Schwester. - Nicolas Bjausch - E-Book

Schwester. E-Book

Nicolas Bjausch

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Beschreibung

Die fürchterlichen Ereignisse, die sich vor langer Zeit in der kleinen Stadt Schwarzen am See zugetragen haben, waren längst vergessen. Doch allmählich dringt die finstere Vergangenheit wieder ans Licht - und bringt das Böse zurück nach Schwarzen... Obwohl sie Zwillingsschwestern sind, sind Esther und Jenny wie Tag und Nacht: Jenny ist beliebt und erfolgreich, Esther bleibt hinter all dem zurück. Je stärker der Hass auf ihre Schwester wird, umso lauter wird die unheimliche Stimme, die in der Nacht nach Esther ruft.... Ein Mysteryroman für Leser ab 14 Jahren.

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Seitenzahl: 198

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Schwester.

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Stimme.

Letzter Schultag.

Trinken.

Kaufhaus.

Hausarrest.

Unfall.

Party.

Hexe.

Geschichte.

Antwort.

Wut.

Helfen.

Schwestern.

Erinnerung.

Jenny.

Lukas.

Danach.

Impressum neobooks

Stimme.

"Esther!"

Esther drehte sich um. Wo war sie? Wie war sie hier her geraten?

Es war kalt. Nebelfetzen hingen zwischen den Bäumen, die Esther nur im Zwielicht des Mondes erkennen konnte. Der Mond war von schwarzen Wolken am Nachthimmel umgeben.

"Esther!"

Die Stimme wehte aus der Dunkelheit an sie heran. Flüsternd. Krächzend. Als ob sie aus allen Seiten des dunklen Waldes dringen würde.

"Wer ist da?" fragte Esther angstvoll. Sie sah sich um. Bäume vor ihr, neben ihr, hinter ihr. Sie wollte loslaufen, wollte davonrennen. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie barfuß war. Esther schaute an sich herab. Sie stand mit nackten Füßen im nassen, goldgelben Laub. Wie konnte sie hierher geraten? Mitten in der tiefsten Nacht, mitten im dunklen Wald.

"Esther!"

"Wer bist du? Zeig dich!" schrie Esther. Wieder versuchte sie zu rennen. Aber die bloße Angst hielt ihre Füße auf dem Boden gefesselt.

"Hierher! Komm, Esther!"

Die knorrigen Zweige der Bäume sahen im fahlen Mondlicht aus wie Hände mit knochigen Fingern. Sie bewegten sich im Wind, so dass Esther fast das Gefühl hatte, als ob die Hände ihr den Weg weisen wollten.

Es gelang ihr, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Das Gefühl der feuchten Blätter unsere ihren Fußsohlen ekelte sie. Es tat weh, wenn sie auf einen Zweig oder ein Stück modriger Rinde trat.

"Hierher! Komm, Esther!"

Trotzdem sie nicht hören konnte, von wo die unheimliche Stimme genau zu ihr drang, wusste Esther, wohin sie gehen sollte. Wollte sie überhaupt gehen? Eben noch wollte sie fliehen, vor dieser unbekannten Stimme, hier im Wald. Aber jetzt schien es, als hätte sie gar keine andere Wahl, als der Stimme zu folgen.

Fast war es so, als täten sich die hängenden Äste auseinander, um ihr den Weg freizugeben. Vorsichtig tat Esther einen Schritt nach dem anderen. Da tauchte in der grauschwarzen Nacht etwas vor ihr auf. Es war ein Felsen.

Der runde Felsen war ringsherum mit Gras und Moos bewachsen. Esther konnte den feuchten Moderduft riechen.

"Komm hierher!" Jetzt war die Stimme deutlich näher. Gleichzeitig klang sie, als würde sie aus unendlicher Weite zu ihr dring. "Esther!"

"Ich komme!" rief Esther. Jetzt wurden ihre Schritte schneller. Sie kümmerte sich nicht mehr um dornige Sträucher oder Steine, die ihre Füße und ihre Unterschenkel streiften und hässliche rote Kratzer auf der Haut hinterließen.

