Schwelbrand - Katrine Engberg - E-Book

Schwelbrand E-Book

Katrine Engberg

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Beschreibung

Privatermittlerin Liv Jensen will im Haus eines Klienten Sicherheitskameras installieren, nachdem dort eingebrochen wurde. Währenddessen dringt erneut jemand in das Haus ein! Liv kann sich gerade noch im Keller verstecken, hört aber, wie ihr Klient getötet wird. Sie beginnt zu recherchieren und stößt auf eine Verbindung zu einem 40 Jahre alten Fall. Damals wurde ein junger Mann in der Freistadt Christiania erstochen, die Ermittlungen leitete Livs Großvater! Sie taucht tief in ihre eigene Familiengeschichte ein und muss erkennen, dass ein Mörder frei herumläuft, der genau weiß, wer sie ist.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Übersetzung aus dem Dänischen von Hanne Hammer

© Katrine Engberg 2025

Titel der dänischen Originalausgabe: »De Uønskedes Paradis«, Alpha Forlag, Kopenhagen 2025

© Piper Verlag GmbH, München 2025

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

Covergestaltung: Hafen Werbeagentur, Hamburg

Covermotiv: Bilder unter Lizenzierung von iStock.com genutzt

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Inhalte fremder Webseiten, auf die in diesem Buch (etwa durch Links) hingewiesen wird, macht sich der Verlag nicht zu eigen. Eine Haftung dafür übernimmt der Verlag nicht.

Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Widmung

Zitat

Christiania, Juli 1984

Mittwoch, 16. Oktober

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Christiania, Juli 1984

Donnerstag, 17. Oktober

Kapitel 4

Christiania, Juli 1984

Kapitel 5

Christiania, Juli 1984

Kapitel 6

Christiania, Juli 1984

Freitag, 18. Oktober

Kapitel 7

Christiania, Juli 1984

Kapitel 8

Christiania, Juli 1984

Kapitel 9

Samstag, 19. Oktober

Kapitel 10

Christiania, Juli 1984

Kapitel 11

Kapitel 12

Christiania, Juli 1984

Sonntag, 20. Oktober

Kapitel 13

Christiania, Juli 1984

Kapitel 14

Kapitel 15

Christiania, Juli 1984

Montag, 21. Oktober

Kapitel 16

Kapitel 17

Christiania, Juli 1984

Kapitel 18

Kapitel 19

Christiania, Juli 1984

Dienstag, 22. Oktober

Kapitel 20

Christiania, Juli 1984

Kapitel 21

Christiania, Juli 1984

Kapitel 22

Kapitel 23

Christiania, Juli 1984

Mittwoch, 23. Oktober

Kapitel 24

Kapitel 25

Christiania, Juli 1984

Kapitel 26

Kapitel 27

Christiania, Juli 1984

Donnerstag, 24. Oktober

Kapitel 28

Christiania, Juli 2004

Kapitel 29

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Widmung

Für Anne Mette

Bei Fahrtwind und Gegenwind

Immer Hand in Hand

Zitat

Sie klangen, als hätten sie die Macht übernommen, ohne das zu wollen und nur für einen begrenzten Zeitraum, vielleicht glaubten sie das sogar, und dass direkt um die Ecke ein Paradies läge, in dem die Menschen frei und gleich wären. So sind wir nicht. Wir wissen, dass niemand die Macht ergreift mit der Absicht, sie wieder aufzugeben. Macht ist kein Mittel, sie ist ein Ziel.

George Orwell, »1984«

Christiania, Juli 1984

Er hebt die Hände vors Gesicht, sieht sie an und versucht zu verstehen, dass es die eigenen sind. Der Körper kommt ihm fremd vor. Er liegt auf dem Rücken. Der Kopf tut so weh, dass er sich wünscht, der Schädel würde platzen, sodass das Gehirn hinaussickern könnte. Er dreht den Kopf von der Wand weg und erbricht sich, doch es kommt nichts heraus. Nur Magensäure, die der Körper zu nichts gebrauchen kann.

Die Wände in der kleinen Hütte sind mit Sperrholzplatten verkleidet, die die Kälte über den Winter verzogen hat. Die Hütte liegt direkt am Wallgraben, herrlich abgeschieden, wenn man vögeln will, aber einsam jetzt. Er denkt an die letzten Schlucke Wasser, die er vor drei Tagen aus einer angeschlagenen Henkeltasse getrunken hat. Er erinnert sich an das Gefühl der glatten Keramik zwischen den Fingern, an die Schwere des groben Lehms, den Mette bestimmt selbst in der Werkstatt gedreht hat. Erinnert sich, wie er versucht hat, den Augenblick festzuhalten, wie man das macht, wenn man weiß, dass er besonders ist. Aber man kann Hunger und Durst nicht vorgreifen. Oder dem Verlust.

Wo Mette jetzt wohl ist? Er versucht, sie sich vorzustellen. Doch der Gedanke ist flüchtig und weicht einem Krampf, der sich von den Magenmuskeln in die Brust hoch zum Hals ausbreitet und die Atmung lähmt. Die Kraft reicht nicht länger, um aufzustehen. Die Übelkeit kommt und geht wie die Gezeiten, und der Gedanke an den Wallgraben, der unter ihm plätschert, macht ihn noch kränker.

Er schließt die Augen und bekommt die Atmung unter Kontrolle. Vielleicht schläft er ein, denn als er sie wieder öffnet, scheinen Sonnenstrahlen schon senkrecht an der Kante der roten Bettdecke vorbei, die Mette als Gardine aufgehängt hat. In der Hütte ist es noch warm, und die Pritsche unter ihm ist feucht von Schweiß. Er blickt zur Küche hin, es ist fast zu einer Zwangshandlung geworden. In den ersten Tagen hat er getestet, ob sie das Wasser abgedreht haben. Hat sich hingekniet und auf die Rohre geschlagen, aber vergebens. Er hat die nepalesischen Zigaretten geraucht, die nach Zimt schmecken, und Kartenhäuser und Türme aus Steinen gebaut. Durch die stumpfe Plexiglasscheibe auf den Wasserspiegel geschaut. Jetzt liegt er einfach da. Er kann nur warten, dass sie kommen.

Die Ungeduld ist ihm angeboren, das sagt sein Vater. Sie verstehen sich nicht mehr, und der Vater verbirgt seine Enttäuschung über seine mangelnden Ambitionen und wechselnden Freundinnen nicht. Und über die Drogen, natürlich, darüber haben sie immer wieder gestritten. Doch wenn am Abend in dem Haus am Nytorv die Kerzen angezündet werden und er sich ans Klavier setzt, gelingt es ihm trotzdem jedes Mal, mit etwas Beethoven oder Brahms alles wiedergutzumachen. Die Abkürzung zu Vergebung und Bewunderung von der Familie ist kurz und leicht zu finden.

Er versucht sich zu drehen und auf der Seite zu liegen, doch der Körper schickt Schmerzen von den Augenhöhlen ins Becken hinunter und durch den Magen wieder zurück. Schließlich gibt er auf und lässt den Blick von dem verhangenen Fenster zu dem verstaubten Holzofen neben der Tür wandern. Er versucht zu schlucken, die Zunge ist geschwollen und trocken. Dafür tränen die Augen. Er schließt sie, um das Leck zu stopfen, und bemüht sich, an etwas Schönes zu denken. An den Rausch. An die Tage vor der Katastrophe. Menschen, die noch nie Heroin gespritzt haben, kennen das Gefühl kompletter Freiheit und kompletten Glücks nicht. Etwas, das sich so wahr anfühlt, kann nicht falsch sein.

Ein Knacken ertönt. Er öffnet die Augen, die Tränen fließen wieder. Die Tür geht auf, eine Gestalt löst sich aus der Türöffnung und kommt zu der Pritsche, stellt sich ans Fußende, sodass die Lichtstrahlen sie von hinten treffen. Das Gesicht ist im Dunkeln, und er kann nicht sehen, ob es sein Erlöser oder sein Henker ist. Doch die Flasche in der Hand leuchtet wie ein Gral in der Dämmerung.

»Darf ich …« Seine Stimme versagt, und er hat keine Spucke, um sie weich zu machen. »Bitte …«

Die Gestalt hebt die Flasche an den Mund und trinkt.

