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Als Donnergott Thor das Ockerland besucht, scheint die Welt noch in Ordnung: Die Wiedersehensfreude ist groß und die Canyonleute leben im Einklang mit der Natur. Über ihre Träume wacht die weise Spinnenfrau Nastseestsan, Weberin des Universums. Doch die machthungrige Scorpio schmiedet einen finsteren Plan: Sie will die Traummagie und die Schätze der Erde rauben.
Gemeinsam mit Thor, der geheimnisvollen Eulenfrau Mahhara und drei Kobolden stellen sich die Gottheiten des Ockerlandes der drohenden Verwüstung entgegen.
Barbara Fischer verwebt nordische Mythen mit den Legenden der Navajo zu einer epische Parabel über den ewigen Kampf zwischen Zerstörung und Bewahrung, Gier und Hoffnung.
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Seitenzahl: 247
Veröffentlichungsjahr: 2025
periplaneta
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Barbara Fischer: „SCORPIO“ Baumweltensaga IV1. Auflage, Dezember 2025 Periplaneta Berlin, Edition Drachenfliege
© 2025 Periplaneta - Verlag und Medien Inh. Marion Alexa Müller, Bornholmer Str. 81a, 10439 Berlin periplaneta.com - [email protected]
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Lektorat: Marion Alexa MüllerCover: Marion Alexa Müller (made with a little help of Adobe Firefly AI)Satz & Layout: Thomas Manegold
print ISBN: 978-3-95996-317-6epub ISBN: 978-3-95996-318-3
Barbara Fischer
Scorpio
periplaneta
Aus der Dunkelheit geboren, fressen schwarze Sterne eure Träume. Im Bösen aufgehoben, fegen sie das Gute dahin! Ihr fürchtet euch vor mir? Ihr habt allen Grund dafür!
Jenseits strahlender Sterne und leuchtender Galaxien gab es ein Reich, in dem wesenlose Dunkelheit herrschte.
Einst hatten alle Gottheiten das Licht der Schöpfung Uradat Besars in ihren Händen getragen, Schönheit und Wunder erdacht und sie untereinander und mit den Sterblichen geteilt. Eine jede Gottheit hatte ihre Aufgabe und ihren Bereich. Aber auch ihre Neigungen und Träume.
Doch auch in den lichtlosen Tiefen des Universums gingen schwarze Sterne Nacht für Nacht auf. Sie flüsterten untereinander, erzählten Geschichten über Reichtum und Macht, die den einen gegeben, den anderen genommen wurden. Sie waberten durch Träume, drangen ein in den Tag, nagten am Licht und verdunkelten die Sonne.
Thor balancierte einen Krug auf dem Kopf und pfiff sein Lieblingslied. Was für andere exzentrische Nebenerscheinungen erhöhten Alkoholkonsums waren, verstand er als Training. Einen ausgeprägten Gleichgewichtssinn zu haben, war eine erforderliche Eigenschaft in fast allen Sportarten. Vor allem im Zustand höchster Konzentration während des Trainings oder im Wettkampf fühlte er sich ausgeglichen. Mit einem gefüllten Krug auf dem Kopf war seine Balance exzellent. Auch seine Halsmuskulatur trainierte er damit. Warum auch immer, die Ladys flogen auf stramme Stiernacken, sagte er sich. Mücken fanden ihn offensichtlich auch sehr anziehend. Er klatschte mit der Hand an seinen Nacken. Der Schlag übertrug sich. Der Krug wackelte. Er nahm ihn vom Kopf und trank den Met aus.
Seine zwei Trinkkumpane johlten. „So wird das nichts: siegreich Schlachten zu schlagen, für die Menschen, die du beschützt.“
„Aber natürlich! Meine Balance ist ausgezeichnet. Ich habe nicht verloren“, verteidigte sich Thor. Er wischte sich mit beiden Händen das offene Haar aus dem Gesicht. Seine rote Mähne sah aus wie ein Feuerkranz.
„Nein, nur ausgetrunken, bevor der Pinienzweig abgebrannt ist“, warf Älterer Bruder ein, nahm seinen Krug ebenfalls vom Kopf und trank. Er liebte dieses Gebräu aus Honig und Wasser. Met gab es hier im Canyon inmitten der Navajo-Hochwüste nur, wenn Thor sie besuchte, ihr Bruder im Herzen und im Sinn.
Jüngerer Bruder zeigte sich unbeeindruckt von den Foppereien der anderen zwei und balancierte seinen Krug weiter. Bis er unter dem Druck der geballten Aufmerksamkeit der beiden, die ihn rhythmisch klatschend anstarrten und lachten, ebenfalls aufgab und den Krug vom Kopf nahm.
Jüngerer Bruder hatte unangefochten gewonnen. Er zeigte das, indem er langsam und ohne Hast trank, die Augen auf die beiden Loser gerichtet, als würde sein Blick über belangloses, trockenes Steppengras schweifen.