Der Felsen vor ihr wurde größer, bis Esther direkt davor stand. Er ragte vor ihr empor, bestimmt zwei Meter hoch.

"Esther! Dreh dich um!"

Esther verstand nicht. Aber sie gehorchte und blickte zurück in den schwarzen Nachtwald, durch den sie gekommen war. Dort war nichts zu sehen. Die Dunkelheit erlaubte ihren Augen, nur ein paar wenige Meter zurückzublicken. "Wo bist du?" rief Esther in die Finsternis. "Wer bist du?"

Sie ließ ihren Blick durch die Nachtschwärze schweifen. Die Stimme antwortete nicht. Zu hören war nur das Knacken von Zweigen und über den Baumkronen ein leichter Nachtwind.

Esthers Blick schweifte über einen Strauch bis hin zu dem Felsen. Auf dem Felsen stand eine alte Frau mit langen weißen, fast leuchtenden Haaren. In ihren Augen funkelte es, das verzerrte Grinsen der Greisin ließ Esther noch mehr vor Schreck erbeben.

Die alte Frau streckte die abgemagerte Hand nach ihr aus. "Esther! Komm! Lass dir helfen, Liebes!"

Wie eine Schlange, die wie der Blitz zuschnappte, schnellte die Hand mit ausgestreckten Fingern auf sie zu - und umgriff Esthers Handgelenk!

Esther fuhr hoch und prallte zurück. Sie war schweißnass, ihr Mund war trocken. Um sie herum war es dunkel. Ihr war kalt. Sie tastete neben sich und spürte die Bettdecke, die sie offenbar von sich fort gestrampelt hatte. Sie hatte geträumt! Die Stimme, der Wald, die furchterregende alte Frau - es war nur ein Traum gewesen.

Erleichtert atmete Esther auf. Was für ein Albtraum! Langsam fand sie sich wieder und entdeckte, dass sie hier in ihrem Bett lag, in ihrem Kellerzimmer im Haus ihrer Eltern. Es war ein langer Tag gewesen. Jetzt erinnerte sie sich. Richtig, sie hatten heute den siebzigsten Geburtstag ihres Großvaters gefeiert. Dann waren sie nach Hause gefahren und Esther war wie erschlagen ins Bett gefallen. Und jetzt hatte dieser fürchterliche Alptraum ihren Schlaf durchkreuzt. Aber sie war aufgewacht und wusste, dass sie in Sicherheit war.

Letzter Schultag.

"Das ist der beste Schultag im ganzen Jahr", sagte Lukas und ließ seine Schultasche von der Schulter auf den Boden fallen.

"Logisch", stellte Bill fest. "Den Schuppen hier sechs Wochen lang nicht sehen zu müssen, ist das Höchste der Gefühle."

Lukas und Bill standen an diesem Junimorgen gemeinsam mit ihrem Freund Jonas neben dem Seiteneingang zum Fahrradkeller, der zwischen Lehrerparkplatz und dem Schulhof der Oberstufe lag. Hier waren sie meistens ungestört, denn den Seiteneingang nutzte ohnehin fast niemand. Außerdem war er von Büschen umwachsen, so dass er nicht einsehbar war. Dafür konnte man durch die Blätter bestens zum Lehrerparkplatz und zur Straße mit den Bushaltestellen sehen. Hier trafen sie sich häufig, um in der Pause oder in einer Freistunde miteinander abzuhängen.

Jonas öffnete seine Schultasche. Das Klirren, das herausdrang, verriet den Freunden, was er dabei hatte: "Jemand ein Bier?" Er hielt Lukas die braune Glasflasche unter die Nase.

"Lass mal", lehnte Lukas ab. "Vor der ersten Stunde fände ich das ziemlich ungeschickt."

"Am letzten Schultag, was sollen sie da machen?" entgegnete Jonas schnippisch. "Die Sommerferien müssen anständig begossen werden."

"Ich wäre auch für später", erwiderte Bill und schob Jonas' Hand mit der Flasche von sich. "Keinen Bock, bei Lamp mit einer Fahne zu sitzen."

