Schlossherrin auf Zeit - Bettina Clausen - E-Book

Schlossherrin auf Zeit E-Book

Bettina Clausen

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Beschreibung

In der völlig neuen Romanreihe "Fürstenkrone" kommt wirklich jeder auf seine Kosten, sowohl die Leserin der Adelsgeschichten als auch jene, die eigentlich die herzerwärmenden Mami-Storys bevorzugt. Romane aus dem Hochadel, die die Herzen der Leserinnen höherschlagen lassen. Wer möchte nicht wissen, welche geheimen Wünsche die Adelswelt bewegen? Die Leserschaft ist fasziniert und genießt "diese" Wirklichkeit. "Fürstenkrone" ist vom heutigen Romanmarkt nicht mehr wegzudenken. Ilses Aufwartefrau kam mit mürrischem Gesicht in das sonnendurchflutete Schlafzimmer. »Herr Bitterer ist draußen«, brummte sie missmutig. »Ich habe ihm gesagt, er soll gehen, aber er will nicht. – Sie haben ja überhaupt nichts gegessen.« Vorwurfsvoll sah Frau Pilsener auf die appetitlichen Leckerbissen, die unberührt geblieben waren. »Ich habe mir solche Mühe gemacht, Frau Föhring, ich bin extra in das Geschäft zum Markt gegangen, um die Dinge zu kaufen, die Sie so gern essen. Und jetzt war alle meine Mühe umsonst.« Ilse verzog ihr blasses Gesicht zu einer lustigen Grimasse: »Wenn man Grippe hat, Pilschen, ist Appetitlosigkeit entschuldbar. Und ich wette, Sie haben heute Morgen nur wenig gefrühstückt. Nehmen Sie das Tablett mit in die Küche, Pilschen, vielleicht haben Sie Appetit auf die leckeren Dinge.« Ilses grüne Augen, die tief umschattet waren, strahlten. »Sie kenne doch das Bild, das mein Vater zuletzt malte, nicht wahr?« Frau Pilseners dickes gutmütiges Gesicht verzog sich zu traurigen Falten. »Wie könnte ich das vergessen, Schloss Dürkheim war es, und er nannte das Bild ›Der Abend‹. Was ist damit?« Ilse starrte auf den Brief in ihrer Hand. Die Sehnsucht nach dem verstorbenen Vater war einen Augenblick übermächtig in ihr. »Das Bild ist verkauft«, sagte sie leise.

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Seitenzahl: 125

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Fürstenkrone – 218 –Schlossherrin auf Zeit

Warum Ilse Graf Olaf einen Heiratsantrag machte...

Bettina Clausen

Ilses Aufwartefrau kam mit mürrischem Gesicht in das sonnendurchflutete Schlafzimmer.

»Herr Bitterer ist draußen«, brummte sie missmutig. »Ich habe ihm gesagt, er soll gehen, aber er will nicht. – Sie haben ja überhaupt nichts gegessen.« Vorwurfsvoll sah Frau Pilsener auf die appetitlichen Leckerbissen, die unberührt geblieben waren. »Ich habe mir solche Mühe gemacht, Frau Föhring, ich bin extra in das Geschäft zum Markt gegangen, um die Dinge zu kaufen, die Sie so gern essen. Und jetzt war alle meine Mühe umsonst.«

Ilse verzog ihr blasses Gesicht zu einer lustigen Grimasse: »Wenn man Grippe hat, Pilschen, ist Appetitlosigkeit entschuldbar. Und ich wette, Sie haben heute Morgen nur wenig gefrühstückt. Nehmen Sie das Tablett mit in die Küche, Pilschen, vielleicht haben Sie Appetit auf die leckeren Dinge.«

Ilses grüne Augen, die tief umschattet waren, strahlten. »Sie kenne doch das Bild, das mein Vater zuletzt malte, nicht wahr?«

Frau Pilseners dickes gutmütiges Gesicht verzog sich zu traurigen Falten. »Wie könnte ich das vergessen, Schloss Dürkheim war es, und er nannte das Bild ›Der Abend‹. Was ist damit?«

Ilse starrte auf den Brief in ihrer Hand. Die Sehnsucht nach dem verstorbenen Vater war einen Augenblick übermächtig in ihr.

