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Rabindranath Tagore

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Beschreibung

"Sadhana – Der Weg zur Vollendung" ist eine inspirierende Sammlung von spirituellen Reden von Rabindranath Tagore, gehalten vor Schülern seiner Schule in Bolpur, Westbengalen. Das Buch umfasst acht Essays, die aus Tagores bengalischen Vorträgen zusammengestellt und von ihm selbst ins Englische übersetzt wurden. In diesen Essays ergründet Tagore einige der fundamentalsten Fragen des Lebens: Er reflektiert über die Gründe für die Schöpfung der Welt durch Gott, hinterfragt die Existenz des Bösen und sucht nach dem tieferen Sinn von Liebe und Schönheit. Tagores tiefgründige Betrachtungen bieten eine einzigartige Perspektive auf spirituelle und philosophische Themen.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Rabindranath Tagore

Sādhanā

Der Weg zur Vollendung
Translator: Helene Meyer-Franck
e-artnow, 2023 Kontakt: [email protected]

Inhaltsverzeichnis

I. Die Beziehung des Einzelnen zum Weltganzen
II. Das Bewusstsein der Seele
III. Das Problem des Übels
IV. Das Problem des Selbst
V. Die Selbstverwirklichung in der Liebe
VI. Die Selbstverwirklichung im Handeln
VII. Die Verwirklichung der Schönheit
VIII. Die Verwirklichung des Unendlichen

I. Die Beziehung des Einzelnen zum Weltganzen

Inhaltsverzeichnis

Die Kultur der alten Griechen wurde zwischen Stadtmauern großgezogen. Ja, alle modernen Kulturen haben eine Wiege von Stein und Mörtel.

Solche Mauern hinterlassen tiefe Spuren im Geist des Menschen. Sie prägen uns von vornherein den Grundsatz ein: divide et impera, so daß wir uns gewöhnen, alle unsre Eroberungen dadurch zu sichern, daß wir sie befestigen und voneinander abgrenzen. Wir ziehen trennende Schranken zwischen Nation und Nation, Wissenschaft und Wissenschaft, Mensch und Natur. Und so erwächst in uns ein starkes Mißtrauen gegen alles, was jenseits dieser von uns errichteten Schranken ist, und es kostet allemal einen harten Kampf, bis wir ihm Aufnahme und Anerkennung gewähren.

Als die ersten arischen Eindringlinge in Indien erschienen, war es ein ungeheures Waldland, und die Ankömmlinge wußten sich dies bald zunutze zu machen. Die Wälder gewährten ihnen Schutz gegen die grimme Hitze der Sonne und gegen die Wut der Tropenstürme; sie gaben ihnen Weiden für ihr Vieh, Holz zum Opferfeuer und zum Bau ihrer Hütten. Und die verschiedenen arischen Stämme mit ihren patriarchalischen Häuptlingen ließen sich in den verschiedenen Waldgegenden nieder, die ihnen reichlich Nahrung und Wasser und außerdem den Vorteil irgendeines natürlichen Schutzes boten.

So waren es in Indien die Wälder, wo unsre Kultur geboren wurde, und diese Geburtsstätte und Umgebung gab ihr ihr bestimmtes Gepräge. Sie war umgeben von dem weiten und mannigfachen Leben der Natur, wurde von ihr genährt und gekleidet und war mit allen ihren wechselnden Erscheinungen aufs innigste vertraut und verbunden.

Man könnte glauben, daß solch Leben die Wirkung hätte, den menschlichen Geist abzustumpfen und jeden Antrieb zum Fortschritt verkümmern zu lassen, indem es den Menschen auf tieferer Stufe festhält. Aber beim alten Indien sehen wir, daß die primitiven Verhältnisse des Waldlebens den menschlichen Geist nicht in seiner Entwicklung hemmten, noch den Strom seiner Tatkraft schwächten, sondern ihm nur eine bestimmte Richtung gaben. Da er mit dem lebendigen Wachstum der Natur in beständiger Berührung war, konnte in ihm nicht der Wünsch entstehen, seine Herrschaft dadurch auszudehnen, daß er das Erworbene mit Mauern gegen sie abgrenzte. Er wollte letzten Endes nicht erwerben, sondern sich innerlich zu eigen machen, sein Bewußtsein erweitern, indem er mit seiner Umgebung wuchs und in sie hineinwuchs. Er fühlte, daß die Wahrheit allumfassend ist, daß es so etwas wie gänzliche Absonderung in der Welt nicht gibt und daß der einzige Weg, zur Wahrheit zu gelangen, die wechselseitige Durchdringung unsres Wesens mit allen Dingen ist. Diese große Harmonie zwischen dem Geist des Menschen und dem Geist der Welt zu verwirklichen, war das Bestreben der Waldweisen im alten Indien.