"Trübe Tassen", grinste Jonas, öffnete die Flasche mit seinem Feuerzeug und setzte sie an.

"Leute, ich werde jeden Tag am See abhängen", sagte Bill. "Vielleicht nehmen wir uns auch mal ein Zelt mit und bleiben da mal ein paar Tage am Stück. Party machen, ein paar Bräute aufreißen..."

"Beim Aufreißen ist Lukas wohl weniger dabei", grinste Jonas mit Blick auf seinen Kumpel. "Oder?"

Lukas grinste gespielt dämlich zurück. "Ich bringe Esther mit zum See, wir gucken euch gerne beim Aufreißen zu."

"Wenn man von der Teufelin spricht", sagte Bill und deutete mit dem Blick zur Straße. "Da kommt deine Braut samt Schwester."

Sie sahen, wie der große dunkle Mercedes von Herrn Weber vor der Bushaltestelle hielt. Die hintere Tür öffnete sich. Esther stieg heraus. Sie trug eine schwarze verwaschene Jeans und ein bleiches T-Shirt. Ihr rotes Haar fiel offen über ihre Schulter herab. Jetzt öffnete sich auf die Beifahrertür. Esthers Schwester Jenny stieg aus. Sie trug einen Rock und ein helles Top. Obwohl sich die Schwestern an sich wie ein Ei dem anderen ähnelten, waren sie durch ihren Stil sofort voneinander zu unterscheiden.

"Wow", grinste Jonas, als er Jenny sah, wie sie vor Esther die Straße überquerte. Er wandte sich an Lukas. "Bist du dir eigentlich sicher, dass du dir nicht den falschen Zwilling ausgesucht hast?"

"Jenny ist mir viel zu schick", entgegnete Lukas abwinkend. "Esther ist einfach lässig."

"Lässig?" wiederholte Bill. "Also, ehrlich... ich fand sie schon immer ein bisschen gruselig."

Statt einer Antwort warf Lukas Bill nur einen leicht verächtlichen Blick zu. Durch die Büsche sah er, wie die Zwillinge die Seite des Fahrradkellers passierten.

"Hey, Esther!" rief Lukas und trat einen Schritt hervor, damit seine Freundin ihn sehen konnte.

Beide Zwillinge drehten sich reflexartig um.

"Hi!" rief Esther erfreut und schaute ihre Schwester an. "Ich komme gleich."

"Okay", sagte Jenny beiläufig.

Esther küsste Lukas zur Begrüßung auf den Mund und umarmte ihn. Erst jetzt sah sie, dass er in Begleitung seiner Freunde waren.

"Geht's dir gut?" fragte Lukas vorsichtig.

Esther schnaubte leicht. "Na ja, dem heutigen Tag blicke ich nicht gerade mit Freude entgegen."

"Mach dir nicht so einen Kopf", tröstete Lukas sie. "Wenn du heute hier raus bist, dann machen wir erst mal ein bisschen den Ruhigen."

"Den Ruhigen?" wiederholte Esther verbittert. "Hast du denn Zeit? Ich dachte, du arbeitest an der Tankstelle."

"Aber doch erst ab nächster Woche und das auch nur halbtags. Wir schaffen das schon."

Esther seufzte. "Ich hoffe, ich hab ein bisschen Luft zum Atmen. Ich werde richtig viel pauken müssen."

"Aber doch nicht die ganzen Ferien", entgegnete Lukas. "Dich auf die Nachprüfung vorzubereiten, dazu hast du doch noch genug Zeit. Ich helfe dir dabei."

"Trotzdem. Das Donnerwetter zuhause steht mir noch bevor, selbst wenn sie schon Bescheid wissen, dass mein Zeugnis nicht gerade der Knaller ist."

"Schwamm drüber, Lady", schaltete sich Jonas ein. "Hier, wie wär's mit einem Schluck zur Entspannung?" Er hielt Esther die Bierflasche entgegen.

"Spinnst du?" Esther ging nicht weiter auf das Angebot ein.