»Das Bild ist verkauft«, sagte sie leise. Die Schreibmaschinenbuchstaben verschwammen vor ihren Augen. »Ich weiß noch, wie er es malte, es war vor drei Jahren.« Sie starrte ins Leere. »Er wusste schon von seiner Krankheit oder ahnte sie. Er war in sehr übler Verfassung, wir waren den ganzen Morgen herumgelaufen. Er suchte ein Motiv und fand keins, bis er in den Park des Schlosses kam, und unter hohen Tannen sah er das Haus liegen – Schloss Dürkheim. Da kam es wie ein Fieber über ihn, er malte, und er gewann seinen Frieden zurück.«

Tränen liefen über Frau Pilseners Gesicht. »Die vom Schloss«, schluckte sie, »waren sehr nett zu ihm, er hat es mir erzählt.«

»Ja, Gräfin von Dürkheim. Sie kam herunter, sie kam aus der Terrassentür, in einem langen weißen Kleid, wie ein fleischgewordener Traum sah sie aus. Sie kam zu uns herunter. Vater hatte sich einfach einen Gartenstuhl geholt und seine Malsachen herausgenommen. Ich stand hinter Vaters Stuhl und fühlte mich abscheulich, wie Eindringlinge, die wir ja auch waren. Und sie lächelte so lieb, sie fragte, ob sie einen Augenblick stören dürfte, das fragte sie wirklich. Und Vater brummte recht unwirsch, aber nicht einmal das nahm sie übel. Sie hatte eine weiche Stimme, wie Musik war sie. Sie fragte Vater, ob sie es uns bequemer machen könnte. Und sie verstand so gut, dass man das Schloss einfach malen musste.

Vater blieb acht Tage im Schloss, und ich fuhr zurück. Ich weiß aber, er ist in diesen Tagen sehr glücklich gewesen. Und als er in die Stadt zurückkam, arbeitete er fieberhaft, und die ›hohe Welle‹ hat ihn auch bis zu seinem Tod nicht mehr verlassen.«

Frau Pilsener schluchzte noch immer: »Hohe Welle sagte er, wenn ihm das Schaffen gelang. Die Wohnung ist viel zu still ohne ihn. Wie hat er oft geschimpft und gewettert, und wie hat er oft gelacht und gesungen. Er hätte noch nicht sterben dürfen, jetzt sind Sie so schrecklich allein.«

Die kleine silberne Kaffeekanne schwankte gefährlich, aus dem geflochtenen Brötchenkorb kullerte eine Semmel in die Butterschale.

»Jegerl«, schrak Frau Pilsener zusammen, »der Klaus Bitterer wartet ja immer noch. Sie, Frau Föhring, das sage ich ganz offen, es schickt sich für eine vornehme Dame nicht, einen Herrn im Schlafzimmer zu empfangen, und wenn es auch noch so ein hübsches Schlafzimmer ist:«

Die Traurigkeit schwand aus Ilses Augen, kleine Lachfältchen tanzten in den Augenwinkeln.

»Wie recht Sie haben, Pilschen, ich werde ihm nur ganz kurz guten Tag sagen und ihn dann hinauswerfen, ich fühle mich tatsächlich abscheulich müde. Mich hat eine Grippe noch nie so umgeworfen, dabei habe ich heute kaum Fieber.«

»Und doch werden Sie im Bett bleiben«, befahl Frau Pilsener streng. »Ich hole ihn also rein, und in fünf Minuten komme ich dann wieder und geleite den Herrn zur Tür.«

Ilses Mundwinkel zuckten: »Pils­chen«, fragte sie sanft, »warum können Sie Herrn Bitterer nicht leiden?«

Frau Pilsener schlug tugendhaft die Augen nieder. »Ich würde mir nie ein Urteil über Ihre Anbeter erlauben, das steht mir gar nicht zu, und ich dränge niemandem meine Meinung auf.« Der sanfte Ton verschwand endgültig aus ihrer Stimme: »Aber ich mag ihn eben nicht, ich mag ihn nicht, er passt nicht zu Ihnen, er hat es nur auf Ihr Geld abgesehen, und wenn man so furchtbar reich ist wie Sie, Frau Föhring, dann sollte man nicht so leichtgläubig sein, wie Sie es sind. Und überhaupt, Sie legen viel zu wenig Wert auf Ihr Äußeres. Wenn man es nicht weiß, dann glaubt man gar nicht, wie reich Sie sind. Ich weiß wohl, dass Sie viel Gutes tun und Waisenhäusern und Kinderheimen und armen Künstlern Geld überweisen.«

