Schnee am Ballermann - Manni Breuckmann - E-Book + Hörbuch
  • Herausgeber: Westend
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2015
Beschreibung

Sex & Crime auf Mallorca Mallorca, die Lieblingsinsel und der Sehnsuchtsort der Deutschen einmal ganz anders gesehen: In den Klippen von Cala Figuera erschlägt der Ruhrgebiets-Macho und Rockmusiker Frank seine Freundin Talea. Dabei hat er die junge Frau erst vor ein paar Wochen aus dem Mittelmeer gerettet und sich in sie verliebt. Aber ihre Romanze in einem wildromantischen Haus an der Steilküste Mallorcas währt nicht lange. Beide werden unerbittlich von den Spuren ihrer Vergangenheit eingeholt. Der Insiderblick auf einige der schönsten Ecken Mallorcas ist nur Kulisse für eine brisante Mischung aus Drogenhandel, Prostitution und blutigen Verbrechen.

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Seitenzahl:342

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Ebook Edition

Manni Breuckmann

Schnee am Ballermann

Ein Mallorca-Krimi

»Ballermann« ist eine geschützte Marke – Mit freundlicher

Genehmigung der A. Engelhardt-Markenkonzepte GmbH

Mehr über unsere Autoren und Bücher:

www.westendverlag.de

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig.

Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

ISBN 978-3-86489-570-8

© Westend Verlag GmbH, Frankfurt/Main 2015

Umschlagbild: Fotolia / Alena Ozerova

Satz: Publikations Atelier, Dreieich

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1: Steven Tyler goes Cala Figuera
Kapitel 2: Talea
Kapitel 3: Gang Bang
Kapitel 4: Machmaleisa
Kapitel 5: Palaver im Sand
Kapitel 6: Rosa Wölkchen
Kapitel 7: Multifunktions-Höhle
Kapitel 8: Fakir vor Kathedrale
Kapitel 9: WG in Auflösung
Kapitel 10: Alles kann, nichts muss
Kapitel 11: Einmal Touri sein
Kapitel 12: Aceite de Oliva virgen extra
Kapitel 13: Leicht verdientes Geld
Kapitel 14: Kaffee bis zum Anschlag
Kapitel 15: Klösterchen
Kapitel 16: Viel Glück und viel Segen

Kapitel 1

Steven Tyler goes Cala Figuera

»I really need a girl like an open book. To read between the lines.«

(Aerosmith: »Love in an elevator«)

Martí Barreto popelt für sein Leben gern. Es ist so ein befreiendes Gefühl, ja geradezu ein Erfolgserlebnis, die Nase von möglichst dicken Brocken zu reinigen und die dann zwischen Daumen und Zeigefinger zu geschmeidigen Kügelchen zu rollen. Vielleicht hat er sich deshalb diesen Job ausgesucht, bei dem Störungen seiner regen Popeltätigkeit selten zu erwarten sind.

Den kenn’ ich doch, denkt sich Martí und nimmt den Finger aus der Nase. Draußen schlendert ein Pärchen vorbei. Warum rauscht der Refrain von »Love in an Elevator« ausgerechnet jetzt durch sein geistiges Ohr? Das war doch dieses Hammerding von Aerosmith Ende der Achtziger. Damals, als Martí an den Wochenenden noch in den drei Diskotheken von Cala Figuera herumzappelte. Die Zahl seiner amourösen Abenteuer blieb dabei allerdings überschaubar, Martí war nun mal kein Mallorca-Dream-Boy. Liebe im Aufzug? Vielleicht eine heiße Wichs-Fantasie, tausend Meilen fern jeder Realität. Aber der Typ da im Halbdunklen mit seiner kabafarbenen Begleiterin, der hat es bestimmt schon mal im Aufzug getrieben. Der sieht trotz seiner vielleicht vierzig Jahre noch verdammt gut aus, indianisch-exotisch wie dieser Sänger von Aerosmith. Sogar der halbfette Bauch stört die Gesamterscheinung nicht wirklich. Das ist doch in dem Alter ein verzeihbarer Schönheitsfehler, denkt Martí. Ja genau, Steven Tyler heißt das Original, und sein Doppelgänger in der Nacht von Cala Figuera sieht ihm nicht nur verdammt ähnlich – mit diesen Wulstlippen, die aussehen wie Sobrasada-Würste! –, er singt sogar auch in einer Rockband. Die ist vom Weltruhm zwar noch ein Stückchen entfernt, ehrlich gesagt, kennt sie hinter Llucmajor keine Sau mehr. Aber Martí hat die Jungs mal auf dem Marktplatz von Santanyí gesehen und fand ihre Cover-Versionen der alten Rock-Hits, darunter natürlich auch einige von Aerosmith, richtig klasse.

Martí sitzt von abends zehn bis morgens um sechs als Nachtportier an der Rezeption des Hotels »Villa Sirena«. Ein schlecht bezahlter Job, aber er braucht das Geld; der Arbeitsmarkt hat ihn schon ein paar Mal ausgespuckt. Martí muss sich gewaltig strecken, um über die Runden zu kommen. Und dass er ein Hotel an einem der schönsten Plätze Mallorcas bewachen muss, beeindruckt ihn herzlich wenig. Das Hostal Villa Sirena liegt auf felsigem Untergrund am Eingang der malerischen Bucht von Cala Figuera. Wirklich schön ist das Haus nicht, ein schlichter dreistöckiger Zweckbau, dessen Inneneinrichtung in den Katalogen als »zweckmäßig« beschrieben wird. Aber wer dort wohnt und wahlweise aufs blaue Meer oder in den Hafen gucken darf, schreit nicht mehr nach Begrüßungs-Champagner und Wildlachs zum Frühstück. Nachts wird der Gast vom gleichmäßigen Rauschen der Mittelmeer-Wellen in den Schlaf gewiegt und wähnt sich an Bord eines Kreuzfahrtschiffes auf hoher See. Entspanntes Schlafen mit frischer Meeresluft. Bis morgens um fünf die Fischereiflotte von Cala Figuera – zwei in die Jahre gekommene kleine Fischkutter – mit lautem Diesel-Geknatter ihren Dienst in den fast leergefangenen Fischgründen vor der mallorquinischen Küste aufnimmt. Dort, bei den wetterfesten Fischerburschen, hat Martí auch mal gejobbt. Bis sie ihn wegen chronischen Verschlafens rausgeschmissen haben. Das war vor zwei Jahren. Aber Gott sei Dank gab es noch die Chefin der Villa Sirena; die hat Martí den Job als Nachportier gegeben. Aus verwandtschaftlicher Verbundenheit. Denn in Cala Figuera und Santanyí sind sie fast alle miteinander verwandt. Die Keimzelle der bäuerlichen Ur-Bevölkerung besteht aus ganzen vier Familien; da sind fast alle, die sich zufällig auf der Straße treffen, um ein paar Ecken herum miteinander verschwippt oder verschwägert.

