Scheinland - Cornelia Franz - E-Book

Scheinland E-Book

Cornelia Franz

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Beschreibung

Eine fesselnde Mischung aus Thriller und hochpolitischem Jugendroman! Daniel ist nach dem Abi auf der Suche nach seinem Weg. Karriere machen, auf Kosten der Umwelt leben, im Mainstream mitschwimmen - das alles will er nicht. Als er den Ökobauern Steffen kennenlernt, bewundert er ihn für sein alternatives, unangepasstes Leben. Er fühlt sich wohl auf dessen Hof – doch immer wieder fallen zweifelhafte Äußerungen, die ihn irritieren. Schließlich erkennt er, was sich hinter dem vermeintlichen Landidyll verbirgt: Steffens Hof ist Treffpunkt für ein rechtsextremes Netzwerk, das einen Staatsstreich plant. Mit Beweisen für ihre Machenschaften geht Daniel zur Polizei – doch nun wird es gefährlich für ihn … Hochaktuelle Themen Rechtsextremismus, Radikalisierung und Zivilcourage – spannend und zugänglich zu einem dichten Plot verwoben. EIn Muss für alle ab 14 Jahren!

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Cover

Cornelia Franz: Scheinland

Daniel hat das Abi bestanden und sucht nach Orientierung. Im Studium ist er unterfordert, er interessiert sich für alternative Lebensweisen, gerät auf einen Ökohof und findet dort Sinn und Gemeinschaft. Doch dann gibt es immer wieder kleine Unstimmigkeiten, die ihn irritieren. Schockiert muss Daniel sich eingestehen, dass sein Mentor Steffen ein überzeugter Nationalsozialist ist. Und nicht nur das: Auf dem Hof trifft sich ein rechtsextremes Netzwerk, das einen Staatsstreich plant. Mit Beweisen für ihre Machenschaften flieht Daniel zur Polizei – doch nun wird es erst recht gefährlich für ihn …

Wohin soll es gehen?

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  Über die Autorin

IFrankfurt

Durch die Milchglasscheibe fiel rechteckiges Licht aus dem Treppenhaus auf den Flur. Carla tappte auf nackten Füßen über den Parkettboden zum Wohnzimmer und schaute aus dem Fenster. Im Schein der Straßenlaternen konnte sie erkennen, wie Daniel das Haus verließ, die Kapuze seiner Jacke bis zu den Augen gezogen. Er sah sich um, als suchte er irgendetwas. Links, rechts, die andere Straßenseite. Dann lief er den Gehweg entlang und verschwand an der nächsten Ecke aus ihrem Blickfeld.

Ratlos ging sie zurück auf den Flur. Was war das denn eben? Was hatte Daniel hier gewollt? So richtig hatte sie nicht kapiert, was er gesagt hatte. Nur dass etwas nicht stimmte, das hatte sie begriffen. Sie öffnete die Tür zum Zimmer ihrer Mutter. »Mama, bist du wach?« Aus dem Dunkel kam das Geräusch gleichmäßiger Atemzüge.

»Mama!«

Jetzt knipste ihre Mutter die Nachttischlampe an und drehte sich zu ihr. »Was ist los? Kannst du nicht schlafen?«

Carla blieb im Türrahmen stehen. »Wieso geht Daniel auf Weltreise?«, fragte sie unvermittelt.

»Was?« Ihre Mutter setzte sich mit einem Blick auf, den Carla nur zu gut kannte. Ein bisschen genervt, ein bisschen besorgt, die typische Nina-Miene.

»Er hat gesagt, er geht auf Weltreise.« Carla verschränkte die Arme vor der Brust.

»Daniel? Wie kommst du denn darauf, mitten in der Nacht?«

»Weil er es gesagt hat, Mama!«

»Dein Bruder hat immer mal tolle Ideen, aber das müssen wir doch wohl nicht jetzt besprechen. Geh wieder schlafen, Carla.« Sie bemühte sich offensichtlich, nicht allzu unfreundlich zu klingen. »Wie spät ist es überhaupt?«

Carla antwortete nicht. »Er hat sich von mir verabschiedet«, sagte sie stattdessen.

