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Als der Journalist Viljar Ravn Gudmundsson eine anonyme E-Mail erhält, in der sich jemand als Richter ausgibt und ein Todesurteil über eine ortsansässige Frau spricht, tut er das Ganze als schlechten Scherz ab: So etwas passiert schließlich nur in mittelmäßigen Krimis. Doch dann wird am nächsten Tag tatsächlich die Leiche dieser Frau gefunden, und Viljar erhält eine zweite Mail mit einem neuen Richterspruch. Ermittlerin Lotte Skeisvoll wird schnell klar, dass der Mörder ein Spiel mit ihnen spielt, denn er hinterlässt nicht nur deutliche Spuren – die Morde kommen ihr auch merkwürdig vertraut vor ...
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Seitenzahl: 543
Veröffentlichungsjahr: 2017
Buch
Als der Journalist Viljar Ravn Gudmundsson eine merkwürdige E-Mail erhält, in der sich jemand als Richter – und Henker – einer ortsansässigen Frau ausgibt, tut er das Ganze als einen schlechten Scherz ab. So etwas gibt es schließlich nur in schlechten Krimis. Dennoch hat er kein gutes Gefühl dabei und leitet die Mail an die Polizei weiter. Danach versucht er, nicht mehr darüber nachzudenken. Doch so ganz will ihm das nicht gelingen, und als am nächsten Tag die Leiche einer Frau vor einem Hochhaus gefunden wird, merkt Viljar, dass er auf seine Instinkte hätte hören sollen. Und dann erhält er eine zweite Mail, erneut mit der Androhung eines Todesurteils. So beginnt die Jagd nach einem kranken Serienmörder, der zunächst außergewöhnlich sorglos erscheint – die Tatorte sind voller Spuren. Doch schon bald wird Ermittlerin Lotte Skeisvoll klar, dass der Mörder ein Spiel mit ihnen spielt. Sie müssen seine nächsten Schritte vorhersehen, und zwar schnell. Schließlich gibt es einen Durchbruch, als klar wird, warum die Morde einem so merkwürdig vertraut vorkommen: Sie alle haben eine irgendwann nicht mehr zu übersehende Ähnlichkeit mit Szenen aus bekannten Krimis. Doch welches Motiv hat der Nachahmer? Und wie schafft er es, immer einen Schritt voraus zu sein?
Autor
Geir Tangen betreibt Norwegens größten Krimiblog, Bokbloggeir.com, auf dem er seit 2012 Thriller und Krimis rezensiert. Er lebt und arbeitet im norwegischen Haugesund. »Seelenmesse« ist sein Debüt und der erste Band einer geplanten Trilogie über die Polizeiermittlerin Lotte Skeisvoll und den Journalisten Viljar Ravn Gudmundsson.
Geir Tangen
Seelenmesse
Thriller
Aus dem Norwegischen von Dagmar Lendt
Für meine Eltern, die mir die Magie der Bücher gezeigt haben
Stemmen, Haugesund Dienstagabend, 31. August 2010
Drohende Wolken jagten über den Himmel. Wie ein dunkles Omen forderten sie ihren Platz zwischen Tag und Nacht. Einen Moment lag der Eivindsvatnet in verzaubertem Schimmer, um gleich darauf von einer schwarzen erstickenden Decke aus Schwefelgestank, Donner und gewaltigem Regen eingehüllt zu werden.
Draußen auf Stemmen, einer kleinen Brücke über einen Damm, der 1907 am Eingang zum Wandergebiet um den Eivindsvatnet gebaut worden war, stand Jonas Ferkingstad. Die schmächtige Gestalt blickte prüfend über den Rand.
Das halblange blonde Haar klebte ihm an der Stirn. Eisblaue Augen starrten auf einen imaginären Punkt im Nichts. Im schwachen Licht, wenn die Wolkendecke am Himmel aufriss, konnte er den Wasserlauf am unteren Ende des Damms erkennen. Von der Brücke, auf der er stand, bis zum Fuß der Steinmauer waren es vielleicht zehn Meter. Das klitschnasse, dünne burgunderrote Baumwollhemd klebte an seiner Brust. Er zitterte am ganzen Körper. Hin und wieder warf er einen kurzen Blick hinauf zum Fußweg unterhalb des Skoldavegen, aber die meiste Zeit starrte er ins Nichts.
Jonas richtete sich auf, als er jemanden auf sich zukommen sah. Es war unmöglich, die Gestalt zu erkennen, aber Jonas wusste, wer es war. Bis zuletzt hatte er gehofft, dieser Moment der Abrechnung bliebe ihm erspart. Jetzt gab es kein Ausweichen und Abstreiten mehr, kein Lügen und Betrügen. Zwei Menschen vollkommen allein, beide kannten die Wahrheit, und keiner von ihnen brauchte sich hinter Fassaden und Maskeraden zu verstecken.
In einigem Abstand blieb die Gestalt stehen, und sie betrachteten einander stumm. Der Herbstwind peitschte Schaumkronen auf den Eivindsvatnet. Wieder zerriss ein Blitz den Himmel. In dem aufflammenden kalten Licht sahen sie sich. Ungeschützt. Nur sie beide. In der nächsten Sekunde war die Dunkelheit zurück, und der Donner ließ die Betonbrücke vibrieren. Jonas stand abwartend da, mit hängenden Schultern, und blickte sein Gegenüber an. Sehnte sich danach, in den Armen des anderen Menschen zu versinken. Sich einfach in der schützenden Umarmung zu verkriechen und so zu tun, als wäre nichts passiert. Als wäre alles nur eine Fata Morgana. Unwirklich. Etwas, das verschwinden würde, wenn man nur ein paarmal mit den Augen zwinkerte. Doch so war es nicht. Es ließ sich nichts mehr ungeschehen machen.
Eine Weile standen sie so da, während das Wasser an ihnen herablief. Ohnmacht spiegelte sich in ihren Gesichtern. Kein Wort fiel, aber nach einer Weile streckte sein Gegenüber die Arme nach Jonas aus, der nach Luft schnappte, als er sich umarmen ließ. Worte konnten nicht das Gefühl beschreiben, das er in dem Moment empfand. Nicht Glück. Nicht Erleichterung, sondern etwas anderes. Etwas tief in ihm, das ihn dazu brachte loszulassen. All die unterdrückten Gefühle schossen in ihm hoch wie ein Geysir. Er hörte selbst, wie er an der Brust des Menschen heulte, der ihn umarmte, aber es war ihm egal. Jetzt musste er raus, der ganze Schmerz.
Jonas blickte über die Schulter der anderen Person und meinte, einen Schatten zu erkennen, der sich drüben am kleinen Bootshaus bewegte. Zwei rote Kajaks lagen längsseits an der Hauswand, klammerten sich gegen den Wind aneinander. Er hatte sie in den vergangenen Tagen draußen auf dem Wasser gesehen, aber er verstand nicht ganz, was jemand bei diesem Wetter damit wollte.
Die kleine Ablenkung hatte ihn unaufmerksam werden lassen. Die Umarmung war spürbar fester geworden, als wollte der andere Mensch die Luft aus ihm herauspressen. Jonas versuchte, sich ein wenig aus der Umklammerung zu lösen. Wollte noch nicht ganz loslassen. Er spürte die kleinen Schluchzer in seinem Bauch. Verzweifelte, kurze Wimmerlaute, die davon zeugten, was er getan hatte. Jonas wusste, dass es seine Schuld war. Einzig und allein seine Schuld.
Die Kraft in den Armen, die ihn umschlossen, war urgewaltig. Unmenschlich. Jonas’ Arme hingen schlaff herab, und nur die Kraft der anderen Person verhinderte, dass ihm die Beine unter dem Körper wegknickten. Jonas war leer. Er war eine dünne, zerbrechliche Hülle, unfähig, Widerstand zu leisten. Er begriff plötzlich, dass dies ein Kampf war. Ein Kampf auf Leben und Tod. Ihm ging auf, dass der andere Mensch ihn nicht hielt, um ihm Trost und Stütze zu sein. Jonas nahm alle Kraft zusammen und befreite sich mit einem energischen Ruck aus der Umklammerung. Er starrte sein Gegenüber mit neuen Augen an. Suchte festen Stand, merkte aber, wie matt sein Körper war.
Plötzlich änderte sich die Szene auf der Brücke. Wieder ein zuckender Blitz. Wieder ein Donnerknall. Die Größere der beiden Gestalten öffnete den Mund zu einem Schrei, aber es war nur ein heiseres Flüstern zu hören. Ein pfeifendes Ausatmen.
Mit ruhigen Bewegungen packte die eine Gestalt zu, hob die andere Gestalt hoch und stieß sie über das Brückengeländer. Der Schrei, der folgte, durchschnitt das Djupadal, als der Körper den Abgrund hinunterstürzte. Dann setzte Stille ein. Selbst die Regentropfen fielen lautlos, als alles vorbei war.
Vier Tage früher … Haugesunds Avis Freitagmorgen, 27. August 2010
Am Morgen vier Tage bevor das Licht ausging, stand der Journalist Viljar Ravn Gudmundsson breitbeinig im Konferenzraum und genoss die Atmosphäre um sich herum. Strahlende Gesichter, hungrige Augen und hochmütiges Gelächter überall im Raum. So sollte es sein.