Martí sitzt hinter seiner kleinen braunen Holztheke, auf der seit Jahrzehnten eine Vase mit Plastik-Orchideen thront, versucht den Elevator-Song aus seinen Ohren zu verscheuchen und bekämpft gleichzeitig einen Anfall von Neid und Eifersucht.

Jetzt gehen sie zu den Klippen, gucken in den Sternenhimmel und befummeln sich, nörgelt seine innere Stimme. Wenn nicht sogar schlimmere Sachen passieren! Dass er auch mal gerne »schlimmere Sachen« mit Frauen machen würde, befeuert ihn seit der Pubertät, ist aber nur höchst selten aufregende Realität geworden, aus der Not heraus auch schon mal gegen Geld. Der Steven-Tyler-Verschnitt verschwindet aus Martís Gesichtsfeld und schiebt sich in enger Umarmung mit seiner schönen Begleiterin über den schmalen Weg Richtung Felslandschaft. Martí hat das Liebespaar vielleicht fünf Sekunden lang gesehen. Durch die schmale Glasfront hindurch hat er nur zehn Meter Straße und das gegenüber liegende Apartmenthaus im Blick.

Noch drei andere Männer befinden sich an diesem Abend in Sichtweite des auffälligen Paares. Carlos, der Betreiber des erfolgreichsten Restaurants an der Hafenmeile, besteigt gerade seinen Kleinwagen, um die üppige Tageseinnahme nach Hause in seinen Safe zu bringen. Das »Es Port« gilt fälschlicherweise als Pizzeria; die wirklichen Kenner bevorzugen aber die vorzüglichen Filets und Steaks. Carlos hebt beim Starten des Autos den Arm, um Martí hinter dem Hoteltresen zu grüßen. Für kuschelnde Menschen auf dem Weg zum romantischen Tête-à-Tête hat er keine Augen. Ein paar Meter weiter rechts sitzt der alte Maler Hein Driessen mit einem Bekannten auf der Terrasse seiner kleinen Galerie. Driessen stammt aus dem niederrheinischen Emmerich und malt zwei Sorten Bilder: Die einen zeigen den bezaubernden Niederrhein mit Kopfweiden und Rheinauen, die anderen das schöne Mallorca mit Ölbäumen und Hafen-Impressionen. Der Maler ist in ein Gespräch mit seinem Besucher vertieft, irgendwelche Rockstar-Look-Alikes samt ihren Latina-Begleiterinnen sind ihm und seinem Kumpel vollkommen schnuppe.

Die beiden Liebenden sind währenddessen weitergegangen und aus dem Blickfeld des sexuell unterforderten Martí verschwunden. Sie reden nicht miteinander, sind offenbar zufrieden damit, die körperliche Nähe des jeweils anderen zu spüren. Sie genießen die magische Kraft einer Vollmond-Nacht am Mittelmeer und beobachten die schäumende Gischt an der Steilküste. Nach ein paar Metern bleiben sie stehen und küssen sich. Das Mädchen mit den halblangen schwarzen Haaren wickelt versonnen die langen Strähnen ihres Freundes um den Finger, während in seinen Augen trotz des zärtlichen Umgangs miteinander eine aggressive Unsicherheit lauert. Sie gehen noch hundert Meter weiter, der Weg ist zunächst mit Beton eingeebnet und entwickelt sich dann zu einer holprigen Felslandschaft, an der schon viele Badeschlappen-Touristen gescheitert sind. Mit einer Kopfbewegung deutet der Mann auf einen abgeflachten Felsen hinter der nächsten Klippe, auf dem sie selbst bei Tageslicht niemand mehr aus den umliegenden Hotels und Apartments sehen kann. Sie lassen sich auf dem Felsen nieder, die Frau drückt sich an ihren Begleiter. Zwanzig Meter über ihnen liegt das Plateau, auf dem früher einmal das Hotel Cala Figuera gestanden hat, das größte Hotel des Hafendörfchens. Heute befindet sich dort eine überdimensionierte Luxus-Apartmentanlage, nur ein einzelnes Haus mit einem flachen Spitzdach im Toskana-Stil stört die langweilige Modernität der neuen Wohnmaschine.

»Darf ich dich was fragen?« Die Stimme der jungen Frau verrät eine bange Unsicherheit. »Es gibt nichts zu besprechen, aber frag mich nur, was immer du willst.« Seine Antwort hat plötzlich überhaupt nichts Liebevolles mehr, sie durchschneidet die friedliche Atmosphäre der mediterranen Nacht wie eine Peitsche. »Möchtest du mich überhaupt noch? Willst du einen Neuanfang? Kannst du mir meine Fehler verzeihen?« Die Gesichtszüge des Mannes verhärten sich, dann schreit er sie so laut an, dass sein Wutausbruch fast das Meeresrauschen übertönt. »Fehler?! Fehler nennst du das? Kleine dumme Fehler? Und du meinst, wenn du danach mit mir fickst, sind die Fehlerchen ganz plötzlich vergessen. Hast du dir das so vorgestellt?« Das Mädchen rückt erschrocken ein Stück von ihm ab. »Frank, bitte verzeih mir, bitte, bitte, es tut mir so leid.« Sie registriert die unsägliche Wut in seinen Augen, die nur noch schmale Schlitze sind. Nackte Angst packt sie und macht ihr das Sprechen schwer. »Frank, ich liebe dich.« Doch ihre Liebeserklärung beruhigt ihn nicht. Ganz im Gegenteil: Ihre Worte legen geradezu in Franks Gehirn einen imaginären Hebel um, denn er schreit jetzt wie ein angeschossenes wildes Tier: »Sie liebt mich! Ich bin ja so glücklich. Ich werde geliebt. Es ist ja nichts weiter passiert. Neeeiiin!!«

Plötzlich greifen seine großen Hände an ihren Hals und drücken zu. Nach einem kurzen Moment der Überraschung beginnt sie sich zu wehren, versucht, seine Finger zu lockern, greift nach seinen Armen, tritt mit den Füßen.

