Schritte ins erwachsene Menschsein - Ulrike Porep - E-Book

Schritte ins erwachsene Menschsein E-Book

Ulrike Porep

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Beschreibung

Die Diplom-Psychologin Ulrike Porep gibt dem Leser mit diesem Buch einen sehr direkten und klaren Einblick in die Praxis des inneren Weges. Schnörkellos und einladend weiß sie ihre Erfahrung in der langjährigen Begleitung von Menschen auf dem Erkenntnisweg in Worte zu fassen. Sie erinnert humorvoll und unermüdlich an das wohlwollende Interesse eines Menschen an sich selbst, welches das Gehen des Weges erst möglich macht und räumt gründlich auf mit der Idee, sich ausschließlich den höchsten Lehren zuwenden und so den Reifungsweg zum erwachsenen Menschsein überspringen zu können. Die Integration des inneren Kindes ist ein wichtiger Bestandteil der Arbeit, um Schritte ins erwachsene Menschsein zu machen. Indem ich mich dem schwachen und verletzlichen Teil meiner selbst widme, kann ich in die Verantwortung gehen, die ich als erwachsener Mensch für mich habe. Damit öffnet sich der Blick für ein tieferes Verständnis auf mein wahres Wesen. Ein sehr anschauliches und praxisorientiertes Buch, das Mut und Lust zur Erforschung macht. „Nur das Erwachen aus dem Schlaf der Identifikation öffnet den Zugang ins erwachsene Menschsein. Und dazu braucht es einen inneren Weg, einen bewussten Willen, eine Sehnsucht nach Freiheit von den Fesseln des Geistes.“ Ulrike Porep

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Seitenzahl: 323

Veröffentlichungsjahr: 2020

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SCHRITTE INS ERWACHSENE MENSCHSEIN

Ulrike Porep

Schritte ins erwachsene Menschsein – Die Integration des inneren Kindes

Mit einem Geleitwort von OM C. Parkin

Originalausgabe

advaitaMedia – Weisheit aus der Stille

Am Gutspark 1

D-23996 Saunstorf

[email protected]

www.advaitamedia.com

Lektorat: Dr. Rüdiger Porep

Coverbild: Collage aus Privatfotos und iStock/AlenaPaulus

Fotos innen: pixabay

Cover- und Buchgestaltung, Satz: Katja Dorow-Schwart

Enneagramm-Grafik: Christoph Konradi

Druck & Bindung: C. H. Beck

© 2020 advaitaMedia GmbH

1. Auflage 2020

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen

Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-936718-60-7

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und sonstige, auch elektronische Kommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe sowie des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

Inhalt

Geleitwort von OM C. Parkin

Vorwort

KAPITEL 1

Mein Anliegen

KAPITEL 2

Was ist erwachsen?

KAPITEL 3

Das Kind

KAPITEL 4

Das Konzept vom ‚Inneren Kind‘

KAPITEL 5

Die Begegnung mit dem inneren Kind

I. Das innere Kind anschauen

II. Das Kennenlernen des verletzten Kindes und seiner Geschichte

III. Die Entwicklung des Kindes

IV. Dem verletzten Kind auf der Spur

V. Namen der verletzten Kinder, die Opferidentität

VI. Briefe an das Kind

VII. Warum muss das alles geschehen?

VIII. Die Rolle des Erwachsenen

IX. Sharing

KAPITEL 6

Weitere Forschungsschritte auf dem Weg ins erwachsene Menschsein

I. Die Reifung ins erwachsene Menschsein

II. Erwachsenes Menschsein - Einführung ins Thema

III. Dialoge zur Erforschung des inneren Kindes

IV. Erforschung des kindlichen Neins

V. Das innere Kind ist der Geist

KAPITEL 7

Das innere Kind im Spiegel des Enneagramms

Die Autorin

Geleitwort

Seit den 90er Jahren ist das Konzept des sogenannten ‚inneren Kindes‘ ein wichtiges Handwerkszeug in der psychotherapeutischen Arbeit. Seitdem ist eine Vielzahl von Fachbüchern erschienen, die sich allesamt mit der Heilung dieses ‚inneren Kindes‘ befassen, denn dieses ‚innere Kind‘ beherbergt offenbar zum Einen in vielen Menschen Ängste, Kränkungen, Verletzungen bis hin zu schweren Traumatisierungen, die nach Heilung verlangen, und zum Anderen scheint das ‚innere Kind‘ für veräußerlichte Menschen schwer zugänglich zu sein, weil es sich an einem tiefen, einem von der Oberfläche entfernten Ort aufhält.

Aus diesem Zusammenhang ergibt sich eine menschliche Innenwelt, welche von diesem ‚inneren Kind‘ aus dem Unterbewusstsein beherrscht wird. Ulrike Porep, selbst Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin in jahrzehntlanger Praxis, hat die Erkundung dieses ‚inneren Kindes‘ seit mehr als zehn Jahren zu einer zentralen Frage ihrer psychotherapeutischen Feldforschung gemacht, wobei sie insbesondere die Frage interessierte, inwieweit dieses ‚innere Kind‘ mit der beobachteten Gegebenheit in Zusammenhang steht, dass die allermeisten Menschen zwar körperlich ausreifen, aber innerlich nicht über eine emotionale Kindlichkeit hinauswachsen.

Als Kind hielt ich selbst die ausgewachsenen Körper für die Erwachsenen. Als 20jähriger dachte ich, es müssten die mindestens 30jährigen sein, als 30jähriger meinte ich, es müssten die mindestens 40jährigen sein. Doch dann dämmerte es mir, dass es ‚die Erwachsenen‘, so wie die kindlichen Augen sie gesehen hatten, gar nicht gibt. Diese Erfahrung erinnert an den Scheinriesen in der bekannten Kindergeschichte über den Lokomotivführer Jim Knopf: Erst wenn man ihm näher kommt, schrumpft er in sich zusammen. Der Scheinriese ist ein perfektes Sinnbild für den Pseudoerwachsenen, wie er die Welt bevölkert. Das ganze Ausmaß dieser allerorten zu beobachtenden Infantilität ist erst durch die Digitalisierung überdeutlich in die öffentliche Sichtbarkeit getreten. Soziale Medien und das Internet bieten ein nie dagewesenes Sprachrohr und die perfekte virtuelle Spielkulisse für eine von frühkindlichen Emotionen aufgeladene Urteilsbildung.