Später kam eine Zeit, wo jene Urwälder bebauten Feldern weichen mußten und reiche Städte überall emporblühten. Mächtige Königreiche wurden gegründet, die mit allen Großmächten der Welt in Verkehr standen. Aber selbst auf der Höhe seiner wirtschaftlichen Blüte blickte die Seele Indiens immer mit anbetender Verehrung zurück auf jenes alte Ideal unermüdlichen Strebens nach Vollendung und auf die Erhabenheit des einfachen Lebens in der Waldklause und schöpfte seine besten Inspirationen aus der Weisheit, die dort aufgespeichert war.

Das Abendland scheint stolz darauf zu sein, daß es sich die Natur unterwirft; als ob wir in einer feindlichen Welt lebten, wo wir alles, was wir brauchen, einer fremden und widerwilligen Ordnung der Dinge gewaltsam entreißen müßten. Dies Gefühl ist die Wirkung der Gewöhnung und Bildung unsres Geistes durch die Stadtmauern. Denn bei dem Leben in der Stadt richtet der Mensch ganz unwillkürlich sein ungeteiltes Augenmerk auf sein eigenes Leben und Schaffen, und dies bewirkt eine künstliche Entfremdung zwischen ihm und der All-Natur, in deren Schoß er liegt.

Aber in Indien war der Gesichtspunkt ein anderer; er umfaßte die Welt und den Menschen als eine große Wahrheit. Indien legte den ganzen Nachdruck auf die Harmonie zwischen dem einzelnen und dem Universum. Es fühlte, daß wir zu unsrer Umgebung überhaupt keine Beziehung haben können, wenn sie uns absolut fremd ist. Der Vorwurf, den der Mensch der Natur macht, ist, daß er ihr die meisten seiner Bedürfnisse erst mühevoll abringen muß. Ja, aber seine Mühe ist nicht vergeblich; jeden Tag erntet er Erfolg, und dies zeigt, daß zwischen ihm und der Natur eine vernunftgemäße Verbindung besteht, denn wir können uns nur das wirklich zu eigen machen, was uns innerlich verwandt ist.

Man kann einen Weg von zwei verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachten. Der eine betrachtet ihn als das, was ihn von dem ersehnten Ziel trennt; dieser zählt jeden Schritt als etwas, das er mit Gewalt dem Hemmnis abringt. Der andre sieht in ihm die Straße, die ihn zu seiner Bestimmung führt, und als solche ist sie schon ein Teil seines Ziels. Sie ist schon der Anfang des Erreichens, und wenn er sie entlang wandert, so wird ihm noch obendrein das zuteil, was sie selbst ihm bietet. Dies ist der Gesichtspunkt Indiens der Natur gegenüber. Indien hat die eine große Wahrheit erkannt, daß wir in Harmonie sind mit der Natur; daß der Mensch denken kann, weil seine Gedanken in Harmonie mit den Dingen sind; daß er die Kräfte der Natur für seinen Zweck gebrauchen kann, weil seine Kraft in Harmonie ist mit der All-Kraft, und daß seine Zwecke auf die Dauer niemals mit den Zwecken der Natur feindlich zusammenstoßen können.

Im Abendlande herrscht das Gefühl, die Natur beschränke sich ausschließlich auf leblose Dinge und Tiere, und da, wo der Mensch beginnt, sei ein plötzlicher, unerklärlicher Riß. Danach ist alles, was auf einer niederen Stufe steht, bloß natürlich, und alles, was den Stempel geistiger oder sittlicher Vollkommenheit trägt, ist menschlich. Es ist, als ob man Knospe und Blüte zu zwei verschiedenen Kategorien zählte und ihren Liebreiz aus zwei verschiedenen und gegensätzlichen Ursprüngen ableitete. Aber der indische Geist erkennt freudig seine Verwandtschaft mit der Natur an und seinen innigen Zusammenhang mit allem, was zu ihr gehört.

Diese fundamentale Einheit der Schöpfung war für Indien nicht bloß eine philosophische Theorie; es betrachtete es als die Aufgabe seines Lebens, diese große Harmonie im Fühlen und im Handeln zu verwirklichen. Durch Meditation und Gottesdienst, durch strenge Regelung des Lebens entwickelte es sein Bewußtsein soweit, daß alles einen religiösen Sinn bekam. Ihm waren Erde, Wasser und Licht, Früchte und Blumen nicht bloße physische Erscheinungen, die man nutzte und dann beiseite warf. Sie waren ihm Unentbehrlich zur Erreichung seines Ideals, wie jede Note zur Vollständigkeit der Symphonie unentbehrlich ist. Indien fühlte unmittelbar die tiefe Bedeutung, die diese Allverbundenheit für unser Leben hat. Wir müssen ihrer immer eingedenk sein und im Bewußtsein alles auf sie beziehen – nicht aus bloßer wissenschaftlicher Neugier oder Sucht nach materiellem Vorteil, sondern im Geiste der allumfassenden Liebe, mit einem weiten Gefühl von Freude und Frieden.