»Du scheiß Fotze, ich mach dich kalt!«, brüllt er, lässt für einen Moment ihren Hals los und rammt ihr die Faust mitten ins Gesicht. Blut spritzt und sprenkelt ein surrealistisches Muster auf seinen hellgrünen Pullover. Sie will um Hilfe rufen, aber es kommen nur gurgelnde Geräusche aus ihrem Mund, weil seine Hände wieder zupacken. Keuchend stößt er ihr nun das Knie zwischen die Schenkel, um ihren Widerstand zu brechen, der seine Wut nur noch mehr anfeuert. Das zuvor heftige Pochen ihrer Halsschlagader unter seinen Fingern ist kaum noch zu spüren. Die Kraft verlässt allmählich ihren Körper. Blut läuft ihren Hals hinab. Er muss sie wohl mit seinen langen Fingernägeln verletzt haben. Seltsamerweise erschreckt ihn das, er will ihren hellbraunen, makellosen Hals nicht beschädigen. Er findet es absurd, dass er ausgerechnet jetzt auf einen solchen Gedanken kommt. Hat er nicht gerade mit einem brutalen Schlag ihr Nasenbein zerschmettert? Sie schafft es noch, ihm einen langen, tiefen Kratzer in den Handrücken zu ziehen. Dann sackt sie langsam in sich zusammen. Doch darauf verlässt er sich nicht, sondern nimmt Anlauf und tritt ihr mit den dunkelbraunen Sneakers voll gegen den Kopf. Als sie blutend und mit zu Brei geschlagenem Gesicht vor ihm liegt, setzt sich Frank erschöpft auf den Felsen und starrt eine Weile vor sich. Dann bricht er in hemmungsloses Schluchzen aus.

»Was habe ich getan«, flüstert er. »Ich bin wieder gewalttätig geworden. Das wollte ich nicht.« Nie wieder wollte ich so austicken, denkt er, um sich dann im nächsten Moment einzureden: Ganz ehrlich, sie hat es doch nicht anders verdient. Die Schlampe hat ihr Schicksal doch selber herausgefordert, das Maß war voll. Keiner darf sich wundern, dass sie bestraft wurde.

In atemberaubender Geschwindigkeit ist seine Reue verflogen und er kein grausamer Mörder mehr, sondern ein Opfer, das zum Vollstrecker eines gerechten Todesurteils wurde. Wie geht es jetzt mit mir weiter? Ist mein Leben endgültig im Arsch? Kann irgendjemand begreifen, wie übel mir mitgespielt wurde? Er wiegt den Kopf wie ein autistisches Kind und heult noch einmal laut auf. Dann ist es mit den widerstreitenden Gefühlen schlagartig vorbei, sein Denken setzt wieder ein, jetzt geht es darum, die Leiche so schnell wie möglich auf Nimmerwiedersehen unbemerkt zu beseitigen. Der tote Körper muss verschwinden, weg mit ihm ins Meer. Ich müsste ein schweres Gewicht haben, überlegt er, das sie nach unten zieht. Auf den Meeresgrund, dort soll sie bleiben und nie wieder auftauchen. Geht aber nicht. Er hat nichts dergleichen dabei, eben weil es keine geplante Aktion war. Sondern eine Tötung im Affekt. Das könnte ihm vor Gericht sogar Strafmilderung einbringen. Aber ist es nicht vollkommen egal, ob die Leiche noch mal nach oben getrieben wird? Die dumme Sau kennt doch eh keiner! Und das Meerwasser wird alle Spuren vernichten.

Er packt ihren schlackernden Körper unter den Schultern, zieht ihn an den Rand der Klippe und starrt dabei die ganze Zeit nach oben. In diesem Zustand will er die Frau, die ihm noch vor fünf Minuten ihre Liebe geschworen hat, gar nicht mehr anschauen. Es was sowieso alles nur vorgetäuscht, redet er sich ein. Sind alle falsch, die Weiber. Manchmal kriegen sie halt die Quittung dafür, und ich bin dann der schlimme, schlimme Bösewicht. Aber nur, wenn sie mich erwischen. Er hebt die tote Frau mit letzter Kraft auf Brusthöhe an und wirft sie ins Meer. Er sieht noch, wie ihr Fall von einem Felsvorsprung gebremst wird. Dann verschwindet ihr Körper im dunklen rauschenden Wasser. Frank schnauft, die letzten Minuten haben ihm seine körperlichen Grenzen aufgezeigt. Ich bin eben keine dreißig mehr, grinst er schief. Zupft an seinen wirren Haaren und zieht seinen blutbefleckten grünen Pullover aus. Auch der fliegt ins Mittelmeer, war ohnehin nur ein billiges Ding vom Wühltisch bei C&A in Palma. Dann zwingt sich Frank zu einem schlendernden Gang und macht sich auf den Rückweg. Bloß nicht durch Hektik und wilde Flucht auffallen. Am Hotel Villa Sirena vorbei und vor der Galerie von Hein Driessen links die Treppen hoch, zwischen den Apartmenthäusern der Villa Sirena hinauf in die zweite Reihe. Pepe, der Hund des alten Braunschweigers mit dem Häuschen am Ende der Treppe, bellt ihn verstört an. Kann so ein Tier etwa spüren, dass irgendwas nicht stimmt? Franks fünfzehn Jahre alter dunkelroter Ford Focus wartet auf ihn, er wuchtet sich hinein, betrachtet sein schwitzendes, angestrengtes Gesicht im Rückspiegel und setzt den Wagen in Bewegung, raus aus Cala Figuera und einen Kilometer weiter rechts in Richtung S’Amarador, dem Bilderbuch-Badestrand.

An der Rezeption des Hotels Villa Sirena denkt Martí währenddessen darüber nach, wie er seine Beobachtungen zu deuten hat. Der Rocksänger geht engumschlungen mit seiner Freundin in die Klippen und kommt zwanzig Minuten später allein wieder raus. Hat es einen Streit zwischen den beiden gegeben? Wollte das Mädchen einfach allein sein? War der Mann vielleicht nur zum Auto gegangen, um ein Fläschchen Schaumwein zu holen? Oder ein Kondom, wie Martís eifersüchtige innere Stimme gleich noch lüstern hinzufügt. Der Steven-Tyler-Doppelgänger kommt jedenfalls nicht zurück, nicht nach zehn, nach zwanzig und auch nicht nach sechzig Minuten. Martí ruft sich selber zur Ordnung: Nein, ich mach mich doch nicht lächerlich und verlasse meinen Arbeitsplatz, nur um eine wildfremde Frau in den Klippen zu suchen, die vielleicht nach einem ekstatischen Liebesakt versonnen den Mond anbetet! Er streicht den Vorfall aus seinen Gedanken und beginnt ein Baller-Spiel im Internet. Als am nächsten Nachmittag die Nachricht von der im Hafen angeschwemmten Leiche das friedlichen Cala Figuera aufscheucht, beginnt Martí allerdings, seine Erinnerungen an den Vorabend zu reaktivieren.

