Schmetterlinge und Herzstolpern - Diare Cornley - E-Book

Schmetterlinge und Herzstolpern E-Book

Diare Cornley

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Beschreibung

Der 19jährige Tyler ist ein zurückhaltender Typ, der Schwierigkeiten hat, auf andere Leute zuzugehen. Mit Beginn seiner Ausbildung will er das rigoros ändern. Sein Ansprechpartner bei CAP Productions ist ausgerechnet der charismatische Drew. Trotz aller Unterschiede verstehen sich beide gut und so schlägt Drew vor, dass Tyler ihn auf die Hochzeit seiner Schwester als sein neuer Partner begleiten kann. Natürlich nur zum Schein, denn Drew geht Beziehungen kategorisch aus dem Weg. Tyler willigt ein - mit ungeahnten Folgen …

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Diare Cornley & Vanessa M.

Schmetterlinge

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2015

http://www.deadsoft.de

© the authors

Umschlaggestaltung: Josh Bailey

Bildrechte:

© Andrey Kiselev – fotolia.com

© Oleksiy Mark – shutterstock.com

1. Auflage

ISBN 978-3-945934-02-9

ISBN 978-3-945934-03-6 (epub)

Schmetterlinge und Herzstolpern

„Die Ausweise bitte“, verlangte der Türsteher, woraufhin Tyler ihm seinen Personalausweis hinhielt. Kurz darauf erhielt er ein Nicken und wurde durchgewunken. Sein bester Freund Raphael stieß wenige Sekunden später zu ihm und gemeinsam liefen sie durch den stickigen Raum. Zigarettenqualm lag in der Luft, was die Sicht etwas verschleierte.

„Na? Schon aufgeregt?“

Tyler blickte auf und sah in das Gesicht seines Kumpels, als sie an der Bar ankamen. Raphael grinste schelmisch, was er zaghaft erwiderte.

„Bisschen“, murmelte er. Es war nicht gelogen, denn er spürte, dass sein Herz ein paar Takte schneller schlug. In diesem Moment kam es ihm völlig idiotisch vor, dass er überhaupt hierhergekommen war. Irgendwann hätten sich die Fragen, die ihm immer wieder durch den Kopf gingen, bestimmt von selbst beantwortet. Aber Raphael hatte diesen Vorschlag gemacht und er hatte ihn gut gefunden.

Ein Bier wurde auf dem Tresen vor ihm abgestellt. Er schaute seinen besten Freund dankbar an. Raphael kannte ihn viel zu gut. Erneut schlich sich ein Lächeln auf seine Lippen, die sich sogleich an das Glas legten. Tyler nahm einige Schlucke, ehe er sich umdrehte und sich zum ersten Mal richtig umschaute.

Langsam und nachdenklich ließ er sich auf einen Barhocker gleiten. Raphael hatte das schon längst getan. Das Schmunzeln und der Blick, den Tyler in seinem Augenwinkel erkennen konnte, trieben ihm die Nackenhärchen auf. Er war nervös genug. So angestarrt zu werden, half ihm nicht, ruhiger zu werden.

Er seufzte, als er den Blick weiter durch die Menschenmasse schweifen ließ und wie in Trance an seinem Bier nippte. Die Lust auf härteren Alkohol würde noch kommen, je später es wurde. Verdammt, wieso war er so ein Feigling? Diese Frage hatte er sich bereits selbst beantwortet: weil seine Eltern beschissen wenig Ahnung vom Umgang mit ihren Kindern hatten! Zwar waren sie in seiner Kindheit abends immer zu Hause gewesen, aber selbst dann hatten sie oft noch über ihren Akten gehangen.

Sie waren nie fürsorgliche Eltern gewesen, die für ihren Sohn da waren. Dafür hatten sie Au-pairs engagiert, aber mit diesen hatte er sich kaum verständigen können. Sprachbarrieren waren immer zu einem gewissen Maß vorhanden gewesen, und so hatte er nur schwer Vertrauen zu den Mädchen aufbauen können. Meist wurde es erst kurz bevor sie in ihr eigenes Land zurückkehrten besser, und den neuen Au-pairs folgten die alten Probleme.

In der Schule hätte es auch besser laufen können. Die Noten waren gut, er hatte auch vor Kurzem erfolgreich sein Abitur gemacht. Aber beliebt war er nie gewesen, weil er so zurückhaltend war. Mobbingopfer war er keines, dennoch kamen gelegentlich dumme Sprüche. Ansonsten hatten ihn die anderen immer ignoriert.

Der einzige Freund, den er hatte, war Raphael, und neben dem hatte er sich schon in der Kinderkrippe in die Windeln gemacht. Sie kannten sich in- und auswendig und waren unzertrennlich. Das war auch der Grund, weswegen Raphael ihn hier hin begleitet hatte und ihm Mut machen wollte, seine Orientierungslosigkeit aus dem Weg zu schaffen. Und weil er eine Wette verloren hatte.

Zugegeben, so orientierungslos war Tyler gar nicht. Er war sich recht sicher, dass er auf Männer stand. Zumindest sprang er bei Schwulenpornos an. Bei Schmutzfilmchen mit Frauen war das allerdings ebenfalls so. Das hieß wohl, dass er bi war, und mit dieser Neigung hatte er auch kein Problem. Er hatte niemanden, der sich deswegen von ihm abwenden konnte, außer Raphael, und dieser machte kein Problem daraus. Was seine Eltern dachten, war ihm herzlich egal. Nur war sein Problem, dass er mit seinen knackigen, frischen achtzehn Jahren noch keinerlei sexuelle Erfahrung hatte. Er war einfach zu steif und nicht offen genug, um freizügiger zu werden. Er wagte es nicht, jemanden anzusprechen, mit dem er intim werden konnte und wollte.

Ab Montag standen große Veränderungen an. Er begann seine Lehre und würde durch den Job und die Berufsschule einige neue Leute kennenlernen. Das sollte seinem Leben eine Wendung geben. Er wollte nicht mehr zurückhaltend sein und den Einzelgänger spielen. Er wollte endlich mehr als einen Freund haben, mehr unternehmen und offener für die Welt werden. Und da der Schritt ins Berufsleben auch ein Schritt zum Erwachsenwerden war, wollte er endlich seine ersten Erfahrungen machen.

Raphael hatte ihm schon oft gesagt, dass er sich selbst im Weg stand und aus einem nicht vorhandenen Problem eines machte. Tyler wusste, dass sein bester Freund damit recht hatte, aber er konnte es einfach nicht ändern. Seine Einstellung und Gefühlswelt dazu blieb dieselbe. Und deswegen war er hier.

