Schuldlos schuldig geworden - Patricia Vandenberg - E-Book

Schuldlos schuldig geworden E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Die Serie von Patricia Vandenberg befindet sich inzwischen in der zweiten Autoren- und auch Arztgeneration. »Was ist das bloß für ein Sommer?« sagte Dorthe Harling kopfschüttelnd, denn schon wieder peitschte der Regen an die Fensterscheiben. Auch für die Ärzte waren die letzten Wochen problematisch geworden, denn das ständig wechselnde Wetter rief die unterschiedlichsten Reaktionen hervor. Manche Patienten kamen mit Darm- und Magenbeschwerden, andere mit Kopf- und Halsschmerzen, und darauf folgte dann meist ein heftiger Schnupfen. Feuchtschwüle, tropische Luftverhältnisse wechselten nach heftigen Gewittern in empfindliche Kühle. Man wußte schon gar nicht mehr, wie man sich anziehen sollte. Und wie das Wetter, so wechselten auch die Stimmungen, davon konnte man auch in Dr. Nordens Praxis ein Liedchen singen. Die Menschen waren hektisch, die Unfälle häuften sich, und es geschah öfter, daß Dr. Norden aus der Praxis zu einem Unfall gerufen wurde, wenn der sich in der Nähe abspielte. So auch an diesem Tag. Vier Patienten hatte er versorgt, als Dorthe den Anruf annahm. Dringend wurde um Hilfe gebeten, da der Notarzt auch im Einsatz war. Dr. Norden war schnell bei der Unfallstelle. Ein Radler war angefahren und schwer verletzt worden. Der Unfallverursacher hatte Fahrerflucht begangen. Es passierte in letzter Zeit immer häufiger, und Fee Norden bezeichnete es schon mehrmals drastisch als Zeichen der Verrohung. Das Unfallopfer war etwa fünfunddreißig Jahre alt, sportlich gekleidet in weißen Shorts und Polohemd. Ein gutaussehender junger Mann, der schnellstens in die Klinik gebracht werden mußte.

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Seitenzahl: 122

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Dr. Norden Bestseller – 365 –Schuldlos schuldig geworden

Patricia Vandenberg

»Was ist das bloß für ein Sommer?« sagte Dorthe Harling kopfschüttelnd, denn schon wieder peitschte der Regen an die Fensterscheiben.

Auch für die Ärzte waren die letzten Wochen problematisch geworden, denn das ständig wechselnde Wetter rief die unterschiedlichsten Reaktionen hervor. Manche Patienten kamen mit Darm- und Magenbeschwerden, andere mit Kopf- und Halsschmerzen, und darauf folgte dann meist ein heftiger Schnupfen. Feuchtschwüle, tropische Luftverhältnisse wechselten nach heftigen Gewittern in empfindliche Kühle. Man wußte schon gar nicht mehr, wie man sich anziehen sollte. Und wie das Wetter, so wechselten auch die Stimmungen, davon konnte man auch in Dr. Nordens Praxis ein Liedchen singen.

Die Menschen waren hektisch, die Unfälle häuften sich, und es geschah öfter, daß Dr. Norden aus der Praxis zu einem Unfall gerufen wurde, wenn der sich in der Nähe abspielte.

So auch an diesem Tag. Vier Patienten hatte er versorgt, als Dorthe den Anruf annahm. Dringend wurde um Hilfe gebeten, da der Notarzt auch im Einsatz war.

Dr. Norden war schnell bei der Unfallstelle. Ein Radler war angefahren und schwer verletzt worden. Der Unfallverursacher hatte Fahrerflucht begangen. Es passierte in letzter Zeit immer häufiger, und Fee Norden bezeichnete es schon mehrmals drastisch als Zeichen der Verrohung.

Das Unfallopfer war etwa fünfunddreißig Jahre alt, sportlich gekleidet in weißen Shorts und Polohemd. Ein gutaussehender junger Mann, der schnellstens in die Klinik gebracht werden mußte. Brüche wies er seltsamerweise nicht auf, aber Dr. Norden vermutete eine beträchtliche Gehirnerschütterung und möglicherweise innere Verletzungen. Die äußeren Wunden hatten stark geblutet. Dr. Norden konnte nur Erste Hilfe leisten, aber nun kam der angeforderte Sanitätswagen, und der Patient wurde in die Behnisch-Klinik gebracht.