»Scheiße, Viljar! Ich weiß nicht, was du deinen Quellen verkaufst, aber das will ich haben. Der Verkehrsminister! Mit nacktem Arsch an den Pranger genagelt. Ich würde meine linke Leber dafür geben, meinen Namen unter eine solche Sache setzen zu können.«
Kulturjournalist Henrik Thomsen war drei Köpfe größer als sein Kollege, ohne dass es seiner Intelligenz nennenswert geholfen hätte. Viljar blickte zu ihm hoch und ahnte Reste von Zuckerguss im dichten Vollbart.
»Glaub mir, Thomsen, du hättest das nicht überlebt. Das ist einer der Gründe, warum du Konzertkritiken schreibst, während ich Raubtiere in den Korridoren der Macht jage.«
Viljar ließ den groß gewachsenen Mann stehen, bezog im hinteren Teil des Raumes Stellung und sonnte sich im Scheinwerferlicht. Er hatte es verdient. Das hier war sein Auftritt. Der Moment, in dem sich alle Augen voller Respekt und Bewunderung auf ihn richteten. Was er vollbracht hatte, war in der 115-jährigen Geschichte der Zeitung einzigartig. Die anderen Journalisten und Redakteure hielten den Artikel für das Ergebnis monatelanger investigativer Arbeit. Dass dies nicht ganz der Wahrheit entsprach, kümmerte Viljar nicht. Das hier war sein Spezialgebiet. Was spielte es für eine Rolle, ob der Artikel das Resultat von hundert Überstunden oder ihm wie eine Feder vom Himmel in den Schoß geschwebt war. Er saß auf einem Scoop und hatte die Worte in seiner Gewalt.
Was er schrieb, war die Wahrheit. So war das in Haugesund. Immer wieder hatte er jene, die ihre Macht missbrauchten, vom Sockel gestoßen. Für Haugesunds Avis war Viljar Ravn Gudmundsson ein Obelisk aus Granit, der ebenso gut vor dem neuen Zeitungshaus hätte errichtet werden können, das gerade gebaut wurde.
Der Fall, den er der Nachrichtenredaktion an diesem Morgen präsentiert hatte, besaß alle Zutaten für einen landesweiten Blutrausch. Dieser Zustand, der sich einstellt, wenn alle großen Redaktionen sich zugleich auf dasselbe dramatische Ereignis stürzen und die Berichterstattung so ausufert, dass sie alles andere in den medialen Hintergrund drängt. Politik, Machtmissbrauch, Prominente, Kriminalität und Sex. All das auf einmal, und die kleine Haugesunds Avis hielt alle Fäden in der Hand. Sie hatten Viljar Ravn Gudmundsson, und damit besaßen sie auch die Glaubwürdigkeit, die nötig war, um die Schallmauer in der überregionalen norwegischen Presse zu durchbrechen.
Mit seinen siebenunddreißig Jahren hatte Viljar sich längst einen Ruf als eine der solidesten Medienstimmen des Landes gemacht. In seinem Mailfach trudelten regelmäßig Jobangebote der großen Medienhäuser ein, aber das ließ ihn kalt. Er war Wochenendpapa, und die Vorstellung, unter der Woche nach Oslo pendeln zu müssen, widerstrebte ihm. Alexander, sein zwölfjähriger Sohn, wohnte hier in Haugesund, und kein Job der Welt konnte Viljar dazu bringen, die gemeinsamen Stunden mit Alexander zu opfern. Außerdem ließ sich nicht leugnen, dass Viljar zur Bequemlichkeit neigte. Bei der Regionalzeitung ließ man ihm freie Hand. Er konnte kommen und gehen, wann er wollte. Er schrieb die Artikel, die ihm passten, und lehnte es ab, sinnlose Wanderungen durch die A4-Landschaft des Zeitungsjournalismus zu unternehmen. Er war der Libero der Zeitung. Ein freier Geist in einer freien Landschaft. Er diktierte die Tagesordnung. Er war der Anarchist des Hauses. Folgte seinen eigenen Regeln und ging seine eigenen Wege, zur großen Verzweiflung und Freude von Chefredakteur Johan Øveraas.
Vor der Sache mit Verkehrsminister Hermann Eliassen hatte er seinen Chefs gegenüber lange behauptet, er sei an einem Fall von ungeahnten Dimensionen dran. Floskeln natürlich. In Wirklichkeit hatte er einen Großteil seiner Arbeitszeit damit verbracht, ein London-Weekend mit Alexander zu planen. Wie der Zufall es wollte, fiel die Abreise auf denselben Tag, an dem er der Redaktion den Kopf des Verkehrsministers auf dem Silbertablett servieren konnte.
»So, Leute … Hört mal einen Moment her!«
Chefredakteur Johan Øveraas dirigierte Viljar entschlossen in eine Ecke des Raumes, wo sich die anderen Journalisten versammeln konnten. Er stemmte die Hände in die Seiten, und Viljar beobachtete fasziniert, wie sie tief im Hüftspeck versanken.
»Diese Sache wird in der Akersgata einschlagen wie ein Pint Guinness in einen Champagnerempfang. Das wird dem Jubelchor für Hermann Eliassen die Mäuler stopfen. Wir von der Lokalpresse, die den Kerl kennen, haben lange darauf gewartet, ihn an seinen Eiern baumeln zu sehen. Verdammt gute Arbeit, Viljar.«
Beifall brandete in dem kleinen Raum auf, und Viljar Ravn Gudmundsson nahm sich reichlich Zeit, den Augenblick zu genießen.
Das war sein Fall. Er war unverwundbar in diesem Machtspiel. Er hatte die Wahrheit unverrückbar an seiner Seite, und niemand konnte einen Keil dazwischentreiben.
Draußen rauschte der Wind in den alten Eichen vor der Lillesund-Schule. Noch klammerten sich die Blätter an die Lebenskraft des Sommers. Noch waren sie stark, dunkelgrün und üppig.
Viljar Ravn Gudmundsson empfing ein letztes Schulterklopfen von seinem Chefredakteur.
»Unglaublich gute Arbeit, Viljar. Und jetzt ab mit dir nach London. Schalt dein Handy aus. Mach dir ein paar schöne Tage mit deinem Sohn. Du hast es dir verdient. Wir kümmern uns von jetzt an um die Sache. In vier Tagen bist du wieder da. Ich kann dir für die Heimreise ordentlich Rückenwind versprechen, denn hier wird es ganz schön stürmisch werden.«
Viljar lächelte verschmitzt, während er die wichtigsten Dinge in seiner Reisetasche verstaute. Er sah noch ein letztes Mal das Bildmaterial durch, das für den Eliassen-Artikel verwendet werden sollte, und schickte es an den Desk. Als er damit fertig war, stand der Chefredakteur immer noch neben ihm. Viljar sah mit seinem üblichen schelmischen Blick zu Øveraas hoch.
»Stürmisch …? Ist es das hier in Haugesund nicht immer?«
Vier Jahre später … Medienhaus Haugesunds Avis Montagmorgen, 13. Oktober 2014
Eine einzelne Zeile flimmerte auf dem PC-Monitor. Text: Viljar Ravn Gudmundsson. Er blinzelte. Seine Augen brannten. Eine Stunde des Arbeitstages war bereits Geschichte, aber alles, was Viljar geschafft hatte, war, seinen Namen zu schreiben.
Er hob den Blick und schaute hinaus auf die Karmsundsgata. Eine endlose Reihe Autos im Regen und Nebel. Die Architekten des neuen Medienhauses in Haugesund hatten sich wohl vorgestellt, dass die deckenhohen Fenster eine Inspiration für die Arbeitsbienen in dem Großraumbüro wären. Die Aussicht war allerdings ebenso deprimierend, als würde man sich Metallicas Black-Album gespielt auf einer Panflöte anhören.
Die Räume im Medienhaus waren funkelnagelneu, aber zehn Jahre in ein und derselben Redaktion hatten wie ein Aderlass auf die Kräfte des Isländers Gudmundsson gewirkt. Die Freude darüber, etwas zu enthüllen, das in den überregionalen Medien für fette Schlagzeilen gesorgt hätte, war auf der Strecke geblieben wegen der ewigen Hetze, bei der die Sensationen von heute schon yesterday’s news sind. Nichts verblasst schneller als Druckerschwärze.
Er versuchte, den Rücken gerade zu machen. Kaum über vierzig und schon bucklig von endlosen Stunden vor Tastatur und Bildschirm. Er blickte sich um und stellte fest, dass er der Einzige war, der nicht arbeitete. Das Klappern der benachbarten Tastaturen klang in seinen Ohren wie tausend Kakerlaken auf einem Parkettboden. Das Stimmengewirr der anderen Journalisten nervte ihn grenzenlos. Die alten geschlossenen Büros abzuschaffen und sie durch den Ameisenhaufen eines Großraumbüros zu ersetzen war pure Schikane, von oben verordnet.
Was Viljar außer der Stille am meisten vermisste, war sein Bürostuhl. Auf dem tiefen, breiten Monstrum, das an seinem alten Schreibtisch gestanden hatte, konnte man sich gemütlich zurücklehnen. Volle Unterstützung für den ganzen Rücken. An ruhigen Tagen konnte man problemlos ein Nickerchen darin machen, wenn man wollte. Die neuen Stühle waren nicht hoch, und die Rückenlehne drückte einem ins Kreuz, sodass man darauf saß, als hätte man einen armdicken Korken im Arsch.
Viljar ersetzte sein ausgelutschtes Nikotinkaugummi durch eine Prise Snus und blickte wieder durch den Raum. Das Bild war dasselbe wie immer. Eine Zelle neben der anderen, darin Arbeitsplätze angeordnet in Vierergruppen, nur getrennt durch anderthalb Meter hohe weiße Klötze mit königsblauen Fronten, die eher aussahen wie Dockingstationen für externe Festplatten. Die einzige Abwechslung war eine auffallend hässliche grüne ungemütliche Sitzgruppe, die wie eine Kücheninsel mitten im Saal thronte.