Doch die Nacht war noch jung und sie hatten sich lange nicht gesehen.
Die Sonne ging über in den Spätnachmittagsmodus. Der würzige Duft eines Pinienholzfeuers zog die steilen Canyonwände hinauf zu einem blauen Himmel. Ein kleines Flüsschen plätscherte an einer großen Pappel vorbei.
Drei Hünen wärmten ihre Füße am Feuer und feierten ihr Wiedersehen. Die zwei Schwarzhaarigen hatten ihr Haar zu einem Dutt gebunden und waren glattrasiert. Einer hatte goldene Augen. Bei dem anderen war es, als zögen die Jahreszeiten eilig durch seinen Blick hindurch. Den Kopf des Rotblonden umfingen Bart und Haare wie eine Feuersbrunst, aus der heraus braune Augen schauten. Trotz dieser Unterschiede hätten sie Drillinge sein können. Neben dem Feurigen lag ein Hammer, die anderen zwei trugen Pfeil und Bogen.
Ihre Metkrüge waren inzwischen leer. Der Kaktusschnaps kreiste. Der ausgehöhlte Flaschenkürbis war schon bedeutend leichter als noch am frühen Nachmittag.
Ihre Lieder, in denen es um stolze Hirsche ging oder um Gewitter mit Blitz und Sturm, zogen den Canyon herauf. Ab und an schlich ihr Blick nach oben, der Himmel zeigte sich unbeeindruckt und behielt sein wolkenloses Blau. Der Zwölfender blieb in Deckung.
Da zogen Flötentöne durch den Canyon, als ergänzten sie den Gesang.
„Hey, Spielmann, setz dich zu uns. Unser Kürbis ist gut gefüllt und auch das Gemüse teilen wir gerne.“ Auf dem Feuer rösteten Maiskolben, Zucchini und Kürbis.
Der Flötenmann unterbrach sein Spiel und winkte. „Ich werde im Dorf erwartet. Der Mais muss noch besungen werden.“
„Wir sind eigentlich auch auf der Jagd“, lachte der rotblonde Hüne und nahm noch einen Schluck. „Jagdmond.“ Er zeigte mit dem Finger vage nach oben.
Spielmanns Miene verriet, dass er den Witz verstanden hatte und ebenso, was er davon hielt.
Gestern war Vollmond gewesen. Sie hatten die Rituale gefeiert und das neue Jahr begrüßt. Die Ernte war eingefahren, Maisstängel und Alfalfa lagerten in den Speichern. Mutter Erde würde ruhen und alles bedecken, was vor den Großen Winden geschützt werden musste.
Die Zeit der Jagd begann. Das zarte Fleisch des jungen Wildes sollte sie im Winter ernähren, das Fell des alten Wildes wärmen. In ihrem Revier lief ein Hirsch, mit einem Geweih so gewaltig, wie eine hundertjährige Eiche Äste hatte. Dieses Prachtexemplar sollte ihr Überleben während des Frostes sichern. Jeder war es wert, geachtet zu werden, wenn man sich ihm mit Hammer und Pfeil und Bogen näherte. Auf diesen Hirsch ging man nicht nach einer durchzechten Nacht los. Er gab ihnen seine Kraft zum Überleben. Dafür würden sie ihn ehren. Doch am Abend war Thor angekommen und es wurde ein ganzes Fass Met geleert. Danach war der Kaktusschnaps reichlich gekreist. Niemand in der Runde war motiviert, seine Treffsicherheit am Tag danach zu testen und den Hirsch zu beleidigen.
„Brüder“, Thor griff hinter sich und sah zu den Zwillingen. „Das ist doch jetzt der Augenblick der Not.“ Er holte einen Flaschenkürbis und hielt ihn Spielmann hin. „Der letzte Met, nur für dich, Kokopelli.“
„Chief Turtle wird es dir nachsehen“, bekräftigte Jüngerer Bruder und Spielmann nahm auf dem ihm angebotenen Stein neben dem kleinen Flüsschen Platz. Als er zur Pappel sah, schienen ihre Blätter im windstillen Canyon zu rauschen.
„Siehst du, sie freut sich über ein Lied von dir“, ergänzte Älterer Bruder und schien die Pappel zu erhellen, als er sie aus goldenen Augen ansah.
Thor hob den Kürbis und prostete dem Baum zu. „Du brauchst ein Lied von unserem Kokopelli, stimmt’s?“, sagte er mit Nachdruck. „Den ganzen Nachmittag unser Gejaule auszuhalten … du verdienst etwas Gutes.“ Er machte eine Pause. „Und auch ich habe deine magischen Klänge so lange Zeit vermisst.“
Jüngerer Bruder mischte mit in der Dreieinigkeit von Drillingen: „Außerdem, wie viele Mondläufe hast du Zeit bis zur nächsten Aussaat der Maisfelder?“ Er zeigte mit dem Kinn wieder auf den gelb belaubten Baum hinter ihnen. „Sie dagegen schläft bald.“
„Ich sehe, es geht euch gut. Der beste aller Gründe, sich bei euch niederzulassen.“ Kokopelli legte seine Flöte an den Mund und spielte eine Weise für die Pappel, damit sie bald schlafen und sich erholen könne. Auch die drei Brüder wurden ruhig und ließen die magischen Klänge auf sich wirken.