Der Naturwissenschaftler weiß in einer Beziehung, daß die Welt nicht nur das ist, als was sie unsern Sinnen erscheint; er weiß, daß Erde und Wasser in Wahrheit nur ein Spiel von Kräften sind, die sich uns als Erde und Wasser darstellen – wie, das können wir nur zum Teil verstehen. So weiß auch der Mensch, der die Augen seines Geistes offen hält, daß wir die endgültige Wahrheit über Erde und Wasser nur soweit begreifen, als wir den ewigen Willen begreifen, der in der Zeit wirkt und in den Kräften Gestalt annimmt, die wir in der Form von Erde und Wasser wahrnehmen. Dies ist kein bloßes Wissen, wie die Naturwissenschaft, sondern es ist ein Wahrnehmen der Seele durch die Seele. Sie führt uns nicht zu Macht, wie das Wissen, sondern sie gibt uns Freude, wie sie aus der Vereinigung verwandter Wesen entsteht. Der Mensch, dessen Bekanntschaft mit der Welt ihn nicht tiefer geführt hat, als die Naturwissenschaft ihn führen kann, wird nie verstehen, was der Mensch mit dem Blick der Seele in jenen Naturerscheinungen findet. Das Wasser reinigt nicht nur seinen Leib, sondern auch seine Seele, denn es berührt auch sie. Die Erde trägt nicht nur seinen Körper, sondern macht auch seinen Geist froh, denn seine Berührung mit ihr ist nicht nur äußerlich, sie ist ihm lebendige Gegenwart. Solange der Mensch diese Verwandtschaft mit der Welt nicht begreift, lebt er wie in einem Gefängnis, dessen Mauern ihn fremd und feindlich anstarren. Doch wenn er den ewigen Geist in allen Dingen spürt, dann ist er befreit, dann entdeckt er den Sinn der Welt, in die hinein er geboren ist. Dann erkennt er sein wahres Wesen und fühlt sich in voller Harmonie mit dem All.

In Indien wird es dem Menschen zur ersten Pflicht gemacht, sich stets der Tatsache bewußt zu sein, daß er mit Leib und Seele allen Dingen um ihn herum aufs engste verwandt ist und daß er die Morgensonne, das fließende Wasser, die fruchtbringende Erde begrüßen muß als die Offenbarung derselben lebendigen Wahrheit, die ihn an ihrem Busen hält. Und so wählen wir zum Text unsrer täglichen Andacht die Gāyatrī1, den Vers, der als Quintessenz aller Verse gilt. Mit seiner Hilfe versuchen wir die Wesenseinheit der Welt mit der zum Bewußtsein erwachten Seele des Menschen zu begreifen; wir lernen erkennen, daß diese Einheit zusammengehalten wird durch den Einen und Ewigen Geist, der die Erde, den Himmel und die Sterne schuf und der auch unsre Seelen mit dem Licht eines Bewußtseins erleuchtet, das in ununterbrochenem Zusammenhang mit der äußeren Welt sie durchrinnt.

Es ist nicht wahr, daß Indien den Wert der verschiedenen Dinge nicht zu unterscheiden weiß; es weiß, daß dies das Leben unmöglich machen würde. Der Vorrang des Menschen auf der Stufenleiter der Schöpfung ist ihm wohl bewußt. Aber es hatte von jeher seine eigene Vorstellung in bezug auf das, worin diese Überlegenheit in Wahrheit besteht. Sie besteht nicht in der Kraft der Besitzergreifung, sondern in der Kraft der Vereinigung. Daher wählte sich Indien seine Pilgerstätten immer dort, wo die Natur besondere Größe oder Schönheit zeigte, so daß sein Geist sich aus der Welt seiner kleinlichen Bedürfnisse freimachen und sich seines Platzes im Unendlichen bewußt werden konnte. Dies ist der Grund, warum in Indien ein ganzes Volk, das sich einst von Fleisch nährte, diese Nahrung aufgab, aus dem Gefühl der Liebe zu allem Lebenden – eine Tatsache, die einzig dasteht in der Geschichte der Menschheit.