Neben der Sitzgruppe stand Chefredakteur Johan Øveraas. Viljar betrachtete ihn und stellte zufrieden fest, dass der 62-Jährige dem Rentnerdasein näher war, als er dem Himmelreich je kommen würde. Johan war alles, was ein guter Vorgesetzter in der mittleren Führungsetage eines Konzerns wie Orkla Media sein sollte: skrupellos, kaltschnäuzig und moralisch verkrüppelt, aber der Geschäftsleitung gegenüber hundertprozentig loyal.
Øveraas bemerkte den Blick und schlurfte hinüber zu Viljars kleiner Zelle.
»Du fauler Hund! Es vergeht doch wirklich kein Tag, ohne dass du dir ein paar Stunden von deiner Arbeitszeit abknappst. Hältst du mich für komplett bescheuert? Glaubst du, ich sehe nicht, wann die Leute hier im Haus kommen und gehen?«
Øveraas blies sich auf wie ein Kugelfisch, aber das war nur heiße Luft. Viljar wusste genau, was sein Chef meinte. Am Freitag hatte er seinen Arbeitsplatz ohne Erklärung verlassen.
»Muss ich dir erst in den Arsch treten, damit du reagierst, oder hättest du vielleicht die Freundlichkeit, mir zu antworten, wenn ich mit dir rede?«
Seine Augen traten hervor, und die Gesichtsfarbe wechselte zu Blaulila.
Viljar war davon ausgegangen, dass der Artikel, den Øveraas ihm am Freitag aufs Auge gedrückt hatte, vom Wochenenddienst erledigt werden würde, aber diesmal nicht. Bei der Morgenkonferenz an diesem Montag war die Sache wieder wie eine Wegschnecke auf seinem Schreibtisch aufgetaucht, Abgabetermin zwölf Uhr mittags als letzte Frist.
Er hatte, mit anderen Worten, drei Stunden Zeit, einen A-Artikel von zwölfhundert Worten und einen B-Artikel von sechshundert über die Vereinigung Mental Helse zu schreiben. Die Leute waren unzufrieden über die Behandlung, die ihnen auf ihrer ewigen Wanderung zwischen ärztlichem Notdienst, Krankenhaus, niedergelassenen Ärzten und Psychiatrie widerfuhr. Diesmal warnten sie aufgeregt davor, dass psychisch schwer kranke Personen durch die Stadt irrten, weil sie vom Gesundheitssystem nicht aufgefangen wurden.
Viljar sah den Chefredakteur mit mildem Blick an. Besser, man beruhigte ihn, damit er nicht explodierte wie ein aufgeregter Lemming.
»Reg dich ab! Ich hatte Blähungen. Wollte nicht die ganze Etage mit dem Gestank verpesten. Ich bin ja jetzt an der Sache dran.«
Johan Øveraas stand noch ein paar Sekunden da, ehe er wie üblich seine Wut an toten Gegenständen ausließ. Diesmal traf es zwei Kugelschreiber, die er vom Tisch fegte, bevor er auf dem Absatz kehrtmachte und zurück zur Büroinsel marschierte.
Viljar seufzte, sammelte die Kugelschreiber auf und ging noch einmal die Fakten der Sache durch, über die er schreiben sollte.
Blutarm. Langweilig. Uninteressant. Drei überaus zutreffende Worte, nicht nur, was den Inhalt des künftigen Artikels anging, sondern auch die Arbeit daran. Eine Stunde später war dennoch das meiste erledigt. Dem Text fehlten Seele, Einfühlung und interessante literarische Finessen. Solche Artikel nannten die Zeitungsleute PKT, politisch korrektes Trockenfutter.
Viljar gähnte, stemmte die Füße fest auf den Teppichboden und lehnte sich in einem Moment der Gedankenlosigkeit auf dem schwarzen Stuhl zurück. Mit einem Aufschrei schaffte er es gerade noch, sich wieder in die Senkrechte zu hieven, als der Stuhl hintenüberkippte und damit drohte, ihn aufs Kreuz zu legen. Rasch blickte er sich um, ob jemand was mitbekommen hatte, bevor er mit resigniertem Seufzen auf »Senden« klickte, ohne Korrektur gelesen zu haben.
Zeit für die erste Zigarettenpause. Er griff nach dem langen grauen Trenchcoat, den er für fünfzig Kronen in einem Secondhandladen der Heilsarmee gekauft und die letzten drei Jahre getragen hatte. Mit wehenden Mantelschößen eilte er den Gang hinunter zum Aufzug. Einer der Aushilfsreporter hob grüßend die Hand, als Viljar an den letzten Arbeitsplätzen vorbeikam. Er würdigte den Jungspund keines Blickes. Die Aushilfen standen in der Hierarchie weit unter ihm. Noch jedenfalls.
Auf dem Parkplatz vor dem Medienhaus stand ein Kollege und rauchte. Viljar ging in die entgegengesetzte Richtung und steckte sich die Zigarette an. Das Einzige, was er noch mehr hasste als politisch korrektes Trockenfutter, waren leeres Stroh dreschende Kollegen. Viljar hatte mehr als genug mit sich selbst zu tun.
Ein Hauch von schlechtem Gewissen streifte ihn, als ihm einfiel, dass er vergessen hatte zu kontrollieren, ob Alexander zur Schule gegangen war. Er dachte an seinen letzten Besuch. Während der Papa nichts Böses ahnte, hatte Sohnemann tagelang die Schule geschwänzt. Viljar kam mit der Verantwortung nicht klar, dass ein ADHS-diagnostizierter Teenager zeitweise bei ihm wohnte.
Was mache ich falsch? Wir haben uns doch immer gut verstanden und waren gern zusammen. Jetzt ist davon nur noch eine leere, sprachlose Hülle übrig. Was zum Teufel ist eigentlich passiert?
Seine Ex, oder »die Hexe«, wie Viljar sie gerne nannte, hatte vom ersten Tag an darauf bestanden, dass er seinen Teil der Verantwortung übernahm. Früher konnte er seinen Sohn am Sonntagnachmittag wieder bei ihr abliefern, aber seit Alexander sechzehn war, tauchte er auf, wann es ihm passte. Seine Mutter hatte gesagt, das sei eine ganz natürliche Entwicklung, und Viljar wollte nicht protestieren, obwohl es sein Leben noch mehr durcheinanderbrachte.
Er nahm einen letzten gierigen Zug, trat die Zigarettenkippe aus und ging wieder hinein. Eine stinkende Fahne von Tabakrauch folgte ihm durch die Korridore, und ein paar Nichtraucher rümpften demonstrativ die Nase. Viljar war das herzlich egal. Als er sah, dass Øveraas schon wieder in seinem Kabuff stand, schob er sich ein neues Nikotinkaugummi in den Mund, um den schlimmsten Raucheratem zu mildern.
»Wenn ich dir die verdammten Pausen vom Gehalt abziehen würde, die du dir jeden Tag genehmigst, würdest du am Monatsende ganz schön alt aussehen, Gudmundsson.«
Der Chefredakteur hatte die Hände auf die speckigen Hüften gestemmt.
»Und wenn du die Anzahl Wörter, die ich zu dieser Zeitung beisteuere, mit denen vergleichen würdest, die meine lieben Kollegen produzieren, würdest du zu dem Ergebnis kommen, dass ich eine Gehaltserhöhung verdient hätte. Alles hat zwei Seiten, Øveraas. Das müsstest du als Redakteur eigentlich wissen.«
Der korpulente Chefredakteur wurde wieder einmal deutlich röter ums Oberstübchen. »Auf die Länge kommt es verdammt noch mal nicht an, Gudmundsson.«
»Tja, wie gesagt … Du musst es ja wissen.«
Viljar grinste und quetschte sich an seinem Chef vorbei, der kurz davor stand, die Beherrschung zu verlieren. Zum Glück hatte er auch die Sprache verloren. Øveraas drehte sich auf dem Absatz um, versetzte einem Pflanzenbottich einen Tritt und verließ das Krisengebiet, bevor das Feuer eröffnet wurde.
Hätte Viljar eine Bürotür gehabt, hätte er sie jetzt zugeknallt. Stattdessen setzte er seine Kopfhörer auf. Trübsinnig starrte er auf die Öde vor den Fenstern. Stundenlang konnte er so dasitzen und die Tropfen beobachten, die an den Scheiben hinunterliefen. Die Schauerböen malten krumme Gittermuster auf das beschlagene Glas. Auf der anderen Seite der Karmsundsgata drängten sich die Leute unter den regenschweren Markisen des 7-Eleven, ehe sie auf wartende Autos zuliefen.
Er zog ein altes T-Shirt aus der Schublade und rubbelte sich damit die nass gewordenen Haare trocken. Anschließend warf er das T-Shirt unter den Schreibtisch. Er aktualisierte die Mailbox und sah aus den Augenwinkeln, dass eine Menge neuer Meldungen eingetroffen war. Überwiegend nichtssagende Rundschreiben der Geschäftsleitung und Reklame. Ab damit in den Papierkorb.
