Schwindel - Hélène Gestern - E-Book

Schwindel E-Book

Hélène Gestern

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Beschreibung

Warum beendet eine in Leben und Beruf stabile Frau eine glückliche Beziehung, um sich mit Haut und Haar einem Mann auszuliefern, der ihr nicht guttut? Was als harmlose Begegnung unter Kollegen zu gemeinsamen Aufenthalten in Paris führt, entwickelt sich zu einer fatalen Leidenschaft. Aus erotischer Anziehung und Ebenbürtigkeit wird zunehmend Qual, als Streitereien und Versöhnungen in immer dichterer Folge wechseln, Nachrichten und Treffen immer unverbindlicher und seltener werden. Die Affäre gerät zur Obsession, als der Geliebte verstummt und Mails unbeantwortet lässt. Dass er gleichzeitig keine endgültige Trennung akzeptiert, sondern immer wieder eifersüchtig und mit zerstörerischer Wucht in ihrem Leben auftaucht, zieht ihr vollends den Boden unter den Füßen weg. Die Autorin des Erfolgsromans »Der Duft des Waldes« zeichnet in dieser eindringlichen Selbsterkundung das Porträt einer Frau, die aus einer sie beherrschenden Amour fou mit allen Mitteln zurück zu sich selbst finden will.

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Seitenzahl: 76

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

[Cover]

Titel

Motto

Bis repetita deleunt

Einsamkeit

Nachrichten

Züge

Eifersucht

Katzen

Körper

Schwimmbad (in Saint-Malo)

Lichtbilder

Ankündigung (der Trennung)

Der Wald

Jean-Jacques

Nationalbibliothek

Wartehalle

Die Rue C.

Krankheit

Schreiben

Trennung

Autor:innenporträt

Übersetzer:innenporträt

Kurzbeschreibung

Impressum

O solitude,my sweetest choice

Henry Purcell

Schwindel

Bis repetita deleunt

1996 traf ich auf der Straße einen Mann. Ich wusste, wer dieser Mann war, ich sollte mich während seines kurzen Fachaufenthalts an meinem Institut sogar mit ihm austauschen, da ich es aber nicht einrichten konnte, überließ ich diese Aufgabe einem Kollegen, dessen Einsatzbereitschaft offenbar nicht über 18 Uhr hinausreichte, die Stunde, wo die Löwen trinken.

Als ich meinen Besucher in dieser Provinzstadt herumirren sah, auf der Suche nach einem Restaurant, in dem er allein mit seiner eben gekauften Monde speisen würde, schämte ich mich meiner mangelnden Gastfreundschaft und lud ihn ein, einen Kaffee mit mir zu trinken. Wir redeten, wir gingen essen. So beginnen Geschichten.

Nachdem unsere ihren Anfang genommen hatte, war es für mich sehr schmerzhaft zu erfahren, dass er verheiratet war und einen Sohn hatte, wie er mir eines Nachts weinend beichtete. Die drei Jahre danach erwiesen sich als langer Abstieg in die Hölle, als endlose Reihe von Streitereien, Wutanfällen, Trennungen und Versöhnungen. Es war eine Leidenschaft, die so endete wie immer bei einem Ehebruch, wenn man nicht den Mut hat, sich klar zu entscheiden: schlecht. Nach Vorfällen, die nicht weiter berichtenswert sind, weigerte ich mich sieben Jahre lang, mit ihm zu reden, bemühte mich, alles zu vergessen, was mit ihm zusammenhing, ignorierte seine Nachrichten, räumte alles weg, was er berührt hatte. Von seinem Schmerz wollte ich nichts wissen, ich hatte schon genug mit meinem zu tun. Es war eine umfassende, heftige, übermäßige Verdrängung, aber das musste sein, weil eine andere, sehr viel glücklichere Begegnung mir damals abverlangte, die düstere Vergangenheit restlos abzuschütteln.