Frank ist nach seiner Tat durch die Felder zu seiner Bleibe in der Calle Clapers gefahren. Drei Kilometer, gesäumt von den typischen groben mallorquinischen Steinmauern. Zwischendurch kommen ihm immer wieder die Tränen. Es sind Tränen unendlichen Selbstmitleids. Als wolle er auch noch darin baden, schiebt er eine Aerosmith-CD in den Schlitz und lässt den echten Steven Tyler die schmalzige Ballade »Angel« singen: »You’re my angel, come and see me tonight.« Auf dem kleinen von Pinien bestandenen Platz an der Einbiegung zur Calle Clapers hält er an, wischt sich die Mischung aus Schweiß und Tränen mit einem Papiertaschentuch aus dem Gesicht und ordnet seine Haarmähne. Das Blut auf seinem Handrücken ist mittlerweile getrocknet, irgendeine plausible Erklärung für den Kratzer wird er schon finden, wenn sie ihn danach fragen. Seine Hände zittern leicht, die Erregung will ihn einfach nicht verlassen. Ich muss mich etwas beruhigen, ermahnt er sich, lehnt sich zurück und schließt für eine Weile die Augen. Das ist also aus dir geworden, dem gutbürgerlichen Kind aus Gelsenkirchen-Buer. Aus dem kleinen Frank Husniak, der immer so brav zum Klavierunterricht gegangen ist. Bevor ihn die Rührseligkeit wieder übermannen kann, wirft er den Motor an und fährt die letzten Meter bis zum Haus Nummer 24. Hier wohnen Jacko, der Radio-Moderator, und seine Frau Lissy, die eine Tierarztpraxis in Santanyí führt. Ein geräumiges, leicht abgewracktes Haus mit viel Platz, einem Pool und großem Garten. In einem der vier Schlafzimmer haben Frank und seine Freundin nach dem Überfall auf das besetzte Haus, in dem sie zuvor gewohnt haben, Zuflucht gefunden. Seine Gastgeber sind großzügig und drängeln ihn nicht, schnell eine neue Wohnung zu finden. Frank kennt sie schon seit ewigen Zeiten, sie sind fest eingebunden in die Gemeinde der deutschen Residenten von Cala Figuera und Santanyí. Franks Rückkehr nehmen sie an diesem späten Abend nur am Rande zur Kenntnis; die beiden liegen auf dem Sofa und sehen Frau Maischberger bei der Arbeit zu. Nach einigen belanglosen Worten holt sich Frank noch eine Flasche katalanisches Damm-Lagerbier, den Hauptsponsor seines Bauches, und zieht sich in sein Zimmer im ersten Stock zurück.

Aus seiner hellbraunen Retro-Aktentasche, ganz im Stil der Sechziger, greift er sich eine unbenutzte Schreibkladde und setzt sich an den Ikea-Schreibtisch. Nein, er ist weit davon entfernt, mit sich im Reinen zu sein. Wie sollte das angesichts der blutigen Tat in den Klippen auch möglich sein? Aber das gewohnte rührselig-narzisstische Selbstbild beherrscht schon seit über einer Stunde wieder sein Denken und Fühlen. Frank ist nämlich alles andere als ein böser Mensch. Ihm hat nur das Leben immer wieder schlimm mitgespielt, er musste sich ständig wehren, und leider, leider sind ihm dabei manchmal die Zügel aus der Hand geglitten, die Rollenverteilung zwischen Täter und Opfer ist sehr schnell sehr unscharf geworden. Klar, er schleppt jetzt eine Last mit sich herum. Aber die lässt sich ja, wenn schon nicht mehr ungeschehen machen, so doch eventuell von der Seele schreiben. Seine psychotherapeutisch angefixten Eltern haben ihm von dieser Hintertür für schwere Herzen öfter vorgeschwärmt. Schreiben hilft, schreiben befreit, schreiben lässt dich die Dinge klarer sehen, haben sie gesagt. Frank, dem angesichts seines harten Schicksals schon wieder Tränen in den Augen stehen, beginnt zu schreiben. Es wird eine kurze Nacht, nur für ein paar Stunden fällt er irgendwann erschöpft in einen unruhigen Schlaf.

Am nächsten Tag, nachmittags gegen vier, ist die tägliche tagestouristische Zangenbewegung in Cala Figuera mal wieder in vollem Gange. Es ist einer jener makellosen sonnigen Tage mit wolkenlosem Himmel und 25 Grad, auf die die Touristen ein Anrecht zu haben glauben. Oben im Dorf parken die Mietwagen aus Cala d’Or, Cala Millor und den anderen Massenquartieren der Insel. Grüppchenweise strömen die Besucher auf die Hafenpromenade, fotografieren sich gegenseitig mit ihren Handys am Geländer vor dem Hafenbecken, und vom Meer her nähert sich der »Starfish«, das magenta-rot-gelbe Glasboden-Schiff mit den üblichen sechzig, siebzig Passagieren der Anlegestelle im Hafen. Unten vor dem Hotel Villa Sirena sonnen sich einige Urlauber auf dem Felsen, den die Stammgäste wegen der Ballung sonnenverbrannter Haut »Fleischplatte« getauft haben. Eine Leiter eröffnet den Zugang zum Mittelmeer, und weil die Feuerquallen gerade wieder auf Tournee in anderen Buchten sind, ist das Badevergnügen ungetrübt. Aber nur fast, wie sich bald herausstellt.

Mitten in der Bucht treibt nämlich ein aufgequollener Kleiderhaufen, der sich bei näherer Betrachtung als toter Mensch entpuppt. Ein Schwimmer, der sich dem Bündel neugierig bis auf ein paar Meter genähert hat, beginnt wild mit den Armen zu winken.

»Das ist eine Leiche!«, schreit er hysterisch durch den Hafen, und nur wenige Augenblicke später beenden entsetzte Touristen ihre Fotosafari und starren laut palavernd aufs Meer. Der umsatzträchtige Stopp des Ausflugsschiffes in Cala Figuera fällt heute aus; der Kapitän, der das grausige Treibgut beinahe überfahren hätte, wendet vorsichtig und verlässt die Bucht.

Eine halbe Stunde später wimmelt es in Cala Figuera nur so vor Polizei. Die Guardia Civil räumt das Hafengelände, um die Gaffer von der Bergungsaktion fernzuhalten. Ein Patrouillenboot der Küstenwache SEMAR mit zwei Tauchern hievt die weibliche Leiche an Bord. Die Frau hat keine Papiere bei sich, ohne eine passende Vermisstenmeldung wird sich ihre Identität nur schwer feststellen lassen. Dennoch gibt es im Fall des unbekannten Opfers schon bald einen bekannten mutmaßlichen Täter. Denn am Abend desselben Tages gegen zwanzig Uhr erhält die Policia Local in Cala d’Or den Anruf eines Mannes, der sich mit Martí Barreto vorstellt. Und so kommt es, dass die Polizei schon wenige Stunden nach der Entdeckung der toten jungen Frau eine heiße Spur zum »Klippenmörder von Cala Figuera« hat.

