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Etwa neun Monate nach ihrer Rückkehr von Mallorca geht es für Philipp, Thomas und Andreas erneut auf Reisen. Auf einem der größten Kreuzfahrtschiffe der Welt tragen sie auf einer einwöchigen Rundreise mit Stopps auf den Kanaren und Madeira erneut ihren legendären Wettbewerb aus. Der Verlierer muss den Urlaub bezahlen. Für alle drei. Klar, dass Verlieren da keine Option ist. Da die Jungs seit ihrer letzten Reise jedoch nichts dazugelernt haben und zwar älter, aber kein bisschen erwachsener geworden sind, nimmt das Chaos schon seinen Lauf, bevor das Schiff überhaupt abgelegt hat. Mit wachsender Begeisterung stellen sie sich Aufgaben, bei denen nicht nur die Schiffskapitänin ratlos mit dem Kopf schüttelt. In der Fortsetzung von "Schamlos" gelingt es S.H. Tofall nicht nur, den Wettbewerb der Jungs auf die nächste Stufe zu heben, sondern auch mit viel Wortwitz und Situationskomik die perfekte Urlaubsatmosphäre zu schaffen. Natürlich kommen auch die Themen Freundschaft und Liebe nicht zu kurz.
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Seitenzahl: 221
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Die folgende Geschichte sowie alle handelnden Figuren und Ereignisse sind frei erfunden und beruhen nicht auf tatsächlichen Begebenheiten oder Personen.
Die hier abgedruckte Geschichte darf weder ganz noch in Teilen ohne die ausdrückliche Genehmigung durch den Rechteinhaber des Werkes, Sebastian H. Tofall, ab- oder nachgedruckt werden.
Für alle, die auch einen Knall haben. Oder ein rotes Gummiboot.
Guten Flug
Willkommen an Bord
Obstsalat
Freudige Überraschung
Duobus certantibus tertius gaudet
Das Sonnenbad
Eine neue Freundin
Delfine!
Ungemütlicher Abend auf hoher See
Madeira
Hängepartie
Oh Käpt’n, mein Käpt’n
Niederlage und Triumph
Shuffleboard
Hummer gegen Kummer
Der letzte Tag
»Komm, wir müssen los«, rief Philipp vom Treppenhaus durch die geöffnete Wohnungstür. Etwa ein dreiviertel Jahr war vergangen, seitdem er auf Mallorca den Wettbewerb verloren hatte. Er und seine beiden Freunde Andreas und Thomas waren damals gemeinsam auf die Ferieninsel geflogen, um ihr frisch bestandenes Abitur zu feiern. Dabei hatten sie sich gegenseitig Aufgaben im Stil eines Mutprobenwettbewerbs gestellt. Der Verlierer, so hatten sie es vorher ausgemacht, sollte die gesamten Reisekosten für alle drei tragen. Ganz schön viel Geld für einen frisch gebackenen Abiturienten ohne eigenes Einkommen. Aber sie hatten schon damals auf dem Rückflug, nachdem der Verlierer feststand, ausgemacht, dass jeder seine Kosten zunächst selbst tragen würde und Philipp das Geld eines Tages, wenn er ein geregeltes Einkommen hatte, immer noch zurückzahlen konnte. Natürlich hatten Andreas und Thomas seither keine sich bietende Gelegenheit ausgelassen, Philipp an seine Schulden zu erinnern.
»Jetzt hetz mich nicht«, antwortete die Stimme einer jungen Frau aus der Wohnung. Philipp drehte sich von der Tür weg und begann, seinen Koffer die Treppe herunter zu tragen. Denselben Koffer hatte er auch vor gut neun Monaten benutzt. Damals als die drei Jungs auf Mallorca die Nacht zum Tag gemacht hatten, als sie die sieben Mädchen trafen, die ebenfalls gerade erfolgreich die Schule abgeschlossen hatten und mit denen die Urlaubswoche wie im Flug verging, als Andreas eine Sexpuppe mit sich herumtragen und als seine feste Freundin ausgeben musste und als Philipp und Viktoria sich näher kamen.
Vieles hatte sich in der Zeit seit ihrer Rückkehr verändert. Die drei Jungs waren aus dem kleinen Dorf, in dem sie ihr gesamtes bisheriges Leben verbracht hatten, weggezogen. Andreas hatte es nur bis in die nächste Kreisstadt geschafft, wo er ein freiwilliges soziales Jahr als Altenpfleger machte. Eines Tages wollte er Medizin oder vielleicht Pharmazie studieren, da war das freiwillige soziale Jahr, wie er sagte, eine gute Vorbereitung.