Viljar musste sich konzentrieren, um keine wichtige Post zu löschen. Am Ende blieben drei Mails übrig: eine Terminbestätigung von Helse Fonna, eine Mail von der Tippgemeinschaft im Verlag und eine Mail von einem Mann, dessen Name ihm nichts sagte. Wahrscheinlich ein Leser, der darauf hinweisen wollte, dass Viljar in einem seiner Artikel etwas vergessen oder falsch dargestellt hatte. Er seufzte. Das war das Übelste an diesem Job. Die ständigen Kommentare von Lesern, die anscheinend nichts anderes zu tun hatten, als sich zu beschweren. Oft waren es immer dieselben Leser. Er öffnete die Mail.
Sekunden später spürte er den Schmerz in der Brust. Merkte, dass er kaum noch Luft bekam. Der Raum drehte sich. Er keuchte auf, als Schmerzstrahlen bis hinauf in sein Gesicht schossen. Er sprang vom Stuhl auf und begann, scheinbar planlos durch das Großraumbüro zu laufen. Atmete tief ein und aus, wie er es in der Psychotherapie gelernt hatte. Versuchte mit aller Kraft, an etwas anderes zu denken. Viljar nickte einem Kollegen mühsam zu, ehe er einen imaginären Schlips lockerte und zurückkehrte zu Schreibtisch und Bildschirm. Er starrte auf den Text. Die Buchstaben zerflossen, als ihm ein salziger Schweißtropfen ins Auge lief. Er wischte ihn weg und las die Mail noch einmal.
z. H. Viljar Gudmundsson
Ich schreibe Ihnen, weil ich weiß, dass Sie ein rechtschaffener Mann sind. Ein Mann, der verurteilen wird, was ich vorhabe, der aber gleichzeitig in der Lage ist, meine Empörung und Frustration über einen Rechtsstaat zu verstehen, der nicht mehr funktioniert.
Wir haben Gesetze, die uns vor Leuten schützen sollen, die meinen, sie könnten sich alles erlauben, und kein schlechtes Wort soll über die gesagt werden, die ihre Schuld zugeben und ihre gerechte Strafe akzeptieren. Die anderen sind es, auf die ich abziele. Diejenigen, die sich noch in der Stunde der Wahrheit ihrer Strafe entziehen und davonkommen. Sie sind die Hyänen der Gesellschaft. Feige, gierig und ausweichend. Sie verdienen, dass ich sie bestrafe. Ich mache mich zu ihrem Richter und Henker, und ich selbst werde für meine Taten bestraft werden. Wenn die Zeit gekommen ist, werde ich meine Strafe erhobenen Hauptes annehmen. Bis dahin werden Menschen durch meine Hand sterben. Schuldige Menschen, die sich ihrer rechtmäßigen Strafe entzogen haben.
In der heutigen Gesellschaft denken immer mehr Menschen nur an sich selbst. Das Solidaritätsgefühl ist tot. Der Gemeinschaftsgeist ist verschwunden. Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber ist ein Fremdwort. Die Leute stehlen aus der Hand, die sie füttert.
Eine dieser Gierigen ist eine Frau. Sie wird der schweren Unterschlagung und Untreue im Dienst für schuldig befunden. Sie hat keine Vorstrafen, doch dies wurde nicht als mildernder Umstand erachtet. Die Bestrafung wird morgen, Dienstag 14. Oktober, vollzogen.
13.10.14
Stein Åmli
UL 7-1
Viljar stopfte sich eine neue Portion Snus unter die Lippe. Spürte, wie es in Fingern und Zehen kribbelte. Wieder holte er tief Luft und atmete langsam aus. Das wohlbekannte Dunkel legte sich wie eine Decke auf seine Hirnrinde. Sollte er dazu jetzt auch noch Stellung nehmen müssen? Die Buchstaben auf dem Bildschirm starrten ihn an. Voller Widerwillen starrte Viljar zurück. Einen Moment lang dachte er daran, den ganzen Mist zu löschen. Den Verteidigungsmechanismus anzuwenden, der ihm am meisten lag. »Ausweichsyndrom« hatte die Psychologin es genannt. »Die meisten Probleme, über die wir uns Sorgen machen, sind gar keine«, hatte sie ihn zu überzeugen versucht. Er war sich ziemlich sicher, dass gerade diese Mail nicht unter diese Kategorie fiel. Ein kleiner Mausklick, und das Problem wäre aus der Welt. Nein. So war es ja nicht.
Tief in seinem Inneren glaubte er nicht, dass dies ein echter Drohbrief war. So etwas schreibt keiner. Trotzdem war etwas an dieser Mail, das ihm Angst machte. Er wischte die feuchten Handflächen an den Hosenbeinen ab. Die Mail war wie aus einem schlechten Krimi abgekupfert. Der klassische »Richter«, der das Gesetz in die eigenen Hände nimmt und seine Taten gegenüber einem Journalisten verteidigt. Ein abgenutztes Klischee, das jeden Verlagslektor veranlassen würde, das Manuskript abzulehnen, noch bevor er das erste Kapitel gelesen hatte.
Die »Urteilsverkündung« machte den Eindruck, als wäre sie in fünf Minuten ohne große Überlegung zusammengestoppelt worden. War das vielleicht der Grund, warum sich ihm die Nackenhaare sträubten? Es war, als wäre die Mail geschrieben worden, weil es getan werden musste, nicht weil der Verfasser das Bedürfnis hatte, seinen Ärger über die Gesellschaft auszudrücken. In vieler Hinsicht erschreckte Viljar das weit mehr als ein wutschnaubender Drohbrief.
Er startete eine schnelle Suche nach dem Namen Stein Åmli. Das führte natürlich zu nichts. Diverse Verkaufsangebote für Steine, Schotter und Kies in der Ortschaft Åmli kamen einem Treffer noch am nächsten. Es war ein fiktiver Name.
Er wusste, wenn er mit der Mail zu Øveraas ging, würden in den Augen des Chefredakteurs die Dollarzeichen rotieren wie bei einem einarmigen Banditen auf der Dänemarkfähre. Sein Ringfinger verharrte ein letztes Mal auf der Löschtaste, ehe er die Hand zurückzog. Er musste hören, was Ranveig zu diesem Haufen Scheiße sagte. Er hievte sich aus dem Stuhl mit krummem Rücken, der weder zu Gesellschaft noch zu einem Schwätzchen einlud. Die Leute hielten Abstand, wie er bemerkte.
***
Ranveig Børve sah das Rabenschwarze in Viljars Blick schon Sekunden, bevor er neben ihr stand. So war das immer mit Viljar. An guten Tagen blieb er auf Abstand, an schlechten kam er bei ihr an. Auf der Lebensmittelmesse in Stavanger hatte sie mal ein T-Shirt mit dem Aufdruck »Irgendwas iss immer« für ihn gekauft. Er trug es oft bei der Arbeit und hatte anscheinend die Ironie nicht begriffen.
Es war nicht leicht, Viljar zu mögen, aber Ranveig tat es. Sie war zehn Jahre jünger als er. Als sie bei der Zeitung anfing, war er ihr Mentor gewesen. Damals war er ein brennend engagierter Reporter mit Schalk in den Augen und ein Meister darin, Nachrichten zu erschaffen, wo andere nur Kurzmeldungen sahen. Jetzt war es umgekehrt.
Etwas musste passiert sein. Seit seiner Rückkehr nach einer längeren Krankmeldung vor vier Jahren war er nur noch ein Schatten seiner selbst.
Was dem Isländer die Lebensfreude geraubt hatte, wusste keiner, aber die Gerüchteküche des Medienhauses war ein unersättlicher Troll.
Ranveig knipste ein Lächeln unter ihrer langen blonden Mähne an und wirbelte mit dem Bürostuhl herum.
»Hi, Viljar. Fertig mit der DPS-Sache, wegen der Øveraas im Dreieck gesprungen ist, weil du sie nicht fertig hattest?«
Viljar ließ sich auf den Stuhl fallen, der zur Zelle nebenan gehörte. Er wischte ihre Frage mit einer Handbewegung weg, legte das Blatt, das er mitgebracht hatte, auf ihren Schreibtisch und klopfte mit dem Zeigefinger darauf.
»Was hältst du davon? Das ist vor ein paar Minuten in meinem Mailfach eingetrudelt.«
Ranveig strich sich die Haare hinters Ohr und ließ den Stift übers Papier mitwandern, während sie las. Mehrmals hielt sie inne und blickte fragend zu Viljar, aber er schwieg, und sie las weiter.
»Das ist Bullshit«, sagte sie. »Irgendein Clown will, dass wir austicken und Riesenschlagzeilen bringen, wie bei der TERRA-Sache.«
Viljar wirkte erleichtert, aber er hatte immer noch etwas Panisches im Blick.
»Du nimmst das doch nicht etwa ernst, Viljar?«
»Nein, natürlich nicht, aber ich kann es ja nicht Øveraas geben. Der kriegt sofort ’nen feuchten Traum und rennt den ganzen Tag mit ’ner Morgenlatte durch die Gegend, wenn der die Mail sieht.«
Ranveig lachte und beugte sich zu Viljar vor.
»Ja, wie damals, als Arsène Wenger in die Stadt kam, um Håvard Nordtveit für Arsenal einzukaufen«, flüsterte sie und kicherte wie ein ungezogenes Schulmädchen.
Viljar nickte und grinste. Er zog das Blatt zu sich heran und sah Ranveig fragend an.
»Im Ernst … Was machen wir damit?«
Ranveig starrte auf den Stift in ihrer Hand, als wäre er eine Art Zauberstab.
»Schick eine Kopie der Mail an die Polizei, und dann vergiss die Sache. Da passiert nichts, und wenn doch, ist es genau genommen ja wohl Aufgabe der Polizei, sich darum zu kümmern oder?«
»Natürlich. Du hast vollkommen recht.«
Er beugte sich zu ihr und umarmte sie rasch. Ranveig war völlig baff und beantwortete die Umarmung mit einer unbeholfenen Geste.
