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Die Besucher können in die Vergangenheit weder eingreifen noch sie verändern oder mit den damals lebenden Zeitgenossen in Kontakt kommen. Dank einer neuartigen Technologie sind die Touristen für die Menschen der Vergangenheit unsichtbar, müssen aber gewisse Vorsichtsmaßregeln beachten. Die Zeitreiseprogramme sind vergleichbar mit Kreuzfahrten auf Luxusschiffen. Ein kundiger Scout informiert und begleitet die Reisewilligen. Die Besucher konzentrieren sich bei ihren Ausflügen auf »erhabene historische Persönlichkeiten« der jeweiligen Zeitepoche, im Besonderen auf Personen, die in historischer Hinsicht Spuren hinterlassen haben. Für den jungen Protagonisten und Berichterstatter Dan stellt sich das Zeitreiseprogramm als eine Möglichkeit dar, neben dem Besuch ausgewählter historischer Persönlichkeiten auch seine verstorbene Momma wiederzusehen, an die er kaum noch Erinnerungen hat. Sein Vater, ein verarmter freischaffender Theaterdramaturg, wendet hierfür die letzten Ersparnisse auf … Die Reise wird durch technische Schwierigkeiten im Verlauf und später eintretende Sabotageakte für Dan zur Odyssee in der Zeit. Das moderne Unterfangen Zeitreise wird zum Mahnmal gegen die Hybris, menschliches Leben allein an fortentwickelter Wissenschaft und Technologie festmachen zu wollen. Mit einem gewaltigen Zeitsprung führt die Route vom Jahr 2068 zunächst zurück in das alte Ägypten, an das Sterbebett des Kinderkönigs und Pharaos Tutanchamun, dann nach Kleinasien in die Zeit Kleopatras und Marcus Antonius, der zum Zeitpunkt gerade seine Aufzeichnungen über Kleopatra anfertigt, die nie veröffentlicht wurden, weil er sie eigenhändig wieder zerstörte. Die unsichtbaren Besucher haben aber Gelegenheit, sie einzusehen, ja sogar zu fotografieren, in einem Moment, in dem Marcus Antonius sein beschriebenes Pergament offen liegen lässt und sich zum Schlafen legt. Weitere Zeitsprünge führen Dan und die ihn begleitenden Touristen unter anderen zu Maria Theresia inmitten des österreichischen Erbfolgekrieges, zu Queen Victoria, der Großmutter Europas und zu den letzten Lebensmomenten des letzen Romanow, Zar Nikolaus II. …
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Seitenzahl: 303
Veröffentlichungsjahr: 2013
www.tredition.de
Die glücklichen Zeiten der Menschheit sind die leeren Blätter im Buch der Geschichte.
[Leopold von Ranke, 1795–1886,
Oliver Märtin
Schicksal verweht im Wind
Aufzeichnungen eines Vergangenheitstouristen 1323 v. Chr. bis 2068
www.tredition.de
© 2013 Oliver Märtin
Umschlaggestaltung, Illustration: Oliver Märtin
Lektorat und Layout: Schreibwerkstatt Birgit Freudemann, Lektorat+Korrektorat, www.schreibwerkstatt-bf.de
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN: 978-3-8495-6900-6
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.deabrufbar.
Inhalt
Prolog
Der Wind weht nach Ägypten
Bei Aphrodite
Die unveröffentlichten Aufzeichnungen des Marcus Antonius [übersetzt aus dem Lateinischen]
Zeitalter der Zaren
Mirakel
Bei Queen Victoria
Erzherzogin Sophie von Österreich
Der wunderschöne Sonnenuntergang
Sibirien
Wilhelm II. bei Königin Wilhelmine
Der Rosenpatriarch
Auf des Messers Schneide
Morgenblüte
Die fabelhafte Eiserne Lady
Im Zug der Gedanken
Wer siegen will, braucht eine Geschichte
Sternenstaub im Gelobten Land
Die Zeit löscht die Schatten
Vogel mit brennenden Flügeln
Palast der Erinnerung
Danksagung
Prolog
Wer siegen will, braucht eine Geschichte,
wer siegen will, muss Soldaten ausheben,
wer siegen will, muss seine Geschichte umschreiben und
für das rechte Licht zuschneiden.
[Der Autor]
Die Senatorin sprach sich von Anbeginn gegen die Wirtschaftspolitik aus. Sie rief zum Engagement in der Krise auf. Sie warnte vor der immensen Staatsverschuldung. Ihre Kollegen taten nichts dagegen. Wir waren verrückt nach weiser Führungsstärke, landeten nach dem Zusammenbruch aber wieder bei der Stunde null. Von nun an sollte sich die Uhr zurückdrehen. Zumindest sollte sich das für mein weiteres Leben ergeben.
Sie war eine Kämpferin. Aber im interplanetaren Senat wurde immer nur über die Flughöhe der Umfragen debattiert. Sie insistierte auf universellen Rechten jedes Individuums. Gestern, am späten Abend, hat man sie erschossen. Nach dem Regierungswechsel in der Mitte des 21. Jahrhunderts sollte es nicht mehr lange dauern, bis ihrer schillernden Laufbahn mit einer Kugel ein Ende gesetzt wurde. Mit einer Kugel, die in ihren Hinterkopf eindrang und zwischen der Braue und dem linken Auge wieder austrat. Sie war meine Momma.
Der Wind der Medien trieb diese Nachricht zu mir.
»Dan, die nächsten Wochen werden schwer für mich sein.« So ihre letzten Worte, die sie mir zuflüsterte, als sie zur Sitzungswoche des interplanetaren Senats aufbrach. Es sollte ihre letzte Sitzungswoche werden.
Impressionen überwältigen mich, die ich unwillkürlich von ihr habe. Das Bild des süßen Jahrhundertmädchens, das als bezauberndes Wesen in der Wiege liegt. Jahrzehnte später ist daraus eine Dame mit hartem Gesichtsausdruck geworden, mit einem Blick, der jedes fremde Auge durch seine goldene Maske täuscht.
Des Weiteren das Bild von ihrer Hochzeitsfeier. Jede Faser ihres Glücks schien die Melancholie der Welt zu absorbieren. Und dass sie noch immer am Klavier übte, drei Monate, bevor sie mit einer Kugel hingerichtet wurde. Einem guten Freund hatte sie zugeraunt: Die Wahrscheinlichkeit, dass sie überlebe, ließe sich auf drei Fünftel bemessen. Rein zufällig hatte ich ihre Worte mitbekommen.