Später stieß ich bei einem Umzug auf die jahrelang geschlossene Kiste, in der ich seine Geschenke verstaut hatte. Gleichzeitig erhielt ich von ihm eine Nachricht – er hatte nie aufgehört, mir zu schreiben –, in der er mich zum Abendessen einlud. Aus einem unerfindlichen Grund, der aber sicher vom Wunsch bestimmt war, mich mit dieser Phase meines Lebens zu versöhnen, die ich bislang so energisch hatte verleugnen müssen, nahm ich die Einladung an. Dann kam mir etwas dazwischen, ich sagte die Verabredung ab, und dabei wurde mir bewusst, mit welchen Ängsten ich im Vorfeld dieses Wiedersehens gekämpft hatte. Wieder verdrängte ich das Ganze, so weit es nur ging. Und dann erreichte mich Mitte Januar, als ich beruflich gerade völlig demotiviert und zugleich vollkommen überlastet war, von vielen anderen Sorgen abgesehen, eine Nachricht von einem anderen Kontinent, mit guten Wünschen zum neuen Jahr und dem Vorschlag, das versäumte Abendessen nachzuholen. Ich antwortete umgehend, doch ohne einen Termin zu nennen. Wir schrieben uns aber wieder gegenseitig, was schließlich zu einem Treffen führte.

Leider platzte uns die Vergangenheit mit der Wucht einer Bombe ins Gesicht. Nach einem nächtlichen Spaziergang nebst ausgiebigem Gespräch am Ufer der Seine kehrte ich in mein Hotel zurück, und als ich um drei Uhr morgens mit dem Gefühl einer unsäglichen Leere aus dem Schlaf fuhr, wusste ich, dass er mich erneut im Griff hatte. Dieses Wiederanknüpfen brachte mein Leben aus dem mühsam errungenen Gleichgewicht und bewirkte, dass ich das Leben meines damaligen Partners unvermittelt und mit schwerwiegenden Folgen auf den Kopf stellte. Ich dachte aber, es wäre unmöglich, diesen Schwall einzudämmen, der mich überwältigt hatte, wie ein stürmisch aufgepeitschter Bach ganze Häuser überflutet, die jahrzehntelang friedlich am Rand seines Betts schlummerten. Ein weiteres, weniger fassbares Moment war gewiss die Krankheit, die mich ein Jahr zuvor befallen hatte und die ich, wie man mir versicherte, überstehen könnte, wenn ich mich nur ausreichend schonte.

Man sollte bedenken, was es eigentlich bedeutet, sich wieder auf emotionale Pfade zu begeben, die schon ausgetreten sind, wohl wissend, dass einem dort bereits die Liebe und das Lachen vergangen sind. In meinem Fall war es noch weit schlimmer als beim ersten Mal: dieselbe Unentschlossenheit, dieselben Ausflüchte, dieselben Enttäuschungen, nur harscher. Eines Tages erhielt ich einen langen Brief aus Asien, in dem der wiedergefundene Mann mir mitteilte, er halte dieses Gefühl nicht mehr aus, das in seinem Leben so viel Raum beanspruchte. Die folgenden Monate, in denen ich hin- und hergerissen war zwischen Hoffnungen, die ich nicht aufgeben mochte, und grausamen Ankündigungen, waren ein einziger, fast pausenloser Schmerz. Er gewann diesen Qualen eine Art von obskurem Halt ab, ich hingegen ganz und gar nichts. Am Ende wollte er von mir nichts mehr hören, obwohl ich ihm zufolge, wie er ständig wiederholte, »die Liebe seines Lebens« sei, und zog es vor, mit einer Frau weiterzuleben, mit der er nicht glücklich war, wie er mir unaufhörlich beteuerte.

Mir ist nicht klar, was dieser Anfang, dieser Neuanfang, zu bedeuten hatte. Natürlich verlangt die Vernunft, dass man den Ereignissen im Nachhinein eine gewisse Kohärenz, eine gewisse Logik abringt, und sei sie noch so düster oder unterbewusst. Ich komme zu dem Schluss, dass es keinerlei Logik gibt, keinen Sinn, der sich nachträglich enthüllt. Es gibt nichts als Leid und Bitterkeit, und das in einem solchen Ausmaß, dass ich manchmal den Eindruck habe, sie hätten das Leben an sich verstümmelt. Ich hoffe, ich bringe den Mut auf, ihn nie wiederzusehen. Nie wieder damit anzufangen.