Ilses schmale Wangen brannten: »Frau Pilsener, wollen Sie jetzt bitte Herrn Bitterer holen? Er wartet schließlich schon eine Ewigkeit, und dann möchte ich schlafen.«

»Ich sag ja schon nichts mehr«, kam die beleidigte Antwort, und sie stampfte über den weißen Langflorteppich zur Tür. »Ich bin ein Mensch, der seine Meinung für sich behält, ich bin nur eine einfache Frau, aber ich weiß, was ich weiß.«

Und damit schmetterte sie die Tür ins Schloss. Ilse legte die Fingerspitzen an die schmerzenden Schläfen. Die gute Frau Pilsener konnte schon recht schwierig sein, es würde viel guter Worte bedürfen, um sie wieder zu versöhnen.

Es klopfte, und Ilse musste ihre ganze Energie zusammennehmen, um freundlich »Herein!« zu bitten.

Auf Zehenspitzen kam Klaus ins Zimmer, ein törichtes Lächeln auf dem weißen Gesicht, der Schnurrbart war sorgfältig gebürstet, aber die Haare umstanden unordentlich seinen schmächtigen Kopf.

»Ilse, Liebstes, wie schrecklich für dich.« Seine wässrigen blauen Augen flatterten. »Als ich es erfuhr, musste ich sofort zu dir kommen.«

»Grüß dich, Klaus, wie kann eine Grippe schrecklich sein. Dass ihr Künstler gleich immer so übertreiben müsst. Komm mir besser nicht zu nahe, ich habe Angst, dass ich dich anstecke.«

Ganz plötzlich brach er in Tränen aus, sie hatte einen Mann noch nie so weinen sehen. Die Tränen strömten lautlos über seine Wangen.

»Ilse, dann weißt du es also nicht … Ich dachte, ich glaubte, er hätte es dir gesagt. Dann will ich besser gehen, Ilse, ich bin vollkommen fassungslos.«

Ilse spürte, wie ein Band ihre Stimme einschloss. Sie hätte jetzt gern heimlich über Klaus gelacht, aber sie konnte es nicht. Eine unsichtbare Hand griff mit Eiseskälte nach ihr.

Klaus warf sich über ihr Bett, äußerlich bewahrte Ilse völlig ihre Ruhe: »Mach kein Theater!«, rief sie scharf, »ich liebe übersteigerte Gefühlsausbrüche nicht, Klaus. Wer soll mir etwas gesagt haben?«

Er hielt das Gesicht in den Kissen vergraben. Sie machte sich winzig klein unter der Decke.

»In einigen Minuten ist Frau Pilsener hier, um dich hinauszubitten, Klaus. Du kennst sie, du weißt, dass sie keine Ruhe geben wird, bis sie ihren Willen durchgesetzt hat. Also bitte, wenn du mir etwas zu sagen hast, dann mach deinen Mund auf.«

Er schluchzte trocken auf, er sah sie noch immer nicht an, sie starrte auf seinen Kopf hinunter und fand sein schwarzes Haar stumpf und ungepflegt.

»Ich hab den Sohn von Dr. Maurer getroffen, und er weiß es von seinem Vater. Ilse, du musst mich einfach heiraten, du musst es tun, du darfst jetzt nicht allein sein, du musst, du brauchst jetzt jemanden, der für dich da ist, damit du das Schreckliche nicht allein tragen musst.«

Vor Ilses Augen tanzten rote Punkte, ihr wurde siedend heiß und gleichzeitig eiskalt, ihr war, als presse jemand die Luft aus ihrem Körper heraus.

Klaus hob den Kopf, er hatte sie noch nie so weiß, so maskenhaft gesehen. Und selbst jetzt in ihrem Entsetzen war sie in seinem Augen wunderschön. Klaus liebte Ilse mit verzehrender Leidenschaft. Die reiche Ilse Föhring, das Mädchen mit dem warmherzigen Gemüt, mit dem Herz aus Gold.

