Schamlos - Sebastian H. Tofall - E-Book

Schamlos E-Book

Sebastian H. Tofall

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Beschreibung

"Schamlos" ist die Geschichte der drei Freunde Andreas, Philipp und Thomas. Mit ihrem frisch bestandenen Abitur in der Tasche fliegen sie für eine Woche nach Mallorca. Da den dreien der erste Urlaub ohne Eltern aber noch nicht genug ist, beschließen sie, sich gegenseitig Aufgaben im Stil eines Mutprobenwettbewerbs zu stellen. Der Verlierer soll den Urlaub bezahlen. Für alle. Klar, dass da keiner verlieren will. So manövrieren sie sich gegenseitig mit flotten Sprüchen und einer Menge Kreativität immer weiter ins Chaos. Als sie dann noch eine Gruppe sympathischer junger Damen kennen lernen, ist das Durcheinander perfekt ... S.H. Tofall erzählt mit viel Wortwitz und Situationskomik eine unterhaltsame Geschichte rund um die Themen Freundschaft, Liebe, das erste Mal und das Erwachsenwerden. Immer mit dabei sind schräge Randgestalten und der über allem stehende Wettbewerb der drei Protagonisten. Gerade dieser führt die Jungs oftmals in Situationen, die ihnen sehr unangenehm sind, dem unbeteiligten Leser jedoch schadenfreudiges Vergnügen bereiten.

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Seitenzahl: 257

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Die folgende Geschichte sowie alle handelnden Personen und Ereignisse sind frei erfunden und beruhen nicht auf tatsächlichen Begebenheiten oder Personen.

Die hier abgedruckte Geschichte darf weder ganz noch in Teilen ohne die ausdrückliche Genehmigung durch den Rechteinhaber des Werkes, Sebastian H. Tofall, ab- oder nachgedruckt werden.

Für alle, die dabei waren.

Also für Dominik, Fabian, Hendrik,

Rebekka und Lars

und die Gütersloher,

aber vor allem

für 15.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Guten Flug

Club Dolce Vita

Der erste Abend

Unangenehmes Erwachen

Erwischt

Pommes mit Senf

Männerabend

Das LAURENZ-Spiel

Partynacht

Wettkampfstimmung

Mallorca sucht den Superstar

Ruhetag

Spieleabend

Wahrheit oder Pflicht

Badespaß

Ruhiger Abend

Abschied

Die letzte Aufgabe

Wiedersehen macht Freude

Prolog

Ein Jahr zuvor:

Thomas, Andreas und Philipp saßen im Freibad ihrer kleinen Stadt auf ihren Handtüchern, die sie nebeneinander auf der großen Liegewiese hinter dem Schwimmbecken ausgebreitet hatten, und genossen den ersten wirklich warmen Sommertag des Jahres. Es war ein Dienstagvormittag Anfang Juni und sie hatten schulfrei, da an ihrem Gymnasium gerade mündliche Abiturprüfungen abgehalten wurden.

Die Uhr am Eingang des Freibads zeigte 9:50 Uhr an. Außer einigen Rentnern, die unter der Aufsicht eines wachsamen Bademeisters ihre allmorgendlichen Bahnen im Becken zogen, waren nur wenige vereinzelte Schüler, die an diesem Tag ebenfalls schulfrei bekommen hatten, im Schwimmbad. Die meisten lagen, so wie Andreas, Thomas und Philipp auch, faul auf ihren Handtüchern und genossen die morgendlichen Sonnenstrahlen, die bereits jetzt für Temperaturen von über zwanzig Grad sorgten.

Nur einige jüngere Kinder tummelten sich schon im Nichtschwimmerbecken und veranstalteten dort unter lautem Johlen und Quieken eine turbulente Wasserschlacht.

Andreas, der gedankenverloren das Treiben im Nichtschwimmerbecken beobachtete, sagte zu seinen Freunden: »Wisst ihr was? In genau einem Jahr haben auch wir unser Abitur. Ich finde, das sollten wir feiern, indem wir danach gemeinsam in den Urlaub fliegen.«

Thomas, auf seinem Handtuch links neben Andreas sitzend, nickte zustimmend, ergänzte aber nach kurzem Überlegen: »Aber ein einfacher Urlaub ist langweilig. Wir sollten dem ganzen irgendwie noch einen gewissen Reiz geben.«

»Was genau schwebt dir denn da vor?«, hakte Philipp, auf der anderen Seite neben Andreas sitzend, nach, während er mit seinem Blick einer besonders langsam im Schwimmbecken treibenden Rentnerin folgte. Thomas zuckte mit den Achseln: »Keine Ahnung. Andreas, hast du eine Idee?«

Erwartungsvoll blickte er zu dem Gefragten hinüber, der sich grübelnd am Kopf kratzte.

»Wie wäre es mit einer Art Mutprobenwettbewerb. Wir stellen uns gegenseitig Aufgaben, die erledigt werden müssen«, antwortete Andreas schließlich nachdenklich.