Er wollte seine ersten sexuellen Erfahrungen sammeln. Er wollte hier nicht wie eine ausgehungerte Jungfrau den Arsch hinhalten – diese Position hatte er sich unweigerlich schon selbst zugeschrieben – aber er wollte wissen, wie es war, einen anderen Mann sexuell zu berühren. Dieser Club hatte einen Darkroom – einen, der keine dämmrige Beleuchtung hatte, sondern fast gar keine. Soweit er wusste, reichte die nur dazu aus, Schemen auszumachen und das war genau richtig für ihn. Er wollte anonym seine ersten Erfahrungen sammeln, immerhin wusste er nicht, wen er in seinem ‚neuen Leben‘ kennenlernen würde oder was für Typen hier herumrannten. So war er auf der sicheren Seite und brauchte weder ein schlechtes Gewissen noch Angst zu haben, dass die Sache einen unangenehmen Nachgeschmack hätte.

Auch wenn er sich gerade fehl am Platz vorkam und verunsichert war, fand er den Plan perfekt und war sich sicher, dass er es durchziehen würde und auch wollte.

„Ich glaube, du brauchst einen Schnaps, sonst reagierst du in deiner Angststarre ja nicht mal mehr auf mich!“

Tyler warf seinem besten Freund einen gespielt bösen Blick zu und schnaubte leise. Einen Kommentar verkniff er sich. Raphael wusste, dass es die Nervosität war, die ihn so starr werden ließ. Sein bester Freund konnte gut lachen, der hatte schon mit 15 seine ersten Erfahrungen mit Frauen gemacht und war seit drei Jahren keine Jungfrau mehr. Nichts, worauf Tyler neidisch war, aber ... Okay, er war neidisch, schließlich war er auch nur ein Mann, der seine Bedürfnisse ungern ausschließlich mit seiner eigenen Hand stillte.

Ein Seufzen glitt über seine Lippen und er senkte betrübt den Kopf. Eine braune Haarsträhne fiel ihm ins Gesicht, die er sofort wieder zurückstrich. Am kommenden Morgen hatte er auch noch einen Friseurtermin. Zu einem neuen Leben wollte er auch einen anderen Look haben. Zurzeit waren seine Haare noch schulterlang und kastanienbraun.

Er hatte sich überlegt, ob er sich seine Haare ganz kurz oder zumindest ohrenlang schneiden und färben lassen sollte. Nur bei der Farbe war er sich noch nicht so sicher.

„Raphael an Tyler, ich komme in Frieden, bitte aufwachen.“ Die Stimme seines besten Freundes drang zu ihm durch.

„Was?“, gab er geistreich von sich.

„Austrinken und dann starten wir die Aktion ‚Erfahrungen sammeln‘, ja?“

Tylers Augen weiteten sich, als er die Bedeutung des Satzes verstand. Er musste hart schlucken. Sofort spürte er, wie sein Herz wieder schneller zu schlagen begann und seine Handflächen schwitzig wurden. Zaghaft nickte er, griff nach dem Schnaps, den ihm Raphael tatsächlich bestellt hatte, und kippte diesen hinunter.

Mit einem leichten Würgen setzte er anschließend das Glas wieder ab und krächzte: „Aber ohne dich.“

Als würde er seinen besten Freund mit in den Darkroom nehmen und als ob dieser das wollte. Der durfte dafür an der Bar auf ihn warten und sich betrinken. Tyler hätte ihm ja geraten, er solle sich jemanden aufreißen, allerdings war diese Disco eine für Schwule und somit nicht Raphaels Metier. Der würde höchstens mit überkreuzten Beinen und eingezogenem Hintern bibbernd auf ihn warten, denn Raphael war in dieser Sache auch nur stark und mit „Scheißegal-Haltung“, wenn Tyler dabei war.

„Soll ich nicht die Lampe halten?“, fragte Raphael und kicherte.

Tyler verdrehte nur die Augen. Ja, der alte Spruch, dass die böse Schwiegermutter dabei die Lampe hielt. Raphael liebte diesen Spruch und nervte ihn schon seit ihrer Pubertät damit.

„Nee, lass mal. Ich verzichte lieber, sonst pisst du dich noch ein!“

Frech streckte Tyler seinem besten Freund die Zunge raus und rutschte dann von seinem Stuhl. Ein Bier und ein Schnaps waren zwar nicht viel zum Auflockern, allerdings hatte er auch nicht vor, seine ersten Erfahrungen durch einen alkoholbedingten Blackout gleich wieder zu vergessen.

Ein letztes Mal schluckte er nervös und hob die Hand, bevor er sich in Richtung des Darkrooms begab.

Es kam Tyler so vor, als würde die Zeit unendlich langsam vergehen, der Weg immer länger werden. Auch das gerade noch vorhandene Selbstvertrauen verschwand von Sekunde zu Sekunde mehr. Er war froh, dass ihn gleich niemand sehen würde, wahrscheinlich war er, wie jedes Mal wenn er aufgeregt oder verunsichert war, total rot im Gesicht.

Keinen der Männer, denen er gleich begegnete, würde er jemals wiedersehen. Falsch, er würde ihnen wahrscheinlich schon irgendwo begegnen, aber es nicht wissen.

Tyler atmete tief ein. Einfach rein da, dachte er. Tat er es nicht sofort, würde er kneifen und dann konnte sich nie etwas an seiner Situation ändern.

Dunkelheit umgab ihn, an die er sich nur sehr langsam gewöhnte. Zwar war auch draußen gedämmtes Licht, aber hier war es fast komplett dunkel.

Als seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, machte er unsicher ein paar Schritte. Er konnte schemenhaft ein paar Sitzflächen ausmachen. Wenn etwas auf dem Boden lag, würde er darüber fallen. Allerdings war ihm das im Moment egal, denn lustvolles Seufzen und Stöhnen drang in seinen Verstand, und die dunklen Gestalten, von denen jeweils zwei bis drei ineinander zu verschmelzen schienen, ließen ein seichtes Kribbeln durch seinen Unterleib ziehen.

Leise keuchte er. Auch, wenn er so gut wie nichts sah, erregte es ihn dennoch und verdrängte die Nervosität. Die Geräusche und das Wissen, wo er war ...

Eine Gänsehaut rann Tylers Rücken hinunter, während er weiter durch den Raum schlich. Er hatte keine Ahnung, wie man solche Pläne wie die seinen in einem Darkroom anging. Natürlich hatte er es gegoogelt, aber das Wissen war gerade wie vom Erdboden verschluckt. Auch wenn es ihn anturnte, hier zu sein, er fühlte sich verloren.

Und dann passierte es tatsächlich: Er stolperte und fiel mit einem erschrockenen Japsen zu Boden. Die leise Musik und die lustvollen Geräusche der anderen übertönten sein Ungeschick, aber das machte die Schmerzen auch nicht wett. Langsam setzte er sich auf. Das war nicht sein Tag. Er wusste, er hätte es sein lassen so...

„Hey, ich helfe dir auf“, erklang eine männliche Stimme. Im nächsten Moment spürte Tyler, wie jemand nach seiner Hand tastete, und dann wurde er auch schon nach oben gezogen.