Indien wußte: wenn wir uns durch physische oder geistige Schranken von dem unerschöpflichen Leben der Natur abschließen, wenn wir uns nur als Menschen und nicht als einen Teil des Alls fühlen, so geraten wir bald auf labyrinthische Irrwege, und da wir uns selbst den Ausweg abgeschnitten haben, versuchen wir alle Arten von künstlichen Methoden, aus denen selbst immer wieder neue Hemmnisse und unendliche Schwierigkeiten entstehen. Wenn der Mensch seinen Ruheplatz im All verläßt und sich auf das dünne Seil seiner Menschheit begibt, so muß er entweder auf diesem Seil tanzen oder abstürzen, er muß beständig jeden Nerv und Muskel anspannen, um sich bei jedem Schritt im Gleichgewicht zu halten – und dann wütet er gegen die Vorsehung und tut sich innerlich etwas darauf zugute, daß die Weltordnung ihn ungerecht behandelt hat.

Aber so kann es nicht in alle Ewigkeit weitergehen. Der Mensch muß den ganzen Umfang seines Daseins, seinen Platz im Unendlichen erkennen; er muß wissen, daß er, wie sehr er sich auch abmüht, nie seinen Honig in den Zellen seines Bienenstocks hervorbringen kann, sondern seinen Lebensbedarf außerhalb ihrer Wände suchen muß. Er muß einsehen: wenn der Mensch sich gegen die belebende und reinigende Berührung des Unendlichen abschließt und Nahrung und Heilung bei sich Selbstsucht, so hetzt er sich in Wahnsinn hinein, reißt sich in Fetzen und ißt sein eigenes Fleisch. Ohne den Hintergrund des Alls verliert seine Armut ihre Würde und wird schamvoll und schmutzig. Sein Reichtum verliert seine Großmut und ist nur noch verschwenderisch. Seine Begierden dienen nicht mehr seinem Leben, indem sie sich in den Grenzen ihres Zweckes halten; sie werden Selbstzweck, wachsen riesengroß empor, schleudern die Fackel in sein Leben und spielen ihr wildes Geigenspiel zum geisterhaften Flammentanz des Brandes. Dann geschieht es, daß unser Streben nach Ausdruck zum Streben nach Effekt wird; die Kunst hascht nur noch nach Originalität und verliert die Wahrheit, die alt und doch ewig jung ist, aus den Augen; der Dichter sieht nicht mehr den Menschen in seiner Ganzheit, in seiner Einfachheit und Größe, sondern erblickt in ihm ein psychologisches Problem oder die Verkörperung einer Leidenschaft, die als stark wirkt, weil sie abnorm ist und weil sie im künstlichen Schein eines grellen, blendenden Lichtes zur Schau gestellt wird. Wenn des Menschen Bewußtsein sich nur auf die unmittelbare Umgebung seines Ichs beschränkt, so können die tieferen Wurzeln seiner Natur keinen dauernden Halt finden, sein Geist ist immer am Rande des Verhungerns, und an Stelle von gesunder Nahrung müssen ihm Reizmittel dienen. Dann verliert der Mensch seine innere Perspektive und mißt seine Größe nach seinem Umfang und nicht nach seinem Lebenszusammenhang mit dem Unendlichen; er beurteilt seine Tätigkeit nach dem Grade seiner Bewegung und nicht nach dem ruhigen Gleichmaß, worin sich die Vollendung ausdrückt – der Ruhe, wie sie der Sternenhimmel hat und der ewig dahingleitende rhythmische Tanz der Schöpfung.

Die erste Invasion in Indien hat ihre genaue Parallele in dem Eindringen der europäischen Ansiedler in Amerika. Auch ihnen stellten sich Urwälder entgegen, auch sie mußten einen wilden Kampf mit Eingeborenen aufnehmen. Aber dieser Kampf zwischen Mensch und Mensch und zwischen Mensch und Natur dauerte dort bis zum Ende; sie kamen nie zu einer Verständigung. In Indien wurden die Wälder, einst die Wohnstatt der barbarischen Stämme, zum Heiligtum der Weisen, aber in Amerika hatten diese großen lebendigen Dome der Natur für den Menschen keine tiefere Bedeutung. Sie brachten ihm Reichtum und Macht, erfreuten auch wohl mitunter seinen Schönheitssinn oder begeisterten einen einsamen Dichter. Aber niemals verband sich mit ihnen im Geiste der Menschen die Vorstellung von einem heiligen Orte allgemeiner Versöhnung, wo die Seele des Menschen eins wird mit der Seele der Welt.

