Schlicht: Liebe. - Stefanie Nickel - E-Book

Schlicht: Liebe. E-Book

Stefanie Nickel

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Beschreibung

In Jeans, Hoodie und Turnschuhen. Groß gewachsen, so gerade wie ein Baum. Vielleicht nicht ganz so breit. Die dunklen Haare recht kurz geschoren. Kohlrabenschwarze Augen, die etwas verhalten schauten, aus einem markanten Gesicht. Genau so trat Raven Montag an einem verregneten Freitag in den Klassenraum. Und damit auch in Lis Leben. Herrje! Stell dir vor, es passiert etwas Magisches! Eigentlich wollte die 17jährige Julia - Li - nur ein bisschen träumen. Da taucht ein neuer Mitschüler auf. Plötzlich steht er im Klassenzimmer - ordentlich groß und so ganz anders. Wam! Schon ist es um Lis Herz geschehen. Wie von Zauberhand geführt, finden sie und Raven - Rav - zueinander. Das aber gefällt nicht allen und ein - scheinbar vom Schicksal - gelenktes Spiel beginnt: Fremdenhass. Ein Mord. Die beiden werden getrennt. Können sie am Ende doch wieder zueinander finden? Und welches Geheimnis versucht Rav so beharrlich zu verbergen? Eine Erzählung, angelehnt an William Shakespeares Romeo und Julia sowie an Johann Wolfgang Goethes Faust I.

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Seitenzahl: 83

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Für K.S. und ihren Glauben an mich.

Tausendfach Dank.

Inhaltsverzeichnis

Neuer Fremder

Rendeyous mit Goethe

Shakespeare is back

Schlicht: Liebe

Ein ganzer Sommer

Die Reise des Windes

Neuer Fremder

“Geist: In Lebensfluten, in Tatensturm // Wall ich auf und ab,

Webe hin und her! // Geburt und Grab, // Ein ewiges Meer,

Ein wechselnd Weben, // Ein glühend Leben,

So schaff’ich am sausenden Webstuhl der Zeit, //

Und wirkte der Gotthei lebendiges Kleid.

Faust: Der du die weite Welt umschweifst, //

Geschäftiger Geist, wie nah fühl’ ich mich dir! //

Geist: Du gleichst dem Geist, den du begreifst, // Nicht mir!”

(Johann Wolfgang von Goethe, Faust I)

Stoßweise atmend, zuckte ihr Körper. Ihre blicklosen Augen, schauten in die Leere. Das Gesicht so bleich, wie ein Leichentuch. Weißer Schaum trat aus ihrem Mund.

»So tu doch was, Rav«

Die hysterische Mädchenstimme verlor sich im Nebel.

Mit einem letzten kraftvollen Schlag drückte sich ihr Herz gegen die Brust.

Wum.

Schon wurde sie von der Dunkelheit verschluckt. Jetzt kam der Tod.

Also doch.

***

Freitag. Fünf Tage vorher.

Ein gleichmäßiges Rauschen drang zu ihrem Ohr. Es regnete – und das sehr stark. Und schon seit Tagen. Grau‘ in graue Wolkenfetzen wollten den Blick ins Mai-Blau einfach nicht frei geben. Dicke Tropfen seilten sich wie gelangweilte Regenwürmer von den hohen Fensterscheiben.

Warum regnet es ausgerechnet jetzt so viel, überlegte Li. Dabei wollte sie doch. Aber das ging jetzt nicht. Stattdessen träumte sie sich in ein fernes Land.

In meiner Phantasie, da existiert ein perfekter Ort. Aus Farben, so vielfältig wie der schönste Regenbogen. Ein schillernder Ort aus Diamanten. Inmitten eines Herzens aus Grün. Dort stehe ich. Lasse meine Gedanken auf die Erde regnen. Und blinzle. Irgendwas fort. Schon blickt es sich klarer. Glück zulassen ist eine Kunst, die anmutig achtsamer Lebenskraft bedarf, denke ich. Ergibt das Sinn? Die Blätter des Tanns um mich herum, ein Prisma. Lenken um. Wellenförmig. Ein optischer Effekt. Sieht aus, wie frittierte Sonnenstrahlen. Und ich, ein ruhender Tiger im Gehölz. Bereit, mit dem Wind zu springen. Wenn sich der nächste Schritt zeigt. Aktion und Reaktion – ein Wechselspiel. Dass dem Licht gleicht. Weil es über Grenzen reicht. Ist man erst einmal mutig genug. Zu riskieren. Da das Kämpfen heißt. Für die eigenen Ziele.

Doch Manchmal, da lässt das Leben warten. Dabei wollte ich. Und doch geht’s einfach nicht weiter. Weil Ruhe drin ist. Stille im Herzen heißt aber nicht, dass das Leben eine Pause macht.