Dr. Norden mußte zurück in seine Praxis, denn dort warteten noch zehn Patienten.

»Was war denn wieder?« fragte Dorthe, als er kam. Sie war auch ganz schön gestreßt, denn Franzi hatte Urlaub, nachdem auch sie von der Sommergrippe arg erwischt worden war und sich erholen mußte. Zeitweise war sogar Fee Norden in der Praxis eingesprungen, wenn es turbulent zuging.

»Ein Radler ist angefahren worden«, erwiderte Daniel Norden.

»Schlimm?«

»Nicht gerade einfach. Wieder mal liegt Fahrerflucht vor.«

»Die gehören wirklich eingesperrt, vielleicht würden sie dann mal vorsichtiger werden«, murmelte Dorthe, aber nun ging es zügig weiter in der Praxis. Wenn auch die meisten Patienten Verständnis hatten für Notfälle, so wollten sie doch nicht ewig warten.

Inzwischen wurde der junge Patient in der Behnisch-Klinik versorgt. Er hatte eine schwere Gehirnerschütterung, eine Platzwunde am Hinterkopf, mehrere Fleischwunden und Blutergüsse, wie auch Abschürfungen. Innere Verletzungen, von zwei eingedrückten Rippen abgesehen, konnten nicht diagnostiziert werden, jedoch bestand die Gefahr innerer Blutungen auch jetzt noch.

Papiere hatte er nicht bei sich. Anscheinend war er zum Vergnügen geradelt, wollte vielleicht zu einer Sportstätte fahren, möglicherweise zum Tennisplatz, denn Dr. Behnisch stellte fest, daß er einen ausgeprägten Tennisarm hatte.

Nun, die Polizei wußte ja Bescheid, und sicher würde sich jemand melden, wenn er vermißt wurde. Außerdem sollte die Nachricht von dem Unfall auch per Rundfunk verbreitet werden.

Von dem flüchtigen Fahrer wußte man bisher nichts. Ihn und sein Auto, das widersprüchlich als Cabrio oder Coupé bezeichnet wurde, anscheinend graublau, hatte man bisher nicht gefunden.

Die Kennzeichen hatte sich niemand der bisher festgestellten Augenzeugen gemerkt. Es sei alles so schnell gegangen, erklärten sie übereinstimmend.

Aber als die Meldung durch den Rundfunk gebracht wurde, wurden auch weitere Zeugen ersucht, sich zu melden.

Die Meldung kam nach den Mittagsnachrichten. Fee Norden hörte sie mit Lenni in der Küche. Die Zwillinge spielten im Kinderzimmer, die Schulkinder waren noch nicht zu Hause.

»Wenn es mit dem Wetter so weitergeht, werden sie mit unserem Bau bestimmt nicht vor Weihnachten fertig«, hatte Fee gerade gesagt.

»Sie trietscheln aber auch ganz schrecklich herum«, meinte Lenni nun.

So ein Neubau zog sich in die Länge, das mußten die Nordens jetzt auch erfahren, und viel Ärger gab es auch. Aber da mußten sie nun auch hindurch.

Danny, Felix und Anneka kamen anmarschiert. Sie waren ganz schön naß geworden, aber sie hatten wenigstens ihre Regenjacken doch mitgenommen, obwohl sie am Morgen zuerst gemurrt hatten.

»Mistwetter«, knurrte Danny. »Und die Lehrer haben eine Laune, daß es zum Himmel stinkt.«

Drastische Ausdrücke waren an der Tagesordnung, man nahm davon keine Notiz mehr. So redeten eben alle, warum sollten die Norden-Kinder da eine Ausnahme machen.

Von Anneka bekam Fee einen feuchten Kuß, die Buben schleuderten erst die Regenjacken in die Ecke.

»Das nasse Zeug wird aufgehängt«, sagte Fee ruhig.

Sie folgten sofort. Fee blieb immer gelassen, weil sie herausgefunden hatte, daß das eine größere Wirkung hatte, als wenn sie schimpfte. Dann bekam sie auch von jedem einen Kuß.

»Papi kommt wohl wieder mal später«, meinte Danny.

Aber da kam er schon und wurde liebevoll von allen begrüßt.

Die Zwillinge kamen gleich die Treppe heruntergerutscht, das ging bei ihnen rascher, als wenn sie Stufe für Stufe laufen mußten.