Thomas gab zunächst ein zustimmendes Brummen von sich, fragte dann jedoch: »Aber wie willst du gewährleisten, dass die Aufgaben erfüllt werden und wir nicht direkt sagen, dass wir keinen Bock haben?«

Andreas spann den Faden weiter: »Wir geben einen Anreiz, die Aufgaben zu erfüllen.«

Jetzt war es Philipp, der Andreas kritisch ansah. Als dieser jedoch keine Anstalten machte, seine Idee weiter zu erläutern, erkundigte Philipp sich mit leicht gereiztem Tonfall: »Und was schwebt dir da so vor? Was willst du uns für einen Anreiz geben, nicht zu kneifen?«

Andreas grinste breit: »Derjenige, der als erstes eine Mutprobe nicht besteht, muss den gesamten Urlaub bezahlen. Von uns allen.«

Thomas und Philipp warfen sich an Andreas vorbei einen Blick zu, der sagte, dass sie beide dachten, er sei verrückt geworden. Doch dann wurde Philipp nachdenklich. Schließlich stimmte er der Idee zu: »Ich denke, das könnte in der Tat lustig werden. Ich bin dabei. Aber damit es fair bleibt, sollten wir eine Reihenfolge festlegen, in der die Aufgaben gestellt werden, sodass klar ist, dass wir alle gleich oft dran waren.«

Thomas zögerte deutlich länger, schloss sich jedoch, nachdem er noch einige Male schwer geschluckt hatte, ebenfalls der Idee an.

Philipp erhob sich von seinem Handtuch und stellte fest: »Dann haben wir jetzt genau ein Jahr Zeit, um uns zu überlegen, wie wir die anderen zum Aufgeben bringen wollen.«

Er drehte seinen beiden Freunden den Rücken zu und lief über die Wiese hinunter zum Schwimmbecken. Beim Hineinspringen bespritzte er mehrere Senioren mit Wasser, die zunächst nur missbilligend die Köpfe schüttelten und, als Andreas und Thomas Philipp folgten und sie erneut bespritzten, anfingen, lauthals über die verzogene Jugend von heute zu schimpfen.

Guten Flug

Der schon etwas ältere, silberne Kleinwagen rollte an einem verregneten Mittwoch um kurz nach fünf Uhr morgens am Hauptterminal des Flughafens vorbei. Vor genau einer Woche hatten die drei Freunde ihre Schullaufbahn mit den mündlichen Abiturprüfungen beendet und waren jetzt auf dem Weg in den ihrer Meinung nach wohlverdienten Urlaub.

Andreas, der auf dem Beifahrersitz saß, hatte kurze helle Haare und ein Gesicht mit teilweise recht groben Zügen. Seine Nase wirkte viel zu groß für den Rest seines Kopfes und ließ die von dicken Augenbrauen umrahmten braunen Augen winzig wirken. Dafür hatte er aber ein freundliches Lächeln, das von einem Ohr zum anderen reichte.

Hinter ihm saß Philipp. Er war etwa 1,80 Meter groß, schlank und trug eine Frisur aus mittellangen dunkelbraunen Haaren, die er mittels Haargel zu einer schneidigen Igelfrisur hochgestylt hatte. Er hatte eine flache Stirn, die in zwei sehr dünnen Augenbrauen endete. Die darunter liegenden, haselnussbraunen Augen strahlten eine gewisse Wärme aus. Abgeschlossen wurde das Gesicht von einem Mund mit schmalen Lippen und einem ebenso schmalen Kinn.

Auf der anderen Seite der Rückbank des Wagens hatte es sich Thomas bequem gemacht. Er hatte kurze schwarze Haare, war aber kleiner, als seine beiden Freunde und hatte im Gegensatz zu diesen auch einen leichten Bauchansatz. Sein Gesicht mit den grünen Augen und einer auffallend spitzen Nase war bereits vor dem Urlaub braun gebrannt und fiel durch ein sehr eckiges Kinn auf.

Alle drei trugen, dem eisigen Regenwetter zum Trotz, bereits jetzt Sonnenbrillen, kurze Hosen und T-Shirts.

Andreas’ Mutter, die den Wagen fuhr, hielt nun vor dem Haupteingang des Regionalflughafens an. Sie blickte die drei Jungs der Reihe nach an und sagte: »Ich weiß, ihr fliegt an den Ballermann und wollt euer Abitur feiern, aber bitte übertreibt es nicht. Passt gut auf euch auf, macht keine Dummheiten, trinkt nicht zu viel und kommt gesund zurück.«

Die Jungs brummten ein paar zustimmende Worte und verabschiedeten sich. Dann öffneten sie die Türen des Wagens, stiegen aus und holten ihr Gepäck aus dem Kofferraum.

»Bis in einer Woche dann«, rief Andreas seiner Mutter zu, als er die Autotür zuschlug.

»Warum hast du zwei Rucksäcke dabei?«, fragte er Thomas, als er sich vom Wagen zu den anderen umdrehte.

»Weil ich nicht alle Sachen in einen bekommen habe «, antwortete Thomas. Er streckte Andreas einen der beiden schwarzen Rucksäcke entgegen und sagte: »Hier, halt den mal eben, ich hole unsere Reiseunterlagen aus dem anderen.«

Andreas nahm ihm die Tasche ab und während Thomas anfing, in seinem anderen Rucksack zu kramen, gingen die drei in das Flughafengebäude und zogen ihre Koffer hinter sich her. In der kalten Morgenluft hatte sich auf ihren Armen bereits eine Gänsehaut ausgebreitet.