Seine Stimme war nur ein leichtes Krächzen: »Dein Vater starb an Leukämie, und du hast das Leiden auch! Dr. Maurer sprach von der chronischen Leukämie, ich glaube, Dr. Maurer hätte dir die Wahrheit gesagt, ich dachte, ein Arzt mache das. Und jetzt sprichst du von Grippe.«

Seine Worte überstürzten sich: »Es ist noch im Anfangsstadium, aber …«

Endlich konnte sie sprechen, aber die eigene Stimme klang ihr fremd im Ohr: »Willst du bitte, gehen?! Ich möchte allein sein.«

Er warf den Kopf zurück, sein Gesicht war nass von Tränen: »Nein, nein«, rief er verzweifelt. »Gerade allein sein sollst du nicht, ich will dich nicht allein lassen. Nie mehr, man kann mit solch einem entsetzlichen Wissen nicht allein sein. Ich werde nicht mehr von deiner Seite weichen, ich will mit aller Kraft, mit aller Liebe dir dein Schicksal erleichtern helfen. Und wir werden alles tun, es gibt doch Medikamente.«

Vor ihrem steinernen Gesicht brachte er statt Worte nur noch ein Schluchzen heraus. Es war schwer für Ilse, die fest zusammengepressten Lippen voneinander zu lösen.

»Nein, Klaus, das alles ist sehr freundlich von dir, aber ich werde das Leiden nie mit Tabletten verlängern, ich weiß, wie grausam das Ende für meinen Vater war.«

Ihre Stimme erstarb, sie rang nach Atem. Beinahe freundlich sagte sie: »Willst du jetzt gehen, Klaus?«

»Du musst mich heiraten«, rief er und faltete mit einer flehentlichen Gebärde seine Hände. »Du musst es einfach. Man braucht einen Menschen, und ich bin dieser Mensch, denn ich liebe dich, wie noch keine Frau von einem Mann geliebt wurde. Ilse …«

»Sie waren jetzt lange genug hier«, nuschelte Frau Pilsener, sie stand im Türrahmen und hatte ihre roten Hände in die Hüften gestemmt. »Frau Föhring hat vom Arzt Ruhe verordnet bekommen, und die hat sie nicht, wenn Sie bei ihr sind. Ist das bei Ihnen zu Hause üblich, dass man sich auf Krankenbetten setzt?«, zeterte sie wütend. »Vor einer Stunde habe ich die Kissen frisch überzogen, und jetzt kann ich es wieder tun. Nun gehen Sie aber, bevor ich die Geduld mit Ihnen verliere.«

»Ilse«, rief Klaus bittend, »ich kann doch jetzt nicht gehen.«

Frau Pilseners mächtige Gestalt löste sich von der Tür und schob sich ins Zimmer. Klaus erhob sich sofort.

»Ich bin wirklich sehr müde, Klaus. Und ich danke dir für deinen Besuch.«

In ihren Augenwinkeln lag bläulicher Schatten. Sie schien klein in dem großen weißen Bett. Ihr kastanienbraunes Haar hob sich dunkel von den Kissen ab.

»Nicht wahr, du siehst ein, dass ich recht habe, Ilse? Ich komme heute Abend noch einmal wieder, und dann besprechen wir alles miteinander, ja?«

Sie lächelte nur. Was dieses Lächeln sie kostete, wusste nur Gott.

Frau Pilsener brachte den Besucher hinaus. Als sie ins Krankenzimmer zurückkam, lag ihre junge Herrin mit schneeweißem Gesicht in den Kissen und hielt die Augen geschlossen.

»Frau Föhring«, wisperte sie ängstlich.

»Ich bin sehr müde«, flüsterte Ilse. Konnte man sie denn nicht allein lassen? Für den Augenblick wollte Ilse nichts weiter, als allein sein. Wie könnte sie sprechen, wo schon das Atmen eine einzige Qual war. Wie könnte sie sprechen, wenn auf ihrem Herzen ein Stein lag, der alles Leben, alle Wärme aus ihr herauspresste?

Ilses Gedanken zogen träge hinter ihrer kalten Stirn, sie dachte an die letzten Wochen ihres Vaters, an sein Leiden, seine Qual.

Mit einem Satz sprang Ilse aus dem Bett, einen Augenblick taumelte sie, ihre kalten Hände umklammerten die Lehne des Schaukelstuhls.

Ich kann nicht hierbleiben, dachte sie mit wild aufflammender Angst. Jetzt spürte sie ihr Herz gegen die Rippen hämmern, die heiße Welle des Entsetzens, die ihren Körper überströmte. Sie zitterte wie ein Blatt im Wind.

Und aus dem Chaos der Angst, der Panik formte sich nur ein wilder Wunsch: Fort, fort aus der vertrauten Umgebung, fort von den Menschen, die Mitleid mit ihr hatten.