»Papi, Papi«, tönte es durch das Haus, und was machte ihn glücklicher, als mit seinen Lieben beisammen zu sein.

»Was war denn das wieder für ein Unfall, Papi?« fragte Danny. »Die Polizei hat alle Autos kontrolliert, als wir aus der Schule kamen.«

»Ein Radfahrer ist angefahren worden, ich wurde gerufen.«

»Und der Schuldige beging Fahrerflucht«, warf Fee ein. »Ich habe es vorhin im Radio gehört. Ist er schwer verletzt, Daniel?«

»Ziemlich. Er wird von Dieter noch weiter untersucht. Aber es ist ein kräftiger junger Mann, der anscheinend allerhand aushalten kann.«

»Die rasen ja auch manchmal, daß es einem schlecht werden kann«, sagte Daniel. »Auch bei der Schule, obgleich die Schilder da stehen.«

»Kinder haben sie auch auf dem Gehsteig umgefahren, hat unsere Lehrerin erzählt«, sagte Anneka. »Nicht bei uns, aber in einer anderen Stadt. Sie kamen vom Wandertag. Die Mamis werden weinen.«

Ihr standen auch Tränen in den Augen. Sie hatte ein so weiches Herzchen.

»Auf Wandertagen passiert viel«, meinte Felix. »Das wissen wir ja. Ich bleibe das nächste Mal wieder zu Hause.«

»Das ist doch auch blöd«, sagte Danny. »Es fällt auf, Felix. Du bist bloß zu faul zum Laufen.«

»Jetzt kommen bald Ferien, und da wird viel gewandert«, erklärte Daniel.

»Fahren wir gar nicht weg?« fragte Danny.

»Höchstens ein paar Tage. Wir müssen nämlich da sein, damit es mit dem Haus weitergeht«, erklärte Fee.

»Ist schon wieder was Unangenehmes im Busch?« fragte Daniel.

»Nein, aber das Wetter hält alles auf.«

»Ach was, die sollen nicht so ein Theater machen, das Dach ist doch drauf.«

»Aber man muß dauernd hinterher sein. Jetzt fangen sie da auch mit dem Kabelfernsehen an.«

»Brauchen wir nicht«, winkte Daniel ab.

»Aber es ist besser als die Antennen auf den Dächern«, meinte Fee.

»So gesehen hast du natürlich auch wieder recht«, erwiderte Daniel.

»Mami hat immer recht«, sagte Anneka.

»Mami recht hat«, echoten die Zwillinge.

»Ich habe anscheinend gar nichts mehr zu sagen«, tat Daniel beleidigt.

»Du bist doch der Herr im Hause«, stellte Danny im Brustton der Überzeugung fest.

»Aber was Mami sagt, wird gemacht«, meinte Anneka schelmisch.

Daniel lachte. »Ist ja auch richtig so.«

Er konnte sich nicht lange aufhalten, denn er hatte zwei Patienten schon zu vierzehn Uhr bestellt, die am Vormittag nicht so lange warten konnten.

Fee begleitete ihn hinaus. »Fahr vorsichtig, mein Schatz.«

»Da kannst du sicher sein. Es fahren genug Verrückte herum. Man kann nur staunen, daß nicht noch mehr passiert.«

»Ich bin froh, wenn die Praxis dann näher ist«, meinte Fee. Er bekam noch einen Kuß, dann fuhr er.

*

Ein paar Straßen weiter stand Annelore Jansen am Fenster ihres hübschen Wohnzimmers und blickte auf die Straße.

»Wo Stefan nur bleibt«, murmelte sie. »Er wollte doch um zwölf Uhr zurück sein.«

»Fangen wir doch mit dem Essen an, Mutsch«, sagte ihre Tochter Carolin. »Er wird schon kommen. Auch Männer verschwatzen sich manchmal.«

Carolin stellte das Radio an. Sie setzten sich an den Tisch, der einladend gedeckt war.

»Ich muß bald weg, Mutsch«, sagte sie mahnend.