Im Flughafengebäude angekommen, drehte sich Andreas noch einmal zu dem Wagen um, den sie gerade verlassen hatten, und winkte seiner Mutter flüchtig zum Abschied.

Sie standen im rustikalen Eingangsbereich, der eine ganze Reihe kleinerer Reisebüros auf der Seite des Eingangs mit den Schaltern für die Gepäckaufgabe und den Sicherheitsschleusen auf der anderen Seite verband, ansonsten aber einer hohen Lagerhalle, deren Dach von mehreren stabilen Betonpfosten gehalten wurde, glich.

Zeitgleich mit dem Flug nach Mallorca sollten noch zwei weitere Maschinen nach Istanbul und Lanzarote abfliegen, sodass trotz der frühen Uhrzeit schon ein reges Treiben in der Halle herrschte.

Thomas hatte die Reiseunterlagen in seinem Rucksack gefunden und überreichte nun Philipp und Andreas ihre Flugtickets. Andreas steckte es, ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen, in die Hosentasche, während Philipp seins hochhielt und begutachtete. Schließlich ließ er es wieder sinken und verkündete feierlich: »Unser Urlaub gilt hiermit offiziell als angetreten. Lasset die Spiele beginnen…«

»Gut«, fiel ihm Thomas augenblicklich ins Wort, »dann stelle ich dir, Andreas, direkt mal die erste Aufgabe: Stell den Rucksack, den ich dir vorhin gegeben habe, da vorne an den Pfeiler und komm dann unauffällig zu uns zurück.«

Andreas sah Thomas ungläubig an: »Bist du bescheuert? Die verhaften mich doch sofort. Was soll ich denen denn sagen? ›Entschuldigen Sie bitte vielmals, wir hielten das für einen lustigen Streich‹? Wohl kaum!«

Thomas erwiderte boshaft lächelnd: »Du bezahlst also den Urlaub? Dann haben wir das ja schon mal geklärt. Sehr schön.«

Andreas sah ihn wütend an, dann setzte er sich mit energischen Schritten in Bewegung. Während er auf den Betonpfeiler, auf den Thomas bei der Formulierung der Aufgabe gezeigt hatte, zuging, schüttelte er den Rucksack. Das aus dem Inneren dringende Klappern hatte einen dumpfen, hohlen Ton.

Andreas blieb auf halben Weg zwischen seinen Freunden und dem Pfeiler stehen, nahm sein Handy aus der Tasche und schrieb seiner Mutter eine SMS mit dem Inhalt: »Du musst noch mal zurück kommen und den schwarzen Rucksack mitnehmen, der an dem Pfeiler links vom Eingang liegt. Ich erkläre es dir später. Und beeil dich bitte.«

Nachdem er sein Handy wieder in seiner Hosentasche hatte verschwinden lassen, ging er extra langsam weiter, blickte flehentlich gen Himmel und flüsterte leise: »Bitte, lass Mama die SMS lesen und zurück kommen, bevor es zu spät ist.«

Als er den Pfeiler schließlich erreicht hatte, stellte Andreas den Rucksack besonders umständlich ab und öffnete ihn aus Neugierde sogar.

In dem Rucksack befanden sich zwei Plastikboxen. Er nahm eine heraus und öffnete sie interessiert. In der Box waren einige kleine Steine, die dem Rucksack sein Gewicht verliehen.

Dort, wo Andreas sie zurück gelassen hatte, standen Thomas und Philipp beisammen und beobachteten ihn.

»Der lässt sich aber ganz schön Zeit«, sagte Thomas missbilligend zu Philipp, der zur Antwort mit den Schultern zuckte.

Als Andreas die herausgenommene Box zurückpacken wollte, rutschte hinter der anderen Box ein Buch hervor. Er zog es aus dem Rucksack und begutachtete es:

Es handelte sich um einen knapp einhundert Seiten umfassender Reiseführer mit dem Titel ›Mallorca – Urlaubsspaß für Groß und Klein‹. Andreas schüttelte den Kopf und steckte das Buch zurück in den Rucksack. Anschließend rückte er diesen noch einmal zurecht. Dann erhob er sich und trabte zu seinen Freunden zurück.

»Und jetzt?«, fragte er mürrisch in die Runde.

»Jetzt gehen wir unsere Koffer aufgeben«, antwortete Philipp mit deutlich hörbarer Vorfreude auf den kommenden Urlaub in der Stimme.

Die drei stellten sich am Ende der langen Schlange ungeduldig wartender Menschen an, die sich vor dem Gepäckabgabeschalter ihrer Fluggesellschaft bereits gebildet hatte. Während sie langsam in der Schlange weiter vorrückten, warfen alle drei in regelmäßigen Abständen verstohlene Blicke auf den herrenlosen Rucksack am Fuße des unscheinbaren Betonpfeilers links von ihnen. Mit plötzlich entsetztem Gesichtsausdruck machte Andreas die beiden anderen auf eine von der Decke des Gebäudes hängende Überwachungskamera aufmerksam, die direkt auf den Pfeiler gerichtet war.

