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Ein Vater, vier Töchter und eine Frau, die alles durcheinanderbringt – und zusammenhält. Marco kämpft zwischen Alltagschaos, Vaterrolle und der Angst, seine Kinder loszulassen. Jede Tochter trägt ihre eigenen Sorgen, Sehnsüchte und kleinen Explosionen in sich. Ein Urlaub wird zur Bühne für Nähe, Konflikte, Eifersucht und leise Erkenntnisse. Mit Humor, Wärme und schmerzlicher Ehrlichkeit erzählt die Geschichte vom Familie-Sein. Und davon, wie Liebe manchmal laut ist – und manchmal ganz still.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Sechserbande
Impressum
Aufbruch
Vorher
Die Kinder
Katharina
Alles Lüge?
Vorher
Sechserbande
Der Autor
Thomas Tippner
Töchter, Vater und andere Katastrophen #3
Edition Thomas Tippner
Novelle
Ashera Verlag
Impressum
Die Handlung und alle handelnden Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen wäre rein zufällig.
Bisher in dieser Trilogie erschienen:
Zuckerschnute – Novelle
Terrorzwerg – Novelle
Sechserbande – Novelle
Erste Auflage im Februar 2026
Copyright © 2026 dieser Ausgabe by
Ashera Verlag
Hochwaldstr. 38
51580 Reichshof
www.ashera-verlag.net
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck oder andere Verwertungen – auch auszugsweise – nur mit Genehmigung des Verlags.
Covergrafik: pixabay
Innengrafik: pixabay
Szenentrenner: pixabay
Coverlayout: Atelier Bonzai
Redaktion: Alisha Bionda
Lektorat & Satz: TTT
Vermittelt über die Agentur Ashera
(www.agentur-ashera.net)
In den letzten Jahren war Marco das lockerleichte Aus-dem-Bett-springen abhandengekommen. Wann es genau geschehen war, dass er beim Schellen des Weckers nicht die Augen öffnete und die Decke beiseitewischte: Er wusste es nicht mehr. Wie er ahnte oder meinte, war es ein schleichender Prozess gewesen. Ein heimliches, fast unbemerkt von seinem Körper ausgeführtes Manöver, das erst dann entdeckt wurde, nachdem die Mission zu neunundneunzig Prozent ausgeführt war.
Früher, als er noch jung gewesen und jedem Tag mit Neugier begegnet war, war das anders gewesen. Da war er vor dem Schellen des Weckers aufgewacht und hatte sich nicht eine Sekunde um seine Müdigkeit gekümmert.
Sie war nicht da gewesen.
Einfach verschwunden, nachdem er die Augen geöffnet hatte.
Es war, als wäre sein aus den Tiefen des Schlafs erwachender Geist mit einer Art Lotusblüteneffekt behaftet gewesen.
Als wäre da etwas in ihm, das Müdigkeit an ihm wie Wasser von einer Fensterscheibe abprallen ließ.
Was heute anders war.
Völlig anders.
Er wachte noch immer vor dem Klingeln des Weckers auf. Nur mit dem Unterschied, dass er nicht mehr freudig erregt die Augen öffnete. Er sich nicht mehr ausmalte, was für Geschichten ihm heute durch den Kopf gehen würden. Wie er die Ideen, die er hatte, wirksam, ausdrucksstark, erzählerisch flüssig aufs Papier bringen konnte.
Heute war da eher ein Gedanke, der sagte: Warum fünf Minuten vor dem Klingeln? Was soll das? Die fünf Minuten fehlen mir jetzt. Ein Gedanke, der ihm, je älter er wurde, immer häufiger missmutig durch den Kopf ging. Nicht verwundert oder überrascht, er war ehrlich davon überrumpelt, dass ihm seine ansonsten so positive Art, den Tag zu begrüßen, nach und nach, Sand gleich, durch die Finger zu rinnen schien. Es gibt Ausnahmen, dachte er, als er die Augen öffnete, den Kopf zur Seite drehte und einen Blick auf die grün umrandeten elektronisch hervorgehobenen Ziffern warf, die ihm eine Uhrzeit von 5:43 zeigten.
Gute Ausnahmen.
Schöne Ausnahmen.
Wie so oft, wenn er fühlte, dass sich in ihm etwas wohlig warm ausbreitete, er sich sicher fühlte, gut und standhaft, konnte er den Kreislauf düsterer Gedanken durchbrechen.
Ihm gelang es dann, noch einmal kurz das Feeling von damals zu spüren. Diesen kurzen Energieschub, die Heiterkeit, dass der Tag etwas Neues, Aufregendes bringen könnte. In dem Moment, wenn er dieses innere Hoch fühlte, kam ihm Heinrich Heine in den Sinn.
