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Ein Mädchen, das eine unheimliche Begegnung im Wald erlebt, ein Auszubildender, der von Dämonen verführt wird, eine hilflos ausgelieferte junge Dame und ein Arzt mit fragwürdigen Behandlungsmethoden. Das Grauen lauert überall und kann jeden erwischen. In sieben entfernt auf Grimms Märchen beruhenden Episoden schildert dieses Buch, wo und wie das Grauen zuschlagen kann. Ein gruseliges Vergnügen für mutige Leser. Egal, ob im Winter in eine kuschelige Decke gewickelt oder in lauen Sommernächten am Lagerfeuer: Mit diesen Schauermärchen kommt Atmosphäre auf.
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Seitenzahl: 72
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Sei dies Wort das Trennungszeichen!
Vogel, Dämon, Du musst weichen!
Fleuch zurück zum Sturmesgrauen,
oder zum pluton’schen Heer!
Keine Feder lass zurücke
mir als Zeichen Deiner Tücke;
Lass allein mich dem Geschicke
wage nie Dich wieder her!
Fort und lass mein Herz in Frieden,
das gepeinigt Du so sehr!
Sprach der Rabe: »Nimmermehr!«
Edgar Allen Poe
Das Mädchen im Turmzimmer
Begegnung an der Haltestelle
Im roten Schnee
Die Hütte im Wald
Ausgeliefert I
Ausgeliefert II
Die Jagd beginnt
Hand in Hand
Es war noch dunkel, als er an diesem Januarmorgen das Haus in Richtung Schule verließ. Sein Weg führte ihn am Friedhof und an der kleinen Kapelle, dann an dem verlassenen Krankenhaus vorbei. Im Stillen verfluchte er jeden Morgen seine Eltern für ihren Geiz, als sie damals dieses Haus gekauft hatten – groß und geräumig, aber dafür sehr günstig wegen der Lage am Stadtrand direkt neben dem Friedhof.
Wie jeden Morgen trabte er an dem Krankenhaus vorbei, das sich bedrohlich in den dunklen Himmel erhob. Die Wände großflächig bewachsen und mit Graffiti beschmiert, die Fenster teilweise zerbrochen, das Gelände umgeben von einem altersgezeichneten Zaun. An den Wochenenden wurde hier oft eingebrochen und randaliert. Unter den Kids im Dorf war es eine Art Mode geworden, hier einzusteigen und das Gemäuer zu verwüsten.
Sein Blick blieb am oberen Ende der Fassade hängen. In der obersten Etage, direkt unter dem Dach, im Turmzimmer, wie er es in Gedanken nannte, brannte Licht.
Seit das Krankenhaus vor über zehn Jahren geschlossen wurde hatte hier kein Licht mehr gebrannt. Er dachte eigentlich, dass das Gebäude gar nicht mehr an das Stromnetz angeschlossen wäre. Aber an diesem Januarmorgen brannte da oben unter dem Dach eindeutig eine Lampe. Den Blick wie gefesselt auf das Fenster gerichtet, war er nun sogar stehen geblieben. Noch während er erstaunt hinaufsah, erschien eine Gestalt am Fenster:
Ein Mädchen mit langen blonden Haaren, die sie im Schein der Lampe bürstete.
Er schaute auf die Uhr. In zehn Minuten kam der Schulbus, sieben brauchte er noch bis zur Haltestelle. Fehlstunden konnte er sich nicht leisten, also riss er seinen Blick von der Blondine im Fenster los und eilte zur Haltestelle.
Die Dämmerung war bereits hereingebrochen, als er aus der Schule zurückkehrte. Den ganzen Tag hatte ihn das Mädchen aus dem Turmzimmer in seinen Gedanken verfolgt. Jetzt, als das alte Krankenhaus wieder in sein Blickfeld kam, begann sein Herz zu klopfen. Fragen wirbelten ihm durch den Kopf. Fragen, die ihn schon den ganzen Tag beschäftigten: Hatte er sich heute Morgen nur eingebildet, jemanden gesehen zu haben? Wenn nicht, war sie dann vielleicht immer noch da? Wer war sie? Was machte sie morgens in einem verlassenen Krankenhaus?
Das Zimmer konnte er erst sehen, nachdem er an dem Gebäude bereits vorbeigegangen war. Absichtlich ging er noch einige Meter weiter, bevor er sich umdrehte und den Blick hob.
Nichts. Kein Licht, kein Mädchen, kein Haarebürsten.
Halb enttäuscht, halb erleichtert wendete er sich ab und ging weiter. Auf Höhe der efeubewachsenen Friedhofskapelle drehte er sich noch einmal um. In der Bewegung eingefroren, das Herz einen Schlag aussetzend, starrte er auf das Fenster. Im schwachen Licht der in die Jahre gekommenen Zimmerbeleuchtung kämmte sich ein Mädchen, nicht älter als er selbst, die langen blonden Haare.
Unüberhörbar knurrte sein Magen. Hunger. Egal! Schon war er am Zaun, schon hatte er seine Schultasche hinüber geworfen, schon war er selbst hinaufgeklettert.
Der Sprung vom Zaun wurde durch das seit Jahren nicht mehr gemähte feuchte Gras und Moos auf der anderen Seite gefedert. Mit wenigen Schritten war er bei seiner Schultasche und hatte sie sich wieder über die Schulter geworfen. Noch einige Schritte weiter und er gelangte auf einen schmalen Pflastersteinweg, der, wie er wusste, zum Haupteingang führte. Zwischen den Steinen wucherten Unkraut und Gräser, die seine Schuhe streiften. Von dieser Seite der Klinik aus konnte er das erleuchtete Fenster nicht sehen. Als er die Stufen zum Portal erreichte, hoffte er inständig, dass sie noch da war, wenn er das Zimmer erreichte.
