Totenfest - Geir Tangen - E-Book
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Totenfest E-Book

Geir Tangen

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Beschreibung

Der Journalist Viljar Gudmundsson und die Polizeiermittlerin Lotte Skeisvoll kämpfen noch mit den dramatischen Folgen ihres letzten Falls, als ein weiterer Mord die norwegische Stadt Haugesund erschüttert: Ein junges Mädchen wird nach einer Party erstickt im Haus der Gastgeber aufgefunden. Tatverdächtiger Nummer eins ist ausgerechnet Viljars eigener Sohn. Der 17-Jährige ist am Morgen nach der Party neben seiner Freundin aufgewacht, konnte aber nur noch ihren Tod feststellen. Und fatalerweise kann Alex sich nicht an die Ereignisse der vorherigen Nacht erinnern ...

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Seitenzahl: 617

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Buch

Es ist Sonntagmorgen, als der 17-jährige Alexander nach einer Party im norwegischen Haugesund aufwacht, neben ihm seine Freundin Emilie. Doch Emilie atmet nicht mehr. Unter schwerem Schock stürzt Alex aus dem Haus und versucht mit dem nagelneuen Auto seines Vaters, des bekannten Journalisten Viljar Gudmundsson, zu flüchten. Aber der Versuch misslingt, und Alex landet in Untersuchungshaft. Gemeinsam mit der Ermittlerin Lotte Skeisvoll muss Viljar nun alles tun, um Alex’ Unschuld zu beweisen …

Autor

Geir Tangen betreibt Norwegens größten Krimiblog, Bokbloggeir.com, auf dem er seit 2012 Thriller und Spannungsromane rezensiert. Er lebt im norwegischen Haugesund, wo ihm auch die Idee zu seiner Trilogie über die Polizeiermittlerin Lotte Skeisvoll und den Journalisten Viljar Ravn Gudmundsson kam.

Außerdem von Geir Tangen erschienen:

Seelenmesse. Thriller

(auch als E-Book erhältlich)

Geir Tangen

–––––––––––––

Totenfest

Thriller

Aus dem Norwegischen von Dagmar Lendt

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.
Die norwegische Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel »Hjerteknuser« bei Gyldendal Norsk Forlag.
Dieses Buch wurde mit finanzieller Unterstützung von NORLA übersetzt.
Deutsche Erstveröffentlichung Dezember 2018 Copyright © der Originalausgabe 2017 by Gyldendal Norsk Forlag AS Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2018 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München Umschlagmotiv: gettyimages/Sjo; FinePic®, München Redaktion: Friederike Arnold AG · Herstellung: ik Satz: Uhl + Massopust, Aalen ISBN: 978-3-641-20333-7V002
www.goldmann-verlag.de
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Meinem Sohn Daniel»Du bist mein Herzensbrecher …«

Haugaleite, Haugesund Sonntagmorgen, 1. März 2015

Alexander Hauge Gudmundsson versuchte, die Augen zu öffnen, schaffte es aber nur einen Spaltbreit. Es war Sonntag, der letzte Tag der Winterferien, und der gestrige Abend war mehr als feucht gewesen. Er lag in einem fremden Bett. Die Bettdecke war purer Luxus. Dick und fluffig. Wenn er sie knautschte und losließ, bauschte sie sich wieder auf. Der Raum war komplett weiß, bis auf die braunen Deckenbalken und einen braunen Kleiderschrank neben seinem Bett. Der war bestimmt nicht billig, dachte er. Alexander fror, und seine Nasenspitze fühlte sich eiskalt an, aber das Fenster war zu. Auf einem beigefarbenen Puff unter dem Fenster lagen ordentlich zusammengelegte Kleider. Nicht seine, sondern Mädchenkleider. Er ließ den Kopf zurück aufs Kissen sinken.

Shit! Hab ich mit einer gepennt?

Vorsichtig tastete er die andere Seite des Doppelbetts ab, nur um bestätigt zu finden, was er befürchtet hatte. Da lag jemand, ein Mädchen. Er zog die Hand zurück, um sie nicht zu wecken. Langsam versuchte er, sich auf die rechte Seite zu drehen, um zu sehen, wer es war. In seinem Kopf sprühten Funken, seine gesamte rechte Körperseite schmerzte. Unwillkürlich stöhnte er auf.

Mehrere Minuten lang lag er da und konzentrierte sich darauf, sich nicht zu übergeben. Jedes Mal, wenn er die Augen öffnete, kam es ihm so vor, als würde sich eine Vogelklaue in seine Hirnrinde krallen und zudrücken. Er war zwar erst siebzehn, aber nicht gerade unschuldig, und im Grunde konnte ihm egal sein, wer da lag. Das herauszufinden war die Schmerzen einfach nicht wert.

Er zog sich die Decke über den Kopf und versuchte, wieder einzuschlafen. Wünschte sich die Zeit zurück, als Sonntage angefüllt waren mit Barfußlaufen übers Parkett, schmuseweichen Pyjamahosen, Disney Channel und einer Legokiste auf dem Wohnzimmerfußboden, die darauf wartete, ausgekippt zu werden.

Alexander fand keine Ruhe. Es war zu still im Zimmer. Vorsichtig öffnete er erst ein Auge, dann das andere. Der Blick war verschwommen, aber nach und nach zeichnete sich die Kontur einer bekannten Gestalt neben ihm ab. Langes, schwarzes Haar fiel weich über die Wange der Schlafenden. Mehr brauchte er nicht zu sehen. Die dunkelbraune Haut und die fülligen Lippen verfolgten ihn seit Monaten in seinen Träumen.

Fuck! Da lande ich mit Emilie in der Kiste, und dann hab ich keine Erinnerung daran, was passiert ist?

Emilie hatte null Interesse an ihm gezeigt, seit er sie letzten Herbst auf einer Party getroffen hatte, jedenfalls ging es nicht über eine platonische Freundschaft hinaus. Sie redeten, chatteten und trafen sich regelmäßig, aber mehr war nie draus geworden. Das ärgerte ihn maßlos, denn Emilie war nicht gerade wählerisch. Und jetzt hatte er nicht die leiseste Ahnung, was sich letzte Nacht zwischen ihnen abgespielt hatte. Die Festplatte im Kopf war leer.

Das leise Unbehagen verstärkte sich immer mehr. Auf der Party war etwas vorgefallen. Irgendwas, das ihm Übelkeit verursachte. Ob es Erinnerungen waren oder nur schleichender Katzenjammer, wusste er nicht, aber er hatte ein vages Bild vor Augen, wie er im Wohnzimmer gebrüllt und getobt hatte. Wie er um sich geschlagen hatte, bis ihn jemand aus dem Verkehr zog.

Geräusche vom Flur vor dem Schlafzimmer unterbrachen seine Gedanken. Eine Mädchenstimme, die er sofort wiedererkannte. Das war Veronica. Also war er wohl immer noch in Haugaleite. Da hatte die Party stattgefunden. Ihre Eltern waren auf Kurzurlaub in Gdansk, und sie hatte das ganze Wochenende sturmfrei.

Eigentlich konnte er Emilie jetzt ebenso gut wecken. Er konnte nicht so tun, als wäre nichts passiert. Alexander drehte sich im Bett um und legte die Hand auf Emilies Wange. Sofort schnellte sein Herzschlag von Ruhepuls auf Maximalfrequenz. Es war, als würden seine Finger über eine Wachsfigur streichen. Die Haut war kalt und hart!

Er zog seine Hand zurück, rollte sich weg von ihr und landete krachend auf dem Fußboden. Er riss die Bettdecke herunter und rutschte auf dem Hintern rückwärts, die Decke fest an sich gepresst. Mit dem Rücken am braunen Kleiderschrank blieb er sitzen und schnappte nach Luft. Sein Hasenherz drohte ihm aus dem Brustkorb zu springen.