Thor seufzte und schloss die Augen. Während er den Flötenklängen lauschte, zogen sonnenbeschienene Bilder durch sein Innerstes. Hier, im Canyon hatte er die wertvollste Gabe gefunden, die nur das Leben selbst verschenken konnte: Familienbande zu den beiden Brüdern im Geiste, die dem gleichen Traum gefolgt waren wie er. Hier, inmitten dieser Hochebene mit ihren zerklüfteten und mit Höhlen durchlöcherten Canyons hatte Thor die Antwort auf eine Frage gefunden, die er sich vorher nie gestellt hatte. Seine tiefste Sehnsucht erfüllte sich: Frieden für seine Seele in der Schönheit des Canyons. Immer wenn Thor seine Brüder besuchte und den Flötenklängen des Spielmanns lauschte, wurde die Welt noch heller, er wähnte sich am Ende aller Wünsche und konnte sich nicht vorstellen, dass jemals wieder jemand seiner Hilfe bedurfte.
Auch die Gedanken der Zwillinge drifteten auf der Melodie davon. Sie dankten still der Pappel, dass sie ihnen einen ganzen Sommer lang Schatten gespendet hatte. Sie dachten an einen Hirsch und freuten sich auf den nächsten Schluck aus der Kürbisflasche.
Die letzten Töne flogen in den Nachmittagshimmel. Kokopelli legte die Flöte aufs Knie und atmete tief aus. Der Frieden, der sie umgab, ging tiefer als jede Goldader jemals reichen würde.
Scheue Präriehunde steckten die Köpfe aus ihren Höhlen und erkannten erst im letzten Augenblick, dass sie nicht allein am Creek waren. Sie bellten warnend, wenn die Schreie der Habichte und Adler in die Stille herabfielen.
Kokopelli ließ etwas Zeit verstreichen. Dann wurde er unruhig, denn die Zeit saß ihm im Nacken. Er wollte nicht gehen, ohne sich zu erklären. „Ehrlich gesagt bin ich länger, als mir lieb war, bei Madam Habanera in der Trading Post Station geblieben. Dieses Fry Bread ist mein Untergang. Ich kann daran einfach nicht vorbeiziehen wie an einem abgeernteten Maisfeld.“
„Das würde ich Chief Turtle nicht sagen“, lachte der rotblonde Hüne.
Jüngerer Bruder verzog das Gesicht. „Dieses Höllenbrot isst du? Es schmeckt, als sei es direkt der ersten Welt entsprungen und hätte sich seitdem nicht verbessert.“
Über Madam Habanera schieden sich die Geister, seit sie sich eine Holzhütte gezimmert und in der Nähe niedergelassen hatte, um die Hungrigen zu bewirten, Reisende und Händler. Die ansässigen Canyonleute waren zwar mit allem versorgt, doch Madam Habaneras Fry Bread war unumstritten und zweifelsfrei das Beste der ganzen Gegend. Das trieb ihre Sympathiewerte bei annähernd der Hälfte der Canyonleute in die Höhe. Der größere Teil der anderen Hälfte sah zu, genoss das Brot und verhielt sich abwartend neutral. Der kleinere Teil arbeitete aktiv gegen sie.
Eine trinkfeste und kochfreudige Wirtin, allein und ohne Familie, blieb in dieser Gegend nicht lange allein und ohne Familie. Der Ort rund um ihre Hütte veränderte sich mit jedem Tisch, den sie selbst zimmerte und aufstellte und mit jeder Bank, auf der Menschen Platz zum Essen, Trinken, Reden oder Würfeln nehmen konnten. Um diesen Hort der Gastlichkeit siedelten sich nach und nach mehr Reisende an, zimmerten irgendwann ihre eigenen Holzhütten, brauchten Arbeit und Gesellschaft. Die Fremden kamen, mit blasser Haut und fragwürdigen Ideen. Irgendwann war es selbstverständlich, dass alle Neuankömmlinge hier siedelten, als würde die Hütte neben dem Creek sie rufen.
Eine Kolonie Thunderbirds hatte sich auf den Bäumen entlang des Creek eingenistet und behielten von ihren Ästen aus das Treiben um sie herum im Auge.
