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Dr. Laurin ist ein beliebter Allgemeinmediziner und Gynäkologe. Bereits in jungen Jahren besitzt er eine umfassende chirurgische Erfahrung. Darüber hinaus ist er auf ganz natürliche Weise ein Seelenarzt für seine Patienten. Die großartige Schriftstellerin Patricia Vandenberg, die schon den berühmten Dr. Norden verfasste, hat mit den 200 Romanen Dr. Laurin ihr Meisterstück geschaffen. Patricia Vandenberg ist die Begründerin von "Dr. Norden", der erfolgreichsten Arztromanserie deutscher Sprache, von "Dr. Laurin", "Sophienlust" und "Im Sonnenwinkel". Sie hat allein im Martin Kelter Verlag fast 1.300 Romane veröffentlicht, Hunderte Millionen Exemplare wurden bereits verkauft. In allen Romangenres ist sie zu Hause, ob es um Arzt, Adel, Familie oder auch Romantic Thriller geht. Ihre breitgefächerten, virtuosen Einfälle begeistern ihre Leser. Geniales Einfühlungsvermögen, der Blick in die Herzen der Menschen zeichnet Patricia Vandenberg aus. Sie kennt die Sorgen und Sehnsüchte ihrer Leser und beeindruckt immer wieder mit ihrer unnachahmlichen Erzählweise. Ohne ihre Pionierarbeit wäre der Roman nicht das geworden, was er heute ist. Als der Notarztwagen vor der Prof.-Kayser-Klinik vorfuhr, brannte die Sonne glühend heiß vom Himmel. Deshalb hatte der noch sehr junge Notarzt vermutet, dass der Patient, den er brachte, einen Hitzschlag erlitten hätte. Der Mann war unweit der Prof.-Kayser-Klinik im Birkenwäldchen gefunden worden. Spaziergänger, die zufällig des Weges kamen, hatten ihn, neben einer Bank liegend, entdeckt und die Funkstreife herbeigerufen. Dr. Sternberg nahm sich sofort des Bewusstlosen an, der bleich und regungslos auf der Trage lag. »Ein Hitzschlag ist es nicht«, sagte er zu dem jungen Notarzt. »Immerhin wäre es bei dieser Glut nicht verwunderlich gewesen.« Doch was diese tiefe Bewusstlosigkeit hervorgerufen hatte, konnte der erfahrene Mediziner erst nach einer intensiven Untersuchung feststellen. Der Mann litt an einem Gehirntumor. Eine schlimme Diagnose. Der Patient mochte etwa dreißig Jahre alt sein. Er hatte blauschwarzes Haar und eine dunklere Hautfarbe als Mitteleuropäer. Allerdings wirkte diese jetzt gelblich-fahl. Er hatte ein Gesicht, das man direkt schön nennen konnte. »Römer, würde ich sagen«, stellte Dr. Michael Hillenberg fest. »Die Kleidung ist teuer, und sie stammt aus Rom«, fügte er lächelnd hinzu, als Dr. Sternberg ihn irritiert anblickte. »Ich habe die Etiketten gesehen.« »Keine Papiere?«, erkundigte sich der Chefchirurg. Dr. Hillenberg schüttelte den Kopf. »Auch kein Geld. Es sieht fast so aus als wäre er ausgeplündert worden.« »Aber es gibt keine Anzeichen für Verletzungen, für einen Überfall«, sagte Dr. Sternberg nachdenklich. »Es mag sein, dass jemand ihn schon vorher entdeckt hatte und die Gelegenheit nutzte, um den Bewusstlosen zu bestehlen«, meinte Michael. »Oder er wohnt in der Nähe und hat ganz einfach ohne Papiere und ohne Geld einen
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Seitenzahl: 138
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Als der Notarztwagen vor der Prof.-Kayser-Klinik vorfuhr, brannte die Sonne glühend heiß vom Himmel. Deshalb hatte der noch sehr junge Notarzt vermutet, dass der Patient, den er brachte, einen Hitzschlag erlitten hätte.
Der Mann war unweit der Prof.-Kayser-Klinik im Birkenwäldchen gefunden worden. Spaziergänger, die zufällig des Weges kamen, hatten ihn, neben einer Bank liegend, entdeckt und die Funkstreife herbeigerufen.
Dr. Sternberg nahm sich sofort des Bewusstlosen an, der bleich und regungslos auf der Trage lag.