„Musst doch nicht gleich über meine Füße stolpern. Sorry, ich hatte dich nicht gesehen und es mir beim Warten etwas gemütlich gemacht.“

„Bei ... beim Warten?“, stammelte Tyler, nun doch wieder nervös.

„Klar. Ist ja nicht so, dass man hier immer gleich jemanden findet, der noch frei ist. Was ist, hast du Bock, oder hab ich es mir jetzt mit dir verscherzt?“

Tyler atmete tief durch. Er musste sich verdammt noch mal zusammenreißen. Er spürte, wie sein Herz in seiner Brust wild klopfte und ihm unangenehm warm wurde, aber er wollte das jetzt durchziehen.

„Ja, gerne ...“, antwortete er und hoffte inständig, dass der Typ gepflegt war und keine kaputten Zähne hatte. Würde er bemerken, dass er unangenehm roch, hundert Kilo Übergewicht oder fettige Haare und Haut hatte, konnte er noch immer einen Rückzieher machen.

„Ich bin Ingo.“

„Tyler“, antwortete er und folgte seiner neuen Bekanntschaft, als Ingo ihn wieder an der Hand fasste und durch den Raum führte, bis sie eine ruhige Ecke gefunden hatten.

Es beruhigte ihn ein bisschen, dass er so schnell jemanden gefunden hatte und er war auch froh darüber. Vermutlich wäre er wieder gegangen, hätte er zu lange auf jemanden warten müssen. Und trotz seiner Ängste wegen des Aussehens und seiner Nervosität fühlte er sich gut und geschützt, weil seine Bekanntschaft diese unendliche Ruhe ausstrahlte. Noch dazu war er seinem Ziel ein Stück nähergekommen.

„Bist du öfter hier? Du bist mir hier noch nie aufgefallen.“ Ingos Stimme holte Tyler aus seinen Gedanken.

„Nein, ich bin zum ersten Mal hier“, gestand er und spürte, wie ihm die Hitze in die Wangen stieg. Ob er sich damit wohl selbst ein Eigentor geschossen hatte? Würde Ingo seine Unerfahrenheit ausnutzen?

„Dann bist du bestimmt aufgeregt, oder? Ich erinnere mich noch an mein erstes Mal hier ...“, erzählte Ingo.

Tyler spürte, wie sich eine Hand sanft auf seinen Oberschenkel legte, was ihm abermals eine Gänsehaut über seinen Körper jagte.

Dennoch war er nicht zum Quatschen hergekommen, und wenn er ehrlich war, interessierte es ihn auch nicht, was Ingo zu erzählen hatte. Er wollte eigene Erfahrungen sammeln. Keine Freundschaft, keinen Partner, nein, er wollte nur ein bisschen probieren. Da war es ihm egal, ob er dem Typen schon mal aufgefallen war. Ging sowieso schlecht, wo sie sich ja nicht richtig sahen.

 Er wollte zur Sache kommen und das hier nicht lange hinauszögern und Raphael unnötig warten lassen. Er war froh, dass er überhaupt in diesen Club mitgekommen war.

„Bläst du mir einen?“, fragte er. Eigentlich war er nicht der Typ dafür, aber er hatte ja nichts zu verlieren, und wenn man sein Gegenüber nicht richtig sehen konnte, fiel es auch nicht so schwer, so offen zu sein. Das änderte nichts daran, dass seine Hände vor Aufregung etwas zitterten. „Du kommst dann auch noch auf deine Kosten.“

Ingo lachte, rutschte aber neben ihm von den weichen Sitzpolstern und hockte sich vor ihn. Tyler spürte, dass an seinem Gürtel genestelt wurde.

„Aber nur mit Kondom, klar? In Darkrooms blase ich nicht ohne Gummi. Und ich erwarte dann Ähnliches von dir, klar?“

Tyler keuchte aufgeregt ein „Ja“, als er sich entsann, dass Ingo die Bestätigung nicht sehen konnte.

Es fühlte sich gut an, als die Hände seinen Gürtel und Hosenstall geöffnet hatten und dann seine Hose samt Boxershorts nach unten zogen. Einen Fremden da unten zu spüren, war etwas ganz anderes, als die eigenen Hände. Immerhin verabschiedete sich die Aufregung langsam und ließ nur noch Platz für die Vorfreude.

Er spürte, wie ihm ein Kondom übergerollt wurde. Sein Penis war schon hart, allein von der Vorstellung, was gleich passieren würde.

Langsam fing Ingo an, sein Glied zu reiben und bald fühlte er, wie seine Hoden sich zusammenzogen und sein Penis aufgeregt zuckte. Dann folgte die erwartete Wärme, die ihn direkt in entfernte Sphären katapultierte.

Stöhnend legte er den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Das war geil. Besser als er gedacht hatte. Die warme, weiche Zunge massierte seinen Schaft, während die weichen Lippen es ihr nachmachten. Tyler konnte jedes Detail fühlen, jede Bewegung und jedes Schmatzen. Er stöhnte abermals auf, als Ingo Schluckbewegungen machte und ihn dabei in seiner Mundhöhle einengte. Die Speicheltropfen, die auf seine Hoden tropften, fühlten sich kalt an, als ein kleiner Luftzug durch den Raum streifte, ein weiterer Gast den Raum betrat oder einer ihn verließ. Tyler wusste es nicht genau und es war ihm auch herzlich egal. Er wollte einfach nur seine Befriedigung, alles andere war vergessen.

Die Unsicherheit, die nicht vorhandene Erfahrung, Raphael – alles war wie weggeblasen. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn auch wenn er keinen Vergleich hatte, machte Ingo seine Sache verdammt gut.

Keuchend krallte Tyler sich in die Polster der Sitzecke und verkrampfte sich. Er würde bald kommen, das spürte er. Es war einfach zu gut, mal nicht von sich selbst befriedigt zu werden. Es war ganz anders, viel aufregender, viel erregender. Kein Vergleich zu seinen Pornoabenden mit Handbetrieb.

„Ich ... ich ko...“ Tyler war nicht mehr imstande, den Satz zu beenden, da schoss die Befriedigung wie heiße Lava durch seinen Körper. Er spürte, wie die Wärme um seinen Penis verschwand und nur noch durch leichte massierende Handbewegungen die letzten Tropfen aus ihm getrieben wurden. Erschöpft und befriedigt ließ er sich zurückfallen und schnaufte.

„Geil“, war das Einzige, was er dazu sagen konnte. Er war überwältigt und hatte nicht gedacht, dass es so gut und so locker werden würde. Er war eben auch nur ein Mann. Schwanz an, Kopf aus, auch wenn er sich etwas für dieses Verhalten schämte.

„Vergiss mich nicht, Süßer. Meiner will auch noch auf seine Kosten kommen.“

Tyler schluckte. Richtig, da war ja noch was. Kraftlos wandte er sich zur Seite, und spürte kurz darauf warme Haut und Beinbehaarung unter seinen Fingern.