Das kann nicht sein! Das ist nicht wahr …

Nach einigem Zögern rappelte er sich auf und kniete sich vor Emilias Bettseite. Er packte sie und drehte sie zu sich um. Ein Schrei wollte aus seiner Kehle, aber er zwang ihn zurück. Er hatte das Gefühl, als würde er eine Schaufensterpuppe umdrehen. Arme und Beine blieben in ihrer Position und ragten unnatürlich abgewinkelt in die Luft. Ihre dunkelbraune Haut hatte einen gräulichen Ton angenommen, als sei sie von innen her eingestaubt, die Zunge war dick geschwollen und hing schlaff aus dem rechten Mundwinkel. Das Kinn war heruntergesackt. Der Arm, der unter ihrem Kopf gelegen hatte, stand im rechten Winkel ab und zeigte anklagend auf Alexander. Die gebrochenen Augen starrten durch ihn hindurch.

Smedasundet 98, Haugesund Sonntagmorgen, 1. März

Die Aussicht aus den Praxisfenstern von Psychologin Vigdis Nygaard war spektakulär. An diesem allerersten Frühlingstag konnte Journalist Viljar Ravn Gudmundsson ein Segelboot beobachten, das im Morgendunst durch den Sund zwischen Risøy und Hasseløy glitt. Entlang des Smedasunds konnte man Haugesunds Geschichte verfolgen. Ganz vorn die alte Heringsfabrik, vom Zahn der Zeit und von schweren Winterstürmen gezeichnet. Weiter hinten badete die blaue Aibel-Halle im Morgenlicht, deren Arbeiter sich der Ölindustrie in der Nordsee verschrieben hatten und auch jetzt, nachdem der Heringsboom vorbei war, für Wohlstand sorgten. Weit draußen, auf der anderen Seite des Sunds, lag Hasseløy mit seinen modernen Luxuswohnungen und Panoramablick aufs Meer.

Die Psychologin empfing sonntags keine Patienten, aber Viljar war eine Ausnahme. Er konnte sich nicht erinnern, wann Vigdis ihm seine Therapiesitzungen zuletzt in Rechnung gestellt hatte. Er hatte nie gefragt, aber er hegte den leisen Verdacht, dass sie ihn als ihren Schützling betrachtete. Einen, den sie vor der gefährlichen Welt beschützen und verteidigen musste.

Viljar begann die Gespräche immer mit dem Rücken zu Vigdis und dem Blick auf die Boote im Smedasund. Es fiel ihm leichter, zu der Welt dort draußen zu sprechen als zu ihr. Er griff sich einen der Parasiten heraus, die sich an seinem chronisch schlechten Gewissen mästeten, und holte ihn ans Licht.

»Ich hätte ihn aufhalten können, weißt du.«

Viljar sprach zum Fenster, spürte aber, dass Vigdis seine Worte mitbekommen hatte, denn er konnte hören, wie sie sich in ihrem schwarzen Lederstuhl anders hinsetzte.

»Du meinst …«

Vigdis hielt mitten im Satz inne. Sie hatten abgemacht, ihn nicht beim Namen zu nennen. Den Maestro, der vor einigen Monaten das friedliche kleine Haugesund in eine blutige Theaterbühne verwandelt hatte. Sieben Menschen hatte der Verbrecher abgeschlachtet, um sein Ego zu stärken und unsterblich zu werden. Viljar empfand eine gewisse Genugtuung, dass es dem Monstrum nicht mehr vergönnt gewesen war, den Erfolg seines Buches im Kielwasser der Serienmorde zu erleben, bevor der Hirntumor ihn auffraß. Maestro ist tot hatten die Schlagzeilen an den Zeitungskiosken am Heiligabend verkündet. Ein besseres Weihnachtsgeschenk gab es nicht.

»Ja. Ich hätte ihn aufhalten können.«

Vigdis räusperte sich, was sie nur tat, wenn ihr unbehaglich zumute war. Er hörte, dass sie aufstand und zu ihm kam, und dann spürte er eine warme Hand auf seiner Schulter.

»Das, was deiner Kollegin Ranveig zugestoßen ist … Du hättest nichts tun können, um sie zu retten. Und die Schwester von Lotte Skeisvoll … Du warst ja nicht einmal dort, als es passierte.«

Er drehte den Kopf und sah Vigdis an. Ein wehmütiges Lächeln huschte über ihr Gesicht. Er legte seine Hand auf ihre und drückte sie.

»Ja, ich weiß, ich hätte nicht verhindern können, dass er sie umbringt … Aber ich hätte dieses verdammte Buch verhindern können. Er hatte darum gebeten, mit mir zu reden, weißt du. Wollte sich erklären. Hätte ich ihn im Gefängnis besucht, hätte ich ihm klarmachen können, wie verrückt es ist, die Ereignisse als billige Unterhaltung zu vermarkten.«

Er blickte wieder auf den Smedasund hinaus. Das Segelboot, das er beobachtet hatte, verschwand hinter dem Neubau der Küstenbehörde. Es war jetzt grau und diesig draußen, und der Regen peitschte über den Kai. Wäre das Wetter in Haugesund ein Mensch, dann zweifellos ein Alkoholiker. Vielleicht ein Quartalssäufer, der immer mal wieder trocken war, aber dieser Zustand hielt nie lange an.

Vigdis seufzte. Sie hatte seine Einwände schon öfter gehört.

»Ich glaube, du irrst dich. Genau das war ja sein Motiv. Wäre das Buch nicht erschienen, wäre das ganze Projekt geplatzt. Dann hätte er überhaupt nichts erreicht.«

Viljar erkannte die Logik darin. Natürlich hätte er keinen Erfolg gehabt, aber er hätte es wenigstens versuchen können.

»Vielleicht hast du recht. Für mich ist es ja auch gar nicht am schlimmsten. Ich habe dich, um mich wieder zusammenzuflicken, wenn mir Wunden zugefügt werden. Für Lotte ist das alles viel schlimmer.«

»Wie gesagt, sie kann zu mir kommen, wann immer sie will. Das weißt du. Falls sie jemanden zum Reden braucht, meine ich.«

Viljar spürte ein Kribbeln in den Fingern. Das war der wunde Punkt. Lotte ging es nicht gut. Er hatte getan, was er konnte, aber jedes Mal, wenn er andeutete, dass sie Hilfe suchen sollte, machte sie die Schotten dicht.

»Sie hat mich.«

Er drehte sich wieder um, und diesmal ging er zu dem schwarzen Ledersessel, der mitten im Raum stand. Es war ein Signal an Vigdis, dass er sich nicht weiter öffnen würde. Dass sie jetzt an der Reihe war. Vigdis zögerte einen Moment, setzte sich aber schließlich in den Sessel ihm gegenüber. Zwischen ihnen stand ein abgenutzter Kieferntisch aus den frühen Siebzigern.

Sie nahm die Hippiebrille ab und legte sie auf den Tisch. Die Brille war in Vigdis’ radikaler Jugend bestimmt cool gewesen, als sie Haare unter den Achseln, die kleine rote Maobibel im Rucksack und einen Joint in der Jackentasche gehabt hatte. 2015 ließ dieses Ding sie aussehen wie eine Untote, die krampfhaft versuchte, an ihrem Image festzuhalten. Es war vierzig Jahre her, dass sie eine echte Radikale gewesen war.

»Triffst du sie oft? Lotte, meine ich?«

Viljar wand sich ein wenig. Er hatte Lotte versprochen, keinen Ton über das zu sagen, was zwischen ihnen war. Sie war Polizistin. Sie musste stark sein. In ihrer Welt bedeutete ein Riss in der Fassade einen karrieremäßigen Selbstmord. Lotte brauchte wirklich jemand anderen als ihn, um über das zu reden, was mit ihrer Schwester passiert war. Er konnte zuhören, ihr aber niemals die richtigen Antworten geben. Die, die sie brauchte.

