Schwere See - Jens Mühling - E-Book
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Jens Mühling

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Beschreibung

Aus großer Nähe, relevant, poetisch, humorvoll und eindringlich erzählt Jens Mühling von einem Meer zwischen den Trennlinien Europas, von seinen Ufer- und Wasserbewohnern, seinen Strömungen und Migrationswegen, seiner Vergangenheit und Zukunft – und führt uns vor Augen, dass alle Grenzen letztlich fließende sind. « Ich habe das Schwarze Meer von allen Seiten gesehen, und von keiner Seite war es schwarz. Es war silbrig, als ich im Frühling die noch menschenleeren Strände der russischen Kaukasusküste entlangfuhr. Es wurde blau, als ich im Mai Georgien erreichte. In der Türkei schien es dem Grün der Teeplantagen und Haselnussfelder an seinen Ufern ähnlicher zu werden, und grün blieb es, bis ich im Spätsommer den Bosporus erreichte. Die ersten Herbststürme färbten es braun, als über der Küste Bulgariens die Vögel südwärts und die Touristen heimwärts zogen. Im rumänischen Donaudelta schien der Himmel so tief über dem Meer zu hängen, dass sein bleierner Ton auf das Wasser abfärbte. Als ich die Ukraine erreichte, schoben die Wellen schmutzgraue Eisschollen über die Strände. Erst auf der Krim hellte die Wintersonne das Meer wieder auf, und hier nahm es den Ton an, den es in meiner Erinnerung immer haben wird: ein trübes, milchiges Grün, wie ein Sud aus Algen und Sonnencreme. »

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Seitenzahl: 385

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Jens Mühling

Schwere See

Eine Reise um das Schwarze Meer

 

 

 

Über dieses Buch

Relevant, poetisch und humorvoll erzählt Jens Mühling vom Meer in unserer Mitte – und darüber, dass eigentlich jede Grenze eine fließende ist. Orthodoxe Russen, Georgier und Bulgaren treffen im Schwarzmeerraum auf jüdische Chassiden und Karäer, rumänische Katholiken auf ukrainische Altgläubige, muslimische Türken, Krimtataren und Abchasen auf alevitische Kurden und Zaza. Wirtschaftliche Interessen verbinden und trennen Schwarzmeeranrainer, politische Differenzen, unterschiedliche Geschichtsbilder und abweichende Zukunftsvorstellungen prägen ihren Blick auf das Gewässer, an dessen Ufern sie sich begegnen.

In seiner Reisereportage, die den Leser einmal an der gesamten Küste entlangführt, erzählt Jens Mühling von Anwohnern, Vergangenheit und Zukunft.

Vita

Jens Mühling, geboren 1976 in Siegen, studierte Literatur bei W. G. Sebald und arbeitete zwei Jahre lang für die «Moskauer Deutsche Zeitung», bevor er Redakteur des «Tagesspiegels» wurde. Seine Reportagen und Essays über Osteuropa wurden mehrfach ausgezeichnet, sein erstes Buch, «Mein russisches Abenteuer» (engl. «A Journey into Russia»), war in Großbritannien für den renommierten Dolman Travel Book Award nominiert. Zuletzt erschien «Schwarze Erde – Eine Reise durch die Ukraine».

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, März 2020

Copyright © 2020 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg

Karte Jens Mühling

Covergestaltung Anzinger und Rasp, München

Coverabbildung Jens Mühling

ISBN 978-3-644-00220-3

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Für Şeyma

Denizkızım benim

Vorwort zur Taschenbuchausgabe

Gerade erst hatten sie sich warmgebetet in der alten Chabad-Synagoge von Odessa, hatten die Oberkörper in Schwingung und die

«Amen»-Rufe auf Tempo gebracht, da heulten die Sirenen los. Luftalarm. Rabbi Awraam Wolf rollte hinter seiner Nickelbrille die Augen gen Himmel. Was tun? Eigentlich hätte er die Gemeinde jetzt in den Bombenkeller schicken müssen, aber es war das Abendgebet vor der Pessach-Nacht. Kurz steckten Wolf und seine Vertrauten die brustlangen Bärte zusammen, bevor sie taten, was bei Luftalarm in Odessa zu jenem Zeitpunkt die meisten taten: Sie ignorierten ihn.

«Amen!», rief Wolf.

Es war der Frühling des Kriegsjahres 2022, in Odessa blühten die ersten Kastanien. Zwei Monate zuvor hatte Russland die Ukraine überfallen. Die Gewalt war zurückgekehrt ans Ufer des Schwarzen Meers, dem sie seit Jahrtausenden nie lange ferngeblieben war. Europa war in Aufruhr, dem ganzen Kontinent hatten sich die Umrisse des umkämpften Gewässers eingebrannt, die nun ständig in den Frontkarten der Fernsehnachrichten auftauchten.

Vier Jahre lag zu jenem Zeitpunkt meine Umrundung des Schwarzen Meers zurück, von der ich in diesem Buch erzähle. Einige mir vertraute Küstenabschnitte sah ich wieder, während ich als Reporter über Russlands Invasion berichtete. Im rumänischen Teil des Donaudeltas erlebte ich in den ersten Kriegstagen mit, wie sich ukrainische Flüchtlinge mit einer Passagierfähre auf die andere Seite des Grenzflusses retteten. In Istanbul und in Georgien sprach ich mit russischen Kriegsgegnern, die aus Angst vor Repressionen ihr Heimatland verlassen hatten. Von Moldawien aus reiste ich schließlich in die Ukraine, um über den Massenexodus der Juden aus Odessa zu berichten – und um Awraam Wolf wiederzusehen, den Rabbi, den ich 2018 während meiner Schwarzmeerreise kennengelernt hatte.

Kurz vor dem Abendgebet hatten wir zusammen in seinem Büro im Obergeschoss der alten Synagoge gesessen. Wolfs imposanter Bart war weißer, als ich ihn in Erinnerung hatte, der Krieg war nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Als Jude hatte er seinen eigenen Blick auf die Invasion, die Russland unter dem durchsichtigen Vorwand begonnen hatte, die Ukraine müsse von Nazis befreit werden. Wolf hob die Finger zum Abzählen: «Selenskyj, der ukrainische Präsident: ein Jude. Hrojsman, der ehemalige Premierminister: Jude. Ex-Präsident Kutschma: Schwiegervater eines Juden …» Eine ganze Weile ging das so, bevor Wolf die Hände wieder sinken ließ. «Ich kenne Rabbis auf der ganzen Welt, und keiner hat so wenig Ärger mit Nazis wie ich hier in Odessa. Selbst in Israel werden mehr Menschen von Antisemiten umgebracht.»

Sagte einer, der selbst aus Israel kam: Awraam Wolf, geboren vor 52 Jahren nahe Tel Aviv, Vater von acht Kindern, alle zur Welt gebracht in der Ukraine, wo Wolf seit 1992 mit seiner ebenfalls israelischen Frau Chaia lebte. Seine Vorfahren stammten aus Nürnberg. Überlebt hatte den Holocaust nur der Teil der Familie, der rechtzeitig aus Deutschland geflohen war, darunter Wolfs damals 14-jähriger Großvater. Der war inzwischen lange tot, aber seine Frau lebte noch in Israel. Am Telefon hatte Wolf die 98-Jährige kürzlich gebeten, beim nächsten Friedhofsbesuch dem Großvater zuzuflüstern, dass die ukrainischen Juden jetzt nach Deutschland flohen. «Er hätte das nie geglaubt.»

