Schwestern und Rivalinnen - Patricia Vandenberg - E-Book

Schwestern und Rivalinnen E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. Patricia Vandenberg ist die Begründerin von "Dr. Norden", der erfolgreichsten Arztromanserie deutscher Sprache, von "Dr. Laurin", "Sophienlust" und "Im Sonnenwinkel". Ohne ihre Pionierarbeit wäre der Roman nicht das geworden, was er heute ist. »Schön, dass Sie mal wieder unser Gast sind.« Der Wirt Paul Schmied lächelte freundlich, als er zu Lenni, der guten Seele und seit Menschengedenken Haushälterin der Familie Norden, an den Tisch trat. Er kannte sie schon eine ganze Weile und freute sich immer über ihren Besuch. »Brauchen Sie die Speisekarte?«, fragte er und wischte mit einer Serviette über den Tisch, um die Brösel mit einer energischen Handbewegung auf den Boden zu fegen. Zweifellos handelte es sich um ein eher rustikales Gasthaus, das Lenni und ihre langjährige Freundin Margarethe aber wegen der guten, bodenständigen Küche und den freundlichen Wirtsleuten schätzten. Paul Schmied rückte die Blumenvase – passend zur Jahreszeit mit je einer orangefarbenen und einer roten Aster bestückt – in die Mitte des Tisches und sah Lenni aufmerksam an. »Sehr gerne«, nickte sie lächelnd. »Aber mit der Bestellung möchte ich noch warten«, erklärte sie voller Vorfreude auf das geplante Treffen. »Meine Freundin Margarethe muss jeden Augenblick hier sein. Wir sind verabredet.« Wie jeden ersten Montag im Monat trafen sich die alten Freundinnen, um entweder etwas zusammen zu unternehmen oder einfach nur gemütlich zu essen oder Kaffee zu trinken. Da dieser wolkenverhangene Novembermittag alles andere als einladend war, hatten die beiden Damen beschlossen, ihrem Lieblingsrestaurant wieder einmal einen Besuch abzustatten. »Aber zu trinken darf ich doch schon etwas bringen?«, erkundigte sich Paul sichtlich besorgt, als er ein paar Minuten später die Speisekarten brachte. »Ich kann Sie doch schlecht auf dem Trockenen sitzen lassen.« »Ein alkoholfreies Pils, gerne.« Suchend sah sich Lenni in dem um diese Uhrzeit von Geschäftsleuten gut besuchten Lokal um.

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Seitenzahl: 116

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Dr. Norden – 115 –Schwestern und Rivalinnen

Patricia Vandenberg

»Schön, dass Sie mal wieder unser Gast sind.« Der Wirt Paul Schmied lächelte freundlich, als er zu Lenni, der guten Seele und seit Menschengedenken Haushälterin der Familie Norden, an den Tisch trat. Er kannte sie schon eine ganze Weile und freute sich immer über ihren Besuch. »Brauchen Sie die Speisekarte?«, fragte er und wischte mit einer Serviette über den Tisch, um die Brösel mit einer energischen Handbewegung auf den Boden zu fegen.

Zweifellos handelte es sich um ein eher rustikales Gasthaus, das Lenni und ihre langjährige Freundin Margarethe aber wegen der guten, bodenständigen Küche und den freundlichen Wirtsleuten schätzten.

Paul Schmied rückte die Blumenvase – passend zur Jahreszeit mit je einer orangefarbenen und einer roten Aster bestückt – in die Mitte des Tisches und sah Lenni aufmerksam an.

»Sehr gerne«, nickte sie lächelnd. »Aber mit der Bestellung möchte ich noch warten«, erklärte sie voller Vorfreude auf das geplante Treffen. »Meine Freundin Margarethe muss jeden Augenblick hier sein. Wir sind verabredet.«

Wie jeden ersten Montag im Monat trafen sich die alten Freundinnen, um entweder etwas zusammen zu unternehmen oder einfach nur gemütlich zu essen oder Kaffee zu trinken. Da dieser wolkenverhangene Novembermittag alles andere als einladend war, hatten die beiden Damen beschlossen, ihrem Lieblingsrestaurant wieder einmal einen Besuch abzustatten.