Er kann das Wasser über die Zunge gleiten hören, durch den Rachen in die Speiseröhre. Es gluckert wie ein Frühlingsbach. Als die Flasche leer ist, wird sie umgedreht, und die letzten Tropfen fallen auf den Boden. Die Gestalt geht zum Holzofen. Öffnet die Klappe und legt Holz hinein. Zündet es an und schaut ihn an. Wartet, dass die Hitze bei ihm ankommt.

»Nein. Nicht!«

Er erkennt seine eigene Stimme nicht. Die Worte sind eher Laute als Worte. Die Kraft, sich aufzurichten, ist nicht mehr da, das hätte er tun sollen, als er es noch konnte. Jetzt ist es zu spät.

Die Gestalt antwortet nicht, geht einfach hinaus und schließt die Tür. Ein metallisches Klicken verrät ihm, dass sie abgeschlossen wird. Die Minuten vergehen, und er begreift, dass sie nicht wieder aufgehen wird. Er wird nicht gerettet.

Mittwoch, 16. Oktober

Kapitel 1

Der Leichenwagen fuhr rückwärts die schmale Straße entlang, die zum Krematorium führte. Das Auto hielt, und der Fahrer stieg aus und öffnete den Kofferraum. Ein weißer Sarg mit Sargschmuck in Herbstfarben wurde auf einem Wagen herausgefahren und zur Pforte gerollt. Zum Ofen und dem allerletzten Feuer. Liv sah zu, wie er verschwand, und ging weiter auf den Friedhof.

Niedrige Buchsbaumhecken umrundeten die Grasflächen in rechten Winkeln und zäunten den Gedenkstein der Gemeinschaftsgrabstätte ordentlich ein. Der Anblick erinnerte sie an den Garten des Reihenhauses ihrer Eltern, achthundert Meter von hier entfernt. Getrimmt und unter Kontrolle, nicht ein Grashalm zu lang oder ungebändigt. Unter den Toten herrschte offenbar nicht die Erwartung, dass es gemütlich sein sollte.

»Wo sind die Blumen? Hast du die im Auto vergessen? Ich habe doch gesagt, dass du sie aus dem Kofferraum holen sollst.« Livs Mutter klang, als sei der Tag ruiniert.

»Beruhig dich, Schatz, ich habe sie hier.«

Ihre Eltern hackten ein Stück auf dem Weg hinter ihr routiniert aufeinander herum. Ihr Umgangston war so verinnerlicht, dass sie ihn selbst schon lange nicht mehr wahrnahmen. Kleine Vorwürfe wurden mit einem Lachen kaschiert, was weder lustig noch liebevoll war. Merete und Erik Jensen waren seit zweiunddreißig Jahren verheiratet, und ihr Leben wurde von Gewohnheiten zusammengehalten. Eine davon war, dass sie immer mit dem Auto zum Friedhof fuhren, obwohl sie fußläufig wohnten.

Liv wurde schneller.

Die Bäume entlang des Kieswegs leuchteten orange und gelb. Im Himmel ist immer Herbst, dachte sie, während sie den Blick über die flachen Grabsteine schweifen ließ. Das hatte ihr Großvater immer gesagt, wenn der Kalender wieder den 1. Oktober zeigte und sie über einen weiteren Sommer jammerte, den sie nicht hinreichend ausgekostet hatte. Er hatte sie gelehrt, Kastanien zu rösten und Gulasch mit scharfer Paprika zu kochen, und er war es, der sie gezwungen hatte, im Sessel zu sitzen und Pu der Bär und die Mumins zu lesen, bis sie eines Tages von selbst nach Büchern gegriffen hatte. Großvater war der Baum, in dessen Schatten sie aufgewachsen war. Jetzt lag er selbst unter einem.

Sie fand seinen Grabstein zwischen den anderen auf dem Rasen. Der dritte von links, der vierte von unten. Sie ging in die Hocke und entfernte die Blätter, die an der nassen Oberfläche klebten und den Namen verdeckten.

Kriminalkommissar Carl Gunnar Jensen, vermisst und geliebt

Fünfzehn Jahre waren vergangen, seit ihr Großvater gestorben war, und Liv hatte sich längst an ein Leben ohne ihn gewöhnt. Doch wenn sie sein Grab besuchte, war die Trauer wieder spürbar, das einseitige Gespräch gleichzeitig echt und imaginär. Sodass sie es in der Regel mied. Stattdessen sprach sie mit ihm, wenn Vollmond war. Sie hatten ihn so gerne zusammen betrachtet.

Ihre Eltern erreichten das Grab, und sie murmelte vor allem ihretwegen: »Hallo Großvater, herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.«

Am letzten Geburtstag, den sie noch gemeinsam hatten feiern können, hatte er den Erdbeerkuchen nicht gegessen, den sie mit ins Hospiz gebracht hatte, gekauft von ihrem Taschengeld und ein paar Münzen aus dem Portemonnaie ihrer Mutter, das in der Diele gelegen hatte. Die Geschwüre im Hals waren so schmerzhaft, dass er nicht einmal die eigene Spucke schlucken konnte. Sie hatte eine einzige Strophe von einem Lied gesungen, und er hatte matt gelächelt und sie mit dem Zeigefinger gepiekst wie in ihrer Kindheit, als er sie durchgekitzelt hatte. Es schien ihr wie eine Ewigkeit her, sie war jetzt ein anderer Mensch.

»Und wo stehen noch mal die Vasen?«

»Das ist eine Topfblume.« Der Grundton in der Stimme ihrer Mutter war Gereiztheit. Vor allem, wenn sie sich an ihren Vater wandte. »Du kannst sie mir geben, dann packe ich sie selbst aus.«

Livs Eltern erfüllten die Luft über ihrem Kopf mit kurzen Fragen und Antworten. Merete befreite die Pflanze von dem knisternden Papier und stellte sie erst in die eine Ecke neben den Stein und dann in die andere.

»Sag mal, war Tante Anne überhaupt hier? Hätte sie nicht auch eine Blume mitgebracht?«

Meretes versteckte Kritik prallte an Erik ab. Aus seiner Sicht war seine kleine Schwester unfehlbar.

»Sie kommt bestimmt später, sie arbeitet sicher noch.« Er drehte sich zu Liv um. »Ich soll dich übrigens von ihr grüßen und fragen, ob es dich noch gibt.«

Liv lächelte angestrengt als Antwort.

»Wann hast du deine Tante das letzte Mal besucht?«

»Ich werde sie anrufen.«

Die Eltern wechselten einen Blick.

»Wie alt wäre er heute geworden, wenn er noch am Leben wäre? Fünfundachtzig?«

»Vierundachtzig«, korrigierte Liv ihre Mutter und richtete sich auf, sodass sie einen Schritt zur Seite machen und dem Arm ausweichen konnte, den Merete ihr um die Schultern legen wollte.

»Richtig.«

»Wir haben ihn viel zu früh verloren. Diese verdammte Krankheit!« Erik klang bewegt, doch Liv hatte ihn das zu oft sagen hören, um den Worten Beachtung zu schenken. Das Vorrecht auf die Trauer hatte nach wie vor sie, niemand hatte Großvater so gekannt wie sie, so geliebt.

Sie sahen stumm auf den Grabstein, während sie abwechselnd seufzten, als wäre die Trauer ihnen gemeinsam. Leise zählte Liv die Sekunden und lauschte dem schweren Atmen ihres Vaters durch die Nase. Er war nie ein Vorbild gewesen, die Achtung hatte eine Generation übersprungen. Es fiel ihr schwer, ihm das zu vergeben.

Livs Handy klingelte in der Jackentasche. Der Ton war unpassend laut. Sie griff nach dem Handy und sah Petter Bohms Nummer.

»Da muss ich rangehen. Wir sehen uns draußen am Auto.«

Sie eilte davon, sodass sie die vorwurfsvollen Blicke nicht mitbekam, und meldete sich.

»Hei Petter?« Sie ließ die Begrüßung wie eine Frage klingen.

»Es ist alles okay, deshalb rufe ich nicht an.«

Seit bei ihrem alten Freund und Mentor vor knapp einem halben Jahr eine frühe Demenz diagnostiziert worden war, begannen ihre Gespräche oft damit, dass er sie beruhigte.

»Hast du die Ausschreibung gesehen?«

»Nein.« Liv trat einen heruntergefallenen Ast im Kies vor sich her, holte ihn ein und trat erneut zu.