Wolf konnte ja selbst immer noch kaum glauben, was sich dieser Tage in Odessa abspielte. Als die Gemeinde nach dem Abendgebet zum Pessach-Mahl aufbrach, ein paar Dutzend chassidische Juden, viele in der zeitlosen schwarz-weißen Kluft ihrer Vorväter, liefen sie in den nachtdunklen Straßen an grell erleuchteten Barrikaden vor-

bei, an Panzersperren, Wällen aus Sandsäcken, Soldaten mit Sturmgewehren. Die Stadt hatte sich gewappnet gegen den Vormarsch der russischen Armee, die seit Wochen versuchte, Mykolajiw einzunehmen, die nächstgelegene Großstadt im Osten. Im Westen, noch näher, lag das moldawische Separatistengebiet Transnistrien, auch dort waren russische Truppen stationiert. Bedroht wurde Odessa zudem von der See aus, wo die Schwarzmeerflotte des Kremls kreuzte.

Gleich in den ersten Kriegstagen hatte es in der Stadt gewaltig gekracht, als die Russen Militäreinrichtungen am Stadtrand bombardiert hatten. Panisch waren Zehntausende Odessiten über die nahe Grenze nach Moldawien oder über die Donau nach Rumänien geflohen. In der Synagoge hatten sich in jenen Tagen Szenen abgespielt, die Wolf an die Fluchtgeschichten seines Nürnberger Großvaters erinnerten. Als Erstes hatten die Juden die beiden Waisenhäuser der Chabad-Gemeinde evakuiert, mehrere Reisebusse voller Kinder waren von Odessa aus nach Deutschland gefahren. Als sich die Rettungsaktion herumsprach, hatte Wolfs Handy Tag und Nacht geklingelt: Verzweifelte jüdische Eltern fragten, ob auch für ihre Kinder Platz in den Bussen sei. Der Rabbi hatte geholfen, wo er konnte. Als er den Fliehenden hinterherwinkte, fühlte er sich zurückversetzt in der Zeit. «Es waren Bilder wie aus den 30er Jahren.»

Damals hatten die Deutschen das Judentum am Schwarzen Meer nahezu vernichtet. Mehr als eine Million ukrainische Juden waren im Holocaust ermordet worden, rund ein Zehntel davon allein in Odessa, wo vor dem Krieg jeder dritte Einwohner Jude gewesen war – nur in New York und Warschau gab es damals noch größere jüdische Gemeinden.

Zuletzt, schätzte Wolf, hätten etwa fünfunddreißigtausend Juden in Odessa gelebt. Genau wusste es keiner, wie auch niemand sagen konnte, wie viele seit Kriegsbeginn die Stadt verlassen hatten. Dass die Gemeinde arg dezimiert war, sah man der Pessach-Prozession an: Sie bestand fast nur aus Männern, deren Frauen und Kinder ins Ausland geflohen waren. Männer im wehrfähigen Alter durften nicht ausreisen, sonst wäre die Gemeinde noch ausgedünnter gewesen.

Es war nicht mehr lange bis zur Sperrstunde, als die Pessach-Pilger das abgeriegelte Regierungsviertel erreichten. Soldaten vertraten der Prozession den Weg – und gaben ihn nach wenigen Worten von Rabbi Wolf wieder frei. Um trotz der nächtlichen Ausgangssperre feiern zu können, hatte die Gemeinde für die Pessach-Nacht ein komplettes Hotel gemietet, das majestätische «London» an der Schwarzmeerpromenade, Odessas ältestes und feinstes Haus, der Eigner: ein hiesiger Jude.

Im Festsaal brannten schon die Leuchter, auch in den Hotelzimmern wurden in dieser Nacht die Nachttischlampen nicht ausgeknipst. Kein Lichtschalter durfte am Feiertag betätigt werden, es wäre Sünde, weil Arbeit. Tabu waren Telefone, Kameras, Feuerzeuge, selbst Wasserhähne, und als auf der Herrentoilette einer versehentlich den Bewegungssensor des Seifenspenders auslöste, wurde er ziemlich fahl um die Nase. Rabbi Wolf dagegen legte solche Regeln im Zweifel flexibel aus. Zu Kriegsbeginn hatten ihn viele Juden angerufen, um zu fragen, ob sie am Sabbat die Flucht antreten dürften.

«Natürlich», lautete Wolfs Antwort: «Rennt!»

Als im Festsaal die ungesäuerten Mazzen-Brote gereicht wurden, stand am Kopfende der Tafel der Rabbi auf und erhob sein Weinglas. Abrupt verstummten die Tischgespräche.

«Wir feiern den Tag unserer Freiheit», sagte Wolf, sein Charakterkopf gerahmt vom nachtblauen Vorhang der Festbühne. «Den Tag, als das Meer sich für uns öffnete.»

Und der Rabbi hob an, die Geschichte vom Auszug aus Ägypten zu erzählen. Von der Versklavung des Volkes Israel, von Moses, der vor den Pharao trat und sagte: Lass mein Volk ziehen! Vom überstürzten Aufbruch, der keine Zeit zum Säuern der Brote ließ, von der Flucht, der Verfolgung durch das ägyptische Heer, vom Wunder der Meeresteilung und dem Untergang der Tyrannen-Armee.

«Es ist bei uns üblich», schloss Wolf, «dass wir in dieser Nacht nicht schlafen, dass wir uns bis zum Morgengrauen erzählen von jenem Tag. Möge deshalb jeder von euch ein ‹Lechaim› ausbringen und sagen, was er über die Freiheit denkt.»

Und während das Mahl seinen Gang nahm, erhob immer wieder einer der Gäste sein Glas.

«Lechaim», rief einer. «Was, frage ich euch, ist ein Jude? In der Sowjetunion warst du Jude, wenn in deinem Pass stand: jüdische Nationalität. Andere sagen: Jude ist, wer eine jüdische Mutter hat. Ich aber sage: Jude ist, wer statt der Sklaverei die Freiheit wählt.»

Und aus allen Kehlen antwortete es: «Lechaim!»

Und ein anderer stand auf und sagte: «Manche, heißt es, wollten sich damals lieber mit der Sklaverei abfinden, weil ihnen die Flucht zu gefährlich schien. Wir müssen uns immer fragen: Gehören wir zu den wenigen, die frei sein wollen?»

«Lechaim, lechaim!»

«Als das Heer des Pharaos die Juden ans Meeresufer trieb», sagte ein anderer, «zerfielen die Flüchtenden in vier Gruppen. Die einen sagten: Wir müssen kämpfen! Die anderen: Nein, beten! Wieder andere: Ergeben wir uns! Und die letzten: Ertränken wir uns im Meer! Aber am Ende tat sich ein anderer Weg auf. Auf dass wir immer die richtige Entscheidung treffen!»

«Lechaim!»

«Sklaverei beginnt im Kopf», rief einer. «Besiegt den Pharao in euch!»

Und so ging es weiter, und im Lauf des Abends wurde mit jedem

«Lechaim» der Bezug zur Gegenwart dringlicher, wurde der Auszug aus Ägypten immer mehr zur Folie für den Auszug aus Odessa. «Wir reden über das Damals», hörte ich später im Tischgespräch Rabbi Wolf sagen. «Aber wir meinen das Heute. Das war schon immer die Stärke der Juden. Wir haben ein gutes Gedächtnis, und wir nutzen es, um vorwärtszugehen.»

Wolfs Russisch war fließend, er hatte sich das Idiom in der weitgehend russischsprachigen Südukraine angeeignet. Fehlte ihm ein Wort, umschrieb er es so lange, bis die Gemeinde es ihm soufflierte. Selbst KZ-Witze erzählte er auf Russisch, so schwarz, dass mir beim Mitschreiben die Hand stockte. «Man kann nicht immer nur weinen», sagte Wolf.

Dabei hätte er zum Weinen jeden Grund gehabt. Drei Jahrzehnte lang hatte Wolf in Odessa die jüdische Tradition wiederbelebt. Zwei Waisenhäuser waren so entstanden, zwei jüdische Schulen, zwei Kindergärten, ein Altenheim, eine Universität, drei Synagogen. «Das alles wurde an einem Tag zerstört», sagte Wolf. «Es wird nie wieder so sein wie vorher.» Er wusste, dass von den Geflohenen längst nicht alle zurückkehren würden, selbst wenn der Krieg morgen vorbei wäre.