Meine Erinnerungen, als wir zusammen Weihnachten verbrachten. Papa hatte den Karpfen gebacken, sie den Baum geschmückt und die Geschenke eingepackt.
Ich sah sie wieder, wie sie beim Empfang anlässlich ihres runden Geburtstags Pirouetten tanzte. Registrierte, wie sie durch den Wahlkreis tourte, Honoratioren und Würdenträger hofieren musste, und auch, dass ihr die Alte eine glückliche Zukunft prophezeite. Als die Blumenouvertüre schließlich von einem unsanften Wind von ihrem Grab hinweggetragen wurde.
Nach dem Staatsbegräbnis war nicht vor dem Staatsbegräbnis. Für Papa und mich war nichts mehr so, wie es einmal war.
Sie wollte nicht allein ihre Stimme in den interplanetaren Kongress einbringen, sondern die Stimme, den Charakter und den Geist ihres Volkes. Als sie meine Hilfe benötigte, war sie allein. Nun war es zu spät, zu den Heerscharen des Himmels zu flehen.
Sie wusste, man konnte ökonomische Probleme nicht mit politischen Versprechen lösen. Die Herausforderungen waren einfach zu hoch. Die Gesellschaft anno Gegenwart, wie ich sie erlebte, war schon zu einer Falltür für den planetarischen Durchschnitt der Familien geworden. Eine medizinische Diagnose, eine Rezession, ein Zehntel Prozent Personalkosten trennten sie davor, in das schwarze Loch der futuristischen Gesellschaft zu fallen.
Die Zeit, ehe die Wirtschaft in den freien Fall stürzte: Zinsen, die Kosten der sozialen Sicherungssysteme und die Inflation explodierten.
Die Senatorin war eine Repräsentantin, die sich um die Menschen sorgte. Sie war da für die Stewardess, für die Hebamme, die Alleinerziehende und die Fahrerin eines Schulbusses. Sie hatte keine Minute zu verschwenden.
Sie sorgte sich um jeden Honorarsöldner, für dessen Gesundheitsvorsorge zu kämpfen sie niemals aufgab. Eine große Gruppe ausgeschiedener Admiräle und Generäle glaubte, sie sei die größte Senatorin ihrer Zeit. Niemals hielt sie inne, für diejenigen zu kämpfen, die für uns kämpften.
Sie tangierte ein besonderes Interesse für Kinder. Ihr Credo lautete: Die Zukunft darf nicht die Müllhalde der Gegenwart werden, und sie arbeitete hart daran, Senatorin genannt zu werden. In ihrer Position musste man bereit sein für alles.
Sie kämpfte für die interplanetare Mittelschicht. Für Leute einzustehen, die nicht fair behandelt wurden, war ihre Lebensaufgabe.
Sie initiierte etwas absolut Neues im supranationalen Senat. Für die Bediensteten im idyllischen Kleinstadtcafé ebenso wie für die Honorarkraft im urbanen Bistro, die Friseurin oder die Nachtdienst Leistende am örtlichen Hospital.
Sie alle waren oft überarbeitet, unterbezahlt, und wurden gelegentlich übersehen. Sie entwickelte daher eine interplanetare Familienagenda. Diese Leute konnte sie verstehen. Auch sie leistete Nachtarbeit.
Sie war die Einzige, die sich gegen die spezifischen Interessen der Konföderation partikularer Lobbyinteressen wehrte. Sie versuchte Partnerin der Menschen zu sein.
Die Wohlhabenden und gut Vernetzten hatten hinreichend Vertreter im interplanetaren Senat. Im Gegensatz dazu war sie von dem Unterfangen getrieben, die Steuern für die Mittelschicht zu senken.
»Ein Planet ist wie die Heimstatt einer großen Familie, in der man zusammenarbeiten muss. Denn es geht jedem besser, wenn es auch allen anderen besser geht.«
Dies waren keine typischen Zeiten. Für sie bedeuteten Kabale und Politik kein Spiel, sondern ein Instrument, das im Leben der Völker, die sie repräsentierte, einen Akzent setzte.
*
Seit ihrem unerwarteten Tod lebe ich, Dan, allein bei meinem Papa Leandros. Eine kleine Ewigkeit ist seitdem vergangen. Meine Momma wurde erschossen, als ich noch ein Kind war. So wurde es mir erzählt.
Damals begann Papa zu saufen und flog deswegen aus der Akademie der Dramaturgen. Seitdem arbeitete er als freier Künstler, als freier Theaterdramaturg. Seinerzeit meinte der Intendant, seine Inszenierungen würden zu stark ein Leitmotiv der Vergangenheit und zu viele Reminiszenzen aufweisen. Freie Kulturschaffende galten in unserer futuristischen Gesellschaft als Synonyme für hinzuverdienende Mittellose. Die Dividende der Kultur wurde ohnehin als etwas zu Vernachlässigendes erachtet.
In einer Zeit, in der sich alle paar Dutzend Monate das Wissen der Zivilisation verdoppelte und die künstliche Intelligenz der Cyberspezies mit List und Tücke noch rasanter bemerkbar machte. Rasch wird sie dem Intellekt der Sterblichen überlegen sein. Die Academy of Science berechnete den zeitnahen Tag X als D-Day, wie sie sagen, wenn Maschinen sich dann eine Seele programmieren werden. Dieser Wendepunkt der Moderne überspannte die Debatte in den Feuilletons.
Es kam der Tag, an dem ich in den Nachrichten einmal mehr Momma sehen konnte. In Ausschnitten, die veranschaulichten, dass sie etwa eine Stunde vorher erschossen worden war.
Leandros hatte einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, mit Wechseln auf die Zukunft gezahlt, und schöpfte nun sein Glück aus der noch nicht abgekühlten Zukunft.
Ich aber habe mir vorgenommen, Momma bald schon wiederzusehen. Seitdem Papa freischaffend ist, konnte er feststellen, dass die Armen weitherziger sind als die Reichen. Zeitnah werde ich die Geburtsstätte von Momma aufsuchen. Papa verliert über sie so wenige Worte wie möglich. Ich kenne von ihr nur ein paar Fotos. Weitere Impressionen sind einem Hurrikan zum Opfer gefallen.