»Viljar …?«

Er schob die Gedanken beiseite und antwortete Vigdis ehrlich, ohne Lotte auszuliefern:

»Ja. Wir treffen uns oft. Sehr oft. Sie redet, und ich höre zu. Das ist okay, aber ich glaube nicht unbedingt, dass es sie in die richtige Richtung führt. Sie arbeitet wieder voll. Viel zu früh, wie ich finde. Sie ist nur noch ein Schatten ihrer selbst.«

Vigdis wirkte nachdenklich. Sie wollte Viljar gerade eine weitere Frage stellen, als sein Telefon in der Innentasche zu summen begann. Er strich sich das schulterlange blonde Haar hinter die Ohren und zog das Handy hervor. Es war sein Sohn, Alexander.

Viljar spürte ein warmes Gefühl in der Brust und gleichzeitig ein nervöses Kribbeln im Nacken. So war das immer bei Alex. Freude und Sorge. Erleichterung und Unruhe.

»Hallo, Alex!«

Er setzte eine muntere Maske auf. Ein kleines Schauspiel sorgloser Freude darüber, von seinem Sohn zu hören.

»Scheiße, Papa! Du musst kommen. Kannst du mich abholen?«

Die Unruhe, ein schleichendes Unbehagen, eine vage Vorahnung, hängte sich wie ein Senkblei an sein Herz. Er stand auf und ging wieder zum Fenster.

»Ist was passiert?«

Sein Sohn atmete hektisch. Er fand nicht die richtigen Worte. Als er endlich die Sprache wiedergefunden hatte, hörte er sich vollkommen matt an.

»Frag nicht, Papa. Kannst du nicht einfach kommen? Ich brauche Hilfe.«

Viljar kratzte einen Fleck eingetrockneter Rahmenfarbe vom Fensterglas. Typisch Alexander. Nicht sagen, was los war, aber erwarten, dass andere sofort alles stehen und liegen ließen, wenn er sie brauchte. Der Siebzehnjährige war ein Produkt seiner egozentrischen Zeit.

»Nicht bevor du mir sagst, was los ist. Ich renne nicht einfach aus einer Besprechung weg, wenn es nicht wirklich dringend ist. Sonst kann ich dich auch anschließend abholen, okay?«

»Ist eine Besprechung dir wichtiger als dein Sohn, oder was? Es ist dringend! Ich bin in Haugaleite. Bei Veronica.«

Viljar tat, als hätte er den Vorwurf, ein schlechter Vater zu sein, nicht gehört.

»Ich komme später, Alex. Aber du musst mir sagen, was passiert ist.«

Am anderen Ende wurde es still. Die Sekunden verstrichen. Er wollte gerade noch einmal fragen, als er den Jungen flüstern hörte:

»Ich bin gerade aufgewacht, im Bett neben Emilie. Und sie ist tot.«

Für einen kurzen Moment existierten nur diese Worte. Die Welt stand still und hielt den Atem an.

»Sie liegt da, tot. Ganz steif irgendwie.«

Der letzte Satz echote in Viljars Kopf, als er zur Tür hinausstürzte und die Steintreppen hinunterrannte. Er fischte die Autoschlüssel aus der Jacke, während er zum Auto am anderen Ende des Kais hetzte.

Grønland, Oslo Sonntagmorgen, 1. März

Der Ermittlungsleiter des Nachrichtendienstes PST, Harald Samuelsen, verfolgte interessiert die Bewegungen der Zielperson. Ein blonder Schlaks mit zurückgekämmten Haaren und schweineteuren, hautengen Klamotten. Christopher Walken im Ganzkörperkondom. Es war erst kurz nach zehn Uhr vormittags, aber Samuelsen tat nach stundenlangem Sitzen im Auto der Rücken weh. Er setzte die Brille mit den kleinen runden Gläsern ab, angelte ein Putztuch aus seinem schwarzen Royal-RepubliQ-Schultertäschchen und ließ sich Zeit. Manche Menschen rauchten Kette, andere trommelten mit ihren Fingern auf dem Lenkrad. Harald Samuelsen putzte Brillengläser.

Das schulterlange schwarze Haar und die Tiger-of-Sweden-Brille mit einem Hauch von Blauschimmer hatten dem PST-Ermittler rasch den Spitznamen »Ozzy« unter den Kollegen eingebracht. Damit konnte er leben. Das Einzige, was im Haus wirklich etwas zählte, war das Lebendgewicht. Der Mann, den er an diesem Morgen beobachtete, hatte eine Reihe von Verbindungen zu Extremistenkreisen, und er hatte Geld. Harald drehte sich zu seinem Kollegen um.

»Okay … Das ist der dritte Money-Transfer-Laden, den er innerhalb einer Stunde aufsucht. Ich habe alles gesehen, was ich brauche. Haben wir ein festes Muster?«

Der Kollege studierte die Autos, die den Grønlandsleiret hinunter Richtung Schweigaards gate krochen. Eine Straßenbahn hatte direkt neben ihnen gehalten und für einige Sekunden die Sicht versperrt.

»Mhmm … Immer am ersten Sonntag im Monat. Vier von diesen Läden zwischen neun und zwölf Uhr. Jedes Mal dieselben vier.«

Sie hatten die Wege des Mannes über längere Zeit verfolgt. Die Money-Transfer-Läden waren kleine Filialen von ausländischen Wertpapierfonds, Banken oder Investmentgesellschaften, und sie wurden von ihren Heimatländern aus reguliert. Die dortigen Behörden waren für die Aufsicht verantwortlich. Das erschwerte die Kontrolle der Geldtransfers. Der PST hatte den Verdacht, dass die Gelder in die Ortsgruppe Haugesund der rechtsextremen Organisation Norwegischer Widerstand flossen. Harald Samuelsen steckte das Brillenputztuch zurück ins Etui, ohne das Geschäft aus den Augen zu lassen.

»Und die vier Läden, die er abklappert, gehören alle derselben Firma?«

»Ja, sie gehören der ungarischen Nemzeti Investa. Das ist alles, was wir wissen. Die ungarische Polizei hat versprochen, sie genauer unter die Lupe zu nehmen, aber da rührt sich nichts. Wir erhalten keinen Einblick.«

»Ungarn? So viele Ungarn haben wir doch nicht in Oslo?«

Harald Samuelsen beugte sich nach vorn zur Windschutzscheibe. Wegen der grellen Morgensonne musste er blinzeln.

»Die Inhaber sind keine Ungarn. Das sind Iraker, Syrer, Bosnier, Serben, Marokkaner … Na, du weißt schon. Die Reparatur von Handydisplays oder der Verkauf von Sonntagszeitungen auf Urdu bringt wohl kaum so viel ein, dass sie im Audi A5 durch die Gegend kurven können, um es mal so zu sagen.«

Harald öffnete die Autotür. Er hatte genug gesehen. Als er sich zum Fenster auf der Fahrerseite vorbeugte, ließ der Kollege die Scheibe hinunter.

Die Observation des Reedersohns und Milliardenerben Jan Sigfred Bergersen war nur ein kleines Steinchen in einem weit größeren Puzzle. Der Typ war viel zu gerissen, um etwas Illegales zu tun, und was er mit seinem Geld machte, interessierte die Ermittler nur, wenn es sich um die Finanzierung von Terrorismus handelte.

»Ihr könnt die Observation abbrechen. Es ist nicht verboten, die Organisation zu finanzieren, aber wenn diese lokalen Abteilungen plötzlich zu viel Geld in die Hände kriegen, ist das eine potenzielle Gefahr. Wir werden die Augen offen halten, aber bis auf Weiteres lassen wir Bergersen in Ruhe.«

Samuelsen machte sich zu Fuß auf den Weg zum Terminal des Airport-Shuttles im Osloer Hauptbahnhof. Er musste den Flieger um 14.40 Uhr von Gardermoen nach Haugesund erreichen. Drüben in Haugesund hatten sie etwas, dem sie nachgehen konnten.