»Ein Hitzschlag ist es nicht«, sagte er zu dem jungen Notarzt. »Immerhin wäre es bei dieser Glut nicht verwunderlich gewesen.«
Doch was diese tiefe Bewusstlosigkeit hervorgerufen hatte, konnte der erfahrene Mediziner erst nach einer intensiven Untersuchung feststellen.
Der Mann litt an einem Gehirntumor. Eine schlimme Diagnose.
Der Patient mochte etwa dreißig Jahre alt sein. Er hatte blauschwarzes Haar und eine dunklere Hautfarbe als Mitteleuropäer. Allerdings wirkte diese jetzt gelblich-fahl. Er hatte ein Gesicht, das man direkt schön nennen konnte.
»Römer, würde ich sagen«, stellte Dr. Michael Hillenberg fest. »Die Kleidung ist teuer, und sie stammt aus Rom«, fügte er lächelnd hinzu, als Dr. Sternberg ihn irritiert anblickte. »Ich habe die Etiketten gesehen.«
»Keine Papiere?«, erkundigte sich der Chefchirurg.
Dr. Hillenberg schüttelte den Kopf. »Auch kein Geld. Es sieht fast so aus als wäre er ausgeplündert worden.«
»Aber es gibt keine Anzeichen für Verletzungen, für einen Überfall«, sagte Dr. Sternberg nachdenklich.
»Es mag sein, dass jemand ihn schon vorher entdeckt hatte und die Gelegenheit nutzte, um den Bewusstlosen zu bestehlen«, meinte Michael.
»Oder er wohnt in der Nähe und hat ganz einfach ohne Papiere und ohne Geld einen Spaziergang gemacht«, sagte Dr. Sternberg nachsichtig. »Jedenfalls sieht er nicht aus wie ein Gammler, und es wird sich bestimmt jemand finden, der uns Auskunft über ihn geben kann. Vielleicht kann er es auch bald selbst tun.«
»Es kann aber auch sein, dass der Tumor bereits zu Gehirnstörungen führt«, stellte Dr. Hillenberg fest.
»Klug gedacht«, meinte Dr. Sternberg anerkennend.
»Dürfte nach dem Röntgenbild inoperabel sein«, meinte der junge Assistent bedauernd.
»Ich würde eine Operation jedenfalls nicht wagen.« Dr. Sternberg schüttelte den Kopf, und wenn er etwas so sagte, konnte man den Fall als aussichtslos betrachten.
Umso wichtiger war es aber nun, baldmöglichst mehr über diesen Patienten zu erfahren, über mögliche Angehörige, die verständigt werden mussten und die vielleicht auch etwas über die Anamnese aussagen konnten. Denn mochte der Patient auch namenlos sein und an einer unheilbaren Krankheit leiden – helfen wollte man in der Prof.-Kayser-Klinik immer, so weit dies möglich war.
*
Zu dieser Zeit fuhr Dr. Arndt Forbes durch ein stilles Villenviertel, in dem die Häuser noch auf großen, parkähnlichen Grundstücken standen. Er wollte seine Schwester aufsuchen, die ihn dringend um seinen Besuch gebeten hatte.
Er hatte den Musik- und Filmproduzenten Clemens Bennet besucht und kam deshalb auf anderen Wegen zu dem Haus seiner Schwester als sonst. Ihr Anruf hatte ihn über das Autotelefon erreicht, und ihre Stimme hatte so aufgeregt geklungen, dass er alle anderen Termine sofort abgesagt hatte.
Selbst lukrative Geldgeschäfte mussten warten, wenn Vanessa ihn rief. Arndt Forbes liebte seine Schwester abgöttisch.
Plötzlich trat er auf die Bremse. Er sah am Waldrand einen Wagen stehen, den er kannte, und er war vor Schreck wie gelähmt. Es war ein goldmetallicfarbener italienischer Sportwagen mit römischem Kennzeichen. Für Arndt gab es keinen Zweifel, es war der Wagen seines Schwagers, des Conte Dorlani.
Nun zögerte er nicht mehr. In wenigen Minuten hielt er vor seinem Elternhaus, das Vanessa seit der Trennung von ihrem Ehemann mit ihren Kindern bewohnte.