Dies realisierend, verlagerte sich die Aufmerksamkeit der Autorin im Laufe ihrer langjährigen therapeutischen Arbeit zunehmend auf das innere Reifungspotenzial ins erwachsene Menschsein. Das eigene Gehen eines inneren Weges, der Zugang zu Wissen aus den inneren Disziplinen der großen spirituellen Wege, diese durchlebten Erfahrungen innerer Reifung ließen sie den in der Psychotherapie gängigen Umgang mit dem ‚inneren Kind‘ weitreichend infrage stellen. Wer ist dieses ‚innere Kind‘ überhaupt? Ist es real? Und warum werden Menschen, die offensichtlich längst erwachsen sind, nicht wirklich erwachsen? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, muss der Suchende den begrenzten Rahmen psychotherapeutischer Auslegung des ‚inneren Kindes‘ verlassen und weiter gehen, wozu dieses Buch Schritte ins erwachsene Menschsein – Integration des inneren Kindes einladen und inspirieren möchte.

OM C. ParkinHamburg, im Juli 2020

Vorwort

Das nun vorliegende erhellende, für einen inneren Weg notwendige Buch Schritte ins erwachsene Menschsein – Die Integration des inneren Kindes habe ich gern und mit Freude gelesen. Nicht mehr zu leiden, heil zu werden – diesen Wunsch haben viele Menschen. Dass zum Heilungsprozess das innere Erwachsen-Werden gehört, ist einleuchtend. Und doch lässt es mich innehalten: Bin ich nicht schon erwachsen? Ja, der Körper ist es. Doch die Denkungsart, das gefühlsmäßige Empfinden, das trotzige Nein, die Ängste und Wünsche – all das sind Aspekte kindlicher Geschichte und Reaktionen auf das äußere Umfeld. Ein Kind mit seinem begrenzten Bewusstsein will überleben, sucht nach Sicherheit und Wohlgefühl, und unbewusst tun wir das immer noch. Erst wenn der Mensch auch innerlich erwachsen ist, also die Verantwortung für sein Leiden vollkommen realisiert hat, dann tritt an die Stelle des kindlichen Eigenwillens die Haltung „Alles, was kommt, ist willkommen.“, und dann zeigt sich ein Impuls, der angemessenes Handeln ermöglicht. Der innerlich Erwachsene weiß, dass alles, auch das scheinbar Unerträgliche und Entsetzliche, demjenigen dient, der zur Realität erwachen will. Er weiß, dass Freiheit hundert Prozent Akzeptanz eines höheren Willens bedeutet.

Um wirklich erwachsen zu werden, haben wir uns dem sogenannten inneren Kind zuzuwenden. Dazu leitet Ulrike Porep seit Jahren Interessierte in Einzel- und Gruppenarbeit an. Sie lehrt, dass an der Vergangenheit nichts geändert werden kann, dass jedoch Aspekte, die noch nicht vollständig gesehen sind, wahrgenommen, gefühlt und, so wie sind, angenommen werden können und müssen. So wird Verdrängtes bewusst gemacht und Schritt für Schritt integriert. Das Kind wird nicht nachträglich geheilt, es wird vom Erwachsenen gesehen. Es wird aufgedeckt, wo ich mich in der Opferrolle eingerichtet und anderen die Schuld an meinem Elend gegeben habe. Es gilt zu realisieren, dass die Verantwortung für mein Leben einzig und allein bei mir liegt. Ein Wort dieser Lehrerin, das mir innerlich präsent ist: „Ein einziger Vorwurf genügt, um Fortschritt zu verhindern.“ Das ist einer der radikalsten Weckrufe!

Aus eigener Zusammenarbeit mit ihr kann ich bezeugen: Mit dieser Lehrerin zu sein, ist nicht nur angenehm, nicht für das Ego! Das ist gleichzeitig ein Gütezeichen, denn es geht ja darum, dass Unterscheidung gelehrt wird: Was ist der kindliche Geist, der seinen Eigenwillen durchsetzen will, und was ist wahrhaftig und nährt die Seele und lässt innerlich erwachsen sein? Mit ihrem scharfen Verstand und ihrer klaren – von ihrem spirituellen Lehrer OM C. Parkin geschulten – Kenntnis schält sie nach und nach alles am Schüler ab, was im Augenblick ‚fällig‘, weil unwahr ist. Sie lässt sich nichts vormachen und sie geht bis an die Grenze des eigenwilligen und sich verteidigenden Ichs … und darüber hinaus. Das Wissen um das Enneagramm dient ihr dabei wie einem Chirurgen das Besteck. Oft ist es spürbar still, wenn sie mit jemandem gearbeitet hat. Friede kehrt ein als Frucht der Einsicht.

Diese Arbeit wird im vorliegenden Buch anschaulich und nacherlebbar dargestellt. Theoretische Darlegungen, die verbunden werden mit der Schilderung konkreter Arbeit, machen die Schritte ins erwachsene Menschsein lebendig, ja geradezu miterlebbar. Hier wird deutlich, wie sich menschliches Potenzial entfalten kann durch einfaches sehen, fühlen, verstehen auf allen Ebenen von Intelligenz. Ich bin dankbar, dass Ulrike Porep dem Impuls gefolgt ist und das Wissen um das innere Kind, das erwachsene Menschsein und die konkrete Integrationsarbeit damit in diesem Buch dargelegt hat. Hier wird eine Brücke geschlagen von psychotherapeutischer Arbeit zur spirituellen Dimension innerer Arbeit. Hier geht es nicht mehr um die Verbesserung und Stabilisierung der Ich-Welt, sondern um einen Zugang zur Wirklichkeit jenseits des Egos.

Ich bin zuversichtlich, dass es für alle, die sich damit auseinandersetzen, ein Gewinn sein wird.

Helga ParkinJachenau, im Juli 2020

Kapitel 1

Mein Anliegen

Dieses Buch ist für Menschen auf dem Weg. Wir alle sind unterwegs – wohin auch immer. Gibt es einen Anfang des Weges? Gibt es ein Ende? Wohin gehen wir? Wir sind auf der Suche. Vielleicht gibt es ein Ende der Suche. Ein Ankommen. Ein Sein im Hier und Jetzt. Ohne klagenden Rückblick auf eine schlimme Vergangenheit, ohne hoffenden Ausblick auf eine bessere Zukunft, und dennoch auf dem Weg, dem Lebensweg. Der Weg wird irgendwann zum Fall ins Sein. Das ist das Ende der Suche, das Ende des Weges. Noch aber sind wir nicht ins raum- und zeitlose Sein gefallen, wir glauben, uns im Raum und in der Zeit bewegen zu können – hin zu einem schönen Ziel, weg von Unangenehmem, gegen Unpassendes. Wir sind Streber, Flüchter, Widerständler.