Thomas war nach Hamburg gezogen, um bei einem großen Luftfahrtunternehmen eine Ausbildung zum Fluggerätmechaniker zu machen, und Philipp hatte es tatsächlich wie geplant nach Köln verschlagen, wo er nun Jura studierte. Er wohnte in einem Vorort der Millionenstadt in einer kleinen Mietwohnung gemeinsam mit seiner Freundin Viktoria. Ebenjenem Mädchen, das er im Urlaub kennen und lieben gelernt hatte, und das ebenfalls in Köln studierte. Allerdings nicht wie Philipp Jura, sondern Deutsch und Geschichte auf Lehramt. So kam es des Abends öfter vor, dass die beiden schweigend nebeneinander saßen und Fachbücher lasen. Er über Rechtsprechung, sie über Rechtschreibung.
Als Philipp mitsamt seines Gepäcks die Haustür erreichte, holte ihn auch Viktoria ein. Sie wirkte leicht genervt und klimperte mit dem Schlüsselbund in ihrer Hand.
»Du wolltest mich doch unbedingt zum Flughafen fahren«, sagte Philipp, während er seinen Koffer in Viktorias blassblauen Kleinwagen wuchtete und die Kofferraumklappe schloss, »ich wäre auch gut mit der Bahn angekommen.«
Rein optisch hatten sich die beiden nicht sehr stark verändert seitdem sie sich auf der Deutschen liebster Ferieninsel zum ersten Mal begegnet waren. Philipp war immer noch etwa einen Meter achtzig groß, hatte ein auffallend schmales Kinn und ebenso schmale Lippen, dazu braune Auge. Die Frisur aus gleichfalls braunen Haare hatte er nun etwas kürzer als damals noch. Er trug ein rotes Poloshirt, Jeans und hielt seine Sonnenbrille bereits griffbereit.
Viktoria schimpfte auf dem Fahrersitz über die anderen Autofahrer und die katastrophale Kölner Verkehrsführung. Sie hatte ein rundes Gesicht mit spitz zulaufendem Kinn, leichte Grübchen hinter den Mundwinkeln, die besonders hervortraten, wenn sie lachte, und eine kleine Stupsnase. Genau wie Philipp hatte sie braune Augen, die stets eine gewisse Freundlichkeit ausstrahlten, wenn Viktoria sich nicht gerade hinter dem Steuer eines Kleinwagens im Kölner Verkehrschaos befand. Das Einzige, was sich im letzten dreivierteil Jahr etwas verändert hatte, war ihre Frisur. Sie hatte die braunen Haare, die sie auf Mallorca noch schulterlang trug, wachsen lassen, sodass sie nun etwa bis zur Hälfte ihres Rückens reichten. Außerdem waren sie seit Neustem von leicht aufgehellten Strähnchen durchzogen.
»Wo soll ich dich denn raus lassen?«, fragte Viktoria, als sie von der Autobahn ab und auf den nicht minder stark frequentierten Flughafenzubringer auffuhren. Philipp grinste seine Freundin an: »Irgendwo vor dem Eingang stehen zwei besonders hässliche Kreaturen herum. Bei denen kannst du mich absetzen.«
Bei den zwei besonders hässlichen Kreaturen handelte es sich um Thomas und Andreas, die bereits vor dem Haupteingang auf Philipp, den dritten im Bunde, warteten. Sie saßen gelangweilt auf ihren Koffern und starrten Löcher in die noch wolkenverhangene, kühle Morgenluft. Andreas, ein groß gewachsener junger Mann mit etwas gröberen Gesichtszügen, markanter Nase, einem aber dennoch freundlichen Lächeln, das von seinem einen Ohr bis zum anderen reichte, und hellem Haupthaar, entdeckte den sich nähernden Wagen zuerst. Er hob knapp die Hand zum Gruß, dann stand er von seinem Koffer auf und zog diesen demonstrativ ein Stück in Richtung des Flughafeneingangs.
Auch Thomas erhob sich schwerfällig von seinem Koffer. Er war der kleinste der drei Freunde, auf dem Kopf eine Frisur aus kurzen dunklen Haaren, die mit einer unnötig großen Menge Gel gestylt waren. Dazu hatte er einem kleinen Bauchansatz und neuerdings auch einen leichtem Bartschatten. Seine grünen Augen leuchteten beim Anblick des Wagens diabolisch. Genau wie schon vor einem Jahr, als er es kaum erwarten konnte, seinen Freunden die erste unheilvolle Aufgabe des Mutprobenwettbewerbs zu stellen. Damals war Andreas sein erstes Opfer gewesen und wäre beinahe schon vor Reiseantritt verhaftet worden.