Er fand einen Platz in der Ruhezone, holte sein iPad heraus und ging noch einmal die Ergebnisse der Überwachung der rechtsextremen Gruppe durch. Ein Informant aus der Osloer Abteilung des Norwegischen Widerstands behauptete, dass die Abteilung Westland in Haugesund finanziell überraschend gut ausgestattet sei und damit große Aktionen planen und umsetzen könne. Deshalb hatten sie Bergersen im Visier. Seine Vergangenheit als aktives Vigrid-Mitglied Anfang der Nullerjahre war kein Geheimnis, aber die Klatschpresse hatte das nicht weiter verfolgt, nachdem er sich vor fünf Jahren in einer drei Seiten langen Reportage von Se & Hør von seinen früheren Ansichten distanziert hatte.

Jan Sigfred Bergersen war in Haugesund geboren und aufgewachsen, und das PST-Team um Harald Samuelsen hatte daran gearbeitet, eine direkte Verbindung Bergersens zur NW-Gruppe in der Stadt zu finden, aber vorläufig hatten sie nichts anderes in der Hand, als dass Bergersen ein Jugendfreund von Geirmund Bakken war, dem jetzigen Anführer.

Harald schloss die Dokumentenmappe und schaute auf das Display im Zug, das die Abflüge anzeigte. SAS-Flug SK-308 nach Haugesund war dreißig Minuten verspätet. Auch gut. Jetzt Anfang März war sowieso keiner scharf drauf, nach Haugesund zu reisen.

Haugaleite, Haugesund Sonntagmorgen, 1. März

Seine Finger zitterten unkontrolliert. Sein Atem ging in hektischen Stößen. Das Schlafzimmer schien luftleer zu sein. Alexander bemühte sich, seine Aufmerksamkeit auf etwas anderes als das Bett zu richten, aber wie eine Kompassnadel kehrte sein Blick unaufhörlich zu dem Körper zurück, der dort lag. Emilie war teilweise zugedeckt, aber Kopf, Schulterpartie, die linke Brust und der Arm, der auf ihn zeigte, ragten heraus. Grotesk. Erschreckend. So unwirklich, dass er nicht wusste, wie er sich verhalten sollte.

Emilie war tot. Die blassen Augen glichen Drachenklauen, die ihm jedes Mal den Rücken aufkratzten, wenn er sich von ihr abwandte. Dies war einer der Momente im Leben, über die sein Vater mit ihm gesprochen hatte. Momente ohne Escape-Taste.

Der Raum drehte sich, und ihm war schwindlig. Er versuchte, seine Klamotten zu finden, aber sie lagen nicht ordentlich gefaltet auf dem Puff, so wie Emilies. Alexander irrte planlos durchs Zimmer. Splitternackt und mit einem toten Mädchen im Bett.

Er ließ den Blick durch den Raum schweifen. All das Weiße, die Wände, das Bettzeug, die Möbel, ging ineinander über und gab ihm das Gefühl, eingekapselt zu sein. Der Zipfel einer blauen Jeans lugte unter dem Bett hervor. Mit einem Satz war er dort und riss die Sachen an sich, die zu einem Ball zusammengeknüllt waren. Das Hemd stank säuerlich nach Erbrochenem, aber er pfiff drauf und zog es an.

An der Tür blieb er stehen. Er hyperventilierte, schaffte es nicht, ruhig und gleichmäßig zu atmen. Gerade als er das Zimmer verlassen wollte, hörte er wieder Stimmen.

Scheiße!

Das Fenster … Er lief hin, öffnete es und schaute nach unten. Neben dem Fenster befand sich eine zusammengeschobene Feuerleiter, die wie ein stählerner Pfosten aussah und bis hinunter zum Blumenbeet in fünf Metern Tiefe reichte. Er wollte die Leiter ausklappen, aber das Ding hing irgendwo unten fest und rührte sich nicht.

Frustriert musste er den Plan aufgeben, ungesehen aus dem Haus zu kommen. Er konnte nichts machen. Die mahnenden Worte seines Vaters, man müsse seine Fehler eingestehen, die Strafe annehmen und daraus lernen, gingen ihm durch den Kopf. Wenn er sich nur erinnern könnte, was in diesem Zimmer vorgefallen war. Er ging zurück zur Schlafzimmertür und öffnete sie vorsichtig. Keiner zu sehen. Erleichtert schlüpfte er hinaus und schloss die Tür hinter sich, atmete auf und ließ die Schultern sinken.

»Alex …? Was zum Teufel machst du hier?«

Veronicas schrille Stimme traf ihn wie ein Tritt in die Kniekehlen, und seine Beine drohten zu versagen. Er hielt sich am Türrahmen fest und drehte sich langsam zur Diva des Hauses um.

Ein verächtlicher Ausdruck huschte über ihr Gesicht, bevor sie wieder die ausdruckslose, glatte Miene aufsetzte. Das lange blonde Haar fiel sorgfältig drapiert über ihre rechte Schulter. Stromkosten für ein Glätteisen waren vermutlich ein eigener Haushaltsposten bei Familie Østensjø. Sie war klein, knapp eins sechzig auf Stilettos. Falsche Wimpern, so schwer, dass sie die Lider nur mit Mühe offen halten konnte. Ihren Anblick hätte Alexander sich lieber erspart.

Er antwortete ausweichend. Sein Kater und der Gedanke daran, was Veronica auf der anderen Seite der Tür erwartete, ließen die Erinnerungen an den gestrigen Abend noch mehr verschwimmen.

»Ich dachte, du wärst gestern Abend früh gegangen? Mensch, du kannst doch nicht einfach hier übernachten!«

Sie ging ein paar Schritte auf ihn zu, stellte sich auf die Zehenspitzen und blickte über seine Schulter.

»Ist Emilie da drinnen?«

Veronicas Tonlage war jetzt noch höher, und ihr Blick huschte zwischen ihm und der Tür hin und her. Er öffnete den Mund, um zu antworten, aber genau in dem Moment kamen zwei Typen die Treppe herunter und stellten sich zu Veronica. Ingar und Eivind. Ebenso wie Veronica waren sie etwas älter als Alexander. Eivinds Brustmuskeln wölbten sich unter dem hellblauen Hemd, dass die Knöpfe abzuspringen drohten.

Hinter ihm stand Ingar, ebenso fest wie das Haraldsdenkmal im Orkan. Er war groß, schlank und blond. Eine halbe Dose Haarwachs hielt die Frisur in Form, und die eisblauen Augen beobachteten die Umgebung aufmerksam. Veronica drehte sich zu den beiden um und zischte:

»Ist das zu glauben, Alex hat sich heute Nacht zu Emilie reingeschlichen. Ich fasse es nicht. Dieser Perversling!«

Keiner der Jungs sagte etwas, aber Eivind machte einen schnellen Schritt auf Alexander zu. Er war dafür bekannt, dass seine Lunte kürzer war als sein Vorstrafenregister, und Alexander ahnte, dass er seine Fäuste ballte. Beruhigend legte Ingar die Hand auf Eivinds Schulter. Er lächelte Alexander freundlich an und fragte, ob es stimmte, was Veronica gesagt hatte.

Alexander hatte Todesangst. Sagte er Ja, konnte Ingar kaum etwas tun, um Eivind zu stoppen. Über hundert Kilo Muskelmasse und ein IQ von deutlich unter hundert waren eine unangenehme Kombination. Er wusste, dass er den Mumm haben sollte, die Wahrheit zu sagen, aber er wählte den feigen Ausweg, noch ehe er die Konsequenzen abwägen konnte.

»Nein. Keine Ahnung, wo Emilie ist, woher soll ich das wissen? Sicher zu Hause oder so …«

Das hätte das Trio eigentlich beruhigen müssen, aber das tat es nicht. Der Flur wurde schmaler, die Wände kamen näher. Veronica schüttelte den Kopf und zeigte anklagend auf ihn.

»Wieso lügst du uns ins Gesicht, sag mal? Ich weiß doch, dass Emilie da drinnen ist. Sie hat sich gestern den Schlüssel von mir geholt.«

Alexander war dabei, sich selbst in die Ecke zu manövrieren, aber er leugnete es trotzdem. Eivind blies sich auf. Selbst Ingar hatte die Stirn in skeptische Falten gelegt, während er mit den Fingern durch sein blondes Haar strich. Er gab Veronica sein Smartphone und zeigte auf Emilies Namen in seiner Kontaktliste.