Frank ahnt nicht, dass seine letzten Stunden in Freiheit angebrochen sind. Aber was für eine Freiheit? Die als Akt der Befreiung gedachte Niederschrift seiner Tat endete nach einer Viertelstunde im geistigen Nirwana. Trotz einiger versprengter innerer Widerstände ist er immer noch davon überzeugt, seine Freundin Talea habe ein paar schmerzhafte Schläge als Strafe verdient. Sterben sollte sie dabei zwar nicht, da hat er in einem unkontrollierten Augenblick überreagiert. Aber er war nun mal seit jeher spontan, geraderaus und manchmal vielleicht auch etwas heftig. Das würde sich auch nicht mehr groß ändern. Aber dafür hat er auch eine Menge guter Seiten. Er ist ein witziger Typ, er kann gut anpacken, er ist gar kein schlechter Rockmusiker, an der Gitarre und vor allem mit seiner Stimme. Und trotzdem fühlt er sich am Morgen nach der Tat müde und zerschlagen, immer noch aufgewühlt und wie durch die Mangel gedreht. Und für den Bruchteil einer Sekunde dämmert ihm von Ferne, dass es ganz schön anstrengend sein kann, sich permanent selbst zu betrügen.

Lissy ist mit Jacko auf dem Weg zum Flughafen. Der hat mal wieder seine Moderationswoche. Er moderiert bei NRH90,8 (»Nordradio Harmonie«) die sogenannte Morning-Show. Für den gebürtigen Holländer ist das immer noch eine fremde Welt, hat er doch lange Jahre bei den Öffentlich-Rechtlichen aktuelle Magazine mit politischem Anspruch präsentiert. Als die dann meinten, auf seine Dienste verzichten zu können, heuerte er zum Zwecke des Broterwerbs beim Flachfunk an. Jacko flucht zwar immer wieder, im Grunde aber hat er sich damit arrangiert, sein restliches Berufs­leben mit Howard Carpendale und Andy Borg verbringen zu müssen. Er zitiert oft die Trostworte des Ruhrgebiets-Kabarettisten Frank Goosen für alle Lebenslagen: »Woanders iss auch Scheiße.«

Frank freut sich über die Abwesenheit seiner beiden Mit­bewohner, jetzt Normalität oder gar gute Laune mimen zu müssen, wäre ein übermenschlicher Kraftakt. Er gönnt sich ein kräftiges Rührei-Frühstück mit brutal starkem Kaffee und widmet sich dann seiner mallorquinischen Kernkompetenz – der Säuberung und Versorgung von Pools mit den üblichen Chemikalien. Sein Revier besteht aus fünfzehn Anwesen; damit kommt er gerade einmal auf das Existenzminimum. Weil aus anderen Quellen aber noch weit höhere Einnahmen sprudeln, geht es ihm nicht wirklich schlecht. Gegen Mittag hat er seine Pool-Liste abgearbeitet und ärgert sich zum Schluss noch mit einer arroganten Lady aus Norddeutschland herum, die fünf Raupen auf dem Boden ihres Planschbeckens gefunden hat. Er zwingt sich dazu, ruhig zu bleiben, obwohl er der fetten Kuh in ihrem viel zu knappen Bikini am liebsten eine Maulschelle verpasst hätte.

Noch ein Café con leche in der Dorfkneipe von Cala Llombards. Danach geht es zurück zur Calle Clapers, aber nicht ohne zuvor noch einen Umweg über das Cap des Moro mit dem leerstehenden Haus auf dem Felsen gemacht zu haben. Dort hat Frank bis vor ein paar Wochen mit vier anderen Deutschen und Talea gewohnt. Bevor sie von einem gewalttätigen Rausschmiss überrascht wurden. Frank steigt auf die Dachterrasse und schaut aufs Meer. Das Gefühl aufkommender Leere und Ausweglosigkeit schiebt er wütend beiseite. Es geht schon irgendwie weiter, Fränkie, lass dich jetzt nicht hängen. Keiner kann dir was, es gibt keine Beweise. Reiß dich zusammen, du hast schon ganz andere Hürden genommen. Er gibt sich einen Ruck, trippelt die kaputten Stufen der Terrasse wieder nach unten, wirft sich in den Focus und rast die paar hundert Meter zur Calle Clapers. Dort ist Lissy mittlerweile wieder eingetroffen. Frank fällt es schwer, belanglos mit ihr zu plaudern. Zumal ihn Lissy mal wieder mit seinem Job aufzieht.

»Und, durftest du dich mal wieder von den schärfsten Touristinnen der Insel anbaggern lassen?«, beginnt sie zum hundertsten Mal ein nicht mehr wirklich lustiges Wortgefecht.

»Stimmt. Vor allem, als ich diese speckige Tussi aus Neumünster an der Cala Llombards getroffen habe, hat’s mir fast die Hose gesprengt.« Übergangslos schlüpft er wieder in seine Rolle als Pool-Macho. »Hocherotisch, ein Vollweib, und dann schwabbelt’s auch noch so geil bei jedem Schritt.«

»Wo du doch eigentlich gar keine Miss Neumünster mehr brauchst. Hast ja jetzt deine Talea. Wo ist sie eigentlich?« Auch darauf ist Frank vorbereitet. »Die ist gestern zu ihrer Freundin nach Cala d’Or gefahren. Will mal ein paar Tage korrektes Spanisch hören. Nicht unser Rumgeholpere.«

»Da hätte ich ja gar nicht die Cabanossi von Lidl mitbringen müssen.«

Hinter Campos hat vor einem Jahr eine riesige Lidl-Filiale aufgemacht, die regelmäßig von der deutschen Community rund um Santanyí und Campos heimgesucht wird.

»Ach, die halten sich doch ewig. Talea ist spätestens am Wochenende wieder zurück«, meint Frank und denkt dabei: Hoffentlich merkt mir Lissy nicht an, dass das eine dreckige Lüge ist. Das Gespräch versandet, zumal Lissy am Nachmittag noch drei Termine in ihrer Tierarztpraxis in Santanyí hat. Die Mallorquiner wissen ihren gründlichen, liebevollen Umgang mit den Tieren zu schätzen. Immer mehr einheimische Hundebesitzer wollen Spaß an ihrem Vierbeiner haben und sehen ihn nicht nur als Ketten-Sklaven auf der Finca. Lissys Praxis floriert.

Frank verbringt den Rest des Nachmittags auf der Sonnenliege. Am Abend lässt er sich von Lissy mit einem würzigen Pulpo-Salat verwöhnen, danach zieht er sich auf sein Zimmer zurück. Kurz denkt er über einen Abstecher zu Costas Kneipe in Cala Figuera nach. Aber bei dem Gedanken an das Würfel-Zocken und an das dumme Rumgelabere, das ihn dort erwartet, setzt er sich lieber die Kopfhörer auf. Keiner würde ihm glauben, weshalb er es auch für sich behält, dass er, sobald Entspannung nottut, am liebsten eine Weile in klassischer Musik badet. Er liebt Klavierkonzerte von Beethoven, Chopin und Mozart. Heute lauscht er dem ersten Klavierkonzert des polnischen Komponisten, bei dessen zweitem Satz er immer ganz melancholisch wird. Er hat sich sogar schon einmal in die Warteschlange in Valdemossa eingereiht und die Zellen Nummer 2 und 4 in der Kartause besichtigt, wo der Komponist mit seiner Freundin George Sand den lausig-kalten Winter 1838/39 verbrachte.