Kaum dass der Wagen gehalten hatte, sprang Philipp heraus, begrüßte seine Freunde kurz per Handschlag, dann öffnete er die hintere Tür des Autos, zog zwei Rucksäcke heraus und warf einen davon Thomas entgegen.
»Hier, halt den mal!«, rief er. Thomas‘ Augen weiteten sich. Sofort warf er den Rucksack wie eine heiße Kartoffel weiter zu Andreas. Dieser schmiss ihn genauso schnell zurück zu Philipp und sagte: »Vergesst es. Darauf falle ich nicht noch einmal herein.«
Mit einem breiten Grinsen schmiss Philipp den Rucksack zurück in den Wagen und setzte sich den anderen auf. Während er seinen Koffer holte, stieg auch Viktoria aus und umarmte Andreas und Thomas zur Begrüßung. Dann baute sie sich vor Philipp auf und sagte mit strengem Ton: »So, Freundchen, du hattest deinen großen Auftritt. Aber ihr spielt nicht ernsthaft wieder dieses bescheuerte Spiel.«
Dabei bohrte sich ihr ausgetreckter Zeigefinger bei jedem Wort tiefer in Philipps Brust und hinterließ einen Abdruck auf seinem Poloshirt.
Philipp schüttelte langsam den Kopf. Sein Blick ruhte dabei jedoch auf seinen beiden Freunden, die hinter Viktorias Rücken stumm, dafür jedoch sehr gestenreich andeuteten, dass Philipp in dieser Beziehung wohl nicht derjenige war, der die Hosen anhatte.
»Denk an die Schulden, die du noch vom letzten Mal hast«, mahnte Viktoria ernst.
»Schatz, ich liebe dich und du weißt, dass ich viel Wert auf deine Meinung lege«, entgegnete ihr Philipp, »aber manchmal muss ein Mann eben tun, was ein Mann tun muss.«
»Sehr richtig!«, bestätigte Thomas ungefragt.
Viktoria zog, unbeeindruckt von dem Zwischenruf, eine Braue hoch und stemmte ihre Hände in die Hüften. Philipp knickte unter ihrem Blick ein.
»Nein, wir spielen nicht. Das war total albern und kindisch und wir sind seit damals viel reifer und vernünftiger geworden«, versuchte er, seine Freundin zu beruhigen. Dann umarmte und küsste er sie zum Abschied, schnappte sich seinen Koffer und gemeinsam schritten die drei Jungs auf den Eingang des Flughafenterminals zu. Viktoria hatte die Fahrertür schon wieder geöffnet, da rief sie ihnen noch hinterher: »Und wehe, ihr stellt wieder irgendwelchen Unsinn an!«
»Keine Sorge, Vicky«, antwortete Thomas, »du erfährst alles aus der Tagesschau.«
Die Schiebetür schloss sich hinter den dreien und Thomas zog aus seiner Tasche ihre Flugtickets hervor. Er wedelte damit in der Luft herum und verkündete: »Hier sind die Tickets. Ihr wisst, was das bedeutet: Der Urlaub ist offiziell er-«
»Nee«, unterbrach ihn Andreas, »du hast doch gehört, was unser Pantoffelheld hier gesagt hat: Dieses Mal machen wir einen ganz gewöhnlichen Urlaub. Ohne Wettbewerb und ohne Spaß. Denn das wäre total albern und kindisch.«
»Und seit wann bestimmt das Pantoffeltierchen, was wir machen?«, fragte Thomas. Dann setzte er erneut an: »Ich erkläre unseren Urlaub hiermit offiziell für eröffnet. Aber keine Sorge, Andreas, ich stelle dir keine Aufgabe.«
»Glück gehabt«, sagte Philipp, »denn dieses Mal wäre deine Mami nicht hier, um dir aus der Patsche zu helfen.«
»Dann jetzt mal Spaß beiseite. Ich denke mal, wir sind uns einig, dass wir hier wieder einen kleinen Wettbewerb veranstalten?«, fragte Thomas.
Andreas nickte: »Mit denselben Regeln wie beim letzten Mal.«
»Keine Straftaten, kein Verbrüdern gegen einen, es wird niemandem von dem Wettbewerb erzählt und derjenige, der als Erstes eine Aufgabe nicht erfüllt, hat verloren und muss den Urlaub für uns alle bezahlen«, fasste Philipp die Spielregeln in aller Kürze zusammen. Die beiden anderen nickten.