»Wann?«

»Gerade eben. Er ist in mein Zimmer gekommen, weil er Tschüss sagen wollte.«

»Und wo ist er jetzt? Wieso ist er nicht in Wiesbaden? Das Semester ist doch noch gar nicht zu Ende.« Widerstrebend schwang sich ihre Mutter aus dem Bett und ging auf den Flur. Ein Flur, der so groß war, dass sie als Kinder dort mit den Bobbycars über die Dielen gerattert waren.

Carla folgte ihr ins Wohnzimmer. »Er ist nicht mehr da. Hab ich doch gesagt. Er ist weg. Auf Weltreise …« Sie ließ sich aufs Sofa plumpsen, zog die Beine an und schlang die Arme um die Knie. »Er war echt merkwürdig.«

Der Blick ihrer Mutter wanderte zur Uhr über dem Esstisch. »Auf Weltreise?« Sie schüttelte den Kopf. Ihre Locken hatten die gleiche dunkelblonde Farbe wie Daniels und jetzt in der Nacht waren sie genauso zerzaust wie seine. »Hatte er getrunken?«, fragte sie.

Carla zuckte die Schultern. »Weiß nicht. Nee, sah nicht so aus.«

»Oder was geraucht?«

»Auch nicht. Er war schon klar, aber eben merkwürdig.« Sie kratzte am Nagel ihres Zeigefingers, von dem der dunkelrote Nagellack schon halb abgeblättert war.

Ihre Mutter seufzte. »Jetzt erzähl doch mal richtig, Carla. Was heißt denn das: merkwürdig?«

Carla sah ihn vor sich, wie er plötzlich in ihrem Zimmer aufgetaucht war, sodass sie vor Schreck hochgeschreckt war. Sie hatte eine Serie geguckt, mit schlechtem Gewissen, weil es schon so spät war. »Ich weiß es nicht, Mama«, flüsterte sie. »Einfach irgendwie anders. Er war nur ganz kurz da. Es war, als wollte er sich für immer verabschieden.«

»Für immer?!«

»Ja … Und er … und er hat gesagt, ich soll ein bisschen auf Walli aufpassen.«

Ihre Mutter starrte sie an. »Auf seinen alten Kuschelwal?«

»Er hat mir Walli aufs Kopfkissen gelegt.« Während Carla erzählte, sah sie, wie es hinter der Stirn ihrer Mutter arbeitete. Kam sie gleich damit, dass sie sicher nur geträumt hatte? Nein, sie wirkte ehrlich besorgt. Sie nahm ihr Handy vom Wohnzimmertisch und wählte Daniels Nummer. Als die Mailbox ansprang, hörten sie seine Stimme.

»Hi, Leute. Schickt mir doch einfach eine Nachricht.«

»Daniel, was ist los? Melde dich doch mal!« Die Bitte war komplett überflüssig, weil Daniel seine Mailbox sowieso nie abhörte. Wer tat das schon?

Ihre Mutter stand einen Moment unschlüssig da. Dann kam sie zum Sofa und reichte ihr die Hand, um sie hochzuziehen. »Komm, Carlita. Das wird sich schon alles aufklären«, sagte sie. »Morgen. Jetzt lass uns erst mal schlafen gehen.«

Als Carla wieder im Bett lag, fröstelte sie. Mit Sicherheit würde sie nicht mehr einschlafen können. Vor ihrem Fenster brach schon der Tag an. Wohin war Daniel unterwegs? »Pass auf dich auf«, hatte er zu ihr gesagt. Aber er hatte nicht wie der coole große Bruder geklungen, der ihr immer in allem eine Nase voraus war, erst recht seitdem er nicht mehr zu Hause wohnte. Nein, er hatte verängstigt gewirkt, gehetzt. Und unglücklich.