Sein Auftritt war also auf jeden Fall vom Sicherheitspersonal beobachtet worden. Er schaute sich, nicht in der Lage, eine gewisse Furcht aus seinem Gesicht zu verbannen, um, ob man bereits auf dem Weg war, um ihn in Gewahrsam zu nehmen. Es waren jedoch weit und breit keine Polizisten oder anderen Sicherheitskräfte zu entdecken. Plötzlich fragte Thomas entrüstet: »Was soll das denn?«

Andreas schaute ihn zuerst fragend an, sah dann aber an ihm vorbei zu dem Pfeiler, an dem seine Mutter gerade den schwarzen Rucksack einsammelte. Er lachte leise, als er die Miene von Thomas bemerkte, die eine Mischung aus Verärgerung und Enttäuschung ausdrückte.

Die Freude von Andreas hielt jedoch nicht lange an, da sich nur wenige Augenblicke später eine Hand auf seine Schulter legte und eine tiefe Stimme hinter ihm freundlich, aber bestimmt, sagte: »Junger Mann, dürfte ich Sie wohl bitten, mich zu begleiten?«

Andreas drehte sich um und blickte direkt auf den Polizeistern der Uniform des Mannes, der ihn an der Schulter gepackt hatte. Panik blitzte in seinen Augen auf. Er sah hilfesuchend seine Freunde an. Als diese jedoch nur ratlos zurückblickten, ließ er den Blick niedergeschlagen zu Boden sinken und folgte dem Polizisten schließlich mit hängenden Schultern aus der Schlange der Wartenden, an den Terminals vorbei, durch das gesamte Gebäude bis hin zum Büro der Flughafenpolizei.

»Einer weniger«, stellte Thomas trocken fest.

Philipp merkte an: »Aber er hat seine Aufgabe ja bestanden.«

»Das ist richtig«, erwiderte Thomas, »aber er kann keine Aufgaben mehr stellen und das heißt, dass wir das jetzt unter uns ausmachen.«

»Ich hätte nicht gedacht, dass wir so weit gehen, dass einer von uns verhaftet wird« stellte Philipp mit einem leicht missbilligenden Blick auf Thomas fest.

Dieser antwortete entschuldigend: »Ich bin auch eigentlich davon ausgegangen, dass er es nicht machen würde und wir damit direkt geklärt hätten, wer am Ende für den Spaß blechen muss.«

Das Gespräch der beiden wurde durch die freundlich lächelnde Dame am Schalter beendet, die sie aufforderte, ihre Koffer auf die Waage zu stellen und die Flugtickets vorzulegen.

Nachdem sie ihre Koffer aufgegeben und sich in der Wartehalle des Flughafens niedergelassen hatten, um darauf zu warten, dass ihre Maschine bereit zum Boarding war, sagte Philipp: »Da Andreas jetzt damit dran wäre, mir eine Aufgabe zu stellen, aber leider nicht hier ist, bin ich jetzt wohl damit an der Reihe, dir eine Aufgabe zu stellen.«

Thomas nickte und sah ihn erwartungsvoll an.

»Gedulde dich noch etwas, Thommy, du bekommst deine Aufgabe schon noch früh genug.«

Mit einem Lächeln auf den Lippen lehnte sich Philipp entspannt zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und schlug die Beine übereinander.

Vor der großen Panoramascheibe der Wartehalle hatten sich einige Kinder versammelt, die fasziniert auf die an den Gates stehenden Flugzeuge herabblickten und sich gegenseitig auf immer neue spannende Details hinwiesen. Ein scheinbar besonders schwer von den Flugzeugen beeindruckter Junge zog seinen Vater am Arm herbei, um ihm die tollen Flugmaschinen zu zeigen. In der Sitzreihe direkt vor der Panoramascheibe veranstaltete währenddessen ein etwa drei Jahre altes Mädchen einen größeren Tumult, indem sie ihre gesamte Familie mit dem Inhalt einer Safttüte bespritzte und dabei vergnügt lachte.

Philipp und Thomas ließen sich von dem Chaos um sie herum nicht beeindrucken. Schweigend saßen die beiden nebeneinander, bis ihr Flug aufgerufen wurde. Sie erhoben sich und bahnten sich gelassen ihren Weg durch die Menschenmenge hin zur Warteschlange für ihren Flieger. Stück für Stück rückte die Schlange weiter vor und schließlich betraten Philipp und Thomas die Maschine. Sie hatten ihre Plätze in der Reihe fünfzehn. Thomas saß am Gang, Philipp daneben. Der Platz am Fenster war für Andreas reserviert und blieb frei.

Nachdem sie es sich in ihren Sitzen gemütlich gemacht hatten, reichte Philipp Thomas einen Zettel und sagte: »Wenn sich der Flieger gleich in Bewegung setzt, dann ließt du den Text hier laut vor.«

Dann zwinkerte er ihm verschmitzt zu und nahm das Board-magazin zur Hand.