»Ruf sie an. Wenn sie zu Hause ist, hat sich das Missverständnis aufgeklärt. Okay?«

Zehn Sekunden später konnten alle hören, wie Adele ihr Hello in die Welt hinaussang. Eine Welt, die sich genau jetzt hinter Alexanders Rücken befand. Er wurde von Eivind brutal zur Seite gestoßen und an die Wand gedrückt, Eivind drückte ihm den Unterarm an den Kehlkopf. Veronica drängte sich resolut an ihnen vorbei ins Schlafzimmer, während Ingar tatenlos im Hintergrund blieb.

Veronicas Schrei war das Entsetzlichste, was Alexander jemals gehört hatte. Dreimal schrie sie laut und gellend. Abrupt machte sie kehrt und stürzte zur Tür hinaus, der letzte Schrei erstickte in einem Gurgeln. Sie erbrach sich auf das Parkett. Alexander war vergessen, und die beiden Jungs stürmten in das Zimmer.

Das war Alexanders Chance, und er traf seine Entscheidung, bevor die Vernunft den Impuls abstellen konnte. Mit drei schnellen Schritten war er an der Treppe zum Erdgeschoss. Er rutschte und stolperte die Stufen hinunter, hinter sich das Gebrüll der Jungs.

Als er die Haustür erreichte, hörte er die beiden die Treppe herunterstürmen. Die Tür war abgeschlossen, und er rüttelte verzweifelt an der Klinke. Schließlich schaffte er es, den Schlüssel umzudrehen, aber da schlug ihm Eivind mit gewaltiger Wucht auf den Rücken.

Die Tür flog auf, Alexander machte einen Satz und landete auf dem Schotterweg, mit hundert Kilo Muskelmasse auf sich. Kies und kleine Steine rissen ihm die Gesichtshaut auf. Sofort hagelte es Schläge, die ihn hart am Hinterkopf und in die Weichteile trafen. Alexander hörte, wie seine Rippen brachen, als eine Faust in seinen Rücken donnerte.

Trotzdem schien die Last auf einmal leichter zu werden. Als wäre derjenige, der auf ihm lag, plötzlich aufgestanden. Alexander öffnete die Augen und blickte auf drei Paar schwarzer Knobelbecher. Weiter hinten auf dem Kies standen ein paar abgenutzte grüne Sneaker, die er sofort erkannte.

»Papa …«

Küstenpfad in Kvalsvik, Haugesund Sonntagvormittag, 1. März

Terje Nitter wusste, dass er von Idioten umgeben war …

Das war sein Schicksal. Alles musste er selber bedenken. Pläne entwerfen, ausarbeiten, abschätzen und Risikoanalysen machen. Manchmal eine hoffnungslose Aufgabe. Er war ein Schachspieler mit einem Brett voller nutzloser Bauern.

Es verlockte ihn, sie nach der Party von gestern Abend sich selbst zu überlassen, aber er brauchte sie. Er hasste es, das einräumen zu müssen, aber er hatte sich von ihren klitzekleinen Gehirnen abhängig gemacht.

Terje Nitter spazierte gemütlich den neuen Küstenpfad im Norden der Stadt entlang. Bei Gardsvik kam er an zwei morschen Bootshäusern vorbei, die kleine Insel Vesteholmen lag direkt davor. Im Dunst war sie nur ein grauer Schatten, der von den Wellen umspült wurde. Der Pfad führte weiter zum Gauldølavegen, und Terje grüßte ein junges Paar mit einem Kinderwagen. Er wechselte ein paar Worte mit den beiden, dann schlenderte er weiter und dachte nach. Er musste eingreifen, sonst würde alles den Bach runtergehen.

Emilie Vormedals Tod passte genau in die Reihe von kopflosen Aktionen, die unerwünschte Aufmerksamkeit erregten und Polizei und Presse ins Spiel brachten. Das war nicht gut, und er verfluchte seine grenzenlose Naivität. Er hätte damit rechnen, hätte das Risiko gründlicher kalkulieren müssen. Ein Großmeister musste stets mehrere Züge vorausdenken, sich Hintertüren offenhalten und sich so positionieren, dass ihm immer mehrere Möglichkeiten blieben. Terje Nitter sah ein, dass er wie ein blutiger Anfänger vorgegangen war. Er hatte sich blind auf die Ideale und Grundwerte der Organisation verlassen. Leidenschaft, Anonymität und Loyalität. Für ihn war es undenkbar, dagegen zu verstoßen, aber wie stark brannte das Feuer in den anderen?

Er ging das letzte Stück über das Steilufer bis Kvalsvik und machte dort einen Abstecher zum Leuchtfeuer von Kvalen. Die Felsen waren nass und glitschig, aber er setzte sich trotzdem hin und genoss den Blick auf die Brandung.

Die frische Seeluft schärfte seine Sinne. Ließ ihn weiter vorausdenken, mehr in die Breite. Es gab eine Alternative. Eine Lösung, die ihnen die Zeit verschaffte, die sie brauchten. Eine, die alles auf null stellen und den fatalen Vorfall von gestern ausradieren würde. Ein schwarzer Opferbauer auf einem unverteidigten Feld.

Die Eliminierung der Bedrohung würde einige Wellen schlagen, aber keine Sturmflut auslösen. Es ging um Schadensbegrenzung. Sie waren so wenige, dass sie es sich nicht leisten konnten, jemanden zu verlieren, und da ihnen nur noch vier Tage bis zur Aktion blieben, war Zeit ein knappes Gut.

Regen peitschte in dichten, kleinen Tropfen vom Himmel und lief ihm in den Kragen seiner Öljacke. Terje stand langsam auf und beugte sich nach Lee, dem kalten Wind entgegen, der von der Nordsee landeinwärts blies. Er spürte, wie sein Körper zitterte, jetzt, da die Entscheidung gefallen war. Was für eine Erleichterung.

Ihm kam der Titel eines Buches in den Sinn, das er bei Norli in der Haraldsgata im Ständer gesehen hatte. Der unsichtbare Mann aus Salem. Er hatte den Klappentext überflogen. In dem Buch ging es um einen Mann, den es nicht geben sollte. Einen Mann, der anscheinend aus der Zeit gefallen war, aber sich immer noch in den Schatten bewegte.

Da hätte Haugesund stehen sollen, nicht Salem, dachte Terje Nitter und kehrte der Stadt, die abwartend im Morgendunst lag, den Rücken zu.

Haugaleite, Haugesund Sonntagvormittag, 1. März

Oberkommissarin Lotte Skeisvoll merkte, in welch schlechter Verfassung sie war, als sie in die kleine Stichstraße zum Haus Vestevegen 53 einbog und die Polizeiabsperrungen im Wind flattern sah. Sie nahm den Fuß vom Gaspedal. Ihre Finger umklammerten das Lenkrad so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. Sie rang nach Luft. Das Auto blieb auf der ansteigenden Straße stehen und begann, langsam rückwärtszurollen.

Die Leiterin der Kriminaltechnik in Haugesund, Åse Frugård, erkannte mit einem schnellen Blick, dass Lotte offenbar vorübergehend handlungsunfähig war, und zog resolut die Handbremse an. Die Reifen rutschten über den Splitt, dann kam der Wagen zum Stehen.

Lotte senkte den Kopf und holte tief Luft. Sie rieb sich das Gesicht mit beiden Händen und murmelte eine kaum hörbare Entschuldigung. Sie spürte, wie Åse Frugård ihre rechte Schulter umfasste und sie freundlich drückte.