Arndt brauchte nicht zu läuten. Er hatte die Schlüssel. Im Laufschritt lief er durch den Park, so erregt, dass er die beiden Kinder nicht sah, die am Fenster standen und ihm zuwinkten. Er schloss die Haustür auf und stand Vanessa gegenüber, einer bildschönen, madonnenhaft wirkenden Frau.
»Ich bin so froh, dass du kommst, Arndt«, flüsterte sie mit einem unterdrückten Schluchzen. »Er ist weg von Rom. Eva hat mich angerufen.«
Er sagte ihr nicht, dass er den Wagen ihres Mannes entdeckt hatte. »Er hat sich aber noch nicht gemeldet?«, fragte er nur.
»Er weiß doch gar nicht, dass ich hier bin. Aber er wird es herausfinden, dessen bin ich sicher.«
Er hat es schon herausgefunden, dachte Arndt deprimiert, aber er wollte Vanessa jetzt nicht noch mehr beunruhigen. Und nun kamen auch die Kinder, der vierjährige Tonio und die zweieinhalbjährige Beatrice.
»Hast du uns gar nicht gesehen, Arndt?«, maulte Tonio.
»Haben gewinkt«, zwitscherte die kleine Beatrice.
Sie waren gekränkt, dass der von ihnen heiß geliebte Onkel, den sie allerdings nur mit dem Vornamen ansprachen, nicht mit ihnen spielen wollte.
»Ich habe nicht viel Zeit, ihr Mausebärchen«, sagte Arndt, »und ich muss etwas sehr Wichtiges mit Mami besprechen. Lore kann mit euch spielen.«
Lore war das Kindermädchen, dreiundzwanzig Jahre jung, hübsch und insgeheim sehr verliebt in Arndt, was dieser aber nicht zur Kenntnis nahm.
Arndt nahm sich keine Zeit für Flirts, und die so unglücklich verlaufene Ehe seiner Schwester hatte ihm erst recht einen Schock versetzt. Nun, er war von Anfang an dagegen gewesen, dass sie den Conte Fabio Dorlani heiratete. Nicht deshalb, weil er Italiener war, sondern weil er ihm einfach zu schön war. Einen Liebling der Götter nannte man Fabio.
Ja, ein bildschönes Paar waren sie gewesen, und die Hochzeit des Jahres hatte man gefeiert. Geld zu Geld, Schönheit zu Schönheit, man erging sich in Superlativen.
Doch wie bald hatte sich herausgestellt, dass Fabio, der sanfte Schöne, ein tyrannischer Pascha war, der weiterhin das süße Leben genießen wollte und für den Vanessa nur eine Dekoration war.
»Was soll ich nur tun, Arndt?«, fragte Vanessa flehend. »Wo könnte ich mich mit den Kindern verstecken?«
»Ich meine, dass ihr hier im Augenblick am sichersten seid«, sagte er. »Morgen kommt Vandresen aus den Staaten zurück. Wir werden ihm hier ein Büro einrichten, dann ist ein starker Mann im Haus.«
»Und wenn Fabio dahinterkommt, wird er mir unterstellen, dass ich ein Verhältnis habe, und dann werden mir die Kinder genommen.«
»Das wäre ja gelacht. Seine Amouren füllen Bücher. Sein Anwalt ist bestechlich. Ich habe ihn schon auf unsere Seite gebracht.« Sein Gesicht wurde hart. »Und wenn ich ihn zwischen die Finger bekomme, wird er nichts mehr zu lachen haben. Wenn er anruft, legst du den Hörer einfach wieder auf. Du lässt niemanden ins Haus.« Er umschloss ihre zuckenden Schultern.
»Sei ruhig, Vanessa, verlass dich auf deinen großen Bruder«, sagte er heiser. »Ich kann jetzt leider nicht bleiben. Ich habe etwas Dringendes zu erledigen.«
»Kommst du heute Abend?«, fragte sie.
»Bestimmt, du kannst dich darauf verlassen, Vanessa.«
Als er ging, bemerkte er einen jungen Mann, der vor dem Gartentor stand, aber schnell weiterging, als Arndt näher kam. Er sah ihn dann in einen Volkswagen steigen, und unwillkürlich prägte er sich das Kennzeichen ein.