«Das Auswandern», sagte Wolf, «liegt uns Juden im Blut.»

Während ich ihm zuhörte, musste ich an all die anderen Aus- und Ein- und Hin- und Rückwanderer denken, die mir vier Jahre zuvor bei meiner Schwarzmeerreise begegnet waren. Es war, als wiederholte sich in Odessa in jenen Kriegstagen das ewige Drama dieses Gewässers, dessen Uferbevölkerung seit Jahrtausenden in ständiger, meist unfreiwilliger Bewegung war. An allen Küsten waren mir bei meiner Reise Menschen begegnet, die durch Kriege, Vertreibungen, ethnische Säuberungen und andere menschengemachte Katastrophen ihre Heimat verloren hatten, die teils seit Generationen immer wieder von einem Uferabschnitt zum anderen geflohen waren. Am härtesten hatte es die zahllosen Minderheiten der Schwarzmeerregion getroffen, Klein- und Kleinstvölker, die das Pech hatten, durch die Raster der Nationalstaaten zu fallen und bei jeder neuen Grenzverschiebung wieder ihre kleine Küstennische zu verlieren.

Rabbi Wolf kannte dieses alte Schwarzmeerdrama nur zu gut – nicht nur, weil er Jude war, sondern weil es sich in seiner eigenen Familie abgespielt hatte. Sieben Geschwister hatte er, fünf Brüder, zwei Schwestern. Drei der Brüder waren Rabbis, einer in Israel, die an-

deren beiden wie Wolf selbst in der Ukraine. Benjamin, mit 40 der jüngste der Wolf-Brüder, leitete eine Synagoge in der Krim-Metropole Sewastopol. Der 50-jährige Josef Itzak war Rabbi in Cherson, gelegen zwischen Odessa und der Krim. Bis zur Annexion der Halbinsel waren die Wolf-Brüder regelmäßig zwischen den drei ukrainischen Schwarzmeerstädten hin- und hergependelt. Doch als Russland 2014 die Krim annektierte, lag zwischen Benjamin und seinen Brüdern plötzlich eine umstrittene Landesgrenze. Jetzt, wo die Russen im Zuge der Invasion Cherson besetzt hatten, verlief zwischen Awraam und den beiden anderen die Front.

Seinen Bruder aus Cherson hatte Wolf einen Monat vor dem Krieg zum letzten Mal gesehen, in Charkiw, bei der Hochzeit des dortigen Rabbis. Auch der Bruder von der Krim war eingeladen gewesen, aber von der besetzten Halbinsel aus hatte er nicht in die Ukraine einreisen können. Ihm war Wolf zum letzten Mal in New York begegnet, bei einer jüdischen Konferenz ein halbes Jahr zuvor.

Natürlich sahen sich die drei Brüder trotzdem regelmäßig, am Telefon. Worüber sie dann sprachen? «Ausschließlich über unsere Mutter», scherzte Wolf. Es war das einzige Thema, bei dem der Rabbi meinen Fragen auswich – besonders der Bruder im besetzten Cherson war in einer politisch verzwickten und militärisch lebensbedrohlichen Lage.

Am Sonntag nach Pessach, als ich Wolf noch einmal in seinem Rabbi-Büro in der Synagoge besuchte, rief er seinen Bruder in Cherson an. Die Nachrichten aus der besetzten Stadt waren düster: Die russische Armee hatte den ukrainischen Bürgermeister abgesetzt, den Rubel als Zahlungsmittel eingeführt, das Internet auf russische Provider umgelenkt. Offenbar war eine inszenierte Volksabstimmung in Vorbereitung, mit der sich Chersons Einwohner von der Ukraine lossagen sollten – obwohl nach Einschätzung des abgesetzten Bürgermeisters fast die Hälfte der Chersoner geflohen war.

Still hörte ich zu, wie sich die Wolf-Brüder auf Hebräisch unterhielten. Josef Itzaks Stimme klang erschöpft, bis die Geschwister in kindliches Kichern verfielen – der Wolf’sche Familienhumor ließ sie nicht im Stich. Als Awraam erwähnte, dass ein Journalist im Raum saß, wechselte Josef Itzak ins Russische. «Es tut mir leid», sagte er.

«Ich kann mit niemandem sprechen.» Wie es ihm gehe? Einen Moment lang herrschte Stille. «Meine Seele ist schwer», sagte er dann.

Als Wolf aufgelegt hatte, erzählte er, er habe am Vortag bis tief in die Nacht mit dem Bruder telefoniert. Der stehe vor einem Dilemma: Wenn er bleibe, bringe er sich in Gefahr, wenn er gehe, müsse er seine Gemeinde zurücklassen. Sollte er gehen, folge das nächste Dilemma: Die Ukrainer würden es ihm übel nehmen, wenn er über die besetzte Krim nach Russland ausreise, aber fliehe er über die Front in die Ukraine, verscherze er es sich mit den Russen.

Noch während Wolf das erzählte, blitzte in seinen Augen die nächste Pointe. «Was ist ein Dilemma?», fragte er. «Wenn dir auf dem Markt von Odessa der Gemüsehändler aus Versehen zu viel Wechselgeld zurückgibt. Denn dann musst du dich entscheiden: Sagst du es deiner Frau oder nicht?»

Wolf lachte noch, als sein Telefon wieder klingelte. «Du wirst es nicht glauben», sagte er nach kurzem Blick aufs Display. «Das ist unsere Mutter.» Die 75-Jährige rief aus Israel an. Auch ihre Stimme klang seelenschwer, auch mit ihr verfiel der Rabbi bald in Gelächter. «Mütter!», sagte er nach dem Auflegen. «Sie sagt, ich soll meinen Bruder endlich überreden, aus Cherson zu verschwinden.»

Ich hatte Wolfs Kichern noch im Ohr, als ich am Nachmittag von den Barrikaden an der Uferpromenade hinaus aufs Schwarze Meer sah. Das Wasser war metallisch grau an jenem Tag, in der Luft lag das Kreischen der Möwen. Alles wirkte friedlich, aber erst am Vortag waren russische Raketen auf Odessa niedergegangen, die Erinnerung an die Detonationen ließ mir immer noch die Knie weich werden. Eins der Geschosse hatte ein Wohnhaus getroffen, unter den Toten waren eine Mutter und ihr drei Monate altes Baby. Die Zahl

der zivilen Todesopfer ging in der Ukraine inzwischen in die Tausende, manche sagten: in die Zehntausende. In den russisch besetzten Gebieten häuften sich grauenerregende Fälle von Hinrichtungen, Folter, Plünderungen, Vergewaltigungen. Rund sieben Millionen Ukrainer hatten das Land verlassen, noch einmal sieben Millionen waren aus umkämpften Gebieten in sicherere Landesteile geflohen. Europa hatte seit dem Zweiten Weltkrieg keine Fluchtbewegung dieses Ausmaßes mehr erlebt.