Mit hinter dem Kopf verschränkten Armen lag sie auf dem Rücken und starrte an die Decke, wo die Leuchtsterne schimmerten, die Daniel ihr zu Weihnachten geschenkt hatte. Gemeinsam hatten sie sie angeklebt und dabei über die Freundin ihres Dads und ihr schickes Luxusrestaurant abgelästert. Richtig nett konnte es manchmal mit Daniel sein. Aber eigentlich war er ihr ein Rätsel, weil er so ein Nerd war. Mathe- und Physikgenie, Abi mit eins Komma null, kaum Freunde, keine Dates, jedenfalls soweit sie wusste. Immer machte er irgendwie sein eigenes Ding. Nach der Schule hatte er ein paar Monate in Berlin quasi auf der Straße gewohnt und vom Containern gelebt – Freeganer nannte er sich. Den Eltern hatte er erzählt, er mache ein Praktikum. Und jetzt, wo er gerade erst mit dem Studium angefangen hatte, plötzlich diese Weltreise …

Sie drehte sich auf die Seite und schmiegte sich an das abgewetzte Kuscheltier ihres Bruders. Es würde schon eine Erklärung geben. Es gab doch immer für alles eine Erklärung, oder?

II Wiesbaden, elf Wochen zuvor

Wie lange saß er hier schon? Mit müden Augen starrte Daniel auf den Bildschirm und scrollte Seite um Seite hinunter. Anfangs hatte er nur einen Artikel über Korruption in der Politik gelesen, aber dann war er von einem Link zum nächsten geraten, bis er schließlich komplett den Überblick verloren hatte. Undurchsichtige Strukturen im Wirtschaftsministerium? Rechtsextreme Verstrickung bei der Polizei? Geheime Pläne der Grünen für eine Öko-Diktatur? Die Covid-Gefahr eine Erfindung der Pharmakonzerne? Was stimmte? Was war Bullshit? Was waren Fake News? Konnte man den Medien überhaupt noch irgendwas glauben? Er presste sich die Hände auf die Augenlider. Als er hochschaute, sah er sein Spiegelbild in der Fensterscheibe, ein schmales Gesicht, vom Licht des Computers beleuchtet.

Entschlossen klappte er den Laptop zu und schob seinen Stuhl zurück. Er musste zu Luise und Roberto, um ihnen von all dem verwirrenden Zeug zu erzählen. Doch in der Küche standen nur die Teller mit angetrockneter Tomatensoße auf dem Tisch, die Wohnung war still, die beiden schliefen sicher seit Stunden. Er rieb sich den schmerzenden Nacken und setzte sich wieder an den Schreibtisch. Es lohnte sich nicht mehr, ins Bett zu gehen. Es lohnte sich auch nicht, den beiden irgendetwas erklären zu wollen. Es interessierte sie eh nicht.

Und seine Eltern? Mit denen sprach er ohnehin kaum noch über Dinge, die ihm wichtig waren. Eigentlich bekamen sie seit Jahren nur das zu hören, was sie hören wollten. Sein Dad war damit beschäftigt, sein neues Image als Maître zu polieren. Was anscheinend so etwas war wie ein Restaurantchef, nur ohne kochen zu müssen. Sie sahen sich nur selten, obwohl das PetitParis gleich um die Ecke lag. Und wenn er seine Mom in Frankfurt besuchte, blieben die Gespräche an der Oberfläche. Sie würde sich nur Sorgen machen, wenn das Bild, das sie von ihm hatte, Kratzer bekam. Das Bild des zielstrebigen Jungen, des Einser-Abiturienten, der einer glänzenden Zukunft entgegenging. Dabei hatte er nicht die geringste Vorstellung, wie seine Zukunft aussehen sollte. Nur anders sollte sie sein. Anders als das Leben seiner Eltern.

Auch zwölf Stunden später saß er vor dem Laptop, die Haare mit einem Zopfgummi nach hinten gebunden, ein Bartschatten auf Kinn und Oberlippe. Draußen vor dem Fenster begann es, schon wieder dunkel zu werden.

Erst als Luise seine Tür öffnete, merkte er, wie viel Zeit vergangen war. »Roberto geht Pizza holen«, sagte sie. »Willst du auch eine?«

Daniels Magen zog sich vor Hunger zusammen. Seit er sich am Mittag eine Banane aus der Küche geholt hatte, hatte er nichts mehr gegessen.