Das letzte Mal hatte er dieses Gebäude vor vier Jahren für eine Mutprobe betreten. Schon damals hatte die Tür gefehlt. Der Eingang war lediglich durch eine halb durchgebrochene Holzplatte versperrt, die sich mühelos überwinden ließ.
Einen Moment lang mussten sich seine Augen an die Dunkelheit im Inneren des Gebäudes gewöhnen, dann wurden die Umrisse deutlicher und schließlich zeichnete sich das Bild des Verfalls deutlich vor seinen Augen ab.
Die einst weiß gestrichenen Wände waren angegraut, auf dem gefliesten Boden lag eine Schicht aus Staub und Dreck und ein modriger Geruch setzte sich in seiner Nase fest.
Menschenleer lag der Flur vor ihm. Ganz am Ende, das wusste er, befand sich die Treppe, die ihn zum Turmzimmer bringen würde.
Langsam setzte er sich in Bewegung. Seine Schritte hallten, obwohl er sich so leise er konnte bewegte, laut von den kahlen Wänden wieder. Viele der Türen, die links und rechts des Korridors abgingen fehlten ganz oder waren aus den Angeln gebrochen worden.
Vorsichtig sah er in jeden unversperrten Raum, den er passierte, um nicht unangenehm überrascht zu werden. Niemand war zu sehen. Niemand außer ihm schien in dem Gebäude zu sein. Niemand außer ihm und dem Mädchen mit dem blonden Haar.
Er erreichte das Treppenhaus. Dachte er, der Flur würde den Verfall und die Zerstörung des Gebäudes wiederspiegeln, so musste er sich jetzt einen gewaltigen Irrtum eingestehen. Das gusseiserne Treppengeländer war an allen Ecken verbogen, manche Streben waren gewaltsam herausgebrochen worden. An die Wände waren Graffitis mit wüsten Beleidigungen gesprüht worden und die marmornen Stufen der Treppe waren teilweise stark beschädigt. Vermutlich hatten die Vandalen, die die Streben aus dem Geländer gebrochen hatten, diese genutzt, um auf die Stufen einzuschlagen, bis große Kanten aus diesen herausgebrochen waren. Manche dieser Brocken lagen noch auf der stellenweise moosbewachsenen Treppe und komplementierten das Bild von Chaos und Zerstörung. Zu dem Moder gesellte sich nun auch noch ein penetranter Uringeruch.
Vorsichtig, auf jeden Schritt achtend, erklomm er Stufe für Stufe. Auf Höhe der ersten Etage ließ der Uringeruch langsam nach. Er blickte kurz den verlassenen Flur entlang, verließ das Treppenhaus jedoch nicht, sondern setzte seinen Anstieg fort. Zweite Etage, dritte Etage.
Noch wenige Stufen, dann würde er die vierte und letzte Etage erreichen. Die Etage, an deren Ende das von ihm so genannte Turmzimmer lag.
Er nahm die letzte Stufe und stand am Ende eines weiteren ausgestorbenen Korridors. So weit oben war er auch auf früheren Streifzügen durch das Haus nie gewesen. Inzwischen war die hereingebrochene Dämmerung einer finsteren Nacht gewichen.
Erneut knurrte sein Magen, während der Flur dunkel und bedrohlich vor ihm lag. Er machte einen Schritt nach vorne. Sofort erfüllte ein lange wiederhallendes Klirren das Gebäude. Ein angestrengter Blick auf den Boden zeigte ihm die Strebe des Treppengeländers, hinter die er soeben getreten hatte. Sein Blick richtete sich wieder nach vorne, doch da war immer noch nur der leere Flur, dessen Ende sich in der Dunkelheit verlor. Er schluckte einmal schwer, dann schritt er weiter mutig voran. Weiter ins Dunkel, weiter ins Ungewisse.
Wieder ein Klirren. Dieses Mal hatte es einen gläsernen Klang – scheinbar eine Flasche, die nächtliche Besucher zurückgelassen hatten. Erneut hielt er inne und blickte angespannt nach vorne und erneut war nichts als die grauen Umrisse des Korridors zu erkennen. Kein Licht am Ende des Flurs, nicht einmal ein unter der Tür durchdringender Schimmer.
Er begann zu zweifeln. War sie noch da? War sie überhaupt jemals da gewesen?
Er war schon so weit gegangen, jetzt wollte er es auch wissen. Also weiter. Das Ende des Ganges erhob sich aus der drückenden Dunkelheit. Noch drei Türen, dann war er da.
Hier oben hatte die Zeit noch nicht so deutliche Spuren hinterlassen, wie am Rest des Hauses. Alle Türen hingen hier noch in den Angeln. Und ausnahmslos alle waren geschlossen.
Noch zwei Türen. Sein Herz hämmerte gegen seine Rippen. Warum war er eigentlich so aufgeregt? Sie war doch auch nur ein Mädchen. Ein Mädchen, das sich in einem verlassenen Krankenhaus zu merkwürdigen Uhrzeiten die Haare bürstete, aber ansonsten ein normales Mädchen. Oder nicht?
Noch eine Tür. Langsam kamen ihm erhebliche Zweifel. Warum sollte ein normales Mädchen sich hier so lange herumtreiben? Was, wenn sie gefährlich war? Wenn sie ihn gezielt hergelockt hatte?