Ein Klopfen schreckte die 17-jährige aus ihren Tagträumen. Sie erwachte. Schlagartig kehrte ihr Fokus zurück in den Unterricht. Und ihr Blick wanderte blinzelnd zur Tür.

Herein trat die hagere Gestalt des Konrektors. Wie immer trug er seinen dunklen Anzug mit der veralteten Würde eines Lateingelehrten zur Schau. In dem hoch gewölbten Klassenzimmer des roten Backsteinbaus an der lang gezogenen Allee, wirkte er wie die verblasste Kopie einer Figur aus einem mittelalterlichen Bühnenstück. Nicht ohne Grund hatten ihn die Schüler heimlich Pater Noster getauft.

»Guten Morgen«, sprach Dr. Wagener eintretend. Die freundlich kühle Reserviertheit seiner Stimme füllte den Raum nicht wirklich aus; machte ihn bloß etwas grauer.

Wie ein zurückgelassener Regenschirm stand er vor dem White-board. Und warf seinen prüfend musternden Adlerblick aus blassblauen Augen auf die Oberstufenschüler. Einige versteckten sich hinter ihren Tablets; nutzten diese ganz offensichtlich so, wie Captain America sein Schutzschild.

Bei seinem Anblick musste Li unwillkürlich an den unzufriedenen Dr. Faust denken und wie Goethe ihn beschrieben hatte:

„Da steh‘ ich nun, ich armer Tor! //

Und bin so klug, als wie zuvor; //

Heiße Magister, heiße Doktor gar, //

Und ziehe schon an die zehen Jahr, //

Herauf, herab und quer und krumm, //

Meine Schüler an der Nase herum“ //

Herr Wanko, der sympathische Mathereferendar, hielt inne und überließ dem stellvertretenden Schulleiter die Bühne. Der Kontrast zwischen beiden Generationen hätte nicht augenscheinlicher sein können.

»Ich möchte Ihnen Ihren neuen Mitschüler vorstellen«, fabulierte der Konrektor nasal. Und wirkte umso mehr, wie ein stocksteifer Gelehrter. Einer, der sich für den Erhalt der guten alten Sitten berufen fühlte.

Das Rauschen des Regens wurde vom Gemurmel der Schüler unterbrochen. Lis Augen wanderten neugierig geworden abermals zur Tür.

Tritt jetzt Mephistopheles auf die Bühne, dachte sie und musste kichern.

»Raven Montag wird ab sofort zusammen mit Ihnen die 12. Klasse besuchen und am Unterricht teilnehmen«, sprach Dr. Wagener und winkte bestimmt. Die Geste wirkte nicht wirklich wie einladend. Dennoch trat jemand aus dem Schatten des Türrahmes hervor.

Raven? Rabe! Was ist das denn für ein spuki Name?

Li warf einen Blick. Und schnappte nach Luft. Ihre Augen weiteten sich.

Des Pudels Kern trat in den Raum.

DAS ist ja ein Indianer, dachte Li total perplex. Der hat ja man gar nichts mit dem ach so edlen Wilden gemein, über den man tonnenweise Bücher geschrieben hat.

Ein Raunen ging durch die Klasse. Irgendwer filmte mit seinem Smartphone. Und würde es später wahrscheinlich auf Youtube hochladen. So typisch! Ein paar Mädchen kicherten nervös. Natürlich!

Li reckte sich, um einen besseren Blick zu haben.

Der neue Fremde schaute sie genau in diesem Moment an.

Schon stand ihr Herz still.

Wie ein Blitzschlag schlug‘s ein.

Wusch.

23. 22. 21.

Und knallte gewaltig, als sich ihre Blicke trafen. Haute buchstäblich um.

Beinah auch wortwörtlich.

Total perplex ließ sich Li in ihren Stuhl zurückfallen.

Was war denn das? Leicht benommen schaute sie sich um. Hatte jemand etwas mitbekommen? Es machte nicht den Eindruck. Alle Augen waren nach vorne gerichtet. Neugierig die Szenerie betrachtend.

Li atmete aus. Hatte sie wirklich die ganze Zeit die Luft angehalten? Noch einmal wagte sie einen Blick. Versteckt, hinter dem Rücken eines Mitschülers.

Oh Wunderwerk! … ich fühle mich … ach, ich weiß es nicht. Diese Augen … Er wirkt … so anders, als die anderen. Ach, wo soll ich bloß anfangen? Mir schwindelt. Ich merke, dass ich rot werde. Und mein Herz … rast. Die Knie, so weich, wie Pudding. Wenn er wüsste, was in mir abgeht. Wie sich mein Kopf dreht. Ich muss hier raus. Sofort.

Die Schulglocke ertönte. Dumpf und langgezogen. Und gerade rechtzeitig.

Li atmete erleichtert auf. Eilig warf sie ihre Bücher in die Tasche. Mit geröteten Wangen folgte sie den anderen aus der Klasse. Nicht ohne im Vorbeigehen noch einmal einen Seitenblick zu werfen.