Die Alte, vom Nachbarapartment hier in San Francisco, wusste viel über sie zu sagen. Aber die Alte hielt sich für eine Königin. Sie ist eine immens geschminkte Oma, deren Lippenstift und Hackenschuhe ich als übertrieben empfinde. Daher habe ich keine Intention, dass ein Meeting mit ihr zustande kommen sollte, und keine Veranlassung, ihren Geschichten zu lauschen. Sie gehörte früher einmal zu den bedeutenden Persönlichkeiten.
Momentan denke ich nur noch über den Augenblick nach, an dem ich meine Momma Selena besuchen werde. Und an den Moment, wo Leandros, mein Vater, ihr zum ersten Mal in die Augen sah.
Vielleicht werde ich dann auch wieder auf die in Lumpen gehüllte alte Schachtel stoßen, die meine Heimat beleidigte, als ich den alten Wolkenkratzer betrat, in dem sich die kleine Wohnung von mir und Papa befand. Zu einer Zeit, als sie einige Jahrzehnte jünger war. Dann werde ich in ihr Gesicht blicken, bevor das Alter es zur Geschichte entstellen würde.
Die Alte bemerkte meine spöttischen Lippen und kniff mir in die Wange. Mit einem Anflug von Lachen, das der grausamsten Folter der Geschichte ausgesetzt war, Spuren, die an Falten erinnerten, erzählten davon: »Dem Axiom des Alterns wirst auch du unterliegen, verwöhntes Bürschchen.« Was auch immer die Hexenzarin mit ›Axiom‹ gemeint haben mochte.
Sehr bald, im Morgenrot, werde ich zu Momma reisen. Es war Papa, den ich angebettelt hatte, bis er mir die Erlaubnis für dieses Wagnis erteilte. Mit einem sichtbaren Stich im Herzen stimmte er traurig zu, als ich ihn zum tausend und einen Mal anflehte. Er sah dabei verzweifelt zum Himmel auf, als ob der Teufel von dort oben begierig sein Glück trinken würde. Meine Augen leuchteten vor Stolz. Er strich mir über die Wange und flüsterte: »Vielleicht kommst du ja niemals zurück.«
Ich entgegnete: »Die Wahrscheinlichkeit ist genauso groß wie der Absturz eines Flugkörpers.«
Mit seinem zerquälten Gesicht schaute er mich schweigend an. Ich versuchte aus seinem Blick zu lesen. Furchen gruben sich in seine hohe Stirn.
Dan, das Leben vergeht wie im Flug, schien sein Gesichtsausdruck mir sagen zu wollen. Wir tauschten einen kurzen Blick. Du hast dein Leben noch vor dir, konnte ich aus seinen grünen Augen ablesen.
»Das Schicksal erwartet dich. Mir bleibt das Herz stehen, wenn ich mir ausmale, du würdest nicht mehr zurückkommen.«
Ich schluckte. Wie würde er mit seinem glücklosen Leben fertig werden, wenn ich nicht zurückkäme? Dieser Gedanke ließ mir das Blut in den Adern gefrieren.
Papa wirkte nachdenklich, streifte mit dem Zeigefinger an seine linke Schläfe und flüsterte fast: »Die Vergangenheit wird nicht tatenlos zuschauen, was man mit ihr macht. Irgendwann wird sie zurückschlagen. Es wird der Tag kommen, wo sie ihre Besucher nicht mehr zurückkommen lässt.« Ich dachte einen Augenblick über seine Worte nach.
»Du weißt, ich besitze kaum genug interplanetare Währungseinheiten, um eine Zeitreise zu buchen. Es würde Jahre dauern, bis ich genug Geld hätte, um nach dir zu suchen.«
Die Welt ist grausam. Der intertemporäre Reisekonzern ist grausam. Dass es Gerechtigkeit im Leben gibt, ist genauso wahrscheinlich, wie die These, der Mensch könne sich nicht aus der Schwerkraft katapultieren.
Künstlicher Regen rauschte über die Dächer. Eine paritätisch besetzte Kommission aus Meteorologen und Ökonomen hatte über das Wetterprogramm in der Atmosphäre zu befinden. Bald müsste das künstliche Gewitter einsetzen. Die Atmosphäre wurde traditionell mit Gewittern und Regenstürmen gereinigt, wenige Tage vor dem supranationalen Konförderationsfeiertag.
In den alten Medienartikeln steht zur Hochzeit meiner Eltern, der Altersunterschied zwischen dem jungen Gatten und der um etliches älteren Braut sei bemerkenswert gering in Anbetracht der Vermählung eines Mitglieds des interplanetaren Senats mit einem Niemand.
Vielleicht kann ich demnächst der Hochzeit beiwohnen, müsste dafür aber Leandros unendlich traurig machen. Mein Gedankensolo wurde durch seinen in die Leere laufenden Blick absorbiert. Diesem Blick wich ich aus, als der arme Kerl seine Augen auf mich konzentrierte. An seiner veränderten Körperhaltung und der undurchdringlichen Dunkelheit, die in seinem Blick aufstieg, konnte ich mir ausmalen, dass ich rot geworden war. Das passierte mir immer, wenn ich ihm Lügen auftischte. Papa wusste das.
Vielleicht hätte er vor sieben Jahren eine lieblose Vermählung mit einer der gelehrten Damen eingehen sollen, die sich junge Männer hielten. Dann hätten wir jetzt zusammen reisen können. Aber seit Mommas Tod, seit der Kugel, die ihr Herz sezierte, interessiert er sich nicht mehr für Frauen. Es schien geradezu, als würde er von der Ästhetik der Unterröcke nicht weiter tangiert werden. Papa lächelte fein: »Zeit, schlafen zu gehen. Du hast eine große Reise vor dir. Du solltest dich in deinen Träumen auf sie vorbereiten!«
Ich werde niemals seinen Gesichtsausdruck vergessen, während er das zu mir sagte.
Es war dunkel geworden. Nachdem ich mich grob gewaschen hatte, küsste mich Papa auf die Stirn. Als er das Licht gelöscht hatte, tastete ich nach der Taschenlampe. Knipste sie an und griff nach dem linken meiner abgetragenen Schuhe. Aus dem Innern zog ich eine Postkarte von Momma, die ich einmal in einer von Papas Schubladen gefunden hatte: …wegen damals, als du wie ein Vampir mein Glück aufgesogen hast und mit deiner Natur meine Zukunft zu verstümmelten ausgebrannten Wunden küsstest!
