal nach. Als ich um die Ecke bog, erblickte ich im Schatten der honiggelben Sonne wieder den Luftballon. Lustlos schwebte er dahin. Kaum aber war er weg, schien die honiggelbe Sonne auf einmal viel stärker, und ich blickte ängstlich auf meine neuen Schuhe. Die tropften und tropften und tropften …

»Mensch, Mama, sag doch was zu der!«

Ein Schmerz im Knie ließ mich hochfahren. Wieder war ich irgendwo eingeschlafen, und wieder, wo ich nicht hätte sollen. Ich war nass geschwitzt. Als ich mich einigermaßen zu berappeln versuchte, schlug mir mein eigener Schweißgeruch in die Nase. Vorsichtig blickte ich mich um. Ich saß in einem Sammeltaxi. Beim Einsteigen war ich noch allein gewesen. Da nachmittags nicht viele Leute diese Strecke fuhren, hatte ich gewusst, dass das Taxi nicht so bald voll sein würde, und natürlich auch, dass es vorher nicht losfuhr. So hatte ich in aller Ruhe erst mal die Augen zugemacht. Als hätte mein ausgiebiges Mittagessen nicht schon gereicht, hatte ich mir zum Abschluss zwei Portionen Dessert gegönnt, sodass ich ohnehin keinen Schritt mehr hätte tun können. So muss ich ziemlich lange geschlafen haben. Jedenfalls war das Taxi nun fast voll. Noch ein Fahrgast, und es konnte losgehen.

Die Frau neben mir spitzte aus dem Augenwinkel zu mir herüber. Wahrscheinlich roch sie meinen Schweiß. Das kleine Mädchen auf ihrem Schoß stach mir mit der Messingschnalle seiner Schuhe, die von der Farbe zähflüssiger Erdbeermarmelade waren, noch immer ins Knie. Ich hatte keinerlei Zweifel, dass die Kleine das absichtlich tat, denn ich sollte aufwachen und zur Seite rutschen. Tatsächlich hatte ich mich im Schlaf ziemlich breitgemacht und musste schleunigst etwas Haltung einnehmen. Ich legte die Beine aneinander und rutschte ans Fenster. Dann nahm ich meinen Rucksack auf den Schoß, doch darunter kam die Tüte mit den gerösteten Kichererbsen zum Vorschein, die ich mir für unterwegs noch besorgt hatte. Die nahm ich auch weg, sodass die beiden nun eigentlich Platz genug hatten, doch sie waren immer noch nicht zufrieden. Vor allem die Frau nicht. Die ruckelte herum, als wollte sie mir unbedingt anzeigen, dass sie es noch nicht bequem hatte. Immer wieder schlug sie die Beine übereinander, mal so und mal so, dann platzierte sie unter großem Geraschel ihre Einkaufstüten erst auf den Knien und dann doch wieder auf dem Boden, und als würde ihr die Kleine auf dem Schoß davonlaufen, drückte sie sie mit den Worten »Jetzt komm mal her zu mir« an die Brust, und dabei stöhnte und seufzte sie und schielte argwöhnisch auf den spärlichen Platz zu ihrer Rechten. Solche Leute kenne ich zur Genüge. Und weiß auch, warum sie sich so verhalten. Ich bin das gewohnt. Passiert mir andauernd.

Natürlich wäre es das Beste für mich, mit einem normalen Taxi zu fahren oder mir einen leeren Bus zu suchen. Taxis kann ich mir aber nicht oft leisten, und leere Busse haben Seltenheitswert. Manchmal fahre ich mit dem Taxi zur ersten Bushaltestelle und steige dort ein, aber das geht nicht bei jeder Strecke. Ist ein Bus schon voll, steige ich nur selten ein. Und wenn doch und ich die hohen Stufen erklimmen und mir durch die dicht gedrängte Menge einen Weg bahnen muss, bereue ich es meistens bitterlich. Dann sagt mir eine innere Stimme, ich soll sofort aussteigen und wieder nach Hause zurückkehren. Oft ist nicht mal das möglich. Vom Fahrer streng zum Durchgehen aufgefordert, drängen die Leute mich vom Ausgang und den Ausgang von mir weg. Wenn ich dann schon nicht rauskann, versuche ich wenigstens, den Blicken der Menschen zu entkommen, ihren Augen, die mich unentwegt mustern, auf mich zeigen. Zwar wird mir oft ein Platz angeboten, aber das macht mir die Sache auch nicht leichter. Ich laufe dann hochrot an und setze mich mühsam auf den frei gewordenen Sitz. In solchen Situationen bricht mir grundsätzlich der Schweiß aus. Ob Sommer oder Winter, sobald ich mich ein bisschen verkrampfe, spüre ich auch schon, wie mir die Schweißtropfen eiskalt den Rücken hinunterlaufen. Ich sitze da, als hätte ich einen Stock verschluckt, um nur ja niemanden zu berühren. Zugleich versuche ich herauszufinden, ob die Leute um mich herum meinen Schweißgeruch bemerken. Wobei ich ohnehin nichts dagegen ausrichten könnte. Und wenn ich mich bemühe, nicht zu schwitzen, wird es nur noch schlimmer. Am liebsten sitze ich am Fenster, denn statt der Mitreisenden, denen meine Anwesenheit nur allzu bewusst ist, kann ich dann die Leute draußen beobachten, für die ich gar nicht existiere.