»Wir haben eine Ermittlerstelle in unserer Abteilung ausgeschrieben.«

»Wann?«

»Vorgestern, Montag. Ich darf so was ja im Voraus nicht weitergeben. Hast du es nicht gesehen?«

Liv spürte ein Ziehen in der Brust und blieb stehen, um tief Luft zu holen. Nachdem sie anderthalb Jahre gewartet hatte, eröffnete sich ihr endlich die Möglichkeit, in den Polizeidienst zurückzukehren. Und nicht irgendeine Stelle, sondern die einer Ermittlerin in der Abteilung für Gewaltkriminalität in Kopenhagen.

»Du musst dich natürlich auf die Stelle bewerben, Liv, das ist klar.« Er räusperte sich verlegen. »Aber du bist nicht der einzige Anwärter.«

»Wie meinst du das?«

»Ich habe das nicht allein zu entscheiden … Die Führungsebene hat jemanden aus Jütland im Visier, der offenbar positiv von sich reden gemacht hat. Ich kenne ihn nicht.«

Liv konnte die Schritte ihrer Eltern auf dem Kies hören und ging schneller. Jemanden aus Jütland! Musste sie jetzt Angst haben, in Petters ureigenster Domäne ausgebootet zu werden?

»Aber entscheidest nicht du, wen ihr einstellt? Folgt die Führungsspitze letztendlich nicht deiner Empfehlung?«

»Mmm. Bis zu einem gewissen Grad. Ich sage ja auch, dass du dich bewerben sollst, Kleine.«

Sie schwieg.

»Nun, das war’s eigentlich …« Er wartete eindeutig darauf, dass sie etwas sagte, aber ihr fiel nichts ein. »Wir reden wieder, Liv. Tschüss, bis dann.«

Er legte auf. Sie blieb mit dem Handy in der Hand stehen, bis ihre Eltern sie eingeholt hatten. Sie lächelten und sahen aus, als hätten sie sich abgesprochen, etwas für die gute Stimmung zu tun und den Tag netter zu machen. Merete drückte ihren Arm.

»Wer war das?«

Liv antwortete, bevor sie sich selbst stoppen konnte. Normalerweise teilte sie ihre Träume und Hoffnungen nicht mit ihren Eltern.

»Petter braucht einen Ermittler im Präsidium. Ich soll mich bewerben.«

»Oh, Glückwunsch, Schatz! Erik, hast du das gehört? Petter hat Liv gefragt, ob sie für ihn arbeiten will!«

Erik klopfte seiner Tochter auf die Schulter.

»Ich habe die Stellung noch nicht bekommen, sie ist lediglich ausgeschrieben worden«, protestierte sie.

»Ja, ja, aber das ist doch trotzdem spannend. Lass uns das mit Kaffee und Kuchen feiern.«

*

»Bist du allein?«

Der Trainer zog einen Riemen an Hannahs Klettergurt fest und sah zu der digitalen Wanduhr hoch, die neben der Kletterwand hing. Sie schaute ebenfalls hin. Es war zwanzig nach elf, und Einführung und Umkleiden waren überstanden. Nima antwortete nicht auf ihre Nachrichten. Sie musste der Tatsache ins Auge sehen, dass er sie versetzt hatte.

»Mein Freund ist leider verhindert, deshalb mache ich den Kurs allein.«

Er nickte, dass die unter dem Helm hervorguckenden Locken wippten. »Wir können die Kosten leider nicht erstatten, wenn …«

»Das ist in Ordnung«, unterbrach sie ihn und schielte zu den anderen Kursteilnehmern hin. Die meisten hatten graue Haare, standen paarweise zusammen und warteten stumm, den Blick auf sie gerichtet. Sie lächelte ihnen zu. Hier gab es keine Probleme, hier gab es nichts zu sehen. Nur eine zweiundvierzigjährige Frau, die an einem ganz gewöhnlichen Werktag allein an einem Kletterkurs teilnahm, während alle anderen zur Arbeit gingen.

»Gut, dann kletterst du einfach mit mir. Ich heiße Markus.«

»Hannah.«

Der Trainer stürzte sich in eine Vorstellung der Kletterwände in der Halle, und Hannah betrachtete die gelben und orangefarbenen Flächen und Griffe ohne Begeisterung.

Sie hatte Nima ohnehin mit einem gewissen Vorbehalt vorgeschlagen, hier herauszufahren. Ein entwurzelter Mann, der mitten im Leben stand und der durch einen Kletterkurs lernen sollte, ihr und dem Leben zu vertrauen? Das war fast zu klischeehaft. Doch zufälligerweise hatte sie schon lange davon geträumt, das mit dem Klettern einmal auszuprobieren, und es schien ihr eine nette Alternative zu Abendessen mit Rotwein und Mitternachtssex. Nima war da offenbar anderer Meinung.

Hannah schluckte den Geschmack der Enttäuschung hinunter. Er hätte zumindest anrufen und absagen können. Aber verdammt noch mal, sie würde sich das Erlebnis nicht von einem Mann verderben lassen. Sie konzentrierte sich auf den Redeschwall des Trainers.

»Der, der am Boden steht, hält das Seil stramm, aber nicht zu stramm. Es soll dem Kletternden ein Gefühl der Sicherheit geben, aber nicht seine Bewegungen behindern.«

Hannah, die langsam den Faden und das Interesse verlor, ging in die Hocke und zog die Kletterschuhe fest. Vielleicht hätte sie einfach gehen sollen, statt das Ganze alleine durchzuziehen. Letztlich hatte sie sich trotz allem hauptsächlich wegen Nima darauf eingelassen. Er musste sich bewegen, und sie war sicher, dass körperliche Aktivität ihn aus der Melancholie reißen konnte, in die er so oft verfiel. Und sie auch, um ehrlich zu sein.

Die Kündigung des Rigshospital hatte ihr den Boden unter den Füßen weggezogen. Sie hatte sehr wohl gewusst, dass das passieren konnte, und war im Grunde genommen darauf vorbereitet gewesen – so weit, dass sie die Möglichkeit mit Freundinnen durchgesprochen hatte –, und dennoch hatte es sie überrascht. Dass sie gefeuert wurde. Dass ausgerechnet sie entbehrlich war.

Sie hatten es ihr als Umstrukturierung und Sparmaßnahme verkauft, doch sie wusste, dass der Hauptgrund der war, dass der Stationsarzt des Centers für sexuelle Übergriffe sie nicht mochte. Es hatte ihm bei ihrem Abschlussgespräch nur so aus den Augen gestrahlt, obwohl er versuchte, empathisch und bedauernd zu wirken. Er hatte es kurz und konstruktiv gehalten, und sie ging mit einem Loch in ihrem Selbstvertrauen und einer netten Abfindung. Jetzt hatte sie drei Monate, um etwas Neues zu finden.

Einerseits machte es ihr Angst, nicht zu wissen, wie sie in Zukunft die Miete verdienen sollte, andererseits hatte sie jetzt die Möglichkeit, ihr Leben noch einmal neu zu überdenken. Sie war im öffentlichen Dienst tätig gewesen, seit sie vor sechzehn Jahren ihr Psychologiestudium beendet hatte. Vielleicht war es an der Zeit, ihre eigene Herrin zu werden. Und über kurz oder lang ins kalte Wasser zu springen und sich selbstständig zu machen.

»Seid ihr bereit? Wir beginnen mit Bouldern.«

Der Trainer klatschte zweimal in die Hände und führte die Gruppe zu einer langen, niedrigen Wand, unter der Matratzen lagen. Das alles hatte etwas von einem Kinderhort.

»Ruhige Bewegungen, ruhige Atmung. Klettern ist ein mentaler Sport, auch wenn ich euch garantiere, dass ihr morgen auch in Armen und Beinen merkt, was ihr getan habt … Immer zu zweit, der eine klettert, der andere wartet unten.« Er zeigte auf Hannah. »Komm rüber, dann zeigen wir den anderen, wie es geht. Ihr könnt zugucken.«

Sie ging zu der Wand, die Nerven zum Zerreißen gespannt. Sie packte den ersten Griff und sah den Trainer an, der zustimmend nickte. Die Kursteilnehmer kamen herüber und stellten sich in einem Halbkreis um sie auf. Hannah trat mit dem rechten Fuß auf einen lila Griff und zog sich langsam hoch. Er war nur einen halben Meter über dem Boden, doch das Gefühl war überwältigend. Als würde sie abheben. Sie wechselte die Hand und fand einen höheren Griff für den linken Fuß, doch als sie auftrat, merkte sie, wie der Trainer nach dem Gurt griff.