Inzwischen hatten die Jungs die Schlange vor dem Check-in erreicht und sich mitsamt ihren Koffern dort eingereiht. Gedankenverloren fielen ihre Blicke auf einen Betonpfeiler ganz in der Nähe…
»Dann bleibt nur noch die Frage, wer von uns anfangen darf«, stellte Andreas fest.
»Und die Frage«, ergänzte Thomas, »wer wem die Aufgaben stellt. Ich schlage vor, wir ändern die Reihenfolge, damit es spannend bleibt. Also stelle ich Philipp die Aufgaben, er dir und du mir, falls wir so weit überhaupt kommen. Außerdem schlage ich vor, Philipp, unser Pantoffeltierchen, darf dieses Mal beginnen. Getreu dem Motto: Der Verlierer fängt an.«
Andreas und Philipp nickten. Philipp verzichtete jedoch vorerst darauf, seinen Freund mit aberwitzigen Aufgaben zu quälen. Stattdessen tauschten sie sich, während sie erst vor dem Check-in-Schalter, dann bei der Sicherheitskontrolle anstanden und warteten, darüber aus, was sie alles erlebt hatten, seitdem sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Das war Weihnachten gewesen, als alle drei Freunde ihre Familien in der Heimat zur gleichen Zeit besucht hatten. Zwar telefonierten sie öfter miteinander, hielten Videokonferenzen ab oder schrieben sich Textnachrichten hin und wieder, aber in den knapp drei Monaten seit ihrem letzten Treffen war dennoch genug passiert, das sie sich nun erzählen konnten, um die Wartezeit zu verkürzen. Insbesondere Thomas hatte einiges über die praktische Ausbildung und die Arbeit mit und an großen Flugzeugen zu berichten. Erst als sich die drei an Gate 15, von wo aus ihre Maschine abfliegen sollte, auf einer Wartebank niederließen, schloss Thomas seine Ausführungen ab und ging dazu über, Philipp mit Fragen zu dessen Beziehung mit Viktoria zu löchern.
Dann wurde ihr Flug aufgerufen und um sie herum brach wildes Getümmel aus. Auch Thomas wollte aufstehen und sich zum Boarding anstellen, doch Philipp hielt ihn zurück: »Warte noch kurz. Es lohnt sich auch, versprochen.«
Philipp drehte sich zu Andreas um und verkündete: »Mein Lieber, es wird Zeit für deine erste Aufgabe. Du kennst doch bestimmt diese dramatischen Szenen aus diversen Liebesfilmen, wenn sie wegfliegt und er plötzlich erkennt, dass er sie liebt und auf keinen Fall gehen lassen kann. Also rennt er hinterher, erwischt in letzter Minute das Flugzeug und macht ihr kurz vor dem Abflug noch ein wortreiches Liebesgeständnis. Sie erkennt auch, dass sie ihn liebt und gemeinsam verlassen sie das Flugzeug.«
Andreas sah Philipp mit leicht schief gelegtem Kopf und sehr genervtem Blick an. Thomas sagte: »Dafür hast du dir ja mit unserem großen Romantiker genau den richtigen ausgesucht.«
»Finde ich auch«, bestätigte Philipp. »Wie du dir vielleicht schon denken kannst, sollst du, Andreas, warten, bis alle das Flugzeug betreten haben. Damit, als Letzter einzusteigen, kennst du dich ja bereits aus. Dann suchst du dir eine Dame, der du eine flammende Rede über deine Liebe hältst und sie bittest, bei dir zu bleiben. Aber sei bitte nicht allzu enttäuscht, wenn du einen Korb kassierst. Thomas kann dich dann bestimmt trösten. Und falls sie entgegen aller Erwartungen mit dir kommen will, erzählen wir dir gerne hinterher, wie der Urlaub war.«
»Das geht ja schon wieder super los«, stöhnte Andreas.