Manchmal bietet mir auch niemand einen Platz an. Und ich komme auch nicht an ein Fenster heran. Um dann den Blicken zu entgehen, von denen ich regelrecht eingekreist bin, und mir auch nicht vorstellen zu müssen, was die Leute über mich denken, suche ich mir irgendeinen Punkt, auf den ich bis zu meiner Haltestelle in aller Ruhe starren kann. Das kann das Stückchen Außenwelt sein, das ich durch die Köpfe hindurch sehe, jemandes Schuhe, eine zwischen die Beine geklemmte Einkaufstasche, ein Buchumschlag, ein Warnschild, ein Druckknopf für die Tür, ein Nothammer, eine zusammengefaltete Zeitung, der Ring an einer Hand, die sich um die Halteschlaufe krümmt … Irgendwas davon wähle ich mir aus, und bis zum Schluss der Fahrt wende ich den Blick nicht mehr davon ab. Ob ich nun also sitze oder stehe, eine Busfahrt ist für mich immer eine Qual. Wenn man jedoch so dick ist wie ich, hat man es im Sammeltaxi sogar noch schwerer.

Darum baue ich immer schon vor. Damit der leicht spöttische Blick des Fahrers sich nicht in eine verletzende Bemerkung umwandelt. Was ihm nämlich auf der Zunge liegt, spreche ich ganz einfach ungeniert aus. »Ein Krug Voraussicht hat weniger Kalorien als ein Schluck Malheur«, sage ich mir. Eine goldene Regel, die wohl jeder kennt, der irgendeinen Makel mit sich herumschleppt: Sobald du merkst, dass du gleich angepflaumt wirst, kommst du dem anderen zuvor und machst dich über dich selbst lustig, und zwar so sehr, dass dem anderen die Luft wegbleibt. Gib deinem Fehler selbst einen Namen, einen möglichst unbarmherzigen, dann bleibt dem anderen der Spitzname, den er dir verpassen wollte, im Halse stecken. Drisch auf dich ein, bevor es andere tun. Einen besseren Schutzschild gibt es nicht.

Nehmen wir mal einen Blinden. Wenn der mitbekommt, dass die Leute um ihn herum in aller Betulichkeit das Wort »blind« vermeiden, fängt er am besten an, über Blinde Witze zu reißen, und zwar von der übelsten Sorte. Die anderen werden bald mitlachen und sich wundern, dass sie so etwas ausgerechnet von einem Blinden zu hören bekommen. Und schon hat der Krug Voraussicht wieder seine Wirkung getan.

Obwohl, bei mir ist der Fall natürlich anders gelagert. Dicke Menschen werden mit ganz anderen Blicken bedacht als Blinde. Wie jede andere Art von Behinderung sieht man Blindheit als ein Unglück an, das einem eben zustoßen kann, und so etwas löst bei den Menschen Mitleid aus. Wenn also ein Blinder sich über seine bemitleidenswerte Lage lustig machen kann, hat das etwas Bewundernswertes an sich. Dick zu sein dagegen wird nicht als etwas angesehen, das einem widerfährt, als Schicksal quasi, sondern man wird dafür verantwortlich gemacht. Wenn einer dick ist, gilt das als sein eigenes Werk und als Beweis dafür, wie gierig und gefräßig er ist. So ernst man einen Blinden nehmen muss, so ungeniert darf man sich über einen Dicken lustig machen. Somit löst der Dicke, der sich über sich selbst lustig macht, auch nicht die gleiche Wirkung aus wie der über sich selbst spottende Blinde. Mit Achtung ist da nicht gleich zu rechnen. Darum gehe ich auch eher mit dem nötigen Ernst zu Werke und wende zur Vermeidung von Spott die goldene Regel auf meine eigene Weise an.