»Okay, gut, Hanne, ich halte dich hier mal fest.«

»Hannah«, verbesserte sie ihn.

»Yes, sorry. Halte dich so fest. Seht ihr, was sie falsch macht?«

Die Gruppe kam mit Vorschlägen. Hannah taten die Arme weh, und das Gefühl der Freiheit verflüchtigte sich still und leise. Sie sah zu der Wand hoch, die ihr jetzt viel höher vorkam als noch vor einem Moment, fast unüberwindbar.

*

Liv schaffte es, das Kaffeetrinken im Wintergarten ihrer Eltern in weniger als einer Stunde hinter sich zu bringen. Als sie die Tür zu ihrer Kellerwohnung in Vesterbro aufschloss, fragte sie sich, ob andere es aushielten, längere Zeit mit ihren Eltern zusammen zu sein, es womöglich sogar genossen. Für sie war es eine Quelle ständigen Ärgers, dass sie nicht besser darin war, ihre Liebe anzunehmen. So viele Menschen, die sie mochten, gab es nun auch wieder nicht.

Im Fortspinnen dieses Gedankens tauchte das Gespräch mit Petter auf und machte sich als Unruhe im Körper breit. Warum hatte er ihr nicht sofort gesagt, dass eine Stelle frei wurde? In der Mordkommission? Im letzten Jahr hatte er sie mehr als einmal wissen lassen, dass die nächste offene Stelle in der Abteilung ihre sein würde. Klar spielte es eine Rolle, was er offiziell sagen durfte und was nicht, doch davon ließ er sich gewöhnlich nicht beeindrucken, wenn er sie um Hilfe bei einem Fall bat. Waren das Demenzsymptome oder ein Zeichen, dass sie ihm weniger bedeutete als er ihr?

Sie schälte sich aus der Jacke, warf die Schlüssel auf den Küchentisch und kippte eine Portion Havre-Fras-Müsli mit Milch in eine Schale, die sie mit an den Arbeitstisch zum Computer nahm. Sie rief die Stellenausschreibung auf, wischte sich Milch vom Kinn und öffnete ein neues Dokument. In den achtzehn Monaten, die vergangen waren, seit sie ihre Stelle bei der Polizei in Nordjütland gekündigt hatte und zurück nach Kopenhagen gezogen war, hatte sie von einer Anstellung in Teglholmen fantasiert. Aber sie hatte sich nicht ein einziges Mal vorgestellt, einen Bewerbungsprozess durchlaufen zu müssen, hatte keinen Lebenslauf ausgearbeitet und nicht ein einziges Argument vorbereitet, warum man sich für sie entscheiden sollte. Es war kindlich von ihr gewesen und hoffnungslos naiv. Sie hatte wohl geglaubt, dass Petter etwas sagen würde wie jetzt ist es so weit! und dass sie dann ihren Dienstausweis und eine Dienstwaffe bekam und anfangen konnte.

Sie las die Ausschreibung und machte sich Notizen.

Hart arbeitend, zuverlässig, engagiert. Ihre Studienunterlagen, wo waren die? Ein Zeugnis ihres vorherigen Arbeitgebers dürfte wohl schwer zu bekommen sein. Der Gedanke, sich an ein Einstellungskomitee zu verkaufen, das aus Petter und einer Reihe fremder Menschen bestand, war ihr unangenehm. Aber er würde sich für sie einsetzen, natürlich würde er das.

Das Telefon klingelte, als sie den Mund voll Hafermüsli hatte. Sie meldete sich, ohne ganz ausgekaut zu haben.

»LJ Privatdetektive.«

»Öh … spreche ich mit Liv Jensen?« Die Stimme gehörte einem älteren Mann und zitterte vor Nervosität.

Sie schluckte ihr Müsli herunter. »Ja, das bin ich.«

»Mein Name ist Bo Riebenau. Ich habe Ihren Großvater gekannt.« Die letzten Worte schrie er fast. Vielleicht, um die Angst im Zaum zu halten. »Carl Gunnar. Wir haben uns in Christiania kennengelernt, als wir jung waren.« Er seufzte wie als Bekundung von Sympathie und Ärger. »Ich habe gehört, dass er an Krebs gestorben ist. Viel zu früh. Ist das jetzt zehn Jahre her?«

»Fünfzehn.« Sie stand auf und brachte die Schale zum Spülbecken. Sie musste saugen, sie sah es an den Staubflusen, die aufstoben und über die Bodendielen flogen, wenn sie sich bewegte. »Sie brauchen eine Privatdetektivin?«

Er seufzte. »Ja, ich glaube schon. Vielleicht können Sie mir helfen einzuschätzen, ob ich richtigliege. Es kann sein, dass ich überreagiere.«

»Was ist passiert?«

Es knisterte in der Leitung. »Ich würde lieber von Angesicht zu Angesicht mit Ihnen reden. Verzeihen Sie, wenn ich da altmodisch bin, aber das erscheint mir sicherer. Haben Sie die Möglichkeit vorbeizukommen?« Im Hintergrund war Lärm zu hören, sodass sie den Hörer ein Stück vom Ohr halten musste. »Entschuldigung, mit dem Alter habe ich offenbar zwei linke Hände bekommen. Ich kann die Sachen nicht mehr richtig festhalten … Ich wohne in den Kartoffelreihen. Sie sind doch auch in Kopenhagen, nicht?«

»Wann haben Sie denn gedacht?«

»So bald wie möglich.«

Liv warf einen Blick auf den Computer und die unfertige Bewerbung, die auf sie wartete.

»Schicken Sie mir eine SMS mit der Adresse. Ich kann in einer halben Stunde bei Ihnen sein.«

*

Wände aus Stahlbeton und große Glasflächen mit Aussicht auf das Wasser – die Schule in Sydhavnen hatte definitiv keine Ähnlichkeit mit der Grundschule in Qaem-Schahr, in die Nima Ansari als Kind gegangen war. Das moderne Gebäude erinnerte eher an ein schickes Theater als an eine öffentliche Lernstätte für Kinder. Die Schüler, die durch den Gang liefen, in dem er saß, sahen auf den ersten Blick zufrieden aus. Ihr fröhliches Kreischen tat ihm in den Ohren weh und zupfte an seinen ausgefransten Nerven.

Er zog sein Handy heraus, um zu sehen, wie spät es war. Hannah hatte angerufen, und er erinnerte sich mit einem schlechten Gewissen, dass sie heute verabredet gewesen waren und er nach dem Anruf aus der Schule vergessen hatte abzusagen. Er wollte ihr gerade eine Nachricht schreiben und es erklären, als die Tür zum Büro der Schulleitung aufging.

»Shirins Onkel? Nima?«

Die Schulleiterin hatte dunkle Haare und trug große Goldohrringe. Ihm kam der Gedanke, dass er vermutlich mit ihr geflirtet hätte, hätte er sie in einer Bar getroffen. Doch jetzt stand er auf, steckte das Handy weg und gab ihr mit ernster, der Situation hoffentlich angemessener Miene die Hand.

»Ich bin gekommen, so schnell ich konnte.«

»Und das wissen wir zu schätzen.«

»Ist sie okay?«

»Ihrer Nichte ist, wie gesagt, nichts passiert. Sie wartet da drinnen.«

Die Schuldirektorin führte ihn in ein Büro mit hellen Holzmöbeln, Kunstplakaten und Designerlampen. Vor dem Schreibtisch saß seine Nichte, schlaksig und mit krummem Rücken, und zog an einem Loch am Knie ihrer Jeans.

Sie wohnten seit knapp einem halben Jahr zusammen auf seinem Schleppboot im Fischereihafen, doch er war jetzt erst zu ihrem offiziellen Vormund ernannt worden. Und sie hatte nach den Sommerferien auf der neuen Schule angefangen. Das Leben war zerbrechlich, und jeder Tag bot neue Herausforderungen. Menstruationsschmerzen, Mathematikaufgaben und eine Gruppe von Mädchen in ihrer Klasse, die sie ausschlossen, wie um alles in der Welt sollte er mit alldem umgehen? Offenbar bedurfte es nahezu magischer Fähigkeiten, eine Fünfzehnjährige zu erziehen.