»Okay. Dann mach das«, sagte sie und überspielte den peinlichen Moment mit einem aufgesetzten Lächeln.
Ranveig wollte es nicht sagen, aber eine ganze Menge stimmte nicht mit der Mail. Das hier war Haugesund und keine schlechte Folge von Criminal Minds. Sie hoffte, dass ihr Bauchgefühl sie trog und es das Letzte war, was sie von Stein Åmli hörten.
Requiem – Introitus
Ich blicke ihr in die dunkelgrünen Augen. Sie schimmern. Ein flirtendes Aufblitzen, als sie sieht, dass ich es bin. Um ihre Mundwinkel spielt ein freches kleines Lächeln. Sie zögert nicht, zieht mir die Jacke aus und lässt sie auf den alten PVC-Belag aus den frühen Siebzigern fallen. Der Fußboden passt zu der unmodernen und heruntergekommenen Etagenwohnung. Rita Lothe ist im Bett wesentlich experimentierfreudiger als bei der Wohnungsgestaltung, um es mal so zu sagen.
Während sie mir und sich mit geübten Handgriffen die Kleidung vom Leib reißt, lasse ich den Blick durch die Wohnung schweifen. Merke mir Einzelheiten. Ein alter, gut gefüllter Barschrank aus nachgedunkelter Kiefer neben dem Ecksofa. Ein Laptop balanciert auf der Armlehne eines ramponierten Lehnstuhls in schwarzem Leder. Ob der Computer passwortgeschützt ist, weiß ich noch nicht. Ich halte Ausschau nach ihrem Mobiltelefon. Es ist absolut entscheidend, dass ich es im Laufe der Nacht finde. Ihre Atemfrequenz ändert sich. Sie ist scharf. Ich lasse sie an ihren eigenen Knöpfen weiterfummeln, während ich die Tür und den Balkon musterte. Groß genug, stelle ich fest, als sie zufrieden seufzt und sich ihre Lippen um meinen Schwanz schließen.
Ich habe heftige Kopfschmerzen, als wir zwanzig Minuten später wieder zu Atem kommen. Ich massiere die schmerzende Stelle hinter dem linken Ohr und merke, dass es dadurch nur schlimmer wird. Es fühlt sich an wie kleine Zuckungen entlang der Nervenbahnen, wie rhythmische Stöße, und ich habe einen metallischen Geschmack auf der Zunge.
Ich weiß, was mich erwartet. Weiß es schon lange. Glioblastoma multiforme … Hört sich das nicht schön an? Als wäre es eine tropische Blume in einem Botaniklexikon?
Manche werden behaupten, der Tod sei schön. Im alten Griechenland stellte man sich den Tod als einen hübschen, attraktiven Jüngling vor, und auf Grabsteinen wurde er als sanfter und guter Schutzgott mit gesenkter Fackel und einem Kranz in der Hand dargestellt. Ich kann all das Schöne widerlegen. Der Tod ist einsam, dunkel und grausam. Manchmal auch schmerzhaft. Wie bei mir. Glioblastoma multiforme, oder bösartiger Hirntumor, wenn man so will, ist nicht zu empfehlen, falls man zu den Leuten gehört, die bei den ersten Anzeichen eines Katers drei Aspirin schlucken.
Jede Stunde, die ich wach bin, schreit er von seiner Brutstätte hinter dem linken Ohr nach meiner Aufmerksamkeit. Ich weiß, dass er da ist und was er macht. Noch habe ich Zeit. Mehrere Wochen, vielleicht sogar Monate, wenn das Schicksal es will.
Rita kommt aus dem Bad. Frisch geduscht und aufgetakelt. Was soll das? Ein Hauch von Jasmin streicht an meinen Nasenlöchern vorbei. Sie setzt sich neben mich. Hebt das Rotweinglas und trinkt gierig. Ich gieße meinen Wein in einen Blumentopf, jedes Mal, wenn sie aus dem Zimmer geht oder abgelenkt ist.
Ich hole meinen Rucksack aus dem Flur. Öffne ihn und ziehe eine Flasche mitgebrachten Rotwein heraus. Rita zwitschert vergnügt auf dem Sofa. Ich entkorke ihn und stelle ihn neben ihr Glas. Dort wird er kaum Zeit haben zu atmen, bevor die Flasche leer ist. Ich nehme mir ein Glas und schenke mir einen Cognac aus dem Barschrank ein. Renault Carte Noir – VSOP. Ihre Geschmacksknospen müssen schon lange tot sein, denke ich, während ich die goldbraune Flüssigkeit in der Mundhöhle kreisen lasse. Sie schmeckt muffig. Insofern passend zur Umgebung.
Benzodiazepine gibt es in vielerlei Form, und mehrere davon lösen sich in Wasser oder anderen Flüssigkeiten leicht auf. Der Nachteil ist, dass die meisten einen bitteren Nachgeschmack haben, der sich schwer vertuschen lässt. Vier Schlaftabletten in einer Flasche Rotwein geben dem Wein eine ziemlich ungünstige Note im Abgang. Falls man nicht bereits so viel getrunken hat, dass einem alles Mögliche durch die Kehle rutscht, wohlgemerkt. Rita legt nicht das geringste Unbehagen an den Tag, während sie trinkt, wie es ihre Art ist. Immer größere Schlucke, immer öfter wird nachgeschenkt. Ich merke, wie sich Ruhe in mir ausbreitet. Das ist der einzige schiefe Ton in der Partitur – der Nachgeschmack. Nun heißt es nur noch warten.
Ihr Blick ist jetzt verschleiert. Sie schnieft, gähnt und röchelt. Der Plan ist ein Meisterwerk. Mein Requiem aeternam. Die Komposition liegt säuberlich kategorisiert in sechs Reihen zu Hause auf dem Arbeitstisch. Sechs Namen. Sechs Todesurteile. Sechs Sätze.
Alles muss ganz genauso sein wie beschrieben. Es ist ein Zauberspiegel. Ein Schritt zur Seite, und die Illusion verschwindet. Wenn ich nur eine Kleinigkeit vergesse, ist das Spiel aus.
Ich blicke hoch zum trüben Licht des Kronleuchters. Die Ecken in Ritas Etagenwohnung haben sich ins Halbdunkel verkrochen. Das Sinnbild meines Lebens. Ich war im Raum, aber das Licht erreichte mich nie. Ein Leben, aus dem beinahe etwas Großes geworden wäre. Ich habe beschlossen, nun aus den Schatten herauszutreten. Der Gedanke erfüllt mich mit Freude. Dass ich es allen zeigen werde. Die Vollendung des Meisterwerks, wie der letzte Satz in einer von Mahlers Symphonien.
Ich bin der Maestro. Ich blicke auf meine Hände. Sie zittern nicht.
Rita ist mitten in ihrem Confutatis maledictis, ohne es selbst zu wissen. Es amüsiert mich, dass sie fünfzig Zentimeter von mir entfernt liegt, mit einem seligen Lächeln auf den Lippen. Sie ahnt nicht, dass ihre Zeit abläuft.
In einem kurzen Moment ungeschminkter Selbsterkenntnis sehe ich mich so, wie ich wirklich bin. Der Flügelschlag einer Krähe. Ich muss daran glauben. Ich bin das Meisterwerk. Der Zufall hat es so gefügt. Ich hatte eine Offenbarung. Ich bekam die Chance, mein eigenes Requiem zu komponieren.
Behutsam schließe ich die Augen der schlafenden Sünderin neben mir und tränke die Mullbinde mit der glasklaren Flüssigkeit aus der Flasche auf dem Tisch. Ich drücke ihr die Binde auf Nase und Mund. Sie wimmert und wacht beinahe auf. Ich zähle die Sekunden, und nach und nach versinkt sie in Bewusstlosigkeit. Alle Schmerzen verschwinden. Ich bin rein.
Schmerz ist Schwäche, die den Körper verlässt, denke ich zufrieden und schließe die letzte Tür zu dem Leben, das einmal meins war.
Fjellvegen, Haugesund Dienstagmorgen, 14. Oktober 2014
Der Nebel hing über der Stadt am Karmsund und wälzte sich genüsslich auf dem Rücken. Herbst lag in der Luft. Seenebel. Ein nasskalter Teppich, der einem langsam die Lebenskraft austrieb. Als die 08.20-Uhr-Maschine aus Oslo durch die Wolkendecke über den Hochhäusern stieß, konnten die Passagiere gerade eben die obersten Stockwerke erkennen und etwas, das unten auf der Erde blau und rot blinkte.
»Sag mal, Lotte, warum müssen immer gleich mehrere Polizisten geschickt werden, wenn wieder irgendein depressiver Spinner die Abkürzung nimmt, um seine Probleme zu lösen?«
Oberkommissarin Lotte Skeisvoll von der Polizeistation Haugesund sah den blutjungen Polizeimeister, der neben ihr im Auto saß, konsterniert an. Sie waren auf dem Weg zu den Hochhäusern am Fjellvegen. Eine Streifenwagenbesatzung hatte Verstärkung angefordert.
Christian Hauge umklammerte das Steuer. Die Art, wie er fuhr, passte nicht recht zu seiner Meinung über den Einsatz. Der Junge jagte mit Blaulicht und Sirene durch den Verkehrskreisel vor Haugesunds Avis. Ein kleiner schwarzer E-Golf blieb erschrocken halb in der Mittelrabatte stehen. Lotte verkniff sich ein Lächeln.