So auch diesmal wieder. Als ich ankam, putzte der Fahrer gerade die Windschutzscheibe. Dabei hätte er dem taubengrauen Himmel doch ansehen müssen, dass es bald in Strömen regnen würde. Er aber nahm nicht nur den Himmel, sondern auch mich nicht wahr, bis ich direkt vor ihm stand. Bevor er etwas sagen oder auch nur denken konnte, bot ich ihm an, den doppelten Fahrpreis zu bezahlen. Er wehrte nicht ab, ja sagte gar nichts. So schlossen wir stillschweigend ein Abkommen, durch das ich späteren Unannehmlichkeiten zuvorkam. Die Sache war gegessen, und ich konnte in Ruhe einschlafen. Beim Aufwachen war mir sofort klar, was die Frau, die mit ihrem Herumgerücke ihr Unwohlsein geradezu hinausschrie, eigentlich zu bemängeln hatte. Da sie auf dem immer noch leeren Beifahrersitz nicht hatte Platz nehmen wollen, hatte sie sich notgedrungen neben mich gesetzt, und von meinem Abkommen mit dem Fahrer wusste sie natürlich nichts. Ich konnte nicht mehr an mich halten.

»Keine Sorge, ich zahle für zwei.«

Verdutzt sah sie mich an. Ohne den Blick von mir abzuwenden, zog sie instinktiv das auf ihrem Schoß hin und her wackelnde Mädchen enger an sich. »Jetzt halt doch mal still, Schatz.«

»Passen Sie auf«, sagte ich, kreisende Gesten vollführend, »ich bin eins plus. Also Nummer eins und zwei. Und Sie Nummer drei. Da hier drei Plätze sind, wird sich also kein dritter Fahrgast neben Sie setzen, denn Sie und ich, wir sind schon zu dritt. Die Kleine nicht mitgezählt!«

Im Grunde tat ich mir unrecht, denn dass ich wirklich ganze zwei Plätze eingenommen hätte, ließ sich nicht behaupten. Andererseits war nicht zu leugnen, dass ich über einen einzigen Platz weit hinausragte. In einem Bus oder einem Taxi war dieser Unterschied nicht so von Bedeutung, in einem Sammeltaxi dagegen sehr wohl. Nun bin ich ja nicht so dick, dass ich damit im Fernsehen auftreten könnte. Zumindest noch nicht. Aber ich bin eben dick. Sehr dick. Seit meiner Kindheit schon. Als ganz kleines Kind hätte ich sogar noch als schlank gelten können, wie ich mich vage erinnere. Das hielt aber nicht lang an. Jedes Jahr und eigentlich sogar jeden Tag legte ich etwas zu. Schon in der Mittelschule war ich dann so dick, dass die Leute den Kopf schüttelten. Ich hörte aber nicht auf, beziehungsweise es hörte nicht auf. Auch wenn ich gewollt hätte, es ging einfach nicht. Und nun nahm ich zwar nicht zwei ganze Plätze ein, aber doch, vorsichtig ausgedrückt, zumindest anderthalb. Und in einem Land, in dem man anderen ihre Fehler liebend gern an den Kopf wirft, werden aus einem Zwischending zwischen anderthalb und zwei sogleich volle zwei. Daher der doppelte Fahrpreis.