"Ich gehe nach der Schule noch in die City, ich brauche eine neue Kappe. Kannst ja mitkommen, ich lade dich zu einem Trosteisbecher ein", schlug Lukas vor.

"Mal sehen, wie ich dann drauf bin", antwortete Esther zögerlich.

"Esther? Kommst du jetzt oder was?"

Die Stimme kam von Jenny. Esther hatte nicht gemerkt, dass ihre Schwester auf sie gewartet hatte. "Ja, ich komme." Sie wandte sich noch einmal an Lukas. "Wir sehen uns in der Pause, ja? Seid ihr hier?"

"Selbstredend", grinste Bill. "Lukas wartet hier auf dich, mit Blumen und Pralinen."

Lukas ignorierte das Gerede seines Freundes. "Ich bin hier, bis später."

Sie küssten sich noch einmal. Dann drehte sich Esther um und ging mit ihrer Schwester Richtung Schuleingang.

"Ich kapiere echt nicht, was du an dem findest", sagte Jenny kopfschüttelnd, während sie mit ihrer Zwillingsschwester die Stufen zum Haupteingang des Schwarzener Gymnasiums hinaufging.

Esther hatte ihren Rucksack vor der Brust umklammert und senkte den Blick. Sie hasste es, wenn ihre Schwester über ihren Freund herzog. Darum schwieg sie.

"Und diese assigen Freunde von dem", fuhr Jenny fort. "Hat dir dieser Jonas tatsächlich ein Bier hingehalten?"

"Ich hab's ja nicht genommen", murmelte Esther giftig.

"Gut, dass Papa eben gleich abgefahren ist. Wenn er dich mit Lukas gesehen hätte, hättest du gleich noch einen auf den Deckel bekommen."

"Ich passe schon auf."

"Was findest du denn an dem?"

"Ich..." Esther suchte nach Worten. "Ich mag ihn wirklich. Er ist supersüß und überhaupt nicht so ein Rüpel, wie sie alle behauptet haben. Außerdem... ich finde es cool, dass einer aus der Oberstufe auf mich abfährt."

"Nach den Sommerferien sind wir doch selbst in der Oberstufe", bemerkte Jenny lapidar. Dann fiel es ihr ein. "Na ja... hoffentlich."

Esther machte nur ein verächtliches Geräusch.

"Du wirst es schon schaffen, mit der Nachprüfung. Ich helfe dir beim Lernen", schlug Jenny vor.

"Danke, ich packe das schon."

"Guten Morgen!" klang da die helle Stimme von Lea. Sie hatte mit Ella neben dem Schulkiosk auf ihre Freundin Jenny gewartet. Herzlich umarmten sich die Freundinnen. Lea sprudelte gleich los. "Wie wäre es, heute Nachmittag gleich am See die Ferien feiern?"

"Ich nehme die Kühlbox von meinen Eltern und packe sie voll", ergänzte Ella. "Und ich habe eine neue Bluetoothbox, dann hören wir Musik und braten in der Sonne."

"Klingt gut", erwiderte Jenny. "Kann ich nach dem ganzen Stress gebrauchen. Esther und ich kommen gerne mit."

Esther stand einen Schritt abseits. Sie hatte realisiert, dass die Mädchen Jenny gefragt hatten und nicht sie.

"Klar", sagte Lea und sah Esther leicht lächelnd an. "Kommst du mit?"

"Ich weiß noch nicht", gab Esther knapp zurück. Es war ihr unangenehm, dass alle Leute aus ihrer Klasse schon wussten, was am Tag der Zeugnisausgabe auf Esther zukam.

"Kannst ja auch deinen geilen Freund mitbringen", sagte Ella. Esther glaubte, ein bisschen Spott in diesem Vorschlag gehört zu haben.

"Jenny, da bist du! Gut, dass ich dich treffe!" Herr Nagel, ihr Klassenlehrer trat auf die Mädchen zu und winkte mit einem Briefumschlag.

"Guten Morgen", sagte Jenny. "Was gibt es denn?"

"Gute Nachrichten", grinste Herr Nagel. "Dein Aufsatz."