»Aber zu trinken darf ich doch schon etwas bringen?«, erkundigte sich Paul sichtlich besorgt, als er ein paar Minuten später die Speisekarten brachte. »Ich kann Sie doch schlecht auf dem Trockenen sitzen lassen.«

»Ein alkoholfreies Pils, gerne.« Suchend sah sich Lenni in dem um diese Uhrzeit von Geschäftsleuten gut besuchten Lokal um. Es passte so gar nicht zu Margarethe, dass sie sich verspätete.

»Wie geht es Ihnen und Ihrer Familie Norden?«, erkundigte sich Paul Schmied zuvorkommend, als er Lenni das perfekt eingeschenkte Pils servierte. »Meine Frau war neulich mit unserem Sohn bei Dr. Norden«, fuhr er in munterem Plauderton fort. Trotz der vielen Gäste nahm er sich für jeden einzelnen Besucher Zeit, wechselte ein paar Worte, erkundigte sich. »Stellen Sie sich vor, Benjamin hat doch glatt versucht, sich mit meinem Rasierer den nicht vorhandenen Bart abzunehmen.« Der Schock war überstanden, und der besorgte Vater konnte schon wieder lachen. »Dabei hat er sich so sehr in die Lippe geschnitten, dass es gar nicht mehr aufhören wollte zu bluten.«

»Oje, der arme Kleine!« Obwohl die Vorstellung, wie sich ein Dreijähriger vor dem Spiegel rasierte, wirklich amüsant war, stand die Sorge in Lennis mitfühlendes Gesicht geschrieben. »Wie geht es ihm denn jetzt?«

»Dank Dr. Nordens schneller und kompetenter Hilfe konnte er schon bald wieder lachen«, winkte Paul Schmied zufrieden ab. »Der Doktor hat sogar versichert, dass keine Narbe bleiben wird. Meine Frau und ich sind wirklich froh, dass wir durch Ihre Empfehlung an so einen guten Hausarzt geraten sind.«

Wann immer ihr verehrter Doktor ein Lob bekam, freute sich Lenni, als handelte es sich um ein echtes Mitglied ihrer Familie. Und das war es im Grunde genommen auch angesichts all der Jahre, die sie nun schon in dem siebenköpfigen Arzthaushalt tätig war.

Seit Daniel Norden sie in der schlimmsten Zeit ihres Lebens quasi adoptiert hatte, erledigte sie nicht nur die Hausarbeit in dem lebhaften Haushalt. Sie teilte auch das tägliche Leben mit all seinem Freud und Leid, hatte mit ihrer Familie gelacht und geweint, Sorgen gehabt und Feste gefeiert und konnte mit Fug und Recht behaupten, in Daniel Norden, seiner Frau Fee und den fünf Kindern eine echte Ersatzfamilie gefunden zu haben.

»Ich wusste, dass Sie zufrieden sein würden«, erwiderte sie voller Stolz und lächelte freundlich, wenn auch ein bisschen besorgt.

Immer wieder wanderten ihre Augen zu der altmodischen Standuhr in einer Ecke, die gemächlich vor sich hin tickte.

»Sie machen sich Sorgen?«, erkannte Paul das Problem sofort.

»Ich verstehe das nicht«, gestand Lenni, und eine tiefe Falte erschien zwischen ihren Augen. »Normalerweise ist Margarethe immer vor mir da.«

»Vielleicht hat sie die Verabredung vergessen?«, machte der Wirt einen beherzten Versuch, seinen Gast zu beruhigen.

Doch da hatte Lenni bereits eine Entscheidung getroffen.

»Was kostet das Pils?«, fragte sie und griff nach ihrer Handtasche, um nach dem Geldbeutel zu suchen. »Ich werde zu ihr fahren und nachsehen, ob alles in Ordnung ist.« Sie wollte Paul Schmied ein paar Münzen in die Hand drücken.

Doch der schüttelte entschieden den Kopf.

»Das geht aufs Haus. Sie haben ja noch nicht mal einen Schluck getrunken.«

Normalerweise hätte Lenni auf einer Bezahlung bestanden. Doch angesichts der Sorge um ihre Freundin, die sich langsam aber sicher in Aufregung steigerte, nickte sie nur.