Schließlich waren alle Plätze in der Maschine – bis auf den am Fenster neben Philipp – besetzt und der Flugzeugkapitän ließ die Triebwerke starten. Der Flieger bebte schon, als noch ein letzter Passagier in die Maschine stieg: Andreas.

Thomas hatte gerade den Text, den Philipp ihm gegeben hatte, gelesen und sagte zu diesem »Also ich persönlich finde diese Informationen sehr interessant, aber glaubst du nicht, dass unser näheres Umfeld hier eventuell etwas angespannt reagieren könnte?«, als er den Neuankömmling bemerkte.

Er stieß Philipp an und deutete mit einem Kopfnicken in Richtung der Kabinentür, durch die Andreas gerade getreten war. Philipp ließ das Boardmagazin sinken und blickte mit offenem Mund auf Andreas. Als dieser sich an den beiden anderen vorbei quetschte, um zu seinem Fensterplatz zu gelangen, erkundigte sich Philipp: »Wie hast du es geschafft, da wieder raus zu kommen?«

Noch bevor Andreas antworten konnte, warf Thomas ein: »Du weißt, dass das nichts Persönliches war? Ich hatte sowieso nicht damit gerechnet, dass du das durchziehen würdest.«

Andreas tat dies mit einer Handbewegung ab und antwortete Philipp: »Ich habe denen erklärt, dass ich erst hier im Flughafen das Schild gesehen habe, auf dem steht, dass man nur ein Handgepäckstück mitnehmen darf, sodass ich alles in einen Rucksack gequetscht habe und den anderen dort ablegte, damit meine Mutter ihn wieder mitnimmt. Ich hätte ihn ihr ja auch persönlich übergeben, aber, da ihr beiden euch unbedingt schon bei der Gepäckaufgabe anstellen wolltet, musste ich zu dieser Notlösung greifen.

Dann habe ich die netten Menschen von der Flughafenpolizei gebeten, sich das Video der Überwachungskamera anzuschauen, auf dem ja auch zu sehen war, wie meine Mutter den Rucksack nimmt und wieder geht. Es ging dann noch ein paar Minuten hin und her und sie haben mir erklärt, dass ich das nicht mehr machen soll und sie den Rucksack für gefährlich hielten und so weiter…«

Philipp stieß Thomas an und sagte: »Wir rollen. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, den Text vorzulesen. Und die Turbine da draußen macht so einen Lärm, dass ich mir nicht sicher bin, ob ich alles verstehe, wenn du so leise sprichst wie sonst.«

Thomas räusperte sich und fing mit erhobener Stimme an vorzulesen: »Du, Philipp, sag mal, wusstest du, dass in so einem Flugzeug sechsundzwanzigtausend Liter Kerosin sind? Wenn wir also aus den elftausend Metern Reiseflughöhe abstürzen sollten und das wider Erwarten überleben, dann würden wir bei lebendigem Leibe verbrennen, wenn das Flugzeug Feuer fängt. Und was auch interessant ist, ist, dass bei einer Notwasserung nur etwa drei Prozent der Fluggäste überleben, weil die meisten anderen es nicht aus dem Flugzeug schaffen oder im Wasser erfrieren, bevor ein Schiff da ist, dass sie an Bord nehmen könnte.«

Die Fluggäste auf den umliegenden Sitzplätzen begannen schon, ihn komisch anzusehen und untereinander zu tuscheln, als eine angespannt wirkende Stewardess vorbei kam und Thomas den Zettel aus der Hand riss. Mit den Worten »das können wir jetzt nicht gebrauchen« knüllte sie das Papier zusammen und steckte es in die Tasche ihres Blazers. Dann ging sie weiter den Gang entlang und setzte sich schließlich auf ihren Platz direkt hinter dem Cockpit.

Das Flugzeug erreichte seine Startposition auf dem Rollfeld und begann zu beschleunigen. Nachdem die Maschine abgehoben hatte, ergriff Andreas das Wort: »Ihr beiden habt mich ja jetzt übersprungen. Ich denke, es ist das Beste, wenn ich jetzt Philipp eine Aufgabe stelle und wir danach zur ursprünglichen Reihenfolge zurückkehren. Also, dass Philipp dir dann wieder eine Aufgabe stellt, denn ich denke, du hast dir mit der Aktion am Flughafen eine vorübergehende Auszeit verdient.«

Bei dem letzten Satz sah er Thomas eindringlich an. Dieser hatte bereits tief Luft geholt und den Mund geöffnet, um zu protestieren, sah dann aber ein, dass er es zu Beginn etwas übertrieben hatte und so nickte er nur und schloss seinen Mund wieder.

Dann fuhr Andreas fort: »Ich hatte mich allerdings auf harmlosere Sachen eingestellt, als eine Verhaftung zu riskieren. Ich denke, ich muss dann auf Malle noch mal kräftig nachrüsten. Aber vorerst darf ich dir das hier überreichen.«

Er gab Philipp ein Vampirgebiss aus Plastik, wie es kleine Kinder an Halloween verwenden.