Langsam tastete er sich weiter voran und glitt mit seiner Hand nach oben. Er spürte, wie sich die Härchen unter seinen Fingern aufrichteten und dann kam er schon bei den erhitzten Lenden an. Kurz zögerte er noch, umfasste dann aber selbstsicher das steife Glied. Sofort stöhnte Ingo rau auf.

Wie alt er wohl war? Tyler fragte sich, ob er attraktiv und sein Typ war, aber er verwarf den Gedanken schnell wieder, immerhin war er hier nicht auf Partnersuche. Obwohl er schon gern einen Partner oder eine Partnerin hätte, aber die Leute in Clubs wie diesem waren sowieso nicht auf der Suche nach etwas Ernsthaftem.

Tyler hatte das erste Mal einen fremden Penis in der Hand und er musste zugeben, dass es sich gut anfühlte, wie er unter seinen Fingern pulsierte. Die Haut war warm und weich. Nur war Ingo im Gegensatz zu ihm nicht rasiert. Jedes Mal, wenn er mit seiner Hand hinabglitt, spürte er kurze, gekräuselte Haare.

Der Fremde stöhnte rauer auf und legte im nächsten Moment seine eigene Hand auf Tylers. Wilder und fester trieb er die unerfahrenen Finger immer wieder in seinen Schoß und unterstützte sie dabei, ihn zu befriedigen. Und dann spürte Tyler auch schon, wie das feste Fleisch in seinem Griff zu zucken begann und der warme Samen zwischen seine Finger floss.

„Gut gemacht, Kleiner. Warst gar nicht schlecht. Vielleicht begegnet man sich ja mal wieder und kann das Ganze noch eine Nummer vertiefen!“

Ingo rutschte etwas von ihm weg und seine Klamotten raschelten.

Vielleicht würde Tyler wirklich irgendwann wiederkommen und sie würden sich erneut begegnen, zumindest solange er keinen festen Partner gefunden hatte.

Ingo rutschte weiter und verschwand in der Dunkelheit, während Tyler sich die Hand an dem Kissen neben sich abwischte. Dann zog er seine Boxershorts, gefolgt von seiner Hose, wieder hoch. Er lief zum Ausgang und direkt weiter zu den Toiletten, wo er sich seine Hände wusch und sich etwas Wasser ins Gesicht spritzte. Tyler atmete tief ein und wieder aus. Ein siegessicheres Grinsen lag auf seinen Lippen.

Einen Moment betrachtete er sich im Spiegel und kehrte dann zurück zu Raphael, der nach wie vor an der Bar saß. Neben ihm hatte ein blonder Junge seinen Platz gefunden, wovon Raphael ganz und gar nicht begeistert zu sein schien. Tyler musste leise lachen, umarmte seinen besten Freund von hinten, als er bei ihm angekommen war, und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.

„Bin wieder da, Schatz, tut mir leid, dass es ein bisschen länger gedauert hat“, sagte Tyler und versuchte, Raphael so aus der Misere zu helfen. Es klappte auch, denn der Junge, der neben ihm saß, erhob sich und verschwand, ohne ein Wort zu sagen. Tyler spürte, wie ihn ein Unheil bringender Blick streifte. Da hatte er den Nagel auf den Kopf getroffen.

„Danke. Ich glaube, der Typ hätte mich ernsthaft gleich auf die Toilette gezogen. Der war die ganze Zeit voll aufdringlich. Bei dir lief es hoffentlich besser?“

„Kann man so sagen, aber ich denke, wir verschwinden hier, bevor dich wirklich noch einer anspringt.“ Tyler grinste. „Ich erzähle es dir dann bei mir.“

Ein Nicken reichte als Antwort.

Raphael rutschte von seinem Barhocker und torkelte ihm zum Ausgang hinterher.

„Wie viel hast du in dich reingekippt? So lange war ich doch gar nicht weg“, hakte Tyler nach. Mehr als ein Schulterzucken bekam er nicht.

Zwanzig Minuten später ließ sich Raphael auf Tylers Bett fallen und brummte erleichtert. Er schien ziemlich betrunken zu sein.

„Weißt du was? Wir reden dann morgen, das wird heute nichts mehr. Schlaf lieber deinen Rausch aus. Ich geh’ noch schnell duschen“, sagte Tyler, öffnete seinen Kleiderschrank und holte sich frische Boxershorts und ein etwas weiteres Schlafshirt heraus, womit er ins Badezimmer verschwand.

Kopfschüttelnd stellte er die Dusche an und schnappte sich seine Zahnbürste und Zahnpasta. Rasch zog er sich aus, drückte etwas Zahnpasta auf die Bürste und stieg mit dieser im Mund in die Dusche. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Mehr oder weniger.

Genüsslich streckte er sein Gesicht gen Duschbrause und begann, sich die Zähne zu putzen.

Später stieg er wieder aus der Dusche, trocknete sich ab und zog frische Kleidung an. Als er zurückkam, lag Raphael schon schnarchend ausgebreitet auf dem Bett, die Decke verwuschelt unter ihm und es gab keinen Platz für den Gastgeber.

Seufzend schob Tyler seinen besten Freund ein Stück zur Seite und kroch unter die Bettdecke. Es war ein aufregender und geglückter Abend gewesen. Jetzt forderte sein Körper neue Kraft ein und ließ ihm nicht die Chance, noch einmal über die letzten Stunden nachzudenken. Kaum hatte Tyler seine Augen geschlossen, fiel er auch schon in einen erholsamen Schlaf.

Am nächsten Morgen wurde er von seinem Lieblingslied geweckt. Brummend griff er nach seinem Handy, das neben ihm auf dem Nachtschrank lag.

Mit noch geschlossenen Augen setzte er sich im Bett auf und rieb sich durchs Gesicht, ehe er gähnend aufstand. Hätte er sich bloß einen späteren Friseurtermin geben lassen.

„Tyler? Was machst du?“ Raphael war ebenfalls wach geworden.

„Haare“, murmelte der Angesprochene nur und tapste aus dem Zimmer geradewegs in die Küche, wo er auf Julie traf. Sie war wieder ein neues Au-pair-Mädchen, das mitverantwortlich für den Haushalt war und sich um Tylers kleinen Bruder kümmerte.

„Good morning“, sagte sie und lächelte.

Tyler beantwortete das nur mit einem müden Nicken. Julie kam aus England. Woher genau hatte er sich nicht gemerkt. Immerhin konnte er sich ein bisschen mit ihr unterhalten.

„Julie, deck bitte noch einen Platz ein, Raphael ist auch da.“

„Sicher, ich machen“, antwortete sie nach einem kurzen Stirnrunzeln.