Nichts regte sich im Hafen. Seit Kriegsbeginn war der Handelsverkehr eingestellt, in der Bucht von Odessa trieben Minen, um Russlands Marine fernzuhalten. Kurz vor meiner Ankunft war nicht weit von hier die «Moskwa» versenkt worden, einer der größten Raketenkreuzer des Kremls, der Stolz der russischen Schwarzmeerflotte. Ich fixierte die graue Wasserlinie am Horizont und versuchte mir vorzustellen, wie der stählerne Trumm kenterte, wie er langsam bugabwärts in die Tiefe glitt, wie neugierige Delfine seine Flanken umkreisten, wie aus allen seinen Öffnungen die Luft entwich und in eiligen Blasen zur Oberfläche stieg, wie das Wasser in Maschinenräume, in Kabinen, in die Lungen ertrinkender Matrosen eindrang, wie das Schiff weiter und weiter sank, bis es die tote Tiefenschicht des Schwarzen Meers erreichte, in der mangels Sauerstoff weder Tiere noch Pflanzen existieren, wie die «Moskwa» durch lebloses, unbevölkertes Wasser glitt, um schließlich auf dem Meeresboden aufzusetzen, inmitten geisterhaft intakter Wracks osmanischer Kanonenboote, bulgarischer Piratenschiffe, venezianischer Segelfregatten und antiker griechischer Rudergaleeren, deren Holzkörper in den Tiefen des Schwarzen Meers nicht verrotten, weil dort keine Organismen leben, die Holz zersetzen könnten. Da lag nun die «Moskwa» auf dem Grund, ein Ausstellungsstück mehr im großen Unterwassermuseum der Schwarzmeerkriege.

Am nächsten Morgen wartete vor dem Hauptbahnhof von Odessa ein grüner, doppelstöckiger Reisebus. Eine israelische Hilfsorga-

nisation hatte ihn bereitgestellt, noch immer brachten wöchentlich zwei solcher Busse jüdische Flüchtlinge über die moldawische Grenze. Familien wuchteten abgewetzte Rollkoffer ins Gepäckfach, die Frauen stiegen mit den Kindern ein, die Männer blieben zurück, nur ein paar Rentner durften trotz Mobilmachung ausreisen. In Tierboxen kläfften Hunde, ein grauer Kater schlich von Sitz zu Sitz.

Viktoria Malis wollte, wie die meisten im Bus, nach Israel, vom Schwarzen ans Mittelmeer. Am Vortag hatte sie sich in Odessa von ihrem jüdischen Großvater verabschiedet, Ilja Israelewitsch Malis, geboren 1941 in Aserbaidschan, wohin seine Eltern vor den Nazis geflohen waren. Nach dem Krieg war die Familie nach Odessa zurückgekehrt, wo in den letzten Jahren der Sowjetzeit die inzwischen 33-jährige Viktoria geboren worden war, Logistikerin einer Brotfabrik, eine schmale, blonde Frau mit blaugrünen Augen. Ihr Mann Dmitrij, ein Automechaniker, hatte schon vor dem Krieg vom Auswandern geträumt, immer wieder hatte er Viktoria beschworen, sie solle ihre jüdischen Wurzeln nutzen, um den beiden Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Viktoria hatte erst eingewilligt, als unweit ihrer Datscha russische Raketen eine Militärbasis zertrümmerten.

Dmitrij blieb nun wegen der Mobilmachung vorerst in Odessa zurück, während Viktoria mit der siebenjährigen Eva und dem Säugling Artur im Bus saß, Obergeschoss, dritte Reihe links, Ziel der Reise: das israelische Konsulat in Moldawien. Ich saß hinter den dreien, der Bus war die Mitfahrgelegenheit, mit der ich die Ukraine verließ. Gemeinsam sahen wir Odessa an den Fenstern vorbeiziehen, das klassizistische Zentrum, die Plattenbau-Vorstädte, dann die weite ukrainische Steppe.

«Mama», hörte ich Eva fragen. «Gibt es Äpfel in Israel?»

 

Berlin, Juli 2022

Die Flut

Prolog

Ihm war, als sei das Schwarze Meer zum Himmel aufgestiegen und werde sich vierzig Tage und vierzig Nächte lang auf die Erde ergießen.

Konstantin Paustowskij, «Die Kolchis», 1934

Sie kamen uns entgegen, als wir die letzten Kilometer auf dem Weg zum Ararat zurücklegten, im Bergland Ostanatoliens, wo zwischen endlosen Geröllfeldern die Türkei an Armenien und den Iran grenzt. In kleinen Gruppen liefen sie am Straßenrand entlang, Männer, die meisten jung, mit dunklen Bärten und nichts in den Händen, nur wenige trugen kleine Plastiktüten. Es war März, an den gewundenen Passstraßen lag noch Schnee, und ich fragte mich, wie schnell man wohl marschieren musste, um in den leichten Jacken der Männer nicht zu frieren.

Mustafa, der Fahrer, in dessen Taxi ich in Ağrı eingestiegen war, weil der nächste Bus nach Doğubeyazıt erst einen Tag später gefahren wäre, deutete mit dem Kinn auf die Wanderer hinter der Windschutzscheibe.

«Pasaport yok, para yok.»

Kein Pass, kein Geld.

Fragend sah ich ihn an.

«Syrians?»

Er schüttelte den Kopf.

«Afganlar.»

Sie mussten durch den Iran in die Türkei gekommen sein, dachte ich. Mustafa nickte, als habe er meine Gedanken erraten.

«Afghanistan – Iran – Istanbul.»

Einen Moment lang schwieg er, dann spreizte ein Grinsen seinen Schnauzbart.

«Istanbul – Almanya!»

Der Schnauzbart erstarrte zu einer harten Linie, als ich versuchte, Mustafa zum Anhalten zu überreden. Ich wollte mit den Flüchtlingen sprechen, sie fragen, was sie brauchten, auch wenn ich es ihnen vermutlich nicht geben konnte. Vergiss es, sagte Mustafas versteinerter Schnauzbart, nicht für alle Lira der Welt.

Wir fuhren weiter, dem Berg Ararat entgegen, den ein altes Rätsel mit dem Schwarzen Meer verbindet. Immer wieder tauchten Männer hinter den Wegbiegungen auf, zu zweit, zu fünft, dann lange niemand, dann plötzlich ein Dutzend, gefolgt von einem zweiten – und einen Moment lang war ich sicher, dass die Straße hinter der nächsten Biegung schwarz vor Menschen sein würde. Doch dann kam wieder lange niemand.

Jedes Mal, wenn sich eine der Männergruppen aus der Ferne näherte, löste Mustafa kurz die Hände vom Lenkrad, kehrte sie gen Himmel und schüttelte in stummer Ratlosigkeit den Kopf, als frage er sich, und mich, und vielleicht Gott, was man bloß anfangen soll mit all diesen Menschen, die nicht bleiben können, wo sie sind.

***

Ich habe das Schwarze Meer von allen Seiten gesehen, und von keiner Seite war es schwarz.

Es war silbrig, als ich im Frühling die noch menschenleeren Strände der russischen Kaukasusküste entlangfuhr, silbrig wie die Haut der Delfine, die dicht am Ufer den nordwärts ziehenden Fischschwärmen folgten.

Es wurde blau, als ich im Mai Georgien erreichte, das alte Kolchis der griechischen Sagen, wo die Strände schwarz sind, aber nicht das Wasser.

In der Türkei schien es dem Grün der Teeplantagen und Haselnussfelder an seinen Ufern ähnlicher zu werden, und grün blieb es, bis ich im Spätsommer den Bosporus erreichte.

Die ersten Herbststürme färbten es braun, als über der Küste Bulgariens die Vögel südwärts und die Touristen heimwärts zogen.

Im rumänischen Donaudelta schien der Himmel so tief über dem Meer zu hängen, dass sein bleierner Ton auf das Wasser abfärbte.

Als ich die Ukraine erreichte, schoben die Wellen schmutzgraues Eis über die Strände.

Erst auf der Krim hellte die Wintersonne das Meer wieder auf, und hier nahm es den Ton an, den es in meiner Erinnerung immer haben wird: ein trübes, milchiges Grün, wie ein Sud aus Algen und Sonnencreme.

***

Reisen beginnen selten da, wo sie in unserer Erinnerung beginnen. Diese hier nahm ihren Anfang vielleicht unter dem Esstisch meiner blinden Großmutter.