*
Als ich im Morgenrot erwachte, erwartete mich Papa mit frisch gebrühtem Tee und Brötchen. Auch eine Vorliebe, die nach Auffassung der Zeitgenossen nur aus der tiefsten Vergangenheit kommen konnte. Aus seinem fein geschnittenen Gesicht stachen dunkle Augen. Sie waren vollkommen blutunterlaufen. Die schwarzen Ränder breiteten sich jeden Tag weiter aus. Fast erhielt man den Eindruck, als habe er nur versucht zu schlafen. Am Morgen war ihm Blut in die Wangen gestiegen. Wir setzten uns zum Frühstück.
»Was träumst du eigentlich?«, fragte ich ihn. Sein Blick schweifte ab auf die unbeseelten Bäume im Garten des Zwillingshauses im 33. Stock – kommerziell erschwingliche und genetisch optimierte Massenware.
Papa schien meine funkelnden Augen zu bemerken. Jedenfalls murmelte er geradezu in sich hinein: »Durch das Leben kommt man nicht immer in filigranen Linien. Du solltest während deiner Odyssee durch die Zeit über bestimmte Sachverhalte einmal scharf reflektieren und dir überlegen, ob es eigentlich wirklich das Beste für dich wäre, zurückzukommen.« Fügte noch schnell an: »Vorsicht, nur Spaß!«, zischelte dabei und lachte melancholisch.
Leandros’ Glück hatte sich in alle Winde zerstreut. Der Traum, der durch die Dunkelheit der Klippen leuchtete, war bei ihm vor langer Zeit in gläserne Scherben zerbrochen. Die nicht mehr zusammengesetzt werden konnten.
»Ich habe in dieser Nacht keinen Schlaf gefunden, Dan.« Mit dieser Bemerkung riss er mich aus meiner kongenialen Gedankenkathedrale. Er konzentrierte seinen durchdringenden Blick auf mich und lächelte kraftlos. Angriffslustig riss ich eine Braue in die Höhe. Er würde mich nicht von dem Unterfangen abbringen können, meinen Traum aufzusuchen. Das sollte ihm niemals gelingen.
»Reise zu deinen Träumen, Dan, aber auf einem smarten Weg.«
Trotzig erwiderte ich: »Niemand könnte mich davon abhalten, Momma zu besuchen!«
Vater schaute mich wieder melancholisch an. Ohne mit der Wimper zu zucken, sprach er beflissen: »Wenn man die alten Geschichten kennt. Nur wenn du dich aus den Fesseln der Axiome der Wahrscheinlichkeit löst, wirst du aus der Maschine zur Vergangenheit entkommen können. Plane sorgfältig die Meilensteine zu deinen Träumen. Bevor unser Gespräch zu einem zermürbenden Stellungskrieg ausartet, möchte ich dich an das Schicksal unseres Hauses erinnern. Du weißt nicht nur, was mit Momma passiert ist. Du weißt nicht nur um die Bestimmung von Selena, sondern solltest auch das Leben deiner Tante bedenken. Vor der Jahrtausendwende geboren, studierte sie Jura, und nach dem 1. supranationalen Staatsexamen starb ihr Freund. Dann begann sie mit einem Studium der Ägyptologie, und als sie eines Tages damit konfrontiert wurde, eine Freundin entbinden zu müssen, war sie davon überzeugt, dass es ihre Bestimmung sei, Hebamme zu werden. Als sie gelegentlich untersucht wurde, stellte man einen Herzklappenfehler fest. Deshalb wurde sie, ein Routineeingriff, operiert.« Dabei fasste er mich sanft am Arm. »Meine Schwester starb bei der Operation.«
Diese Geschichte hatte ich nie zuvor von ihm gehört.
»Ein verlorenes Leben, Dan, eine verlorene Biografie. Ich könnte nicht ertragen, wenn es sich wiederholen würde.«
Doch mit jedem von Papas Worten stieg in mir die Kathedrale der Sehnsucht nach der Vergangenheit nur noch höher auf. Was auch immer morgen passieren wird, ich werde die Welt des Vergangenen betrachten. Ich werde in die Geschichte eintauchen und in den Wogen der Ouvertüre der Erinnerung zu Momma schwimmen.
Dennoch: Durch die Zeit zu reisen, wird eine Erfahrung sein, von der ich tausend und eine Vorstellung habe. Durch Lehm, Sand und Wasser der Zeit. Durch Schweiß im Gesicht der Arbeiter, die das Gerüst der Zivilisation errichteten. Durch Sturm, Schmerz und Schweiß, der im Gesicht brennt, werde ich die Baustellen, die zu Wundern der Götter wurden, aufsuchen können.
Auf in das gelobte Land der Vergangenheit! Durch den Schleier des Wüstenstaubes. Ich betete tagein und tagaus, sie wiedersehen zu können. Löse die Schleier der Vergangenheit, aber lass mich zu meinem Papa zurückkommen, so bat ich beflissen die Götter.
Verlorene im Schneegestöber der Geschichte, die gab es immer wieder, so wie Abstürze von Flugkörpern. Im Hinblick auf die Anzahl der Reisenden war diese Option dennoch als maximal unwahrscheinlich zu ermessen.
Eine Odyssee durch die Geschichte – ein Pfad in die Dunkelheit. Respektlose Gesellinnen waren die Stewardessen, welche die Massenflüge in die Vergangenheit betreuten. Unwiderstehlich, geheimnisvoll und in Momenten, wo sie sich unbeobachtet fühlten, einfach nur albern.
›Intertemporäres Sightseeing‹ war kürzlich zum Wort des Jahres erkoren worden. Vor siebzehn Jahren gab es die ersten Flüge in die Vergangenheit. Erst waren es Pioniere der Zivilisation. Dann folgten die Billionäre, und danach kamen die Milliardäre. Doch seit sieben Jahren sind Reisen in die Vergangenheit ein umkämpfter Markt, der primär auf Massenkunden abzielt. Qualitätskonzerne sind auf das Äußerste gefordert, die Invasion der Billiganbieter abzuwehren.
Aber: Der rote Schatten der Vergangenheit ist keineswegs ungefährlich. Es gibt eine böse Kraft, welche die Reisen ermöglicht, heißt es bei den Anglikanern bis hin zu den postmodernen Puritanern. Doch nichtsdestotrotz, die fabelhafte Vergangenheit war zum Kult der Masse transformiert. Ein beispielloses Spektakel. So haben Sie die Welt noch nie gesehen!, las man in der Werbung für die ›Kreuzfahrt durch die Weltgeschichte‹.
