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München, Dezember 1973. Vier Filmleute finden sich zusammen, um irgendwo in der Dritten Welt einen ehrlichen, nichtkommerziellen Fernsehfilm zu drehen: die Aufnahmeleiterin einer Werbeagentur und ihr sehr viel älterer, vitaler Chef, ein Soziologiestudent — Fabrikantensohn mit linken Neigungen — und ein Regisseur, Krimi-Routinier von Ende Vierzig, der sieben Jahre zuvor die DDR verlassen hat. Sie alle suchen das Wagnis oder wollen sogar ihr Leben ändern, ihm wieder einen Sinn geben, der im Glanz und Gedränge des BRD-Alltags, bei der Jagd nach Erfolg unmerklich verloren ging. Dies ist die Geschichte einer Filmproduktion, die als Ausbruch aus gesicherter Existenz beginnt: Aufbruch ins Unbekannte, ins Abenteuer. Jeder der vier hat sein eigenes Ziel — man will Freiheit, Selbstverwirklichung, Ruhm, Liebe oder einfach wieder Geld —, wie soll aus vier verschiedenen Träumen ein gemeinsames Filmwerk werden? Im Mittelpunkt steht der Regisseur Bernsdorff, den der Drang nach Wahrheit, nach freiem und wirksamem künstlerischen Ausdruck von einem Land ins andere treibt — bis über den Ozean, in eine fremde Welt, an den Rand physischer Vernichtung. Der Weg führt in eine gut getarnte Falle. In der Gefahr zerbricht sein Team, doch außer ihm hält noch jemand — wenn auch anders als er — der unerhörten Drohung stand. »Das letzte, was man verliert, ist immer die Hoffnung«, so schließt das Buch.
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Seitenzahl: 523
Veröffentlichungsjahr: 2012
Wolfgang Schreyer
Schwarzer Dezember
Roman
ISBN 978-3-86394-104-8 (E-Book)
Die Druckausgabe erschien 1977 beim Mitteldeutschen Verlag Halle/Saale
Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta
© 2012 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Alte Dorfstraße 2 b 19065 Godern Tel.: 03860-505 788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.ddrautoren.de
Aus dem Haus gehend, verhehlten wir nicht unsere Wertschätzung des scharfsinnigen Zensors. Er war weit tiefer in das Wesen unserer künstlerischen Absichten eingedrungen als unsere wohlwollendsten Kritiker. Er hatte uns ein kleines Kolleg über den Realismus gelesen. Vom Polizeistandpunkt aus.
Bertolt Brecht
An diesem Nachmittag im Spätherbst, am Steuer ihres Autos, fragte sich Undine Rauch, wie es nun weiterging. Der letzte Arbeitstag, sie konnte es nicht fassen. Ganz überraschend hatte der Chef erklärt, das Auftragsbuch sei leer, er löse die Firma zum Jahresende auf. Schockiert waren alle, sie war entsetzt gewesen. Man nahm das Schild von der Bürotür und löschte den Namen im Handelsregister, wie einfach. Die Mosaik-Werbefilm GmbH, in der sie es zur Aufnahmeleiterin gebracht hatte, verschwand von der Bildfläche. Zwölf Jahre, und dann aus, vorbei! Sehr väterlich, denn er mochte sie, hatte Fischer ihr das Gehalt bis März gezahlt: Zeit, sich etwas Neues zu suchen. Doch die Branche schrumpfte, und ihr selber fehlte der Schwung; ach, sie hatte Werbung ja so satt.
Der Scheibenwischer schob Schneekrümel weg, durch Fahrtwind und Reifenzischen sagte die Stimme: "Das Verkehrsstudio bittet die Kraftfahrer in Baden-Württemberg und Bayern um größte Vorsicht. Besonders in Waldgebieten besteht Glatteisgefahr durch überfrierende Nässe. Die plötzliche Kälte hat zu zahlreichen Unfällen geführt. Wie uns die Polizei mitteilt, ist auf der Autobahn Salzburg–München nach einer Massenkarambolage die Fahrtrichtung München zwischen den Anschlussstellen Holzkirchen und Hofoldinger Forst voraussichtlich für mehrere Stunden voll gesperrt. Wir bitten Sie, die Unfallstelle möglichst schon ab Bad Aibling weiträumig zu umfahren."
An dieser Abfahrt war sie vorbei, es blieb nur noch der Umweg über die Bundesstraße 11. Eine halbe Stunde mehr, soweit sich das ohne Blick auf die Karte sagen ließ. Wie immer seit dem Frühjahr fuhr sie allein, in Rolands schnellem Wagen. Unterhaltung brauchte sie nicht nach der Dreharbeit, die aus soviel Sprechen bestand; höchstens jemanden, der ihr eine Zigarette anzündete oder, wenn nötig, den Weg wies. Doch so ein Lotse konnte lästig sein. Am Steuer tat sie gern das, was sie wollte, es war der einzige Ort, wo man selbst entscheiden konnte.
"Am härtesten sind von der Krise die Sportschwimmer betroffen", plauderte das Radio, als sie die Autobahn verließ. "Ihr Tagestraining von vier bis zu zehn Kilometern können sie nur bei Mindesttemperaturen von fünfundzwanzig Grad im Wasser durchstehen... Sollten Ölmangel und Preisauftrieb anhalten, müssten sie ihre Badehosen ebenso einpacken wie die älteren Badegäste."
Undine suchte Musik. Die Stimme erinnerte zu sehr an den Mann, von dem sie seit Mai geschieden war. Roland hatte ihr immer gesagt, wie sie fahren sollte. Es hatte ihm nie etwas ausgemacht, sie wie ein Kind zu behandeln. Er war so schlau gewesen, seine Vorschriften als Ratschläge hinzustellen. Er war durchtrieben, selbstgefällig und Regiestar bei der Mosaik; eine verhängnisvolle Mischung. Ein Playboy, der zu oft an mondäne Orte flog, um zwanzig Sekunden geschleckte Reklame zu drehen: aufstrebende Leute aus dem Mittelstand, Paare wie er und sie, gediegene Menschen um die Dreißig, die an exotischen Küsten glücklich waren, weil sie fabelhafte Erzeugnisse genossen. Mit der Zeit hatte er angefangen, seinen Modellen zu ähneln – Einfalt, hochglanzverpackt; kostbare Bilder und leere Worte; rauchzarter Liebeshauch ohne irgendein Gefühl. Ja, er wusste sich darzustellen. Wenn er sich als "Roland Rauch" präsentierte, spürte man, obschon er nicht rauchte, den Duft der weiten Welt. Und als er ihr zum Abschied den Wagen gab, wie es im Scheidungsurteil stand, hatte er galant seinen Werbespruch zitiert: Es war schon immer etwas teurer, einen besonderen Geschmack zu haben.
In Wolfratshausen brannten die Straßenlampen, und noch ehe sie auf der Bundesstraße 11 den Forstenrieder Park erreichte, kam Schneetreiben auf. Das Licht entgegenkommender Autos brach sich, vom Schneefall schraffiert, auf der verschmierten Scheibe. Sie schaltete sämtliche Scheinwerfer ein; acht glitzernde Zeugen der Geltungssucht ihres Mannes. Auf einmal dachte sie: Lutz Bernsdorff! Sie nahm sich vor, ihn aufzusuchen, ihr Weg führte nun sowieso an der Theresienwiese, seiner Gegend, vorbei. Vielleicht hatte Lutz sogar einen Job für sie – etwas beim Spielfilm. Der Sprung dorthin, das war ein alter Traum.
Links vorm Waldrand, zwischen Straße und Bahndamm, lag ein Auto, dick verschneit, halb auf dem eingedrückten Dach; ein flacher Sportwagen, nun flacher denn je. Sie glaubte Fußspuren zu sehen, ein verwischender Eindruck, schattenhaft wie der Gedanke an Hilfeleistung. Immerhin nahm sie den Fuß vom Gaspedal. Zwischen den Bäumen war es dunkel, und sie dachte: Eine Insel suchen. Kein Ziel haben wollen. Nichts rechtfertigen müssen. Einfach so leben. Mit Bacardi-Rum geht alles. Der weiße Rum von den Karibischen Inseln... Nervöse Erwartung äußerte sich bei ihr oft im Hersagen von Texten, die sie verabscheute. Wer zwölf Jahre damit zugebracht hatte, so dumme Sätze betörend zu bebildern, der wurde sie eben nicht mehr los.
Hinter der lang gestreckten Kurve winkte ihr ein Mann. Sie tippte auf die Bremse, gegen ihr Prinzip, und wohl nur, weil sie langsam fuhr. Sie nahm niemals Männer mit. Nach einem hässlichen Schlingern blieb der Wagen stehen. Weshalb hielt sie an? Hatte sie zwischen dem Wrack und dem Winkenden eine Verbindung gesehen, die es gar nicht gab? Es konnte ja kein frischer Unfall sein. Sie aber war einem Schuldgefühl gefolgt, das sich eingestellt hatte, nur weil sie, wie hundert andere vor ihr, an dem Wrack vorbeigesaust war.
Der Mann stieg zu, wortkarg, ohne Lächeln. Sie schätzte ihn auf Ende Zwanzig, er wirkte etwas ungepflegt und fahrig. Sein krauser Bart war an den Spitzen merkwürdig vereist. "Den Bus verpasst?", fragte sie.
"Ja; das heißt, den Zug."
Sie nahm eine Zigarette aus der Schachtel am Armaturenbrett, und schon ließ er ein teures Feuerzeug aufschnappen, das kaum zu ihm passte. Er hatte schmale Hände, sein Ärmel war schmutzig; er schien gestürzt zu sein... "Fahren Sie zur Stadtmitte?"
"Fast. Bis zum Ausstellungsgelände. Wo möchten Sie denn hin?"
"Zum Hauptbahnhof."
Aus. Zum Glück war er nicht schwatzhaft. Der Sprache nach Norddeutscher, sonst hätte sie ihn für einen hiesigen Lehrer gehalten. Das Radio sagte: "Kalte Füße bekommen jetzt auch die Werbeleute der Treibstoff-Firmen Esso und Aral. Mit einer sechsstelligen Summe hatte Esso für die Weltmeisterschaft die bekanntesten Fußball-Nationalspieler zur Absatzwerbung verpflichtet. Nur Bayern Münchens Star Franz Beckenbauer schloss sich aus, denn er wirbt schon mit dem Slogan 'Schönes entdecken' für Aral-Benzin."
Undine stellte ab, doch nun bedrückte sie die Stille. Der stumme Fahrgast machte sie nervös. Vor Pullach sank die Bahnschranke, nach langen Minuten glitt von links ein Vorortzug heran; den hätte er doch noch erreicht? Das Schweigen wurde peinlich, und plötzlich war es ihr genug. "Arbeiten Sie hier draußen?"
"Nein... Ich studiere noch."
"Was studieren Sie denn?"