»Schön, dass du das auch so siehst«, sagte Philipp, während er und Thomas sich erhoben. »Und bitte such dir eine Dame in unserer Hörweite aus, damit wir den Spaß auch mitbekommen.«
Thomas und Philipp reihten sich bei den Wartenden ein und betraten kurz darauf den Flieger nach Fuerteventura. Von dort aus sollte ihre eigentliche Reise beginnen. Im Hafen von Puerto del Rosario wollten sie das Kreuzfahrtschiff MS Schwalbe, eines der größten Kreuzfahrtschiffe der Welt, besteigen und zu einer einwöchigen Rundreise mit Zwischenstopps auf einigen Kanarischen Inseln sowie auf Madeira aufbrechen. Thomas und Philipp verstauten ihr Handgepäck, ließen sich auf ihre Sitze etwa auf Höhe der Tragflächen der Maschine fallen und beobachteten, wie sich diese allmählich mit Passagieren füllte. Thomas hatte den Mittelsitz, Philipp den Platz am Gang. Andreas‘ Fensterplatz blieb zunächst unbesetzt. Immer mehr Reihen füllten sich und der Gang dazwischen wurde wieder leerer. Schließlich betrat Andreas das Flugzeug. Gespannt beobachteten Philipp und Thomas von ihren Plätzen, wie ihr Kumpel sich ihnen Reihe um Reihe näherte, den Blick immer wieder über die Menschen auf den Sitzplätzen am Gang schweifen lassend wie ein hungriger Löwe auf der Jagd nach einer saftigen Gazelle. Plötzlich hörte sein Blick auf, zu wandern. Der Löwe hatte seine Beute gefunden. Er hatte eine scheinbar allein reisende Frau Mitte sechzig in einer bunten Bluse mit Blumenmuster und mit einem albernen Strohhut auf dem Kopf ins Auge gefasst. Sie saß drei Reihen vor den Jungs auf der anderen Seite des Gangs. Andreas verlangsamte seine Schritte, bis er in der Reihe mit der Dame schließlich stehenblieb. Theatralisch riss er seine Arme auseinander und rief gut hörbar für die Umsitzenden: »Marianne, da bist du ja! Hör mir zu! Ich weiß, ich habe Fehler gemacht.«
Die Angesprochene schreckte in ihrem Sitz auf. Sie riss den Kopf so ruckartig zu Andreas hinauf, dass ihr fast der Hut heruntergefallen wäre. Irritiert sah sie sich um, ob vielleicht jemand anderes gemeint sein könnte.
»Ich bin nicht perfekt«, fuhr Andreas höchst pathetisch fort, »aber das bist du auch nicht! Und gerade dieses Unperfekte ist es doch, was uns ausmacht. Ich weiß, ich habe Fehler gemacht. Aber Marianne, ich bin doch auch nur ein Junge, der vor einem Mädchen steht und es bittet, ihn zu lieben.«
»Ob sie ihm wohl gleich eine klatscht?«, fragte Thomas Philipp, während Andreas zum großen Finale ansetzte: »Marianne, bitte, komm mit mir und vergiss diesen Spanier! Zusammen werden wir wieder glücklich.«
Andreas hatte inzwischen die Aufmerksamkeit des halben Flugzeugs auf sich gezogen. Gespannt beobachteten die anderen Urlauber mit gereckten Hälsen Mariannes Reaktion. Zur allgemeinen Überraschung antwortete diese nicht minder pathetisch: »Justus, ich würde es ja tun, aber was soll ich meinem Mann sagen? Und unseren Kindern? Justus, die sind älter als du!«
Andreas öffnete den Mund zu einer Antwort, doch es kamen keine Worte heraus. Inmitten der einige Sekunden andauernden Stille begann Philipp erst langsam, dann schneller werdend zu applaudieren. Einige andere Urlauber stimmten in den Applaus mit ein, dann hob das allgemeine Gemurmel wieder an und die Aufmerksamkeit der Passagiere zerstreute sich wieder. Mit hochrotem Kopf und leicht zitternd quetschte sich Andreas an Philipp und Thomas vorbei auf seinen Platz und vergrub das Gesicht in den Händen.
»Und ich dachte immer, Liebe bedeutet, niemals um Verzeihung bitten zu müssen«, kommentierte Philipp die Darbietung.
»Erklär das mal Vicky, wenn wir zurück sind«, antwortete Thomas. Ähnlich wie Andreas zuvor, öffnete auch Philipp seinen Mund zu einer Antwort, schloss ihn jedoch schließlich wieder, ohne ein Wort herausgebracht zu haben.
Es gab ein lautes ›Ping‹ und in der Flugzeugkabine ertönte die Stimme des Kapitäns, der einen guten Flug wünschte und dann das Wort an die Crew für die Sicherheitseinweisung übergab.
»Hoffentlich ist Marianne nicht mit uns auf dem Schiff«, sagte Andreas.
»Das wäre schon ein ziemlich großer Zufall«, erwiderte Philipp. »Und selbst wenn: Der Kahn ist groß genug. Wir machen uns eine ganz entspannte Kreuzfahrt. Eine Woche Kanaren, ohne Stress. Ganz egal, was die anderen von uns denken.«
»Solange keiner von uns hinter dem Schiff Wasserski fahren muss…«, sagte Thomas.