Mein Gott, bin ich misstrauisch. Sicher war das nur ein Vertreter oder auch nur jemand, der sich gern diese schönen Grundstücke anschaut, dachte er. Und dann dachte er wieder an Dorlanis Wagen. Er fuhr zur Waldstraße zurück. Der Wagen stand noch immer da. Arndt überlegte, was er diesbezüglich unternehmen könnte, denn warten konnte er hier ja nicht, bis Dorlani auftauchen würde. Aber dann kam ihm eine Idee. Dr. Friedrich Brink wohnte hier in der Nähe. Der Anwalt hatte ihn schon mehrmals in zivilrechtlichen Angelegenheiten vertreten.
*
In der Prof.-Kayser-Klinik wurde man jeden Tag mit fremden Schicksalen konfrontiert, und als Dr. Leon Laurin mit seinem Freund und Kollegen Dr. Sternberg über den neuen Patienten sprach, umwölkte sich die Stirn des Klinikchefs.
Er stand am Bett des Fremden und betrachtete ihn, das Gesicht, die Hände.
»Sieht sehr gepflegt aus«, stellte er fest. »Auf keinen Fall ein Gastarbeiter. Er ist noch nicht zu Bewusstsein gekommen.«
»Nein«, erwiderte Dr. Sternberg. »Wenn er ausgeraubt worden ist, dann ohne Gewaltanwendung. Der Tumor muss die Bewusstlosigkeit herbeigeführt haben.«
»Und du sagst, dass er inoperabel ist?«
»Schau dir die Röntgenaufnahmen an, Leon«, sagte Dr. Eckart Sternberg.
»Ich bin kein Gehirnspezialist.«
»Aber so viel verstehst du auch. Wenn er zu Bewusstsein kommt, müssen wir mit Aggressionen rechnen.«
»Du bist sehr sicher.«
»Ich hatte schon mal einen ähnlichen Fall. Ich wäre froh, wenn er bald in eine Spezialklinik verlegt würde.«
»Du kennst die Bürokratie der jeweiligen Verwaltungen, Daniel. Wir müssen erst den Namen feststellen und wer für die Behandlung aufkommt.«
»Den Letzten beißen die Hunde, und das sind wieder mal wir«, sagte Dr. Sternberg. »Wie wäre es, wenn wir der Prof.-Kayser-Klinik die Bezeichnung ›Wohltätigkeitsinstitut‹ hinzufügen würden?«
»Uns wird niemand nachsagen, dass wir einen Patienten abgewiesen haben«, sagte Dr. Laurin. »Und wenn ich hundert Jahre alt werde, wird das nicht passieren.«
»Ich hoffe, dass du wenigstens hundert Jahre wirst«, erwiderte Dr. Sternberg. »Dann wird die Ethik wenigstens noch von einem hochgehalten. Sonst zählt nur, was nicht in roten Zahlen vermerkt wird. Aber für diesen Patienten würde ich die Verantwortung nicht übernehmen.«
»Er wird schon nicht alles zusammenschlagen, wenn er zu sich kommt«, meinte Leon Laurin lächelnd.
Doch der namenlose Fremde wechselte aus tiefer Bewusstlosigkeit in einen langen Schlaf über und bereitete keine zusätzlichen Sorgen.
*
Dr. Laurin kam an diesem Abend pünktlich nach Hause.
»Das war ein heißer Tag«, seufzte er.
»Zweiunddreißig Grad, Papi«, warf Konstantin ein, »und wir haben trotzdem trainiert.«
»Und geschwitzt«, fügte Kaja hinzu.
»Deshalb der gesegnete Appetit«, sagte Leon.
»Es ist der letzte Spargel«, bemerkte Antonia dazu. »Aber es ist der beste, den wir seit vielen Jahren genießen konnten.«
»Und so heiß war es im Juni noch nie«, sagte Konstantin.
»Dafür werden die Ferien wieder verregnen«, murrte Kevin. »Haben wir Eis, Mami?«
»Wenn ihr Papi in Ruhe lasst«, erwiderte Antonia diplomatisch, »bekommt ihr eine große Portion.«
Die vier verzogen sich in den Garten. Dort wurde es langsam kühler. Kaja verteilte redlich das Eis. Leon und Antonia ließen sich auf der Terrasse nieder.
»Hast du Sorgen?«, fragte Antonia.
»Wieso?«, fragte Leon zurück.