Was aber ist unser Standpunkt? Wo stehen wir? Von wo glauben wir uns weg, hin oder gegen bewegen zu können? Dabei handelt es sich um innere, um geistigseelische Bewegungen, nicht um äußere Bewegungen. Vielleicht werden sie auch äußerlich sichtbar, besonders wenn sie unbewusst ablaufen, aber das ist hier nicht wichtig. Wenn wir die inneren Bewegungen bewusst wahrnehmen, also sehen können, ja schon die die Versuchung einer inneren Bewegung sehen können, dann müssen wir solchen inneren Bewegungen nicht blind folgen. Was also ist in diesem Zusammenhang mit innerer Bewegung gemeint? Von wo bewegen wir uns wohin? Weg von dem, wo wir gerade stehen?

Natürliche, angemessene körperliche Bewegung, emotionales Berührtsein, mentales Verstehen, das ist das Potenzial unseres Daseins in der körperlichen Existenzform.

Aber wer dirigiert diese Kräfte? Wer nutzt sie? Die Körperkraft, die Intuition und Einfühlung, die Intelligenz? Dies sind göttliche Kräfte im menschlichen körperlichen Dasein. Wenn diese Kräfte im Einklang fließen, wenn jede Kraft die ihr zugedachte Aufgabe übernimmt, dann leben wir Gottes Willen. Dann leben wir ein kraftvolles, intelligentes, gefühltes Leben.

Aber so werden wir nicht geboren. Wir werden geboren mit einem Potenzial, das entwickelt werden möchte.

Verfolgen wir also die Entwicklung eines Menschen, eine Entwicklung, die ihre inneren Hindernisse schon mitbringt – eine vorprogrammierte Fehl-Entwicklung. Auf diese Entwicklung werden wir zu sprechen kommen.

Die Entwicklung führt uns zunächst schicksalhaft ins Leiden. Wenn uns das bewusst wird, begehren wir auf – wir wollen nicht leiden. Und an diesem Punkt scheiden sich die Geister: Will ich das Leiden verändern in der Hoffnung auf ein leidensfreies Leben? Oder bin ich bereit, das Leiden zu erkennen als Signal innerer Blindheit und Unwissenheit? Bin ich auf dem an sich natürlichen Reifungsweg möglicherweise in innerer Kindlichkeit steckengeblieben? Die innere Kindlichkeit zu entdecken, sich bewusst darüber zu werden, wie oft ich in kindlichen Vorstellungen und gelernten Überzeugungen stecke und mir damit das Leben selbst zur Hölle mache, das ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg der Entwicklung, der ja vom Kind ins erwachsene Menschsein führt, eben nicht nur äußerlich, sondern vor allem innerlich.

Also beschäftigen wir uns erst einmal mit den gängigen Irrtümern. Jeder Mensch, in der Erscheinung eines menschlichen Körpers, erfährt Entwicklung – ob er will oder nicht. In der äußeren Entwicklung ist das sichtbar in der körperlichen Veränderung. In der inneren Entwicklung sind es die Zentren der Intelligenz (Instinktzentrum, Emotionalzentrum, Mentalzentrum), insbesondere das Mentalzentrum, die ein gewisses Potenzial entfalten. Allerdings wird das vollständige Potenzial dieser Intelligenz nicht ohne äußere Anstöße entwickelt, es braucht dazu Herausforderungen und einen bewussten Willen. Und dieser Wille muss geweckt werden, weil er nicht als selbstverständlich vorausgesetzt werden kann. Unsere ersten Lehrer, die Eltern, hatten meist selber nur ein sehr begrenztes Bewusstsein über sich selbst und die Notwendigkeit innerer Entwicklung. So haben sie uns über Lebenspraktisches hinaus oft wenig lehren können, meist sogar auch noch Falsches.

Und da stehen wir nun – äußerlich erwachsen, mit einem inneren Potenzial, das noch versteckt in uns ruht, und dem Bewusstseinsstand eines Kindes, das die Welt nicht versteht und auf seine Weise versucht, sich das Leben zu erklären, so wie es eben seine Eltern es für sich schon getan haben und ihm dann beigebracht haben. Und das Potenzial drängt nach Entfaltung. Es drängt in Form einer unspezifischen Unzufriedenheit, die in uns nagt, die wir nicht verstehen, die wir interpretieren und mit äußeren Umständen begründen, die wir dann eben ändern müssen.

Vieles haben wir versucht zu ändern, manches haben wir verändert, die Unzufriedenheit ist für Momente oder längere Zeiträume gemindert worden oder gar verschwunden, oder wir wollten sie vielleicht gar nicht mehr fühlen. Aber sie ist doch noch da. Tief verborgen gibt es unerklärliches Leiden. Und das ist der Motor. Der Motor für Entwicklung, der Motor für unbequeme Fragen, der Motor für einen Drang, wissen zu wollen: Wer bin ich wirklich? Irgendwas stimmt hier nicht!

Wir stellen Fragen. Wir beginnen zu forschen. Das ist der Beginn eines bewussten inneren Weges. Erste Schritte ins erwachsene Menschsein.

Die Ausführungen und besonders die Dialoge in den folgenden Kapiteln, die in Einzelsitzungen und Gruppen geführt wurden, geben einen Einblick in die Forschungsarbeit. Wir nähern uns dem Verborgenen, den unbewussten geistigen Antrieben, den kindlichen Überzeugungen auf sanfte Weise. Ich möchte Interesse wecken, Entdeckerfreude, Staunen.

Auch wenn dieser Weg nicht immer angenehm ist, so wiegen die Ergebnisse der Arbeit die Mühe auf. Wenn innere Räume sich öffnen, entsteht Freiheit, Natürlichkeit, Frieden, Einverstandensein, kurz das Glück, nach dem wir doch alle suchen.

Das Schreiben dieses Buches gehört zu meinem eigenen Weg der Entfaltung und Bewusstwerdung. Ich möchte weitergeben, was ich sehen und erfahren konnte, und ich möchte jeden einladen, diesen Weg zu gehen – einen Weg des Hinterfragens und Erforschens. Einen Weg des Interesses ohne Zwang und Druck, aus Interesse an meinem wahren Wesen und aus Liebe zu mir selbst. Wir müssen und können nichts ändern an uns selbst, an dem, was geschehen ist, aber wir können beginnen zu sehen und zu verstehen. Damit verändert sich alles.