Was habe ich nicht schon alles versucht, um abzunehmen. Ärztlich begleitete Diätprogramme, selbst ausgetüftelte Kuren, knapp am Hungertod vorbeischrammende Kalorienzählereien, literweise Wasser, streichholzschachtelgroßen fettlosen Käse, abgezählte Krümel getoastetes Vollkornbrot, tagelanges Hungern, Schwitzanzüge, von Albträumen ausgelöste Schweißausbrüche, jeweils acht Mal zu wiederholende Übungen, auf nüchternen Magen eingenommene Mischungen, Pillen zum Appetitzügeln, Pillen gegen Cellulitis, Pillen zum Entschlacken, fade Breimischungen, endloses Treppensteigen, nicht minder endloses Reifenschwingen, Schlammbäder, Schlankheitstees, Obstkuren, Morgenspaziergänge, paketweise Diätkekse, Saunagänge, Dampfbäder, Laufbänder, Aerobic-Kurse, Geräteturnen, Hypnose, Akupunktur, Gruppentherapie, trübe Einzelsitzungen mit trüben Psychologen, und für das alles floss das Geld nur so dahin, während die heimtückischen Pfunde nicht nur nicht weniger, sondern sogar mehr wurden, und somit auf zur nächsten Diät. Irgendwann habe ich gemerkt, das wird und wird nichts, und dann die Sache laufen lassen. Wozu einem Erscheinungsbild hinterherrennen, das ich doch nie und nimmer erreichen werde? So esse ich seit einer ganzen Weile, worauf ich Lust habe, und nehme die Konsequenzen auf mich. Obwohl, das muss ich schon zugeben, ich die Konsequenzen eigentlich den anderen aufdränge. Ich bin ja nicht eine dieser mütterlichen Molligen mit roten Bäckchen, die überall gute Laune versprühen. Solche Frauen sind meistens eher klein und wirken daher trotz ihrer Pfunde noch immer irgendwie liebenswert rundlich-kompakt. Ich dagegen bin nicht nur überdurchschnittlich schwer, sondern zudem überdurchschnittlich groß, und somit nicht etwa »mollig«, sondern »ein Brocken«. Und gute Laune habe ich auch nicht, denn durch mein Dicksein bin ich ständig gereizt.

Eine Weile war ich in einem Aerobic-Studio eingeschrieben, das allen Kundinnen, die nicht ein, zwei Kleidergrößen schlanker wurden, ihr Geld zurück versprach. Dort sollten wir nur ja nicht vergessen, wie wir aussahen, und standen daher in einem auf allen vier Seiten von Spiegeln verkleideten Wänden aufgereiht und machten schweißgebadet alles nach, was uns die ständig lächelnde und Kommandos gebende spindeldürre Aerobic-Lehrerin vorturnte. Ich war eifrig bei der Sache. Das Röcheln, das mir bei jeder Bewegung aus der Brust fuhr, überhörte ich einfach. Nicht übersehen allerdings konnte ich all die Augen, von denen ich umgeben war. Ich war eingekreist von Wimpern, die sich mir erbarmungslos ins Fleisch bohrten. Jede Mitturnerin vollführte die geforderten Bewegungen und beobachtete zugleich im Spiegel alle anderen. Jede war die heimliche Konkurrentin jeder anderen. Jedes Kilo, das eine von uns abnahm, sauste bleischwer auf uns andere herab. Am beliebtesten waren die Dicksten. Wer schnell an Gewicht verlor, wurde ebenso schnell ausgegrenzt. Die Gewalt, die von Dicken ausging, tarnte sich mit kiloschweren Daunen. Jede versuchte jede zu zerquetschen.

Ich war in unserer Gruppe der absolute Liebling. All die molligen Frauen überboten sich darin, mir Gutes zu tun. Kam ich mal ein bisschen zu spät oder ließ die Stunde ausfallen, wurde sofort hinter mir hertelefoniert. Betrat ich den Raum, glänzten aller Augen. Ich wurde geliebt, ja auf Händen getragen. Jedes einzelne Mal konnte wieder eine nicht anders, als mir zu gratulieren, wie viel ich doch abgenommen hätte. Dabei wollte kein Gramm von mir herunter. Es ging den Frauen weder um falsche Höflichkeit noch darum, mich anzulügen. Hoffnungslos dick, wie ich war, liebten sie mich aber so sehr, dass sie bei jedem Blick auf mich eine Art Filter vor den Augen hatten. Sie hätten Stein und Bein geschworen, dass ich tatsächlich abgenommen hatte. Und was sie bei anderen wahnsinnig gemacht hätte, schien sie bei mir nicht weiter zu stören.