„Danke“, murmelte er und setzte sich an den gedeckten Tisch, als er auch schon Schritte auf der Treppe hörte. Sein Blick wanderte zur Küchenuhr. Er hatte in einer Stunde den Termin beim Friseur. Zum Glück lief er nur fünf Minuten zu dem Salon. Aber er musste sich noch umziehen und Zähne putzen. Ganz so lang würde das Frühstück heute also nicht ausfallen.

„Alter, was du immer für einen Stress machst.“ Raphael kam in die Küche, gähnte und ließ sich auf den Stuhl fallen, vor dem nun ebenfalls ein Teller, Besteck und ein Glas auf dem Tisch standen.

„Danke, Julie.“

Sie nickte nur freundlich und verließ dann durch die Terrassentür das Haus, um zu rauchen. Tyler beobachtete sie einen Moment nachdenklich. Eigentlich durften Au-pairs nicht rauchen. Klar, sie gingen ja mit Kindern um, in diesem Fall mit Tylers kleinem Bruder Felix, der jetzt offenbar noch im Bett lag und schlief.

Aber er war mit Julie den Deal eingegangen, dass sie ihm ab und an etwas half und er dafür dicht hielt und sie rauchen ließ. Normalerweise war sie nur für die Dinge zuständig, die mit Felix zu tun hatten. Und wenn sie draußen rauchte, schadete es Felix’ Gesundheit ja auch nicht. Also alles halb so wild.

„Deine Eltern arbeiten wieder?“, fragte Raphael, als er sich ein Stück Apfel in den Mund schob.

„Offensichtlich.“

„Und, gestern Spaß im Darkroom gehabt?“

Tyler verschluckte sich, als er gerade von einem Brötchen abbiss. Fassungslos sah er Raphael an. Wollte er sich wirklich zum Frühstück seine ersten sexuellen Erfahrungen anhören?

Er lupfte eine Augenbraue. Manchmal fragte er sich, ob Raphael nicht doch einen Knacks weghatte. Aber sein bester Freund war nicht umsonst sein bester Freund. Sie waren beide ein bisschen bekloppt. Zumindest Tylers Ansicht nach.

„War gut. Ich bin hingeflogen und mir hat ein netter Kerl aufgeholfen. Und dann hat er mir einen geblasen und ich habe ihn gewichst. Zufrieden?“

Breit grinste Tyler sein Gegenüber an, als er sah, wie dieser nun doch etwas blass wurde und beim Kauen innegehalten hatte.

„Das reicht. Genug Details. Du hattest Erfolg, es reicht mir, das zu wissen.“

Als sie fertig waren, machte Raphael sich auf den Weg nach Hause.

Tyler stand nun vor dem Friseursalon und spürte, wie Freude in ihm aufkam. Seine langweiligen Zotteln nervten ihn schon lange.

Mit einem breiten Grinsen auf den Lippen betrat er den Friseursalon und eine der Angestellten kam sofort auf ihn zu. Er kannte sie durch seine Mutter.

„Hallo Tyler. Bereit für die große Veränderung?“ Bettina strahlte ihn an.

„Ja. Wir müssen nur gleich gucken, was wir machen.“

Sie richtete ihm einen Stuhl her und bat ihn dann, sich zu setzen. Stumm sah Tyler sich im Spiegel an, während Bettina es ihm gleichtat.

„Ich bin so blass, also nichts Dunkles ...“, murmelte er nachdenklich und handelte sich ein empörtes Schnauben von der jungen Frau ein.

„Blass? Du bist doch nicht blass! Du bist zwar keiner der Sonnenbankgebräunten, aber die Sonne hat deiner Haut einen schönen Teint verpasst! Es ist ja auch Sommer!“

Tyler verdrehte die Augen.

„Meinst du?“

„Also blass ist wirklich was anderes, Tyler. Du hast schöne, sonnengebräunte Haut. Ich denke, ein Tick dunkler wäre nicht verkehrt.“

Abermals sah Tyler sich nachdenklich im Spiegel an. Er war selten zufrieden mit seiner Haut und seinen Haaren und war da ziemlich eitel, musste er sich eingestehen.

„Weißt du was? Mach einfach etwas draus. Ich vertraue dir.“

Bettina grinste ihn an und nickte dann freudig. Wenn Frauen machen durften, was sie wollten, vertrieb nichts mehr das Grinsen aus ihrem Gesicht. Er hoffte, er würde diesen Schritt nicht bereuen.

Anderthalb Stunden später wurde er langsam nervös. Bettina verpasste ihm den letzten Schliff und er hatte noch keine Ahnung, wie er nun aussah. Damit er nicht in ihre Pläne funkte, hatte er ihr gesagt, dass sie den Spiegel abdecken sollte.

Sie hatte ihm die Haare geschnitten und gefärbt. Danach richtete sie das Ganze noch mit etwas Haarwachs. Er wartete darauf, sich das Ergebnis anzusehen, und hoffte, es würde ihm stehen. Er wollte an seinem ersten Arbeitstag nicht wie eine Vogelscheuche aussehen und damit seine Pläne, offener zu werden, über den Haufen schmeißen.

„So, fertig!“, verkündete Bettina und nahm das große Tuch vom Spiegel.

Kaum sah Tyler sich darin, klappte ihm der Mund auf. Ungläubig beugte er sich nach vorn, drehte sich von rechts nach links, zupfte sich an den Haaren herum und ... fand es klasse.

Statt des schnöden Kastanienbrauns schimmerten seine Haare nun dunkelbraun. Viel aufregender war das nicht, aber es stand ihm tatsächlich besser. Und statt des langweiligen, schulterlangen Schnitts hatte er nun stark gekürzte, fransig geschnittene und locker gewachste Haare. Er sah frisch aus, wie ausgewechselt. Viel attraktiver, wie er fand.

„Du bist eine Göttin!“, wisperte er fassungslos. Er musste wirklich sagen, dass er noch nie so gut ausgesehen hatte. Sein Chef würde umfallen, wenn er ihn so sah. Okay, vermutlich nicht, aber erstaunt sein würde er sicher. Und der Kerl, der mit ihm zusammenarbeiten würde, auch.

Der würde Augen machen, dieser arrogante Schnösel! Tyler hatte schon Probearbeiten müssen, nachdem er sich in der Firma als Azubi beworben hatte. Die Firma wollte sehen, ob er nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis geeignet war. Drew, mit dem er zusammengearbeitet hatte und es in Zukunft ebenfalls tun würde, war in den drei Tagen, in denen Tyler dort gewesen war, ständig am Klugscheißen gewesen. Der Typ hatte ihn behandelt, als müsste er ihm erst mal erklären, wie man überhaupt einen Laptop anschaltete. Mit seinen 22, höchstens 23 Jahren benahm er sich, als sei er der Megaprofi in seinem Beruf und besser als alle anderen, egal, wie viel Berufserfahrung sie besaßen.