Viele Fragen haben mich auf den Weg gebracht. Immer neue Fragen taten sich auf und tun sich immer noch auf. Die Reise zu mir selbst ist nicht beendet. Ich sehe mich als Begleitung und gleichzeitig als Lernende. Aus diesem inneren Lernprozess entstand das Bedürfnis, mich mitzuteilen, in aller Unvollkommenheit. Ich möchte ermutigen zu fragen, zu sehen, sich auszudrücken und Neues zu entdecken, jenseits der Denkwelten. Das sind die ‚Schritte ins erwachsene Menschsein‘.

Kapitel 2

Was ist erwachsen?

Jeder Mensch in der Erscheinung eines menschlichen Körpers erfährt Entwicklung – ob er will oder nicht. Das Leben will es so. In der äußeren Entwicklung ist das sichtbar in der körperlichen Veränderung und in der Entwicklung bestimmter Fähigkeiten. Aber ist ein Mensch erwachsen, wenn er körperlich erwachsen ist? Wenn er ein gewisses Lebensalter erreicht hat? Wenn er gewisse Fähigkeiten erworben hat? Ist da die Entwicklung beendet? Die Antwort ist klar: nein. Da gibt es ein geheimnisvolles Potenzial, da gilt es noch etwas Unbekanntes zu erkennen und zu leben.

Ich möchte dem auf die Spur kommen. Ich halte mich für erwachsen und definiere mich als erwachsenen Menschen folgendermaßen:

Ich bin 74 Jahre alt, besser gesagt: der Körper ist jetzt 74 Jahre alt, demnächst 75.

Ich bin seit fast 40 Jahren verheiratet (mit guten und mit schlechten Tagen).

Ich habe zwei erwachsene Söhne (erwachsen?).

Ich habe vor fast 50 Jahren mein Diplom in Psychologie erworben (wie ist das nur möglich gewesen?).

Ich habe viele Jahre als Psychotherapeutin gearbeitet (erfolgreich?).

Und weiter:

Ich stelle noch so viele Fragen. Ist das erwachsen?

Bin ich erwachsen?

Wann ist man erwachsen?

Was ist erwachsen?

Die Kindheit ist vorbei. Aber habe ich meine Kindheit beendet? Manchmal fühle ich mich wie ein Kind. Ist das erwachsen?

Wenn ich einen Menschen, der sich gerade emotional wie ein Kind fühlt, frage, ob er ein Kind sei, antwortet er oft tatsächlich mit: „ja“. Trotzdem scheinen erwachsen sein und sich fühlen wie ein Kind sich auszuschließen. Ist das wahr?

Ich befrage das Internet, zuerst natürlich Wikipedia und finde: „Als erwachsen werden Menschen nach Abschluss der Adoleszenz bezeichnet. Biologisches Synonym ist adult und bezieht sich auf die Geschlechtsreife. Allgemein geht man davon aus, dass der Erwachsene jene notwendigen Fähigkeiten und Kenntnisse erworben hat, die ihn befähigen, die für sein Leben und Fortkommen notwendigen Entscheidungen selbständig und eigenverantwortlich zu treffen. Neben dem Datum der Mündigkeit, als zentrales Abgrenzungsmittel von Kindern und Erwachsenen, stellt auch die Sexualität eine wichtige Demarkationslinie zwischen diesen beiden Lebensphasen dar. Zu den bedeutsamsten Kriterien, mit denen man das Erwachsensein identifiziert, gehört die Reife.“

Was ist also Reife? Unter dem Stichwort ‚Erwachsensein‘ finde ich dann im Internet von Prof. Dr. Rolf Arnold, der Berufs- und Erwachsenenpädagogik an der Technischen Universität Kaiserslautern lehrt, das Folgende: „Erwachsensein bezeichnet im allgemeinen Verständnis das Zusammentreffen biologischer und sozialer Reifungsabschlüsse: Neben dem Eintritt der Geschlechtsreife ist es der Eintritt in eine selbstverantwortliche Lebensführung, die in vielen Gesellschaften ihren Ausdruck in dem Abschluss einer beruflichen Ausbildung und dem Erreichen der vollen Geschäftsfähigkeit, der Gründung einer Familie oder Lebensgemeinschaft bzw. der Eintritt in die generationale Folge sowie der strafrechtlichen Schuldfähigkeit und der Verantwortungsreife (ab dem 18. Lebensjahr) findet. Menschen werden nicht nur groß, sie absolvieren auch eine innerliche Reise, in der Muster aufgefächert oder überwunden werden und Kompetenzen einer ebenso reflexiven wie souveränen Lebensgestaltung reifen können. Diese Bewegung gelingt aber nicht allen Menschen: Einige werden zwar groß, bleiben aber innerlich klein, d.h. gefangen in den kindlichen Formen der Schulddelegation und Verantwortungsvermeidung.“

Aha, man kann also als erwachsener Mensch innerlich klein bleiben. Das ist der erste Hinweis auf eine Widersprüchlichkeit. Was also sind die Kriterien für das Erwachsensein? Bin ich selbst erwachsen? Die Adoleszenz ist ja wohl abgeschlossen. Das Datum der Mündigkeit ist jedenfalls erreicht. Aber dann die Frage der Reife – woran wird sie gemessen?

Hierzu finde ich im Internet eine Definition des Psychologen Jeffrey Arnett:

Übernimmst du für dich selbst und dein Tun Verantwortung?

Triffst du deine eigenen Entscheidungen?

Bist du finanziell unabhängig?

Dazu auch Eugen Epp, Redakteur Social Media: „Erwachsenwerden, hat jemand mal gesagt, sei wie ein Film von Quentin Tarantino. Erst ist alles ganz cool, es wird viel geflucht, dann wird es sehr kompliziert und am Ende sind alle tot. Als Kind wollte ich immer gern erwachsen werden, weil man dann alles selbst bestimmen kann und lange aufbleiben, auch abends Fußball gucken und so viel Chips, wie man will, essen kann. Als Jugendlicher wollte ich auch gern erwachsen sein, weil ich dachte, dass dann wahrscheinlich alles einfacher ist und man endlich kapiert hat, wie die Welt funktioniert und wie man das überhaupt alles macht.

Und jetzt? Als (laut Geburtsurkunde) Erwachsener bleibe ich tatsächlich lange auf und schaue abends nicht nur Fußball, sondern einfach alles, was ich will, nur Chips esse ich fast gar nicht mehr, weil ich dann noch weniger so aussehen würde, wie mir gesagt wird, dass ich aussehen sollte. Kapiert habe ich sowieso wenig, fast nichts. Ich bin ein Erwachsener, der sich nicht wie ein Erwachsener fühlt. Aus dem Erwachsen-werden-wollen wird ein Erwachsen-sein-müssen.