Die Neuankömmlinge hielten ihre eigenen Schafe und Ziegen, beschlugen Hufe von Pferden, zimmerten Bänke, schnitzten ihre eigenen Pfeile und Bogen, gerbten Felle und wuschen Wäsche. Die Hütte von Madam Habanera mauserte sich zu einem stattlichen Holzhaus, um das sich die Hütten der Neuankommenden im Schatten der Bäume scharten wie Küken um die Henne. Unter dem Kessel in der Küche des ansehnlichen Hauses ging das Feuer nie aus. Es roch nach Bohnen, Mais und Reis, und manchmal nach gesottenem und gegrilltem Fleisch. Immer aber nach dem Brot, für das Madam Habanera schnell berühmt wurde. Die Leute liebten es und ihr Chili noch mehr.
Das Haus mit der Küche erhielt einen Anbau mit einem Laden. Handelswaren für alle Bereiche des Lebens stapelten sich in den Regalen hinter der Ladentheke und die Bretter wurden immer höher und üppiger gefüllt: mit Mehl, Kräutern, Tonwaren, Decken, Fellen, Kleidung. Der Feuerholzspeicher und der Berg mit getrocknetem Dung für den Winter wuchsen mit jeder Hütte, die dazu kam, genauso wie sich das Maisfeld hinter dem Haus vergrößerte. Und das Feld, auf dem Madam Habaneras Fire Dust gedieh; eine rote Frucht, aus der sie rotes Pulver machte, das direkt aus der ersten der Welten zu kommen schien. Manche nannten es Höllenpuder, allgemein bekannt wurde der Name Chili. Erst sehr viel später sollte es nach ihr selbst benannt werden. Denn auf geheimnisvolle Art war es Teil ihres Erfolgs.
Es gab Leute, die einfach Fry Bread mit Chili mochten. Und es gab Leute, die diese Entwicklung um Madam Habaneras Haus mit Sorge betrachteten. Bei manchen war die Sorge so groß, dass sie nachts mit Speeren und Pfeil und Bogen bewaffnet in den Büschen lauerten und das Treiben beobachteten.
Die Besorgnis wuchs, nachdem sich die ersten Türkise in Madam Habaneras Regalen fanden. Denn das war ein Unding. Niemand verkaufte Türkise. Niemand besaß Türkise, nur das Land selbst. Türkise waren heilige Steine, die man im höchsten Notfall eintauschte, etwa um die Hochzeit einer Tochter auszustatten. In ihnen wohnten die Träume der Gegend, aus der sie kamen. Und hier lagen sie in Regalen und wurden gegen gestanztes Silber getauscht.
Seit der Wind Madam Habanera an diesen Ort geweht hatte, hatte sich viel verändert. Die Canyonleute beobachteten das sehr genau.
Kokopelli schaute schuldbewusst zu den drei Hünen. „Es ist ja wirklich nur wegen des Brots. Und nein, ich werde es Chief Turtle nicht sagen. Aber jetzt wisst ihr, warum ich mich heimlich hinschleiche.“
Beim Wort „heimlich“ lachten die drei auf. Wie sollte der hiesige Spielmann irgendetwas „heimlich“ tun? Er, mit einer Frisur, bei der die Haare in vier Strähnen strahlenförmig vom Kopf abstanden, immer einen Beutel mit Saat auf dem Rücken, die Flöte allzeit in der Hand und an den Lippen. Sie wussten doch alle, dass er dieses Brot liebte. Alle gönnten es ihm und niemand sprach drüber. Es war wirklich kein Geheimnis.
Fröhlich kreiste der Kürbis erneut und Kokopelli setzte seine Flöte an die Lippen. Da knurrte der rotblonde Hüne und fuhr mit einem Satz nach oben. Das Flötenspiel endete abrupt. Etwas hatte ihn an der Augenbraue getroffen. Er wischte es weg.
Ein Holzbrett war gleich neben ihnen in das Flüsschen gefallen. Es polterte in den Zweigen der Pappel. Kurze spitze Schreie und Geräusche folgten, als ob jemand von Ast zu Ast herunterstürzte. Es spritzte, als drei Wesen ins Wasser stürzten, gleich neben das gebogene Holzbrett.
„Da ist es ja“, rief eine Stimme erfreut. Das Wasser reichte dem Wesen bis übers Knie. Eine spirrelige Hand griff nach dem Brett, drehte sich um und erstarrte.
Pentakelkobold Trias sah sich Pfeil, Bogen und Hammer gegenüber. Eine Flöte wurde fest umklammert, bereit, auf alle Eventualitäten zu reagieren. Es krachte im Geäst, als das zweite Brett in den Creek fiel. Die zwei anderen pitschnassen Wesen rieben sich das Wasser aus den Augen und blickten auf in vier gestrenge Gesichter. Alle drei hoben die Hände.
Die Holzbretter drohten, davon zu schwimmen. Der Rotblonde stellte rasch einen Fuß in das rinnende Wasser, um genau das zu verhindern.