Andreas sah ihn mit großen Augen an als hätte Thomas ihn gerade auf eine Idee gebracht.
Der Pilot ließ die Turbinen durchstarten und wenige Augenblicke später befand sich das Flugzeug im Steigflug.
»Also irgendwie sieht die Turbine hier komisch aus«, grübelte Thomas beim Betrachten der Triebwerke. Auch Andreas blickte aus dem Fenster und fragte: »Was meinst du?«
»Naja, ich habe gelernt, wenn die so aussieht wie hier, darf der Flieger nicht starten«, antwortete Thomas.
Andreas runzelte verunsichert die Stirn, doch Philipp auf dem Platz am Gang verdrehte nur die Augen und stöhnte gelangweilt auf.
Thomas blickte ihn an, hob abwehrend die Augen und sagte: »Versuchen kann man’s doch mal.«
Jetzt entspannte sich auch der Blick von Andreas wieder. Die drei Freunde schauten aus dem kleinen Fenster neben Andreas und warfen einen vorerst letzten Blick auf Philipps neue Wahlheimat am Rhein. Dann begannen sie, zu überlegen, welche der angebotenen Ausflüge des Kreuzfahrtunternehmens sie bei den Landgängen wahrnehmen wollten. Sie einigten sich auf eine Tour zu den ›Jameos del Agua‹ auf Lanzarote und einen hoffentlich actionreichen Ausflug zum Canyoning auf Madeira. Die weiteren Unternehmungen wollten sie spontan an Bord des Schiffs entscheiden.
Anschließend eröffneten sie sich gegenseitig die absurden Aufgaben, die sie einander stellen wollten, wobei Andreas‘ Vorschlag, Thomas Kielholen zu lassen noch eine der harmloseren Ideen war.
Als ein konstantes Klappern aus dem hinteren Teil des Flugzeugs den sich nähernden Speisewagen des Bordpersonals ankündigte, sagte Andreas zu Thomas: »Ich bin ja jetzt damit dran, dir eine Aufgabe zu stellen. Du erinnerst dich doch bestimmt noch an letztes Jahr…«
Nach der Landung in Puerto del Rosario auf Fuerteventura verließen die Jungs zügig das Flugzeug, um sich gute Plätze an dem Gepäckausgabeband zu sichern. Sie wollten möglichst schnell zu ihrem gebuchten Shuttle, da sie es kaum noch erwarten konnten, das Schiff endlich aus der Nähe zu sehen und auch zu entern. Lediglich Thomas wirkte eine Spur weniger euphorisch als seine beiden Freunde, was vermutlich mit der Aufgabe zusammenhing, die ihm Andreas kurz vor der Landung gestellt hatte: Er sollte sich als Nichtschwimmer outen und das Schiffspersonal bei jeder sich bietenden Gelegenheit bis zur Abfahrt auf diesen Umstand hinweisen und sich nach den besten Möglichkeiten erkundigen, einen Schiffbruch zu überleben.
Das Gepäckband setzte sich in Bewegung und einer der ersten Koffer, die darauf lagen, war der von Andreas. Kurze Zeit später folgte auch der von Thomas. Lediglich Philipp musste noch etwa fünf Minuten warten, bis auch er sein Gepäck wieder in den Händen hielt. Zeit, die Thomas nutzte, um Philipp vorzuwerfen, dass er jetzt schon trödele, um nicht wieder den Urlaub bezahlen zu müssen, wobei er ja noch nicht einmal seine Schulden vom letzten Mal beglichen habe. Andreas versuchte derweil, sich so gut wie möglich vor Marianne, seiner Bordbekanntschaft, zu verstecken.
Gemeinsam verließen sie, als alle drei schließlich ihre Koffer in den Händen hielten, das Flughafengebäude und traten ins Freie. Nur wenige Meter entfernt entdeckten sie eine komplett in weiß gekleidete Blondine mit blauen Schulterklappen auf ihrer Bluse, die ein Schild der Schifffahrtsgesellschaft emporhielt. Sie gingen auf die ausgesprochen attraktive junge Frau, die nicht viel älter als sie selbst sein konnte, zu und gaben sich als designierte Kreuzfahrer zu erkennen.
»Alles klar, Jungs«, sagte sie freundlich, »dann kommt mal mit.«
Sie führte die drei zu einem ebenfalls weißen Minibus, in dem sie und ihr Gepäck bequem Platz fanden. Lediglich eine weitere Person saß bereits in dem Fahrzeug. Ein gestresst wirkender Mann von etwa vierzig Jahren, der unentwegt Emails auf seinem Smartphone tippte und lediglich kurz zum Gruß aufblickte, als die Neuankömmlinge das Gefährt betraten.