Wann ist man denn also endlich erwachsen? Beim Auszug? Mit Spülmaschine? Der ersten eigenen Wohnung? Oder erst mit dem ersten Kind? Oder wenn man anfängt, erwachsene Dinge zu tun, wie früh ins Bett zu gehen, auf die Ernährung zu achten und seinen Urlaub ein Jahr im Voraus zu planen? Wenn ich Ältere danach frage, sagen die einen ‚nie‘, die anderen ‚mit 30‘, die meisten wissen es nicht, und wieder andere denken wahrscheinlich, dass man solche Fragen mit 28 nicht mehr stellen sollte, auch wenn sie es nicht sagen.“

Diese Texte können als Spiegel des Bewusstseinszustandes der Menschen dienen, die als erwachsen gelten und glauben, Erwachsensein sei eine Angelegenheit körperlichen Wachstums und äußeren Verhaltens. Erste Ansätze zu geistigen Dimensionen von Reife finden wir bei Wilfried Nelles. Er sieht das Erwachsensein „als einen Zustand der inneren Präsenz: In Kontakt sein mit dem, was das Leben mir jetzt bringt. In Kontakt sein mit dem, wie ich jetzt bin, unabhängig davon, wie ich sein möchte. Einfach mit dem, was ist, in Verbindung sein. Das heißt, ich muss mich von dem trennen, was ich möchte. Ich muss den Fokus verschieben von dem, wie ich das Leben gern hätte, darauf, was gerade ist.“

Es ist also zu unterscheiden zwischen äußeren und inneren Kriterien, nämlich der geistigen Reife eines Menschen. Ich nenne jetzt einmal alle Menschen erwachsen, die das Datum der Mündigkeit erreicht haben und körperlich als Erwachsene erkennbar sind. Wenn man als sogenannter Erwachsener mit einem anderen körperlich Erwachsenen in Kontakt tritt, geschieht etwas Seltsames. Einer oder sogar beide reagieren plötzlich kindlich, irgendwie der Situation nicht angemessen. Plötzlich sehen wir uns mit einem kindlich wirkenden Gefühlsausbruch konfrontiert, der zu entsprechenden kindlichen Verhaltensformen führt, z.B. Zornausbrüchen, Tränenfluten, Beschuldigungen, alle möglichen Formen der Abwehr oder Demonstration erlittenen Unrechts.

Das kann ja kein reifer Erwachsener sein. Dennoch ist es sehr weit verbreitet und wird oft gar nicht in Frage gestellt. Scheinbar intelligente Begründungen und Erklärungen werden benutzt, um diese Gefühlsausbrüche und die damit verbundenen Ausdrucksformen zu rechtfertigen und zu verteidigen. Und das klingt oft sehr vernünftig und nachvollziehbar. Diese Erwachsenen haben Probleme, deren Ursachen sie in äußeren Bedingungen sehen. Da sie die äußeren Bedingungen nicht nachhaltig ändern können, wiederholen sich die Probleme und werden immer mehr zu unlösbaren Problemen.

Der zeitgenössische Weisheitslehrer und spirituelle Meister OM C. Parkin bringt es auf den Punkt: „Die Evolution hat den Menschen entwicklungspsychologisch bis zum Mentalzentrum geführt, aber die Entfaltung der drei Intelligenzzentren ist unvollständig, sie wird durch Fixierungen, eingefrorene Energien, durch Traumata behindert. Die sogenannten Erwachsenen sind eigentlich Kinder in einem erwachsenen Körper. Sie werden von frühkindlichen Trieben und infantiler Emotionalität beherrscht.“ Auszug aus einem Darshan*

Das ist ja eine heftige Aussage: sogenannte Erwachsene, beherrscht von frühkindlichen Trieben und infantiler Emotionalität. Mein Geist reagiert. Nein so will ich nicht sein. Aber ist es wahr? Lasse ich mich von frühkindlichen Trieben und infantiler Emotionalität beherrschen? Wenden wir uns doch einmal dem sogenannten Erwachsenen zu, dem Scheinerwachsenen. Woran erkennt man einen Scheinerwachsenen? Wie zeigt er sich? Er ist bemüht ein Bild von sich abzugeben, das einen guten Eindruck macht. Also gut sind Intelligenz, Schönheit, Tüchtigkeit, Gut-Sein usw. Für jeden steht da etwas anderes im Vordergrund. Je nachdem, was in der Familie hoch bewertet wurde, steht jetzt an vorderster Stelle der Bemühung, ein gutes Bild abzugeben. Also wie möchte ich erscheinen?

Alle Bemühungen zielen darauf ab, ein Jemand zu sein, der geschätzt, geachtet, anerkannt wird. Ich nehme eine Rolle ein. Das bin dann ich. – Und ja, ich muss es bestätigen: Ich will Jemand sein.

Und wenn es wahr ist, dass ich scheinerwachsen bin, also hauptsächlich körperlich erwachsen, wie werde ich nun wirklich erwachsen? Und was habe ich mit Kindlichkeit zu tun? Wenn ein Mensch mit derartigen Fragen kommt, freiwillig Gruppen zur Selbsterforschung aufsucht, und auch noch in der Lage ist, dafür das notwendige Geld aufzubringen, dann ist das gewiss ein erster Schritt ins erwachsene Menschsein.

Kapitel 3

Das Kind

Ehe ich mich dem sogenannten inneren Kind zuwende, möchte ich zwei Definitionen anführen, die ich im Internet gefunden habe. In einem Wörterbuch steht unter dem Stichwort Kind: Mensch, der sich noch im Lebensabschnitt der Kindheit befindet (etwa bis zum Eintritt der Geschlechtsreife), noch kein Jugendlicher ist; noch nicht erwachsener Mensch.

Die UN-Kinderrechtskonvention definiert in ihrem Artikel 1, welche Personen das Übereinkommen schützt, indem dort näher umschrieben wird, wer im Sinne des Übereinkommens als ‚Kind‘ anzusehen ist. Im Sinne dieses Übereinkommens ist ein Kind jeder Mensch, der das achtzehnte Lebensjahr noch nicht vollendet hat, soweit die Volljährigkeit nach dem auf das Kind anzuwendenden Recht nicht früher eintritt.

Bei den Äußerlichkeiten sind wir uns relativ einig: Das ist ein Kind, das ist kein Kind mehr.

Dann haben wir noch die Zwischenstufe, den Jugendlichen, der eben auch noch nicht erwachsen ist. Die äußeren Merkmale von Kind, Jugendlicher, Erwachsener sind offensichtlich. Es gibt da eine Entwicklung, die körperlich sichtbar ist, und mehr ist erst einmal dazu offenbar nicht zu sagen. Das ist nicht wirklich interessant. Interessant wird es erst, wenn wir uns für das Innere, das Geistige interessieren, für die Frage der geistig-seelischen Entwicklung.