Als Frank sich eine Stunde später aus dem Kühlschrank in der Küche ein Fläschchen Estrella Damm besorgt, ist Lissy ganz aufgeregt.

»Ich hab gerade mit Sabrina telefoniert«, sagt sie. »In Cala Figuera war heute Nachmittag die Hölle los. Da ist doch tatsächlich eine Frauenleiche angeschwemmt worden.« Sabrina gehörte mit zu der Clique, die das leere Haus am Cap des Moro besetzt hat. Sie malt Landschaftsbilder, die sie wie der alte Maler Hein Driessen in Cala Figuera an die Touristen verkauft.

»Das ist ja unglaublich«, sagt Frank und könnte schwören, dass seine Stimme zittert. »Wo denn, direkt im Hafen? Oder weiter draußen?«

»Sie trieb mitten im Hafen. Die Bullen haben alles abgeriegelt und die Leiche geborgen.«

»Und was ist mit ihr passiert? Ist die Frau ertrunken?«

»Das weiß noch keiner so genau. Da schwirren natürlich die wildesten Gerüchte durch die Cala. Unfall, Mord, es wird alles Mögliche erzählt.« Frank zwingt sich zu einem lockeren Spruch.

»Tja, da geht ja endlich wieder mal was ab in unserem verschlafenen Nest. Und wenn’s ne schwimmende Leiche ist.«

»Na komm, Fränkie, etwas mehr Pietät bitte. Wer weiß, was sich für ein Schicksal dahinter verbirgt.«

»Iss ja gut, ich find’s ja auch nicht lustig.« Lissy fällt auf, dass Frank von einer zur anderen Sekunde ernst geworden ist. »Aber heulen musst du jetzt auch nicht gleich. Warten wir mal ab, was die Bullen rauskriegen.« Frank geht wieder auf sein Zimmer, gibt Lissy vorher aber noch schnell zwanzig Euro, seinen Anteil am Lidl-Einkauf. Er findet es nett, dass ihn die beiden in ihrem großen Haus aufgenommen haben; durchfüttern müssen sie ihn aber nicht auch noch. Gegen Mitternacht liegt das Haus an der Calle Clapers 24 im Dunkeln, Lissy und Frank sind schlafen gegangen.

Eine halbe Stunde später biegt ein grün-weißer Nissan Patrol der Guardia Civil in die Straße ein und hält genau vor dem Haus der Deutschen. Zwei uniformierte Polizisten drücken im Stakkato-Rhythmus auf die Klingel am Gartentor. Lissy schließt es abends immer ab; Besucher müssen auf dem Bürgersteig vor dem Grundstück warten, bis ihnen geöffnet wird. Es dauert eine gute Minute, bis Lissy sich, nur mit ihrem türkisfarbenen Nachthemd bekleidet, auf dem Balkon im ersten Stock zeigt.

»Perdona, Señora, öffnen Sie bitte.« Der eine Polizist hält seine Dienstmarke hoch und nimmt eine bestimmende Haltung ein. »Momento.« Lissy zieht sich schnell einen dünnen Strickmantel über und öffnet den Vertretern der Staatsmacht die Tür.

»Wir haben die Information, dass bei Ihnen ein junger Mann mit Vornamen Frank wohnt, der in der deutschen Rockband ›Makemaleesa‹ spielt.«

Unter anderen Umständen hätte Lissy sich schlapp gelacht. Fränkies Band hat den abgedrehten Ruhrpott-Namen »Machmaleisa«, also auf Hochdeutsch »Mach mal leiser«. Keiner erwartet, dass spanische Sprechwerkzeuge in der Lage sind, diesen Begriff korrekt auszusprechen. Die Spanier kommen ja noch nicht einmal mit Namen wie Michael Jackson oder Alicia Keys klar. Aber anlässlich eines Polizeibesuchs mitten in der Nacht will Lissy Pattmanns Humor nicht so recht auf Touren kommen.

»Was wollen Sie denn von ihm?« Lissy, deren Geistesgegenwart sich in diesem Moment genauso in Grenzen hält wie ihr Sinn für Scherze, erwägt keine Sekunde lang, Frank, der sich offensichtlich in Gefahr befindet, schlichtweg zu verleugnen. Zumal die Guardia Civil mit ihrem herrischen Auftreten nicht gerade als eine Truppe von Freunden und Helfern gilt. Frank ist dagegen ein Freund, und der Satz: »Hier gibt’s keinen Frank«, hätte die Bullen eventuell abziehen lassen. Aber Lissy bittet die Uniformierten ins Haus und holt Frank aus seinem Zimmer. Er ist noch verschlafen, dann entsetzt.

Er braucht aber nur die achtzehn Treppenstufen bis ins Erdgeschoss, um sich einigermaßen zu berappeln.

»Was wollen Sie von mir?«, blafft er die Polizisten selbstbewusst an.

»Dürfen wir Ihren Pass sehen?«

»Es kann sein, dass Ihnen Ihr Auftritt morgen peinlich sein wird. Aber kein Problem, ich zeige Ihnen meinen Pass. Reicht der deutsche Personalausweis?«

»Wir sind innerhalb Europas, der Personalausweis ist vollkommen okay,« erwidert der freundlichere der beiden Polizeibeamten. Frank geht nochmal nach oben. Für einen Moment spielt er mit dem Gedanken, durch die Hintertür zu flüchten. Aber was können sie schon gegen ihn in der Hand haben? Das Mädchen ist tot, und ich habe es gekannt. So what? Bleib cool, Fränkie!

»Herr Husniak«, hebt der Unsympathische mit dem Schnäuzer an, als Frank wieder im Erdgeschoss ist. »Wo waren Sie vorgestern Abend?«

»Ich habe Freunde in Cala Figuera besucht.«

»Und zwischendurch?« Zum zweiten Mal an diesem Tag, nach dem Vorfall mit der Frau aus Neumünster, zuckt es Frank in den Fäusten.