„Thor? Bist du das?“, fragte Trias, der sich als erster gefasst hatte. Drei Pentakelkobolde standen drei Hünen und einem Spielmann gegenüber. Ihre beständig wackelnden Köpfe schmückten grüne Haarpüschel. Augen, so groß wie die von Makaken, schauten auf den Angesprochenen.
Der rothaarige Hüne ließ seinen Hammer sinken. „Ja, ich bin das. Wir haben uns lange nicht gesehen. Und jetzt ist mein Schuh nass.“
Sechs Augenpaare senkten sich nach unten.
„Na ja, Schuh …“, bemerkte der Flötenspieler.
„Was?! Das ist Leder mit einer Sohle.“
„Und Riemen, also eindeutig eine Sandale“, stimmte Jüngerer Bruder dem Flötenspieler zu. Schnell wurde klar, dass das Thema jetzt nicht Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit sein sollte.
Die drei Kobolde fassten etwas Vertrauen in die Situation, ließen die Hände sinken und sahen mit ständig wackelnden Haarpüscheln umher, als würden sie sich wundern.
„Wo sind wir?“, fragte Trias.
„Na hier, im Canyon“, rief der Flötenspieler aufgeräumt. Dann spielte er einen Tusch. „Willkommen bei uns! Die Freunde unserer Freunde sind unsere Freunde!“ Er griff nach Trias’ Hand und zog ihn aus dem Wasser.
„Na ja, Freunde …“, kaute Thor das Wort, packte Tessera am Nacken und zog ihn aus dem Creek wie ein nasses Kaninchen.
„Was?“, fragte Trias empört darüber, dass Thor ihnen ihre Entscheidung immer noch nachtrug. „Du hast den Speer viiiiel kürzer geworfen als Freyja und kannst bis heute nicht dazu stehen, dass du keine Chance gegen sie hattest. Wir konnten gar nicht anders entscheiden.“
Bei den Nerthus-Spielen hatten Teilnehmende aus allen bekannten und unbekannten Gegenden der Welt sowie aus extraterrestrischen Gebieten um den Superpokal gekämpft. Thor war dabei leer ausgegangen.
„Viiiiiel kürzer“, wiederholte Thor, als erklärte er einem Erstklässler die Welt, und dass Wasser blau ist, obwohl er es für Grün hält.
„Ein Fuß ist viiiiel kürzer“, schaltete sich jetzt Kobold Tessera ein.
„Ist ja gut, alles Jahre her“, brummelte Thor.
„Doch anscheinend unvergessen“, verkündete Spielmann mit unerschütterlicher Frohnatur, während er Pende, den letzten im Wasser verbliebenen Kobold, herausfischte.
Die Zwillinge rubbelten die Kobolde mit herabgefallenem Laub trocken. „Lasst Die vom Himmel fielen doch erstmal ankommen“, sagte Jüngerer Bruder und sah die drei an. „Ihr grünen Brüder habt zu uns gefunden. Willkommen im Ockerland! Ihr habt den besten Platz in der strahlendsten aller Welten gefunden.“
Große Augen weiteten sich noch um ein Vielfaches, drei grüne Haarpüschel wackelten um die Wette. „Wow!“ Pendes Blick wanderte umher, den Creek entlang, die zerklüfteten und regenverwitterten Ockerwände des Canyons hinauf. Noch immer kreisten Adler. Nur die Präriehunde hatten sich in die Sicherheit ihrer Gänge, die das ganze Land durchzogen wie eine unterirdische Siedlung, zurückgezogen. Er nickte. „Ja“, stimmte er zu. Seine Augen glänzten.
„Unsere Erde beherbergt uns. Wir geben uns gegenseitig, was wir brauchen: Nahrung, Schönheit und Liebe. So ist das Leben für alle wunderbar.“ Älterer Bruder breitete die Arme aus, er schloss jeden einzelnen Kiesel und jedes Pappelblatt in diese Geste mit ein.
Drei grüne Haarpüschel nickten. „Wie schön!“, hauchte Pende.
Kokopelli ergänzte: „Bei uns besingt das Leben das Ockerland. Wir danken dieser Erde alle Tage für ihre Schönheit und Harmonie, die unsere Welten in einzigartige Kunstwerke verwandeln. Keine Welt gleicht der anderen, kein Tag dem vorigen, kein Wesen seinem nächsten Verwandten. Der Kreislauf des Lebens führt uns von einer Welt in die nächste. Wir wandeln auf dem Blütenpfad der Schönheit, vor uns, hinter uns, über uns und neben uns begleiten uns die, die uns und unser Land beschützen. Wir singen, tanzen, malen, leben und atmen für das Ockerland. Alles Leben wandelt durch die Zeit und die Zeit wandelt das Leben. Wir achten und verteidigen alles.“ Kokopelli setzte seine Flöte an die Lippen und spielte.
Drei Augenpaare leuchteten und drei Haarpüschel schwankten.