»Gern. Ich nehme die Spinaci mit Schafskäse«, antwortete er und streckte den Rücken.

»Also wie immer.« Luise lachte und kam näher. »Hast du eigentlich schon mal was anderes bestellt?« Sie legte ihm die Hände auf die Schultern und wollte einen Blick auf den Bildschirm werfen. Daniel klappte den Laptop zu und stand auf. Er fand ihre Nähe verwirrend. »Ich sag ihm Bescheid.«

Doch Roberto war schon unterwegs, und so schickte Daniel ihm seine Bestellung hinterher.

Als sie kurz darauf in der Küche saßen, schlang er seine Spinatpizza nur so in sich hinein, ohne viel zu reden. Er hatte Lu und Roberto durch eine Anzeige kennengelernt, und die entspannte Atmosphäre in der Wohngemeinschaft hatte ihm von Anfang an gefallen. Keine fragenden Blicke, keine unausgesprochenen Vorwürfe, weil er eher der introvertierte Typ war. Es war wie ein Aufatmen nach dem Leben, dass er von zu Hause gewöhnt war. Wo gehst du hin? Mit wem triffst du dich? Wann kommst du wieder? Seine Mutter versuchte, ihn zu kontrollieren, als wäre er sechs und nicht neunzehn. Vor allem nachdem sein Vater ausgezogen war.

Es klingelte an der Wohnungstür, und Roberto ging öffnen. Es war Henri. Als er in die Küche trat, war er wie immer ein bisschen außer Atem, weil er die Treppen in den vierten Stock zu schnell genommen hatte. Plötzlich fiel es Daniel wieder ein: Sie waren zum Essen verabredet.

Sein Dad schlüpfte aalglatt in die Rolle des Kumpeltypen, duzte Roberto und Luise, obwohl die ihn hartnäckig siezten, und merkte nicht, wie peinlich sein Versuch war, mit Lu zu flirten. Er lachte darüber, dass sein Sohn offenbar Pizza aus dem Pappkarton einem Essen in einem guten Restaurant vorzog – natürlich nicht im Petit Paris, er hatte schließlich seinen freien Abend. Daniel ertrug es stoisch. Sein Vater war durch das Restaurant, das er zusammen mit seiner neuen Freundin führte, so in Anspruch genommen, dass er zum Glück nur selten in der WG auftauchte.

Am Anfang war Daniel ein paar mal mit Roberto und Luise im Petit Paris essen gewesen, aber das war absolut nicht seine Welt. Der Laden war echt dekadent. Wein aus Chile, Mineralwasser aus Lappland, Rinderfilet aus Japan, alles sauteuer und ökologisch gesehen ein Verbrechen. Er hatte es aufgegeben, mit Henri und Juliane darüber zu diskutieren. Seine Kritik war an der verständnisvollen Selbstsicherheit seines Vaters abgeprallt. Natürlich, es war das Privileg der Jugend, alles zu hinterfragen. Er sei früher genauso gewesen, Antiatomkraft- und Friedensbewegung, Sitzblockaden … Aber man hatte nun mal nur ein einziges Leben und das müsse man auch genießen können, zum Beispiel in einem Feinschmeckerrestaurant.

Nachdem Henri als Zeichen seines guten Willens die Reste der Billigpizza vernichtet hatte, kam er zum eigentlichen Anlass dieses Vater-Sohn-Treffens. »Daniel, du solltest dich vielleicht mal ein bisschen öfter bei deiner Mutter und deiner Schwester blicken lassen«, sagte er. »Ab und zu mal nach Hause zu fahren, ist doch nicht zu viel verlangt, oder?«

»Sicher. Mach ich.« Daniel hatte keine Lust, näher auf dieses Thema einzugehen. Sein Vater wollte ja nur sein eigenes schlechtes Gewissen beruhigen, weil er seine Familie im Stich gelassen hatte. Sollte er sich doch selbst mehr um Carla kümmern. Die konnte ja nun wirklich nichts dafür, dass ihr Dad seine Midlife-Crisis auslebte. Neuer Job, neue Freundin, neue Überzeugungen, neues Leben. Das war sein Problem, damit musste er schon alleine fertigwerden.