"Soziologie. Aber Sie kommen von der Arbeit?"
"Merkt man das?"
Er nickte unbestimmt. Das Schlusslicht des Zugs verschwand im Wald, die Schranke ging hoch. "Was tun Sie denn?"
"Werbung. Winzige Filmchen fürs Fernsehen." Der zweite Grundsatz, gegen den sie verstieß – über nichts Persönliches reden.
"Außenaufnahmen, bei dem Wetter?"
"Das ist richtig für die Alpen. Wir sind für Rasierwasser schon nach Irland geflogen; heute hat der Wendelstein genügt."
Es kam nicht das kleine Anerkennungslachen wie sonst, wenn sie davon sprach. Jeder fand Werbung lustig, hielt das für unterhaltsam und einträglich – wer warb, war clever; ein geachteter Beruf. Er aber sagte nur: "Ich filme auch."
"So zum Spaß?"
"Mehr oder weniger. Mal von der Pike auf gelernt. Kameramann beim Bund; Lehrfilme fürs Militär..."
Rechts schimmerten Häuser, und er bat sie, am nächsten Telefon zu halten. Sie sah ihn die Zellentür öffnen, er nahm den Hörer ab, warf Geld ein, wählte – alles nur mit einer Hand. Ein netter junger Mann, aber etwas stimmte nicht mit ihm.
Als Hasso v. Kremp wieder einstieg, fühlte er sich besser, denn er hatte gehandelt. Natürlich war nichts gelöst, Benno war tot, der Wagen zum Teufel und er selber in der Klemme – halb auf der Flucht. Doch sein Schock klang ab, diese scheußliche Lähmung. Die Fahrerin war, wie er nun fand, eine überschlanke Frau mit zartem Profil und müden Linien um Nasenflügel und Mund. Dass er dies überhaupt sah, dass er fähig gewesen war, die Polizei anzurufen, all das bewies seine Tauglichkeit. Er fing an, damit fertigzuwerden. "Sie wohnen am Ausstellungsgelände?", fragte er. "Ich hätte auf Nymphenburg getippt."
"Wieso?"
"Das würde Ihnen vom Namen her mehr entsprechen."
"Sie müssen doch nicht flirten, weil ich Sie mitnehme. Ich bin wohl ein paar Jahre älter als Sie."
Recht geschah ihm, sie nahm es falsch auf, als Annäherungsversuch. Dabei war er doch nur erleichtert, hatte etwas Nettes sagen müssen... Der Faden riss ab, er schwieg, versenkt in sein Problem. Soeben hatte er der Polizei den Porsche als gestohlen gemeldet. Wenn sie das Wrack fand, war er fürs erste gedeckt. Doch die Nachforschungen würden weitergehen und schließlich auf seine Spur führen; irgendwann kam es heraus.
An dem Unfall war er schuldlos. Er hatte auf dem flachgekippten Beifahrersitz gelegen, als Benno den Wagen aus der Kurve rutschen ließ. Aber wenn die Polizei den Kumpel aus den Trümmern zog, würde sie merken, dass nach ihm gefahndet wurde. Kremp hatte es nicht fertig gebracht, ihm den falschen Pass und die Pistole abzunehmen. Er hatte im Schneetreiben am Bahndamm gelegen, fünf Minuten oder zehn, ehe er begriff, dass Benno tot und er am Leben war, bis auf die schmerzende Hand unversehrt. Dann hatte er das auslaufende Benzin gerochen und geglaubt, es würde sich entzünden. Da das nicht geschah, war er losgegangen, in der Hoffnung, dass ihn jemand mit nach München nahm.
"Sie sind also ein Kollege", hörte er sie versöhnlich sagen. "Was filmt man denn so bei der Bundeswehr, Panzerangriff und Manöverschießen?"
"Unsere Kurzfilme waren technisch nicht schlechter als Ihre. Ein Gemisch aus Gebrauchsanweisung, Produkt- und Sympathiewerbung, wie es bei Ihnen heißt."
"Und was filmen Sie heute?"
"Ziemlich das Gegenteil: Streiks, Hausbesetzungen, Widerstandsaktionen... Ich fahr manchmal dahin, wo was steigt." Vorsicht, er redete zuviel, musste sich Luft machen, der Schock wirkte nach, dieser ganze Tag. Frühmorgens war er losgerast, um Benno über die Grenze zu bringen, dessen Gruppe nach einer Explosion in Bremen aufgeflogen war. Sie hatten sich am Steuer abgelöst, einen tollen Schnitt herausgefahren, bis zu dem Stau bei Obermenzing. "Weißt du, warum die Autobahn in München stecken bleibt?", hatte Benno gefragt. "Weil das mal die Stadt der Bewegung war." Dann hatten sie erörtert, welcher Grenzübergang sicherer sei, der große bei Scharnitz oder der kleine südwestlich von Mittenwald, der nach Leutasch führte und bei diesem Wetter kaum befahrbar war. Und gleich darauf das Stoßen und Knallen, peitschende Büsche und reißendes Blech, als der Wagen sich am Bahndamm überschlug.
"Hausbesetzung, ist so was wirklich Ihr Fall?"
Er hatte schon zuviel gesagt, doch er hasste Heimlichtuerei. An Bennos Gruppe störte ihn der konspirative Zug, ihr Sektierertum. Deshalb war er am Rande geblieben, brachte es sie doch um die Wirkung. Man bewaffnete sich, anstatt Verbündete zu suchen, ihnen in Volkshochschulen, kommunalen Kinos und Gewerkschaftsschulen Kurzfilme zu zeigen; Zelluloid brachte mehr in Bewegung als Sprengstoff. – "Mein Fall wär ein Abendfüller. Dokumentarisch und so gut gemacht, dass er ein großes Publikum findet."
"Nichtkommerziell und systemüberwindend." Sie lachte. "Und wie bringen Sie Ihre Kapitalismuskritik in den kapitalistischen Verleih oder sonst ans Publikum heran?"
"Meine Kopien sind schon vor Jugendgruppen gelaufen; sogar im Gefängnis. Aber man müsste etwas fertig bringen, das sich in Westberlin, Leipzig, Locarno oder Sorrent zeigen lässt. Festspielfilme kauft das Fernsehen oft an."
"Sie nehmen sich ja viel vor."
"Wer wenig will, schafft gar nichts."
"Der schafft das gute Mittelmaß, das Geld für die Brötchen; das reicht Ihnen wohl nicht?"
Es schien tatsächlich, als höre sie ihm zu.
"Versuchen Sie das, was Sie wollen, lieber nicht in Deutschland. Wer anfängt, braucht große Stoffe; die findet man leichter in Übersee."
"Das ist Ihr Rezept: für Rasierwasser nach Irland, für Orangen nach Marokko und für Systemkritik – nach Indien oder Chile?" Aber sie hatte nicht ganz unrecht, der Gedanke war ihm schon gekommen. Er sprach Spanisch und Französisch, hatte lange bei seinem Onkel gelebt, der in Lomé und in Lima Botschafter gewesen war. Das Ausplündern der Schwachen durch die Starken, welch ein Thema.
Sie bog in die Herzog-Heinrich-Straße ein. "Für Sie bin ich natürlich so ein Rädchen im Getriebe, das die Konsumenten manipuliert."
"Objektiv schon. Subjektiv jemand, der das immerhin begreift."
Sie bremste und stieß rückwärts in eine Parklücke. "Wir sind da, aber vielleicht treffe ich keinen an. Falls Sie ein bisschen warten, bring ich Sie gern noch ins Zentrum."
Sie stieg aus und verschwand in einem Jugendstil-Portal.
Kremp berührte den Handrücken, der zu schwellen begann. Merkwürdige Frau, wehrte vermeintliche Annäherung ab und ließ ihn doch in ihrem Wagen sitzen; rümpfte die Nase über Hausbesetzungen, wollte aber das Gespräch fortsetzen... Da sie nicht wiederkam, kletterte auch er heraus. Beißender Frost. Vorhin, beim Telefonieren, hatte er nichts davon gespürt.
Er bog um die Ecke. Westendstraße, das klang nach herrschaftlichem Viertel. Eine Shell-Tankstelle mit der jetzt üblichen Autoschlange, düstere Parkbäume, ein Kirchturm, nahe Zuggeräusche. Der Bahnhof war wohl nicht weit weg. Was tun? Sich in einen Nachtzug nach Norden setzen, brav zur Vorlesung gehen und auf die Festnahme warten? Hasso v. Kremp, nicht vorbestraft, aus geordneten Verhältnissen, trotzdem Teilnehmer nicht genehmigter Demonstrationen, Hausbesetzer in Hamburg und nun Fluchthelfer eines, wie es amtlich hieß, mit Haftbefehl gesuchten Anarchistengewalttäters – es addierte sich bei der gereizten Obrigkeit.
Eins allerdings kam nicht in Frage, reumütig heimzukehren, damit man ihm Rechtsbeistand gewährte. Vaters Anwälte, dies wär das letzte! Eine Buchhandlung, leer, kurz vor Ladenschluss. Kremp trat ein, umfangen von Wärme und jenem Geruch bedruckten Papiers, den er von klein auf so schätzte. Wie immer ließ er die Bestseller liegen, wandte sich den Regalen zu. Erst jetzt ging ihm richtig auf, dass er, unglaublich genug, noch lebte. Er prüfte die bunten Rücken der Taschenbücher, als wäre nichts geschehen. Sie hatten wenig Neues, die linken Titel kannte er alle, bis auf zwei. Erstaunlicherweise gab es schon ein Bändchen, das die chilenische Konterrevolution beschrieb – Analysen und Dokumente zum Terror. Daneben stand ein giftgrünes Taschenbuch: "Südamerika – Armut und Folter". Er schlug es erwartungsvoll auf, es war gerade erst erschienen, er las ein paar Zeilen und hatte plötzlich das Gefühl, den Rohstoff des Films in der Hand zu halten, den er gern ins Werk gesetzt hätte.
Er kaufte das Buch und ging. Schade, dieser Film würde niemals entstehen. Dazu hätte es eines Mäzens bedurft, der, behutsam geschätzt, zweihunderttausend Mark riskierte. Wer soviel Geld übrig hatte, der war mit der Welt zufrieden und nicht auf deren Veränderung aus... Das Auto stand noch da, mit vereisenden Scheiben; die Nymphe vom Werbefilm hatte ihn bestimmt vergessen. Er stieg ein, machte Licht, zog wie unter einem Zwang das giftgrüne Buch hervor und fing an zu blättern.
Das Treppenhaus mit den nostalgischen Glastüren und den Messingschildchen roch nach Bohnerwachs, zweimal ging Undine die Beleuchtung aus. Nach längerem Läuten öffnete ihr Marion Bernsdorff, engelhaft blond und reserviert. "Ach, du bist es", sagte sie mit jenem duldsamen Lächeln, das sie oft im Kinderfernsehen zeigte. "Lutz hat Besuch."