Einsamkeit

Ich träumte seit Langem davon, wahre Einsamkeit zu erfahren. Manchmal denke ich, dass das Aus meiner Beziehung mit einem Mann, der mich liebte, und mein Rückfall in eine Liaison, die, wie ich wusste, von vornherein zum Scheitern verurteilt war, mich auf gewundenen Pfaden zu diesem Ziel geführt haben. Es ist März, ich lausche in der Rue C. der nächtlichen Stille und weiß, dass ich nirgendwo mehr heimisch bin. Ein Teil von mir ist verschwunden, weil ich in nur einer Nacht wieder mit der ganzen Last unserer Verschiedenheit konfrontiert wurde. Darauf folgte eine Zeit, die aus nichts anderem bestand als Einsamkeit. Mal aus freien Stücken, mal unfreiwillig. An manchen Tagen habe ich ihn vermisst und Fotos gemacht, um ihm zu zeigen, wie eine Gegenwart ohne ihn aussah. Mit dem vielleicht etwas gemeinen Wunsch, ihn wehmütig zu stimmen. An anderen Tagen habe ich ihn nicht vermisst, weil er mich durch Worte oder Taten derart aufgebracht hatte, dass ich mich von ihm fernhalten wollte. An etlichen Tagen, und das waren unbestreitbar die schlimmsten, verzehrte ich mich nach einer Nachricht, die stets ausblieb. Und da waren die Nächte, die zum eigentlichen Kern der Geschichte gerieten, weil das Bewusstsein nicht mehr wach genug war, um die drohende Auflösung zu bremsen.

Von den dreihundertfünfzig Tagen unserer Beziehung hat er höchstens ein Dutzend mit mir verbracht. Daran durfte ich aber keinen Anstoß nehmen: Beschwerte ich mich über seine ständige Abwesenheit, die absurde Züge annahm, bekam ich seinen Unmut zu spüren und lieferte ihm damit letztlich nur den Vorwand, mich an den Pranger zu stellen. Ich war die Reisespielverderberin. Wobei seine Abwesenheit vielleicht eher auf einer Logik der Flucht gründete, die seinen Kurs von jeher bestimmte.

Während die Zeit verging, lernte ich aufs Neue die schlichte Grammatik des Offensichtlichen: Aus den Augen, aus dem Sinn. Alles, was man nicht miteinander teilt, von alltäglichen Verrichtungen zu Liebkosungen, von banalen Lektüren zu ergreifender Musik, trägt zur Entfremdung bei. Ich tröstete mich mit meinen Katzen, meinem Garten, meinen Waldreben. Ich verfiel wieder in gewisse Gewohnheiten, was mir nicht zuträglich war. Am Ende war ich diejenige, die seltener schrieb, denn ich wusste nicht mehr so recht, was mich eigentlich mit diesem Mann verband, der mich seelenruhig und in aller Offenheit vernachlässigt hatte.

Als es Winter wurde, hatte ich das Ganze satt und entschied mich, die Einsamkeit wenigstens in vollen Zügen auszukosten. Ich wollte nicht mehr warten, die ganze Zeit auf Post hoffen, nur noch zwischen Enttäuschung und Verzweiflung hin- und herpendeln. Ich wollte einen Strich ziehen. Nachdem er mich gebeten hatte, ihm nicht mehr an seine private Adresse zu schreiben, um ihm möglichen Ärger zu ersparen, verstummte ich endgültig. Ich mochte niemanden sehen, verbrachte die Weihnachtsferien in absoluter Stille und war darüber froh. Ich wusste, dass ich gerade alles zerstörte, was von unserer Beziehung noch bestand, und das ging mit einer entsetzlichen Beklemmung einher. Ich wachte mitten in der Nacht auf, im Bewusstsein meines wahnhaften Zustands und vor allem der Unumkehrbarkeit dieses Schweigens. Zwischen den Jahren verbrachte ich drei Tage in Paris, in der Wohnung, die eine Freundin mir während ihrer Abwesenheit überlassen hatte. Am zweiten Weihnachtstag streifte ich durch das Viertel und die Orte, die unsere gewesen waren: die Buchhandlungen, das 5. Arrondissement, den Botanischen Garten. Jeder Schritt verursachte mir Schwindel, ich war innerlich wie tot, alles erschien mir weiß und still, unwirklich, von einer Straße zur nächsten wusste ich nicht mehr, was von mir noch übrig war. Am nächsten Tag besuchte ich mit einem Freund, dem es ungefähr so schlecht ging wie mir, eine Ausstellung über die Einwanderer auf Ellis Island und knüpfte damit an meine alte Faszination für ortlose Menschen an, mit ihrem so ernsten, starren, herzzerreißenden Blick auf jenen Fotos, auf denen fast niemand lächelte.