»Hei Shirin.« Er strich ihr über den Hinterkopf und spürte, wie ihr seine Hand unangenehm war. »Was ist passiert?«

Sie nestelte weiter an ihrer Hose herum und antwortete nicht. Die Direktorin legte eine grüne Süßigkeitentüte auf den Tisch.

»Hierum geht es. Nehmen Sie Platz.«

Nima setzte sich neben Shirin und versuchte zu lesen, was auf der Tüte stand, obwohl das nicht nötig war. Er kannte die Beschriftung.

»Shirin hatte diese Tüte mit Gummibärchen in ihrer Schultasche. Sie selbst hat keine Erklärung, woher sie kommen. Können Sie etwas dazu sagen?«

»Nein.« Das stimmte und stimmte auch wieder nicht. Er konnte nichts zu diesen Gummibärchen sagen, wusste aber nur zu gut, was in der Tüte war. Grüner Weingummi mit dem Geschmack nach frischen Äpfeln und einem Kern aus THC. Man wurde schon von einem einzigen high, vor allem, wenn man ein kleiner Scheißer war, der in die neunte Klasse ging. »Shirin, gehören die dir?«

»Ich weiß nicht, wo die herkommen«, murmelte sie, ohne aufzublicken.

»Und wie sind sie in deine Tasche gekommen?«

Sie zuckte die Schultern. Nima suchte nach einer Erklärung. Sie müsste nicht einmal stimmen, sie müsste ihnen nur aus der Patsche helfen. Die Direktorin kam ihm zuvor.

»Die Schule verfolgt eine Null-Toleranz-Politik was Drogen angeht. Sie sind leider ein wachsendes Problem in den oberen Klassen, sodass wir gezwungen sind, hart durchzugreifen. Der Besitz von Drogen ist ein Verweisgrund und zieht automatisch eine Strafanzeige nach sich.«

Nima nickte und merkte, wie das Kartenhaus seiner Vormundschaft in sich zusammenfiel. Gerade jetzt, wo er geglaubt hatte, sie wären auf dem Weg zu einer größeren Vertrautheit und Shirin in ihrem neuen Leben angekommen. Wie hatte er sich so irren können?

»Dass ich die Polizei noch nicht informiert habe, liegt … äh … an den besonderen Umständen, in denen Sie sich befinden. Die Schule hat dafür Verständnis, wie schwer das alles für dich sein muss, Shirin.«

Zu den Umständen, auf die die Direktorin anspielte, gehörten ein ermordeter Vater und eine zerstörte Familie. Schweres Gepäck für schmale Kinderschultern.

»Was heißt das?« Nima glaubte einen Lichtschimmer im Dunkeln zu erhaschen.

»Das heißt, dass wir dir zunächst einmal den Zweifel zugutekommen lassen, Shirin, und nicht den bösen Zungen glauben, die behaupten, dass du in der großen Pause neben dem Fahrradständer Hasch-Gummibärchen verkaufst.« Die Schuldirektorin lächelte sie beide an, aber angespannt, wie eine Ermahnung.

Nima hörte sich selbst nach Luft schnappen, langsam und zischend, wie sein Vater es immer getan hatte, wenn er oder seine Schwester unartig gewesen waren. Shirin weigerte sich, ihn anzusehen.

»Wir schicken dich für den Rest der Woche nach Hause, dann kannst du mit deinem Onkel reden, und am Montag treffen wir uns mit dem Schulpsychologen und einem Freizeitpädagogen wieder und unterhalten uns darüber, wie es weitergeht.« Die Schuldirektorin schob den Stuhl zurück und stand auf. »Abgemacht, Shirin?«

Sie nickte, stand auf und warf sich den Rucksack über die Schulter. Auf dem Weg zum Auto hob sie nicht einmal den Blick vom Asphalt.

Kapitel 2

Auf dem Weg zu Bo Riebenau flammte Livs Fieber auf. Im Laufe des letzten Jahres waren die Anfälle wie aus dem Nichts gekommen und wieder vorübergegangen, doch nachdem sie durchgecheckt und alles von Krebs bis HIV und Tropenkrankheiten ausgeschlossen und sie für gesund befunden worden war, hatte sie sich mit den unerklärlichen Symptomen arrangiert. »Psychosomatisch« lautete die Einschätzung der Ärzte, die sie konsultiert hatte. Was sollte sie dazu sagen? Wenn die Medizin mit ihrem Latein am Ende war, blieb dieser nichts anderes übrig, als die Verantwortung dem Patienten zuzuschieben. Ein Arzt hatte ihr eine Psychotherapie empfohlen, ein Vorschlag, den sie mit genau dem Maß an Respekt zur Kenntnis genommen hatte, das sie für angemessen hielt. Einem Verdrehen der Augen und einem schnellen Abgang.

Jetzt radelte sie mit heißen Wangen an den Seen entlang und wünschte, sie hätte eine Paracetamol genommen. Sie fuhr im Zickzack zwischen den anderen Radfahrern hindurch und atmete tief die Herbstluft ein, wobei sie die dunklen Wolken im Auge behielt.

Bos Zuhause in der Hallinsgade 15 war ein älteres Reihenhaus. Ursprünglich für Arbeiter gebaut, waren diese Häuser inzwischen en vogue, und das kleine Viertel im Herzen von Østerbro war heute hauptsächlich von Familien mit Kindern bewohnt, die sich Lastenräder und Jeeps leisten konnten. In Bos Vorgarten gab es weder Spielsachen noch Transportmittel, dafür aber ein paar große Rosenbüsche mit verwelkten Blüten. Das Namensschild war alt und schien schon seit Jahrzehnten neben der Klingel zu hängen.

Er öffnete die Tür und überraschte sie gleich doppelt, da er älter aussah als erwartet, andererseits aber einem Dreißigjährigen glich. Das Gesicht war schmal und zerfurcht, das Haar über den hohen Schläfen grau, doch der Körper schlank und jugendlich in umgekrempelten Jeans und einem eng sitzenden Wollblazer mit kleinen Karos. Ein warmes Lächeln spaltete die Gesichtshaut in tausend kleine Falten.

»Das nennt man ein schnelles Ausrücken. Was für ein Service!« Sein Händedruck war knochig und schlaff, die Augen flackerten. »Gicht in den Fingern, verfluchte Krankheit. Trinken Sie Chai? Sie können ihn mit oder ohne Milch bekommen.«

»Danke, ich möchte nichts.« Liv trat in Bos Reihenhaus, hängte die Jacke an einen Haken hinter der Haustür und machte einen Bogen um ein Stück Abdeckfolie und einen offenen Werkzeugkasten.

»Ich bringe Kleiderhaken an«, erklärte er. »Aber ich kann das Werkzeug nicht festhalten, und die Wand bröselt, wenn ich bohre. Das wächst sich zu einem größeren Projekt aus.«

Liv sah an der löchrigen Wand hoch, doch ihr fiel nichts Tröstliches ein. Es sah schlimm aus. Sie holte ein Notizbuch aus dem Rucksack. »Wo können wir uns hinsetzen?«

Bo führte sie eine steile Treppe in die erste Etage hoch, die mit Möbeln aus den Sechzigerjahren und dicht bepackten Bücherregalen eingerichtet war. Liv musste sich unter einer Deckenlampe ducken, was bei ihrer bescheidenen Größe von eins zweiundsechzig bedeutete, dass die Decke wirklich niedrig war. An der Wand gegenüber den Regalen leuchtete ein bunter Teppich, der Liv an die Zeit erinnerte, als ihre Mutter einen Abendkurs im Weben gemacht und überlegt hatte, ihre Stelle als Schulsekretärin zu kündigen und sich als selbstständige Künstlerin zu versuchen.