Jetzt hat der gute Cop seinen Auftritt. »Sie sind dabei beobachtet worden, wie sie etwa um 22 Uhr mit einem jungen, lateinamerikanisch aussehenden Mädchen in die Klippen beim Hotel Villa Sirena in Cala Figuera gegangen sind.«

»Ist das verboten, Comandante?«

»Erstens ist es nicht verboten, zweitens bin ich kein Comandante, und drittens sagt unser Zeuge, sie seien zwanzig Minuten später ohne Ihre Begleiterin aus den Klippen zurückgekehrt. Möchten Sie uns dazu etwas mitteilen?«

»Nein, Comandante, ich möchte Ihnen dazu überhaupt nichts mitteilen. Ich sage gar nichts mehr, das wird mir jetzt zu abenteuerlich.«

»Abenteuerlich? Das mag schon sein. Denn wir haben den Verdacht, dass es sich bei der Toten um genau die Frau handelt, mit der sie zusammen gesehen wurden. Und dass Sie, Señor Husniak, bei ihrem Tod Ihre Finger mit im Spiel hatten.«

Der Polizist mit dem Schnauzbart greift in die Jackentasche und holt ein Foto raus. Es zeigt das aufgedunsene, malträtierte Gesicht Taleas. Das Bild ist nach der Bergung der Leiche im Hafen gemacht worden.

»Mein Gott, das ist meine Freundin Talea! Was ist mit ihr passiert? Ist sie etwa die Tote, die heute aus dem Hafenbecken gezogen wurde?«

Ich kann bald nicht mehr, ich will auch nicht mehr, wie soll das alles nur weitergehen?, denkt Frank und gleich darauf: Nur jetzt nicht zusammenbrechen!

»Sie müssen sich keine Mühe geben.« Der sympathischere Polizist spricht fast katzenfreundlich, inhaltlich ist er aber knallhart. »Die Zeugenaussage, die wir haben, macht Sie zu einem Verdächtigen im Mordfall von Cala Figuera. Wir nehmen Sie jetzt mit auf die Polizeiwache nach Cala d’Or. Sie sind vorläufig festgenommen.«

Mach jetzt keinen Unsinn, redet sich Frank ein. Du stehst unter Verdacht, aber das heißt noch gar nichts. Es gibt keinen unmittelbaren Augenzeugen, vermutlich auch keine Spuren, also belaste dich jetzt nicht selbst durch irgendwelche unüberlegten Aktionen. Kein Widerstand, am besten kein Wort mehr aus deinem Mund.

»Ich komme selbstverständlich mit«, sagt Frank, nach außen hin die Ruhe selbst, und an Lissy gewandt: »Das ist alles eine gewaltige Luftnummer, mach dir keine Sorgen. Aber ruf Tom an, er kennt einen super Anwalt. Der wird mich da raushauen.« Lissy ist vollkommen fertig mit den Nerven und streicht sich immer wieder über die Haare, die für sie typische Beruhigungsgeste bei Angst und Nervosität. »Mach ich, Fränkie. Halt durch.« Sie versucht, ihn zu umarmen, wird aber vom bösen Cop darin gehindert.

»Sie können ein paar persönliche Gegenstände mitnehmen, Zahnbürste, Pyjama und so. Ich begleite Sie auf Ihr Zimmer, wenn Sie was zusammenpacken wollen.« Was für ein Film läuft da gerade ab? Persönliche Gegenstände mitnehmen, Untersuchungsknast, Vernehmungen – irgendwie kommt das Frank alles bekannt vor, vielleicht aus einem früheren Leben oder aus dem Kino? Absurderweise geht ihm in dieser Situation ausgerechnet die »Schauburg« in Gelsenkirchen-Buer durch den Kopf, wo er als kleiner Junge seine ersten Kino-Erlebnisse hatte. Aber wenn das alles kein böser Traum oder brutaler Thriller ist – wie sind die Bullen dann auf ihn gekommen? Was ist das für eine dubiose Zeugenaussage, die die Guardia Civil veranlasst hat, ihn in der Calle Clapers 24 einzusacken?

Frank hat völlig vergessen, dass er seit vier Jahren in einem Dorf lebt, in dem seine Erscheinung auffällt, dass er mit seiner Band öffentlich aufgetreten ist, kurz, dass er in Cala Figuera und den angrenzenden Ortschaften bekannt ist wie ein bunter Hund. Es wird mal wieder Ernst für Frank, der dem Leben schon oft eine lange Nase gedreht hat. So richtig spaßig dürfte der Aufenthalt in einem spanischen Knast nicht werden.

48 Stunden später liegt Frank auf seiner Pritsche im »Centro Penitenciario«, der Justizvollzugsanstalt in der Nähe der Ringautobahn im Norden Palmas. Er ist einer von dreihundert Untersuchungshäftlingen, die in zwei der insgesamt 14 Gebäude untergebracht sind. Der Haftbefehl wegen Mordverdachts wurde schon am Mittag nach der Festnahme erlassen. Seinen Anwalt konnte er am Nachmittag kurz sehen, das war noch im Polizeiarrest in Cala d’Or. Franks Kumpel, der Musik-Produzent Tom Kratzer, hat den Verteidiger besorgt. Auf Tom konnte man sich schon immer verlassen.

In Franks erster Nacht im Knast von Palma ist an Einschlafen überhaupt nicht zu denken. In ihm geht eine gefährliche Veränderung vor, gefährlich für ihn selbst. Denn herausgerissen aus der gewohnten Umgebung, hineingeschossen in den stumpfsinnigen Knast-Kosmos, versagt der schon in Fleisch und Blut übergegangene Mechanismus des Selbstbetrugs. Erinnerungen an den blutigen Abend in den Klippen beginnen ihn zu quälen, aber auch an eine schlimme Phase in Deutschland, die er fast verdrängt hat. Unter diesem emotionalen Druck nimmt er sich wieder als Täter wahr. Als brutalen Mörder. Jetzt zweifelt Frank auch an dem düsteren Zerrbild der berechnenden Frau, das er sich von seiner Freundin Talea gemalt hat, deren Zuwendung nur vorgetäuscht war, um ihn und seine Freunde ins Verderben rennen zu lassen.

Warum habe ich ihr nicht einfach geglaubt? Weshalb habe ich an ihren Gefühlen gezweifelt, auch wenn sie Scheiße gebaut hat? Frank fängt an zu schluchzen. Er presst das kleine löcherige Kopfkissen gegen sein Gesicht. Stunden zuvor hat er noch in Selbstmitleid gebadet. Jetzt beginnt er zu bereuen. Die Sprunghaftigkeit seiner Gefühle hat ihn schon sein Leben lang verfolgt. Eben noch der strahlende Mittelpunkt seiner eigenen Macho-Welt, nun ein wimmerndes Häufchen Mensch. Selbstverachtung steigt in ihm auf. Dann kehren sich seine Aggression, die sich so oft gegen andere gerichtet haben, mit einem Schlag gegen ihn selbst. Frank springt von seinem Bett auf.