»Das ist sehr nett von Ihnen. Dafür bestelle ich das nächste Mal auch das Menü«, versprach sie und raffte ihre Siebensachen – Schal, Handschuhe, Handtasche – zusammen, um das Gasthaus zu verlassen. Das ungute Gefühl, das sich nach und nach in ihrer Magen­gegend breitgemacht hatte, sagte ihr, dass sie keine Zeit verlieren durfte.

»Ein Glück, dass Sie so schnell kommen konnten.« Außer sich vor Angst stand Lenni in der Tür von Margarethes Haus und knetete nervös die Hände. Seit sie ihre Freundin bewusstlos auf dem Boden liegend gefunden und Dr. Norden informiert hatte, war sie ständig hin und her gelaufen, von Marga zum Fenster und zurück.

»Wo ist sie?«, erkundigte sich Daniel kurz angebunden.

»Hier drüben. Offenbar wollte sie gerade den Mantel anziehen. Dabei muss sie zusammengebrochen sein.« Obwohl sich Lenni vorgenommen hatte, tapfer zu sein, zitterte ihre Stimme.

Margarethe lag im Flur. Lenni hatte alles in ihrer Macht stehende für ihre Freundin getan, ihre Beine hochgelagert und eine wärmende Decke über sie gebreitet, die sie im Wohnzimmer auf dem Sofa gefunden hatte.

Schnell kniete Daniel neben der Seniorin nieder und überprüfte ihre Vitalfunktionen. Ohne ein Wort zu sagen, holte er das Telefon aus der Tasche und bestellte einen Notarzt. Erst dann öffnete er seine Arzttasche, um einen Zugang in die Vene zu legen.

»Was fehlt ihr denn?«, wagte Lenni nach einer Weile schüchtern zu fragen.

Für den Moment hatte Dr. Norden alles getan, was in seiner Macht stand. Er warf einen ernsten Blick auf die Frau, deren flache Atmung er mit einer Sauerstoffmaske unterstützte.

»Das müssen die Kollegen in der Klinik herausfinden. Ich tippe auf einen Schlaganfall oder eine Hirnblutung«, antwortete er ernst. »Sicher bin ich mir aber nicht. Der Notarzt müsste jeden Augenblick hier sein.«

»O mein Gott!« Lenni presste sich ein Taschentuch auf den Mund, um nicht laut aufzuschluchzen. »Wenn ich das geahnt hätte, wäre ich nicht so lange im ›Gasthaus zum Tor‹ geblieben, sondern gleich zu ihr gefahren.«

»Was genau ist denn nun passiert?«, nutzte Daniel Norden die Wartezeit, um die Details zu erfahren.

»Wir waren zum Essen verabredet«, presste Lenni mühsam durch die Lippen. »Als Margarethe nicht kam, bin ich zu ihr gefahren, um nach dem Rechten zu sehen. Sie hat nicht auf mein Klingeln reagiert. Deshalb hab ich den Schlüssel aus dem Blumentopf geholt und selbst aufgesperrt.«

»Eine weise Entscheidung«, lobte Daniel und legte beruhigend seine Hand auf Lennis Arm. »Sie haben alles richtig gemacht. Und jetzt kommt auch schon der Notdienst!«, machte er sie auf das Martinshorn aufmerksam, das immer lauter wurde.

»Ein Glück!« Sichtlich erleichtert atmete Lenni auf und verfolgte das Geschehen der nächsten Minuten mit angehaltenem Atem.

In Windeseile erklärte Dr. Norden den Ersthelfern, was geschehen war, und die Kollegen aus der Behnisch-Klinik übernahmen die Versorgung der Patientin. Als sich die Tür hinter ihnen und Margarethe geschlossen hatte, atmete Daniel Norden ein paar Mal tief durch. Dann wandte er sich an Lenni.