Der Einsatz galt einem verdächtigen Todesfall. Obwohl, verdächtig war er vielleicht nicht. Eine Frau war allem Anschein nach vom Balkon gesprungen und hatte ihr Leben auf dem Asphaltstreifen zwischen Block und Grünfläche beendet, aber ein Todesfall wurde immer als verdächtig eingestuft, bis man zu dem Schluss kam, dass es sich entweder um eine natürliche Todesursache oder um eine Selbsttötung handelte.
Der Junge fuhr etwas gemäßigter, nachdem sie den Spannavegen passiert hatten und der Verkehr dünner wurde. Lotte legte den Kopf schräg und rückte das Polizeifunkgerät in seiner Halterung am Armaturenbrett zurecht. Es war nicht in einer Linie mit dem Autoradio, und solche Details nervten sie.
»Ist es wirklich notwendig, mehr als einen Streifenwagen zu schicken?« Hauge warf ihr rasch einen fragenden Blick zu und konzentrierte sich wieder auf die Straße.
»Und wenn sich herausstellt, dass das Opfer die Tat nicht selbst begangen hat?«, fragte Lotte zurück.
»Na, dann kann die Streife ja immer noch auf dem Revier anrufen und den Rest des Teams anfordern. Das würde eine Menge Geld sparen.«
»Genau«, antwortete sie.
Das eine kleine Wort triefte von Sarkasmus. Lotte ging in Gedanken noch einmal die Einsatzroutine durch. Prägte sich alle Details ein, an die sie denken musste, wenn sie bei den grauweißen Kolossen angekommen waren, die seit ihrer Fertigstellung 1969 über die Heringsstadt wachten. Ein historisches Denkmal an eine Zeit, als jede Stadt, die etwas auf sich hielt, Wohnblocks baute.
Dreißig war kein Alter für eine Oberkommissarin und Ermittlerin bei der Polizei. Sie hatte die richtigen Lehrgänge absolviert. Trotzdem erschien es ihr wie eine Ewigkeit, bis sich für sie eine Möglichkeit ergab.
Christian Hauge hielt auf dem Parkplatz vor den Hochhäusern. Die Frau sollte auf der Vorderseite des nördlichen Blocks liegen. Als Lotte die Autotür öffnete, hörte sie Stimmen. Eine Menschenmenge hatte sich versammelt. Sie hoffte im Stillen, dass die Streifenpolizisten geistesgegenwärtig genug gewesen waren, das Gelände um die Frauenleiche abzusperren, und dass sie ein bisschen mehr Professionalität besaßen als ihr junger Polizeikollege. Ihre Erleichterung war groß, als sie sah, wie der Dienstälteste der Polizeistation um die Ecke bog und auf sie zukam. Lars Stople war sein Leben lang Polizist gewesen und hätte zweifellos einen höheren Dienstrang bekleiden können, wenn er ein nennenswertes Interesse daran gehabt hätte. Ein kluger, besonnener und ausgeglichener Kollege, der nie aufbrauste. Sein Hauptaufgabenbereich war die präventive Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen der Stadt, aber er hatte auf eigenen Wunsch den Streifendienst als Teil seiner Arbeit behalten. Er strich sich das glatt gekämmte graue Haar zurück und wandte sich an Lotte.
»Hallo, Lotte. Wir haben abgesperrt und in der Ecke dort drüben mit den ersten Zeugenbefragungen begonnen.«
Lars Stople nickte zu einer kleinen Plattform hinüber, die sich zwischen den Garagen und einer weißen Trafostation befand. Eine Handvoll Schaulustiger hatte sich versammelt und reckte die Hälse wie eine Gruppe Giraffen, die neugierig die Zoobesucher betrachten.
»Die meisten sind erst gekommen, als sich das Gerücht verbreitete, aber es sind auch ein paar darunter, mit denen wir uns ein bisschen eingehender unterhalten müssen«, sagte er.
Sie bemerkte, dass Stoples Partner, Knut Veldetun, mit einigen von ihnen sprach.
»Spurensicherung?« Lotte sah Lars fragend an.
»Weiß nicht. Ich nehme an, sie sind unterwegs. Jedenfalls habe ich sie angefordert. Ich denke, außer mir und den beiden Rettungssanitätern, die das Opfer untersucht haben, war keiner innerhalb der Absperrung.«
»Wissen wir, wer sie ist?«
Lars Stople blickte auf seinen Notizblock, schüttelte leicht den Kopf und räusperte sich. »Nicht genau. Einer der Nachbarn meint, dass die Frau in 7B gewohnt hat, und wenn das stimmt, müsste es sich um die 57-jährige Rita Lothe handeln, aber das haben wir noch nicht überprüft. Es erschien uns wichtiger, die Leute von der Stelle fernzuhalten, wo sie liegt.«
»Okay. Gute Arbeit, Lars. Bringst du uns hin?«
Stople ließ sie unter dem Flatterband durch und ging mit ihr um die Ecke zur Vorderseite des Blocks.
»Die Frau wurde von der Mieterin einer der Erdgeschosswohnungen entdeckt, als sie auf die Terrasse ging, um eine zu rauchen«, erzählte Stople. »Das war vor etwas über einer halben Stunde. Knut und ich waren zehn Minuten später vor Ort.«
Lotte blickte auf ihr Handy und stellte fest, dass Stoples Angaben hinkamen. Der Notruf war um 08.05 Uhr eingegangen. Jetzt war es fast 08.45 Uhr.
Dass man die Frau nicht früher entdeckt hatte, war angesichts der herbstlichen Dunkelheit und des Nebels kein Wunder. Sie zog ihren roten Notizblock aus der Uniformjacke. Mit säuberlicher Schrift notierte sie Uhrzeiten und Ereignisse in getrennten Spalten, dann drehte sie den Block um und schrieb »Fragen an die Spurensicherung« über die Tabelle, die sie auf dem letzten Blatt skizzierte. Fakten auf die erste Seite. Offene Fragen auf die letzte. So gehörte es sich. Eine einzige Frage fand den Weg aufs Papier:
Todeszeitpunkt?
Die Frau lag in grotesk verdrehter Stellung da, und selbst auf die Entfernung konnte Lotte sehen, dass der Körper schwere Verletzungen aufwies. Die Tote trug ein mintgrünes Kleid, dünne hautfarbene Strumpfhosen und schwarze Stilettostiefel. Das Gesicht war bis zur Unkenntlichkeit zerstört. An einer Stelle lag um den Schädel eine klebrige braungraue Masse, und aus dem Unterkiefer ragten rote Knochensplitter. Zähne, die beim Aufprall auf den Asphalt herausgebrochen waren, lagen um die zerschmetterte Mundpartie herum. Lotte spürte die Übelkeit wie ein Schlagloch im Magen.
»Also … Was meinst du? Mord oder Selbstmord?« Sie blickte den jungen Polizisten an.
Christian Hauge wand sich. »Äh … Hast du im Auto nicht gesagt, es war Selbstmord?«
Sie bemerkte zufrieden, dass er rot anlief.
»Nein, das habe ich nicht. Ich habe gesagt, es ist ein v. T. Die Theorie vom Selbstmord hast du dir schön selbst ausgedacht. Wir tun jetzt mal so, als wärst du der einzige Polizist am Fundort. Mord oder Selbstmord?«
Hauge sah zu Lars Stople, bekam von dem alten Fuchs aber nur ein Schulterzucken als Antwort.
»Es war entweder ein Unfall oder Mord«, sagte er und blickte Lotte mit selbstsicherer Miene an.
»Aha, und warum?«
»Ihr Schädel ist zertrümmert, also muss sie flach oder mit dem Kopf voran aufgeprallt sein. Leute, die aus dem Fenster oder vom Balkon springen, landen in neunundneunzig Prozent aller Fälle auf den Beinen. Wenn sie gesprungen wäre, hätte sie schwere Verletzungen an Beinen, Hüftpfanne und Becken. Hier sind aber der Kopf und die Schulterpartie zertrümmert.«
Lotte sah den Jungpolizisten an und konnte ihre Überraschung nicht verbergen.
»Sieh mal einer an … Nicht schlecht. Nun ist es zwar nicht ganz so, wie du sagst, denn bei einem Sturz aus dieser Höhe brechen die Beine immer, aber hier sind die Schäden am Oberkörper so gravierend, dass ich zu derselben Ansicht neige wie du.«
Irritiert blickte sie zu Lars Stople, der offenbar Mühe hatte, ernst zu bleiben.
Lotte wusste, dass sie es verdient hatte, vorgeführt zu werden. Der Junge hatte tatsächlich recht. Sie blickte zum Balkon im sechsten Stock. Wegen des Nebels konnte sie gerade eben noch die Konturen erahnen, aber das Geländer war so hoch, dass schon eine Menge zusammenkommen musste, damit man aus Versehen hinunterfiel.
Lotte zog sich in ein Vakuum tief in ihrem Bewusstsein zurück. Ein imaginierter Raum, frei von jeglichen Gefühlen. Blaue nackte Wände. Volles Tageslicht, aber keine Fenster. Das war eine Technik, die sie von ihrem Mentor auf der Polizeihochschule gelernt hatte. In diesem Raum konnte sie sich ausschließlich auf die Details konzentrieren. Dort machte es ihr wenig aus, zerschmetterte Gesichter zu sehen, klebrige Hirnmasse oder malträtierte Körperteile. In diesem Raum konnte sie misshandelte Kinder, wurmzerfressene Leichen und fette Fliegenlarven betrachten, die in und aus Körperöffnungen krochen.