Tyler konnte solche Leute nicht leiden, aber da würde er durch müssen. Außerdem spornte es ihn an, diesem Drew zu zeigen, dass er sehr wohl in der Lage war, einen Laptop und dessen Programme zu bedienen. Nicht umsonst hatte er das Abitur geschafft.

Trotzdem graute es Tyler vor ihm, als er am Montagmorgen um acht Uhr seinen ersten Arbeitstag antrat. Zumindest in der Lehrzeit begann seine Arbeit um diese Zeit. Danach würde er dank der Gleitzeit nicht mehr ganz so früh aufstehen müssen. Er begann eine Ausbildung als Werbefachmann – aber nicht in irgendeinem kleinen Unternehmen, wo schon ein Realschulabschluss reichte und die Arbeit so langweilig war, wie üblich, sondern in einem großen, angesehenen Unternehmen. Sein Chef, Herr Rößner, zeigte ihm erst einmal die gesamte Abteilung, stellte ihm seine Kollegen vor und erklärte noch ein paar andere Kleinigkeiten.

„Kaffee können Sie sich natürlich machen, ich bitte nur um Vorsicht mit den Elektrogeräten. Wenn Sie Ihren Kaffee über den Laptop kippen, müssen Sie für die Schäden aufkommen. Ich kenne doch junge Dinger wie Sie. Ich war auch so. Das waren noch Zeiten. Nun ja, da Sie sich mit Herrn Bellino allein ein Büro teilen werden, wird er Ihnen alles Weitere erklären. Aber eines vorneweg – Sie haben in Ihren drei Probetagen gesehen, dass Sie ein sehr großes Büro haben, sogar mit Sitzfläche und Glastisch. Das ist selbstverständlich nicht Ihre persönliche Wohlfühl-Wie-zuhause-Ecke, sondern der Meetingbereich. Herr Bellino hat neben der Computerarbeit auch persönlich mit Geschäftskunden zu tun, die er im Büro empfängt. Während solcher Meetings sollten Sie sich so unauffällig wie möglich verhalten und einfach Ihre Arbeit am Computer erledigen, ohne Fragen oder Einwürfe. Aber auch darauf wird Herr Bellino sicher noch einmal genauer eingehen. Gut, wenn Sie noch Fragen oder andere Anliegen haben, dann können Sie sich jederzeit an mich wenden.“

„Danke.“ Tyler lächelte freundlich.

„Gut, dann machen Sie sich an die Arbeit, Sie wissen ja, wo Sie mich finden.“ Herr Rößner verabschiedete sich von Tyler, der sich auf den Weg in sein Büro begab, in dem er in den nächsten drei Jahren lernen würde. Sein Herz klopfte spürbar schneller in seiner Brust. Die letzte Zusammenarbeit mit Drew war nicht sehr angenehm gewesen ... Er klopfte an und betrat den großen Raum. Drew sah ihm entgegen.

„Ah, da bist du ja schon. Ich habe dir hier auf deinen Platz schon einige Akten gelegt, die in den Datenbanken noch aktualisiert werden müssen. Mit Datenbanken kennst du dich aus? Schalte deinen Laptop an, ich zeige dir gleich, wo du alles findest“, begann Drew direkt zu reden. Als Tyler zum Probearbeiten hier gewesen war, hatte er ihm gesagt, dass er es nicht mochte, wenn man sich unter Kollegen siezte. Tyler sollte es recht sein.

„Klar, haben wir in der Schule gelernt“, erwiderte Tyler. Er hatte keine Lust, sich einen langen Vortrag halten zu lassen.

„Gut, dann kannst du mir das ja gleich zeigen! Bin sofort wieder da.“ Mit diesen Worten verschwand er aus dem Büro.

Seufzend ließ Tyler sich auf den Schreibtischstuhl sinken, der nur etwa zwei Meter neben Drews stand. Es war nicht so wie bei den meisten, dass man sich gegenübersaß, nein, sie beide saßen nebeneinander und hatten einen langen Schreibtisch auf einer Seite des Büros, welches locker fünfzig Quadratmeter umfasste. Die Hälfte davon nahm der Meetingbereich ein. Eine große, schwarze Ledercouch in U-Form und ein gläserner Tisch ließen diesen Bereich edel und seriös wirken. Nicht billig oder kitschig, sondern erkennbar in den höheren Preisklassen angesiedelt. Na ja, er befand sich auch in einer der größten international arbeitenden Filmproduktionsfirmen, die es in Deutschland gab.

„Nicht träumen, du hast ja noch nicht mal den Laptop eingeschaltet! Ich hatte dir doch während deiner Probetage gezeigt, wie das geht!“ Verwirrt schüttelte Drew den Kopf und drückte den Einschaltknopf von Tylers Laptop. Aus den Gedanken gerissen sah dieser seinen Kollegen an und lächelte verlegen.

„Ich habe mir nur gerade die Meetingecke angeschaut, da Herr Rößner mir vorhin erklärt hat, dass du dort Kunden empfängst und ich dann möglichst unauffällig an meinem Laptop sitzen bleiben soll“, rechtfertigte Tyler sein Verhalten.

Drew grinste stolz. „Ja, ich empfange dort öfter Geschäftskunden. Teilweise sogar berühmte Leute. Schauspieler, Produzenten und Regisseure. Aber auch einfache Geschäftskunden, die Aufträge erteilen. Da kommt es nicht gut, wenn der Azubi sich plötzlich meldet und fragt, ob er sich einen Kaffee holen darf oder wie er eine neue Zeile im Dokument einfügt.“

„Verständlich“, antwortete Tyler und richtete seinen Blick auf den Bildschirm. Kaum war der Laptop hochgefahren, wurden ihm sämtliche Speicherordner gezeigt.

„Gut, dann zeig mir mal, wie du den ersten Datensatz änderst – ach ja, die Sachen, die auf diesem Zettel stehen, musst du neu anlegen“, wies Drew an.

Tyler begab sich sogleich an die Arbeit. Dass er dabei beobachtet wurde, verunsicherte ihn. Er mochte es nicht, wenn ihm jemand bei irgendetwas zuschaute.

„Hm. Sieht ganz gut aus, du scheinst dir einiges gemerkt zu haben. Ich lasse dich alleine weitermachen, weil ich noch Unterlagen für einen Geschäftstermin fertigstellen muss. Wenn du Fragen hast, melde dich einfach.“

Drew schien zufrieden mit ihm zu sein. Auf Tylers Lippen breitete sich ein Lächeln aus.

Tyler gab die Änderungen in die Datensätze ein und bemerkte kaum, wie die Zeit verging. Erst, als Drew etwas von einer Mittagspause sagte, fiel Tylers Blick auf die Uhr.

„Wie weit bist du denn gekommen?“

„Bis hierhin. Ist ganz schön viel zu ändern“, gestand Tyler.