»Wissen Sie zufällig, ob Ihre Freundin Verwandte hat? Kinder, die informiert werden sollten?«

»Margarethe hat zwei erwachsene Töchter«, wusste Lenni zu berichten. »Zu Margas großem Leidwesen wohnen sie aber beide nicht mehr hier, und der Kontakt zur Mutter ist recht spärlich.«

»Wissen Sie zufällig, wo die beiden zu erreichen sind?«, fragte Daniel. Er schickte ihr einen bedeutsamen Blick. »Sie sollten vorsichtshalber kommen.«

Vor Schreck biss sich Lenni auf die Lippe.

»Steht es so schlimm um Marga?«

Dr. Norden seufzte.

»Das kommt ganz darauf an, welche Diagnose die Kollegen stellen«, wollte er keine vorschnellen Schlüsse ziehen. »Aber ich halte es in jedem Fall für besser, wenn sich die Töchter um ihre Mutter kümmern. Schon, um Margarethes Lebenswillen zu stärken.«

Das sah Lenni ein. Sie nickte tapfer.

»Ich glaub, ich weiß, wo Marga die Telefonnummern ihrer Kinder aufbewahrt.« Sie deutete auf die geschlossene Tür am Ende des Flurs. »Darum müssen Sie sich nicht kümmern. Ich übernehme das.«

»Gut!« Daniel Norden nickte zufrieden. Es wurde höchste Zeit für ihn, in die Praxis zurückzukehren, die er nach Lennis Anruf mit wehenden Fahnen verlassen hatte. »Wir sehen uns heute Abend. Dann weiß ich schon sicher mehr über Frau Kollers Zustand.«

»Sie sind ein Schatz!« Lenni kam nicht umhin, ihrem Chef aus lauter Dankbarkeit um den Hals zu fallen. Fast sofort schämte sie sich für diesen Gefühlsausbruch. »Vielen Dank!«, murmelte sie und senkte verlegen den Kopf.

Daniel lächelte, während er sie besorgt betrachtete.

»Sie kommen zurecht?«

»Natürlich!« Tapfer straffte sie die Schultern und streckte das Kinn trotzig hervor. So leicht war sie nicht unterzukriegen. Das wollte sie ihrem verehrten Doktor auf jeden Fall beweisen.

Eine halbe Stunde später stürzte Petra Grimm in den Konferenzraum der Abteilung Unternehmensfusionen und schreckte die Mitarbeiter aus ihrer konzentrierten Arbeit auf.

»Entschuldigen Sie«, wandte sie sich an ihre Vorgesetzte Caroline Koller. »Da war ein dringender Anruf für Sie …«

»Ich sagte doch, dass ich nicht gestört werden will!«, erwiderte Caroline ungehalten. Sie war so sehr in ihr Projekt vertieft gewesen, dass ihr Herz vor Schreck schneller schlug.

»Das habe ich der Anruferin auch gesagt. Aber sie wollte sich nicht vertrösten lassen.«

Das war in der Tat seltsam. Wie ihr Nachname schon sagte, besaß Frau Grimm das seltene Talent, störende Anrufer und andere unerwünschte Gäste freundlich aber bestimmt abzuweisen oder auf später zu vertrösten.

Caroline erschrak.

»Hat Fabians Vater etwa vergessen, unseren Sohn vom Kindergarten abzuholen?«

»Nein. Es war eine gewisse Frau Kraft. Sie muss Sie unbedingt sprechen.«

Diesen Namen hatte Caro noch nie gehört. Während sie nachdachte, klopfte sie ungeduldig mit dem Kugelschreiber auf den Block, der vor ihr auf dem Tisch lag.

»Hat sie eine Nummer hinterlassen?«, erkundigte sie sich und schickte ihren Mitarbeitern, die ihre Arbeit unterbrochen hatten und der Diskussion interessiert folgten, einen scharfen Blick. Sofort senkten sich die Köpfe wieder über die Unterlagen.

»Unter dieser Nummer ist sie noch ungefähr eine halbe Stunde zu erreichen.« Perfekt, wie Petra Grimm nun einmal war, hatte sie selbstverständlich Name und Telefonnummer auf einer Telefonnotiz festgehalten.

Caro nahm sie dankend entgegen und betrachtete die Zahlen. Plötzlich wusste sie, was sie da vor Augen hatte.