Wie wird ein sogenannter Erwachsener (s. Kapitel 2) zu dem, was er ist, nämlich nicht erwachsen in einem erwachsenen Körper? Äußere Entwicklung geschieht ohne unser Zutun. Innere Entwicklung, die Entwicklung des Potenzials, geschieht nicht in dieser Weise von selbst. Es braucht Anstöße und Anregungen, was man Erziehung, Lernen nennt. Wie geschieht nun innere Entwicklung und was behindert sie?

Dazu Gerald Hüther (Prof. Dr., Neurobiologe/Hirnforscher) unter dem Titel: Eltern rauben Kindern wichtigste Erfahrung der Kindheit. Doch sie haben eine Sache falsch verstanden: Es ist nicht die Aufgabe der Eltern, den Geist eines Kindes zu formen. Ihre Aufgabe ist es, dem Kind die Möglichkeit zu bieten, seinen Geist eigenständig zu entwickeln; sich seine Welt selbst zu erschließen. Eltern, die ihren Kindern genau sagen, was sie tun sollen, wie sie spielen sollen und was sie wissen sollen, rauben ihnen den wichtigsten Aspekt ihrer Kindheit: Sie machen das Kind von einem Subjekt zu einem Objekt ihrer eigenen Bemühungen. „Solange Kinder sich als Subjekt die Welt erschließen, ist alles gut”, sagte Gerald Hüther im Gespräch mit FOCUS Online. Der Hirnforscher ist Autor des kürzlich erschienenen Buches ‚Rettet das Spiel!‘ (Hanser Verlag), in dem er gemeinsam mit Christoph Quarch dafür plädiert, Kindern wieder mehr Zeit für das freie Spiel einzuräumen.

„Kinder haben eine angeborene Entdeckerfreude – bis irgendwann jemand kommt und ihnen sagt, was sie jetzt machen sollen. Wie wir die Entwicklung unserer Kinder einschränken? Indem wir Kinder belehren und bewerten, ein bestimmtes Verhalten von ihnen erwarten und sie so zu formen versuchen, dass sie uns gefallen, engen wir sie in ihrer Vorstellungskraft und in ihrer Entwicklung ein. Anstatt ihnen den weiten und offenen Blick auf die Welt zu gewähren, der ihnen angeboren ist, schränken wir ihre Sichtweise bereits im Kleinkindalter ein und nehmen ihnen damit die Möglichkeit, viele Aspekte unserer Welt und auch ihrer eigenen Persönlichkeit überhaupt erst kennenzulernen.“ (Zitat Ende)*

Was wird also aus diesen Kindern? Sie werden Erwachsene, die etwas darstellen wollen, die jemand sein wollen: anerkannt, geachtet, respektiert, geliebt. Doch jedes Kind bringt neben seinem Potenzial auch eine bestimmte Anfälligkeit mit für einen Irrweg in seiner Entwicklung. Die offene Entdeckerfreude und Kreativität wandelt sich in die Anstrengung der Kompensation eines scheinbaren Minderwerts, den es bei sich zu entdecken glaubt. Und hinter der Fassade steckt dann ein ängstliches, trauriges, zorniges Kind, ein Kind, das sich eben nicht geliebt, nicht geschätzt, nicht anerkannt fühlt und an seinen eigenen Minderwert glaubt.

Wie es dazu kommt, dass das Kind sich so fühlt, ist sicher nicht in erster Linie den Eltern anzulasten, sondern einer angeborenen geistigen Haltung, durch die das Kind anfällig ist für bestimmte Abwehrstrategien gegen unangenehme leidvolle Erfahrungen. Über diese Veranlagung gibt uns das Enneagramm der Charakterfixierung Auskunft (s. in Kapitel 4 – Das fixierte Kind). Es spiegelt die egoischen Tendenzen des kindlichen Geistes, die uns die Welt und das Leben und uns selbst verzerrt wahrnehmen lassen und bestimmte Reaktionen auf äußere Situationen vorhersagbar sein lassen. Da diese Tendenzen nicht bewusst sind, drängen sie aus dem Unbewussten auf bestimmte Lebensgestaltungen, Fassadenbildung, Kompensation. Dazu kommen wir im zweiten Teil des Buches.

Kinder also als Opfer unzulänglicher Eltern? Haben die Eltern zu verantworten, dass Kinder sich nicht frei entfalten? Sollen wir die Kinder idealisieren und auf der Idee der Unschuld bestehen, oder sollen wir sie dämonisieren als eigenwillige Tyrannen? – Das Kind ist eben nicht nur Opfer, sondern in seiner Naivität und seinen kindlich-egoistischen Bestrebungen auch ein Täter.

Ein Kind, das bedeutet jedenfalls: kleiner Körper, großes Potenzial. In den ersten Lebensjahren bedeutet es allerdings auch, ausgeliefert zu sein an äußere Erwachsene, die wahrscheinlich auch noch nicht vollständig erwachsen sind (eben nur körperlich, also scheinerwachsen), aber eben größer und offensichtlich stärker sind als wir, und auch schon mehr Kompetenz und Wissen erworben haben. Das sind unsere ersten Lehrer. Und als Kinder wollen wir wissen, wir wollen uns orientieren in dieser unsicheren, weil undurchschaubaren Welt. Wir wollen glücklich sein. Wir erklären uns die Welt, das Leben, das Leiden. Schon als Kinder wollten wir verstehen: Warum kann ich nicht immer glücklich sein?

Ein ‚freies Kind‘ – hat es das je gegeben? Ja, es gab einmal ein Kind, das war noch nicht in der Lage, sich selbst zu definieren, es gab auch noch kein Über-Ich, es gab nur ein unschuldig-ahnungsloses Wesen, körperlich anwesend, emotional reagierend, aber noch nicht in der Lage, etwas mental zu reflektieren. Die Dinge geschahen einfach so, wie das Leben es wollte, wie Gott es wollte. Und es gab schon den Überlebenswillen des kindlichen Wesens. Der wollte wissen, was Leben ist. Es gab die Entdeckerfreude, das Staunen, es gab die körperlichen Sinne, die eine Welt vorgaukelten, die zu meiner Freude erschaffen sein sollte. Wozu sonst? Dieses Körper-Ich wollte wie ein Tier einfach ein glückliches Körper-Leben, angenehme Sinneseindrücke und ein Gefühl von Geborgen- und Geliebtsein. Und dann diese Einbrüche in die glücklichen Momente. Es hätte doch so schön sein können, wenn …

Die Empfänglichkeit für einen denkenden Geist, ein Ich, das die Welt erklärt und Zusammenhänge erschafft, reift. Die erste Intelligenzleistung! Ich kann mir die Welt erklären.