"Darf ich warten? Es ist wichtig."
Marion tat, als gelte es, das Heim vor jemandem zu schützen, der es verderben wollte. "Hättest du doch angerufen!" Sie gab die Tür zögernd frei. Irgendjemand, vielleicht Bernsdorff selber, musste ihr erzählt haben, wie Undine einmal zu ihrem späteren Mann gestanden hatte – vor sieben oder acht Jahren, gleich nachdem Bernsdorff in den Westen gekommen war. Es hing mit Marions Besitzanspruch zusammen, dass sie Vorgängerinnen behandelte, als hätten die ihr etwas gestohlen. "Gekündigt?", fragte sie in der Diele. "Du hast Pech in letzter Zeit, geschieden bist du auch?"
"Das ist doch kein Pech. Ich bin den Roland los!"
Wie um ihr Eindringen zu bestrafen, führte Marion sie ins Kinderzimmer und ließ sie mit dem Kleinen allein. "Udo bettelt nicht", sagte Udo, auf ihre Handtasche starrend. "Udo Nüsse essen..." In einen Kindersessel gezwängt, suchte Undine nach Süßigkeiten. Marion verdiente einen Mann wie Bernsdorff nicht. Sie hatte ihn erst geheiratet, als er Fuß gefasst hatte – vermutlich in der Hoffnung, er würde sie von den Kindersendungen erlösen und ihr wirkliche Rollen geben. Das hatte er auch versucht, in zwei melancholischen Reißern; zwei Fehlstarts für sie. Ihr Tanz im "Langen Arm" musste gedoubelt, die Bettszene im "Abschied" weggeschnitten werden, Marion war schön, doch ohne Temperament. Zum Trost hatte Bernsdorff ihr zu diesem Sohn verholfen, einer Art von Glück, die ihr wohl nicht genügte.
Nebenan wurden die Stimmen lauter, es ging um Quadratmeterpreise in Neubaugebieten, die Sonnenhügel oder Rosengärtchen hießen. Wenn Marion mitredete, dann auf Seiten des Besuchers; von Bernsdorff kam kaum mehr als ein Knurren. Er sollte zu etwas überredet werden, dem er zäh widerstand... Udo sah auf einen Riegel Schokolade, Undines Notproviant. "Was ist das?", fragte er listig.
"Das ist ein Stück Holz."
"Wozu hast du das mit?"
"Das leg ich immer unter, wenn der Tisch wackelt."
"Udos Tisch wackelt, gib das Holz", sagte Udo – eindeutig Bernsdorffs Sohn.
Nebenan wurden Stühle gerückt, dann klappte die Tür. Kein guter Moment, Bernsdorff würde verstimmt sein, da man ihn bedrängt hatte. Wieder Stimmen, nur noch er und sie, ziemlich laut. "... hab mich für dich geschämt, Lutz. So kannst du nicht mal deine Komparsen behandeln, und er ist Architekt..."
"Baulöwe ist er. Hat sein Geld in Beton gesteckt und will es nun wiederholen, aber nicht bei mir."
"Sonst kostet der Quadratmeter schon dreitausend Mark!"
"Mir ist die Hälfte noch zuviel."
"Bei deinem Einkommen? Aber ich weiß, warum du dich hier festklammerst!"
"Die Wohnung ist groß, billig und nah am Studio."
"Studio! Zu ihr hast du's nah..."
Undine stand auf, der Streit geriet zum Ehekrach, da machte man sich besser still davon. "Geh 'rein", hörte sie Marion rufen. "Da ist noch eine deiner Damen, geh und beschwer dich über mich! Da wirst du ja Verständnis finden."
Die Tür sprang auf, Bernsdorff stand da – blass, knapp mittelgroß, breit wie ein Bär, mit gesenktem Kopf und schütterem Haar; er hielt es kurz, um zu verbergen, dass es ihm ausging. "Ach, Undine! Nett, dich zu sehen." Er lächelte finster. "Du bist nicht schockiert, du kennst mich als Scheusal..."
Lutz Bernsdorff war 46 und vor acht Jahren aus der DDR gekommen, weil dort einer seiner Filme – der, den er für seinen besten hielt – dem Publikum nicht gezeigt worden war. Nie wieder hatte er geglaubt, soviel von dem ausgedrückt zu haben, was ihn beschäftigt und ihm beim Planen vorgeschwebt hatte, in der fantastiebeschwingten Zeit vor Drehbeginn. Und was folgte, hatte ihn verwirrt und enttäuscht. Man verlor einfach! Film war Kollektivkunst, ein teurer Spaß, schwerlich setzte man sich durch gegen bürokratische Ängstlichkeit und Enge, gegen ideologischen oder kommerziellen Einspruch, weder in Ost noch in West, wo sich dies übrigens oft vermischte. In beiden Welten, so jedenfalls schien es ihm, wurde Verantwortung meist in falscher Richtung delegiert, nämlich von unten nach oben. Man entschied nicht darüber, was man nur selbst sachverständig beurteilen konnte – den Wert einer Szene, einer Nuance, die Glaubwürdigkeit des Ganzen –; der Dienstweg wurde eingehalten wie bei der Reichsbahn.
Er hatte mal geglaubt, dass es hier anders sei. Aber die Abhängigkeit blieb. Anfangs war ihm immer, als müsse aus der Tasche des Produzenten, wo in Babelsberg eher ein Plenumstext steckte, das Hauptbuch zum Vorschein kommen, bereit zur Bilanzierung. Da hatte er sich mitunter gefragt, ob seine Entscheidung, die Kollegen in Babelsberg zu verlassen, richtig gewesen war. So unangenehm ihn dort mancher Streit berührt und so wenig er manches Argument seiner Kontrahenten verstanden hatte, musste er doch zugeben, dass es dabei meist um die Sache gegangen war – man konnte auch sagen: Um Ideale. Im Laufe der Zeit war an die Stelle solcher Zweifel ganz allmählich die Gewöhnung getreten. Er beherrschte sein Fach, wurde technisch besser..., ein gefragter Mann. Seine Inszenierungen brachten hohe Zuschaltquoten, das ja, und es fehlte ihm an nichts. Eine hübsche Frau, ein Kind im rührenden Alter und Arbeit, die ihn restlos verschlang. Verzicht auf Luxus, das war für ihn die sicherste Form des Glücks; unabhängig war allenfalls der Anspruchslose. Dass er manchmal mit fremden Frauen schlief, bestätigte ihm nur die Regel: die Summe der Laster ist bei jedem Menschen gleich. Natürlich stimmte das nicht, die Lastersumme hing von der Lebenskraft ab, er ging aber lieber mit Faustregeln um als mit Lehrsätzen.
Jetzt versuchte er, Undine zuzuhören. Sie war für ihn nie bloß so ein Mäuschen gewesen – sie hatte ihn aufgenommen, als er hier noch ein Niemand war. Eines der wenigen Verhältnisse, das bruchlos zu Ende ging, nichts von Freiheitsberaubung, von Besitzergreifung, sie blieben befreundet. Auch Undine hatte Erfolg gehabt, wenn auch in einer ziemlich öden Branche. Bernsdorff fühlte ihr das nach, war er selber doch tief unzufrieden.
Kein Zweifel, er war dabei, glanzvoll zu scheitern. Was hatte er denn von all dem verwirklicht, weswegen er hergekommen war? Da hatte er ein Dutzend Aktionsfilme gedreht, die man hausintern stromlinienförmig nannte, weil sie sich einbohrten in die Haut des Betrachters; schwermütige Krimis, brillante Reißer, genießerisch ins Bild gesetzt. O ja, er galt den Produzenten als ein Mann, der müde Szenarien retten und veredeln, mit Atmosphäre anreichern konnte. Dazu genehmigten sie ihm teure Originalaufnahmen, Massenszenen, Verfolgungsjagden im Londoner Hafen oder gar auf dem Kennedy-Airport, New York. Das verhalf seinen Filmen zu einem Anspruch, den sie leider aber nicht erfüllten – zu hochkarätiger, vorgetäuschter Glaubhaftigkeit So, wie er es zeigte, war das Leben nicht. Es blieb Fälschung, der dokumentarisch gedrehte Hintergrund sollte bloß den märchenhaften Inhalt verkaufen, den Schwachsinn der Story. Dieser Lack war gemeint, wenn man von blendender Arbeit sprach.
Ja, man riss sich um ihn, wusste er doch einfältige Handlungsmuster passend zu besetzen, gescheit zu inszenieren, malerisch abzulichten und mit elegisch-eleganter Musik zu unterlegen. Diese Musik war oft das Beste, in ihr lag immerhin etwas Wahres, die Botschaft vom Verlorensein des Einzelnen. So ist das Leben, klagte die Musik – ausweglos; du wirst hineingeworfen und schwimmst mit im großen Strom; du entscheidest nichts, alles unterläuft dir bloß. Eben das sagte die Titelmelodie im "Langen Arm" und in "Vergiss oder stirb"; und soweit stimmte es ja auch. Der Held war anonymen Mächten preisgegeben, die natürlich kriminalisiert, das heißt durch üble Gegenspieler verkörpert wurden.
Dies war der Punkt, wo Kunst und Wahrheit aufhörten, wo die Unterhaltung begann, das Kunstgewerbe. Was half es, die Schurken sympathisch zu besetzen und den penetranten Edelmut des Helden zu dämpfen? Es blieb Stromlinie, ein Projektil ohne Kern, die Wirklichkeit wurde nur gestreift, trotz aller Kunstgriffe. Und je mehr solcher Tricks, desto abgebrühter wurde man, ein Regiewunder, ein Star-Kitschier; was sich freilich lohnte. "Der Weg zur Hölle ist mit Dollars gepflastert", hatte der Held im "Abschied" gesagt – schmalzig, aber wahr.
Da saß er nun bei Undine, mit seinen Sorgen nicht sehr weit von ihr entfernt. War sein Job nicht genauso öd wie ihrer? Man sah es nur nicht auf den ersten Blick. Sie fütterten beide dasselbe Medium, gaben ihr Bestes einem Götzen, der die Leute am Denken hinderte; ob nun mit dümmlicher Werbung oder mit hirnlosen Reißern... Doch plötzlich war ihm, als spreche sie davon, stellungslos zu sein. "Fischer setzt sich zur Ruhe, denk dir, mit Mitte Fünfzig", sagte sie. "Fliegt demnächst nach Afrika, auf Safari. Aber nicht mit einem Reiseservice, dazu ist er viel zu agil."
"Mit wem dann?"
"Am liebsten mit mir. Fragt mich, ob ich ihn begleite – nach Kenia, so auf die Hemingway-Tour."
"Und, gehst du?"
"Lutz! Ich brauch einen Job. Weißt du nicht etwas für mich? Vielleicht bei dir im Aufnahmestab?"