Die Monate seit der Ermordung ihrer Schwester waren eine einzige Abwärtsspirale gewesen. Wie bei Dantes Inferno führten alle Wege sie immer näher an einen Abgrund aus Schuld, Selbstvorwürfen und Gewissensqualen. Seit sie ihre Arbeit als Ermittlerin wieder aufgenommen hatte, fühlte sie sich wie eine Ertrinkende, die verzweifelt Wasser trat. Es lief nicht gut, und die Polizeiführung hatte bereits ihre Belastbarkeit infrage gestellt. Oft saß sie stundenlang in ihrem Büro, unfähig, die einfachsten Dinge zu erledigen.

An einen neuen Tatort zu kommen wühlte alle schlimmen Gefühle auf. Die erste Einheit hatte um 09.30 Uhr mündlich Bericht erstattet und die Kriminaltechnik angefordert. Verdächtiger Todesfall. Zwanzigjährige Mädchen starben selten eines natürlichen Todes. Ein Knacken im Sprechfunkgerät riss Lotte aus ihren Gedanken. Der Polizeidistrikt hatte das neue digitale Kommunikationssystem noch nicht eingeführt. Bis auf Weiteres benutzten sie den analogen Polizeifunk.

»Wieso habt ihr unten auf der Straße angehalten? Stimmt was nicht?«

Lotte schüttelte ihre Dämonen ab. Hob den Kopf, richtete sich auf und nahm das Mikrofon aus der Halterung.

»Alles in Ordnung, Knut. Wir dachten, wir parken besser hier unten. Wollen lieber nicht mit dem Wagen zu dicht an den Tatort heranfahren.«

Aus dem Augenwinkel bemerkte sie, wie Åse Frugård sie vom Beifahrersitz verwundert anblickte.

»Verstanden. Wir erwarten euch dann hier.«

Lotte setzte zurück und parkte auf einem kleinen Wendeplatz neben einem Trafohäuschen. Sie stellte den Motor ab, knöpfte die Uniformjacke zu und stieg aus. Schwere graue Wolken hingen über dem Meer, und die Wogen schlugen hoch an die Kaimauer von Killingøy. Schaumgekrönte Wellen brandeten gegen Sørhaugøy, wo an der Spitze der einsame Leuchtturm Tonjer Fyr auf sommerliche Museumsbesucher wartete. Alles war in Grau gehüllt, wie so oft im März. Lotte konnte sich dunkel erinnern, dass die Sonne irgendwann im Januar ein Mal kurz vorbeigeschaut hatte.

Hinter ihr wurde eine Kofferraumklappe zugeknallt. Sie drehte sich um. Die schmächtige Gestalt von Åse Frugård ertrank in einem knöchellangen gelben Regenmantel. Ein großer grauer Tatortkoffer aus Metall stand neben ihr, und Lotte musste unwillkürlich an eine verlorene Einwanderin auf Ellis Island denken. Der Metallkoffer reichte der zierlichen Frau bis zur Taille. Sie bot sich an, ihn zu tragen, erhielt aber nur ein ärgerliches Schnauben als Antwort.

Åse Frugård ertrug viel, nur eins nicht: behandelt zu werden wie eine zerbrechliche Frau. Sie fischte eine Zigarette aus der Manteltasche, stellte sich gegen den Wind und zündete sie an. Mit bissiger Miene und der Kippe im Mundwinkel griff sie nach dem Koffer und machte sich auf den Weg den steilen Hügel hinauf. Ab und zu umwehte sie eine Rauchwolke. Vermutlich, wenn sie Luft holte, dachte Lotte.

Vor der Polizeiabsperrung blieben sie stehen, und Lotte hob das Band an, um Åse durchschlüpfen zu lassen, während sie es straffer zog. Sie blieb an der Absperrung stehen und blickte Åse Frugård nach, die sich die letzten Meter zur Villa hinaufschleppte.

Ein paar Jugendliche, die sich wahrscheinlich im Haus aufgehalten hatten, als das Mädchen vor einer Stunde gefunden worden war, standen frierend vor der Absperrung. Sie waren zu dünn angezogen und nass bis auf die Haut. Lars Stople, der dienstälteste Polizist im Revier, nahm gerade ihre Aussage auf. Lotte sprach kurz mit ihm. Es war wichtig, dass die Jugendlichen sofort eine Aussage machten, bevor sie die Möglichkeit hatten, ausgiebig miteinander zu reden. Im Hintergrund stand eine Gruppe Erwachsener und unterhielt sich gedämpft. Einer von ihnen, ein gedrungener Kraftprotz Mitte dreißig, kam auf Lotte und Lars zu. Er stellte sich als Trond Anfinsen vor, Nachbar und Freund der Familie.

»Sie können gern in meinem Haus in Ruhe mit den Zeugen reden. Ich wohne gleich da hinten«, sagte er und fügte hinzu: »Die Kinder holen sich ja sonst noch den Tod.«

Trond Anfinsen zeigte auf ein ockergelbes älteres Haus ein Stück die Straße hinunter, und Lotte nickte. Drinnen könnten sie die Formulare mit den Angaben der Jugendlichen schneller ausfüllen. Sie bat Lars Stople, die Leute zusammenzurufen und mit der Arbeit zu beginnen.

Lotte hielt Ausschau nach Viljar und entdeckte ihn weiter oben auf der Straße. Er stand mit seinem Sohn zusammen, Alexander. Es sah fast so aus, als würden die beiden sich aneinanderklammern. Sie ging zu ihnen. Frugård und der Rechtsmediziner mussten ihre Arbeit im Haus erst beenden, bevor sie mit ihrer Ermittlungsarbeit anfangen konnte. Sie begrüßten sich mit einem kurzen Nicken, obwohl eine lange, feste Umarmung angebrachter gewesen wäre, in Anbetracht der Freundschaft, die sich zwischen ihnen entwickelt hatte.

Viljars blonde Haare klebten ihm an den Wangen, und der hellgraue, abgetragene Mantel war an Schultern und Rücken dunkel vom Regen. Alexander zitterte wie Espenlaub. Lotte fiel sofort ein roter Kratzer in seinem Gesicht auf und dass sein Kinn an der rechten Seite geschwollen war. Der Junge trug nur einen dünnen, rostroten Pullover, und seine durchnässte Jeans hing ihm fast bis in die Kniekehlen. Sie legte ihre Hand auf seine.

»Hast du nicht irgendwo noch was Trockenes zum Anziehen?«

Alexander zog seine Hand weg. Er wirkte abweisend und trotzig.

»Liegt alles drinnen im Haus. Die Bullen lassen mich ja nicht mal meine Jacke holen.«

»He …!« Viljar sah den Jungen streng an. »Nicht in dem Ton! Auch wenn du Lotte kennst, behandelst du sie mit Respekt, wenn sie im Dienst ist.«

Alexander warf seinem Vater einen finsteren Seitenblick zu und schüttelte resigniert den Kopf. Lotte nickte kurz, um Viljar zu sagen, dass es okay war. Der Regen grub neue Bachläufe um sie herum. Nur das Geräusch von Tropfen, die in Schlammpfützen fielen, zeugte davon, dass die Minuten verrannen.

Lotte brach einen kleinen toten Zweig von einer Birke und rollte ihn zwischen den Fingern.

»Ich habe gesehen, dass dein Auto unten an der Kurve steht. Es geht schon in Ordnung, wenn Alexander sich reinsetzt und ein bisschen aufwärmt, bis der Tatort für uns freigegeben wird.«

Viljar holte eine Snusdose aus der Manteltasche, nahm eine Portion heraus und zeigte auf zwei Polizisten am Eingang zur Villa.

»Wir haben gefragt, aber sie haben gesagt, wir sollen uns hier draußen zur Verfügung halten.«

Die Vorschriften für die erste Einheit, die an einem Tatort eintraf, waren streng, wenn es um einen Leichenfund ging, und Lotte stellte fest, dass die Streife genau die Anweisungen befolgt hatte. Sie winkte einen der beiden zu sich, und er kam im Laufschritt auf sie zu. Ein junger Polizeischüler in Ausbildung. Er blieb vor ihr stehen und nahm Haltung an, als wollte er salutieren. Sie sah das Feuer in seinen Augen. Er konnte nicht einmal ansatzweise verbergen, wie spannend er die ganze Sache fand.