Das Über-Ich nistet sich ein in Form von Denkstrukturen, die das Kind auffängt, empfängt. Es beginnt zu lernen. Besser gesagt, es ahmt einfach nach. Was bleibt ihm denn auch übrig? Es kann noch nicht SEHEN, mit inneren Augen, mit einem Gespür für Realität an sich, für Wahrheit. Vielleicht ist da schon ein gewisses Gespür, aber diesem Gespür zu folgen erzeugt sofort Unannehmlichkeiten, Konflikt, Angst vor Ausgestoßenwerden. Aber das Dazugehören ist ja eine Voraussetzung für das Glück der Geborgenheit, der scheinbaren Sicherheit, der begrenzten Liebe. Also erscheint die Anpassung als die einzige Lösung.

Dazu ein Ausschnitt aus einem Darshan mit OM C. Parkin:

Schülerin: Ich beobachte seit längerer Zeit schon, wenn ich mit Dir in Kontakt bin, oder in Deiner Nähe bin, dass in mir eine Freude da ist, und dann kommt Angst dazwischen, also es ist eine Angst da, und die letzten Tage bin auf den Punkt gekommen, dass ich eine große Scham empfinde.

OM: Diese Scham, das ist ja wie in der Genesis, wie bei dem Fall aus dem Paradies, dieser Moment, als sie erkannten, dass sie nackt waren. Was ist das für ein Moment? Warum sollten sie sich schämen, dass sie nackt sind?

S: Es fühlt sich an, als ob da etwas nicht stimmt, etwas nicht stimmig ist.

OM: Was haben sie gemacht, was nicht stimmig ist?

S: Sie sind einer anderen Stimme gefolgt.

OM: Was hat die gesagt, diese andere Stimme? Was hat die gesprochen?

S: Wenn du herkommst, dann hast du das Glück.

OM: Sie hat dir Glück versprochen, diese andere Stimme?

S: Glück – und was mir jetzt kommt, ist, auch eine gewisse Macht.

OM: Eine Macht worüber?

S: Selber bestimmen zu können, in jedem Moment, wo ich ausweichen kann.

OM: Wie gefällt dir denn der Zustand, über die Liebe bestimmen zu können, du kannst sie dosieren, du kannst selbst bestimmen, wie viel möglich ist, wie viel erlaubt ist, du kannst ihr zur Not aus dem Wege gehen, und du bist Herr der Dinge, Herr der Liebe, wie findest du diesen Zustand?

S: Es erschreckt mich, das zu sehen und es bringt Verzweiflung in mir.

OM: Als die andere Stimme das erste Mal sprach, hat es dich nicht erschrocken, da hat es dich erfreut.

S: Ja.

OM: Und jede Form des Leidensweges beginnt eigentlich mit Naivität. Wir wussten nicht, was wir tun, und erst viel später, vielleicht viele Leben später, dämmerte uns, dass uns das ja gar nicht glücklicher gemacht hat, sondern, dass es genau das Gegenteil war, dass es sich um eine Täuschung handelt, dass es ein Blender war, der mir das angeboten hat – und ich bin darauf reingefallen. Leiden, menschliches Leiden beginnt immer mit Naivität, aber Naivität in diesem Gebrauch ist kein Zustand von Unschuld, es ist auch ein bewusst eingeleiteter Schlafzustand, ein Zustand des Wegschauens, ein Zustand des nicht wirklich Wissenwollens. Wenn da eine Stimme kommt, die sagt mir etwas, was ich hören wollte, die sagt mir genau das, was ich eigentlich auch so gerne hören wollte, dann ist da niemand, der die Wahrheit wirklich wissen will. Und jetzt bist du in den Zustand gekommen, wo du feststellst, dass dich eigentlich erschüttert, das zu sehen: diese Macht, dieser Machtanspruch über die Liebe, den dein Ich haben wollte. Und dass das Ganze unter dem Deckmantel geschah, glücklich zu sein.

So sieht es der Weise. Kann man das nun verurteilen, diese kindliche Naivität? Nein, nicht verurteilen, aber es öffnet eine neue Sicht auf die angebliche Unschuld des Kindes. Das Kind will etwas, das Kind ist naiver Täter, aber eben Täter. Das zu sehen ohne Beschuldigung ist der Weg des Forschers. Wir beginnen, mit eigenen inneren Augen zu sehen. Das ist der innere Weg.

*Quelle: https://www.focus.de/intern/impressum/autoren/gina-louisa-metzler_d_3757547.html

Kapitel 4

Das Konzept vom ‚Inneren Kind‘

Die Kindheit ist eindeutig beendet. Der äußerlich Erwachsene ist aber noch nicht vollständig erwachsen. Oft fühlt sich der Erwachsene wie ein Kind und reagiert dann auch entsprechend. Da scheint etwas nicht ganz mitgekommen zu sein – innerlich. Da ist noch etwas zurückgeblieben. Da ist die Entwicklung noch nicht weitergegangen. Man spricht dann vielleicht von mangelnder Reife. Irgendwie sind wir in kindlichen Zuständen hängengeblieben, in die wir in kritischen Situationen zurückfallen, was man mit dem Begriff Regression bezeichnet. Wir müssen also bewusst nochmal zurückgehen, zurück in die Kinderwelt. Zurück zu dem Kind, das ich einmal war. Da wir ja keine Kinder mehr sind, sprechen wir von einem inneren Kind und meinen damit die Überreste der Vergangenheit. Was ist ein inneres Kind?

Wir schauen dazu wieder ins Internet (Wikipedia):

„Das Innere Kind gehört zu einer modellhaften Betrachtungsweise innerer Erlebniswelten, die durch Bücher von John Bradshaw sowie Erika Chopich und Margaret Paul bekannt wurden. Es bezeichnet und symbolisiert die im Gehirn gespeicherten Gefühle, Erinnerungen und Erfahrungen aus der eigenen Kindheit.“

Fast alle Therapeuten, die sich mit dem inneren Kind befassen, erstreben eine Heilung des inneren Kindes. Aber es gibt ja gar kein Kind mehr, und das ‚Innere Kind‘ ist ein Konzept, um etwas sichtbar und verständlich zu machen, was uns möglicherweise am Erwachsensein hindert. Wie kann etwas geheilt werden, was es gar nicht gibt?