"Was für ein Aufsatz?"

"Der Politikwettbewerb im März", erklärte Herr Nagel. "Tja, du hast gewonnen. Also, zumindest bist du eine der Preisträgerinnen."

"Ist das ihr Ernst?" fragte Jenny aufgeregt und riss ihrem Lehrer den Umschlag aus der Hand.

"Es geht nach Berlin im Herbst", sagte Herr Nagel, während Jenny den Brief mit der Nachricht überflog, "ein Treffen im Reichstag für zukünftige Führungskräfte."

"Das ist ja der Hammer!" rief Jenny erfreut. "Der Hammer!"

"Finde ich auch", erwiderte Nagel. "Ich gratuliere dir, Jenny. Wir sehen uns gleich in der Klasse."

Damit verschwand der Lehrer.

"Das ist ja unglaublich", sagte Lea und schaute sich den Brief begeistert an. "Ich wusste immer, du bist eine Intelligenzbestie."

"Ich hätte nie gedacht, dass mein Aufsatz da durchkommt", sagte Jenny fassungslos. "Ich hatte den Wettbewerb schon völlig vergessen."

"Und wen nimmst du mit nach Berlin?" fragte Ella und schmiegte sich an ihre Freundin. "Bitte, bitte, bitte, nimm mich."

Grinsend faltete Jenny den Brief zusammen und steckte ihn in ihre Schultasche. "Wir werden sehen. Kommt, wir sollten gehen. Kommst du, Esther?"

"Ich komm gleich nach", erwiderte Esther. "Ich geh noch rasch aufs Klo."

Ella und Lea folgten Jenny durch die Eingangshalle zum Treppenhaus in den ersten Stock. Esther blieb zurück. Sie musste gar nicht zur Toilette. Sie hatte nur keine Lust, mit Jenny und ihren hochnäsigen Freundinnen mitzugehen.

Jenny. Heute das 1a-Zeugnis. Dann noch der Wettbewerb. Ihre Eltern würden sich vor Stolz überschlagen. Und für Esther würde der Tag nur mit Vorwürfen und wahrscheinlich Bestrafungen wegen ihres verkorksten Zeugnisses enden. Es kotzte Esther an. Immer war sie nur der Schatten ihrer schönen, erfolgreichen Schwester. Jenny, die alles haben konnte und alles erreichte. Sie hatte keine Lust mehr auf all das.

Trinken.

Das bisschen Wind, das durch die weit geöffneten Fenster ins Klassenzimmer wehte, half nicht viel: Trotzdem es noch so früh war, hatte die Sommerhitze den Morgen voll im Griff. Es fiel Esther schwer, sich zu konzentrieren. Das war zum Glück halb so schlimm. Denn was Nagel vorne am Lehrerpult über den tollen Erfolg von Jenny dahin schwafelte, interessierte Esther nicht. Das tolle "Aushängeschild für das Schwarzener Gymnasium" saß auf seinem Platz. Seine Wangen waren fast eben so rot wie ihr Haar. Esther beobachtete ihre Schwester. "Jetzt platzt sie vor Arroganz", dachte sie.

Wirklicher Unterricht fand bei Herrn Nagel nicht mehr statt in dieser Stunde, ebenso wenig in der zweiten Stunde, in der Frau Stenkel Französisch unterrichtete. Aber auch sie hatte in dieser vorletzten Stunde vor den Ferien keinen Lehrstoff mehr auf den Plan. Sie berichtete davon, dass sie im nächsten Schuljahr die Stufenleitung der neuen elften Klassen übernehmen würde, also nach den Ferien für die Zehntklässler, die jetzt vor ihr saßen, zuständig sein würde. Frau Stenkel erklärte, dass der Klassenverband nach dem ersten Halbjahr aufgelöst und ins Kurssystem wechseln würde. Esther hörte gar nicht richtig hin, was die Lehrerin über Grund- und Leistungskurse erzählte, für die sich die Schüler entscheiden mussten. Schließlich hatte sie noch gar keine Garantie, dass sie überhaupt in die elfte Klasse versetzt wurde - erst würde Esther noch in Französisch und Chemie nachgeprüft werden. Bestimmt würde ihr Nagel das nachher bei der Zeugnisausgabe noch einmal vor allen Mitschülern unter die Nase reiben. Jenny hatte das Problem nicht. Ihre schlechteste Note war eine Drei.