»Deine Aufgabe, Philipp, wird es sein, dieses Gebiss zu tragen, bis wir gelandet sind und wenn die Stewardess nachher fragt, was du trinken willst, antwortest du ›Blut‹ «, erklärte Andreas die Aufgabenstellung.

Philipp nahm das Gebiss in Augenschein, dann nickte er. Er entnahm das Gebiss seiner Plastikverpackung und steckte es sich testweise in den Mund. Zu Andreas sagte er: »Es dürfte nur nachher schwierig werden, mit dem Teil im Mund das Brötchen zu essen, das uns später gereicht wird.«

Anschließend wandte er sich an Thomas: »Aber während wir auf die Verpflegung warten, kann ich dir schon mal deine nächste Aufgabe mitteilen: Du wirst der Stewardess, wenn sie das nächste Mal hier vorbei kommt, einen kräftigen Klaps auf den Arsch geben.«

Thomas sah den schelmisch grinsenden Philipp verdutzt an, dann erwiderte er: »Die kann mich wegen sexueller Belästigung anzeigen. Das willst du doch nicht, oder?«

Darauf antwortete Philipp mit hochgezogener Augenbraue: »Du hast riskiert, dass Andreas noch vor Reiseantritt verhaftet wird. Ich denke, du solltest der Letzte sein, der hier mit Grenzen argumentiert.«

»Na gut, aber ich finde es nicht in Ordnung, andere in die Sache mit hinein zu ziehen«, versuchte Thomas sich zu wehren. Jetzt mischte sich auch Andreas ein: »Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir, um einen Verlierer zu ermitteln, noch wesentlich härtere Geschütze auffahren müssen und dann wird es sich nicht umgehen lassen, andere mit einzubeziehen.«

Thomas nahm die Aufgabe an und die drei lehnten sich in ihren Sitzen zurück. Philipp hörte Musik von seinem MP3-Player, Thomas sah sich den im Flugzeug ausgestrahlten Film an und Andreas schaute auf die faszinierenden Wolkenformationen, die sich durch das Fenster erblicken ließen.

Als ein konstantes Klappern ankündigte, dass sich das Bordpersonal mit dem Speisewagen näherte, legten Thomas und Philipp ihre Kopfhörer beiseite und Andreas wünschte ihnen mit hämischem Grinsen viel Spaß bei der Erfüllung ihrer Aufgaben.

Der Wagen, der sich vom hinteren Teil des Flugzeugs näherte, wurde von zwei Stewardessen begleitet. Die erste ging vor dem Gefährt her, fragte, die Passagiere, was diese gerne essen und trinken würden, und reichte anschließend die bestellte Mahlzeit, bestehend aus einem eingepackten Sandwich mit wahlweise Wurst oder Käse als Belag. Ihre Kollegin, die den Wagen vor sich her schob, schenkte währenddessen die bestellten Getränke ein und reichte diese, sobald sie das Vehikel an der jeweiligen Sitzreihe vorbei geschoben hatte, den Reisenden.

Das Gespann erreichte Reihe fünfzehn und die vordere Stewardess – dieselbe, die Thomas bereits vor dem Abflug seinen Zettel abgenommen hatte – fragte die drei Jungs mit deutlich besserer Laune, als noch am Boden: »Möchtet ihr ein Sandwich mit Wurst oder lieber mit Käse?«

Alle drei entschieden sich für ein Sandwich mit Käse. Die Stewardess reichte die bestellten Mahlzeiten und erkundigte sich nach ihren Getränkewünschen. Andreas orderte zuerst: »Ich hätte gerne eine Cola.«

Dann bestellte Thomas: »Ich nehme einen Kaffee.«

Schließlich drehte sich Philipp zu der Stewardess um und knurrte, sein Vampirgebiss offenbarend, in einem düsteren Tonfall: »Blut!«

Die Stewardess ließ sich davon nicht beeindrucken und sagte ihrer Kollegin, sie solle eine Cola, einen Kaffee und einen Tomatensaft fertig machen. Ergänzend fragte sie bei Philipp nach: »Soll der Tomatensaft mit Tabasco und Pfeffer sein, oder lieber ohne?«

Philipp antwortete mit seiner düsteren Stimme und finsterem Blick: »Mit allem, bitte.«

Die Stewardess erkundigte sich bei den Fluggästen auf der anderen Seite des Gangs nach den Speise- und Getränkewünschen, dann zog sie den Wagen weiter. Die zweite Bedienung gab Thomas die Getränke an, der diese an seine Sitznachbarn weiterreichte.

Anschließend widmete sie sich der nächsten Reihe, während Thomas seinen Kaffee auf den Klapptisch stellte, der an dem vorderen Sitz hing, und mit seiner nun freien Hand ausholte. Er ließ seine Hand auf das Hinterteil der Stewardess klatschen, die erschrocken aufschrie und den Becher, den sie gerade mit Wasser füllte, umschmiss.

Als sie sich entrüstet zu ihm umdrehte, deutete Thomas, bemüht eine Unschuldsmiene aufzusetzen, mit dem Finger auf den älteren Herrn, der auf der anderen Seite der Sitzreihe den Platz am Gang hatte und sagte: »Er war’s.«

Die Stewardess ließ sich dadurch nicht beirren und gab Thomas eine saftige Ohrfeige. Dann schob sie den Wagen so weit nach vorne, dass sie außerhalb seiner Reichweite war, ehe sie sich wieder den anderen Passagieren widmete.