Die Forscher hatten einen Weg gefunden, wie man die Vergangenheit auf eine Weise aufsuchen konnte, ohne dort selbst entdeckt und sichtbar zu werden. Die Zeitgenossen des Vergangenen konnten einen mit keinem ihrer Sinne wahrnehmen. Einzig das Zeitreiseraumgefährt war womöglich als die einem UFO ähnliche Scheibe am Horizont auszumachen. Es gab für Zeitreisende keine Möglichkeit, in der Vergangenheit irgendetwas zu verändern. Auch konnte man weder Wasser und Nahrung aus der Vergangenheit zu sich nehmen noch Gegenstände bewegen oder Türen öffnen. Man konnte sich einzig frei bewegen und sogar Fotos machen, blieb selbst aber immer unsichtbar.
Ein Sonnenstrahl fiel in unser Esszimmer. Vater verabschiedete sich, um zu seiner Probe aufzubrechen.
Es gibt ein gutes Sprichwort: Wer die Vergangenheit erkunden möchte, muss sich aus der Obsession der Gegenwart befreien. Genau dafür hoffte ich bereit zu sein. Das Tor zur Vergangenheit würde ich morgen in Begleitung meines Vaters aufsuchen. Es gab natürlich verschiedene Buchungsoptionen für die Reise in die Vergangenheit. Das Economy Class Ticket, das Business Class Ticket und ein First Class Ticket – letzteres die sicherste der nun schon traditionsreichen Fahrten in die exklusive Vergangenheit.
Die Reisen in der Economy Class führten bestenfalls ins Industriezeitalter zurück, das Business Class Ticket reichte bis in die Renaissance, und mit dem First Class Ticket gelangte man bis hin zur Klassik. Mit dem Super First Class Ticket konnte man sogar der Antike einen Besuch abstatten.
Die supranationale Koalitionsregierung erhob auf alle Zeitreisetickets Steuern. Auch wenn die Zeitreisen zu einem Massenprodukt des Marktes transformiert waren, konnten sich viele den Traum einer Zeitreise einzig mit einem Last-Minute-Ticket leisten, und selbst dafür mussten sie jahrelang ansparen. Viele investierten ihre Lebensversicherungen oder plünderten ihre private Altersvorsorge für die Traumekstase.
In der Super Business Class konnte man gegen einen kleinen zusätzlichen Obolus niemand anderem als Napoleon auf Korsika einen Besuch abstatten. Für ein Upgrade im Spezial Ticket mit dem bezeichnenden Titel ›Eine Woche Napoleon, von Korsika über Elba in den Südatlantik nach St. Helena‹ konnte eine Wellness-Stunde in Waterloo gebucht werden. Fünfundzwanzig Prozent Preisnachlass gab es bei einjähriger Vorausbuchung.
Schülern wurde ein Zeitreisesparvertrag für die ›Weltgeschichtsreise‹, gleich nach dem Bestehen der Hochschulreife angeboten. So war es in den Hochglanzwerbebroschüren zu lesen.
Karitative Glaubensverbände, von Scientologen bis zu den Baptisten, Methodisten und Mormonen, boten private exklusive Buchungen an: ›Die Reise zum Paradies‹.
Weit verbreitete Hochglanzbroschüren warben mit Sprüchen wie ›Landen Sie in der bizarren Landschaft der Kavallerie und Kanonen, der Rotrockschützen und Ritter, der Samurai und antiken Streitwagen‹. ›Zeitreisen günstig wie nie!‹, konnte man auf den 3D-Werbebildschirmen an öffentlichen Plätzen lesen. Angepriesen wurden ›Luxuriöse Nostalgiezeitreisen‹ oder ›Natur- und Kulturreisen zu unseren Freunden, den Germanen‹.
Oder: ›Ein Trip der besonderen Art! Wandern Sie durch den grandiosen Teutoburger Wald während der Varusschlacht! Besuchen Sie Bethlehem am Tag der Geburt des Christentums, die heilige Weihestätte der Geschichte! Tauchen Sie ein in die sagenumwobene Zeit der christlichen Hochkultur. Entdecken Sie die Zeit der einzigartigen Kultur der faszinierendsten Herrschaftshäuser‹.
Weitere Angebote: ›Unser Service: Eine Kreuzfahrt ab 1438. Auf den Spuren der Habsburger Kaiserdynastie, die von Goethe, Molière und Maria Theresia geprägt ist. Besuchen Sie Sissi in Possenhofen und baden Sie im Wellnessambiente mit der Kaiserin von Österreich-Ungarn in der Wiener Hofburg. Mischen Sie sich unter unsere Vorgänger auf imposanten Maskenbällen und suchen Sie all die Prinzessinnen …‹ Gut, dass unser Scout, der Historiker Dr. Cäsar, dabei sein wird. Er ist nicht nur Reiseleiter, sondern ein historisches Genie. Er kann die Führungen auf Englisch oder Lateinisch halten, die Töchter der Königinnen von Hofdamen unterscheiden, und erspäht exklusiv die Mätressen des Königs.
›Vom Weimar der Hochklassik über die Columbus-Reise nach Indien bis zur Flucht Luthers auf die Wartburg. Tauchen Sie ein in die Kultur- und Bildungspassage. Mit dieser besonderen und außergewöhnlichen Traumzeitreise werden Sie entführt in touristisch kaum berührte Regionen der Historie. Genießen Sie den Zauber der Persönlichkeiten wie im Traum, den faszinierenden mannigfaltigen Artenreichtum der Statisten der Vergangenheit und nicht zuletzt die Bilderbuchschauplätze dieser Reise‹.
›Erleben Sie den Mythos Deutschlands unter Kaiser Wilhelm II. Eine intertemporäre Rundreise von den deutschen Kolonien bis hin zur Beerdigung von Queen Viktoria‹.