Zu Beginn der großen Pause setzten Jenny, Lea und Ella sich zusammen, um Pläne für den Nachmittag am See zu schmieden. Sie stellten eine Einkaufsliste zusammen.

"Wo steckt deine Schwester?" fragte Ella. "Glaubst du, sie kommt wirklich mit?"

"Frag mich nicht, was in ihr vorgeht", seufzte Jenny. "Ich kann mir Mühe geben, wie ich will. Es wird immer schwieriger mit ihr, vor allem, seit sie im Unterricht so nach hinten gerutscht ist."

"Sie ist echt merkwürdig", bemerkte Lea vorsichtig. "Sie war ja schon immer ziemlich... zurückhaltend. Aber jetzt sieht sie auch noch immer so finster aus."

"Ihr müsstet mal ihr Zimmer sehen", erzählte Jenny. "Die hat in ihrem Kellerraum hunderte von Kerzen... und diese Musik, die sie hört! Lauter Heavy Metal-Zeugs. Wenn Ihr diese CDs sehen würde, überall Monster und Totenköpfe drauf."

"Gruselig", sagte Lea knapp.

Jenny seufzte wieder. "Echt ätzend. Ich meine, wir sind doch Zwillinge. Aber je älter wir werden, desto unterschiedlicher werden wir. Früher war ich immer froh, eine Zwillingsschwester zu haben. Aber jetzt... Wie gesagt, ich kann mich bemühen, wo es nur geht. Aber es prallt immer alles an ihr ab. Und jetzt hat sie auch noch diesen Typen."

"Was sagen denn deine Eltern dazu?" wollte Ella wissen.

Jenny zuckte die Achseln. "Die dachten, das geht hoffentlich schnell wieder vorbei. Aber das geht jetzt echt schon lange mit ihr und diesem Lukas."

"Hey, Süße!", sagte Lukas und küsste Esther. Sie hatten sich wieder an ihrem Platz beim Fahrradkeller versammelt. Esther war nach dem Schulgong direkt dort hingeeilt.

Lukas fiel Esthers finstere Miene sofort auf. "Alles klar mit dir?"

"Ja ja." Esther lächelte gequält. "Ich bin nur froh, wenn ich dieses dämliche Zeugnis in die Tasche stecken kann und ich diesen Kasten für ein paar Wochen nicht sehen muss."

"Das unterschreibe ich direkt!" schaltete sich Jonas ein, der neben Bill im Schneidersitz auf dem moosbewachsenen Boden hockte. Die beiden hielten eine Flasche Bier in der Hand.

"Ist bei euch noch irgendwas gelaufen?" wollte Lukas wissen.

Esther schüttelte den Kopf. "Nur Gelaber über das nächste Schuljahr. Und natürlich über die neue Königin der Schule, meine werte Schwester." Sie erklärte den Jungs rasch, was es mit dem Aufsatz auf sich hatte.

"Ich kann das Prinzesschen nicht ausstehen", knurrte Esther. "Jenny hier, Jenny da. Und diese verdammte Schule hängt mir dermaßen zum Hals raus."

"Kein Stress", versuchte Lukas sie zu trösten. Er legte den Arm um ihre Schulter und erklärte: "Pass auf, wir haben eine saugeile Idee ausgebrütet. Meine Eltern fahren übermorgen mit meinem kleinen Bruder in den Urlaub. Das heißt, ich habe zwei Wochen sturmfrei. Und das werden wir natürlich am Wochenende gleich nutzen - und am Samstag steigt eine kleine Fete bei mir. Bist du dabei?"

Esther versuchte zu lächeln. "Klar." Dann fügte sie hinzu: "Wenn mir bloß diese verfluchte Nachprüfung nicht im Nacken sitzen würde."