»Aber das ist Mamas Nummer!«, rief sie erschrocken, dass ihre Kollegen erneut zusammenzuckten, es aber nicht wagten, die Köpfe erneut zu heben. Auf einmal erinnerte sich Caroline auch wieder an den Namen. Gerda Kraft! Das konnte nur Margarethes alte Freundin sein. »Das kann nur bedeuten, dass Mama etwas passiert ist.« Sie sprang so schnell auf, dass ihr Stuhl mit lautem Gepolter zu Boden fiel. Doch Caroline störte sich nicht daran. So schnell es ihre hohen Absätze erlaubten, lief sie aus dem Konferenzraum und griff nach dem erstbesten Telefon, das ihr in die Finger kam.

»Frau Kraft, sind Sie das? Hier spricht Caroline Koller. Sie haben mich im Büro angerufen«, erklärte sie so hastig in den Hörer, dass Lenni am anderen Ende der Leitung Mühe hatte, ihren Worten zu folgen. »Stimmt etwas nicht mit Mama?«

»Das ist leider richtig.« Inzwischen war Lenni ein Licht aufgegangen, mit wem sie es zu tun hatte. Es kostete sie alle Mühe, nicht allzu verzweifelt zu klingen. »Ihre Mutter und ich, wir waren heute zum Essen verabredet …« In knappen Worten berichtete sie, was passiert war.

Caroline spürte, wie eine kalte Hand nach ihrem Herzen griff und erbarmungslos zudrückte.

»Ist sie bei Bewusstsein?«, stellte sie die erstbeste Frage, die ihr in den Sinn kam.

»Mein letzter Stand ist, dass Margarethe Sauerstoff bekommt und in der Klinik untersucht werden soll. Dr. Norden hat mich gebeten, Ihnen und Ihrer Schwester Bescheid zu sagen, dass Sie kommen sollen.«

»Aber …, aber …« Unwillkürlich begann Caros Unterlippe zu zittern. »Wird Mama sterben?«

Nun musste auch Lenni schlucken.

»Ich weiß es nicht. Aber es ist wohl besser, wenn Sie so schnell wie möglich kommen. Die Ärzte in der Klinik werden Ihnen mehr sagen können.«

Caroline umklammerte den Hörer und konnte es einfach nicht fassen. In ihrer Vorstellung war ihre Mutter unverwundbar gewesen. Obwohl sie wusste, wie naiv dieser Gedanke war, hatte sie nie einen anderen zugelassen.

»Gut. Ich komme, so schnell ich kann«, versprach sie spontan, ohne eine Ahnung davon zu haben, wie sie dieses Versprechen in die Tat umsetzen sollte.

»Ach, und können Sie mir sagen, wie ich Ihre Schwester erreichen kann?«, hakte Lenni nach, bevor die Tochter ihrer Freundin das Telefonat beenden konnte. »Margarethe hat diverse Nummern notiert. Aber offenbar ist Isabel dort nicht mehr. Keiner konnte mir sagen, wo sie sich derzeit aufhält.«

»Ich werde mich darum kümmern«, versprach Caro. »Vielen Dank für Ihre Mühe. Danke«, sagte sie, ehe sie sich von Lenni verabschiedete.

Nachdem Caroline aufgelegt hatte, stand sie einen Moment reglos in dem Büro, das nicht ihres war und starrte blicklos vor sich hin. Mit einem Schlag war alles anders, hatte sich ihr Leben grundlegend verändert.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte eine ungewöhnlich sanfte Stimme in ihrem Rücken.

Caroline drehte sich langsam um. Petra Grimm erschrak über die erstarrte Miene ihrer Vorgesetzten.

»Meine Mutter ist in der Klinik«, gab Caro tonlos Auskunft. »Ich muss sofort nach München.«

Petra Grimm sah auf die Uhr und dachte blitzschnell nach.

»Gehen Sie nur!«, forderte sie Caroline dann mit Verschwörermiene auf. »Der Chef ist bei einem Geschäftsessen. Wenn Sie sich beeilen, kommen Sie eher weg und er kann es Ihnen nicht verbieten.«

»Aber ich werde ein paar Tage weg sein müssen«, seufzte Caroline. Wenn sie nur an ihren Schreibtisch dachte, wurde ihr übel.