In Jeans, Hoodie und Turnschuhen. Groß gewachsen, so gerade wie ein Baum. Vielleicht nicht ganz so breit. Die dunklen Haare recht kurz geschoren. Kohlrabenschwarze Augen, die etwas verhalten schauten, aus einem markanten Gesicht. Genau so trat Raven Montag an einem verregneten Freitag in den Klassenraum.

Und damit auch in Lis Leben.

Herrje!

Es hätte anders kommen können. Hätte! Doch die Geschichte nahm an diesem Tag ihren schicksalhaften Lauf. Und das, alles andere als geplant.

***

Rav folgte diesem komischen Typen nun schon eine ganze Weile. Durch endlos erscheinende Korridore.

Der nimmt sich mächtig wichtig. Fehlt nur noch ein schwarzer Umhang, dachte er genervt.

Vor seinem geistigen Auge erschien der Konrektor als erhabener Priester. Einer, der bedrohlich finster durch die langen Gänge, mit den hohen Decken und Rundbögen über den Türen, lief. Diese wollten einfach kein Ende nehmen. Bronzeköpfe irgendwelcher Persönlichkeiten hoben sich von den blütenweißen Wänden ab.

Sieht aus, wie ne Filmkulisse für nen mittelalterlichen Streifen. Und der Typ vor mir ist ein Inquisitor. Ein Bewahrer, der einzig wahren Glaubenssätze. Umgeben von nem Hauch Linolium und Reinigungsmittel. Und total verstaubter Konventionen. Die haben sich festgesetzt. In den Ritzen. An den Wänden.

Rav verzog das Gesicht. Und fühlte sich eingeengt. Zusammengepfercht und hinter historisch geschwängerten Steinmauern eingesperrt.

Hier hat wohl alles eine Bedeutung, der man sich unterzuordnen hat. Und ganz besonders unter den Wichtigtuer da vorne, dachte er wenig begeistert.

Von oben bis unten einmal gemustert – auffallend gemustert, hatte man ihn. Die kaltschnäuzige Eminenz mit dem kahlen Kopf, dem auffallend vollen Bart und den unangenehmen, rund kugligen Augen, hatte sich nicht die Mühe gemacht, sein abschätzendes Desinteresse an dem neuen Fremden zu verbergen.

Für den bin ich doch bloß noch so ein verlorener Jugendlicher. Einer von vielen, in einer unübersichtlichen und orientierungslos gewordenen Welt voller Bits und Bites. Und genau die hat ach so dringend einen Upload-Filter nötig. Ja ja, die gute alte Zeit! Wo ist sie nur geblieben! Was für ein Freak, der seine unscheinbare Präsenz mit Titel und Anzug dekoriert. Und sich noch dazu für die ultimative Slide-Show des Lebens hält, dachte Rav mürrisch. Ich will nicht hier sein!

Sein Verstand suchte angestrengt nach deutschen Begriffen. Irgendwo dort oben in seinem Denkapparat waberten sie; jene Worte, die ihm Einlass in das fremde Land gewährten. Er hatte sie gelernt. Vor langer Zeit. Grandpa hatte ihn die Sprache gelehrt. Lange bevor …

Cut!

Ravs Augen verdunkelten sich. Energisch wischte er etwas zur Seite. Etwas, das eigentlich nicht mal bis zum Rand seines Bewusstseins dringen durfte.

Never.

Nun, jedenfalls war auch seine Grandma auf ihre letzte Reise aufgebrochen. Zu den Ahnen. Und er zu Verwandten geschickt worden. Nach Deutschland. Hamburg. Und damit in eine Großstadt; mit viel zu vielen Häusern und noch mehr Menschen.

Er hasste die betonschwere Enge. Sie nahm ihm die Luft zum Atmen. Niemand hatte ihn nach seinem Willen gefragt. Mit 17 gehörte er rein rechtlich einfach noch nicht in die Welt der Erwachsenen. Gran hatte ihn das niemals spüren lassen. Jetzt war er jedoch dort, wo Ordnung und Struktur ganz offensichtlich ihre Heimat gefunden hatten. Und er musste sich seinem Schicksal fügen.

Der reaktionäre Freak vor ihm stoppte abrupt. Rav wäre beinah mit ihm zusammengestoßen.

And here we go, dachte Rav zerknirscht und blieb mit verschränkten Armen im Türrahmen stehen. Der neue Fremde is coming.

Seine aufkommende Nervosität wischte er cool zur Seite. Er konnte ja schließlich nicht wissen, dass sein Leben eine durch und durch schüttelnde Wandlung erfahren sollte, als er das Klassenzimmer der 12b des Gymnasiums, an der mit Bäumen gesäumten Allee, betrat.

Dabei wollte er doch nur.

Doch schon ein einziger Augenblick genügte.

Einer, bei dem alles bebte.

Der alles aus den Angeln hob.

Bang.

Da saß sie.