Ist man also erst mal so dick, dass man gewissermaßen außer Konkurrenz läuft, prügeln sich abnehmwütige Frauen darum, dass man ihre einzige Freundin ist. Einige mochten mich sogar so sehr, dass ich in ihren Augen allen Ernstes nicht als dick, sondern als »drall« oder »vollschlank« galt. Dabei hasse ich all diese klebrig süßen Euphemismen, genauso wie ich es hasse, in meiner Eigenschaft als Dicke betatscht zu werden. Ist man als Kind schon dick und schafft es nicht abzunehmen, wird man praktisch nie erwachsen. Gleichgültig, wie alt man ist, grapschen die Leute an einem herum. Ist man noch klein, kneifen sie einen in den Bauch oder die Waden, als junges Mädchen dann in Wangen oder Kinn. In fortgeschrittenem Alter sind vor allem die Arme dran. Hat man so weiße Haut wie ich, bleibt von jedem Kneifen eine rote Stelle zurück, die sich dann violett färbt. Na ja, jedenfalls hatte ich von den Umschreibungen und dem ständigen Kneifen irgendwann die Nase so voll, dass ich das Aerobic-Studio verließ. Dessen Leiterin wollte von all dem Wohlwollen mir gegenüber auch profitieren und zahlte mir mein Geld nicht zurück.

Egal, wie sehr ich mich aufrege, fremd sind mir solche Gefühle nicht. Ich weiß genau, wie gut es einem dicken Menschen ganz unwillkürlich tut, wenn ein noch dickerer auftaucht; das gleitet einem über den Körper wie schwer duftendes Massageöl. Sagen wir, es kommt mir in einer Menschenmenge eine dicke Frau entgegen, dann fixiere ich sie sofort, und sie mich. Und dann können wir noch so sehr tun, als würden wir die jeweils andere nicht anschauen, die Frage lautet sofort: »Sehe ich etwa auch so dick aus wie die?« Und die Antwort darauf ist unweigerlich immer die gleiche: »Nein, die ist dicker als ich.« Nun, Eigenschaften sind ja per se auf andere angewiesen; sie sind nie für sich. Und damit ein Dicker schlanker wirkt, helfen keine Längsstreifen, keine gedeckten Farben und auch keine weiten Gewänder, sondern einzig und allein ein anderer Dicker. Ein Dicker ist des anderen Dicken Gegengift.

Endlich kam der fehlende Fahrgast, ein junger Mann, der auf dem Beifahrersitz Platz nahm. Wir waren komplett und konnten losfahren, aber ausgerechnet jetzt ließ es der Fahrer langsam angehen. Er stand noch immer draußen und wischte an einem Rückspiegel herum, obwohl es inzwischen noch mehr nach Regen aussah. Ich griff zu den gerösteten Kichererbsen. Auch der Frau und dem Kind neben mir bot ich davon an, doch sie lehnten ab. Vermutlich ärgerte sich die Frau noch immer über mich.

Am wichtigsten ist natürlich, dass man seine Fresslust beherrscht. Du sollst nicht essen, so einfach lautet das Gebot. Mit dem Essen ist es aber wie mit einem weggeworfenen Kaugummi, auf das man an einem heißen Sommertag tritt. Das tut man besser nicht, und wenn doch, dann muss man hinnehmen, dass sich die Sache zieht. Wenn ich auf Diät bin, ist es noch schlimmer, denn für jeden ohne Essen verbrachten Augenblick räche ich mich fürchterlich. An einem solchen Diättag habe ich einmal derart viel in mich hineingestopft, dass mein Bauch aufgeschwollen ist wie eine Trommel und mir in meiner Not schließlich nichts übrig blieb, als mir den Magen auspumpen zu lassen.

»Wann essen Sie denn so?«, fragte mich der Arzt.

»Wenn ich Hunger habe«, erwiderte ich und konnte dabei ein Zittern in der Stimme nicht unterdrücken. Was stellte der sich denn vor? Natürlich esse ich, wenn ich Hunger habe, wie jeder andere auch. Ich habe nur furchtbar oft Hunger. Ich bekomme Hunger, wenn ich einem Nervenzusammenbruch nahe bin, und wenn ich mich wieder beruhige; wenn ich mir einen langweiligen Film ansehe, und wenn ich aus einem schönen Film herauskomme; wenn ich mir an einem sonnigen Tag genüsslich die Knochen aufwärme, und wenn ich wieder mal die Hitze nicht aushalte; wenn ich mir über alles Mögliche Sorgen mache, und wenn ich einsehe, dass diese Sorgen völlig unberechtigt sind; wenn ich aufwache, und wenn ich nicht einschlafen kann; wenn ich mir gerade leisten kann, zu essen, was ich nur will, und wenn ich nicht weiß, wie ich den Monat herumkriegen soll; wenn ich in der Badewanne sitze und alle Unreinheiten loswerde, und wenn mir schon egal ist, dass ich nach Schweiß rieche; wenn ich aus dem Haus muss, obwohl ich gar nicht will, und wenn ich auf dem Heimweg bin; wenn ich an einem Lokal vorbeikomme, und wenn ich einen Umweg mache, um gerade nicht an dem Lokal vorbeizukommen; wenn ich den ganzen Tag mit anderen Leuten zusammen bin, und wenn ich am Abend endlich allein sein kann; wenn ich versuche, nicht viel zu essen, und wenn es eh schon egal ist, weil ich ja doch zu viel esse … Kurz gesagt, esse ich, wenn ich Hunger bekomme, und nur dann.