»Gut, fangen wir an, aber es ist nicht seine Art, uns warten zu lassen.«

»Er hat Urlaub, da möchte er wohl auch mal seine Freiheit haben. Mutsch, dein Sohn ist zweiunddreißig Jahre.«

Carolin war zehn Jahre jünger, ein Nachkömmling, und sie war von allen verhätschelt worden, auch von ihrem großen Bruder. Sie war trotzdem eine tüchtige junge Frau geworden. Sie war Innenarchitektin und arbeitete mit dem bekannten Architekten Sebastian Tann zusammen, der sein Atelier in der Nähe hatte. So kam Carolin mittags meist nach Hause.

Plötzlich horchten beide auf und hielten den Atem an, denn wieder wurde die Meldung von dem Unfall durchgegeben. »Der Verletzte ist dreißig bis fünfunddreißig Jahre alt. Er trug keine Papiere bei sich. Er ist ein Meter achtzig groß, hat braunes Haar und graue Augen. Er trug…«

»Stefan«, schrie Annelore Jansen auf. »Es ist Stefan, oh, mein Gott!«

»Mutsch, er lebt. Wir werden uns gleich erkundigen. Bitte, reg dich doch nicht so auf. Denk an dein Herz.«

»Ich habe es nie gern gesehen, wenn er mit dem Rad fährt bei dem Verkehr«, flüsterte Annelore. »Bitte, ruf an, in welcher Klinik er liegt. Ich kann jetzt nicht.«

»Ich mache das schon. Ich sage auch Sebastian Bescheid. Er wird es verstehen, daß ich später komme.«

Carolin rief die Nummer der Polizeidienststelle, die sie sich geistesgegenwärtig gleich gemerkt hatte. Sie hatte ein gutes Gedächtnis.

Sie sagte, daß sie vermute, daß es sich bei dem Verletzten um ihren Bruder handele, und in welcher Klinik er läge. Es wurde ihr bereitwillig gesagt. Man war ja erleichtert, wenn man sofort erfuhr, um wen es sich handelte.

»Behnisch-Klinik«, sagte Carolin zu ihrer Mutter, »wir fahren gleich hin.«

»Wir müssen ihm Sachen mitnehmen, und die Klinikkarte, Carry.« Annelore zeigte, daß sie nicht gleich ganz die Nerven verlor. Im Grunde war sie eine tapfere Frau. Sie hatte es bewiesen, als ihr Mann vor zwei Jahren gestorben war. Sie litt nur unter Herzrhythmusstörungen, und sie nahm sich auch alles sehr zu Herzen, wenn es um ihre Kinder ging, obgleich die nun erwachsen waren und gut auf eigenen Füßen stehen konnten. Stefan war Redakteur in einem großen Zeitschriftenverlag und hatte alle Chancen, bald Chefredakteur zu werden, und Carolin verdiente auch ihr gutes Geld. Beide hingen an der Mutter, beide hatten noch keinen festen Partner, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.

Sie fuhren nun mit Carolins Wagen zur Klinik. »Ich verstehe nicht, warum er diese belebte Straße fuhr«, sagte Annelore nachdenklich. »Er wollte doch zum Tennisplatz.«

Carolin machte sich allerdings auch Gedanken, warum er es sich anders überlegt haben könnte. Er fuhr doch sonst nicht in Shorts durch belebte Straßen.

»Ich darf mir gar nicht vorstellen, daß es noch schlimmer hätte sein können«, sagte Annelore bebend.

»Dann stell es dir nicht vor, Mutsch. Wir sind gleich da. Gut, daß Stefan in diese Klinik gebracht wurde, sie hat einen sehr guten Ruf, und wir haben es auch nicht weit.«

Sie spürte, wie ihre Mutter zitterte, und sie umschloß ihren Arm mit festem Griff. Aber auch ihre Stimme wollte ihr nicht gehorchen, als sie nach dem Chefarzt verlangte.

»In welcher Angelegenheit?« fragte die Krankenschwester. Es war Schwester Elsie, die noch nicht lange an der Behnisch-Klinik war und alles wirklich sehr genau nahm.

Carolin nannte ihren Namen und ihr Anliegen, und Schwester Elsies Miene wurde freundlich und mitfühlend.

»Der Patient befindet sich noch im Untersuchungsraum«, erklärte sie. »Frau Dr. Behnisch wird Sie informieren, wenn es sich wirklich um Ihren Sohn und Bruder handelt.«

Sie wurden zum Warteraum geführt, und wenige Minuten später erschien Dr. Jenny Behnisch.