»Ich sehe es dir an.«
»Es sind keine Sorgen. Es ist nur mal wieder ein Patient, von dem wir noch nichts wissen.«
»Erzähl doch mal«, bat Antonia. »Du bist nicht sehr mitteilsam heute.«
»Die Hitze hat mir auch zu schaffen gemacht, mein Schatz. Eine Operation und zwei nicht ganz leichte Geburten waren zu bewältigen.«
»Und ein namenloser Patient.« Sie sah ihren Mann an. »Und Sandra platzt vor Neugierde über einen gewissen Forbes.«
»Ach ja, ihr hattet ja heute euren Kaffeeklatsch«, murmelte Leon.
»Teeklatsch, um es genau zu sagen. Sandra trinkt doch nachmittags kaum noch Kaffee wegen ihres Blutdrucks. Aber wenn ihr ein schicker Mann tief in die Augen schaut, ist sie happy und gleich zwanzig Jahre jünger.«
»Mach mich nicht schwach, Antonia«, stöhnte Leon.
»Ich doch nicht. Erzähl von dem Patienten, Leon.«
»Er scheint Italiener zu sein, aber etwas …«
»Italiener?«, fiel ihm Antonia sofort ins Wort. »Sandra hat was erzählt von einem italienischen Flitzer, und Forbes Schwester ist auch mit einem Italiener verheiratet.«
Leon richtete sich auf. »Wenn das ein Stichwort gewesen sein sollte, Schätzchen, brauchen wir nicht gleich wieder einen Roman daraus zu machen. Lass dich von Sandra nicht anstecken.«
»Aber sie weiß doch nichts von eurem Patienten«, sagte Antonia. »Du bist es, der Zusammenhänge sucht.«
»Ich suche keine, aber es ist dennoch merkwürdig. Ein teurer Wagen passt zu der teuren Kleidung. Machen wir einen Spaziergang, Antonia, und schauen wir uns den Wagen mal an.«
Antonia war sofort dazu bereit, doch sosehr sie dann auch Ausschau hielten, nirgendwo konnten sie einen Wagen sehen. »Also mag das nur eine fixe Idee gewesen sein«, sagte Leon.
Aber sie gingen zu den Brinks. Antonia wollte es nun doch genau wissen.
*
Was Dr. Friedrich Brink an diesem Tag von Dr. Forbes gehört hatte, beschäftigte ihn jetzt noch. Das konnte er nicht einfach aus seinen Gedanken streichen. Forbes war kein Schwätzer, kein Mann, der übertrieb. Er war ein kühler, sachlicher Gesprächspartner, und wenn er sich ernsthaft um einen Menschen sorgte, entsprang das nicht nur der Zuneigung, denn Schwarzmalerei lag ihm schon gar nicht. Es gehörte ja zu seinem geschäftlichen Erfolg, dass er ein Risiko nicht scheute und ein überaus guter Menschenkenner war.
Friedrich ging zum Telefon. Er ahnte nicht, wie sehr Vanessa und Arndt erschraken, als der Apparat bei ihnen läutete.
»Ruhe bewahren, Vanessa«, sagte Arndt rau, und er meldete sich.
»Ach Sie, Dr. Brink«, sagte er. »Ja, wenn Sie es wünschen, komme ich.«
Am Telefon wollte er sich nicht auf Diskussionen einlassen.
Vanessa war aufgesprungen und lief im Zimmer herum. »Du kannst mich nicht allein lassen, Arndt«, flüsterte sie. »Ich habe Angst.«
»Das Haus ist eine Festung, Vanessa«, erklärte er. »Die Kinder schlafen. Setz dich vor den Fernseher und lenke dich ab, oder höre Musik. Ich komme bald wieder.«
»Du sagst mir nichts, du weißt mehr als ich«, stöhnte sie.
Ja, er wusste mehr, aber er wollte ihr nichts sagen, jedenfalls nichts von Fabios Wagen.
»Ich lasse mich von Dr. Brink beraten, wie wir uns am besten verhalten sollen«, erklärte er. »Ihm scheint ein guter Gedanke gekommen zu sein.«
»Lore hat aber Ausgang, so bin ich allein im Haus«, flüsterte sie bebend.
Sie war ein Nervenbündel. Es tat ihm weh, das feststellen zu müssen.
»Wir stellen das Telefon auf Anrufbeantworter«, sagte er. »Und die Tür machst du sowieso nicht auf. Reiß dich zusammen, Vanessa. Es bringt gar nichts, wenn du die Nerven vollends verlierst.«
»Entschuldige«, sagte sie leise. »Was man sich einbrockt, soll man auch selber auslöffeln.«
»So meine ich es nicht, Vanessa. Du weißt genau, dass du dich auf mich verlassen kannst, aber es hilft uns nichts, wenn du dich krank machst. Es gibt keinen Grund zur Panik.«
»Eva lässt auch nichts von sich hören«, sagte Vanessa leise.