Und danach kotze ich alles wieder heraus.

Stellen wir uns eine Torte vor, so eine richtig pompöse, an der der Konditor ewig gearbeitet hat: seitlich Karamellüberzug, hauchdünn geraspelte Schokolade drauf, kandierte Kastanien, gelbliche Sahnehäubchen, buntes Konfekt und auf dem Ganzen Puderzucker wie frisch gefallener Schnee … Wenn davon großzügige, schön regelmäßige Stücke abgeschnitten werden, erkennt man, dass die Torte innen genauso herrlich aussieht wie von außen. Ein Bauwerk, das aufsteigt, als wollte es den Himmel herausfordern. Eine Schicht Biskuit, eine Schicht Schlagsahne, eine Schicht Biskuit, eine Schicht Schlagsahne, und zwischen den Schichten knusprige Striche aus kandierten Kastanien und Kirschmasse. Leckerer geht es nicht. Keinen einzigen Krümel lasse ich davon übrig.

Wenn der letzte Bissen unten ist, zähle ich innerlich bis drei. Dann suche ich die Toilette auf und weiß genau, was mich erwartet. Ich stecke den Finger in den Mund und starre das Toilettenloch an. Schon bald schwappt von weit unten die Wehklage meines Magens herauf. Ich ziehe den Finger heraus und lasse dem Echo freien Lauf. Was ich gerade eben noch in schillernder Buntheit zu mir genommen habe, quillt nun als dunkler Brei aus mir heraus.

Mich ekelt dabei nicht. Selbst wenn ich würgend in einer verdreckten Konditoreitoilette kauere, verspüre ich nicht den geringsten Ekel. Jenseits der Toilettentür warten auf mich flüsternde Liebespaare, hektisch vorbeieilende Kellner, glänzende Schaufenster, herrlich duftende Böreks, liebevolle Dekorationen, aus den Lautsprechern dröhnende Musik, ausgebleichte Tischdecken voller Zigarettenlöcher und Wandkalender mit Bildern von Desserts, eins verführerischer als das andere. Und kein Mensch sieht, was ich gerade tue. Ich weiß auch, dass gleich danach, wenn ich wieder herauskomme, mich an meinen Tisch setze und wieder einen Tee, ja eventuell sogar ein zweites Stück Torte bestelle, meine Augen von dem unschönen Geheimnis nichts verraten werden. Ich kotze mich also in aller Ruhe aus. Bald füllt sich mein Mund mit bitterem Speichel, aber darauf falle ich nicht herein. Es gibt Essensreste, die diesen Speichel hochschicken, um damit den Eindruck zu erwecken, mein Magen habe sich schon vollständig geleert. So kommen sie mir aber nicht davon. Ich mache sie gnadenlos ausfindig und hole sie aus ihren Löchern heraus.

So viel Mühe ich mir aber auch gebe, kotze ich doch immer ein bisschen weniger, als ich zuvor gegessen habe. Immer bleibt etwas zurück, ganz tief in mir drinnen. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, als hielten sich gerade die kalorienreichsten Tortenteile am allerhartnäckigsten und lachten hämisch zu mir herauf. Mit Gewalt ist da nichts zu wollen, außer Speichel kommt irgendwann nichts mehr hoch. Dann ziehe ich die Spülung, Wasser strömt herbei, und die Tortenreste strudeln schreiend davon. Sobald ich alles gesäubert und mir den Mund ausgespült habe, freue ich mich schon wieder aufs Essen. Da mag es in der Kehle kratzen, im Magen rumoren und auch ein wenig Reue aufblitzen, doch im Grunde fühle ich mich gut. Vielleicht einfach nur wegen dieser Macht, wieder und wieder etwas kaputt machen zu können. Mag ja sein, dass einen mit der Zeit nicht mehr eine harmonisch aufgebaute Torte an sich reizt, sondern vielmehr der schlammbraune Trümmerhaufen danach. Über der Torte als solcher, so schön sie auch sein mag, steht der Genuss, als einziger Mensch ihrer Zerstörung beizuwohnen. Der kümmerliche Reiz, mit anzusehen, dass ein Gebilde von blendender Schönheit derart verkommt, nur weil es aus mir herausgejagt wurde.