Er zog Liv an dem ellipsenförmigen Tisch im Wohnzimmer einen Stuhl vor und begann hektisch zu reden. Die Hände flatterten nervös in der Luft. »Kennen Sie die Kartoffelreihen? Gebaut im englischen Stil Ende des 18. Jahrhunderts für die Arbeiter der Schiffswerft B&W. Das Viertel sieht fast noch immer so aus wie damals.«

»Aha. Schön.« Liv öffnete ihr Notizbuch. »Was kann ich für Sie tun?«

Er setzte sich, legte die Hände flach auf den Tisch und seufzte. »Ich bekomme Anrufe. Von einer unterdrückten Nummer, Tag und Nacht. Manchmal fünfzig in vierundzwanzig Stunden. Wenn ich mich melde, sagt niemand etwas. Das ist … beunruhigend.«

»Wie lange geht das schon?«

»Eine Woche, vielleicht zehn Tage.« Er lehnte sich auf dem Stuhl zurück und seufzte erneut, griff nach der Tasse und drehte sie. »Gestern war ich in der Stadt zum Mittagessen verabredet, und als ich nach Hause kam, sah es so aus, als wäre jemand hier gewesen, während ich weg war.«

Sie sah von dem Notizbuch auf. »Also ein Einbruch?«

»Ja. Das Schloss war nicht aufgebrochen, aber der Extraschlüssel unter dem Blumentopf neben der Tür lag anders. Und in der Diele war Erde auf dem Boden. Ich ziehe immer draußen die Stiefel aus.«

»Fehlt etwas?«

»Auf den ersten Blick nicht.«

Bo ließ den Blick zu einem der überfüllten Regale wandern, als müsse er über die Frage nachdenken. Liv sah auf die noch immer leere Seite in ihrem Notizbuch.

»Ich habe meine Kinder gefragt, sie waren es nicht.«

Liv begann sich allmählich zu fragen, ob Bo Riebenau ganz klar im Kopf war. Auf dem Tisch zwischen ihnen stand eine Glasschale mit bunten Steinen, und sie ließ den Blick darüber wandern, was er bemerkte.

»Kennen Sie die heilenden Kräfte der Kristalle?« Es wirkte wie ein Vorwand, um über etwas anderes als den Einbruch zu reden.

»Äh, nein.«

Er lächelte verlegen. »Es kann gut sein, dass Sie das für verrückt halten, aber ich sammle Steine, seit ich als junger Mann Afrika und Asien bereist habe. Sie wirken.«

Liv vermied es, ihn anzusehen. Der Verdacht, dass er nicht mehr ganz klar im Kopf war, verstärkte sich durch sein nebulöses Gerede.

»Haben Sie die Polizei informiert?«

»Nein. Ich ziehe es vor, die Angelegenheit selbst zu untersuchen. Mit Ihrer Hilfe.«

»Warum?«

»Reicht es, wenn ich sage, dass ich meine Gründe habe?«

Jetzt war es an Liv, ihn entschlossen anzusehen.

Er seufzte. »Ich bin Anwalt oder richtiger Anwalt im Ruhestand. Ich habe meine Kanzlei gerade geschlossen und verwahre mein Archiv im Keller. Das sind alles nur alte Sachen, für die sich niemand interessiert, aber ich muss immer noch Rücksicht nehmen …« Er wand sich auf dem Stuhl, schien sich unwohl zu fühlen.

»Haben Sie wertvolle Gegenstände im Haus? Silber, Kunst, Designermöbel … Bargeld?«

»Tja, einiges ist wohl von Wert.«

Aber der, der eingebrochen war, hatte nichts mitgehen lassen. Falls jemand eingebrochen war. Liv legte den Kugelschreiber weg und sah ihn mit gerunzelter Stirn an.

»Was möchten Sie denn, dass ich tue?«

»Ich möchte zunächst einmal erfahren, wer das ist, der mich schikaniert. Diskret.«

Liv lächelte. »Das beinhaltet, dass ich Kameras um das Haus herum aufstelle, Ihre Mails kontrolliere und Anrufe auf Ihrem Telefon zurückverfolge. Wie geht es Ihnen damit?«

Bo zuckte die Schultern, dann nickte er. »Wir können das ein paar Tage so machen und sehen, was passiert, nicht? Aber können wir schnell damit anfangen?«

»Wenn Sie mir alles zeigen, kann ich die Kameras noch heute installieren.«

»Danke, das klingt gut. Ich möchte gerne Bescheid wissen.«

»Dann machen wir das. Sollen wir mit dem Keller anfangen?«

»Okay.« Er nahm einen Stein aus der Glasschale. »Lassen Sie mich Ihnen einen Selenit für die Tasche geben. Das ist ein sehr kraftvoller Stein mit reinigender Energie, der hilft, Licht und Klarheit in Ihrem Leben zu kanalisieren. Man nennt ihn auch Schwert des Lichts.«

»Aha. Danke.«

Liv nahm den kleinen, messerförmigen Stein und folgte Bo, während sie im Kopf rechnete. Zwei Tage Überwachung ließen ihre leere Haushaltskasse klingeln.

Da war es nicht so wichtig, ob der pensionierte Anwalt wirklich schikaniert wurde oder nur Gespenster sah.

»Hier runter.«

Bo machte Licht und stieg mit Liv im Schlepptau die steile Treppe hinab. Der Keller war kühl und eindeutig nur zur Lagerung von Sachen bestimmt, nicht, um sich darin aufzuhalten. Eine kräftige Birne leuchtete auf, warf aber nur noch tiefere Schatten. Die Regale an der Wand bogen sich gefährlich unter dem Gewicht von Büchern, Kassetten und Aktenmappen. Die Arbeit eines ganzen Lebens, chronologisch geordnet, von links nach rechts. Jahreszahl, Fallnummer und Nachname. Bo war offenbar nicht der Typ, der sich von etwas trennte.

Sie trat näher an ein Regalbrett heran und nahm es in Augenschein. Von hier hatte man eine gute Aussicht auf die Kellertreppe. »Ich denke, wir können uns mit zwei Kameras begnügen. Gibt es hier unten etwas Wichtiges?«

Bo verlagerte das Gewicht von einem Fuß auf den anderen und sah aus, als würde er das ganze Projekt bedauern.

»Wenn Sie mir helfen können herauszufinden, wer mich schikaniert, lasse ich Sie vielleicht an meinem Verdacht teilhaben. Aber vorerst würde ich ihn gerne für mich behalten.«

»Okay, akzeptiert.« Sie putzte sich den Staub von den Fingern und nickte. Das ging sie sozusagen nichts an. »Lassen Sie uns noch einen Blick nach oben werfen, bevor ich nach Hause fahre und die Kameras hole. Aber denken Sie nicht, dass es sich als etwas ganz Unschuldiges erweist? Das tut es meistens.«

*

Die alte Villa im Hinterhof in Vesterbro sah im Regen trostlos aus. Hannah stellte ihr Fahrrad mit einem kurzen Blick zu Nimas Autowerkstatt ab und eilte in ihr Elternhaus, um Schutz vor dem Regen zu suchen, der einen unwürdigen Schlusspunkt ihres missglückten Kletterversuchs auf der Halbinsel Refshaleøen bildete.

Sie warf die Sportsachen in die Waschmaschine und versuchte in der Emaillebadewanne unter der warmen Dusche wieder bessere Laune zu bekommen. Arbeitslos, kinderlos und gerade von einem Freund versetzt worden, von dem sie sich nicht einmal sicher war, ob er ihr Freund war. Nicht so leicht, noch was Positives darin zu sehen. Sie zog Jeans und einen Pullover an und ging in die alte Rahmenwerkstatt, mit der ihr Vater vier Jahrzehnte lang die Familie versorgt hatte. Er hatte schließlich zugestimmt, den alten Arbeitstisch, die Archivschränke und den Glasschneider über das Anzeigenportal Den Blå Avis zu verkaufen, sodass Hannah sich den Raum mit ihren eigenen Möbeln einrichten konnte.

Eigentlich hatte sie vorgehabt, ihr Bett hier herunterzuschaffen, sodass sie und ihr Vater ihre Zimmer nicht mehr nebeneinander hatten. Doch wenn sie einen der Sessel aus dem Wohnzimmer hereinstellte, das kleine Sofa verkaufte und dafür einen niedrigen Tisch anschaffte, konnte die Werkstatt durchaus als private Praxis fungieren und sie ihren Traum von der Selbstständigkeit verwirklichen. Sie hatte bereits Angebote für das Design einer einfachen Website eingeholt, eine CVR-Nummer beantragt und einen Dienst ihres Kontakts bei der Zeitschrift Psykologi in Anspruch genommen, der ihr versprochen hatte, gegen die Einreichung eines relevanten und spannenden Artikels vor Monatsende ein Profil von ihr zu erstellen. Sie musste nur noch etwas finden, worüber sie schreiben konnte.