»Prima, dann sag viele Grüße.«

»Mach ich.«

Sein Vater stand auf und klopfte zum Abschied auf die Tischplatte. An der Wohnungstür drückte er ihm einen Fünfzigeuroschein in die Hand. »Das habe ich ja nun heute Abend gespart«, sagte er. »Lass es dir gut gehen.«

Daniel sah ihm nach, wie er die Treppe hinunterfederte. Noch während im Erdgeschoss die Haustür ins Schloss fiel, fuhr er bereits seinen Computer wieder hoch.

»Wieso kapierst du das nicht? Egal wer dahintersteckt – solche Gebäude können nicht einfach so in Sekunden in sich zusammenbrechen. Das ist physikalisch absolut nicht möglich, weder durch Einschläge noch durch Feuer. Nur durch eine kontrollierte Sprengung brechen Stahlträgertürme so schnell zusammen.« Daniel fuchtelte mit den Händen in der Luft herum, sodass Roberto sich zurücklehnte und ein Stückchen von ihm abrückte. Sie saßen auf der Eckbank am Küchentisch, wo Daniel ein Exemplar der Europhysics News ausgebreitet hatte. Das Abo hatte ihm seine Mutter zum Studienbeginn geschenkt, vermutlich um ihn auf seinen zukünftigen Nobelpreis vorzubereiten …

»Keine Ahnung«, antwortete Roberto mit einem Achselzucken. »Ich kann das alles nicht nachvollziehen.«

»Aber ich. Und ich sage dir, es geht einfach nicht!«

»Keine Ahnung«, wiederholte Roberto lahm und rieb sich seinen fusseligen, rötlichen Bart.

»Nee, du hast keine Ahnung. Aber andere fragen zumindest nach.« Daniel guckte finster. »Sammy hat mir Infos über die Statik des World Trade Center geschickt, die bisher geheim gehalten wurden.«

»Dein Ami-Kumpel? Du hast doch selbst gesagt, dass der Typ ziemlich crazy ist.«

»Aber er ist doch nicht der Einzige! Wieso glaubt man nicht einmal anerkannten Wissenschaftlern? Das ist schließlich kein Käseblättchen oder irgendein Verschwörungs-Flyer.« Er tippte auf die Zeitschrift, die vor ihm lag. »Das wird vom Dachverband der europäischen Physikgesellschaften rausgegeben. Glaubst du, die schreiben irgendeinen Scheiß zusammen? Über zweieinhalbtausend Architekten, Physiker und Ingenieure haben berechnet, dass die offizielle Version nie im Leben stimmen kann, Roberto! Warum wird das unter den Teppich gekehrt?«

»Ist doch veröffentlicht worden …«

»Ja, aber das ist schon ewig her. Danach ist nichts passiert. Es gibt keine neuen Untersuchungen vonseiten der USA. Die wollen nicht, dass die Wahrheit über Nine Eleven ans Licht kommt.«

»Welche Wahrheit denn?«

»Weiß ich doch nicht. Das ist es ja gerade!«

Jetzt kam Luise in die Küche und Roberto atmete geradezu erleichtert auf. »Hilf mir, Lu. Daniel macht mich fertig mit seinem Verschwörungskram. Er lässt einfach nicht locker.«

Mit Schwung warf Luise eine Großpackung Haushaltsrollen auf die Arbeitsplatte und stellte ihre Einkaufstasche ab. Sie wuschelte Daniel durch die Haare, schlang ihm die Arme um die Schultern und drückte ihn an sich. »Ich kann ihn verstehen, unseren Einstein«, sagte sie. »Es muss schlimm sein, wenn man die Wahrheit weiß und keiner einem glaubt.«

»Lass mich!« Er schüttelte sie ab. »Du nimmst mich auch nicht ernst.«

»Doch«, sagte Luise und setzte sich zu Roberto auf die Eckbank. »Aber ich bin noch dabei zu verkraften, dass die Mondlandung nichts als ein Hoax war, den die NASA inszeniert hat.«

