Schräg - Christian Flügel - E-Book

Schräg E-Book

Christian Flügel

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Beschreibung

"Schräge Kolumnen" (lat.: "Stützen") - das klingt selbst nach einem schrägen Sprachbild. Wenn Säulen eines Tempels nicht gerade stehen, droht der Zusammenbruch. Die alt-katholische Gemeinde Düsseldorf lebt dennoch. Das "Lebendige" ist eben nicht statisch; schräge Vögel können sich gegenseitig stützen, zahlreiche Queerverbindung stabilisieren. In einem lebendigen Organismus erneuern sich die Bauteile stetig. Nur wenig wird die alt-katholische Gemeinde Düsseldorf 2026 mit der Gründungsgemeinde 1876 gemeinsam haben. Das Organische soll nicht idealisiert werden: wie beim Mikadospiel kann beim Rausziehen tragender Elemente einiges einstürzen. Synodale Strukturen schützen nicht vor schweren Krisen. Wenn eine Gemeinde unterwegs ist, lohnt sich regelmäßiges Innehalten und Orientieren. Die 12 diakonischen Kolumnen versuchen, theologische, politische und gesellschaftliche Bezugspunkte für lebendiges Kirchesein in dieser Welt aufzugreifen.

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Seitenzahl: 56

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Erste Kolumne,

März – Mai 2023, über die Jahreslosung „Du bist ein Gott, der mich sieht“ (Gen 16, 13):

Zweite Kolumne,

Juni – August 2023, über Pilgern und 150 Jahre alt-katholisches Bistum „Von Wegen“:

Dritte Kolumne,

September bis November 2023, über Erntedank und Schöpfungsmythen „Dafür nicht…?“:

Vierte Kolumne,

Dezember 2023- Februar 2024, über Weihnachten, Epiphanias und Pessah „Nur eine Frage der Zeit?“:

Fünfte Kolumne,

März – Mai 2025, über das Hungertuch 2024 „Was ist uns heilig?“:

Sechste Kolumne,

Juni – August 2024, über den Namenspatron der Düsseldorfer alt-katholischen Gemeinde „Santhomas ist nicht zu fassen“:

Siebte Kolumne,

September – November 2024, über „alt“ im Namen unserer Kirche „Je oller desto doller“:

Achte Kolumne,

Dezember 2024 – Februar 2025, über Rückblicke und Aussichten „Zeiten wenden“:

Neunte Kolumne,

März – Mai 2025, über Buntheit und Karneval „Farben bekennen“:

Zehnte Kolumne,

Juni – August 2025, über Pfingsten und Pazifismus „Ach, Ihr Tauben!“:

Elfte Kolumne,

September – November 2025, über die Wiederkunft des Herrn „Herbstglauben. Glaubensherbst?“:

Zwölfte Kolumne,

Dezember 2025 – Februar 2026, über das Jubiläum 150 Jahre alt-katholische Gemeinde Düsseldorf „Wechselnde Pfade, Schatten und Licht“:

„Schräg“

tragen Diakon:innen die Stola. Schräg kann bisweilen auch der diakonische Blick auf „Gott und die Welt“ sein. Seit mehreren Jahren schreibe ich eine „diakonische Kolumne“ im alt-katholischen Gemeindebrief Düsseldorf. Diese Rubrik schlug 2023 Markus Koegel aus dem Kirchenvorstand vor, der damals die redaktionelle Verantwortung übernahm; dies umfasste nicht nur die inhaltliche Arbeit, Markus verpasste der Quartalsschrift auch ein frisches Layout. Zu diesem „Relaunch“ gehört ein schlankes Hochformat, was tatsächlich an eine Säule (lat. „columna“) erinnert. Im Galaterbrief werden „Jakobus, Kephas und Johannes“ als Säulen der Urgemeinde genannt (Gal 2, 9), was nach einer synodalen Leitung klingt, wo gilt: „Es gibt verschiedene Gnadengaben“ (1 Kor 12, 4).

Als Diakon einer geschwisterlichen Gemeinde zu aktuellen gesellschaftlichen und politischen Fragen zu schreiben, macht Spaß – zumal ich meine Mitarbeit in unserer Kirchenzeitung „Christen heute“ aus Zeitgründen beendet habe. Mein Lieblingsjournalist Heribert Prantl hat nach seinem Ausscheiden aus der Redaktion der Süddeutschen Zeitung (SZ) eine regelmäßige Kolumne in der SZ übernommen. Der ehemalige Leiter des Innenressorts kann losgelöst aus dem Tagesgeschäft einen Blick auf tiefere Themen werfen. Sehr lesenswert ist es, wenn er sich religiösen Themen widmet.

„Die Kraft der Hoffnung – Denkanstöße in schwierigen Zeiten.“, unter diesem Titel hat die Süddeutsche Zeitung Edition einige Aufsätze Prantls veröffentlicht. Anlässlich des 150jährigen Jubiläums unserer Gemeinde habe ich meine Kolumnen überarbeitet, vielleicht können sie ihrerseits Denkanstöße geben über den jeweiligen Gemeindebrief hinaus.