Hannah hatte ihrem Vater versprochen, bis zum bitteren Ende zu bleiben, und das schien glücklicherweise noch lange hin zu sein. Jan Leon war krebsfrei erklärt worden, aber immer noch sehr von ihr abhängig, und sie hatte nicht vor, ihn im Stich zu lassen. Dank ihrer Hilfe wirkte er gesünder und froher als seit Langem. Ging in die Bibliothek, spielte einmal die Woche mit einer Gruppe von Senioren Karten in der Kneipe nebenan und machte Kurse in diesem und jenem. An manchen Abenden kam er nicht einmal zum Abendessen nach Hause, und das war schon eine unerwartete, aber wunderbare Entwicklung. Ja, seine Lebenskraft war beneidenswert, fand sie. Es war an der Zeit, dass sie sich davon anstecken ließ.

Sie hörte die Haustür gehen und warf einen Blick in die Diele, in der ihr Vater mit herbstroten Wangen und klaren Augen stand und sich den Mantel auszog.

»Hei Vater, wo warst du?«

»Nur zum Brunch.« Er fuhr sich mit den Händen durch das regenfeuchte Haar. »Hast du Zeit für eine Tasse Kaffee in der Küche, Schatz? Da ist etwas, worüber ich gerne mit dir reden möchte.«

Hannah stellten sich die Nackenhaare auf. Die klassische Geschichte über Patienten in der terminalen Phase ist die, dass es ihnen plötzlich besser geht und sie aufblühen, unmittelbar bevor sie sterben.

»Natürlich.«

»Ich ziehe mir nur etwas Trockenes an.«

Er verschwand die Treppe hinauf in sein Schlafzimmer, und sie ging in die kleine Küche, die hinten im Haus mit Aussicht auf den Garten lag. Sie mahlte Kaffeebohnen und setzte Wasser auf, während sich die Gedanken überschlugen. Konnte er das vor ihr verheimlicht haben?

»Ah, wie das duftet!« Jan kam in einem hellblauen Pullover herein und setzte sich auf die Klappbank. »Komm, setz dich, Schatz.«

Hannah nahm Platz, und er räusperte sich feierlich.

»Ich nehme schon seit ein paar Tagen Anlauf zu diesem Gespräch … Das hier ist nicht ganz leicht für mich.« Er riss die Augen auf. »Du weißt, dass ich in diesem Kochkurs für Senioren war.«

»Ja?« Sie sah ihn verständnislos an.

»Ich habe in diesem Kurs eine Dame kennengelernt … Man könnte wohl sagen, dass ich eine Freundin habe.« Er lächelte verlegen.

Hannah klappte der Kiefer herunter. Als sie endlich etwas sagen konnte, klang ihre Stimme ganz dünn. »Aber was ist mit Mutter?«

Jan senkte den Blick. »Mutter ist tot.«

»Ich hatte geglaubt, sie wäre die Liebe deines Lebens gewesen?«

»Das war sie auch. Aber sie ist nicht mehr da.«

Hannah stand auf, ging zur Kaffeemaschine und schenkte zwei Becher ein. Ihre Augen brannten.

»Entschuldige, Schatz, wenn ich gewusst hätte, dass dich das so traurig macht, hätte ich gewartet, dir von ihr zu erzählen. Ich fände es nur schön, wenn du Judith kennenlernst.«

Sie kennenlernen? Es war kindisch und absurd, darüber war Hannah sich durchaus im Klaren, doch bei dem Gedanken an eine neue Frau im Leben ihres Vaters drehte sich ihr der Magen um.

Sie sah ihn an und lächelte. »Natürlich möchte ich Judith gerne kennenlernen. Du sagst einfach Bescheid.«

Sein Gesicht strahlte. »Danke, Schatz. Dann lade ich sie für morgen zum Abendessen ein. Du kannst ja fragen, ob Nima auch kommen mag.«

*

Ich bin gewissenhaft und engagiert, ein Teamplayer und habe keine Angst, Verantwortung zu übernehmen. Deshalb bin ich die absolut Richtige für die Stelle.

Liv las sich die letzten Sätze noch einmal durch und löschte sie dann. Sie hasste es, sich selbst auf diese Weise beschreiben zu müssen, und das mit dem Teamplayer war auf jeden Fall gelogen. Aber irgendetwas musste sie schließlich schreiben. Und sie wollte die Bewerbung rausschicken, bevor sie wieder zu dem Anwalt in die Kartoffelreihen fuhr. Ihre Augen waren starr auf das Dokument gerichtet. Ihre Handflächen wurden feucht. Sie wischte sie an der Hose ab und spürte, wie ihr die Wärme in den Kopf stieg, wie üblich, wenn sie an ihre Arbeitssituation dachte.

Sie lehnte sich auf dem Stuhl zurück und sah zur Decke. In der Theorie wusste sie sehr gut, dass sie ihre Wut, ungerecht behandelt worden zu sein, loslassen musste, doch in der Praxis war das schwer. Ihr Leben in Aalborg war perfekt gewesen, ihre Karriere lief wie geschmiert, bis … bis die Sache mit Malle Johnsson sie gezwungen hatte, die Stadt zu verlassen, als wäre sie diejenige, die etwas Falsches getan hatte. Und jetzt saß sie in einem feuchten Keller, schrieb Bewerbungen und lebte davon, paranoide Rentner zu überwachen. Es konnte kaum deutlicher sein, dass sie auf Start zurückgeworfen worden war.

Liv hängte ihren Lebenslauf an und schickte die Bewerbung ab, bevor sie kalte Füße bekam. Mit Petter im Bewerbungsausschuss musste sie wohl nicht so herausragend sein, um ernst genommen zu werden.

Sie schloss das Dokument und gab Bo Riebenau in das Suchfeld des Browsers ein. Er hatte ein LinkedIn-Profil, das nicht mehr aktuell war, und war auch sonst nicht in den sozialen Medien aktiv. Dafür fand sie ein Porträt von ihm aus dem letzten Jahr, geschrieben von einer Kopenhagener Lokalzeitung anlässlich seines fünfundsechzigsten Geburtstags.

Cand. jur. der Universität Kopenhagen 1987, Referendar bei der Anklagebehörde bis 1990, spät das Studium abgeschlossen, teils, weil er Soziologie studiert hatte, bevor er zum Jurastudium fand, teils, weil er das Studium für eine Indienreise unterbrochen hatte. Die ersten Jahre seiner Karriere hatte er den Ehrgeiz gehabt, Staatsanwalt zu werden und Strafprozesse zu führen, doch als er eine Familie gründete, wurde die Arbeitslast zu groß und er sattelte um, erzählte er.

Neben seiner privaten Kanzlei, die er 1992 zusammen mit seinem Studienkollegen Mogens Bramming gründete, war er dem Journalisten zufolge ein Idealist mit einem Herzen, das für die Schwächsten der Gesellschaft schlug. Er arbeitete bei der kostenlosen Rechtsberatung Advokatvagten an der Kofoed-Schule, wo Rechtshilfe für sozial Schwache zu Sorgerecht und Umgang, Mietrückständen und Schulden angeboten wurde, und saß zudem im Vorstand von Mændenes Hjem, einer Herberge für obdachlose Männer in Vesterbro mit kostenlosen Mahlzeiten und einer Fixerstube. Er besaß ein Sommerhaus auf Anholt, war geschieden, hatte zwei erwachsene Kinder und ein Enkelkind und liebte Fußball und Radsport.

Liv klappte den Computer zu. Bo war nicht älter als siebenundsechzig und machte auf den ersten Blick einen gesunden und fitten Eindruck, von der Gicht in den Fingern einmal abgesehen, doch das konnte täuschen. Petter war jünger, und man merkte ihm nicht an, dass er Dinge zu vergessen begann. Die Demenz ist ein listiger Gast, der sich hereinschleicht, ohne viel Aufhebens, um dann das gesamte Buffet umzureißen.

Sie holte ihren Rucksack, in dem wie immer eine Powerbank, ein leichtes und stabiles Seil und ein sogenannter HemDirect-Test steckten, mit dem man Blutspuren nachweisen konnte. Zusätzlich packte sie vier 4K-Bullet-Kameras, ein Harddisk-Aufnahmegerät, Kabel und eine Tüte Lakritz ein und trat in die frühe Nachmittagsdämmerung hinaus. Sie radelte an den Seen entlang zurück zu den Kartoffelreihen und schellte an Bos Tür.