»Ich bring mich um!«, ruft er. »Ich bin ein Mörder, ich hab’s nicht anders verdient!« Fieberhaft überlegt er, wie er seinen Plan in die Tat umsetzen kann. Die Grenzsituation setzt selbstzerstörerische Kreativität frei. Innerhalb weniger Sekunden hat er seine Art, aus dem Leben zu scheiden, gefunden. Zuerst erwägt er, Stofffetzen zusammenzubinden und sich zu erhängen. Doch das ist viel zu mühsam. Er wirft sich auf den Boden und schaut unter das Bett, ob dort vielleicht spitze stählerne Bettfedern zu finden sind. Natürlich nicht, denn auch die spanischen Justizbehörden kennen sich mit Suizid-Versuchen von Strafgefangenen aus.

Aber den Kugelschreiber haben sie ihm nicht abgenommen. Weil er aus Plastik und damit ungefährlich ist. Aber da irren sie sich, denkt Frank und geht mit dem Kuli zur rau verputzten Wand. Ich spitz ihn an, ich mach ihn messerscharf. Die Tränen laufen ihm immer noch über das Gesicht, während er mit schnellen und heftigen Bewegungen den dunkelgrauen Stift an der Wand reibt. Ständig spricht er schluchzend mit sich selbst, kann gar nicht genug Selbstbezichtigungen loswerden, als wollte er sein ganzes Leben als selbstgefälliger Macker in wenigen Minuten ausradieren. Jetzt bricht das Scheiß-Ding auch noch ab! Frank zwingt sich, ruhig zu bleiben. Er beginnt erneut zu feilen, und siehe da, nach fünf Minuten hektischer Arbeit, befindet sich ein spitzer Plastik-Gegenstand in seiner Hand.

Für einen Augenblick überfallen ihn Zweifel, aber nach ein paar Sekunden Ungewissheit tut er es tatsächlich: Er stößt den angespitzten Kugelschreiber in die Pulsader seines linken Handgelenks und schlitzt sie der Länge nach um einige Zentimeter auf. Das tut entsetzlich weh. Wie gut, dass er dabei auf dem Bett sitzt; es hätte ihm sonst vielleicht die Beine weggezogen. Das Blut beginnt zu sprudeln. Frank ahnt, dass er ganze Arbeit geleistet hat. Wie lange es wohl dauert, bis ich ohnmächtig werde? Ich lege mich aufs Bett. Wird ’ne ziemliche Sauerei werden. Ich bin dann mal weg. Talea, ich habe dich auch geliebt. Vielleicht gibt’s ja ein Wiedersehen im Jenseits. Obwohl das alles Quatsch ist. Weg ist weg. Ist das jetzt Müdigkeit oder die einsetzende Ohnmacht … die letzten Tage waren ja auch furchtbar anstrengend … da wird man automatisch müde. Schade, Talea, hätte eine richtige Erfolgsgeschichte werden können mit uns … aber jetzt … folge ich dir … Augenlider sind schwer … alles voll mit Blut … sieht gar nicht gut aus …

Am nächsten Mittag bekommt das Haus an der Calle Clapers 24 schon wieder Besuch von der Guardia Civil. Die Polizisten teilen Lissy mit, dass sich der Untersuchungsgefangene Frank Husniak letzte Nacht im Centro Penitenciario getötet hat.

»Wir wissen nicht, ob er Verwandte auf der Insel hat. Deswegen haben wir Ihnen seinen Rucksack mit seinen persönlichen Habseligkeiten mitgebracht.« Lissy Pattmann ist zu geschockt, um zu weinen. Sie hat Fränkie gemocht, obwohl er ihr mit seinem unsäglichen Macker-Gehabe unendlich auf den Zeiger gehen konnte. Eine seiner Ex-Freundinnen hat Franks Persönlichkeit mal für sich auf den Punkt gebracht: »Wer als Arschloch geboren wird, kann nicht als Kanarienvogel sterben.« Trotz allem: Frank war Lissy ein guter Freund, zwischen dem verhinderten Kanarienvogel und ihr gab es eine rational nicht nachvollziehbare positive chemische Verbindung. Die hätte niemals im Bett geendet, um Himmels willen, aber für eine stabile Freundschaft mit diversen Höhen und Tiefen hat es gereicht. Und nun ist er vielleicht zum Mörder geworden und hat sich nach der Tat selbst ins Jenseits befördert. Eine Serie mit schrecklichen Ereignissen auf der Sonneninsel Mallorca ist blutig zu Ende gegangen. Lissy kauert sich in eine Sofaecke. Sie wird lange brauchen, um diesen Schlag zu verdauen. Und ausgerechnet jetzt ist Jacko mal wieder auf Moderationstour. In Augenblicken wie diesen hasst sie den intellektuellen Flachstrecken-Sender »Nordradio Harmonie« noch mehr als sonst. Ein Radioprogramm für die geschlossene Abteilung, moderiert von dem liebsten Menschen, den sie kennt. In einem langen Telefonat nach Deutschland holt sie sich notdürftig den seelischen Beistand ab, den sie jetzt dringend braucht. Zwar treffen bald darauf auch die telefonisch alarmierten Freundinnen Carla, Gabi und Sabrina aus Cala Figuera bei ihr ein; die Männer aus dem Freundeskreis schauen verstört vorbei. Aber sie sind alle kein Ersatz für Jacko.

Drei Tage später, vorher ist sie dazu nicht in der Lage, geht Lissy in Franks Zimmer, um dort seine Habseligkeiten zu sortieren. Es nutzt ja alles nichts, sie kann den Raum schließlich nicht wie eine Gedenkstätte unberührt lassen. Lissy findet eine Menge Kram, den sie sofort zum Müllcontainer trägt. Sie entdeckt aber auch die Aufzeichnungen, die Frank in der Nacht nach dem Mord gemacht hat. Der Text ist nur zwei Din-A-5-Seiten lang, und so viel schlauer macht er Lissy auch nicht: »Das Schlimmste war, als sie mir in den Klippen mit ihrem Liebesschwur kam. Da hat mich so eine unendliche Wut gepackt, dass ich nicht anders konnte. Ich habe das ja schon öfter erlebt: Jemand reizt mich, ich bleibe erst ruhig, aber irgendwann brennen mir die Sicherungen durch. Ich bin dann nicht mehr zu bremsen, das ist wie ein Naturereignis. Man kann ja auch keinem Gewitter oder Hagelsturm befehlen: Schluss jetzt! Es rumst und prasselt einfach weiter! Und genauso bin ich auch. Da helfen keine Argumente und keine guten Worte mehr, da geht’s einfach ab. Jetzt ist sie tot, das musste vielleicht nicht sein. Wirklich nicht! Aber übel mitgespielt hat sie mir. Ich dachte, endlich eine Frau gefunden zu haben, mit der ich eine gemeinsame Zukunft aufbauen kann. Und dann das! Irgendwie begreife ich es immer noch nicht. Eine Riesen-Enttäuschung. In meinem Leben hätte sie sowieso keinen Platz mehr gehabt.«