In ihrem durchsichtigen, hauchdünnen Negligé fror sie erbärmlich, ein grausames Wissen zog an ihrem Herzen.

Ich kann nicht bleiben, flüsterten ihre Lippen, ich kann es nicht ertragen, das Wissen über meine Krankheit in den Augen der anderen zu lesen.

Ich werde reisen, ich werde einfach fortgehen!

Sie umklammerte noch immer den Stuhl. Jetzt liefen Tränen über ihre Wangen, sie hörte ihr verzweifeltes Weinen, und es gab niemand, der sie trösten konnte. Sie war allein, nach Vaters Tod hatte es keinen Menschen mehr gegeben, der ihr Freund war.

Einen flüchtigen Augenblick ging sie die Reihe ihrer Anbeter durch. Sie weinte nur noch heftiger … Klaus? Ach, Klaus…! Klaus war in ihren Augen ein unfertiges Kind, ein Mensch, der mit seinem Leben nicht fertig wurde.

Und doch hatte das Mitleid für sie ihn zu Tränen gerührt. Und Klaus brauchte nicht sie … Klaus brauchte ihr Geld. Trotz aller Warmherzigkeit und ihrem impulsiven Wunsch, zu helfen, besaß Ilse einen wachen, sehr kritischen Verstand.

Mühsam schleppte sie sich zu dem weißen Schreibtisch hinüber, er stand in der Fensternische unter dem Bild ihrer verstorbenen Eltern.

Ilse presste die Zähne zusammen, sie kämpfte die Woge der Angst hinunter. Ihre Hände zitterten, aber sie gehorchen ihrem Willen.

Sie schrieb einen Scheck auf Klaus’ Namen aus, für Klaus mochte die Summe sehr hoch sein.

Lieber Klaus, warf sie mit ihrer klaren Schrift auf den weißen Briefbogen, ich fahre eine Weile fort. Ich hoffe, dass das Geld Dir über Deine augenblickliche Notlage hinweghilft. Für Dein zukünftiges Schaffen wünsche ich Dir alles Gute.

Jetzt blieb noch Frau Pilsener, und wenn auch alles in ihr zum Fortfahren drängte, so musste Frau Pilsener beruhigt werden.

Ilse schrieb.

Liebes Pilschen, ich bin sehr unvernünftig, und ich weiß es wohl, aber ich bin genauso unstet, wie es mein Vater war. Ich verreise, ich habe keine Lust, im Bett zu liegen. Bitte, versorgen Sie die Wohnung weiterhin, ich kann darüber ganz beruhigt sein, das weiß ich wohl. Sie werden von mir hören. Ich danke Ihnen von Herzen für Ihre liebevolle Fürsorge.

Ihre Ilse Föhring

PS: Selbstverständlich wird Ihnen Ihr Gehalt auch weiterhin monatlich auf die Sparkasse überwiesen.

Auch das war erledigt. Wen musste sie noch benachrichtigen? Ein bitteres Lächeln flog um ihren Mund.

Niemanden mehr! Sie hatte ein Heer von flüchtigen Bekannten, vielleicht vermisste man sie in den ersten Wochen, aber dann hatte man sie vergessen.

Es lohnt sich nicht, sich Illusionen darüber zu machen.

Der Koffer, den sie aus der Kleiderkammer herbeischleppte, war schwer. Sie warf achtlos einige Kleidungsstücke hinein, stopfte ihre Papiere, ihr Scheckbuch und Geld in die Tasche.

Fertig.

Nur fort! Nicht einen Blick durch die weit geöffnete Tür ins Atelier ihres Vaters hinein. Sie wollte nicht schwach werden, sie wollte fort, sie wollte sich irgendwo verkriechen, sie wollte mit sich und ihrem Schmerz allein sein.

Ihr Wagen stand fahrbereit in der Garage. Es war der Wagen einer reichen verwöhnten Frau. Beinahe lautlos gehorchte der Motor, weich glitten die Räder über das Pflaster der Straße, über bekannte Plätze der Fremde zu.

*

Chaotisch sprudelten die Wellen durcheinander. Weiße Schaumkrönchen tanzten auf schwarz glänzendem, brodelndem Wasser. Der Mann am Ufer beobachtete die entfesselten Elemente fasziniert. Eine besonders neugierige Welle, die die Farbe des schiefergrauen Himmels hatte, leckte bis zu seinen Füßen hinauf, rollte zurück und zerfloss.