Roberto seufzte. »Wem kann man überhaupt noch glauben? Die Welt ist durch und durch verlogen. Als Nächstes beweist uns noch jemand, dass Hogwarts gar nicht existiert.«

»Ihr könnt mich mal.« Daniel stand auf, nahm sich einen Apfel aus Luises Einkäufen und ging in sein Zimmer. Warum hatte er wieder versucht, sie zu überzeugen? Roberto und Lu waren naive Gutmenschen, die nicht bereit waren, ihr Weltbild infrage zu stellen. Ach was, sie waren einfach zu faul, um sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen, was wahr und was falsch war. Sie machten es sich ziemlich leicht damit, über alles zu spotten, was ihnen nicht in den Kram passte.

Natürlich war er nicht dumm und glaubte jeden Blödsinn, den irgendwelche Verschwörungstheoretiker in die Welt setzten. Chemtrails, durch die die Menschheit vergiftet werden soll, Adolf Hitler, der in der Antarktis tiefgefroren überlebt hat, Bill Gates, der mit Corona die Welt manipuliert hat, Elon Musk, der ein genetischer Hybrid sein soll, und all die Ufos, die ständig irgendwo gesehen wurden … Es gab jede Menge absurdes Zeug. Aber deshalb konnte man sich doch nicht über jeden Zweifel an offiziellen Darstellungen lustig machen. Der VW-Abgasskandal, die Bestechungen rund um die Fußball-WM in Katar, der Cum-Ex-Skandal … Immer wieder flogen die miesesten Sachen auf. Aber klar, erst mal wurde alles geleugnet.

Er stand am Fenster, verschlang den Apfel mitsamt dem Kerngehäuse und schaute auf die Straße hinunter. Die Leute hasteten nach Hause, um ihren Feierabend zu genießen. An alles gewöhnten sie sich, einfach an alles. Eine kurze Empörung über Putins Angriffskrieg, ein vorübergehend schlechtes Gewissen, weil an den Grenzen auf Geflüchtete geschossen wurde, ein besorgter Blick auf die Bilder all der Klimakatastrophen. Was soll’s, das Leben geht weiter. Man kann sich schließlich nicht um alles kümmern.

Als er wieder auf seinen Computer schaute, bemerkte er eine ungewöhnliche neue Nachricht. Betreff: Wer kennt die Wahrheit?, die Mailadresse sagte ihm nichts. War das Spam? Er zögerte einen Moment, dann siegte seine Neugier.

Es war eine merkwürdige Mail. Aber immerhin keine, die von einer Software in ein groteskes Deutsch übersetzt worden war. Der Absender, ein Mann namens Steffen, drückte sich sogar sehr gewählt aus. »Ich freue mich, lieber Daniel Wagner, in Ihnen einen Gleichgesinnten sehen zu können. Es gibt nicht viele Menschen, die Dinge kritisch hinterfragen und ihren Mund aufmachen. Meine Hochachtung. Es gilt, den Mächtigen der Welt die Stirn zu bieten! Neugierig geworden? Dann werde ich gerne konkreter.«

Was sollte das? Um welche Wahrheit ging es diesem Steffen? War das einer dieser Corona-Leugner, die nicht aufgeben wollten, die sogenannte Wahrheit über die sogenannte Pandemie zu verbreiten? Okay, er war damals auch auf einer Demo gegen die endlos lange Schließung der Schulen gewesen. Aber das konnte dieser Typ ja nun wirklich nicht wissen.

Er schloss die Mail, nur um sie kurz darauf wieder anzuklicken und noch einmal zu lesen. »Meine Hochachtung …« Ziemlich pathetisch. Aber immerhin erkannte mal jemand an, dass er kritisch denken konnte. Von Lu und Roberto erntete er ja nur Spott. Trotzdem erzählte er ihnen beim Abendessen in der Küche von der Mail.

»Wie ist der denn an deine Adresse gekommen?«, fragte Luise.

Inhalt

Cover

Cornelia Franz: Scheinland

Wohin soll es gehen?

I Frankfurt

II Wiesbaden, elf Wochen zuvor

III Sonnenhof

IV In den Swamps

V Zurück

VI Das Haus im Wald

VII Das Ende

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