Seine sinnlich lieben Worte, die so schmeichelnd schön waren und Marco immer wieder dazu animierten, innezuhalten, zu seufzen und die Worte zu rezitieren, die ihn damals in der Schule schon so beeindruckt hatten:
Das Fräulein stand am Meere,
und seufzte lang und bang.
Es rührte sie so sehre,
der Sonnenuntergang.
Mein Fräulein! Sein Sie munter,
das ist ein altes Stück,
hier vorne geht sie unter,
und kehrt von hinten zurück.
Eben in diesen Momenten, wenn er aus seinen Träumen erwachte, waren es diese Art von Worten, die ihn dazu trieben, dem Tag lächelnd entgegenzugehen.
Besonders heute, dachte er, als er die Decke zur Seite schob und dann kurz innehielt: nicht nur, weil Katharina neben mir liegt. Sie so niedlich aussieht, da mit dem Kopf auf dem Kissen, ihr Gesicht entspannt. So schön. So weich gezeichnet.
Das war das Topping obendrauf. Das Wissen, dass Katharina hier war. Neben ihm. Dass sie noch schlief, sie sich in siebzehn Minuten erst vom Wecker aus dem Schlaf heben ließ.
Sie war DER Grund, weshalb ihm Heinrich Heine wieder durch den Kopf ging.
Weshalb er sich wieder jünger fühlte, dynamischer. Und der vor uns stehende Urlaub, fügte er in Gedanken hinzu, während er die Beine über die Bettkante schwang und sich mit der Hand über das stoppelbärtige Gesicht fuhr. Den unangenehmen, abgestandenen Geschmack auf der Zunge versuchte er zu ignorieren, während er sich in die Höhe stemmte.
Was ihm nicht gleich gelang.
Was ihm noch nie gut gelungen war.
Bis heute begriff er nicht, wie Menschen erst nach dem Frühstück anfangen konnten, ihre Zähne zu putzen. Wie sie sich, müde und ausgelaugt, an den Frühstückstisch setzen, einen Kaffee trinken und ein Brötchen essen konnten. Da schüttelte es ihn.
Weshalb sein erster Gang immer der ins Badezimmer war. Hin zum Waschbecken, um sich die Zähne putzen zu können; das Gefühl zu haben, dass er frisch und sauber, wohlduftend war.
Marco kratzte sich am Oberschenkel, während er die Müdigkeit aus seinen Augen blinzelte und auf die Tür zuging, die aus dem Schlafzimmer hinaus ins Wohnzimmer führte. Als er die Tür öffnete, er noch einmal dachte:
Das ist ein altes Stück,
hier vorne geht sie unter,
und kehrt von hinten zurück.
... blieb er abrupt stehen. „Geht unser Flieger jetzt gleich nach Mallorca, Papa?“, fragte Alea ihn und stand komplett angezogen, einen Trolley neben sich haltend, vor ihm.
Marco wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Lachen, weil er fand, dass Alea ihm wieder einmal zeigte, wie sprunghaft sie sein konnte. Wie viel Energie und wie viel Freude sie mit sich brachte. Weinen, eben wegen genau derselben Eigenschaften. Während er noch versuchte, sich irgendwie zu organisieren, sich gedanklich zu ordnen, war sie schon Feuer und Flamme für das nächste vor ihr liegende Abenteuer.
Marco konnte sich vorstellen, wie sie seit heute Nacht in ihrem Zimmer gesessen hatte; die Sonnenbrille auf der Nase, ihren Badeanzug, bedruckt mit Barbie – natürlich – angezogen und an den Füßen ihre Gummi-Crocs, während sie darauf wartete, dass sich im elterlichen Schlafzimmer etwas regte.
„Mäuschen“, sagte er, blinzelte noch einmal, als ihm die Müdigkeit noch einmal in die Augen stach. „Warum bist du denn schon wach?“
„Ich möchte in den Urlaub“, erklärte Alea und schob dann hinterher: „Jetzt.“
Marco gähnte, bevor er sagte: „Wir müssen erst in zwei Stunden los, mein Schatz.“
„So lange kann ich nicht warten.“
„Musst du aber.“
„Dann explodiere ich.“
„Geh bitte in den Garten. Die Bröckchen sind so schlecht von der Tapete abzuwischen“, meinte er, streichelte Alea über den Kopf und nahm verwundert wahr, dass sie sich nicht ihm zudrehte, als er Richtung Tür des Wohnzimmers ging, um ins alte DVD-Zimmer zu gelangen. Sie folgte ihm nicht, wie es sonst ihre Art war, um ihn auf dem Weg über den Flur hin zur Toilette ununterbrochen mit irgendwelchen Gedanken, Eindrücken und Emotionen zu bombardieren. Damit hatte er gerechnet.