"Hey, ich kann die Nörgelnummer jetzt echt nicht mehr ertragen", sagte Jonas. "Schon gar nicht eine Stunde vor den Sommerferien." Er hielt ihr wieder eine Flasche Bier entgegen.

Esther zögerte.

"Na, mach schon, das entspannt dich."

"Lass sie doch in Ruhe, wenn sie nicht will", entgegnete Lukas. "Sie verträgt auch nicht wirklich etwas."

"Was redest du für'n Quatsch?" fragte Esther grinsend und griff nach der Flasche. "Ich glaube, Jonas hat recht. So einen Scheißtag kann man nur mit einem ordentlichen Schluck begießen."

In der letzten Schulstunde spürte Esther an ihrem Tisch in der hinteren Reihe eine bleierne Müdigkeit, die sie umhüllte. Gegen Ende der Pause hatte sie noch so viel Spaß mit Lukas und seinen Kumpeln gehabt. Jetzt bewegte sich vor ihren Augen alles. Sie hatte das Gefühl, sich ganz tief in sich zurückgezogen zu haben, ohne das, was um sie herum im Klassenzimmer geschah, richtig wahrnehmen zu können.

"Esther?"

Esther erschrak. Es kam ihr wie ein Knall vor, als Herr Nagel das Zeugnis vor ihr auf den Tisch legte.

"Wir sehen uns in der letzten Ferienwoche zur Nachprüfung", sagte Nagel, nicht unfreundlich, eher auffordernd. "Aber versuche auch, ein bisschen von deinen Ferien zu genießen."

Er wandte sich ab, um Esthers Tischnachbarin Michelle ihr Zeugnis zu überreichen.

Esther ließ den Blick nur flüchtig über ihr Zeugnis gleiten. Dann murmelte sie hinter Nagel her: "Sie mich auch."

Nagel blieb stehen. "Hast du etwas gesagt?"

"Ich hab gesagt: Sie mich auch!" wiederholte Esther. Dabei merkte sie, dass ihr das Sprechen schwer viel. Sie schien keine Kontrolle über ihre Zunge zu haben, die Worte waren breiig.

Getuschel in der Klasse. Kichern. Nagel trat vor Esther an den Tisch. "Esther, wir haben versucht, den Grund für deinen Leistungsabfall zu finden. Du hast Chancen genug bekommen, also gibt es jetzt keinen Grund, hier Frechheiten in den Raum zu werfen."

"Leistungsabfall?" Esther kicherte. "Abfall, genau." Sie schob das Zeugnis mit einer energischen Handbewegung vom Tisch. Es segelte zu Boden.

"Bist du--" Nagel beugte sich zu Esther herab. "Bist du betrunken?"

Entgeistert schaute Jenny nach hinten. Was zur Hölle dachte sich ihre Schwester dabei?

"Kann sein", lallte Esther lässig und lehnte sich zurück. "Sie auch?"

Gelächter hallte durch die Klasse. Nur Jenny schwieg. Nagel schluckte. Er fasste Esther am Arm und zog sie von ihrem Stuhl nach oben. Dann führte er sie zur Klassenzimmertür. "Ihr verhaltet euch ruhig. Ich kümmere mich schnell um Esther. Ich bin gleich wieder da." Er öffnete die Tür und zog Esther hinaus.

Natürlich verhielten sich die Schüler nicht ruhig. Sofort wurde geredet. Eine betrunkene Schülerin in der Stunde - das hatte es bisher auch noch nicht gegeben. Und dann auch noch ausgerechnet die merkwürdige Esther.

"Hey, Jenny", rief Marek von hinten. "Hast du von deiner Mama auch einen Muntermacher als Pausendrink mitbekommen?"

"Unheimlich witzig", gab Jenny verärgert zurück, stand auf und verließ die Klasse, um dem Lehrer und ihrer Schwester zu folgen.

Herr Nagel hatte Esther ins Sekretariat gebracht und ihre Eltern verständigt. Esther hatte sich geweigert, die Telefonnummer zu nennen. Aber noch bevor Jenny die beiden im Sekretariat eingeholt hatte, hatte Frau Armor, die Sekretärin, die Nummer der Mutter der Zwillinge aus dem Schülerverzeichnis herausgesucht.