Sobald ich gekotzt habe, bekomme ich einen Bärenhunger.

»Oho«, sagt der Kellner überfreundlich lächelnd, als er meine Bestellung aufnimmt. Dazu muss man sagen, dass ich mir wieder ein Stück Torte genehmige. Eine andere diesmal. Außen knusprige weiße Schokoladenblätter, die Oberseite mit Kiwi-, Pfirsich- und Erdbeerscheiben verziert, das Ganze lackiert mit einem zartrosa Geleeüberzug, und nachdem der Konditor den ganzen Rand mit einer auf und ab wandernden Linie aus Buttercreme versehen hat, waren die Gäule völlig mit ihm durchgegangen und er hat überall Haselnusskrokant angebracht, wo dies nur irgend möglich gewesen war. Ein Fest fürs Auge und äußerst appetitanregend. Als mir der Kellner das Stück serviert, bleibt er neben mir stehen. Ich weiß auch nicht, warum, aber manche Leute sehen Dicken gern beim Essen zu. Verzehrt man hintereinander zwei so riesige Tortenstücke, ist man wohl eine Erklärung schuldig, und so sage ich, dass ich am nächsten Tag eine Diät anfange. »Dann dürfen Sie ja heute noch tüchtig zulangen«, versetzt der Kellner grinsend. Da ich schon wieder den Mund voll habe, nicke ich nur zustimmend, lächle aber auch. Der Kellner geht, ich esse meinen Teller leer, und wieder bleibt kein Krümelchen übrig.

Danach zähle ich bis drei.

Endlich war unser Fahrer zu dem Schluss gekommen, es sei keine Scheibe mehr zu putzen und kein Spiegel mehr zu polieren, und er gesellte sich zu uns. Sobald er den Anlasser betätigte, ging überall das Kramen nach Kleingeld los. Bei mir nicht, denn wenn ich schon doppelt bezahlte, konnte mir der Fahrer ruhig herausgeben. Während wir vom Dieselmotor schon durchgerüttelt wurden, klatschten Regentropfen an die Scheiben. Irgendwo blitzte es. Wir waren bereit. Es donnerte. Los jetzt. Vorne saß der junge Mann, hinter dem Fahrer ich und die Frau mit dem Kind, die sich mit ihrem Seufzen und Tütenrascheln nun zurückhielt. Auf den vier Sitzen hinter uns saßen zwei Hausfrauen mittleren Alters, die seit ihrer Ankunft unentwegt erörtert hatten, aus welchen Gründen es mit irgendwelchen gemeinsamen Bekannten von ihnen finanziell ständig bergab ging, daneben ein nervöser Immobilienmakler im gediegenen Anzug, der ständig irgendwo anrief und Anweisungen erteilte und uns damit über seinen Beruf nicht im Ungewissen ließ, und schließlich am Fenster ein scheu dreinblickender Mann, dessen Parfümierung darauf verwies, dass er zu einem wichtigen Termin unterwegs war.

So saßen wir da. Bis auf einmal noch jemand zu uns stieß.

Gerade als der Fahrer ausparkte, wurde die Tür aufgerissen, und ein junges Mädchen, der Schuluniform nach zu urteilen eine Gymnasiastin, schneite mit bereits nassen Lockenhaaren zu uns herein. Auf geradezu unerklärliche Weise schien der Fahrer davon gute drei Minuten lang nichts mitzubekommen. Dann, kurz bevor er in die Hauptstraße abbog, bremste er auf einmal scharf, drehte sich um und sagte, das Taxi sei voll. Da fühlte ich mich plötzlich ganz schlecht. Noch dazu wurde ausgerechnet jetzt der Regen stärker. Ich war schuld daran, dass eine Gymnasiastin bei diesem Mistwetter zurück auf die Straße musste, denn ich saß gewissermaßen auf ihrem Platz. Meine Wangen wurden feuerrot, und die gerösteten Kichererbsen sahen mich aus der Tüte heraus vorwurfsvoll an.