Es geht aber tatsächlich um Heilung, und es geht tatsächlich darum, dieses Konzept zu nutzen für Heilung. Aber was wird wirklich geheilt? Um Heilung zu erzielen, müssen wir die Krankheit kennen. Das ‚Innere Kind‘ ist ein Konzept und also nicht krank. Aber was ist die Krankheit, das Leiden, das uns zu diesem Konzept führt? Und wie hilfreich ist dieses Konzept denn?

Wenn ein Mensch in zu einem Psychotherapeuten geht, dann hofft er auf Leidensminderung oder Beseitigung von Leiden. Er ist unglücklich und möchte glücklich sein. Und in der Arbeit mit dem ‚Inneren Kind‘, so wie es angeboten wird, geht es oft darum, aus einem unglücklichen inneren Kind ein glückliches zu machen, indem sich ein liebevoller Erwachsener um dieses Kind kümmert. Vergangenheitsbewältigung könnte man es nennen. Ja, es hat einmal ein Kind gegeben, das sich zu einem Erwachsenen entwickelt hat. Körperlich zumindest. Aber die Vergangenheit ist ja Vergangenheit. Wie nun spielt Vergangenheit leidenserzeugend in die Gegenwart hinein? Was genau geht da im Inneren eines Menschen eigentlich vor?

Um zu verstehen, warum Menschen zwar äußerlich erwachsen, aber innerlich offensichtlich kindlich geblieben sind, müssen wir die Geschichte des äußeren Lebensweges bis zum Erwachsenwerden betrachten. Also die Kindheitsgeschichte: Ich und mein Leben als Kind. ‚Kindheitsmuster‘ nennt Christa Wolf sehr treffend diese Erinnerungen und beschreibt ihre Kindheit aus der Sicht des Erwachsenen, in Resonanz mit den kindlichen Gefühlen und Sichtweisen.*

Wer sich vor Augen führen möchte, wie ein Kind sich die Welt und leidvolle Erfahrungen erklärt, sollte das Buch von Marlen Haushofer ‚Himmel der nirgendwo endet‘ lesen. Hier wird die Kinderwelt, wo sich Tatsachen und Phantasie vermischen, in sehr berührender Weise geschildert.**

Jedes Kind erschafft sich eine eigene innere Welt. Es ist darin zunächst ganz und gar unschuldig, es versteht nicht, was es da tut. Dennoch gibt es eine Täterschaft, die Konsequenzen hat. Diese Konsequenzen können wir erst sehr viel später als Folge eigenen Tuns erkennen und Verantwortung übernehmen. Das Kind kann sich jedoch noch als unwissend zeigen, obwohl die Fähigkeit des Hinterfragens schon vorhanden ist. Das nennt man dann Naivität, eine Haltung, die vorgibt, nichts zu wissen und damit das unschuldige Kind imitiert. Wir erzählen also eine Geschichte, in der unser Leiden eine Begründung findet, eine Psycho-Logik. Das Ergebnis ist dann für den Erwachsenen: „Weil es damals so war, kann ich heute nicht glücklich sein“. Eine Geschichte dokumentiert Vergangenes. Aber war das wirklich so? Ist die Geschichte wahr? Und wenn ja, warum wirkt sie noch so stark? Wie kann eine Geschichte Leiden erzeugen?

Das sind Fragen, die sich nur beantworten lassen, wenn wir erforschen, wie Geschichten zustande kommen. Geschichte und Geschichten – vielleicht gibt es da einen Unterschied? History und story? Vielleicht spiegelt die Geschichte ja eine objektive Wahrnehmung, die sich auf Fakten bezieht (das wäre die History), aber dann verzerrt wird durch Interpretationen und Annahmen, die nie überprüft wurden (das ist dann die Story). In einer Geschichte ist alles möglich. Es gibt schöne Geschichten, es gibt Leidensgeschichten, es gibt langweilige Geschichten, spannende Geschichten, und es gibt in den Geschichten verschiedene Figuren. Mit allen möglichen Merkmalen. In den Geschichten, die wir uns selbst erzählen, ist es immer die Geschichte eines ‚Ich‘ und seines Erlebens. Da die Geschichte ja der Vergangenheit angehört, dürfte das Erzählen von Geschichten kein Problem sein. Sie werden erzählt und können dann wieder versinken. Sie haben keine besondere Bedeutung. Aber es ist ja ‚meine‘ Geschichte. Dadurch bekommt sie eine ganz besondere Bedeutung.

Die Geschichte des inneren Kindes, bestehend aus im Gehirn gespeicherten Erinnerungen, ist also gefärbt. Da vermischen sich Tatsachen mit Bewertungen, Interpretationen, Annahmen und Erklärungen. Als Kind haben wir Erfahrungen gemacht, die uns mehr oder weniger angenehm waren, und die unangenehmen Erfahrungen, die wir Traumata nennen, die werden am intensivsten gespeichert, mitsamt den dazugehörigen unangenehmen Gefühlen. Auch das wäre ja noch kein Problem, wenn wir uns einfach erinnern und fühlen. Erinnerungen kommen und gehen, Gefühle kommen und gehen auch. Und genau diese Gefühle sind es, die scheinbar nicht gehen wollen, die immer wieder auftauchen und uns erinnern: da ist etwas noch nicht beendet.

Aber die Geschichte ist doch vorbei? Wir sind doch gar keine Kinder mehr. Das ist wahr. Aber wir fühlen uns immer wieder wie Kinder. Da muss nur eine Situation auftauchen, die uns erinnert an unsere unterlegene Kind-Position, und schon stecken wir fest. Wir reagieren wie Kinder, die sich gegen die erfahrene und reale Unterlegenheit wehren, die ihre Position verbessern wollen durch irgendeine Form äußerer oder innerer Abwehr. Schon als Kinder wollten wir uns nicht ausgeliefert und hilflos fühlen. Wir wollten ein schönes, ein angenehmes, ein glückliches Leben. Ein Leben, das unangenehme Gefühle wie Schmerz, Angst, Ohnmacht ausspart und uns stattdessen beglückt mit Liebesbezeugungen, Macht und Sicherheit. ‚Ich‘ will glücklich sein! Aber so ist das Leben nicht, nie gewesen und immer noch nicht. Das ‚Ich‘, diese kindliche Sicht auf das Leben, spricht: Nie wieder möchte ‚ich‘ dem Leben einfach so ausgeliefert sein, nie wieder klein, schwach und verletzbar. ‚Ich‘ will so schnell wie möglich groß, stark und unabhängig werden!! Ich will ein glückliches Leben! Ich habe ein Recht darauf.