Die drei Jungs ließen sich gemeinsam in der hintersten Sitzreihe nieder und die Blondine startete den Motor. Andreas, der in der Mitte saß, stieß Thomas an und wies mit dem Kinn auf die Fahrerin.
Mit einem genervten Augenrollen folgte Thomas der stummen Aufforderung und sagte: »Entschuldigen Sie bitte, wie ist das eigentlich mit der Sicherheit an Bord?«
Die Angesprochene lächelte freundlich in den Rückspiegel des Fahrzeugs und sagte: »Ihr könnt mich ruhig duzen. Ich bin Nadine.«
»Und ich glaube, ich bin verliebt«, flüsterte Andreas Philipp zu.
»Was willst du denn über die Sicherheit an Bord wissen?«, fragte Nadine.
Thomas antwortete: »Also ich bin Nichtschwimmer und falls das Boot kentert, wüsste ich gerne, wie meine Chancen sind.«
»Das wüsste ich auch gerne«, flüsterte Andreas.
Nadine erklärte Thomas, dass er sich keine Sorgen machen müsse und dass sie beim Betreten des Schiffs eine ausführliche Sicherheitseinweisung bekommen würden. Währenddessen flüsterte Philipp zurück: »Was ist denn los mit dir? Von Thomas bin ich solche Kommentare ja gewöhnt, aber seit wann bist du so dermaßen notgeil?«
Andreas zuckte mit den Schultern und sah aus dem Fenster. Die wüstenähnliche, trostlose Landschaft Fuerteventuras flog draußen vorbei und schon bald erreichten sie den Hafen. Nadine parkte den Minibus in unmittelbarer Nähe zum Schiff und bat ihre vier Gäste, auszusteigen. Der Mann mit den Mails verließ den Wagen, warf einen kurzen Blick auf das Schiff und tippte dann unbeeindruckt weiter wie ein Weltmeister auf dem kleinen Bildschirm in seiner Hand herum. Auch Andreas, Philipp und Thomas verließen das Gefährt und blickten deutlich ehrfurchtsvoller an dem gigantischen Metallkoloss empor, der vor ihnen im vor Anker lag. Strahlend weiß lackiert lag das in gleißendes Sonnenlicht getauchte Schiff im Hafenbecken vor ihnen. Höher und länger als jedes Hotel, in dem die Jungs bisher gewesen waren. Auf dem obersten Deck konnten sie bereits einige Passagiere sehen, die zu ihnen herunter oder ins Inselinnere blickten.
Sie schossen noch einige Fotos von ihrem schwimmenden Hotel, dann nahmen sie von Nadine, die inzwischen den Kofferraum geöffnet hatte, ihr Gepäck entgegen und stellten sich an der Schlange bereits wartender Kreuzfahrer vor der Abfertigungshalle an. Nach etwa zehn Minuten in der brennenden Mittagssonne Fuerteventuras erreichten sie den Eingang zu einer vollklimatisierten Abfertigungshalle, in der sie bei deutlich niedrigeren Temperaturen noch einmal gut dreißig Minuten mit Warten verbrachten. Dann ging alles ganz schnell. Ihr Gepäck wurde wie bereits am Flughafen durchleuchtet, ihre Ausweise wurden kontrolliert und jemand schoss unvorteilhafte Fotos von ihnen für die Bordkarten, die ihnen nur wenige Sekunden später überreicht wurden.
Anschließend traten sie – ohne ihre Koffer, die später von Rhedereiangestellten direkt auf ihre Kabine gebracht werden sollten – den Gang zu ebendieser an. Erst über eine Rolltreppe, dann eine endlos erscheinende Gangway entlang, bis sie schließlich um eine letzte Kurve bogen und endlich an Bord der MS Schwalbe gelangten.
Dort wurden sie von einem Schiffsangestellten in Uniform der Reederei begrüßt, der sodann ihre Bordkarten scannte und ihnen den Weg zu einem Aufzug wies, der sie auf das passende Deck bringen sollte.
Thomas nutzte die Gelegenheit, um zu fragen, wo sich denn der nächste Rettungsring befände. Der Schiffsangestellte lachte kurz auf und sagte: »Den wirst du nicht brauchen, dieses Schiff ist unsinkbar.«
»Ich glaube, das hat man meinem Urgroßvater 1912 auch schon mal gesagt«, mutmaßte Thomas. Doch bevor er das Thema vertiefen konnte, drängte schon die nächste Gruppe Urlauber an Bord und der Schiffangestellte wandte sich den Neuankömmlingen zu, um diese ebenfalls an Bord willkommen zu heißen.