„Ja, ich weiß nicht, warum das nicht gleich gemacht wird. Aber so hast du immerhin eine Beschäftigung. Hier in der Nähe gibt es eine kleine Imbissbude. Kommst du mit?“

Verwirrt schaute Tyler seinen Kollegen an. Das war nicht sein Ernst, oder? Beim letzten Mal hatte er wegen jeder Kleinigkeit gemäkelt und jetzt wollte er, dass er die Mittagspause mit ihm verbrachte?

„Ich ... äh ... ja ...“, stammelte er nervös. Das war ein gutes Zeichen. Und wenn er es sich recht überlegte, war das seine erste Chance, sein Vorhaben umzusetzen. Offen und nahbar, nicht so distanziert wie bisher. Drew zeigte sich nett und freundlich, also konnte er versuchen, Vertrauen und vielleicht sogar eine Freundschaft aufzubauen. Es würde schöner sein mit jemandem zu arbeiten, mit dem man sich gut verstand, als wenn man sich fremd war und sich kaum kannte. Vielleicht war er gerade aber einfach etwas leichtgläubig.

„Na dann beweg mal deinen kleinen Hintern von deinem Stuhl und komm mit. Deine Tasche kannst du hier lassen. Und weil das dein erster Tag ist, lade ich dich ein. Wird aber nicht zur Gewohnheit!“ Drew schmunzelte und hob belehrend einen Finger, während Tyler ihn anstrahlte.

Er träumte, oder? Am Freitag seine erste sexuelle Erfahrung, am Samstag diese neue Frisur und jetzt der erste Arbeitstag mit einem doch ganz netten Kollegen? Es lief super – für den Start in ein neues Leben.

Rasch folgte Tyler Drew und lief neben ihm her, sobald er ihn eingeholt hatte. Als sie das Gebäude verließen, blieb Drew allerdings stehen und zog eine Schachtel Zigaretten hervor. Stumm bot er Tyler eine Kippe an, die der nur zögernd annahm. Tyler rauchte nur gelegentlich, meist auf Partys. Aber er hatte oft gehört, dass man sich bei einer Zigarette besser kennenlernte. Genüsslich zog er an seiner, als Drew ihm das Feuerzeug hinhielt.

Tyler musste husten, aber er riss sich zusammen und ließ mit einem Lächeln seinen Blick zu Drew wandern, der ihn wortlos musterte.

„Was ist? Hab’ ich etwas im Gesicht?“, fragte er und schluckte schwer.

„Nein, ich habe mir nur deine Haare angeschaut. Sieht viel besser aus als die Frisur, die du letztens noch hattest. Du hast wie ich bis 17 Uhr Schicht, nicht wahr? Wann hast du Berufsschule? Rößner hat mir noch nichts dazu gesagt.“

„Diese Woche arbeite ich ganz normal, also von Montag bis Freitag. Ab nächster Woche bin ich dann donnerstags in der Schule. Und ja, ich habe auch bis 17 Uhr Schicht“, sagte Tyler und spürte, wie ihm das Blut in die Wangen schoss. Hatte Drew ihm eben wirklich ein Kompliment gemacht?

Drew nickte und Stille kehrte zwischen den beiden ein. Tyler klammerte sich an seine Zigarette, die von Zug zu Zug kürzer wurde, und ließ sie schließlich fallen.

„Dann mal los“, sagte Drew und setzte sich in Bewegung. Tyler konnte ein Schmunzeln erkennen. Er schien sich köstlich über ihn zu amüsieren.

„Wie alt bist du eigentlich, wenn ich fragen darf?“ Tyler versuchte, erneut ein Gespräch in Gang zu bringen.

„Klar darfst du fragen. Ich bin 22, auch wenn ich nicht so aussehe. Die meisten schätzen mich älter.“

„Echt? Also ich hätte dich schon so eingeschätzt.“

Ein leises Lachen kam von Drew. „Wie hat dir dein erster Arbeitstag bis jetzt gefallen?“

„Wenn ich sage, dass ich ihn nicht gut fand, drehst du mir sicher den Hals um, daher ... Mir gefiel er bisher gut. Die Arbeit ist in Ordnung und wenn die Kollegen nett sind, ist das schon die halbe Miete!“

„Baggerst du mich gerade an? Pass auf, Bürogetratsche kann echt nervig sein. Der Homosexuelle mit seinem kleinen Lehrling. Verführt vom heißen Bürohengst. Eigentlich ganz nette Arbeitsschlagzeilen ... Mach weiter so!“

Drew verfiel in schallendes Gelächter, als Tyler ihn geschockt ansah. Er wusste nicht, was er sagen sollte. War das jetzt ein Scherz oder eine Warnung oder wie sollte er das aufnehmen? Er war verwirrt und kannte Drew zu schlecht, um erkennen zu können, wie er was meinen könnte.

„Keine Sorge, Kleiner. War ein Scherz. Ich mache zwar kein Geheimnis daraus, dass ich auf Kerle stehe, aber du bist echt nicht meine Liga, also ruhig Blut. Und was die Kollegen sagen ... Die tratschen echt viel, aber es liegt an dir, wie viel Gewicht du diesem Mist gibst. Ich habe lieber meine Ruhe und arbeite gut, anstatt schlecht zu arbeiten und nur Sülze zu quatschen. Die können mich alle nicht leiden und das ist mir auch recht, denn so lassen sie mich in Ruhe. Wenn du dich mit den anderen anfreunden willst, halte dich in den zukünftigen Pausen lieber von mir fern – ist es dir egal, habe ich nichts gegen deine Gesellschaft. Ansonsten bin ich auch gern für einen Scherz zu haben, also tu dir keinen Zwang an. Sofern du deine Arbeit dennoch gut machst, denn bei der verstehe ich keinen Spaß. Ich mache alles professionell, sauber und liefere es pünktlich ab und das erwarte ich von meinen Kollegen auch. Da hast du bei mir auch keinen Welpenschutz von wegen Azubi, denn du wirst keine Aufgaben bekommen, denen du nicht gewachsen bist und wenn du Hilfe brauchst, kannst du jederzeit fragen. Sagst du nichts und machst dann Fehler, ist es dein Verschulden!“

Sie betraten einen Imbiss, während Drew Tyler seine Ansichten klarmachte und sie sich anstellten.

Tyler konnte ihn verstehen und war dennoch sehr verblüfft. Drews Denkweise gefiel ihm. Sie war ehrlich und nüchtern und so schätzte Tyler sich auch ein. Lieber hatte er einen besten Freund anstatt viele, die keine wirklichen Freunde waren. Zwar wollte er durch seinen neuen Lebensabschnitt ein paar Freunde dazugewinnen und hatte sich dafür verändert, aber das nur so weit, wie es ihm selbst gefiel. Und er wollte auch keine oberflächlichen Menschen als Freunde, sondern Menschen, die ihn mochten und seine Anwesenheit genossen.