»Kannst du mir sagen, welche Situation ihr vorgefunden habt und welche Maßnahmen seitdem getroffen wurden?«

Der junge Mann spulte seinen Bericht herunter, als befände er sich im mündlichen Examen. Korrekt, steif und genau nach Lehrbuch. Lotte mochte ihn sofort.

»Der zentrale Bereich um den Tatort wurde gesichert und abgesperrt. Nur der diensthabende Arzt hat das Haus betreten, um den Tod des Mädchens festzustellen. Wir haben außerdem die nähere Umgebung gesichert«, fügte er hinzu.

»Okay. Gut … Wurde die S-Regel befolgt?«

Lotte bemerkte, dass der Polizeischüler die Schultern noch eine Idee mehr straffte. Das war ein Mann nach ihrem Geschmack.

»Selbstverständlich, Frau Oberkommissarin.«

Sie nickte und schickte ihn zurück auf seinen Posten. Viljar sah sie fragend an.

»Was zum Henker ist die S-Regel?«

Lotte lächelte über seine Neugier.

»Situation sichten, Stelle schützen, Spuren sichern, Sachdienliches sammeln.«

»Hä?«

»Das ist die S-Regel. Sie definiert, was die erste Einheit am Tatort tun soll. Alle Wörter fangen mit S an. Ich mag sie. Also die Regel, meine ich … Es liegt eine Art Ordnung darin, dass alle Wörter mit demselben Buchstaben beginnen.«

Viljar schüttelte den Kopf, und sie meinte zu bemerken, dass auch Alexander die Augen verdrehte.

Ihr Handy klingelte, und sie entfernte sich ein paar Schritte. Es war Åse, die sie bat, den Schutzanzug anzulegen und zu ihr ins obere Stockwerk zu kommen. Lotte winkte Viljar und Alexander zu sich. Zu dritt gingen sie zum Polizeischüler am Eingang. Lotte bat ihn, Alexanders Jacke aus dem Haus zu holen. Der junge Mann nickte nur kurz.

Bevor sie zu Åse hinaufging, schickte sie Viljar und Alexander zum Auto, wo sie auf weitere Anweisungen warten sollten.

»Sieh zu, dass der Junge sich ein bisschen aufwärmt«, flüsterte sie und ließ die beiden stehen.

Haugaleite, Haugesund Sonntagvormittag, 1. März

Vor der Eingangstür blieb Lotte Skeisvoll stehen, strich den Schutzanzug glatt und korrigierte den Sitz der hellblauen Plastikhaube. Sie überprüfte, ob die Hosenbeine auch ordentlich über die Stiefel fielen, stellte fest, dass der Schuhschützer an einem Fuß ein paar Zentimeter zu hoch saß, und brachte das ebenfalls in Ordnung. Diese Dinge beruhigten sie. Halfen ihr, das Gehirn in den richtigen Modus zu schalten und alles andere auszublenden.

Am Eingang stand Knut Veldetun und passte auf, dass kein Unbefugter das Haus betrat. Er nickte ihr kurz zu. Ein freundliches Lächeln hätte ihr gutgetan, aber die Situation ließ keine Gefühlsduselei zu.

Knut Veldetun wies Lotte den Weg durch ein dunkles Wohnzimmer, in dem die Party deutliche Spuren hinterlassen hatte, und die Treppe zum ersten Stock hinauf. Der Rechtsmediziner, ein älterer Glatzkopf im grauen Anzug, kam ihr wortlos entgegen. Ein verkniffener Zug um den Mund war alles, was der alte Haudegen an Gefühlen durchblicken ließ.

Oben an der Treppe wartete Åse Frugård und winkte Lotte ins Schlafzimmer, in dem Emilie Sand Vormedal lag. Lotte stutzte und blieb einen Moment in der Tür stehen, als sie das Mädchen auf dem Bett sah. Sie lag seltsam verdreht da. Die Bettdecke war auf den Boden gerutscht und entblößte den nackten Körper, die Haut glich einer versteinerten Vulkanlandschaft. Der Mund stand offen, gefroren in einem verzweifelten Atemzug.

Åse blieb neben Lotte stehen, anscheinend ohne ihr Zögern zu bemerken.

»Emilie Sand Vormedal. Zwanzig Jahre alt. Tochter von Torstein und Anny Vormedal, aus Äthiopien adoptiert. Kam im Alter von einem Jahr nach Norwegen.«

Lotte nickte. Verstand den Zusammenhang und schüttelte das Bild von den am Boden zerstörten Adoptiveltern ab. Da hatten sie das Kind ins sichere Norwegen geholt, und dann passierte so etwas.

»Hast du was gefunden?«

Åses Gesicht legte sich in unzählige Falten. Für alle, die sie kannten, war das ein sicheres Zeichen, dass sie unzufrieden war. Sie beugte sich übers Bett und griff mit ihrer dünnen, behandschuhten Hand vorsichtig nach dem Unterarm des Mädchens. Sie drehte den Arm etwas, und eine rote, senkrechte Wunde kam zum Vorschein.

»Das Mädchen hat einige Hämatome, aber keine offenen Wunden, abgesehen von dieser. Ich vermute, dass es sich um eine Kratzwunde handelt. Sie hat die passende Breite, eine halbrunde Form und einen klar definierten Umriss, bevor die Abschürfung undeutlich wird. Ansonsten wirkt das Mädchen unversehrt. Keine äußeren Zeichen von Strangulierung und auch keine sichtbaren Merkmale, die auf Atemunterdrückung hindeuten.«

»Atemunterdrückung … Du meinst, das Mädchen ist erstickt?«

Lotte strich mit den Fingern über den Hals des Mädchens. Sie konnte keine Strangulations- oder Würgemale entdecken. Åse nickte. Die Schutzanzüge knisterten, es war das einzige Geräusch im Zimmer. Nichts war so still wie der Tod.

»Schau, hier.«

Åse hob ein Augenlid an. Lotte beugte sich über das Mädchen. Es war unangenehm, die Gesichter der Toten aus der Nähe zu betrachten. Als würde man unerlaubt in ihre Intimsphäre eindringen. Das Gesicht war glatt, und es gab keine Anzeichen eines Kampfes. Es war nichts Besonderes an dem Auge zu sehen, und Lotte schaute Åse fragend an. Die alte Kriminaltechnikerin wirkte für einen Moment erfreut über Lottes mangelnde Beobachtungsgabe.

»Nicht wahr …? Ich habe es auf den ersten Blick auch nicht gesehen.«

Sie zog eine Lupe aus ihrer Tasche.

»Aber der Rechtsmediziner schon. Er konnte offenbar etwas erkennen, und wenn du die Lupe nimmst und dich auf den Bereich um die Tränenkanäle konzentrierst …«

Åse hielt ihr die Lupe hin, und schnell wurde Lotte klar, was der Rechtsmediziner gefunden hatte.

»Sind das Petechien?«

Die Kriminaltechnikerin lächelte. Ein seltener Anblick, der sich sonst nur einstellte, wenn jemand während langer Besprechungen eine Zigarettenpause ankündigte.

»Ja. Petechien oder Tardieu-Flecken, wenn du so willst. Kleine, punktförmige Einblutungen, die sich im Verlauf des Erstickungsvorgangs in der Bindehaut des Auges manifestieren.«

»Danke, aber ich brauche keine Vorlesung, Åse. Ich weiß, was Petechien sind. Die Sache ist nur, dass der Körper keine anderen Erstickungsmerkmale aufweist, soweit ich sehen kann. Und sie sind unglaublich klein, beinahe unsichtbar.«

Lotte richtete sich auf.