Älterer Bruder hob seinen Pfeil, aus dessen Spitze viele kleine Blitze leckten.
„Wir sind die Brüder, die alles beschützen“, stellte Jüngerer Bruder sich und seinen Bruder vor. Auch aus dessen Pfeilspitze entwischten Blitze.
Mjölnir lag zuckend neben Thor, der seinen Hammer beruhigend streichelte. „Ist gut, nichts passiert. Wir reden nur.“
„Und aus welchem Clan stammst du?“, fragte Pende den Spielmann.
„Ich bereite den Weg der Pollen, trage sie, verstreue sie, spiele für sie und wache über sie“, antwortete Kokopelli. „Ich trage sie von einer Welt zur nächsten und spiele dabei Spinnenfraus Lieder. Ich trage ihre Töne in jeden Winkel unserer Welt und musiziere für die Samen. Ich spiele für die Pflanzen und ich spiele für die Menschen. So wandeln wir gemeinsam auf dem Pfad der Schönheit. Und ihr so?“
„Wir gehören dem Clan der Kobolde an“, antwortete Trias. „Unser Mittel, mit dem wir durch die Zeit gehen, sind Ehrlichkeit, Gerechtigkeit und die Regeln, ohne die alles in dem Chaos versinken würde, aus dem es einst entstand. Wir sind eigentlich zu fünft, aber unterwegs sind wir nur zu dritt. Und der Pentakeltüll ist im Eisschloss in Niefelheim, dem kalten Teil der Unterwelt, bei Mahhara Eulenfrau.“ Als er Mahharas Namen nannte, strahlten Trias’ Augen. Sie waren ein gutes Team, die Pentakelkobolde und die Eulenfrau.
„Ihr aus dem Kobold-Clan sollt uns willkommen sein“, sagte Älterer Bruder.
„Die Kobolde, die vom Himmel fielen also. Was habt ihr hier zu suchen?“, zerbiss Thor die Stimmung und schaute mit seinem Gewitterantlitz auf sie herunter. „Was sagtet ihr? Von wo genau seid ihr runtergefallen?“
Drei grüne Haarpüschel wackelten hektisch. „Wir können alles erklären“, sagte Tessera.
Thor nickte, verschränkte seine Baumstämme von Armen vor der Brust und wartete.
„Du bist doch auch da. Und nicht, wie sonst üblich, in deiner Schmiede zwischen den Welten“, maulte Pende, während er sich noch Restwasser aus den Haaren schüttelte. Er erntete dafür von den anderen einen Rippenstoß je von rechts und von links. „Ist doch wahr“, nuschelte er.
„Ihr findet mich schon länger hier, als man euch hier treffen kann, wenn ich mich nicht täusche“, antwortete Thor, als spräche er mit einem entlaufenen Lämmlein, das nicht nur klein und ohne Mutterschaf, sondern leider auch ein wenig begriffsstutzig ist.
„Klar, bei dir ist das völlig normal, wo anders zu sein. Es ist dieses Wikinger-Ding.“
Das hatte gesessen. Der Kobold hatte einen Punkt gemacht. Das Gedächtnis von Pentakelkobolden funktionierte wie die Ringe im Inneren eines Baumes: Es zeichnete alles auf und vergaß nie. Thor runzelte verärgert die Stirn.
Es war, als zöge der Gesang der Schiffsmannschaft, die vom Robbenfang zurückkehrte, die Canyonwände herauf. Alle kannten die Geschichte, wie die Zwillinge und Thor aufeinandertrafen. Das Land, wo Eis und Schnee den Horizont mit dem Himmel verbanden, hatte sie zusammengeführt.
Die Leute waren vom Norden gekommen. Die Nordmenschen aus Osten. Ein Schneesturm quälte alle. Die Leute hatten Robben gefangen, die Nordmenschen litten Hunger. Fellbespannte Kajaks trafen auf hölzerne Ruderboote. Die Leute mit ihren Schneemessern schnitten Eisblöcke aus dem Land und bauten Hütten, Nordmenschenhände schütteten Schnee auf und schmolzen ihn. Im Inneren entfachten sie aus dem Tran der Robben Feuer und aßen gemeinsam. Thor und die Zwillinge waren damals nicht dabei am Feuer. Sie wachten über die Begegnung von der Regenbogenbrücke aus. Während sie gleichzeitig davon träumten, mit über das Meer zu segeln. Sie saßen in ihrer Vorstellung am Bug, schmeckten die salzige Gischt und sahen auf die Szenen herunter, während alle Boote an Land gezogen, Eishütten gebaut, Robben geröstet wurden und dem Schneesturm getrutzt wurde. Die drei Hünen öffneten ihre Augen auf dem Weg zwischen den Welten. Das Meer weit weg, Gischt schmeckten andere.