»Ich wäre dann so weit. Ich fange hier mit der Haustür an, wenn das für Sie okay ist?«

Er spähte an ihr vorbei in den dunklen Himmel. »Was soll ich in der Zeit anfangen?«

»Sie machen einfach, was Sie immer tun, und vergessen, dass ich da bin. Wenn ich etwas brauche, melde ich mich. Wenn ich hier fertig bin, gehe ich runter in den Keller.«

»Ich lasse die Tür auf.«

Sie lächelte beruhigend. »Das Beste, das passieren kann, ist, dass niemand auftaucht und meine Arbeit vergebens war.«

»Und das Schlimmste?«

»Das Schlimmste ist, wenn mir der Lakritz ausgeht …« Sie lachte ihn an. Er verzog keine Miene.

Liv nahm eine Kamera aus dem Rucksack und suchte nach einer guten Stelle am Zaun, von wo aus sowohl die Tür als auch der Vorgarten zu sehen waren. Sie holte Metallklammern heraus, setzte ihre Mütze auf und öffnete die Süßigkeitentüte. Gerade als sie ein Stück Lakritz herunterschluckte, fiel der erste Regentropfen und landete auf ihrer Stirn. Der nächste folgte unmittelbar, gefolgt von weiteren.

»Und das Zweitschlimmste ist, dass es zu regnen anfängt«, murmelte sie vor sich hin und suchte nach einem Plastiküberzug für die Kamera, damit sie nicht nass wurde. Sie zog sich die Mütze über die Ohren, befestigte die Klemme an dem Zaun und dachte kurz an die Bewerbung, die jetzt bei der Verwaltung lag und darauf wartete, ihr den Weg zu bahnen.

*

»Was treibst du, Shirin?«

Nima sah seine Nichte ein weiteres Mal die kleine Bootstreppe zu ihrer Kajüte hinunter verschwinden und die Tür hinter sich schließen. Er blieb auf der Treppe stehen und wartete, dass sie wieder herauskam. Nach ein paar Minuten näherte er sich der Tür und lauschte. Sie hatte Musik angestellt oder sah eins dieser infernalischen Fünf-Sekunden-Videos, die dem Zweck dienten, die Gehirne der Teenager zu schmelzen und sie zu Sklaven von Konsum und Idiotentum zu machen.

Er ging hoch in die Kombüse und schrieb Hannah eine SMS. Ich mache das wieder gut, klang hohl, aber was sollte er sonst schreiben? Er öffnete den Kühlschrank, hatte allerdings auf nichts Lust, am wenigsten darauf, mit der Zubereitung des Kartoffelpürees anzufangen, das er eingekauft hatte.

Eine der vielen neuen Erfahrungen war, dass man von einem für ein Kind verantwortlichen Erwachsenen erwartete, mehrmals am Tag für Essen zu sorgen, am liebsten warm und irgendwie nahrhaft. Darüber hatte er sich nie nennenswert Gedanken gemacht. Er hatte in ein Kochbuch für Anfänger investieren und sich ein Gericht nach dem anderen beibringen müssen. Hacksteak mit Spiegelei auf Toast, One-pot-Pasta und Spaghetti Bolognese. Und dann war da all das andere. Schulintranet, Hausaufgaben, Monatsbinden und Schlafenszeiten – jeder Tag schuf neue Herausforderungen, zu denen er Stellung nehmen und eine Meinung haben musste. Ironischerweise war er besser qualifiziert, seiner Nichte Ratschläge zur Qualität des Haschs zu geben, das sie offenbar rauchte, als zu all dem anderen.

Wie sehr durfte man jemanden ausschimpfen, wenn man selbst mit dreizehn mit dem Haschrauchen begonnen hatte? Obwohl er seine gelegentlichen Joints vor Shirin zu verbergen suchte, konnte sie sie riechen, sodass es sinnlos war, den Heiligen zu spielen. Aber irgendetwas musste er tun. Er überlegte, seine kleine Schwester anzurufen, bei der eine verantwortungsvolle Elternschaft wenn auch nicht leicht, so doch ungezwungen aussah, aber etwas sagte ihm, dass sie zu heftig reagieren würde, was er auch verstehen konnte.

Er ging hinunter zu Shirins Zimmer und klopfte, und diesmal wartete er nicht auf eine Antwort, sondern öffnete die Tür. Sie lag auf dem Bett und starrte ihr Telefon an.

»Wir müssen darüber reden.«

Sie ignorierte ihn.

Nima sah seine Nichte an, während ihm der Ärger die Luft abschnürte. Das Gefühl war ihm neu. So etwas begleitete gewöhnlich das Ende einer Freundschaft und keine Alltagsstreiterei mit einem jungen Menschen, mit dem man zusammenwohnte.

»Leg das Telefon weg, Shirin, sonst schwöre ich dir, dass es im Hafen landet.«

Sie schaltete das Handy aus, behielt es jedoch in der Hand und drückte es an die Brust wie eine Rettungsleine. Ihr Gesichtsausdruck war cool, aber die Lippen waren ein schmaler Strich.

»Verstehst du, wie ernst das hier ist?«

»Ich bin keine Idiotin.«

Er ließ sich schwer auf das Bett fallen, sodass sie die Füße anziehen musste. »Hei, ich hab keine Ahnung, wie man so etwas macht. Ich bin nicht dein Vater und bilde mir auch nicht ein, es zu sein. Und ich werde nicht anfangen, dir Moralpredigten zu halten, aber wir müssen darüber reden, okay?«

Trotzig schob sie das Kinn leicht vor, nickte aber.

Er atmete aus und spürte, wie ein Teil des Ärgers wich. »Wie lange nimmst du die schon?«

»Ich ›nehme‹ keine Gummibärchen. Bei dir klingt das wie etwas, das ich dauernd mache. Aber das tue ich nicht, nur auf Partys oder so. Hin und wieder mal.« Sie schielte zu ihm hin. »Mein großer Bruder hatte die immer zu Hause rumliegen.«

Sie zog die Schultern bis zu den Ohren hoch, um zu unterstreichen, wie unschuldig das war.

»Und die Tüte hier, wo kommt die her?«

Ihr Blick flackerte auf eine Weise, die ihm versicherte, dass als Nächstes eine Lüge kommen würde.

»Von einem der anderen Mädchen aus der Klasse. Ich habe sie nur für sie verwahrt.«

Nima zog die Brauen hoch und wartete, bis ihr klar war, dass er ihr das nicht abnahm.

»Okay, sie gehört mir, aber ich habe sie einfach bekommen. Und sie war ja noch nicht einmal auf.«

»Von wem hast du sie bekommen?«

Sie seufzte gespielt und griff wieder nach dem Telefon. »Von irgend so einem Typen in Christiania, ich kenne ihn nicht. Er fand mich wohl süß.«

»Was hast du in Christiania gemacht?«

»Abgehangen. Das machen ein paar der Mädchen manchmal. Ich durfte mitgehen.«

»Das funktioniert nicht, dass du das herunterspielst, hörst du?« Er griff nach der Tüte und schüttelte sie. »Was wolltest du damit machen?«

Sie senkte den Blick und murmelte: »Verkaufen.«

»Verdammt, also doch! Verkaufen und dann?«

»Mit dem Geld zurückkommen und mehr Gummibärchen bekommen.«

Nima ballte die Hand um die Tüte. »Ich werde da rausfahren und sie zurückbringen, und dann ist Schluss mit Ausflügen in die Freistadt, hörst du?«

Shirin zuckte mit den Schultern und griff nach einer Tasche, die neben ihm am Fußende lag. Nicht nach dem praktischen Nylonrucksack, den sie als Schultasche nahm, sondern nach einer kleinen Schultertasche, wie erwachsene Frauen sie haben. Sie holte ein kleines Töpfchen heraus und begann sich die Lippen einzuschmieren, während Nimas Blick die Tasche fixierte. Das Design war bekannt, ikonisch würden die meisten wohl meinen. Er erinnerte sich nicht an den Namen des großen französischen Modehauses, aber er wusste, dass so eine Tasche teuer war. Viel, viel zu teuer für Shirins gespartes Taschengeld.