»Du kannst sie doch auch anrufen«, sagte er nachsichtig. »Also, ich fahre jetzt zu Brink.«
Als er schon an der Tür war, wollte er fragen, ob Lore denn einen Schlüssel hätte, aber das ließ er lieber. Er wollte Vanessa nicht noch mehr verunsichern.
In ein paar Minuten hatte er Dr. Brinks Haus erreicht, obwohl er an der Waldstraße vorbeigefahren war. Auch ihn überraschte es, dass der Wagen nicht mehr dort stand, ja, es versetzte ihm einen gewaltigen Schock.
Leon Laurin hielt sich auch bei Dr. Brink auf. Er hatte mit ihm über seine Vermutungen bezüglich des Wagens und des Patienten gesprochen. Jetzt wurde auch Arndt darüber informiert.
Arndt starrte Dr. Laurin an. »Dürfte ich Ihren Patienten sehen?«, fragte er, ohne Fragen danach zu stellen, wie man überhaupt auf diese Kombination gekommen sei.
»Selbstverständlich«, erwiderte der Klinikchef.
»Gleich?«, fragte Arndt Forbes.
»Wenn Sie es wünschen.«
»Der Wagen ist jedenfalls nicht mehr da«, sagte Arndt.
»Das habe ich auch schon festgestellt«, erwiderte Dr. Laurin.
»Wie sind Sie überhaupt darauf gekommen?«, fragte Arndt.
»Das erkläre ich Ihnen, wenn wir zur Klinik fahren«, antwortete Dr. Laurin.
»Mich würde es beruhigen, wenn es sich um Dorlani handelt«, sagte Arndt, »dann wäre er fürs Erste außer Gefecht gesetzt.«
Das mochte gefühllos klingen, aber Dr. Laurin hatte Verständnis für diese Reaktion.
Über seinen Schwager sagte Arndt Forbes einstweilen nichts. Er hielt sich immer an Tatsachen, und bevor er den Patienten nicht gesehen hatte, wollte er sich überhaupt nicht äußern. Dessen ungeachtet war ihm Dr. Laurin aber sehr sympathisch. Der Arzt erging sich auch nicht in wortreichen Betrachtungen.
Als sie die Prof.-Kayser-Klinik betraten, sagte Arndt: »Ich dachte, es sei nur eine Frauenklinik. Aber solange einem selbst nichts fehlt, verschwendet man keine Gedanken an Krankenanstalten.«
Auf der Chirurgischen Station hatte Dr. Hillenberg Nachtdienst. Er war sehr überrascht, als Dr. Laurin mit einem Besucher aufkreuzte, der dazu noch den Fremden sehen wollte. Aber Michael Hillenberg sah in solchen Augenblicken in Dr. Laurin nur den obersten Chef, dessen Wort allein Gültigkeit hatte.
Arndt Forbes warf nur einen kurzen Blick auf den Schlafenden, dann sagte er dumpf: »Er ist es, unzweifelhaft. Es ist Fabio Dorlani, Herr Dr. Laurin. Und jetzt kann ich Sie nur bitten, ihn wie eine geheime Verschlusssache zu behandeln und ihn keinesfalls aus den Augen zu lassen. Für alle Kosten komme ich auf.«
»Er kann nicht ausreißen, dazu ist er nicht fähig«, erklärte Leon Laurin.
»Sie kennen ihn nicht. Sie wissen nicht, wozu er fähig ist«, sagte Arndt Forbes tonlos.
»Ich wäre Ihnen daher sehr dankbar, wenn Sie mehr über ihn erzählen würden«, bat der Arzt.
»In diesem Fall schon. Ich muss Sie als Verbündete betrachten.«
»Das können Sie unbesorgt«, gab Dr. Laurin zurück.
»Zuerst einmal möchte ich sagen, dass Dorlani immer die Taschen voller Geld hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er ohne einen Cent losgezogen ist. Und seine Brieftasche hatte er auch stets bei sich. Also scheint ihn jemand darum erleichtert zu haben.«
»Das war unsere Vermutung, nachdem wir feststellten, wie teuer er gekleidet war.«