„Tratschtanten hatte ich in meiner alten Schule genügend. Mich nervt es, wenn Leute urteilen, bevor sie einen ansatzweise kennengelernt haben. Ich würde gerne bei dir bleiben, weil ich nicht wieder solche Leute um mich haben will, die Scheiße erzählen.“ Tyler unterbrach sich und schnaubte. „Mir gefällt es, wie du denkst. Wenn ich ehrlich sein soll, bist du jemand, den man nicht nach dem ersten Eindruck beurteilen sollte. Zu Beginn dachte ich mir: Oh Gott, was ist denn das für einer. Aber jetzt finde ich, du kannst doch ganz nett sein.“

Tyler war selbst überrascht, dass er so direkt seine Gedanken aussprechen konnte, aber gerade schien es ihm einfach notwendig, das alles zu sagen.

„Rutsch mal nicht auf deiner Schleimspur aus, Kleiner.“ Erneut begann Drew zu lachen, verstummte dann aber, als sie zum Bestellen an der Reihe waren. „Such dir was aus, ich lade dich wie gesagt ein.“

Tyler ließ seinen Blick über die Auslagen schweifen. Das sah alles ziemlich lecker aus.

„Ich hätte gern ... hm ... dieses Brötchen hier.“ Tyler deutete durch die Glasscheibe. Drew nickte.

„Du kannst uns ja schon mal einen Platz suchen, ich komme gleich nach“, sagte er.

Mit einem „Okay“ schaute Tyler sich um und verschwand dann nach draußen, wo er den ersten freien Tisch, den er entdeckte, für sich und Drew beanspruchte. Es war richtig schön sonnig und warm.

Es dauerte nicht lange, da kam Drew und reichte ihm sein belegtes Brötchen.

„Ich würde dir gern zwei Ratschläge geben“, sagte Drew als er sich niederließ und sah ihn an. Tyler schluckte.

„Erstens: Werde nicht zu privat und frech und lerne erst die Leute kennen. Und zweitens: Ehrlich Junge, bleib optisch so, wie du bist. So passt du perfekt in die Firma, zu unserem jungen, frischen Design. Das bringt Punkte, mehr als die zugeknöpften Sesselfurzer in den anderen Büros!“

Tyler errötete etwas vor Verlegenheit und nickte stumm. Hastig biss er von seinem Brötchen ab um etwas zu haben, mit dem er sich ablenken konnte. So viel Ehrlichkeit war gewöhnungsbedürftig. Er traute sich nicht, etwas zu sagen, denn in Drews kleiner Ansprache war nicht nur Lob, sondern auch Kritik gewesen. Damit konnte er nur schwer umgehen. Also beließ er es lieber dabei.

Die Pause verging schnell, genauso wie der Rest des Arbeitstages. Als Tyler gegen halb sechs nach Hause kam, fühlte er sich ausgelaugt. Drew und er hatten nicht mehr sonderlich viel gesprochen, dennoch gingen Tyler dessen Aussagen nicht aus dem Kopf. Er hatte mit so vielem recht. Und er war ihm dankbar, dass er ihn mehr oder weniger vor den anderen Arbeitskollegen gewarnt hatte. Er wollte nicht, dass es wieder so wurde, wie es in der Schule gewesen war.

Vielleicht würde sich eine Freundschaft zwischen ihm und Drew entwickeln. Dass es niemals so eng wie mit Raphael werden würde, wusste er.

„Ach ja! Ihn sollte ich auch anrufen!“ Tyler schlug sich gegen die Stirn. Das hätte er fast vergessen. In seinem Zimmer ließ er sich auf das Bett fallen und wählte die Nummer seines besten Freundes.

Am nächsten Morgen machte sich Tyler um halb acht wieder auf den Weg zur Arbeit. Er lief etwa eine viertel Stunde bis dahin.

Die Sonne strahlte schon eine angenehme Wärme aus. Für September war es wirklich ungewöhnlich warm.

Gemütlich schlenderte er den Weg entlang und blieb an einem Kiosk stehen. Es war vielleicht nicht gut und Drew auch kein akzeptabler Grund, aber er wollte sich eine Schachtel Zigaretten kaufen. Er plante nicht, zum Kettenraucher zu werden, aber eine kleine Zigarettenpause war eigentlich ganz schön und er rauchte ja sowieso gelegentlich.

In dem Kiosk, in dem er bisher erst selten gewesen war, sah er sich ein bisschen um. Viel gab es hier nicht. Zeitungen, Süßigkeiten, Snacks, Zigaretten und Getränke. Das Übliche eben. Er kaufte sich eine Coke und eine Schachtel Marlboro Light und machte sich wieder auf den Weg zur Arbeit.

Als er dort ankam, grüßte er die wenigen Kollegen, denen er begegnete. Sein Büro lag im Erdgeschoss, der „wichtigsten“ Etage.

Tyler betrat das Büro und wollte bereits zu einem morgendlichen Gruß ansetzen, als er Drew, einen Mann und eine Frau entdeckte, die in der Meetingecke saßen. Drew bedachte ihn mit einem stummen Blick, als Tyler höflich die Anwesenden grüßte und sich rasch an seinen Platz verzog.

Verwirrt sah er auf seinen Laptop, der bereits aufgeklappt und eingeschaltet war. Photoshop war geöffnet und ein Zettel lag auf seiner Tastatur.

Das Meeting geht bis neun Uhr, auf dem zweiten Zettel hast du ein paar Angaben, wie du das geöffnete Bild bearbeiten sollst. Wenn du damit fertig bist, verhalte dich einfach still und beobachte unauffällig das Meeting, so kannst du auch ein bisschen dazulernen. Wenn die beiden weg sind, trinken wir gemeinsam ein Käffchen und ich überprüfe deine Arbeit.

Ps: Guten Morgen!

Tyler huschte ein Lächeln über die Lippen. Er griff nach dem zweiten Zettel und begann, das Bild zu bearbeiten. Er korrigierte kaum erkennbare Makel, passte die Farben der Vektorgrafik an und fügte ein Textfeld ein. Einfache Dinge, die jeder machen konnte, der sich etwas mit dem Programm auskannte.

Dadurch, dass er seine Aufgaben vom Vortag bereits erledigt hatte, hatte er nun nichts mehr zu tun und schielte zur Meetingecke hinüber. Drew unterhielt sich mit den beiden Kunden über einen Film, die genauen Details hatte er jedoch noch nicht mitbekommen. Tylers Blick schweifte über die beiden Kunden und weiter zu Drew, der mit seinen Händen gestikulierte und dann auf eines der ausgelegten Blätter deutete. Einige seiner dunkelbraunen Dreadlocks fielen dabei locker über seine Schultern.

Da Drew mit dem Gesicht zu ihm saß und ihn momentan nicht zu beachten schien, konnte Tyler ihn ansehen, ohne sich später vielleicht dafür rechtfertigen zu müssen.