Thor brummte, als hätte er ein Stück Holz zwischen den Zähnen und ein Splitter stecke noch im Gaumen. Ein einziges Mal hatte er es erwähnt, wie gern er selbst im Boot sitzen würde. In geselliger Runde hatten ihm ein oder zwei Met – Fässer natürlich – die Zunge gelockert. Er hatte sich selig trunken offenbart. Er sähe sich selbst als Seemensch am Ruder eines dieser kunstvollen Boote von Meister Gisli sitzen und übers Meer navigieren. Es war der heimlichste aller heimlichen Träume, der ihn im Herzen zu einem Seefahrer machte, es war immer wieder die Gischt, die er auf der Zunge schmeckte.
Wie haben sie hämisch gespottet, alle, mit denen er ums Feuer gesessen und das Horn gehoben hatte. Ein Donnergott war ohne seinen Hammer Mjölnir undenkbar, und Mjölnir warf Blitze. Gerade er wolle zur See fahren!!! In einem Holzschiff! Das hieße außerdem: weg zu sein von seinen Nordmenschen, von seinen Ländern, raus aus der Verantwortung. Kurzum: Undenkbar!
Und doch war Thor nicht allein mit seinem Traum. Auch die Zwillinge träumten ihn von dem Moment an, als die Leute gen Nordosten gewandert waren und nicht weiterkamen, sich Boote gebaut und Spaß daran gefunden hatten, übers Eismeer zu gleiten und durch Eisberge zu navigieren. Nicht zuletzt, weil er ihnen beim Überleben half, in einer der kältesten Gegenden der Erde.
Die Zwillinge hatten nicht Thors Fehler gemacht und das mit ihren Leuten am Feuer besprochen, sondern waren zu ihrem Schamanen gegangen, nachdem beide den gleichen Traum dreimal geträumt hatten. Der hatte sie an ihre Verantwortung erinnert und zum Regenbogen geschickt, der sich wie ein strahlendes Band aus reiner Magie über den Himmel spannte. Seine Farben funkelten in einem Licht, das weder Tag noch Nacht kannte, ein strahlendes Dazwischen, das die Grenze zwischen Himmel und Erde verwischte.
Thor hatte sich später Unterstützung bei Verdandi geholt, der Eichenschwester der Nordlande. Auch sie wies ihm den Weg zum Regenbogen.
Und so waren die drei sich begegnet. Auf der Mitte der Regenbogenbrücke. Der eine mit seinem blitzeschlagenden Hammer und die anderen mit ihren Blitzen und Pfeil und Bogen in den Händen.
Aus dieser Begegnung war schnell Freundschaft gewachsen. Alle beschützten ihre Leute und Nordmenschen und wenn sie mal frei hatten, kamen die einen in die Baumwelten auf ein Horn Met, und der andere in den Canyon auf einen Schluck Kaktusschnaps. Immer dabei waren Pfeil und Bogen, Mjölnir, Thors Hammer, ein Jagdlied sowie die unerschütterliche Zuversicht auf eine gute Beute. Denn egal wo, auf dieser oder jener Seite des Regenbogens: Die Menschen mussten beschützt und versorgt sein. Alle. Immer.
Der Regenbogen im Canyon begann gleich hinter dem Spider Rock, unweit des Creeks, an dem sie jetzt saßen, den Duft von Pinienholz in der Nase und den Blick auf Zucchini, Kürbis und Mais, die über dem Feuer hingen.
Das Gemüse war verbrannt, während ihres gedanklichen Ausflugs ins Eismeer. Thor fischte fluchend die Spieße aus dem Feuer.
„Ich mags gut geröstet“, meldete sich Pende.
„Wir auch“, nickten die Zwillinge.
„Niemand hat ein Problem mit dem Aroma“, stimmten auch Trias und Tessera zu. Und die Stimmung pegelte sich wieder auf Sonnenschein ein. Wenngleich er am Spätnachmittag die Canyonwände hinaufglitt und sie verließ. Das Feuer knisterte. Weit hinten bellte ein Coyote.
„Es war wohl der falsche Sternenwirbel, da sind wir hier gestrandet“, begann Tessera mit belegter Stimme, nachdem alle ihr Gemüse genossen hatten.
„Okay, wir sind ausgebüxt“, ergänzte Trias, nachdem sich das erste Reißen im Rücken bemerkbar gemacht hatte. Pentakelkobolden war es nicht möglich zu lügen, ohne ernsthafte Konsequenzen für ihre Gesundheit. Sie waren die personifizierte Aufrichtigkeit und Gradmesser aller Ordnung.