Carolin erklärte ihr, daß sie die Nachrichten gehört und sich dann mit der Polizei in Verbindung gesetzt hätten. Deshalb wären sie nun hier.

»Mein Bruder wollte zum Tennisplatz fahren. Wir können uns nicht erklären, warum er diese belebte Straße fuhr.«

»Das wird wohl nur er selbst erklären können, aber wenn die Bekleidung stimmt, wird es sich um Ihren Sohn und Bruder handeln. Sie können ihn sehen, bevor wir uns weiter unterhalten.«

Annelore konnte nur mühsam die Tränen zurückhalten, als sie Stefan liegen sah. »Er lebt, Mutsch, das allein zählt. Mit allem anderen werden wir schon fertig«, sagte Carolin.

»Mein Junge, mein lieber Junge«, flüsterte Annelore. »Er hat mir doch nie Sorgen bereitet.«

»Es besteht keine Lebensgefahr, Frau Jansen«, erklärte Jenny Behnisch. »Wir müssen ihn jetzt noch ein paar Stunden beobachten, dann wird er in ein Zimmer gebracht.«

»Bitte, in ein Einzelzimmer, wenn es möglich ist. Er ist so heikel. Er war noch nie in einer Klinik, auch als Kind nicht. Er hat alle Kinderkrankheiten spielend hinter sich gebracht.«

»Deshalb ist er auch jetzt so widerstandsfähig«, sagte Jenny Behnisch. »Seine Konstitution ist ausgezeichnet.«

Carolin blickte auf die Uhr. »Mutsch, du wirst sowieso noch bleiben«, sagte sie. »Du kannst die Formalitäten erledigen. Ich muß noch zu meinem Termin, es ist wichtig. Ich komme dann abends wieder her.«

Annelore nickte, und Carolin wandte sich an Jenny Behnisch. »Vielleicht können Sie meiner Mutter etwas Herzstärkendes geben, Frau Doktor. Ich wäre Ihnen dankbar. Sie hat sich sehr aufgeregt.«

»Ich werde mich auch darum kümmern«, erwiderte Jenny freundlich.

»Dann auf Wiedersehen!« Carolin drückte ihrer Mutter noch einen Kuß auf die Wange, dann eilte sie schnell davon.

»Meine Tochter ist Innenarchitektin und hat viel zu tun«, erklärte Annelore. »Es kam ja auch zu plötzlich. Wer denkt denn, daß so etwas passieren kann. Ich habe mich nur gewundert, daß Stefan nicht pünktlich zum Essen kam, er ist immer sehr zuverlässig.«

»Ihr Sohn ist auch berufstätig?« fragte Jenny.

»Natürlich. Er hat nur gerade Urlaub und wollte nächste Woche eigentlich noch wegfahren. Er ist Redakteur. Ich habe auch die Krankenhausscheckkarte von der Versicherung mitgebracht und seine Sachen, die er braucht. Bitte, versorgen Sie ihn gut, Frau Doktor. Ich bin ja schon erleichtert, daß er nicht in einem großen, unpersönlichen Krankenhaus liegt. Das wäre für ihn besonders schlimm, wenn er aufwacht.«

Jenny Behnisch kannte solche Mütter. Sie kannte aber auch andere. Gerade erst kürzlich hatte sie eine kennengelernt, die sich nur beklagt hatte, was für Scherereien sie wegen des Unfalles ihres Sohnes hätte, dabei war der auch nicht an seinem Unglück schuld gewesen und hatte folgenschwere Verletzungen davongetragen. Der hätte solche Mutter wie Annelore Jansen brauchen können. Sie war richtig froh, daß an diesem Tag ein Einbettzimmer frei wurde, damit auch dieser Wunsch der besorgten Mutter erfüllt werden konnte.

Annelore blieb in der Klinik und wartete, daß Stefan erwachen würde, aber darauf sollte sie noch lange warten müssen. Nachmittags wurde er in ein helles Zimmer verlegt, in das die Sonne hineinschien, die nun endlich einmal wieder hervorgekommen war.

Die nette Schwester Elsie hatte Annelore etwas zum Lesen gebracht, aber sie konnte sich nicht konzentrieren. Sie saß mit gefalteten Händen am Bett und ließ Stefan nicht aus den Augen.

*

Carolin war von Sebastian Tann schon ungeduldig erwartet worden.

»Was ist denn eigentlich passiert?« fragte er hastig.