Manchmal, wenn die Erwachsenen ihre Erwachsenengeschichten austauschten, krochen meine Schwester und ich zwischen ihren Füßen hindurch ans Kopfende, wo Oma saß. Still stahlen wir uns hinter ihren Stuhl. Die Rückenlehne war aus Korbgeflecht, dessen Zwischenräume gerade so groß waren, dass wir unsere Fingerspitzen durch die Löcher stecken konnten. Wir pieksten in Omas knochigen Rücken, und Oma, die uns zwar nicht kommen sehen, aber kommen hören hatte, tat uns bei diesem eingeübten Spiel jedes Mal den Gefallen, entsetzt aufzuschreien.

«Ja, sind denn hier etwa Mäuse?»

Piepsend zogen wir unsere Mäusefinger aus der Rückenlehne und krochen zurück unter den Tisch.

In Neunkirchen, der siegerländischen Kleinstadt, in der meine Großmutter bis zu ihrem Tod lebte, erinnert ein Gedenkstein an:

Joh. Heinrich von Kinsbergen

Leutn.-Admiral

ein Wohltäter der Armen

*1.5.1735 †22.5.1819

Der Name des Admirals, oder eigentlich nicht sein Name, sondern die Bezeichnung «der Admiral», tauchte gelegentlich in den Erwachsenengesprächen auf, die meine Schwester und ich unter dem Esstisch belauschten. Als halb mythische Figur setzte sich «der Admiral» in meiner kindlichen Erinnerung fest. Er war, so verstand ich es jedenfalls, weitläufig mit uns verwandt, ein Urururururahn, den es in ferner Vergangenheit nach Holland verschlagen hatte, wo er als Seefahrer zu großem Ruhm und Reichtum gelangt war. Einen Teil seines immensen Vermögens hatte er in Form eines Notfonds hinterlassen, um verarmte Verwandte in seiner siegerländischen Heimat zu unterstützen, denen auf Antrag Hilfszahlungen bewilligt wurden. Dieses «Admiralsgeld», von dem die Erwachsenen in Neunkirchen manchmal sprachen, wuchs sich in meiner Vorstellung zu einer Art Piratenschatz aus, einem funkelnden Haufen Goldmünzen, der darauf wartete, eines Tages von mir, dem legitimen Erben des Admirals, geborgen zu werden.

Wie ich Jahre später bei einer Familienweihnachtsfeier von meiner Tante Gertraude und ihren Neunkirchener Freundinnen Elfriede und Ingeborg erfuhr, war ich nicht der Einzige, der nach dem Admiralsgeld schielte. In der Heimat meiner Großmutter erinnert außer dem Gedenkstein auch eine Straße an den Seefahrer: der Van-Kinsbergen-Ring. Im Volksmund wird er «Kartoffelkäferring» genannt, weil sich nach dem Tod des Namensgebers erstaunlich viele hilfsbedürftige Neunkirchener gefunden haben, die mit dem spendablen Admiral verwandt gewesen sein wollen – seine angeblichen Nachfahren haben sich vermehrt wie die Kartoffelkäfer.

Gertraude, Elfriede und Ingeborg erzählten mir bei jener Weihnachtsfeier auch, dass die Nachlasszahlungen aus Holland schon lange nicht mehr flossen. Mein Piratenschatz war nach dem Zweiten Weltkrieg offenbar als Reparationsleistung einkassiert worden.

Um meine Enttäuschung zu verarbeiten, glich ich damals zum ersten Mal meine kindlichen Erinnerungen an den Admiral mit seiner tatsächlichen Lebensgeschichte ab. Ich erfuhr, dass nicht van Kinsbergen selbst, sondern sein Vater im frühen 18. Jahrhundert aus dem ärmlichen Siegerland ausgewandert war, um in Holland Soldat zu werden. Seinen deutschen Nachnamen Ginsberg hatte er gegen die ortsüblichere Variante Kinsbergen eingetauscht, als er eine Niederländerin heiratete, mit der er einen Sohn zeugte: Jan Hendrik.

Der Einwanderersprössling war 15, als er bei der Marine anheuerte. Verblüfft stellte ich fest, dass der spätere Admiral nicht nur für die holländische, sondern auch für die russische Krone zur See gefahren war. Mit Mitte dreißig hatte sich Kinsbergen von Katharina der Großen anwerben lassen, um im Krieg der Zarin gegen die Türken einen Teil der russischen Flotte zu kommandieren, deren Schiffe damals zum ersten Mal ins Schwarze Meer vordrangen. Vor der Küste der Krim begegnete Kinsbergen im Kriegsjahr 1773 mit zwei Kanonenbooten einem deutlich überlegenen türkischen Geschwader, das er nach mehrstündigem Kampf in die Flucht schlug. Das Gefecht von Balaklawa war Russlands erste Seeschlacht im Schwarzen Meer, und dank meines mutmaßlichen Urururururahns endete sie mit einem triumphalen Sieg.

Ich war nicht sicher, ob mich das stolz machen sollte. Katharinas Feldzug gegen die Türken, den Kinsbergen in den folgenden Jahren weiter unterstützte, endete 1774 mit einer Niederlage des Osmanischen Reichs. Russland tat, was das größte Land der Welt schon immer am liebsten tat: Es wuchs. Katharina verleibte ihrem Reich weite Teile der nördlichen Schwarzmeerküste ein, die zuvor von den Krimtataren kontrolliert worden waren, Verbündeten der Türken. Ein paar Jahre später, als Kinsbergen bereits mit russischen Orden behängt zurück nach Holland gesegelt war, ging die Zarin einen Schritt weiter: Sie unterwarf die Tataren und annektierte deren Heimat, die Krim. «Von jetzt an und für alle Zeiten», erklärte Katharina 1783, sollte die Halbinsel russisch sein.

Um vergessen zu machen, dass sie einmal unrussisch gewesen war, verwischte Katharina die Spuren der Tataren. Moscheen und Medresen, Karawansereien und Khanspaläste wurden in Schutt und Asche gelegt, während sich die erste von mehreren tatarischen Flüchtlingswellen in Richtung der osmanischen Küsten in Bewegung setzte.

Es war nicht das erste und nicht das letzte Mal, dass sich rund um das Schwarze Meer die Straßen schwarz vor Menschen färbten, weil Potentaten Völker verpflanzten und ihre Spuren aus der Geschichte tilgten. Dutzende von Schwarzmeerminderheiten wechselten im Lauf der Jahrhunderte teils mehrmals unfreiwillig den Küstenabschnitt, weil sie dem Wachstum der Imperien im Weg standen oder dem Schicksal der Nationen, der kommunistischen Zukunft, dem Tausendjährigen Reich, dem Türkentum, der großrumänischen Idee oder der bulgarischen Wiedergeburt – kurz: weil Späne fielen, wo Herrscher hobelten, oder weil man, wie es später einmal Stalin gesagt haben soll, kein Omelette braten kann, ohne Eier zu zerschlagen. Er, Stalin, Erzhobler und Meister aller Omelettebräter, war es, der gut anderthalb Jahrhunderte nach Katharina den verbleibenden Teil der Krimtataren in Viehwaggons pferchen und nach Zentralasien deportieren ließ. In Stalins Schwarzmeer-Omelette war das nicht einmal das dickste Ei.

Unter dem Esstisch meiner Großmutter ahnte ich noch nichts von Vertreibungen, von Säuberungen, von Flucht, von Menschen, die nicht bleiben können, wo sie sind. Schon die siegerländisch-holländische Migrationsgeschichte des Admirals überstieg mein Vorstellungsvermögen. Van Kinsbergen war, so weit ich das überblickte, der Einzige in unserer Familie, der nicht da gelebt hatte, wo der Rest von uns lebte. Ich schob es auf sein Seefahrerdasein. Sein Haus war sein Schiff, anders konnte ich mir die Sache nicht zusammenreimen.