„Aber das hier ist auch wirklich der neueste Schrei“, grätschte Pende dazwischen. Er hatte glänzende Augen, als er sein Holzbrett in die Höhe hielt. „Kannste prima durchs ganze Universum schmieren.“
Thor griff nach dem wellenförmigen Holzbrett, das ausklappbare Rollen hatte und unten bemalt war. Die Schnitzereien auf der Oberfläche – ineinander verschlungene Wolfsköpfe – erkannte er sofort. „Meister Gisli hat das gemacht?“ Er schürzte anerkennend die Lippen. Wenn der beste Bootsbauer von Midgard sich mit solchen Gegenständen abgab, dann waren sie wichtig. Er sah nach oben. Fast vermutete er, dass auch Meister Gisli noch hinterhergestürzt kam, woher die drei auch immer gekommen sein mochten.
Jüngerer Bruder nickte verständig. „Es ist Jagdmond, Leute. Der Mond in der Zeit Zwischen den Jahreszeiten. Klar könnt ihr da schon mal hier landen … Gewollt oder nicht.“
„Diese Zeit verändert kosmische Wege“, ergänzte sein Bruder.
„Eben noch ging’s hierhin, schon verschlägt’s euch in die Nachbargalaxie, klar.“ Als hätte Thor es selbst erlebt. „Wohin wolltet ihr eigentlich?“
Die Pentakelkobolde sahen mit großen Augen unter grünen Haarpüscheln zu Thor auf. „Nu‘ sag schon!“, Trias stupste Pende an. Es war offensichtlich seine Idee gewesen.
„Also ausgebüxt ist nur der eine Teil der Wahrheit. Es ist wegen … wegen …“, er verschluckte sich, als sein Mund das „A“ zu formen begann, hustete, räusperte sich und dann schaffte er es, das Wort auszusprechen: „Ariman! Wir glauben, wir haben eine Spur.“
„Pende wollte es allen zeigen und ihn finden“, ergänzte Trias.
„Wir konnten ihn doch nicht allein gehen lassen“, rundete Tessera die Beichte ab. „Da haben wir unsere Bretter genommen und sind hinterher.“
„Einmal quer durchs Universum“, ergänzte Pende nicht ohne Stolz.
„Quer durchs Universum?“ Thors Blick verengte sich. „Bis hierher? Wegen Ariman?“ Seine rechte Hand glitt zu Mjölnir, seinem Hammer, und die Körperspannung verdreifachte sich. „Und ihr seid euch sicher, dass ihr nicht genau hierher wolltet?“
Die Pentakelkobolde hoben die Schultern und schauten zu Pende. Der zuckte weiter mit den Schultern. „Wer weiß das schon?“
Thor und die Zwillinge teilten viele Geschichten. Den Brüdern war der Name Ariman nicht unbekannt. Kokopelli hörte ihn zum ersten Mal und schaute fragend in die Runde.
Thor hob langsam den Kopf. „Glaub mir, den willst du nicht kennen“, beantwortete er die ungestellte Frage.
Spielmann nickte, griff seine Flöte und stand auf. „Ihr seid hier in den besten Händen“, verabschiedete er sich. „Chief Turtle wartet.“ Und mit seinem Lied von Liebe und Schönheit zog er tiefer in den Canyon hinein, so wie er es immer zur Zeit des Jagdmondes tat. Zikaden waren um diese Zeit keine Konkurrenz mehr für ihn. Die Töne wanden sich wie ein Ohrwurm zum Rand der Steine hinauf und kündeten von seiner Ankunft, so wie jedes Jahr.
Unter der Pappel wurde es dämmrig und still.
Die Ameisen-Leute durchpflügten die Erde auf der Suche nach Essbarem und Nützlichem. Sie hatten es schon immer so gehalten und würden es weiterhin tun. Bäume welkten jedes Jahr um die gleiche Zeit, Mutter Erde bedeckte die Samen, wenn die Stürme zur Zeit der Großen Winde tobten und der Adler schrie, sobald die Temperaturen wieder stiegen.
Manche meinten unter dem Eindruck des täglichen Einerleis, es ändere sich nie etwas. Zu monoton war der Verlauf der Sonne, die mal länger und mal kürzer schien. Jahreszeiten kamen und gingen. Menschen stiegen auf, blieben und verschwanden wieder. Träume kamen und wirkten.
Viele Leute wussten, dass Monotonie Gleichklang nur vorgaukelte und der Wandel ewig gleicher Tage, Lauf der Zeit genannt, die Dinge veränderte. Kein Schnee fiel zweimal aufs gleiche Land.
Schon allein der Mond konterkarierte die Vorstellung von Monotonie. Bei jedem Lauf bekam der Vollmond links unten eine neue Farbe und der Neumond rechts oben einen neuen Klang. Jeder Sommer mixte neue Gerüche ins Leben und die Winter schlugen immer wieder unbekannte Brachen. Ganz wenige nur, doch nicht unbemerkt.
Spielmann zog durch den Canyon und spielte die Pflanzen in den Schlaf. Bald würde es kalt werden. Ihre Blätter am Boden bildeten die Nahrung fürs nächste Jahr. Die Ameisen-Leute bedienten sich schon jetzt.