›Die frühen Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts gelten als eine Zeit der Superlative. Auch eine ideale Reise für Technikliebhaber. Sie beginnt bei Graf Zeppelin, wo Sie Einblicke in die technische Höhe der Zeit finden. Wanderungen und Übernachtungen auf der einfachen Wiesen-Lodge in Lakehurst – nur 100 Kilometer nach New York City – inklusive des finalen Landeanflugs des Luftschiffs Hindenburg. Werden Sie Zeuge des Flammeninfernos, dem der Zeppelin zum Opfer fällt.‹
*
Endlich war alles fertig für die Abreise. Die Verpflegung und meine Klamotten hatte Papa zusammengestellt. Als er mich am Morgen des Beginns meines wagemutigen Abenteuers weckte, war sein Gesicht aschfahl. Vielleicht schien er irgendwie zu wissen, dass er mich nie wiedersehen sollte.
Als ich zum letzten Mal durch die Tür meines Zimmers trat, aus den vier Wänden heraus, in denen ich so viel Zeit darauf verwendet hatte, mir eine Vorstellung von der Vergangenheit durch den dichten Nebel der Überlieferungen hindurch auszumalen, überfiel mich Wehmut. Die Traube von Freunden, die sich am Eingang zu unserem hoch gelegenen Apartment versammelt hatte, umarmte ich und verabschiedete alle mit einem trübsinnigen Gruß. Bereits gegen Mitternacht brachen wir zum Zeitreiseterminal auf.
Ich grübelte darüber, wie meine Zukunft bei den mich anziehenden Sirenen der Vergangenheit wohl verlaufen würde. Schon bald würde ich Richtung Osten fliegen, erst über Birkenwälder und dann über die triste Gegenwart. Ich würde über Stunden, Jahre und Jahrhunderte hinwegspringen. Das Firmament und die Zeit würden sich vor mir in endloser Weite ausdehnen. Der Metropolen Lichter würden immer weiter zurückweichen, die Moderne würde sich wie in einem Säurebad vor meinen Augen häuten. Bald schon würde ich mich in dem schier grenzenlosen Raum befinden. Was bliebe wohl zurück, wenn ich mich von der Zukunft entfernte und meine Gegenwart sich zu Asche verwandelte?
Am Abend vor Mitternacht hatte ich, entgegen Papas gut gemeintem Befehl, keine Stunde schlafen können. Zu aufgeregt war ich vor dem Augenblick, wenn die Gegenwart wie Schnee dahinschmelzen würde. Aber nun war endlich der frische Morgen nach Mitternacht angebrochen.
Papas Gesicht wirkte auf mich zum ersten Mal abgehärmt. Er schien insgeheim immer noch der Meinung zu sein, ich würde die Reise in die Vergangenheit viel zu jung und überstürzt antreten. Er wirkte so totenblass wie schon lange nicht mehr. Er hatte ebenfalls nicht geschlafen, gestern alle Mahlzeiten ausgelassen und schon in den letzten Tagen die Alltagsroutine vernachlässigt. Alles wegen meines Durstes, endlich Momma einmal mit eigenen Augen bewundern, die rätselhafte Vergangenheit unter ihrem Schleier erkunden zu können.
Papa hörte alle meine morgendlichen Ausführungen mit vollendeter Selbstbeherrschung an. Er schien meinen Sturm und Drang nach allem, was ich in der Vergangenheit anstellen wollte, zu verstehen, auch dass ich keine Sekunde zögern würde, bestimmte geschichtsträchtige Orte aufzusuchen. Er meinte: »Bestenfalls wirst du nur mit einer gebrochenen Seele zurückkehren, nachdem du den Ungetümen der Vergangenheit der Reihe nach, als seien es beliebige Games, gegenübergestanden haben wirst.« Er schien es nicht zu wagen, seine größte Angst zu offenbaren: dass ich aus der Vergangenheit niemals wiederkehren könnte. Vielleicht war Papa tatsächlich der Auffassung, dies sei das Beste für mich. Doch dürfte dieser Sachverhalt zweifelsohne das Grausamste für ihn bedeuten. Diese hypothetische Tatsache ließe den Kern seiner Seele höchstwahrscheinlich zu Asche verfallen.
Der Mond stand nicht am Himmel. Papas Atemhauch gefror in der Luft.
»Grüß Momma, wenn sie als betagte Frau die Treppe wie ein kleines Mädchen hinabrennt, und ich sie, damals noch unverheiratet, besuchen komme. Auch wenn sie dich nicht sehen wird und ebenso wenig deine Liebe fühlen kann. Aber du kannst sie segnen, auch wenn du dir bereits der Zukunft ihres Schicksals bewusst bist.«
Papa wirkte auf einmal unsagbar traurig. Er blickte mich schweigend an. In den letzten Wochen war er abgemagert und schien über Nacht um Jahre gealtert. Obgleich er nicht gerade an Cremes sparte, die ihn jünger wirken ließen. Aber vielleicht war das auch der jüngsten Unregelmäßigkeit seiner Routineabläufe geschuldet. Sein Interesse an Frauen war ohnehin seit Langem in den Winterschlaf transferiert, wenn nicht gar in seiner Trauer um Momma unter Asche erstickt.
Wortlos verbrachten wir den Morgen des Abreisetages. Während wir unseren alten Flieger bestiegen, um zum Himmelskörperhafen zu fliegen, legte Papa eine wunderbare Würde an den Tag. Mir war bewusst, dass ich rote Wangen und leuchtende Augen hatte, da sich nun mein lang gehegter Traum in die Realität transformieren sollte. Mein Interesse am Gang der Ereignisse der Geschichte sollte auch nach meiner Rückkehr niemals nachlassen.