Das Haus meiner Großmutter war von außen mit schwarzen Schieferschindeln verkleidet, wie es im Siegerland viele alte Häuser sind. Wenn ich mir heute diese nachtfinsteren Dorfzeilen vor Augen rufe, wie sie schieferschwer in ihren Tälern ruhen, überkommt mich ein altes, ungläubiges Kinderstaunen darüber, dass auf dieser Erde jemals ein Mensch seine Heimat verlassen hat.

***

Meine Reise führte im Kreis, aber das Schwarze Meer ist so wenig rund, wie es schwarz ist.

Die Geographen der Antike verglichen die Form seiner viereinhalbtausend Kilometer langen Küstenlinie mit der eines skythischen Reiterbogens. Die Sehne spannt sich entlang des südlichen, heute türkischen Ufers, dessen Gestalt den damals noch hier siedelnden Griechen gradliniger und sehnenförmiger vorkam, als sie es tatsächlich ist. Links und rechts der Türkei krümmen sich die Endstücke des Bogens hart nach Norden und dann sanfter einander entgegen, im Westen vorbei an den Stränden Bulgariens und Rumäniens, im Osten an der georgischen und russischen Küste. Der Bogen schließt sich in der Ukraine, an deren Südufer wie die geballte Faust eines Schützen die Krim hängt. Der imaginäre Pfeil, den diese Waffe nordwärts schleudert, zielt ziemlich genau auf Moskau, was in der Antike allerdings noch niemand ahnen konnte. Als die Moskowiter in der Weltgeschichte auftauchten, waren die Skythen längst aus ihr verschwunden.

Mich selbst haben die Umrisse des Meers, wenn ich seine Konturen mit dem Finger auf der Karte entlangfuhr, immer an einen Pferdekopf erinnert. Rechts schnuppert die Pferdeschnauze an Georgien, beiderseits der Krim ragen zwei spitze Pferdeohren in die Ukraine und nach Russland. Das nordöstliche Ohr ist das Asowsche Meer, eines von zwei Nebengewässern des Schwarzen Meers. Von hier aus, über den Zufluss des Don, drang im 18. Jahrhundert das russische Zarenreich an die Meeresküsten vor. Das traditionsreichere Eingangsportal – und gleichzeitig der Hals, auf dem der Pferdekopf sitzt – ist der südwestliche Bosporus, die Verbindung zum Marmarameer, zur Ägäis und zur Mittelmeerwelt des Altertums. Von hier aus sollen einst Jason und die Argonauten ins Schwarze Meer gelangt sein, auf der Suche nach dem Goldenen Vlies, die sie entlang der Südküste bis ins heutige Georgien und über den Umweg der Donau zurück in ihre griechische Heimat führte.

Die Argo-Sage ist eine bronzezeitliche Legende, aber sie lehnt sich an die tatsächliche Entdeckung des Schwarzen Meers durch griechische Seefahrer des Altertums an, deren Schiffe möglicherweise schon im zweiten, spätestens aber zu Beginn des ersten vorchristlichen Jahrtausends durch die Dardanellen und den Bosporus vorstießen. Was sie dahinter vorfanden, stilisierten Generationen griechischer Dichter und Denker später zum gefahrenumwitterten Rand der bekannten Welt, besiedelt von den aberwitzigsten Völkerscharen und Fabelwesen: Kannibalen, Höllenhunde, männermordende Amazonen, auf Kranichen reitende Zwerge, Zyklopen, Läusefresser, Werwölfe.

Auch die realen Bewohner der antiken Schwarzmeerküsten kamen in der griechischen Literatur nicht gut weg. Es waren Reitervölker wie die Skythen, deren Sprachen in den Ohren der Griechen wie sinnloses Gebrabbel klangen – sie schienen nur «bar bar bar» zu sagen, weshalb ihnen bald der Name «Barbaren» anhing. Unter diesem Sammelbegriff wanderten die Nomaden in die griechische Psyche ein – und wurden dort sesshaft. Vertraut man der hellenischen Literatur, verkörperten sie für die Griechen all das, was sie selbst nicht sein wollten, was ihre Zivilisation bedrohte, was sie hassten, fürchteten und verachteten. Wer an dieser Abneigung schuld war und inwiefern sie auf Gegenseitigkeit beruhte, ist im Nachhinein schwer zu sagen, weil nur eine Seite der Geschichte überliefert ist: Die Barbaren haben nicht aufgeschrieben, was sie von den Griechen hielten.

Als später aus den Scherben der Antike das Selbstbild eines ganzen Kontinents zusammengesetzt wurde, verinnerlichten die Europäer zusammen mit allem anderen griechischen Kulturgut auch die Erzählung von den Barbaren, die ihnen bis heute als Mythos der äußeren Abgrenzung dient, längst losgelöst von ihren Ursprüngen am Schwarzen Meer. Wer sich zivilisiert fühlen will, braucht barbarische Nachbarn. Die Franzosen fanden sie lange in den Deutschen, die Deutschen in den Slawen, die Polen in den Russen, die nachbarreichen Russen in den Mongolen, Tataren, Türken, Kaukasiern und Chinesen.

Als Gruppe zogen die Europäer die Grenze zwischen Zivilisation und Barbarei meist dort, wo es gerade ihren Interessen diente. Kriege und Kolonialkampagnen ließen sich leichteren Gewissens führen, wenn man den Gegner vorher zum Feind der zivilisierten Welt erklären, wenn man an alte Instinkte der Abgrenzung appellieren konnte, die der kontinentalen Psyche seit ihren antiken Anfängen eingeschrieben sind: Hier die Zivilisierten, dort die Barbaren – hier unseresgleichen, dort die Anderen, die Fremden, Zurückgebliebenen, Ungewaschenen, die mit dem komischen Essen, die ihre Kinder nicht im Griff und ihre Frauen nicht unter Kontrolle haben, die Grausamen, die Blutrünstigen, die Menschenfresser, die Ungläubigen, die Minderwertigen, die Sklavennaturen, die Untermenschen.

Bezeichnenderweise entstand dieses Bild des Barbaren ursprünglich gar nicht an der Schwarzmeerküste selbst, wo die griechischen Seefahrer ab dem achten vorchristlichen Jahrhundert Handelsstädte gründeten und mit den Nomadenvölkern des Hinterlands in enger Symbiose lebten – hier nahmen jene kuriosen ethnischen Mischgesellschaften ihren Anfang, die das Schwarze Meer jahrtausendelang prägen sollten. Zu Zivilisationsfeinden wurden die Barbaren vielmehr von Athener Intellektuellen erklärt, die das Schwarze Meer nur vom Hörensagen kannten und auch sonst selten einen Fuß vor die Säulengänge ihrer Akademien setzten, aber vielleicht gerade deshalb starke Meinungen zu Menschen ohne festen Wohnsitz hatten.

Es war nicht das erste Mal in der Weltgeschichte, dass sesshafte Völker wie die Griechen mit Nomaden wie den Skythen in Berührung kamen. Neu war, dass aus ihrem Zusammentreffen Literatur wurde – und aus der Literatur das Selbstbild eines Kontinents. «Mit dieser speziellen Begegnung», schreibt der weise Schwarzmeerchronist Neal Ascherson, «nahm die Idee Europas ihren Lauf, mit all ihrer Arroganz, allen ihren Implikationen von Überlegenheit, ihren Anmaßungen von Priorität und Antiquität, ihrem Anspruch auf ein natürliches Recht der Dominanz.»

Wer einmal versucht hat, in der Form des Schwarzen Meers den drohenden Skythenbogen zu erkennen, den die Griechen in ihm sahen, wird das Bild nur schwer wieder aus dem Kopf bekommen.

***

Ich erinnere mich gut an den Moment, als das Schwarze Meer vom Rand der europäischen Wahrnehmung plötzlich ins Zentrum rückte.