Thomas, der sich seine schmerzende Wange hielt, drehte sich freudestrahlend zu seinen Freunden um. Andreas hielt den Daumen in die Luft und Philipp stellte fest: »Ich würde mal sagen, du hast die Aufgabe bestanden.«

Andreas fügte noch hinzu: »›Er war’s‹. Echt genial!«

Nachdem die beiden ihre Anerkennung geäußert hatten, begann Philipp, Thomas aufzuziehen: »Ich hoffe, du hast es genossen. Das war nämlich das erste und letzte Mal, dass du eine Frau in Hüftgegend berührt hast.«

Thomas entgegnete kühl: »Das ist immer noch einmal mehr, als du es je getan hast. Und wenn ich das richtig sehe, bin ich jetzt wieder an der Reihe. Also Andreas: Ich lasse dich noch ein bisschen zappeln, aber ich denke, ich verrate nicht zu viel, wenn ich dir sage, dass du dich schon mal auf die Landung freuen kannst.«

Den Rest des Fluges verbrachten die drei damit, sich gegenseitig mitzuteilen, mit welchen Aufgaben sie die anderen verlieren lassen wollten. Dabei wurden Dinge genannt, wie »Thomas muss aus dem dritten Stock in den Hotelpool springen« oder »ich lasse Andreas mit einem Jetski bis nach Ibiza fahren«.

Dann ertönte aus den Lautsprechern in der Kabine die Stimme des Piloten, der mitteilte, dass die Maschine nun zum Landeanflug ansetze und sich alle wieder anschnallen und die Tische hochklappen müssten.

Nachdem diese Ansage auch auf Englisch erklungen war, erkundigte sich Andreas bei Thomas, was denn nun tatsächlich seine nächste Aufgabe sei.

»Nun«, sagte Thomas, »ich habe das Gefühl, ich habe mir nicht genug Dinge für eine ganze Woche mitgenommen, jetzt, da mein zweiter Rucksack weg ist. Deshalb fände ich es wirklich nett von dir, wenn du mir noch ein paar Kleinigkeiten besorgen könntest. Mit anderen Worten: Schnapp dir neben deinem eigenen Koffer gleich am Gepäckband noch mindestens zwei weitere und versuch, diese aus dem Terminal zu schaffen.«

Andreas fragte nach: »Das ist alles? Sonst nichts, nur zwei Koffer, die nicht mir gehören?«

Leicht irritiert erwiderte Thomas: »Ja, das ist alles.«

Andreas grinste siegessicher, dann blickte er aus dem Fenster und sah die Küste unter dem Flugzeug hinweggleiten. Der Küste folgten einige Touristenorte mit großen Hotels und Parkanlagen sowie üppigen Golfplätzen, doch je weiter die Maschine ins Inselinnere flog, umso mehr verdorrte die Landschaft. Nur hin und wieder wurde das schon fast wüstenähnliche Gelände von einem mit Plastikfolie abgedeckten Gewächshaus gespickt.

Schließlich überflogen sie einen hohen Maschendrahtzaun und unter dem Flugzeug breitete sich die Landebahn des Flughafens wie ein breites Band aus Teer aus. Mit einem Ruck setzten die hinteren Reifen der Maschine wieder auf dem Boden auf und die ersten Passagiere begannen bereits zu applaudieren, als mit einem weiteren Ruck auch die vordere Achse aufsetzte. Der Pilot bremste stark und ließ das Flugzeug das Rollfeld entlang auf seine Halteposition rollen.

Noch während die Maschine in Bewegung war, standen die meisten Fluggäste auf, suchten ihr Handgepäck zusammen und drängten in den Gang in der Flugzeugmitte.

Auch Andreas kämpfte sich durch die Menschen auf dem schmalen Gang bis er eine Position direkt vor der verschlossenen Kabinentür erreicht hatte. Sobald diese von der Stewardess geöffnet worden war und er das Flugzeug verlassen hatte, hetzte Andreas durch das Terminal zum Kofferband, an dem er sich einen Platz direkt neben der Kofferausgabe sicherte.

Thomas und Philipp, die das Flugzeug gemächlicher verlassen hatten, mussten feststellen, dass das Kofferband bereits von zahlreichen Fluggästen belagert wurde, als sie dieses erreichten. Sie stellten sich relativ mittig an das Band, denn dort war noch eine Lücke in der wartenden Menschenmasse.

»Hast du diese Aufgabe jetzt nach dem Motto ›wenn er nicht von der deutschen Polizei verhaftet wird, dann halt von der spanischen‹ gestellt?«, fragte Philipp Thomas, der ihn nur schelmisch angrinste.