Papa sprach überlegt und ernst zu mir: »Dan, deine Expedition wird kein Vergnügen für dich werden – etwa wie ein beliebiges virtuelles Game -, sondern eine Zeit der Prüfungen. Der Mensch verändert nur sehr flüchtig die Zeit, die Zeit aber unumkehrbar den Menschen. Du wirst, solltest du zurückkommen, niemals wieder der sein, der du vormals warst. Wenn du zurückkommst, wirst du zumindest ein vollendeter Erwachsener sein. Deine Kindheit wird von Leid, Tragik und Grausamkeit der Vergangenheit niedergemäht werden. Weder wird die Zukunft heiter und wolkenlos sein noch war es jemals die Vergangenheit.«
Als ich eine meiner einfältigen Antworten rausplatzen lassen wollte, bedeutete er mir mit prophetischer Geste zu schweigen. Doch ließ ich mich nicht beirren: »Eines fernen Tages werden wir ein kleines hinreichendes Vermögen haben, um die Vergangenheit gemeinsam zu erkunden, und wir werden gemeinsam jene Zeit besuchen, zu der du Momma kennengelernt hast.«
Papa schien diesen Gedanken für eine Sekunde zu genießen. Er lauschte mit strahlendem Lächeln dem Klang dieser Idee. Beflissen erwiderte er: »Dan, meine Gesundheit wird mir nicht gestatten, viel umherzureisen, schon gar nicht in der Vergangenheit. Ab einem gewissen Alter ist man unumkehrbar im schäumenden Meer der Erinnerung verloren. Irgendwann wirst auch du das begreifen müssen. Wahrscheinlich bereits dann, wenn du halb so alt sein wirst wie ich. Meine Gefühle gehören der Vergangenheit an. Manchmal, in der Nacht, höre ich die Vergangenheit rufen, rufen, rufen … Mich würde die Vergangenheit niemals zurückkehren lassen. Die Meerjungfrauen aus den wunderbaren Szenen meiner Biografie würden nie den Arm um mich lösen, sondern mich in die Tiefe ziehen. Das aber kann ich dir nicht antun. Das Leben in der Postmoderne ist schon anonym genug. Deine Zukunft steht wie ein Blumenbeet in der Sonne. Das Vergangene bietet nichts als Bilder des Müßigganges und des trivialen Vergnügens. Die Tage der Geschichte werden dir länger und bei Weitem aufregender erscheinen als dein mittelmäßiges Leben in der Gegenwart. Wenn deine Zukunft Farbe hat statt Blässe, und wenn du mich dann nicht mehr brauchst, werde ich in meinen alten Tagen der Vergangenheit entgegengehen, und langsam werden die Wellen mich im Meer der ausgedehnten Erinnerung zu sich holen.«
Papas ausgezehrte Lippen waren zu einem breiten Lächeln kindlich gefroren. Ich stellte mir vor, wie Momma durch Kirschgärten wanderte, während Springbrunnen im angrenzenden Park plätscherten und Vögel sangen. Überall dürften damals Blumen im Sonnenschein geblüht haben.
Das aschfahle Gesicht von Papa verlor nicht seine hypnotische Wirkung auf mich. Er riss mich aus meinem Gedankengang …
»Dan, schau dir bitte nicht die Zeit an, zu der ich ihr Begräbnis organisiere. Und falls du versehentlich in der Zeit meiner Jugend stranden solltest, musst du wissen: Nur in Ausnahmefällen bin ich in Nachtclubs rumgehüpft. Und wenn du die Worte teure Prostituierte hören solltest – deren Bedeutung du nicht kennst, und heute auch nicht die Stunde ist, es zu erfahren -, so musst du mir versprechen, nicht weiter den Schatten meiner Vergangenheit zu folgen, sondern zur nächsten Station aufzubrechen.«
Die Nacht war kalt. Hatte ich wirklich an alles gedacht?
Die Zeitreisekrankenversicherung hatte ich abgeschlossen. Der bei der Regierung beantragte Pass für das Eindringen bis in die vorchristliche Ära befand sich in meiner Tasche. Wir stiegen um in die fliegende Metro.
Je älter der Morgen, umso blasser das Gesicht von Papa. Ich grübelte analytisch, dass ich, wie jeder Mann, um die Bedeutung der Worte ›teure Prostituierte‹ zwar wusste, wie wenig ratsam es gerade jetzt aber wäre, ihn durch ein Bekenntnis dieses Wissens erschaudern zu lassen.
In einem Augenblick wie diesem, dem schwersten, trauerte Leandros mit der Kraft seiner wagnerschen Seele. Raureif und Tau verzauberten die künstlichen Grasteppiche am Morgen, während wir uns unserem Ziel näherten und Zeit mehr als genug hatten. Vor Aufregung musste ich schlucken. Papas sorgenvoller Gram schien wie ein schwerer Stein auf seinem Herzen zu lasten. Ich widerstand der Versuchung, ihn mitten in der Metro zu umarmen und im Morgenverkehr womöglich alle Blicke auf uns zu ziehen.
Voll Neugier und Abscheu sah ich dem Augenblick entgegen, wenn keine Altersbeschränkung mich mehr hindern würde zu beobachten, wie die Vorgänger unserer Zeitrechnung bei lebendigem Leibe verbrannt wurden und die johlende Menge ihnen dabei zusah. Glaube, Liebe und Hoffnung würden dann meiner Abscheu über die Barbareien vor unserer Zeit eindrucksvoll Ausdruck verleihen.
Den Menschen Humanismus zu lehren, habe sich, unter besonderer Berücksichtigung des Inputs der Vergangenheit, immer schon als Kampf gegen Windmühlen erwiesen! – Papas oft vorgetragene Weisheit.
Trotz des Ballasts der täglichen Existenz vermochte Papa, ohne Kompromisse einzugehen, ein Leben nach seinen Grundsätzen zu führen.
Die vergilbten Briefe von Momma rührten ihn noch immer zu Tränen. Er spielte immer noch auf dem Flügel. Und er verriet mir, dass ihm früher, bei einem Meeting mit meiner Momma, die Beine gezittert hätten.
Wegen der schlaflos verbrachten Nacht wurde mein Kopf unmittelbar vor der Ankunft am Flughafen müde und schwer. Dass Papa an chronischer Schlaflosigkeit litt, wusste ich. Auch wenn er versuchte, es vor mir zu verbergen. Wenn man genau hinhörte, atmete er schwer und keuchte schlimmer denn je.
Wir hatten seinen mageren Obolus für meine Traumreise zur Kathedrale der Vergangenheit gespart, anstatt ihn für das sündhaft teure medizinische Consulting einzusetzen. Das konnte sich ohnehin nur ein Fünftel der Bürgerinnen und Bürger leisten. Mein Kopf war inzwischen so schwer und ich fühlte mich so müde, dass ich alles darum gegeben hätte, nicht weiter nachdenken zu müssen. Papa hatte bis an die Grenzen seiner Kräfte arbeiten müssen, während ich für meine Traumreise unsere Zukunft trank. All seine Ersparnisse würde ich dafür konsumieren.
Feierliche Mollakkorde erklangen aus einem der mannigfaltigen Radioprogramme in der fliegenden Metro.
Ein Hauch von Wehmut erfüllte das Panorama um mich herum. Wir befanden uns nun vor dem Zeitreisehafen in San Francisco. Als ich mich erleichtern ging, stand neben mir plötzlich der Wirtschaftsminister, den ich aus dem Fernsehen kannte, flankiert von seinen Bodyguards. Beim Händewaschen sprach mich einer der Bodyguards sogar an … Was war das erhebend!