Mit einem Ausflugsboot fuhr ich im März 2014 durch den Hafen von Sewastopol. Keine zwei Wochen zuvor waren auf der Krim russische Soldaten aufgetaucht und hatten die ukrainischen Kasernen umstellt, in Uniformen ohne Hoheitsabzeichen, was niemanden über ihre Herkunft hinwegtäuschte. Das Parlament war aufgelöst und durch ein Marionettenkabinett des Kremls ersetzt worden, für den nächsten Tag war eine hastig anberaumte Volksabstimmung über den Anschluss der Krim an Russland angesetzt, im Hafen lagen sich ukrainische und russische Kriegsschiffe gegenüber – aber immer noch verkehrten zwischen den Zerstörern Ausflugsboote, als sei nichts geschehen.

Ich war als Reporter nach Sewastopol gereist, um über das politische Piratenstück zu berichten, das sich hier abspielte. Damals wusste ich noch nicht, dass unweit des Hafens, an der Südwestküste der Krim, Jan Hendrik van Kinsbergen 1773 den Weg für Katharinas Annexion der Halbinsel gebahnt hatte. Klar war mir nur, dass ich gerade miterlebte, wie Russland die Krim zum zweiten Mal annektierte.

Das Ausflugsboot fuhr dicht an den hohen, grauen Metallflanken der Kriegsschiffe vorbei. Die ukrainische und die russische Schwarzmeerflotte teilten sich in den angespannten Tagen vor dem Krim-Referendum noch den Hafen, und ich hatte gehofft, ihre unübersichtlichen Positionen vom Wasser aus besser überblicken zu können. Das Boot war gefüllt mit alkoholisch und patriotisch berauschten Russen aus Sewastopol, die keinen Zweifel daran ließen, dass sie den Ukrainern die Pest an den Hals wünschten. «Faschisten!», brüllten sie in Richtung der blau-gelb beflaggten Schiffe – im russischen Propagandafernsehen hießen die Ukrainer seit Wochen nur noch «Faschisten». Die alte Geschichte, dachte ich: Ein Land auf Kriegskurs sucht sich seine Barbaren.

Etwas abgesondert stand ein einzelner Mann an der Reling, der stumm aufs Meer hinausschaute. Er war der Einzige außer mir, der sich nicht am Geschrei der anderen beteiligte. Als wir am Ende der Rundfahrt im Hafen ausstiegen, sprach ich ihn an – warum war er hier?

«Um mich vom Meer zu verabschieden», sagte er knapp.

Er war Tatare. Seine Eltern hatten die Deportation unter Stalin miterlebt, er selbst war in Usbekistan geboren und hatte erst nach dem Zerfall der Sowjetunion in die Heimat seiner Vorfahren zurückkehren können, als die Krim zusammen mit dem Rest der Ukraine unabhängig geworden war.

«Jetzt übernehmen die Russen hier wieder das Ruder», sagte er düster. «Ich werde nicht warten, bis sie uns noch einmal vertreiben. Meine Frau hat Verwandte in Ankara. Übermorgen packen wir die Kinder ins Auto und fahren los.»

Er lächelte ein bitteres Lächeln.

«Ist ja nicht das erste Mal, dass wir bei null anfangen.»

Ich sah ihm lange nach, während er die Uferpromenade entlanglief, seiner unklaren Zukunft entgegen. Ein Span war gefallen, ein Ei zerbrochen.

***

Sechs Anrainerländer hat das Schwarze Meer. Es sind, im Uhrzeigersinn und in der Reihenfolge meiner Reise: Russland, Georgien, die Türkei, Bulgarien, Rumänien, die Ukraine.

Sechseinhalb sind es, wenn man Abchasien mitzählt, einen abtrünnigen Teil Georgiens, der von Russland am Leben gehalten wird, damit sich Georgien keinen westlichen Bündnissen anschließen kann.

Sieben, wenn man Moldawien mitzählt, das alte Bessarabien, dem im Zweiten Weltkrieg die Küste abhandenkam, als Stalin die Landesgrenze landeinwärts verschob.

Siebeneinhalb, wenn man Transnistrien mitzählt, einen abtrünnigen Teil Moldawiens, der von Russland am Leben gehalten wird, damit sich Moldawien keinen westlichen Bündnissen anschließen kann.

Acht, wenn man Polen mitzählt, das alte Polen zum Zeitpunkt seiner größten Ausdehnung, als sich der Szlachta-Adel einredete, die Oberschicht des Landes stamme vom antiken Barbarenvolk der Sarmaten ab.

Achteinhalb, wenn man die Volksrepublik Donezk mitzählt, einen abtrünnigen Teil der Ukraine, der – Sie wissen schon.

Achteinhalb, wenn die Krim zur Ukraine gehört. Achteinhalb, wenn die Krim zu Russland gehört. Neun, wenn man die Krim lieber für sich stehen lässt.

Neuneinhalb, wenn man das antike Ruinenreich der Griechen mitzählt, dessen Spuren mir an allen Meeresküsten begegneten, in Form verwitterter Steine, fremdsprachig überformter Ortsnamen, Familiengeschichten versprengter Schwarzmeergriechen, in den kyrillisch, lateinisch und georgisch buchstabierten Speisekarten ungezählter Aphrodite-Restaurants, Poseidon-Cafés, Olymp-Hotels und Amazonen-Bars – und in der tief verinnerlichten Schwarzmeertradition, von seinen Nachbarn stets das Schlimmste zu erwarten.

***

Wo anfangen? Nachdem ich mit dem Finger auf der Karte lange ratlos das Meer umkreist hatte, entschied ich mich für einen Punkt, der fernab der Küste liegt, aber vieles über die Ursprünge des Schwarzen Meers erzählt. So landete ich an einem Märztag auf einer verschneiten Bergstraße, wo mir Menschen ohne Geld und ohne Pass entgegenliefen.

Angekommen in Doğubeyazıt, sah ich Frauen, deren bodenlange Gewänder im anatolischen Staub schleiften. Kurdische Männer warfen ihnen Blicke hinterher, die mich an ausgehungerte Wölfe denken ließen. Ich sah fliegenumschwirrte Kuhköpfe in den Schaufenstern der Metzgereien, ich sah klickernde Gebetsketten in den Händen der Teetrinker, und überall, am Ende jeder Straße und über jedem Hausdach, sah ich den Ararat. Der Berg schwebte über der Stadt wie ein perspektivisches Trugbild. Wäre er eine Filmkulisse, man müsste ihn schrumpfen, um ihn glaubwürdiger zu machen.

Ich checkte im Hotel Nuh ein, benannt nach dem berühmten Seefahrer, der hier einst mit seinem Schiff gestrandet sein soll: Noah, Admiral der Arche. Der Inhaber war ein weißhaariger Kurde namens Jakub, der nicht nur dem Hotel, sondern auch einem seiner Söhne den Namen Nuh gegeben hatte. Der Nuh des Korans landet mit seinem Schiff zwar nicht auf dem Ararat, sondern auf dem Cudi, einem Berg im syrisch-irakischen Grenzland der Türkei. Aber die christlichen Arche-Touristen, die Jakub den Lebensabend und seinem Sohn das Studium in Istanbul finanzierten, kamen nun mal hierher, zum Ararat.

Bis vor zwei Jahren hatten sie das jedenfalls getan. Dann war das passiert, was mir am nächsten Morgen Cervat erklärte, der Fahrer, der mich zum Fuß des Bergs brachte.

«Bum!»

Er legte ein unsichtbares Gewehr an die Wange und feuerte in Richtung des wolkenumwaberten Gipfels.

«Bum! PKK! Bum!»

Wegen angeblicher Terrorgefahr hielt die Armee seit zwei Jahren den Zugang zum Ararat gesperrt.

Mehr als dreihundert Kilometer trennen den Berg von der nächstgelegenen Küste, der des Schwarzen Meers. Ich versuchte, den Ararat vor meinem inneren Auge im steigenden Wasser der Sintflut zu versenken. Es war nicht leicht. Und doch steckt in der Flutlegende ein Kern, der den Berg mit dem Schwarzen Meer verbindet – einem Meer, das nicht nur nicht schwarz ist, sondern auch nicht immer ein Meer war.