Sie wurde auf einmal rot. Es fiel ihm schwer, sie zu enttäuschen, doch sein Stab ging eben auseinander. Er sagte es ihr und fügte hinzu: "Ich hör natürlich gern herum. Wär doch gelacht, wenn wir dich nicht irgendwo unterbrächten... Pass auf, alles wird gut."
Sie nickte bloß.
"Ja, bei mir ist gerade Schluss. Noch ein bisschen Mischen und Schneiden, aber das geht auch ohne mich. Mir reicht's, weißt du... Ich müsste weg aus diesem Käfig. Mal wieder einen Film machen, wenn ich das überhaupt noch kann. Mir fehlt ein Klimawechsel."
"Dir auch? Bei mir im Auto unten, falls er noch da ist, sitzt schon so ein Verrückter. Der will einen großen Film machen, ganz links, möglichst in Übersee."
Bernsdorff horchte auf.
"Wer ist es?"
"Ach, so ein Student. Hat das beim Bund gelernt und dann, stell dir vor, steigt er um auf Protestaktionen."
Das Telefon läutete, Bernsdorff hob ab. "Bist du's?", fragte eine Frauenstimme.
"Ich hab dich doch gebeten, nicht anzurufen."
"Lutz, hast du schon mit deiner Frau gesprochen?"
"Nein. Wir sehen uns..."
"Bis übermorgen kann ich nicht mehr warten."
"Sei froh, wenn's nicht länger dauert."
"Was heißt das?"
"Kann sein, ich wandere aus. Ein Filmprojekt in Übersee."
Die Stimme wurde rau. "Davon hast du nie etwas gesagt!"
"Ich hör das auch erst jetzt. Kenia, so auf Hemingways Spuren. Ja, dieses Leben ist eins der schwersten."
"Lass deine Sprüche! Ich glaub dir kein Wort. Soll ich nicht selber mit ihr reden?"
"Das fehlte noch!"
Er legte seufzend auf.
"Lassen sie dem armen Lutz noch immer keine Ruhe?", fragte Undine. "Was ist das für ein Filmprojekt in Übersee?"
"Na, das mit dir und deinem Studenten. Wir gründen ein Team unabhängiger Jungfilmer..." Die Idee gefiel ihm. Heraus aus dem Käfig, allen einmal zeigen, dass er sie nicht brauchte. Ein Vierteljahr im Ausland, dann hätte alles sich gelöst: der Intendant würde wissen, was er wert war, Marion würde ihn wieder schätzen, und seine närrische Schwäche für die dunkle Stimme würde sich, so Gott wollte, auch verflüchtigt haben.
"Wunderbar – nur, wer soll das bezahlen?"
"Na, dein Fischer. Ob er nun Elefanten schießt oder den guten deutschen Film fördert..."
"Kannst du wohl wieder ernst sein?"
"Er hat sich mit der Mosaik doch gesundgestoßen, und wohin nun mit dem schönen Geld? Ein Stück Kunst finanzieren, das hilft ihm, Steuern zu sparen; und dafür tut ein Geschäftsmann oft sehr viel."
Undine starrte ihn an, aus ihren hellen, etwas asymmetrischen Augen, durch die sie ihm einst aufgefallen war. "Unterschätz dich selber nicht", sagte er. "Mit dir will er reisen, und agil ist er auch; all das kann er als Produzent bei uns haben."
"Schickst du mich nun auf den Strich?"
"Keine Angst, Mädchen, ich bin ja dabei."
"Du bist ein Mephisto, Lutz."
"Und der Weg zur Hölle ist mit Dollars gepflastert... Auf! Gehen wir uns das Kleingeld holen."
Als sie aus der Haustür traten, blies der Wind ihnen Schnee ins Gesicht, kaltes Pulver, das auf den Gründerfassaden lag und ihnen einen Hauch von Jahrhundertwende gab. Undine hatte Fischer angerufen, er war gegen neun zu sprechen. Ihre Wohnung lag auf dem Weg, wegen der Stimmung bei Bernsdorffs wollten sie sich dort beraten. Unter dem zugeschneiten Blech am Bordstein fand sie ihr Auto – noch besetzt. Der junge Mann kam heraus, einen Kopf größer als Bernsdorff, aber nicht so breit.
"Kremp", sagte v. Kremp.
"Nett, dass Sie gewartet haben. Das ist Lutz Bernsdorff, Regisseur. Dreht so Sachen wie 'Stirb oder vergiss'..."
"'Vergiss oder stirb'. Du bist kein echter Fan, Undine."
"Das kann ich leider auch von mir nicht sagen." Kremps Atem dampfte in der Frostluft.
"Und ich heiße Rauch."
"Geborene Schuh." Bernsdorff schabte den Reif von der Scheibe, froh, dem häuslichen Jammer entronnen zu sein. "Der Rauch ist weg, bis auf den Namen; aber Namen sind Schuh und Rauch."
Kremp setzte sich nach hinten. "Lassen Sie sich nicht verwirren", sagte Undine zu ihm. "Wir haben ernste Pläne: den linken Film in Übersee." Nach einigen Versuchen sprang der Motor an, und sie bog in die Bayerstraße ein. "In punkto Kamera denken wir an Sie."
Bernsdorff fragte: "Haben Sie Lust, nach Afrika zu gehen?"
"Wieso nach Afrika?"
"Was haben Sie gegen Afrika?"
"Lateinamerika, das wär mir näher."
"Der Mann, der das Geld hat, steht auf Elefanten. Man darf ihm doch das nicht gleich nehmen."
"Lateinamerika könnte mich reizen."
"Wo ist der Unterschied? Alle Länder sehen genauso aus wie im Fernsehen."
"Wenn Sie etwas filmen wollen, das auch uns angeht, müssen Sie in ein halbwegs entwickeltes kapitalistisches Land fahren."
Es schien Undine, dass ihre Partner schon stritten. Wie üblich blieb sie im Zentrum stecken, und Bernsdorff wischte ihr die beschlagene Scheibe frei. "Seien Sie doch tolerant!"
"Ich rate Ihnen zu Guatemala", sagte Kremp; offenbar hatte er eine dickköpfige norddeutsche Anwandlung.
"Wo man uns den Botschafter erschossen hat?"
"Das spricht doch nicht gegen das Land."
"Sie halten wohl nicht viel von Diplomaten?"
"Mein Onkel ist einer. Ich hab bei ihm gelebt, in Lima."
"Ich verstehe, Sie sprechen Spanisch... Meinst du, Undine, ob Fischer da mitzieht? Kann man ihm die Safari nehmen?"
"Sie haben wohl einen Spielfilm im Auge?", fragte Kremp. "Dann bin ich nicht der richtige Mann für Sie. Ich drehe rein dokumentarisch."
Undine sagte: "Man kann alles lernen."
Es breitete sich Schweigen aus, man hörte die Scheibenwischer schurren. Sie fuhren über die Isar, dann im Halbkreis um ein ehrwürdiges Bauwerk, vor dem eine Frauengestalt wachte; sie trug ein steinernes Gewand, das in schneebestäubte Falten fiel. Erst nach Jahren war Undine aufgegangen, dass dies das Maximilianeum war, der Sitz des Bayerischen Landtags.
Während sie bergaufwärts lenkte, fühlte sie das Zerbrechliche ihrer Pläne. Wie leicht konnten die scheitern, nicht erst an Fischer, schon am Dickschädel der zwei. Ihr fiel es zu, zu vermitteln; das hatte es noch nie gegeben, dass ihr Dabeisein so wichtig war... Sie bog rechts in ihre Straße ab und steuerte die letzte Parklücke an, die es am Ende unter einem Kirchenneubau gab. "Alles wird gut", hörte sie Bernsdorff beim Aussteigen sagen, und obwohl das skeptisch klang, war wieder Leben in ihr – seit langer Zeit zum ersten Mal.
Eine Neubauwohnung aus den sechziger Jahren, klein, praktisch, zwei Zimmer mit Balkon. Kremp zog den Mantel aus, rieb die schmerzende Hand und sah sich um. Ein bisschen spießig, diese Leute, voll integriert in den Medienbetrieb, aber doch bemüht, da herauszufinden. Im Grunde konnte ihm nichts Besseres widerfahren, selbst ein Mäzen schien bei der Hand; da lohnte es wohl, Kompromisse zu schließen. Er legte das grüne Taschenbuch wie ein Beweismittel vor das meterlange Aquarium.
"Nicht", bat Undine, "es verschreckt die Fische."
"Du entspannst dich vorm Aquarium?", fragte Bernsdorff.
"Ich habe das vom Vormieter übernommen." Sie rechtfertigte sich gleich. "Ein linker Schriftsteller, schreibt aber nicht mehr, übersetzt Krimis. Der Markt ist so verstopft, da kommt keiner ohne Werbung durch. Jetzt kann er sich eine größere Wohnung und ein Fischbecken leisten, mit allem Drum und Dran."
"Was hat er denn früher geschrieben?"
Undine nahm ein Buch aus dem Regal, es hieß "Der Bananenkrieg" und war laut Impressum mit Rowohlts Segen in der DDR erschienen.
"Gespenstisch", sagte Bernsdorff. "Es spielt in Guatemala. Das ist eine Verschwörung."
Kremp fragte: "Darf ich es zu meiner Sammlung nehmen?"
"Gehört das auch dazu?" Bernsdorff tippte auf das grüne Buch.
"Ja, die letzte Neuerscheinung über die Entwicklung einiger Länder..." Kremp suchte das Kapitel. "Das wird Ihnen erklären, weshalb ich für Guatemala bin und nicht für Peru oder Bolivien."
"Ich dachte, Sie wollten Ihren Onkel schonen."
"In Guatemala regiert die so genannte Revolutionäre Partei. Sie hat ein sozialliberales Programm und stellt die demokratische Fassade. Dahinter macht das Monopolkapital Profit, im Schutz von zwanzig einheimischen Familien, die faktisch herrschen, und zwar durch Terror... Ein fantasttisches Modell. Sie finden den allgemeinen Klassenkampf hier grotesk zugespitzt, brauchen gar nichts mehr zu erfinden, die Dramatik liegt bereits im Stoff." Kremp redete sich warm. Seine Hand, die das Büchlein hielt, erschreckte die Fische; er merkte es und ging vom Aquarium weg.
"Ein Mafia-Stoff."
"Trinkt ihr Bier?", rief Undine aus der Küche, sie schlug Eier in die Pfanne; es fing an, nach Speck zu riechen.
"Schon der Name der Regierungspartei ist klassisch: Partido Revolucionario, abgekürzt PR, wie public relations, Öffentlichkeitsarbeit, oder im Klartext: Maßnahmen der Monopole zur Lenkung der öffentlichen Meinung. Genau das ist die Aufgabe der PR – die Menschen täuschen, ohne die Macht der zwanzig Familien zu beschädigen."
"PR, sehr hübsch. So was gibt dem Stoff die linke Würze."