Es mag absurd wirken, in so einem Moment ans Essen zu denken, aber ich bekam auf der Stelle Hunger, und zwar auf eins dieser nebeneinander auf einem Spieß brutzelnden Hühnchen, von denen das Fett so herabtropft. Wenn ich Hunger kriege, weiß ich immer gleich, worauf, als würde der Hunger nicht von mir ausgehen, sondern vom Essen. Nun also war dies ein knusprig gegrilltes Hühnchen mit Fritten, ein wenig Senf und ordentlich Essiggemüse. Während mir das noch so vorschwebte, erfasste die Gymnasiastin mit schnellem Blick die Situation und quetschte sich überraschend behänd zwischen mich und die Frau mit dem Kind.

»Kein Problem! Hier passe ich wunderbar rein!«

Reinpassen? Wunderbar? Wahrscheinlich hing sie mit einer Pobacke in der Luft. Aber sie war nun mal vom Typus gute Fee. Mit dem Pulloverärmel wischte sie sich die Haare trocken und wirkte zufrieden. Dem Fahrer war es anscheinend auch recht, denn er protestierte nicht. Mich aber trieb sofort eine Frage um: Wo ich doch den doppelten Fahrpreis entrichtet hatte, musste das Mädchen da auch noch zahlen? Eine innere Stimme drängte mich zum Eingreifen. Wann hatte ich schon Gelegenheit, darauf aufmerksam zu machen, dass ich mich irgendwo zwischen anderthalb und zwei bewegte. Ich würde für eineinhalb Personen bezahlen, und das Mädchen für eine halbe. Während ich noch an einem Satz feilte, um diesen Vorschlag am besten zur Geltung zu bringen, trat auf den Fußgängerüberweg vor uns ein blinder Mann mit einer Schar Katzen hinterdrein, und der Fahrer hupte wie verrückt. Da ließ ich es.

Wir kamen im Stau nur langsam voran, und jeder glitt allmählich in seine eigene Welt ab. Die Stimmen wurden leiser, die Farben blasser. Am Nachmittag war ich in das Sammeltaxi eingestiegen, mittlerweile musste es Abend sein. Der Verkehr schleppte sich, das Radio bekam ich nur fetzenweise mit, hinter mir flüsterten die Hausfrauen, Leuchtreklamen blinkten herein, der Regen klopfte an die Scheiben, und alles plätscherte so dahin, dass ich wieder müde wurde. Ich wollte aber nicht schlafen, sondern mitbekommen, was draußen und drinnen vor sich ging. Während ich mit den Augenlidern kämpfte, schäkerte die Gymnasiastin neben mir mit dem kleinen Mädchen. Dessen Mutter sah sich das eine Weile lächelnd an, dann fing sie an zu klagen: »Was ich mit der Göre alles mitmache!« Sie wandte sich kurz mir zu, doch musste ich ein furchtbar finsteres Gesicht aufgesetzt haben, denn sie verzichtete darauf, mich in das Gespräch mit einzubeziehen.

Von einer dicken Frau wie mir wird irgendwie erwartet, dass ich mit Kindern gut umgehen kann. Das passiert mir so oft, dass ich mich daran schon gewöhnt habe. Frauen wie mir vertrauen Mütter bedenkenlos ihre Kinder an. Ich selbst bin mir dagegen gar nicht sicher, ob ich mich mit Kindern gut verstehe. Wie gesagt macht das Dicksein mich eher gereizt. Und wenn ich so recht überlege, kenne ich eigentlich keine dicke Frau, die auf Kinder so besonders aus wäre. Na ja, eine Dickere als mich selbst habe ich auch noch nicht kennengelernt. Nur ganz, ganz früher mal, da war eine, die hatte so dicke, unförmige Füße, dass sie in keine Schuhe hineinpasste und sommers wie winters in Pantoffeln herumlief. Über ihre Beine liefen Krampfadern in allen möglichen Violetttönen. Vielleicht kam sie mir nur so dick vor, weil ich selbst damals noch klein war. Kinder jedenfalls mochte die auch nicht, und nicht bloß keine Kinder, niemanden. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie ein einziges Mal gelächelt hätte. Wer weiß, vielleicht war sie auch gereizt vom Dicksein.