Als sich das Gepäckband nach einer gefühlten Ewigkeit in Bewegung setzte, musterte Andreas jeden Koffer, der an ihm vorbei fuhr. Bereits den dritten Koffer erkannte er als Philipps und nahm ihn vom Band. Danach kam lange Zeit kein ihm bekannter Koffer mehr aus der Ausgabe gerutscht. Doch schließlich kam der Koffer von Thomas, direkt gefolgt von seinem eigenen. Andreas ergriff den Vorderen und war nicht schnell genug, um sich seinen eigenen auch noch zu schnappen, bevor dieser an ihm vorbei gefahren war. Er lehnte sich entspannt gegen die Koffer von Philipp und Thomas und wartete, bis sein eigener eine Ehrenrunde gedreht hatte und wieder bei ihm ankam. Dann schnappte er sich auch diesen und machte sich auf den Weg, einen Kofferwagen zu suchen, da er große Schwierigkeiten hatte, drei Koffer gleichzeitig fort zu bewegen.

Nachdem er einen Kofferwagen gefunden hatte, suchte er seine beiden Freunde und gemeinsam verließen sie das klimatisierte Terminal.

Im Freien schlug ihnen die Hitze Mallorcas entgegen und sorgte augenblicklich dafür, dass sich auf der Haut der drei Jungs erste Schweißperlen bildeten.

Noch im Schatten des Flughafengebäudes sagte Thomas: »Es ist ja sehr nett von dir, dass du unsere Koffer auch geholt hast, aber die Aufgabe hast du anscheinend nicht bestanden.«

»Das sehe ich anders. Du sagtest nur, ich solle zwei Koffer mit nach draußen nehmen, die nicht mir gehören. Diese hier gehören euch und nicht mir, ergo habe ich meine Aufgabe gemeistert. Du musst die Aufgaben einfach präziser formulieren«, entgegnete Andreas.

Philipp fügte, während er Thomas aufmunternd auf die Schulter klopfte, mit einem Grinsen hinzu: »Das kann ja jedem mal passieren.«

Während Thomas und Andreas sich noch kabbelten, hatte Philipp den für ihr Reiseunternehmen zuständigen Reiseleiter entdeckt und sich erkundigt, welcher Transferbus sie zu ihrem Hotel bringen würde. Er kehrte zu den anderen beiden zurück, die inzwischen auch aus dem kühlen Schatten des Flughafens getreten waren, und eröffnete ihnen: »Wir müssen den Bus mit der Nummer einundfünfzig nehmen, der steht ganz am Ende des Parkplatzes.«

Andreas blickte über das weitläufige Gelände und sagte: »Das ist ja ein ganz schönes Stück und es ist hier ziemlich warm. Das ist mir mit dem Koffer jetzt zu anstrengend. Philipp, deine nächste Aufgabe ist es, unsere Koffer, also auch den von Thomas, zu unserem Bus zu schaffen und zwar ohne Hilfsmittel.«

Philipp kommentierte diese Aufgabe mit den Worten »Du Sack!«, dann nahm er seinen Koffer in die rechte und den von Thomas in die linke Hand und zog sie in Richtung des Busses. Über die Schulter rief er Andreas zu: »Mehr als zwei Koffer kann ich nun mal nicht gleichzeitig schleppen, du musst wohl hier warten, wenn du deinen Koffer nicht alleine lassen willst.«

Thomas bedankte sich bei Andreas, dass er auch ihm die Mühe abgenommen hatte, den Koffer zum Bus bringen zu müssen, und gemeinsam warteten sie im Schatten einer Palme auf Philipp. Dieser kam einige Minuten später schweißgebadet zurück und griff mit einem vernichtenden Blick nach dem letzten Koffer. Auf dem gemeinsamen Weg zum Bus feuerten Andreas und Thomas ihren Freund an, sich doch ein wenig zu beeilen, da der Bus sonst womöglich noch ohne sie führe.

Philipp quittierte diese Anfeuerungen mit der Aufforderung: »Haltet doch einfach mal beide die Fresse!«

Die drei erreichten als die Letzten den Bus und sowohl der Busfahrer als auch der Reiseleiter erwarteten sie schon ungeduldig. Nachdem auch der letzte Koffer verstaut war und die drei ihre Plätze im Bus eingenommen hatten, hielt der Reiseleiter eine kurze Ansprache, dann verließ er den Bus wieder und der Fahrer startete den Motor.

Club Dolce Vita

Der Bus hielt vor einem Hotel, das äußerlich allen anderen glich, an denen er zuvor auch schon Fahrgäste hatte aussteigen lassen. Es war ein mehrere Etagen hoher Betonklotz in heller Farbe mit einer fast durchgängigen Glasfassade im Erdgeschoss, durch die man schon aus dem Bus in die Lobby und den Speisesaal sehen konnte. In den oberen Etagen reihte sich dann ein Balkon an den anderen, wobei an einigen der dunklen Balkongeländer Handtücher und Badesachen zum Trocknen hingen.

Der Busfahrer nuschelte etwas Unverständliches in das Mikrofon und stieg aus, um die Gepäckklappe des Fahrzeugs zu öffnen. Als im Bus kein Fahrgast Anstalten machte, auszusteigen, stieß Andreas Thomas, der am Fenster saß, in die Seite und sagte: »Guck doch mal raus, ob das nicht vielleicht unser Hotel ist.«