In mir keimte die Vorstellung, wie Momma ihr Haar mit Blumen schmückte. Während des Gangs zum Terminal des Zeitreisehafens waren meine Gedanken weit entfernt. Die Zeit des Abfluges näherte sich unaufhörlich.
Mein Vater plauderte mit einem Kollegen, den er im Innern ausgemacht hatte, über belanglose Dinge. Ich bemerkte sein gezwungenes Lächeln. Seine Augen begannen unruhig umherzuwandern. Diese letzten gemeinsamen Stunden hätte er lieber mir gewidmet. Ständig sah er auf Uhr und Anzeigetafel des Zeitreiseterminals. Ich vermutete, er war weit aufgeregter als ich. Meine Aufregung beschränkte sich im Augenblick darauf, meinen geistigen Kompass völlig durcheinanderzubringen.
Der Blick von Papas Kollegen mit den scharfen Zügen im Gesicht verharrte auf einem Mädchen, das nach meinem Dafürhalten hinreißend aussah.
»Helen, komm bitte«, rief eine Angehörige ihr zu, »wir sollten allmählich mit der Abschiedszeremonie beginnen!«
Ich hoffte, wir würden im selben Himmelskörper die Zeit unseres angestimmten Daseins erkunden. Papa registrierte meine erotisierten Blicke und lächelte mir zu. Aber in seinem Lächeln lag ein Hauch wehmütiger Traurigkeit.
Kurz vor fünf Uhr früh. Künstliche Gewitter entluden sich, um die Atmosphäre für den supranationalen Konföderationsfeiertag der Regierung herzurichten. Die künstlichen Schauer setzten alles, was sich nicht innerhalb von Gebäuden befand, unter Wasser. Um sechs Uhr sechs würde unser Himmelskörper zur Reise in eine Mythen umspannende Zeit aufbrechen – wie ich hoffte, mit Helen, der hinreißenden Prinzessin des Morgens. Die eine präzisere körperliche Begutachtung herausforderte.
Stattliche junge Security-Honorarsoldaten mit breiten Lippen grüßten uns mit einem recht angenehmen Morgen! Es gab hinsichtlich ihrer Entlohnung das Gerücht, dass sie sich zum Ende des Quartals von künstlich produzierter Baumrinde ernähren müssten.
Die Minuten verstrichen. In mir war alles bereit, in die asymmetrischen Pfade der Zukunft und Vergangenheit am Ufer der Zeit einzutauchen, das einst durch die Wehen der Zeit sich gebildet hatte. Allerdings wurden Reisen in die Zukunft von der supranationalen Regierung verboten.
Als mein Himmelskörper auf der Anzeigetafel aufleuchtete und aufgerufen wurde, küsste Papa mich auf die Stirn und sprach mit warmer Stimme: »Was auch immer passiert, ich werde dich in Erinnerung behalten. Manchmal wünschte ich, ich wäre wie du. Alles Gute dir in deiner zukünftigen Vergangenheit! Glaube nur, was du mit eigenen Augen beobachten wirst!«
Eisig zog es durch die Luft am Morgen. Das grollende künstliche Gewitter war nach Planung des paritätisch besetzten Meteorologen-Komitees zur Klimaabstimmung so rasch vorüber, wie es gekommen war.
Die Honorarsoldaten verkündeten, dass uns in der Vergangenheit ein klares, sonniges Wetter erwarten würde.
Zur Überraschung von Leandros und mir – die wir uns beide zum ersten Mal auf der Zeitreisestation unserer Metropole aufhielten, die aufgrund ihrer Dimensionen sprengenden Größe und ihres werbewirksamen vergangenheitsorientierten Designs ein bisschen an ein Mausoleum erinnerte – verlief das Einchecken weitaus unkomplizierter als gedacht.
Als ich mit Papa die letzten Schritte zu meinem Zeitschiff ging, wurde die Stimmung zwischen uns poetisch, obgleich wir keinerlei Worte wechselten. Zitternd harrte ich des Schicksals, das mich an Bord dieses eindrucksvollen Zeitreisekreuzers erwartete.
Laut den Hochglanzbroschüren und der einen überall tangierenden Werbung für Zeitreisen befand man sich an Bord eines solchen Zeitschiffes in einer Oase des Überflusses.
Papa hörte ich auf einmal schluchzen: »Meine unglückselige Familie zerfällt in die letzten Stücke. Die Vergangenheit ist im Kern nur Schauplatz einer gigantischen Orgie des Verbrechens!«
So versuchte Papa mich zu warnen. Seine weinerliche Interpretation der Vergangenheit indes konnte meine Vorfreude auf das Abenteuer nicht hinwegfegen. Aber mein schlechtes Gewissen ihm gegenüber stach wie eine Nadel.
Ich stand unmittelbar vor dem Aufbruch in eine wahrlich neue Zeitrechnung. Das Nachspiel meines egoistischen Abenteuers, wenn Papa meinetwegen einsam und verlassen und mittellos sein würde, ließ mich erschaudern.
Mit dem Lift wurde ich an Bord des imposanten Zeitreiseflugkörpers befördert. Bereit für den Aufbruch in ein Universum, das sich nach Auffassung von Papa allein durch eines auszeichnete: durch ein Gerüst aus grausam vergossenem Blut. Die einzige Konstante der Vergangenheit wäre, dass überall immer nur Blut geflossen sei, so Papas Anschauungsentwurf.
Mein Ticketcode wies mich in eine Kabine auf der untersten Etage. Ich musste dazu eine Treppe runterstürmen und betrat sodann eine beinahe nur schnurbreite Kabine, deren Fenster nach draußen sich zufällig genau auf Augenhöhe Leandros’ befand. Fröhlich klopfte er gegen die Scheibe. Ich konnte mir die Geräusche, die er erzeugte, nur ausmalen, denn diese sowie sein Rufen vernahm ich nicht. Das Bullauge war nicht zum Öffnen gedacht. Abgesehen von der Enge der Kabinen wirkten auch die Farben in den Gängen der Economy Class kalt. Alles funktional. Geradezu eine bezeichnende Interpretation von ökonomischer Effizienz.
Fünf Wochen würde ich mich mit der unkomfortablen Kabine begnügen müssen.