In den frühen Stadien seiner Entwicklung, lange bevor an seinen Ufern Menschen auftauchten, die darüber streiten konnten, wo die innere Grenze des siamesischen Zwillingskontinents Eurasien verläuft, verschob sich das Gewässer parallel zu den knirschenden Tanzschritten der beiden Erdteile. Im Lauf dieses Jahrmillionentangos verband es sich mal mit dem Kaspischen Meer, mal mit dem Mittelmeer, mal verwandelte es sich in einen landumschlossenen Binnensee ohne Zugang zu den umliegenden Gewässern.

In welchem Zustand es aus der letzten Eiszeit in die jüngere Vergangenheit driftete, lässt sich am Meeresgrund ablesen. Etwa hundertfünfzig Meter unter der Wasseroberfläche sind dort die Konturen eines älteren Sees erkennbar, der deutlich kleiner und flacher war als das heutige Meer. Als Forscher diese Bodenstruktur Ende des 20. Jahrhunderts entdeckten, stießen sie innerhalb der alten Seeuferlinie auf Überreste von Süßwasserorganismen. In den höhergelegenen Bodenschichten fanden sie dagegen nur Ablagerungen meerestypischer Lebewesen. So weit, so erwartbar: Aus einem kleineren See war im Lauf der Jahrtausende ein größeres Meer geworden. Die Forscher staunten erst, als sie feststellten, dass es zwischen den beiden Sedimentzonen keinen nennenswerten Übergangsbereich gab. Es schien, als habe sich der See vergleichsweise plötzlich mit großen Massen von Salzwasser gefüllt, die sein Ökosystem innerhalb kürzester Zeit umkrempelten.

Wann war das geschehen – und warum? Die Forscher ließen die Lebensspuren datieren, auf die sie rund um die Seeuferlinie gestoßen waren. Sie stellten fest, dass der Umschwung vor nicht einmal achttausend Jahren stattgefunden haben musste, im sechsten vorchristlichen Jahrtausend, zu einer Zeit, als der Wasserspiegel des versunkenen Sees deutlich tiefer gelegen hatte als der des nahen Mittelmeers. Beide Gewässer trennte damals wie heute nur eine schmale Landbrücke: der Übergang zwischen der Balkanhalbinsel und der Türkei. In den Köpfen der Forscher setzte sich ein dramatischer Film in Gang. Als sich in der ausgehenden Eiszeit die Ozeane mit Schmelzwasser füllten, stieg auch der Pegel des Mittelmeers – so weit, dass seine Wassermassen irgendwann ihr Becken sprengten, die Balkan-Landbrücke überfluteten und in das nördlich dahinter gelegene Tal strömten. Beschleunigt wurde der Prozess, als der Druck des nachfließenden Wassers Erdreich und Felsen beiseitepflügte und einen Durchbruch in die Landbrücke riss: den heutigen Bosporus. Spätestens zu diesem Zeitpunkt dürfte das Mittelmeerwasser mit einer solchen Gewalt ins Schwarzmeerbecken gestürzt sein, dass es den Seespiegel täglich um bis zu fünfzehn Zentimeter steigen ließ. In die Horizontale übertragen, bedeutet das, dass sich in den flacheren Küstengebieten die Uferlinie pro Tag um mehr als einen Kilometer landeinwärts fraß.

Die Menschen, die in jenen dunklen Tagen an den Seeufern siedelten, müssen den sprichwörtlichen Untergang ihrer Welt wie eine unbegreifliche, jede Vorstellung sprengende Katastrophe erlebt haben. Was hatte ihre Götter nur so erzürnt? Während sie verzweifelt versuchten, sich selbst und ihr Vieh in höhergelegene Gegenden zu retten, dürften sie die ersten Erklärungsversuche entwickelt haben, aus denen im Lauf der Jahre und Jahrzehnte Schuldzuweisungen, Sühneschwüre, Selbstgeißelungen und religiöse Legenden wurden. Noch Generationen später, als sie längst fern der Heimat ihrer Vorväter ein neues Leben angefangen hatten, müssen die Menschen raunend von der großen Flut erzählt haben, die allem Vorherigen ein Ende gesetzt und allem Künftigen den Anfang gegeben hatte.

Als die Lagerfeuererzählungen in späteren Jahrtausenden aufgeschrieben wurden, entstand rund um das Schwarze Meer eine Flut an Flutliteratur. Im Alten Testament endet der Exodus der Menschen und Tiere auf dem Ararat, im Koran auf dem Cudi. Beide Versionen ähneln dem Gilgamesch- und dem älteren Atrahasis-Epos der Sumerer, in denen das rettende Schiff auf dem Nisir landet, einem Berg im kurdischen Teil des heutigen Iraks. Bekannt war die Flutlegende auch den Griechen des Altertums, die sie direkt mit dem Schwarzen Meer in Verbindung brachten, wenn auch in einer umgekehrten Version: Der Geschichtsschreiber Diodor ließ sich im ersten vorchristlichen Jahrhundert von den Bewohnern der Ägäis-Insel Samothraki erzählen, dass das Schwarze Meer in dunkler Vorzeit seine Ufer gesprengt und durch den Bosporus strömend ihr Eiland überflutet habe. Auch Strabo berichtet in seiner Geographie, dass die Flüsse, die ins Schwarze Meer münden, das Gewässer einst zum Überlaufen brachten.

Steckt hinter all diesen Geschichten eine reale Naturkatastrophe, der das Schwarze Meer seine heutige Gestalt verdankt? Die Sintflut-Hypothese ist, wie ihr Name sagt, eine Hypothese, die unter Erd- und Meereskundlern ihre Anhänger und Kritiker hat. Aber wenn es ein Meer gibt, dessen Entstehungsgeschichte zu den Flutlegenden passt, dann ist es das Schwarze.

Wir ließen den Fuß des Ararats hinter uns und fuhren südwärts. Cervat wollte mir eine Stelle in den Bergen zeigen, wo vor ein paar Jahrzehnten einer der zahllosen christlichen Arche-Sucher eine vielversprechende Spur entdeckt haben wollte. Ein paar Kilometer vor der iranischen Grenze bogen wir von der Landstraße in einen Feldweg ab, der sich zwischen rötlichen Felsen bergauf schlängelte. Nach einer Viertelstunde hielt Cervat das Auto an. Wir stiegen aus und sahen vor uns ein langgezogenes, menschenleeres Tal. Die staubige Erde war mit Geröll übersät und wirkte so nachhaltig ausgetrocknet, als habe es hier seit der Sintflut nicht mehr geregnet.

Cervat deutete auf den gegenüberliegenden Berghang. Im Fels zeichnete sich eine Art Abdruck ab, ein langer, dunkler Fleck im Gestein.

«Nuh’un gemisi», sagte Cervat feierlich. Noahs Arche.

Der Abdruck war vielleicht hundert Meter lang und ein Drittel so breit. Er lief an beiden Enden spitz zu und erinnerte mit viel Phantasie an die Form eines Schiffsrumpfs. Mit etwas weniger Phantasie erinnerte er an die Form eines türkischen Pide-Brots.

Schweigend starrten wir in die Ferne. Wie aus dem Nichts tauchten plötzlich zwei barfüßige Jungen auf, deren neugierige Blicke zwischen mir, Cervat und dem Felsabdruck hin und her sprangen. Ich fragte mich, wo sie herkamen, wo sie wohnten, was sie hier taten, aber wir hatten keine gemeinsame Sprache.

«Nuh’un gemisi?», fragte ich, auf den Felsabdruck deutend.

Die beiden nickten stumm, als hätten sie nicht den geringsten Zweifel daran, dass in dieser meeresfernen Berglandschaft einst ein Schiff gestrandet war.