Esther setzte sich auf einen Stuhl neben der Tür des Sekretariat.

"Könnten Sie auf sie achtgeben?" bat Herr Nagel Frau Armor. "Bis ihre Eltern kommen und sie abholen?"

"Solange sie keine Schwierigkeiten macht", sagte die ältere Dame mit einem skeptischen Seitenblick auf das betrunkene Mädchen.

"Ich könnte bei ihr bleiben", schlug Jenny vorsichtig vor. "Ich gebe auf sie acht."

Nagel schüttelte den Kopf. "Komm mit zurück in die Klasse. Deine Mutter kommt direkt her." Dann wandte er sich an Esther. "Das wird ein Nachspiel haben, das ist dir hoffentlich klar."

Esther prustete verächtlich und sah zur Seite.

"Warum machst du es dir so schwer?" fragte Jenny ihre Schwester. "Was ist nur los mit dir?"

Esther sah Jenny finster an. "Hau ab."

Sie blieb sitzen und stützte ihren Kopf auf ihre Fäuste. Hatte sie übertrieben? Erst jetzt, als Herr Nagel und Jenny verschwunden war und Frau Armor ihr keine Beachtung schenkte, kam ihr der Gedanke, dass sie eventuell doch ein wenig über die Stränge geschlagen hatte. Minutenlang blieb Esther wie erstarrt sitzen und nahm nicht wahr, was um sie geschah.

"Frau Armor?" erklang die Stimme eines Kindes.

"Ja?" fragte die Sekretärin, ohne dass sie von ihrem Computer aufsah.

Esther schaute auf. Es war ein Fünftklässler. "Einer aus unserer Klasse hat sich eben die Lippe am Tisch aufgeschlagen. Ich soll Eis holen."

"Ja, sofort", erwiderte Frau Armor, erhob sich von ihrem Drehstuhl und verschwand in einem kleinen Raum hinter dem Sekretariat. Dort stand ein Kühlschrank. Frau Armor öffnete das Gefrierfach, in dem gekühlte Gelkissen aufeinander gestapelt lagen. Sie nahm zwei heraus, warf die Kühlschranktür zu und ging zurück in ihr Büro. Der Junge wartete. Frau Armor reichte die Kühlkissen über den Tresen.

"Hier", sagte sie. "Reicht das mit dem Eis oder braucht ihr auch ein Pflaster?"

"Keine Ahnung", sagte der Junge. "Ich kann ja eins mitnehmen."

Frau Armor nahm einige Pflaster aus einer Schachtel unter ihrem Tresen und schob sie dem Jungen zu. "Bitte. Wenn ihr noch irgendwas braucht, kommt her. Aber es läutet ja ohnehin bald zum Schluss."

"Gut, vielen Dank", sagte der Fünftklässler und verließ das Sekretariat.

Frau Armor nahm wieder Platz vor ihrem Computer. Aber bevor sie sich wieder in ihre Arbeit vertiefte, fiel ihr auf, dass das betrunkene Mädchen, das Herr Nagel gebracht hatte, nicht mehr da war.

Da war er - der letzte Schulgong! Sofort brachen die Schüler der 10c in lautstarkes Johlen aus.

"Schöne Ferien!" Herr Nagel hatte Schwierigkeiten, den Lärmpegel zu übertönen. Letzte Pläne wurden geschmiedet, die Schüler verabschiedeten sich voneinander.

"Also, um drei vor dem Supermarkt, ja?" fragte Lea ihre Banknachbarin Jenny, die ihr Zeugnis säuberlich in ihrer Mappe verstaute.

"Kann sein, dass es viertel nach wird", erwiderte Jenny. "Wenn ich nach der Klavierstunde den direkten Bus kriege, dann bin ich da."

"Alles klar, zur Not kaufen wir ohne dich ein und treffen dich draußen."

"Jenny?" klang Nagels Stimme hinter ihr.

Jenny drehte sich um. "Ja?"