Sie beugte sich über das zertrümmerte Gesicht der Toten. Es war so zerstört, dass man die Frau anhand ihrer Gesichtszüge allein nicht identifizieren konnte. Ein Auge war aus der Augenhöhle gesprungen und baumelte an ein paar Sehnen, das andere war geschlossen. Die Frau ging auf die sechzig zu, also konnte siebenundfünfzig durchaus hinkommen. Sie hatte kurze mahagonirote Haare, Lotte konnte Reste von Haarfarbe an den Haarwurzeln erkennen. Sie war geschminkt, und die Kleidung deutete darauf hin, dass sie ausgehen wollte.
Manche brezeln sich ja auf, damit sie eine schöne Leiche abgeben, aber die wenigsten von denen springen von Hochhäusern, dachte sie trocken.
Lotte stutzte, als sie einen süßlich-penetranten Geruch wahrnahm, und führte ihre Nase ganz dicht an die eine Wange.
»Das ist Äther.«
Lars Stople murmelte die Worte nur, aber Lotte verstand sie trotzdem. Sie runzelte die Stirn und blickte den alten Polizisten skeptisch an.
»Ja, ein mit Äther getränkter Lappen haut einen Menschen innerhalb von Sekunden um. Der Geruch ist sehr leicht zu erkennen, und er hält sich eine Weile post mortem. Der Äther selbst verdampft sofort, aber die Duftpartikel setzen sich auf der Haut fest und bleiben lange haften.«
Lotte nickte nachdenklich. Die Frau musste also narkotisiert gewesen sein, als ihr jemand übers Geländer half.
Wieder blickte sie an dem Wohnblock hinauf. Wer macht so was?, dachte sie traurig. Der Mörder hatte offenbar kein Interesse daran gehabt, das Ganze als Selbstmord zu tarnen. Sonst hätte er keinen Äther benutzt.
Lars blickte bewusst an der Leiche vorbei. Anders als Lotte schaffte er es nicht, sie anzusehen.
»Ja, deshalb habe ich euch ja über den Todesfall alarmiert. Ich erkannte den Geruch von damals, als sie mir den Blinddarm rausgenommen haben. Früher wurde Äther als Narkosemittel benutzt.«
Lotte richtete sich auf, drehte sich zu den anderen Polizisten um, die um sie herumstanden, und gab Befehle.
»Keiner darf durch diese Absperrung, außer den Kriminaltechnikern natürlich, wenn sie kommen. Von jetzt an ist das ein Tatort. Zieht auch noch eine äußere Absperrung von der Hauptstraße und um die Blocks herum. Ihr fangt jetzt sofort damit an, die Zeugen zu befragen. Knut, du übernimmst die Verantwortung dafür, da du ja schon damit begonnen hast. Nimm meinen jungen Kollegen hier mit.«
Anschließend wandte sie sich an Lars: »Du bringst in Erfahrung, ob das die Frau ist, die in 7B wohnt. Treib den Hausmeister auf und lass dir den Hauptschlüssel geben, falls die Wohnung abgeschlossen ist.« Lotte holte das Handy heraus, das in ihrer Jackentasche vibrierte. Warf einen Blick aufs Display und wusste, dass sie rangehen musste, auch wenn sie sich am Tatort eines vermutlichen Mordes befand. Sie ging ein paar Schritte beiseite und meldete sich kurz angebunden.
»Anne, was ist? Ich bin mitten in einer sehr ernsten Sache.«
Lotte konnte hören, wie ihre fünf Jahre jüngere Schwester am anderen Ende schwer atmete. Ihre Stimme klang schleppend, als sei die Kommunikation zwischen Gehirn und Stimmbändern verzögert. Wie üblich.
»Echt jetzt …? Scheiße, nie hast du Zeit für mich. Ist das, was ich durchmache, etwa nicht ernst genug? Deine verdammten Bullenkumpels haben mich eingebuchtet, wieder mal!«
Lotte merkte, wie der schwere Nebel unter ihre Uniformjacke kroch, und fröstelte. Allmählich wurde sie ärgerlich, aber es gelang ihr, sich zu beherrschen. Ihre Schwester hatte niemanden mehr außer ihr, seit ihre Eltern bei dem schrecklichen Zugunglück von Åsta ums Leben gekommen waren. Jeden Tag rief sie an. Jeden Tag mit anderen Problemen oder einfach nur, um Lotte zu beschimpfen.
Immer wieder hatte Lotte die Kollegen auf dem Revier gebeten, ein bisschen feinfühliger zu sein, wenn sie Anne festnehmen mussten, aber anscheinend scherten sie sich nicht mehr darum. Anne war Fixerin, und sie wurde nicht mit Samthandschuhen angefasst, trotz der Familienverhältnisse.
»Weswegen?«, fragte Lotte, obwohl sie die Antwort genau kannte.
»Wegen nix! Die haben verdammt noch mal nichts gegen mich in der Hand. Ich hab nichts gemacht, und die paar Gramm, die ich bei mir hatte, waren für mich selbst. Der verfickte Pissbulle kann ja nicht mal richtig wiegen.«
»Wie viel, Anne?«
»Drauf geschissen! Du glaubst mir doch sowieso nicht, du auch nicht. Vergiss es«, brüllte sie und legte auf.
Das saß. Lotte stand da mit klopfendem Herzen. Wusste, dass sie es nicht ernst nehmen sollte, dass es die Drogen und der Entzug waren, die aus ihren Worten sprachen, aber sie kamen von Anne. Ihr Mund war es, der diese Worte ausgesprochen hatte. Ihre kleine Schwester, die sie so unendlich lieb hatte. Die Worte setzten sich an der Innenseite ihrer Herzkammern fest und gaben ihr das Gefühl, versagt zu haben. Ihr Blick fiel auf die Frau, die vor dem Hochhaus lag, und sie schloss die Tür zu dem schlechten Gewissen.
Sie musste sehen, was sie für Anne tun konnte, wenn sie wieder auf dem Revier war. Bis dahin war es eine andere Frau, die ihre volle Aufmerksamkeit forderte. Eine tote.
Medienhaus Haugesunds Avis Dienstagmorgen, 14. Oktober 2014
Ranveig Børve hatte gerade eine Unterhaltung mit Viljar drüben an seinem Arbeitsplatz beendet und war auf dem Weg zu ihrem Schreibtisch, als sie merkte, dass jemand ihr am Rock zupfte.
»Na, wie geht’s dem Drachen?«, fragte Henrik Thomsen süffisant, als Ranveig sich umdrehte. Thomsen, der unter dem Beinamen »der Schlachter« lief, hatte einen Riecher für Vorfälle, die ihm die Gelegenheit gaben, auf Leuten herumzuhacken. Meistens hing er bei einer dieser Tussis aus der Marketingabteilung herum, die in die Redaktionsetage umgezogen war, und baggerte. Jetzt streckte er seinen zwei Meter langen Körper und drängte sich unangenehm dicht an Ranveig, die schnell einen Schritt zurücktrat.
»Drachen?«
»Ja, du weißt schon … der Isländer da drüben. Griesgrämig, angriffslustig, qualmt aus dem Maul, all das.«
Thomsen grinste dümmlich in die Runde. Bei niemandem schien sein Witz angekommen zu sein.
Ranveig musterte ihn von oben bis unten.
»Ach … Und weil du selbst so viele Spottnamen hast, fängst du jetzt an, welche an deine Kollegen zu verteilen?«
Sie wartete die Antwort nicht ab, sondern drehte sich auf dem Absatz um und ging zu ihrem Arbeitsplatz.
»Was bist du zickig heute«, rief Henrik ihr nach. »Hast du deine Tage, oder was?«
Ranveig blieb stehen, drehte sich um und zeigte ihm den Mittelfinger, ehe sie in den Konferenzraum Ingressen ging, der wie eine Insel im Großraumbüro lag. Ein kleiner separater Raum, der trotz seiner wandhohen Fenster an der Nord- und Südseite klaustrophobisch wirkte. Er war spartanisch und modern möbliert, mit einem schmächtigen Plastiktisch und wackligen hellgrünen Barhockern. Nicht für Komfort entworfen, sondern für blitzschnelle, konstruktive Besprechungen, bei denen jeder danach gierte, sie möglichst schnell hinter sich zu bringen.
***
Die Szene zwischen Thomsen und Ranveig war Viljar nicht entgangen. Er grinste vor sich hin, aber er fühlte sich elend. Jeder Tag war eine zähfließende, endlose Masse, in der er ständig wassertreten musste, um den Kopf oben zu behalten. Tagein, tagaus. Keine Variation, keine Inspiration, keine unerwarteten Höhepunkte.
Seine Psychologin, Vigdis Nygård, hätte ihn am liebsten sofort krankgeschrieben, aber er erlaubte es nicht. Die Arbeit war das Einzige, was ihn aufrecht hielt.
»Du hast keine Freude an dem, was du tust«, hatte sie das letzte Mal gesagt, als sie im Café Espresso in der Haraldsgata einen Caffè Latte zusammen getrunken hatten. »Du bist uninspiriert, ausgebrannt, und du kannst deine Kollegen nicht leiden. Dein Chef ist kein Fan von dir, und deine Artikel sind so trocken und langweilig, dass sie keiner mehr liest. Bist du sicher, dass der Job das Richtige für dich ist?«
Nachdem sie das Café verlassen hatte, um mit Mann und Kind ihre Samstagseinkäufe zu machen, hatte Viljar noch eine ganze Stunde dagesessen und auf die Menschenmassen in der Fußgängerzone gestarrt. Er konnte nicht gut damit umgehen, wenn ihm jemand solch einen Stempel aufdrückte. Gleichzeitig wusste er, dass sie recht hatte.