Kremp sah Bernsdorff an, bestrebt, herauszufinden, ob der ihm folgte. Ihm lag noch manches auf der Zunge, doch besser wohl, er hörte erst mal auf. Von einem, der Konsumfilme drehte, war viel Bewusstsein nicht zu erwarten. Er spürte das Schwierige seiner Lage. So aufgeschlossen die beiden auch taten, fügte er sich ihnen, würde nie der Film entstehen, um den es ihm ging. Später im Drehprozess hatte sowieso der Regisseur das Sagen. Umso wichtiger war es, die eigene Sicht rechtzeitig durchzusetzen. "Wenn Sie zustimmen, vervollständige ich morgen mein Material."
"Die Staatsbibliothek ist in der Ludwigstraße. Lassen Sie das, was Ihnen wichtig scheint, auf meine Rechnung fotokopieren."
Kremp war überrascht. Das Essen kam, dampfendes Bauernfrühstück; etwas zusammenhanglos sagte er: "Ich muss auch noch zur Polizei, mein Auto ist gestohlen worden. Ich hab's schon angezeigt, aber man muss ein Protokoll unterschreiben."
"Was ist denn Ihr Vater?", fragte Bernsdorff, zartfühlend. wie ein Bagger.
"Unternehmer. Textilfabrikant."
"Kopf hoch! Was können Sie dafür?"
Kremp fühlte sich gemustert. "Damit wir's hinter uns bringen; ich war Fähnrich, mein Schwager ist Generalmajor, und es gibt auch einen Bischof in der Familie."
Über dem ihm zugewandten Auge der Gastgeberin stieg die Braue hoch. "Das erklärt Ihre linke Position. Aber wird man Sie auch nicht enterben?"
"Mehr als der Pflichtteil ist nicht drin; und kein Geld für irgendeinen Film."
"Da bleibt uns nur noch Fischer." Bernsdorff kratzte Speck zusammen. "Nur, was können wir dem bieten? Armut, Folter und Bananenkrieg, wo er doch bloß auf Safari will?"
An diesem Punkt des Gesprächs wurde Bernsdorff klar, dass er Undines Buch kannte. Er hatte es vor zwölf Jahren gelesen, und auch dem Autor war er damals in Weimar begegnet. Er hatte ihn im Hotel Elephant gesprochen, am Rande eines Schriftstellertreffens, bevor er selber als Regieassistent nach Cuba fuhr. Der Babelsberger Regisseur, dessen Gehilfe er gewesen war, hatte ihn eigens nach Weimar geschickt, um bei dem Verfasser des "Bananenkriegs" Erkundigungen über Mittelamerika einzuziehen. Im Elephant hatte der Autor ihm ein Exemplar in die Hand gedrückt, damit er es dem gestürzten Präsidenten von Guatemala überbringe: der Expräsident lebte im cubanischen Exil, er kam in dem Buch vor und sollte es haben.
Präsident Arbenz... Vor einiger Zeit war sein Tod aus Mexico gemeldet worden; die Presse schrieb, er sei krank und verzweifelt in einer mit heißem Wasser gefüllten Badewanne erstickt. Bernsdorff aber sah ihn noch so vor sich, wie er ihm 1961 nachts an der Karnevalstribüne von Habana begegnet war – ein gut aussehender Mann von Mitte Vierzig. Die vom Verfasser erbetene Buchüberreichung war recht zwielichtig vor sich gegangen. Weil Bernsdorff nicht Spanisch sprach, hatte er den Kulturattaché der DDR gedrängt, ihm zu dolmetschen. Das hatte der mit dem Hinweis abgelehnt, er stünde fünf protokollarische Ränge, wenn nicht noch tiefer, unter Arbenz, den er als gewählten Präsidenten niemals in aller Öffentlichkeit anreden dürfe. Sie warteten daher, bis Arbenz die Tribüne einmal verließ. Im Halbdunkel vor dem leer stehenden Capitol sprach der Attaché ihn, durch Bernsdorff angespornt, von hinten an, wobei Arbenz mit einer Bewegung herumfuhr, die möglicherweise ein vorbeugender Griff zur Waffe war... Er hatte das Buch, das er nicht lesen konnte, dann liebenswürdig entgegengenommen.
"Ein mysteriöser Tod", sagte Kremp. "Vielleicht Mord im Auftrag der CIA."
"Eine tragische Figur, vielleicht unser Stoff. Seine letzten Tage, die Bitterkeit der Emigration..."
Kremp schüttelte den Kopf. "Arbenz war ein Reformer, ein Nationalist, kein Revolutionär."
"Dann nehmen Sie Che Guevara. Ein Mann, der etwas bewirkt hat."
"Che war ein Mann der fünfziger Jahre. Später hat er nichts bewirkt, nur gezeigt, dass es so nicht mehr geht."
"Und was ist mit Salvador Allende?"
"Der hat den Sieg verspielt. Der Bourgeoisie muss man den Schlund zerschneiden, wenn die Gelegenheit günstig ist; das hatte er vergessen."
"Machen Sie mir nicht alle Helden tot."
Undine räumte ab. "Hört mal, in einer Stunde will der Fischer wissen, was für ein Film das werden soll."
"Ich bin nicht für Helden", sagte Kremp. "Es geht um den revolutionären Kampf. Heben Sie da eine Figur heraus, fangen Sie schon an, zu verfälschen. Sie lassen weg, dichten hinzu, brauchen Dramatik, Berufsschauspieler und deren Mätzchen. So beginnt die Manipulation."
"Und das Publikum?", fragte Undine. "Wen interessiert denn Politik an sich, anonymer Kampf?"
"Realismus und Unterhaltung, im Sinne Brechts, schließen sich nicht aus, Frau Rauch. Es kann schon fesseln, wenn man zeigt, was gespielt wird – zum Beispiel in Guatemala."
"Sie sind ein Optimist."
"Ein Chefideologe", sagte Bernsdorff. "Der große Klare aus dem Norden... Herr Kremp, hat dieser Kampf dort keine Führer?"
"Doch, natürlich. Sie finden fünf Namen in dem Buch, legendäre Guerilleros. Drei oder vier sind inzwischen tot; der Name Campano kehrt immer wieder, über viele Jahre hin. Keiner weiß, wo er steckt; er schlägt aus dem Nichts heraus zu... Ein Held nach Ihrem Geschmack."
Bernsdorff hob die Hand, ihn störte auf einmal jedes Wort. Er hatte das Gefühl, einer Idee nachzujagen, die sich verflüchtigte, sobald er sie fassen wollte. Etwas Unfertiges stieg in ihm hoch – der Schimmer eines Auswegs. "Sie sind Dokumentarist, ich bin Spielfilmer, keiner kann den anderen bekehren. Und trotzdem... Warum fliegen wir nicht hin und suchen nach diesem Campano? Recherchieren Herkunft, Werdegang, Aufenthalt, und die Etappen unserer Erkundung filmen Sie dokumentarisch mit, vom Abflug bis zur Begegnung. Denn so Gott will, wird er eines Tages ja im Dschungel vor uns stehen."
Kremp zwirbelte seinen Bart.
"Außerdem stellen wir ein paar dramatische Stationen seines Lebens dort mit einheimischen Laien dar, exakt nach den Tatsachen. Und beide Fäden werden so verknüpft, dass sie zeitlich aufeinander zulaufen. Keine Rückblenden, das Team holt den Helden ein – zwei parallele Linien, die sich schließlich schneiden."
"Im Unendlichen", sagte Undine. "Parallelen schneiden sich erst im Jenseits. Vergiss nicht, Lutz, du hast Familie."
"Es ist mehr Mühe als Gefahr dabei. Und die Gefahr, miese Filme zu drehen, weil man selber nichts riskiert, scheint mir größer."
"Ein künstlerisches Risiko, kein existentielles."
"Das kommt letzten Endes auf dasselbe heraus."
"Hut ab", sagte Kremp. "Sie streben Ihren Helden nach..."
Sie lachten erlöst; das wenigstens hatten sie geschafft. Wie oft nach schwierigen Erörterungen war Bernsdorff müde und hochgestimmt. "Wo beides zusammenkommt, Dokumentation und Spiel", schloss er in jenem Ton, der ihm im Studio Gehör verschaffte, "wo also die Zeitschere sich schließt, da ist der End- und Höhepunkt des Films: ein Originalinterview mit Campano. Guerilleros geben immer Interviews, weil sie nichts nötiger haben als Publizität. Sie sterben nur, wenn die Welt sie vergisst. Das hat schon Castro gewusst, in der Sierra Maestra."
Ihm war, als habe man das schwerste hinter sich; Fischers Zustimmung schien bloß noch eine Formalität. Wer konnte sich einer solchen Filmidee entziehen?
Als sie aufbrachen, sagte Undine: "Seine Villa ist in Waldtrudering. Er rechnet nur mit mir, da wär's gut, ihr wartet draußen, und ich geh erst mal hinein."
"Schock ihn mit Charme."
Kremp fragte: "Haben wir eine Chance?"
"Aber ja! Er kann ohne Schocks doch gar nicht leben."
"Auf zum Tanz ums Goldene Kalb", sagte Bernsdorff.
Nie war man sich wieder so einig wie in diesem Augenblick.
Fischer öffnete ihr die eisenbewehrte Tür, ein wuchtiger Mann, das volle Haar ganz grau. Sie hat es sich überlegt, dachte er, das ist der Grund ihres Kommens; und während er ihr aus dem Mantel half, fühlte er sich verjüngt. Er mochte dieses zarte Geschöpf, das eine Zierde seiner Firma war, hatte aber nie versucht, sich ihr zu nähern. Ein gesundes Prinzip duldete keine Ausnahmen. Als sie vor zwölf Jahren bei ihm angefangen hatte, war die Verkleinerungsform ihres Namens aufgekommen – Schuhchen. So nannte er sie auch vor seiner im letzten Jahr verstorbenen Frau, der er niemals Anlass zur Eifersucht gab. Dass Undine schließlich so verwegen war, Roland Rauch zu heiraten, änderte nichts am Sprachgebrauch. Er hatte sie vor Rauch gewarnt und, mit einem Anflug von Verzicht, dem Scheitern ihrer Ehe zugesehen, ohne seine Haltung zu ändern.
Dies ging ihm durch den Kopf, als er sie nun hereinbat und ihr zu trinken eingoss. Sie waren beide nicht mehr gebunden. Er hatte sich letzthin dabei ertappt, dass er sie schon anders ansah – das Maß an Glück abschätzte, das sie ihm vielleicht bringen konnte. Mit der Geschäftsauflösung fiel natürlich das Prinzip. Bald würde er Privatmann sein und in neuen Größen denken, nicht mehr in denen des kaufmännischen Kalküls oder der Kosteneffizienz, sondern in so vagen Begriffen wie Lebensqualität; bisher für ihn ein Schlagwort der Regierung. Schuhchen hatte sein Angebot abgelehnt, schonend, zögernd. Sie war immer gern mit ihm gereist, nun aber zurückgezuckt; eine Liebesbeziehung, das überstieg wohl ihre Vorstellungskraft. Doch für ihn gab es nichts Besseres als Ferne und Jugend, er wollte leben, hatte er das nicht verdient?