»Du hast es immerhin versucht«, sagte Philipp und klopfte Thomas aufmunternd auf die Schulter, als sie sich gemeinsam mit der Gruppe, die nach ihnen das Schiff betreten hatte, in den Aufzug zwängten, »und vielleicht kann dir ja Nadine bei Gelegenheit Schwimmunterricht geben.«
»Oder wir lassen ihn einfach absaufen«, erwiderte Andreas.
»Also irgendwie«, sagte Philipp, »finde ich das Einchecken in Hotels schöner. Eine richtige Rezeption hat einfach mehr Charme.«
Andreas antwortete: »Das hast du hier auch auf manchen Inseln. Aber wir sind an einem der Hauptzugangspunkte zugestiegen, da ist das einfach nur eine Massenabfertigung.«
Die Fahrstuhltüren öffneten sich drei Decks weiter unten wieder und gaben den Weg zu einem sehr langen Flur frei. Bereits von weitem sahen sie ihre Koffer vor einer der Kabinen stehen.
»Wie kommen die denn schon so schnell hier hin?«, wunderte sich Thomas.
Keiner der beiden anderen wusste darauf eine rechte Antwort, aber sie freuten sich, dass die Koffer bereits dort waren und sie somit nicht so lange auf ihr Gepäck warten mussten. Sie wollten zwar noch nicht auspacken, aber Philipp hatte ein Tablet und Andreas nicht unwesentlich Bargeld in seinem Koffer, sodass sie diese nicht lange unbeaufsichtigt auf dem Flur stehen lassen wollten.
Nachdem sie die Koffer in ihrer Innenkabine tief im Bauch des Schiffs, ohne Fenster, ohne Handyempfang und – wie Thomas wenig begeistert feststellte – auch ohne funktionierende Lüftung und Klimaanlage verstaut hatten, wollten die drei das Schiff erkunden. Sie schritten die langen, mit Teppichen ausgelegten Gänge entlang, stiegen mehrere Duzend Treppenstufen empor und fanden sich schließlich auf dem Sonnendeck des Ozeanriesens wieder. Thomas sprach den ersten Schiffsbediensteten, der ihnen entgegenkam, an und ließ sich von diesem zu den Rettungsbooten führen. Andreas und Philipp suchten derweil die Rezeption auf, um die Lüftungssituation in ihrer Kabine zu reklamieren. Sie fanden sie schließlich, nachdem sie mehrmals falsch abgebogen waren, einige Decks weiter unten.
Nachdem man ihnen dort versichert hatte, dass das Problem bis spätestens zum Ende der letzten Hundewache behoben sein sollte, bahnten sich die beiden ihren Weg durch die stetig wachsende Urlauberschar die zahlreichen Treppenstufen wieder nach oben und an die Reling des Sonnendecks. Von dort aus hatten sie einen guten Blick auf die langsam kürzer werdende Schlange der im Hafen noch auf das Boarding Wartenden und auch auf das Inselinnere.
»Letzte Hundewache?«, fragte Andreas etwas ratlos. Philipp, der sich über diesen Begriff zwischenzeitlich mithilfe seines Smartphones informiert hatte, antwortete: »Vielleicht war der Kerl bis letzte Woche bei der Marine. Die letzte Hundewache geht jedenfalls bis 20 Uhr, also sollten wir heute Nacht bei angenehmen Temperaturen schlafen können.«
»Das klingt doch schon mal ganz gut«, sagte Andreas. »Was hältst du davon, wenn wir Thomas zur Beruhigung ein paar Schwimmflügel kaufen?«
»Das wird nicht nötig sein«, antwortete Thomas, der in diesem Moment wieder zu ihnen stieß. »Dieses Schiff verfügt nämlich über sechzehn Rettungsboote und weit über hundert Rettungsringe sowie mehrere tausend Schwimmwesten und einige Rettungsinseln. Wenn ich mich an die Zahlen richtig erinnere, dürften meine Überlebenschancen hier also selbst als angeblicher Nichtschwimmer deutlich höher sein als bei einem Flugzeugabsturz.«
Mit einem Blick auf die etwa 20 Meter unter ihnen an Land Wartenden sagte er dann: »Den Hut kenne ich doch.«
Philipp und Andreas folgten seinem Blick und auch sie erkannten die Dame mit bunter Blumenmusterbluse und dem albernen Strohhut sofort wieder.
»Da ist ja Marianne wieder! Und sie scheint