Felsenfest.
Marco war sich sicher gewesen, dass sie mit ihm kommen und sich gegebenenfalls, wenn es nötig war, vor die Badezimmertür setzen und mit ihm reden würde.
Nur um jetzt etwas völlig anderes zu machen.
Sie nahm ihren Trolley, zog ihn hinter sich her und trat, als wäre es das Natürlichste der Welt, in das Schlafzimmer hinein. „Ich wecke Mami …“
Katharina genoss solche Abende.
Sie hatten etwas Ruhiges. Meditatives. Sie konnte in diesen kurzen Augenblicken die sein, die sie immer hatte sein wollen. Was ich oft gar nicht gewusst habe, schob sie einen Gedanken hinterher, während sie die Augen schloss und es genoss, wie die weichen Borsten der Bürste durch ihre dunklen Haare glitten, ihre Kopfhaut trafen und über diese fuhren.
Sie seufzte leise, als sie die kleinen Finger Aleas spürte, wie diese Katharinas Haare fassten, um noch einmal den eben beschriebenen Weg der Bürste nachzuziehen. „Du kannst das echt gut.“
Das, während Alea und sie zusammen auf der Couch saßen, im Fernseher irgendeine TV-Kinderserie lief, deren Hintergrundmusik für Katharinas Ohren eigentlich zu grell war, war das Beste.
Sie liebte es, hier zu sein – mit den Kindern.
Mit Mimi, die ununterbrochen redete, die Geschichten aus der Schule erzählte, die Katharina so herrlich zum Lachen bringen konnte mit ihren manchmal viel zu süffig klingenden Kommentaren.
Oder Lisa, die so begeisterungsfähig war. Die sich über so viele Dinge Gedanken machte, die sich Katharina mit vierzehneinhalb niemals gemacht hatte. Nicht eine Sekunde. Da hatte sie nicht über das Klima nachgedacht, sich nicht überlegt, eine weitere Sprache zu lernen, sie war mit Deutsch und Englisch schon überfordert gewesen.
Oder sich ausgemalt, wie es sein würde, wenn man einmal im Ausland studierte und eine fremde Kultur kennenlernte.
Lisa tat das.
So verrückt es auch war.
Sie tat es mit einer Inbrunst, die Katharina manchmal mit Ehrfurcht erfüllte. Mit einem leisen, tief in ihr geborenen Gedanken, der ihr zuwisperte: Hast du alles aus deinem Leben herausgeholt, was du herausholen konntest?
Ein Gedanke, der ebenso schnell ging, wie er kam. Besonders dann, wenn Denise den Raum betrat. Dieses kleine, flippige Mädchen, das in seinen Gedanken so sprunghaft war, dass man ihren Ausführungen so gut wie gar nicht folgen konnte.
Und Alea. Dieses kleine, Katharina immer wieder überraschende Mädchen. Das einen besonderen, außergewöhnlichen Blick auf die Welt hatte. Das immer wieder mit Bemerkungen und Ideen um die Ecke kam, die Katharina verwunderten, überraschten und entzückten.
Die so liebesbedürftig war.
Was nicht heißen sollte, dass die anderen Ladys das nicht auch waren. Sie suchten ebenso Katharinas Nähe, redeten und quatschten mit ihr, genossen ihre Nähe und holten sich hier und da Rat.
Alea tat es auf eine andere Art und Weise.
Eine, die Katharinas Mutterinstinkt auf eine eigene Art zum Vibrieren brachte. Die eine Spannung in ihr erzeugte, mit der sie niemals im Leben gerechnet hatte.
Die ihr zuraunte, dass alles genau so sein sollte.
Wie das Haarebürsten.
Dabei auf der Couch sitzen, einen eigentlich die Nerven zerreißenden Cartoon schauen und die Nähe des anderen genießen. Niemals hätte Katharina gedacht, dass gerade das sie so erfüllen konnte. Dass sie sich in solchen Situationen wohlfühlte. Sie hatte immer gedacht, dass ihre primäre Aufgabe im Leben das Reisen wäre. Das Hinterherjagen der eigenen Träume, verknüpft mit der Hoffnung, dass sich alles in ihrem Leben irgendwie zum Guten wenden würde.
Was passiert ist. Auf sonderbare, mir niemals in den Sinn kommende Art und Weise. Ich habe mich in etwas Unbekanntes wiedergefunden, das sich jetzt mit Leben füllt, dachte sie. Was sich gut anfühlt, schob sie ihren letzten Gedanken mit beinahe hektischer Intensität nach. Fast so, als müsste sie den Gedanken auf Reisen schicken. Als wäre da etwas, das wollte, dass der letzte Anker in ihr geworfen würde.