Undine nippte von ihrem Sherry. "Würde es Ihnen sehr viel ausmachen, nicht nach Kenia zu gehen, sondern vielleicht nach Guatemala?"
Ohne Gegenfrage griff er hinter sich, schlug ein Reisehandbuch auf und las ihr vor: "Schiffsreisen ab Genua zwanzig Tage, Flugreisen ab Frankfurt über Canada fünfzehn Stunden bis Mexico, dort täglich Anschluss... Erster Klasse mit Rückflug fünftausend Mark. Wollen wir schwimmen oder fliegen?"
"Sie könnten auf die Safari verzichten?"
"Was brauchen wir denn die? Guatemala ist schon recht. Maya-Ruinen, ewiger Frühling, bester Kaffee der Welt! Wie bist du darauf gekommen?"
"Man könnte da filmen." Ihr Herz klopfte, sie fühlte, dass sie ihn in ein Messer laufen ließ. "Ein Spielfilm... Ein kleines Team; wir und noch zwei andere."
Er schlug den Reiseführer zu. "Ach, so ist das."
Aus. Sein Ton sagte genug. Sie empfand das Scheitern wie einen Schmerz. Ihr kam der Gedanke, sich zu opfern, mit Fischer ins Bett zu gehen, um den Film zu retten. Manchmal hatte sie mit Männern bloß aus Mitleid geschlafen, warum nicht auch jetzt? Gewiss, sie verabscheute die weibliche Fähigkeit, fremdes Verlangen zu nutzen, den Sex an anderes zu koppeln, wusste aber, dass dies eine Waffe der Schwachen war, die einzige vieler Frauen, zum ersten Mal auch für sie? Sie merkte, dass sie rot wurde, und hörte Fischer sagen: "Falls deine Freunde draußen sind, dann hol sie ruhig 'rein."
Erwin Fischer war Berufssoldat gewesen, hatte mit fünfundzwanzig zu den Fallschirmjägern gehört, die, verlustreich und abenteuerlich, Mussolini vom Gran Sasso holten; dann hatte er den Monte Cassino gegen neuseeländische Infanterie verteidigt und dabei einen Fuß verloren. Diese weit zurückliegenden Dinge waren in der Firma bekannt, sie klangen manchmal in Trinksprüchen an, besagten sie doch, dass der Chef schon immer ein Kerl gewesen sei. Nach dem Krieg – kaufmännische Lehre, kleiner Versicherungsagent, dann Gebrauchtwagenhändler. Einmal hatte er Glück gehabt, sein schäbiges Trümmergrundstück fiel in die Bauplanung, mit dem Erlös gründete er die Mosaik-GmbH und ritt, zunächst ohne Branchenkenntnis, auf der steilen Welle des Werbegeschäfts; alles aus eigener Kraft.
Und nun, auf dem Gipfel des Erfolgs, zog Fischer sich zurück. In der krisenempfindlichen Branche drohten jetzt die ersten Pleiten, und die Großen leckten sich die Finger nach denen, die ins Schleudern kamen. Bald schlug der Ölschock voll durch, brachte das Wachstum auf Null; eine Talfahrt ohne Ende. Keiner wusste, wann der Weizen wieder blühte; nie würde es so wie vorher sein... Man bot ihm hier ein Filmprojekt an. Er war gewiss kein Pessimist. In einigen Branchen würde es schon weitergehen. Die Leute wollten immer Filme sehen; viel Zukunft hatte der Pornofilm. Es war falsch, zu glauben, die Sexwelle flache durch Übersättigung ab. Die Menschheit wurde da nie satt, auch die Fresswelle rollte ja weiter, nur in feineren Bereichen. Solche Grundbedürfnisse waren unzerstörbar, wer sie bediente, war krisenfest. Noch bestand sein Studio, und wenn die zwei ihn gebraucht hätten, um Pornos zu drehen, er hätte es sich ernsthaft überlegt. Zwar war seine Neigung zum Unsittlichen gering, ihm fehlte da der Sinn für Feinheiten, doch der Produzent musste kein Kenner sein, wenn er gute Leute hatte; und die zwei da hatten es faustdick hinter den Ohren. Leider wollten sie von ihm viel mehr.
"Wir rechnen mit ganz kleinem Einsatz", sagte Bernsdorff. "Nicht mehr als zweihunderttausend in bar."
"Ich weiß, meine Herren, die Karibik kommt in Mode. Auf Haiti drehen die Italiener noch mal die Geschichte der 'Bounty'-Meuterer, mit hundert nackten Negermädchen... Aber Guatemala? Das ist dort das teuerste Land! Die Währung hängt am Dollar."
Undine sagte: "Aber der Dollar fällt."
Fischer fühlte sich gebremst, er fand ihr Dabeisein störend. In drei Wochen war Weihnachten, er hatte Angst davor, das Fest noch einmal allein zu verbringen, in Hotelbars oder in diesem Haus – Horror vor der verchromten Leere des Ruhestands. In ihm regte sich Unternehmungslust. Aber wenn man Geschäftsvorschläge prüfte, ohne sie von Privatem zu trennen, fiel man leicht auf die Nase. Sosehr ihn Undines Gegenwart erfrischte, sie hinderte ihn, in punkto Sexfilm die Karten auf den Tisch zu legen. Die zwei mochten ja seriöse Partner sein; Kremp missfiel ihm vom Typ her, doch Bernsdorff machte das wett, guter Name im Filmgeschäft, der suchte sich schon seine Leute aus. Was er aber verkannte, war der Umstand, dass man gar nicht nach Übersee musste, um rentabel zu produzieren. Sein Atelier stand hier, hochmodern, leistungsfähig. In gut einem Jahr lockerte sich das Strafrecht, es trat die milde Neufassung des Paragraphen 184 in Kraft. Der jetzt noch graue Markt lud fähige Filmer ein, sich ihren Anteil zu sichern, mit technisch sauberen Streifen, in Farb- und Tonqualität Lichtjahre entfernt vom Schmuddelkram der Dänen... Das hätte er den beiden gern gesagt, es drängte geradezu aus ihm heraus; weil aber Frauen dies vermengten, den Job und den Mann, war ihm der Mund verschlossen.
Dafür musste er anhören, was Kremp ihm erzählte von Volkswiderstand, Neokolonialismus, PR-Regime und progressivem Film. Ausgerechnet er sollte investieren in eine "szenische Dokumentation", mit der man dann auf Festivals ging? Er war neutral, ganz unpolitisch, wie kam er dazu, ein linkes Ding zu drehen? Er lachte trocken auf. "So was bleibt meistens auf der Strecke. Wieso glauben Sie überhaupt, dass man Sie drüben drehen lässt?"
"Das Regime legt Wert auf seine Fassade."
"Die Sie zerfetzen möchten?"
"Herr Fischer, reden wir offen", sagte Bernsdorff. "Angenommen, es geht schief – Sie verlieren trotzdem nichts. Es ist eine steuerbegünstigte künstlerische Produktion. Noch bevor die erste Klappe fällt, blasen wir die Kosten derart auf, dass Sie am Ende mehr an Steuern sparen, als Sie bei uns riskiert haben. Wir geben vierzigtausend für ein Drehbuch aus, das uns Herr Kremp nebenbei schreibt, ganz umsonst. Wir zahlen den Darstellern drüben Gagen, die kein Mensch hier nachprüfen kann. Wir kommen fürs Finanzamt mit Verlust heraus. Das ganze ist ein Abschreibungstrick, so gesehen."
Dies hörte sich schon besser an; Fischer wusste, es traf zu. Ein Spielfilm galt nach einem Spruch des Bundesfinanzhofs während der Herstellung als "immaterielles Wirtschaftsgut" – die ganzen Kosten konnten im Produktionsjahr voll abgeschrieben werden. Wenn man schnell war, drückte man den Jahresgewinn der Mosaik noch weg.
"Die Geschäfte führen Sie", sagte Kremp. "Uns ist es gleich, was Sie zahlen; wir wollen bloß drehen."
Fischer schwieg, das war ihm doch zu dumm. Leute, die selbstlos taten, mochte er nicht; die führten immer was im Schilde.
"Nicht ärgern, Chef", sagte es an seinem Ohr, und er sah, dass Undine bei ihm saß. Sie hatte Kremp ein paar Mal widersprochen, nun tat sie es wieder, und er fühlte, dass sie ihm näher war als einem dieser beiden... Nein, er würde das Fest nicht noch mal allein verbringen! Eher schon mit denen hier, mochten es auch windige Burschen sein; man musste ihnen eben auf die Finger sehen. – "Gut, ich bin dabei. Haben Sie Ihre Pässe mit? In drei Tagen können wir fliegen."
"Da ist Sonntag", sagte Bernsdorff. "Fahrverbot."
"Nicht für mich."
"Kommen Sie so schnell an die Visa?"
"Der Konsul ist mein Freund, wir machen die Spots für seinen Rum."
"Eine Insel suchen", sagte Undine. "Nichts rechtfertigen müssen. Einfach so leben." Auf einmal gefiel ihr das.
Nur Kremp hatte den Pass bei sich.
"Hasso v. Kremp", las Fischer. "Entschuldigen Sie die inkorrekte Anrede – das wusste ich nicht."
"Guter Stall", sagte Bernsdorff. "Wir hatten keine Ahnung."
Undine nahm ihr Glas. "Auf unseren Adel."
"Lassen Sie's bei Kremp", sagte Kremp.
"Sein Onkel ist Botschafter", erklärte Bernsdorff, "sein Schwager Generalmajor."
Undine sagte: "Und der Chef hat das Deutsche Kreuz in Gold."
"Er wird ja auch den Stoßtrupp führen."
"Herr v. Kremp", sagte Fischer, "Sie haben uns da was erzählt von Linkskräften und Volkskrieg – so was ist nicht mein Bier. Aber im Unterschied zu Ihnen, bei mir passt die Herkunft zum Filmstoff. Mein Vater war Bahnarbeiter, Sozialdemokrat."
"Da wir schon bei der Ahnenforschung sind, ich war auch nicht auf Rosen gebettet." Bernsdorff trank seinen Scotch-mit-Wasser aus. "Wir sind ein Querschnitt durchs deutsche Volk. Lasst uns draußen fest zusammenstehen..."
Die Stimme der Stewardess kam aus den Bordlautsprechern, die in der Bespannung steckten – ruhige Stoffe, Geborgenheit überm eisigen Nordatlantik, beruhigende Worte, etwas plärrend: "... nähern uns der Neufundlandbank, tausend Kilometer südlich von Grönland. Wir fliegen in elftausend Meter Höhe mit neunhundert Stundenkilometern. In etwa vierzig Minuten werden wir auf Neufundland zwischenlanden; der Flugplatz Montreal ist wegen Sichtbehinderung geschlossen."