Der Arbeitstag kroch im Schneckentempo dahin, und Viljar verwandelte eine gute Sache nach der anderen in kleine Textnotizen. Draußen vor dem Fenster war immer noch keine Inspiration zu finden.
Dichter Scheißnebel hatte den strömenden Regen von gestern abgelöst. Viljar machte den Rücken gerade und versuchte, sich auf den Text zu konzentrieren. Ein paar Sekunden später kam die Rettung. Chefredakteur Johan Øveraas stand mitten im Großraumbüro mit dem Handy am Ohr und gestikulierte. Er beendete das Telefonat und zeigte auf Viljar.
»Mach dich auf die Socken, Gudmundsson, du musst raus. Wir haben einen Tipp gekriegt.«
»Klar. Worum geht’s?« Er war froh, die öde Arbeit hinter sich lassen zu können.
»Fahr zu den Hochhäusern. Die Polizei ist schon da. Anscheinend ist eine Frau vom Balkon gesprungen.« Øveraas war ganz aus dem Häuschen. Seine Speckringe schwabbelten, während er von einem Fuß auf den anderen trat.
»Scheiße, Øveraas. Du weißt, dass ich solche Todesfälle hasse. Das habe ich dir beim Mitarbeitergespräch gesagt. Ich schreib über so was nicht.« Herausfordernd sah er seinen Chef an.
Øveraas trippelte nicht mehr. Er stellte sich breitbeinig hin und nahm innerlich Anlauf: »Du bewegst deinen verdammten arroganten Arsch gefälligst sofort zu diesen Hochhäusern! Du schreibst über das, was ich dir sage, verstanden? Es ist Jahre her, dass du in diesem Laden machen konntest, was du wolltest! Dein Job hier hängt an einem seidenen Faden, darauf kannst du deine Eier verwetten, Gudmundsson! Komm mir bloß nicht komisch, du!« Er senkte die Stimme und fügte drohend hinzu: »Ich kann es kaum abwarten, dir eins reinzuwürgen! Bei der nächsten Vorstandssitzung steht Stellenabbau auf der Tagesordnung, nur damit du es weißt!«
Øveraas schlug mit der Hand gegen die Wand einer leeren Zelle und brüllte in Richtung der Köpfe, die sich neugierig über die Trennwände reckten: »Habt ihr nichts zu tun? An die Arbeit!«
Die Köpfe verschwanden ebenso schnell wieder in der Versenkung, wie sie erschienen waren. Nur Thomsen war aufgestanden und verfolgte die Szene weiter.
Viljar wusste, dass er nicht mehr besonders beliebt bei Øveraas war. Das beruhte auf Gegenseitigkeit, aber er hatte nie daran gedacht, dass es ihn tatsächlich den Job kosten konnte. Er zog den grauen Trenchcoat an, der über dem Stuhl lag, steckte Notizblock und Handy ein und schlurfte mit gesenktem Kopf aus dem Büro. Im Moment war die dicke Suppe draußen vorzuziehen.
Henrik Thomsen kam ihm im Flur entgegen. »Warst du das, den Sauron runtergeputzt hat?« Er grinste unter seinem dicken Truckerbart.
Abrupt blieb Viljar stehen, stellte sich auf die Zehenspitzen und führte den Mund so dicht an das Gesicht des langen Kollegen, wie er nur konnte, ohne ihm einen Zungenkuss zu geben.
»Warum gehst du nicht einfach wieder in dein Kabuff und holst dir einen am Bildschirm runter, wo die Webseiten immer verschwinden wie Tau in der Sonne, wenn jemand vorbeigeht?«
Henrik Thomsen wich zurück. Ohne weitere Anzüglichkeiten ließ er Viljar passieren.
Vier Jahre früher … Ådland Bethaus, Karmøy Montag, 16. August 2010
»ABRAHAM« stand mit leuchtenden Goldbuchstaben vor blauem Hintergrund auf dem Banner, das an der Stirnseite des Gemeindesaals im Bethaus Ådland hing. Jonas Ferkingstad blickte zu seinem Vater hinauf, der dabei war, das Banner zu befestigen. Vor den wöchentlichen Betstunden wurde es aufgehängt und danach wieder abgenommen.
Der Name der Glaubensgemeinde war kein Zufall. Sie wollten zurück zu den Wurzeln. Ein direktes Band zwischen Gott und den Menschen. Die Gemeindemitglieder gelobten Treue zum Wort, so wie es geschrieben stand, und sie teilten die Ansicht, dass andere Gemeinden sich von einer sündigen Weltgemeinschaft säkularisieren ließen. Gottes Wort wurde der Welt draußen angepasst. Das durfte nicht sein.
Jonas hätte das Kruzifix an der Wand am liebsten angespuckt, aber er traute sich nicht. Nicht wenn der Vater dabei war. Er fühlte sich eingesperrt. Zu Hause verschwanden die Bücher. Nur die Bibel blieb. Nackte Wände mit einem Kruzifix oder Relief, mehr gab es nicht in seinem Elternhaus. Die Eltern verschwanden in der Stille.
Er hatte mit dem Fußballspielen aufgehört und die Uniform des Spielmannszugs seiner Schule in den Schrank gehängt. Nicht weil er musste, sondern weil es ständig Diskussionen darüber gab. Leise, beherrschte Diskussionen, bei denen er immer den Kürzeren zog. Denn was konnte wohl bedeutungsvoller und nobler sein, als sein Leben dem Herrn zu weihen? Dieses Argument unterstrich der Vater jedes Mal, indem er darauf hinwies, dass er selbst seine Stellung als Büroleiter bei Gericht um siebzig Prozent reduziert hatte, nur um dem Herrn und der Heiligen Schrift dienen zu können.
Jonas überließ seinen Vater sich selbst. Er trat auf die Treppe hinaus und trank gierig den Geschmack des Vestlandsommers. Es regnete, und er wurde nass, aber das kümmerte ihn nicht. Der Regen verbarg die verräterischen Tränen, die ihm immer öfter kamen, wenn er an solchen Betstunden teilnehmen musste. Am Anfang hatte er es noch geschafft, das Übel auszublenden. So zu tun, als sei das, was mit ihm passierte, nur Einbildung. Eine andere Wirklichkeit. Das ging nicht mehr, er konnte sich nicht länger verstecken. Die Wahrheit brach sich Bahn.
Er freute sich aufs Wochenende. Die Mitgliedschaft bei der Jugendorganisation der Zentrumspartei war seine Zuflucht. Hier konnte er seine Zeit mit anderen Dingen verbringen als der unermüdlichen Wanderung durch die alttestamentarischen Schriften der Bibel. An mehreren Abenden in der Woche durfte er an Treffen teilnehmen, und an den Wochenenden gab es Seminare, Kurse und diverse andere Veranstaltungen in der Umgebung. Das waren seine kleinen Fluchten. Bruchteile von Zeit, in denen er ganz er selbst sein konnte.
Seit dem Moment im letzten Jahr, als Jonas den ein Jahr älteren Fredric Karjoli am Eingang des Klubhauses der Zentrumsjugend entdeckt hatte, stand die Wahrheit unverrückbar fest. Tief in seinem Inneren hatte er das gewusst. Aber er hatte immer geglaubt, Gott werde Gnade walten lassen und ihn auf den rechten Weg führen. Manchmal konnte er Gottes ironisches Gelächter beinahe durch den kleinen Saal dröhnen hören.
Jonas wischte sich wieder den Regen und die Tränen aus dem Gesicht. Er blickte über die graue windgepeitschte Landschaft, während er an das alte jiddische Sprichwort dachte, das der Vater so oft im Munde führte. Langsam, als wäre er ein Greis, erhob er sich von den Treppenstufen und ging zum Kreuz unter dem Giebel des Bethauses.
»Es ist so, Papa …«
Der Mensch denkt, und Gott lacht.
Fjellvegen, Haugesund Dienstagvormittag, 14. Oktober 2014
Viljar stand an der Polizeiabsperrung, vor der sich die halbe Stadt versammelt zu haben schien. In der Menge entdeckte er Øystein Vindheim, einen der wenigen Freunde, die er nach den Problemen der letzten Jahre noch hatte. Ein langer, schlaksiger Kerl mit Hühnerbrust und Lahlum-Brille. Die Freundschaft war sehr sporadisch, und zwischen den Treffen konnte viel Zeit vergehen.
»Weißt du, was hier passiert ist?«
Øystein schüttelte leicht den Kopf, rückte die Brille zurecht und beugte sich zu Viljars Ohr hinunter.
»Ich arbeite zwar in der Bibliothek, aber deswegen weiß ich noch lange nicht alles, verstehst du.«
Øystein grinste verhalten und klopfte dem Freund auf die Schulter. Viljar ließ die Bemerkung unkommentiert durchgehen und konzentrierte sich auf das, was direkt vor seinen Augen passierte. Man musste kein Ermittler oder Bibliothekar sein, um zu begreifen, dass jemand von einem Hochhausbalkon gefallen war.
Die Übelkeit schraubte sich in die oberste Magenecke, als er sah, wie sich die Kriminaltechniker in den weißen Tatortanzügen über die Leiche beugten. So war es jedes Mal. Es rief unangenehme Erinnerungen an den Dienstag hervor, an dem sich alles veränderte. Die Jonas-Sache … Sein persönlicher Black Tuesday.