Ich will damit durchaus nicht sagen, daß es anders hätte sein sollen. Es wäre eine ungeheure Vergeudung von ungenutzten Möglichkeiten, wollte die Geschichte sich überall genau in derselben Weise wiederholen. Für den geistigen Güteraustausch ist es schon am besten, daß die Völker aus den verschiedenen Ländern ihre verschiedenen Erzeugnisse auf den Markt der Menschheit bringen, von denen jedes die der andern ergänzt und ihren Bedürfnissen dient. Was ich sagen möchte, ist dies: Indien fand am Anfang seiner Geschichte eine besondere Fügung von Umständen vor, die es sich zunutze zu machen wußte. Es hat gedacht und gesonnen, gestrebt und gelitten, sich versenkt in die Tiefen des Daseins und etwas vollbracht, was sicher für die Völker, deren Entwicklung in der Geschichte einen ganz andern Weg ging, nicht ohne Wert sein kann. Die Menschheit braucht zu ihrem vollkommenen Wachstum all die lebendigen Elemente, aus denen sich ihr Gesamtleben zusammensetzt, daher muß ihre Nahrung auf verschiedenen Feldern wachsen und aus verschiedenen Quellen fließen.

Die Kultur ist eine Art feste Form, die jede Nation für sich zu schaffen bemüht ist, um ihre Männer und Frauen nach ihrem Ideal bilden zu können. All ihre Einrichtungen, ihre Gesetzgebung, ihre sittliche Beurteilung, ihre bewußte und unbewußte Unterweisung, gehen auf dieses Ziel hin. Die moderne Kultur des Abendlandes versucht mit Hilfe all ihrer organisierten Kräfte die Menschen vollkommen zu machen in bezug auf physische, intellektuelle und sittliche Leistungsfähigkeit. Die Völker verwenden ihre ganze gewaltige Tatkraft darauf, die Herrschaft des Menschen über seine Umgebung auszudehnen; sie spannen jede Fähigkeit an, um sich alles irgend Erreichbare zunutze zu machen und jedes Hindernis auf ihrem Siegespfad zu überwinden. Sie schulen sich beständig für den Kampf gegen die Natur und gegen andre Rassen; ihre Rüstungen werden von Tag zu Tag ungeheurer; ihre Maschinen, ihre Geräte, ihre Organisationen vermehren sich in erstaunlichem Maße. Zweifellos ist dies eine glänzende Leistung und ein großartiges Zeugnis für die Herrscherkraft des Menschen, die kein Hindernis kennt und in der absoluten Gewalt über alle Dinge ihr einziges und letztes Ziel sieht.

Die alte Kultur Indiens hatte ihr eigenes Ideal von Vollkommenheit, dem sie zustrebte. Indiens Ziel war nicht, Macht zu erlangen, es vernachlässigte es, seine Fähigkeiten und Kräfte aufs höchste zu steigern und die Menschen zu Angriffs- und Verteidigungszwecken, zum gemeinsamen Erwerb von Reichtum oder von militärischer und politischer Überlegenheit zu organisieren. Das Ideal, das Indien zu verwirklichen suchte, führte die Besten seiner Söhne zu einem beschaulichen Leben in der Einsamkeit, und die Schätze, die es für die Menschheit erwarb, indem es in die Geheimnisse des wahren Seins eindrang, kamen ihm teuer zu stehen auf dem Gebiete weltlichen Erfolgs. Doch auch dies war eine erhabene Leistung, – es war die höchste Offenbarung jenes Strebens im Menschen, das keine Schranke kennt und das kein geringeres Ziel hat als die Vereinigung mit dem Unendlichen.

Indien hatte seine großen Männer, die hervorragten durch Tugend, Weisheit und Mut; es hatte seine Staatsmänner, Könige und Kaiser; aber welche unter allen diesen waren es, zu denen es aufsah und in denen es das Ideal des Menschen erblickte?

Es waren die Rischis. Wer waren diese Rischis?

Es waren die, die zur Erkenntnis des Höchsten gelangt und voll Weisheit waren, die sich eins mit Ihm fühlten und in vollkommener Harmonie mit dem innern Selbst; die, da sie Ihn in ihrem Herzen erkannt hatten, frei waren von allen selbstsüchtigen Wünschen, und da sie Ihn überall im Leben und Treiben der Welt spürten, zur Ruhe gelangt waren. Die Rischis waren die, welche, da sie überall Gott gefunden hatten, wo sie auch waren, in Gott ruhten, die, eins geworden mit allen Dingen, ins Allleben eingegangen waren.2

So galt in Indien diese Erkenntnis der inneren Verbundenheit mit dem All und die Vereinigung mit Gott als letztes Ziel und höchste Vollendung der Menschheit.