Bernsdorff streckte die Beine aus. Die Triebwerke fauchten so monoton, dass es im Winseln der Frischluftdüsen unterging. Undine schlief, neben ihr blätterte Fischer in der Mappe mit Guatemala-Informationen, die Kremp zusammengestellt hatte. Wenn man auf Neufundland landete, hieß der Flugplatz Gander. Vor gut zwölf Jahren war Bernsdorff schon mal dort gewesen, auf dem Rückweg von Cuba. Er hatte seine letzte Valuta für einen Briefbeschwerer in Gestalt eines Seehunds ausgegeben, dessen Fell die Aufschrift Gander trug, was eigentlich Gänserich hieß. Auch hatte er eine Patentkrawatte gekauft, deren Seiten und Enden vertauschbar waren, so dass es vier Arten gab, sie zu binden. Den Vierfachschlips besaß er noch, der Seehund war in Babelsberg bei Julia geblieben; vermutlich hatte sie ihn Bärbel geschenkt, zum Gedenken an den ruhelosen Vater.
Ach, die Cubaner damals, kurz nach dem Sieg ihrer Revolution! Hinwärts, bei der Zwischenlandung auf den Azoren, hatten cubanische Sportler für ein Gruppenbild vorm Flugzeug ihre Nationalfahne entrollt, als sie US-Soldaten sahen und in ihr Feldgeschrei Cuba si, Yanqui no ausbrachen; ein Vorfall, der zum Verlust ihres Landerechts auf portugiesischem Boden führte... Heimwärts dann, über Neufundland, hatte vor Gander der Wald gebrannt, ein Glutmeer, das die Maschine schüttelte. Der ganze Flugplatz hatte weihnachtlich gerochen, damals im Mai, nach Harz und glimmenden Tannennadeln.
Julia, wie lebte sie, was war aus ihr geworden? Wie eifrig hatte sie immer den Baum geschmückt, schön verpackte Geschenke darunter gelegt und dann, rührend und sentimental, ein Glöckchen geläutet. Er spürte noch immer, gedämpft vom Nebel all der Jahre, ein vages Schuldgefühl. Ihre Beziehung, durch Heirat nie bestätigt, war mit seinem Weggang zerrissen. Wie die Gesichter doch verblassten, man trieb davon, entfernte sich, bis es sie nicht mehr gab. Geschah ihm dasselbe jetzt mit Udo und Marion? Aber nein, er kehrte ja zurück – nur, hatte er das nicht auch damals geglaubt, als sie ihn nach Cannes schickten? Ertrug er keine Bindung, war er ein Vagabund? Wen liebte er denn, zum Teufel, wofür lebte er, wo war der letzte Sinn?
Erinnerungen, Gerüche, Melodien. Es schien ihm, als mische sich in das Triebwerkpfeifen das Lied aus "Vergiss oder stirb"; ein Ohrwurm, akustische Halluzination. Bernsdorff schloss die Augen. Dieses Leben ist eins der schwersten – aber es übt kolossal, wie Hans Christian Blech, der Mörder, in Erich Engels "Affäre Blum" so treffend sagte... Jedenfalls, er spürte wieder, dass er lebte. Er war endlich wieder unterwegs, auf der Spur eines Mannes namens Campano, von dem man im Grunde bloß wusste, dass er seiner Überzeugung treu geblieben war, bis zum (doch wohl bitteren) Ende. In einem Brief Campanos an seine Mutter, veröffentlicht in Habana, hieß es: "Deine Tapferkeit hat mir den letzten Zweifel genommen und mich bestärkt in meinem Kampf, den ich für nichts in der Welt aufgebe, weil der Sinn meiner Existenz darin liegt, eine menschliche Ordnung in unserem Land zu schaffen. Wollen wir zuviel? O nein! Es gibt eine große historische Erfahrung, die lehrt, dass Ziele, die sich nicht sofort erreichen lassen, nie erreicht werden können, wenn sie nicht zu einem Zeitpunkt verkündet werden, an dem es noch unmöglich ist, sie zu erreichen."
Das beste Stück in Kremps Sammlung. Glücklich der Mann, der seiner Sache so sicher war. Während Bernsdorff sich die Sätze wiederholte, schien es, als ginge etwas von ihrer Kraft auf ihn über. Er fühlte sich plötzlich um Jahre verjüngt. Ihm war, als knüpfe er, Campanos Spuren folgend, an eben das an, dem er damals verbittert den Rücken gewandt hatte, weil es sich scheinbar nicht verwirklichen ließ.
Erwin Fischer ließ sich einen Kognak bringen. Von manchem, was Kremp da angestrichen hatte, wurde ihm nachgerade schlecht. Die 28 Linken wurden mit äußerster Grausamkeit behandelt; so Carlos Sosa Varillas, dem man die Hoden ausriss. Er blätterte um. Die Leichen warf man aus einem Flugzeug in den Pazifik. Das reizte nicht zum Weiterlesen, ihm schmerzte der Kopf von diesem Zeug. Er schloss das grüne Taschenbuch und wandte sich fotokopierten Seiten der Enzyklopedia Americana zu, einer solideren Quelle; Seiten aus Band 13 – Goethe bis Hearst. Sein Blick fiel auf den Satz: Guatemala's upper class is not an oligarchy in the sense of El Salvador's Fourteen Families or even Panama's ruling class. Fischer freute sich, das verstand er, und es widersprach auch der linken Deutung, die er eben noch gelesen hatte: Guatemalas Oberschicht ist keine Clique im Sinne der vierzehn Familien von El Salvador oder gar der herrschenden Klasse Panamas. Wer sein Englisch in der Kriegsgefangenschaft gelernt hatte, wo ein ganz anderer Wortschatz wichtig war, der durfte schon ein bisschen stolz auf diese Übersetzung sein.
In das PW-Camp der 5. US-Armee hatte man ihn mit knapp siebenundzwanzig gebracht; Kremp war noch nicht mal so alt. Es gab in diesen Lagern nur zwei Arten von Zerstreuung, Bibelstunden und Englischkurse. Mehr Zulauf hatten die Pastoren: Niederlage, dunkle Zukunft, Ungewissheit über die Angehörigen. Fischer aber wählte Englisch, denn ihm war klar, dass er mit seiner Fußprothese nicht mehr durch Körperkraft vorwärts kam. Gelernt musste werden, dies und das, eisern, doch ohne Bildung auch zu überschätzen. Worauf es wirklich ankam, das war die Mischung von Wissen und Gespür.
Und dieses Gespür sagte ihm jetzt, dass in Kremps Unterlagen irgendwo der Wurm steckte. Da war noch ein Widerspruch. Am Schluss des Artikels der Enzyklopädie, den immerhin ein Doktor der Columbia-Universität verfasst hatte, hieß es: Im August 1968 wurde der US-Botschafter, John..., von Extremisten getötet. Im März 1970... Oberst Arana, der Kandidat einer Rechtskoalition, zwei liberale(n) Kandidaten im Kampf um die Präsidentschaft. Neue Härte gegen Linksextremisten wurde... sichtbar, als die Regierung die Bedingungen der Entführer des westdeutschen Botschafters Karl von Spreti zurückwies.
Ein richtiges Puzzle. Weil die Fotokopie am gekrümmten Innenrand der Buchseite unleserlich wurde, fehlten drei Textstückchen. Die erste Lücke enthielt den Namen des getöteten US-Botschafters, die dritte bloß eine Zeitangabe; entscheidend war die zweite. Was war im März 1970 mit Oberst Arana passiert, hatte er als Kandidat einer Rechtsgruppe gesiegt oder verloren, musste es defeated heißen oder succumbed to? Das erste doch wohl, denn der Oberst konnte zwar zwei Gegner geschlagen haben, aber nur einem unterlegen sein; und nur diesen einen würde das Werk auch nennen, da er Präsident geworden war! Fischer spitzte die Lippen zu einem lautlosen Pfiff.
Der Rest lag auf der Hand. Wenn nämlich Arana als rechter Flügelmann, ein tropischer F. J. Strauß, zwei liberale Bewerber geschlagen hatte und Staatschef war, dann konnte die sanfte PR nicht mehr am Ruder sein, von der Kremp annahm, dass sie gute Formen schätzte. Hier schien was faul, und es rührte an den Nerv der Sache. Falls neue Härte der Stil des Präsidenten war – undenkbar, einen linken Film zu drehen!
Schon wollte er an der schlafenden Undine vorbei den anderen seine Befürchtung mitteilen, da hörte er die Stewardess sagen, man möge sich anschnallen und nicht mehr rauchen, es werde jetzt in Gander gelandet. Er sah zu Kremp hinüber; der schob das Bonbon in den Mund, er blickte sorglos drein, und Fischer dämmerte, dass es falsch gewesen war, die geistige Führung ihm zu überlassen. Was wusste ein so junger Mann denn schon von der Welt?
Gander sah genauso wie in Bernsdorffs Erinnerung aus, nur dass die Sonne schien. Orangegelb funkelte der Schnee, während der Tower malvenfarbene Schatten warf. Bunt lackierte Schneefräsen und Bulldozer räumten die Zufahrten, Kremp filmte es. Und die Sonne wollte nicht untergehen, nachmittags war man abgeflogen, in Europa war Nacht, hier wurde es noch nicht Abend. Ein stiller Flugplatz, sympathisch provinziell; kein Bus, der Weg zur Halle war kurz. Den Andenkenladen bewachte ein Mann der Königlich Canadischen Berittenen Polizei, wenn auch nicht zu Pferde.
"Hübsch, die Schuhe aus Seehundfell", sagte Undine. "Aber in den Tropen?"
"Nimm doch den Briefbeschwerer da."
"Mit 'Gander' drauf – Lutz, ist das kein Kitsch?"
"Das ist ein Seehund fürs Leben."
Bernsdorff suchte nach dem Postamt, doch da war nur ein Automat, der für 50 Cent Briefmarken gab. Er klebte sie auf die zwei Ansichtskarten, die er meistens schrieb. Über ihm hing eine Tafel voll meteorologischer Daten: der kälteste Tag, die längste Nacht, der stärkste Wind, der tiefste Schnee und so fort; sie schienen sehr stolz auf ihr Wetter zu sein. "Was sagen Sie zu Fischers Verdacht?", hörte er Undine fragen.
"Ach", antwortete Kremp, "er nimmt das wie ein Archäologe eine Tempelinschrift. Dabei ist es bloß ein Text, der die Fakten kräftig rafft."
"Ein blindes Huhn findet auch mal ein Korn", sagte Bernsdorff.
"Es muss nicht schon deshalb ein Korn sein, weil das Huhn blind ist..."