Christian Flügel

Diakon der alt-katholischen Gemeinde Düsseldorf

Sommer 2025

Erste Kolumne

Die nachstehende Kolumne ist die erste; sie erschien im März 2023. Als Markus mich fragte, ob ich einen diakonischen Beitrag zum Gemeindebrief leisten wolle, war es Anfang Februar, also noch unter den Einschränkungen der Corona-Pandemie. Ich war gerade bei einer traumatherapeutischen Fortbildung, die in einem evangelischen Gemeindezentrum in Dortmund stattfand, damit die Abstandsregeln eingehalten werden konnten. Als ich in der Mittagspause meditierte, worüber ich schreiben könne (möglichst schnell, Redaktionsschluss war in wenigen Tagen), fiel mein Blick auf die Jahreslosung der evangelischen Kirche 2023.

Bild: Freepik

Du bist ein Gott, der mich sieht (Gen 16, 13)

Die Jahreslosung 2023 der evangelischen Schwesterkirche lädt ein, über unsere Gottesbilder nachzudenken. Unsere gegenwärtigen Krisen werfen die Frage nach Gott wieder auf: „Manchmal habe ich den Eindruck, dass der kirchliche Betrieb auch ganz gut ohne Gott funktioniert. Wir müssen lernen, neu auszusagen, was wir denn meinen, wenn wir von Gott sprechen.“, diese pointierte Aussage stammt von Bischof Matthias Ring in einem Interview mit Publik-Forum schon 2010. Corona hat neben fundamentalistischen Stimmen, die in der Pandemie eine Strafe oder Glaubensprüfung des gottfernen Menschen sehen, moderne Theologen wie den Freiburger Magnus Striet herausgefordert.1 Er verweist nüchtern darauf, dass die Fürbittgebete der Kirche das Leid nicht lindern. Im Grunde blitzt in der „Gottesfrage“ das Theodizee-Thema auf: „Wie kann ein liebender Gott gedacht werden angesichts des (oft schuldlosen) Leids in der Welt?“.

Die Jahreslosung stammt aus der Geschichte von Hagar, der ägyptischen Sklavin, die von Abraham schwanger wird, da seine Frau Sarai keine Kinder gebären kann. Sarai wird eifersüchtig und mit Abrahams Einverständnis demütigt sie Hagar und misshandelt sie; Hagar flieht in die lebensfeindliche Wüste – ein Symbol für unsere Depressionen, Ausweglosigkeiten und Resignationen. Hier spricht Gott sie an, fordert sie zur Rückkehr auf und verheißt ihrem Sohn eine gute Zukunft. Jetzt ruft Hagar: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“

Dieses Gottesbild kann uns inspirieren. Hagar gehört nicht zum auserwählten Volk, sie macht in der Not eine unerwartete und nicht durch eigene Leistung herbeigeführte Gotteserfahrung. Anders als die zentrale Selbstbezeichnung Gottes im Symbol des brennenden Dornbusches „Ich bin der ich da bin“, JHWH2, wird eine personale Begegnung beschrieben: dieser Gott tritt in Beziehung zum Menschen. Hier geht es nicht um eine philosophische Spekulation, ums „Numinose“, sondern um ein echtes Gegenüber, das in bestimmter Manier in Kontakt tritt: dieser Gott sieht mich.

Bild: Freepik

Im Zusammenhang mit der Schwangerschaft und der Mutter-Thematik von Sarai und Hagar können wir an die frühe Beziehungsebene von Mutter (auch Vater) und Kind denken: an die „Blick-Achse“ zwischen beiden, die im besten Fall Liebe und Annahme ist. Dieses Gesehenwerden vermittelt Würde und liebt Wertschätzung in die Kinderseele ein.

Aber wie steht es um die, die nicht gesehen werden, um die, die nur misstrauisch beäugt werden, deren Gottesbild allenfalls ein paranoides „Gott hat mich auf dem Kieker“ umfasst? Wir nehmen in unserer Gesellschaft die Wutbürger:innen wahr, die sich unbeachtet und „verarscht“ fühlen, die wie Sarai gegen Ausländer und Schwäche hetzen.

Die Theodizee ist nicht bloß ein ideengeschichtliches Phänomen, das sich im 17. Jahrhundert vor dem Hintergrund der Katastrophe des Erdbebens von Lissabon 1755 zuspitzt. Auf der einen Seite vertritt Gottfried Wilhelm Leibnitz den Glauben an den „lieben Gott“ trotz der damaligen fast 100.000 Toten durch das Konstrukt, diese von Naturkatastrophen heimgesuchte Erde sei dennoch „die beste aller möglichen Welten“. Seine Haltung wird von den Philosoph:innen der Aufklärung verworfen, etwa von Voltaire, der diese Sichtweise in seinem Roman „Candide“ lächerlich macht und ad absurdum führt. Der Glaube an Gott besteht noch immer; dort, wo er authentisch ist, ebnet er die erwähnten Widersprüche nicht ein, sondern er hält diese Spannung aus, bekennt sich auch zu den Ungereimtheiten.

Gott sieht mich. Dieses biblische Bild schenkt Hoffnung: sehen bedeutet lieben und stärken, ertüchtigen. Ein Mensch, der sich geliebt fühlt, sieht selbst hin. Gesehene leben Verantwortung. Christ:innen schauen genau hin, sie leugnen nicht die Klimakrise, bagatellisieren nicht das Artensterben, sie blenden Rassismus und Wiederstarken von Rechtsextremismus nicht aus. Aus Wahrnehmung wächst Handeln. Dietrich Bonhoeffer