Kremp schob das zu flink vom Tisch. Ehe sie wieder einstiegen, kaufte Bernsdorff sich den US News & World Report, das Hausblatt des Pentagons. In den Sesseltaschen steckten nun auch neue Zeitungen, und er fing an, alles durchzusehen. Die Sonne sank in den St. Lawrence-Golf, der hinter Eisfeldern blinkte; rosige Schaumströme zogen vom Westhorizont in die violette Dämmerung der Winternacht.
Zwischen Nova Scotia und den Lichtern von Boston stieß Bernsdorff auf dies: Ein Ruck nach rechts pflanzt sich seit Pinochets Putsch durch Lateinamerika fort. Ob México oder Panama, Uruguay oder Guatemala, überall bekommt die Rechte Auftrieb, droht Reformern Gefahr. In Guatemala entbrennt jetzt der Wahlkampf in einer Atmosphäre der Gewalt, die täglich drei bis vier Todesopfer fordert.
Er beugte sich über den Gang, um es Kremp zu zeigen.
"Immerhin Wahlen", sagte der. "Kein Militärregime! Militärs lassen nicht wählen."
"Da würde ich nicht so sicher sein." Bernsdorff fand, dass er wieder wie eine seiner Figuren sprach; na gut, solange er's noch merkte.
Vier Uhr nachts. Nach Ortszeit hier gerade erst zehn! In einer Viertelstunde, hörte Fischer sagen, erreiche man den Golf von Méxioo bei New Orleans... Er schlürfte Kaffee, sein Denken entwirrte sich, er griff nach dem Material. Etwas war faul gewesen, doch was, fiel ihm nicht ein.
Kremps Rotstift zwang ihn, dies zu lesen: Die Bewaffneten Revolutionären Streitkräfte (FAR) erstarkten durch Zulauf von den Hochschulen. Langsam, wenn auch nicht gänzlich, wurde die FAR zum bewaffneten Arm der kommunistischen Partei. Die Guerilleros entführten eine Reihe prominenter Personen, um sie gegen Häftlinge auszutauschen und auch, um Geld zur Finanzierung ihres Kampfes zu erlangen. Einige Kriminelle nutzten das Durcheinander für Entführungen aus, die sie als FAR-Aktionen tarnten; 1967 entdeckte man, dass der Lenker dieser Kidnapperbanden mit dem Chef des Kriminalamts identisch war.
Der letzte Satz, nicht mehr angestrichen, hakte sich fest, entschädigte ihn für das Vorhergehende. Seine Phantasie erhielt einen Anstoß. Der Polizeichef als Kidnapper, das war besser und zugkräftiger als das, was Bernsdorff wollte. Ein klassischer Gaunerspaß, den jeder gern sah; er hörte schon die Lachsalven. Im Kino wollte man sich gruseln oder lachen, das Leben war schwer genug... Er rüttelte Undine wach. "Das wird unser Stoff, Schuhchen!"
"Wir haben doch schon einen."
"Ach, den Campano – was soll uns denn der Partisan! Sieh mal, die Elite macht in Kidnapping; der Markt ist voll davon. Chabrol dreht 'Nada', Costra-Gavras den 'Unsichtbaren Aufstand', Greenes 'Honorarkonsul' wird auch verfilmt; ich hab mich informiert. Wir hängen uns da einfach an! Es wird nämlich Zeit, dass jemand auf all den Entführungskram eine saftige Parodie setzt."
"Ich bin so müde, Chef."
Er ließ ihr Kaffee kommen. "Folgendermaßen: der Polizeichef gibt seinen Ganoven wieder mal 'nen heißen Tipp. Aber die entführen von einer Party statt des Ölmilliardärs irrtümlich den US-Botschafter. Und statt der Millionen bietet ihnen die Coca-Cola-Regierung, durch den Ölschock pleite, bloß die Freilassung der Politischen. Die kommen also frei und verschleppen ihrerseits den Polizeichef..."
Es boten sich ein paar Varianten an, Einfälle flogen ihm nur so zu. Fischer hatte oft Ideen gehabt, geschäftliche natürlich, er war ja Geschäftsmann, Durchschnittsmensch – eben das ließ ihn den Geschmack des Publikums treffen... Später schien es ihm, als sei die Zeit, da er Pläne schmiedend über das Mississippi-Delta flog, die schönste dieser Reise gewesen.
In México-Stadt war es finster, Mitternacht vorbei, sie glaubten den Hauch des Hochlands zu spüren, doch das war wohl Smog, was da ihre Augen tränen ließ; das fauchende Gift der Jets. Flugsteig und Rolltreppen nahmen sie auf, Beton, Stahl und Glas, dahinter das Spinnennetz der Bahnen im Licht unzähliger Lampen. Bernsdorff wollte nach der Ausrüstung sehen, den zwei Stahlblechkisten, man stieg nun um auf KLM, er fürchtete falsches Verladen.
"Sie müssen hier nicht filmen", sagte Fischer zu Kremp. "Das hat man bei der Olympiade tausendmal gefilmt. Es nützt auch nichts, bei unseren neuen Plänen."
"Herr Fischer, ich hoffe doch, das war ein Scherz."
"Im Gegenteil. Wie kommt man denn als Neuling im Unterhaltungsgeschäft an? Man hängt sich irgendwo dran. Genau das tun wir, mit so einer Parodie! Wir reiten auf der Entführungswelle mit."
Kremp hatte Schatten unter den Augen. "Wir machen aber keine Unterhaltung..."
"Haben Sie das schriftlich, lieber Freund? Spielfilm, steht in unserem Vertrag."
"Ich verstehe vielleicht nichts vom Filmgeschäft, aber..."
"Wohl nicht einmal von Dokumentation. Aus Ihren Unterlagen geht nämlich nicht hervor, was uns erwartet – filmfreundliche Verhältnisse oder eine eiskalte Diktatur."
"Wo gewählt wird, da kann man auch filmen. Aber falls Sie auf Ihrer Idee bestehen, rechnen Sie bitte nicht mit mir."
"Wenn Sie sich für volkstümliche Kunst zu schade sind, Herr v. Kremp, wird man ohne Sie auskommen müssen."
"Bitte!", rief Undine. "Wir sind fünfzehn Stunden unterwegs und fertig mit den Nerven."
"Ein Kameramann findet sich noch immer", sagte Fischer dumpf.
Sie nahm ihn beiseite. "Für ihn brauchten wir zwei – er ist auch unser Dolmetscher, Chef! Zwei Ausländer... Und was wird Bernsdorff tun? Laut Vertrag ist er für den Filminhalt verantwortlich; der einzige Punkt, auf den er Wert gelegt hat."
Sie warteten stumm und erschöpft im kalkigen Licht des Transitraums. Endlich kam Bernsdorff zurück; Undine weihte ihn ein.
"Echter Komödienstoff", sagte er strahlend. "Ich bin sehr davon angetan. Fabelhafte Geschichte, Herr Fischer, ich gratuliere."
Kremp starrte ihn entsetzt und voller Abscheu an.
"Einfach umwerfend! Ein wunderschöner, allerdings ganz anderer, ein zweiter Film. Den nehmen wir uns anschließend vor, wenn Sie mir dann noch wohl gesonnen sind." Bernsdorff rieb sich das gestutzte Haar; er hatte es im Laufe der Jahre gelernt, mit wichtigen Leuten und deren Einfällen umzugehen.
"Sie wollen da also nicht heran?"
"O doch! Wozu der Einfall gleich gut ist – als Tarngeschichte für die Behörden. Wenn man uns dort unten fragt, was wir wollen, kommen wir damit schon heraus."
Fischer lachte gallig auf. "Sie glauben demnach auch nicht mehr, dass dort die SPD regiert..." Die Ablehnung schmerzte, obschon verpackt, aber da war nichts zu machen.
Hasso v. Kremp erwachte durch ein Geräusch. Es war, als ob das Zimmermädchen nebenan hantierte. Er blinzelte in das grünliche Licht, das die Jalousie in Streifen schnitt, und spürte den Atem der Klimaanlage, die ganz lautlos lief; nutzloser Luxus 1400 Meter überm Meer, wo die Luft durchaus bekömmlich war. Ein 50-Dollar-Appartement im Maya Excelsior, dem feinsten Haus von La Cuidad de Guatemala. Das Palace-Hotel hatte Fischer nicht genügt, ganz zu schweigen von dem Pan American Hotel, wo man noch billiger unterkam. Der machte Spesen auf Teufel komm 'raus und setzte sie von der Steuer ab. Ausgezogen, den Hungernden zu helfen, erstickte man im Komfort der Satten.
Kremp hatte ein Barbiturat genommen und spürte es wie Blei in sich. Armut und Folter, dachte er beim leisen Wiegen der Matratze, und drehte sich zur Wand. Bei Sonnenaufgang waren sie mit einer KLM-Maschine gelandet, La Aurora hieß der Flugplatz; der Zoll hatte die gesamte Ausrüstung beschlagnahmt, unter dem Vorwand, er habe Militärflugzeuge gefilmt. Vielleicht nur ein Trick der Zöllner zur Aufbesserung ihres Gehalts? Sie sprachen englisch, Bernsdorff kümmerte sich darum, während Kremp versuchte, die innere Uhr mit Tabletten um sieben Stunden zurückzustellen.
Da war wieder das Geräusch. Hatte er versäumt, das Schild no moleste an die Außentür zu hängen? Wieder misslang es ihm, einzuschlafen. Er fing das Ende des Gedankenfadens, an dem er herabzugleiten hoffte. Armut und Folter, ja, die Titelübersetzung war grell und falsch; Unterentwicklung und Gewalt hätte es heißen müssen... Graham Greene fiel ihm ein, der irgendwo auf eine Klassenschranke verwiesen hatte: nur die Armen würden gefoltert. Greene ließ das einen Geheimdienstler im vorrevolutionären Cuba sagen, doch es stimmte nicht, die Dinge lagen anders. Wo Elend und Luxus aufeinander stießen, da wurde gefoltert, weil das die letzte Waffe des Reichtums gegen die Armut war, die letzte Bastion der Besitzenden vor einem drohenden Umsturz. Aber die Folterer mussten nicht reich und die Opfer mussten nicht arm sein, es hatten beide Seiten ihre Kämpfer, oft Intellektuelle. Schon Marx hatte den Zwiespalt des Kleinbürgers erwähnt, die zwei Seiten seiner Bündnisfähigkeit.
Nebenan knisterte Papier, Kremp richtete sich auf, er wusste nun, dass das Schild nicht stören draußen hing und dass dies ein Eindringling war. Er ging hinüber. Dort erhob sich ein etwa vierzigjähriger Herr; er trug einen hellen Maßanzug, hatte schwarz gewelltes Haar und mandelbraune Augen. "Ich wollte Sie keinesfalls wecken", sagte er, einen Polizeiausweis in der Hand. "Sie hatten einen anstrengenden Flug, ich habe lieber gewartet."
"Hoffentlich war es nicht eintönig für Sie."