»Könnte sie im Schlaf erstickt sein? Vielleicht war sie bis zur Bewusstlosigkeit betrunken und hat so ungünstig gelegen, dass ihr das Kopfkissen im Weg war?«

»Dazu kann ich jetzt noch nichts sagen. Ein Kissen könnte eine Erklärung sein, aber wir haben keine Faserspuren um Mund und Nase gefunden, und die Kissen im Bett sind ziemlich bauschig, also hätten wir was finden müssen. Trotzdem deutet vieles auf Sauerstoffmangel hin, und was den Todeszeitpunkt betrifft, würde ich sagen, irgendwann gestern Abend. Als Alexander Gudmundsson heute Morgen um halb neun neben ihr aufwachte, war die Leichenstarre schon weit fortgeschritten, weshalb die Gliedmaßen ihre Stellung beibehielten, als er versuchte, das Mädchen umzudrehen.«

Lotte richtete sich mit einem Ruck auf und packte die Kriminaltechnikerin am Arm.

»Was sagst du da? Alexander hat sie gefunden?«

Åse zog die Augenbrauen hoch und sah Lotte verwundert an.

»Hast du das nicht gewusst? Er hat sie nicht nur gefunden. Er hat die ganze Nacht bei ihr verbracht.«

Lotte ging rasch auf den Flur hinaus. Das Mädchen war vermutlich erstickt worden, und sie hatte in ihrer Gedankenlosigkeit denjenigen, der das Bett mit ihr geteilt hatte, vom Tatort weggeschickt. Viljar antwortete nach dem zweiten Klingeln, und Lotte setzte ihn kurz ins Bild. Sie bat ihn, zum Haus zu kommen, damit sie zuerst mit ihm sprechen konnte. Alexander war erst siebzehn, und Lotte wollte den Jungen nicht ohne Einwilligung des Vaters zur Polizeistation bringen. Außerdem … So wie sie Viljar Ravn Gudmundsson kannte, war es immer besser, ihn ein bisschen zu bearbeiten, ehe sie ihn gehen ließ.

Sie zog den Schutzanzug aus, ging zum ockergelben Haus des Nachbarn und wartete dort zusammen mit ein paar Jugendlichen, die auf der Party gewesen waren. Zwei von ihnen erkannte sie wieder, und sie stutzte kurz, als sie sah, dass die kleine Maria Friestad auch zu den Partygästen gehörte. Lotte hatte früher ein paarmal Babysitter bei ihr gespielt. Dagegen überraschte es sie nicht besonders, auf Ingar Fjell zu treffen. Er war groß geworden, ein hübscher Bengel. Ingar war der Sohn des früheren Polizeidirektors von Haugesund und als kleiner Junge der Liebling der ganzen Station gewesen, während er durch die Gänge hopste. Er kam immer noch hin und wieder auf einen Kaffee vorbei.

Lotte ging zu ihm, um guten Tag zu sagen. Er war sichtlich mitgenommen und hatte Mühe, seine Tränen vor den anderen zu verbergen.

»Hast du sie gekannt?«

Ingar nickte stumm. Er zitterte vor Nässe und Kälte. Nach einer Weile öffnete er den Mund, um etwas zu sagen, zögerte aber. Schließlich stieß er hervor:

»Warum sind es immer die Besten, die zuerst gehen?«

Er sprach leise, damit es niemand außer Lotte hören konnte. Es tat ihr im Herzen weh. Seine Mutter hatte sich das Leben genommen, als er zehn war. Lotte war damals neu auf der Station gewesen, und sie erinnerte sich nur allzu gut an den Vorfall. Sie hatte die Frau vom Dachbalken abnehmen müssen.

Lotte sah Viljar die Straße heraufkommen und schüttelte die bösen Erinnerungen ab. Er näherte sich im Laufschritt, was ein bisschen komisch aussah, er erinnerte an einen Schnellgeher. Sie ließ ihn zu Atem kommen und erklärte ihm unterdessen den Ernst der Lage. Sie habe ja keine Ahnung gehabt, dass Alexander unmittelbar in den Fund von Emilie involviert sei.

»Ist Alex okay?« Die Frage kam von Ingar.

Viljar nickte. Seine Raucherlunge war offenbar noch nicht zu einer verbalen Antwort imstande. Als Lotte mit ihm zu seinem Wagen ging, fragte sie über Funk an, ob jemand bei Alexander die routinemäßige Erstbefragung gemacht habe. Knut Veldetun meldete sich sofort.

»Ich habe kurz mit ihm gesprochen. Er sagt, er hat sie gefunden, als er heute Morgen aufgewacht ist.«

»Das stimmt mit dem überein, was Åse gesagt hat.«

»Ja, aber ich habe ihr gegenüber nichts von der Schlägerei erwähnt.«

Lotte blieb stehen und gab Viljar ein Zeichen zu warten.

»Schlägerei? Gibt es irgendwas, das ich wissen sollte?«

»Ja. Nach Aussagen einiger Jugendlichen soll Gudmundsson heute früh versucht haben, sich aus dem Schlafzimmer zu schleichen, und angeblich hat er behauptet, Emilie sei nicht in dem Zimmer. Anschließend hat er wohl versucht, die anderen am Betreten des Zimmers zu hindern. Als sie sich dennoch Zutritt verschafften, ist er weggelaufen. Deshalb war hier draußen ein ziemlicher Tumult, als wir ankamen.«

»Shit.«

Lotte begann zu laufen, Viljar hinterher. Sie hätte erst mit Knut reden sollen. Der junge Polizeischüler, den sie gefragt hatte, war offenbar völlig ahnungslos. Er hatte anscheinend nur Wache gestanden.

Als Lotte und Viljar um die Kurve bogen, hinter der Viljar sein Auto abgestellt hatte, geschah das Undenkbare. Am Steuer von Viljars neuem Mazda saß Alexander. Als er Lotte und Viljar um die Ecke kommen sah, trat er das Gaspedal durch und ließ die Kupplung los. Der Schotter spritzte unter den Reifen auf, und der Wagen schlingerte ein paarmal hin und her, ehe er mit Vollgas den Vestevegen hinunterraste.

Asalvik – Toskatjønn, Haugesund Sonntagvormittag, 1. März

»Fuck!«

Alexander brüllte auf, als er in die Skillebekkgata schlitterte. Das Tempo war zu hoch für die enge Kurve, und das Heck des Wagens verfing sich in einer Thujahecke und rasierte einen Teil davon ab. Er hatte Mühe, das Auto wieder auf Kurs zu bringen, und war heilfroh, dass ihm niemand entgegenkam. Die Räder fanden wieder Halt, und das Auto beschleunigte.

Panik raste durch seinen Körper. Jede Nervenbahn war eine brennende Lunte. Er klammerte sich ans Lenkrad. An der Kreuzung Haugevegen bremste er nicht, sondern schloss die Augen und ließ es drauf ankommen. Er hörte Bremsen kreischen, passierte die Kreuzung aber unbeschadet. Als er die Augen wieder öffnete, hielt er in voller Fahrt auf die Ampel an der Karmsundgata zu. Ein älteres Ehepaar blieb vor den Apartments an der Flokesgate stehen und verfolgte das Drama. Ein Mann, der gerade den Zebrastreifen am Kommunegården betreten hatte, machte eilig kehrt und rettete sich auf den Bürgersteig. Die Ampel leuchtete rot, aber Alexander hatte ein hohes Tempo drauf und konnte nicht anhalten.

Er fluchte laut und riss den Wagen nach rechts. Er konnte gerade noch denken, dass es wie verhext war, dass die einzige Ampel in der ganzen Stadt ausgerechnet jetzt rot sein musste, als er auch schon andere Sorgen hatte. Während der Wagen auf dem regennassen Asphalt rutschte, begriff er, dass er nicht auf die richtige Spur kommen würde. Das Auto führte ein Eigenleben, es rutschte über den Mittelstreifen auf die linke Fahrbahn. Wäre es Freitagnachmittag gewesen anstatt Sonntagmorgen, wäre der Wagen garantiert frontal in eine Schlange haltender Autos gedonnert. Er hörte wildes Hupen, konnte den Wagen mit knapper Not in der Spur halten. Er gab wieder Gas und drückte die Hupe, damit der Gegenverkehr Platz machte. Als er sich dem Lothepark näherte, bekam er endlich wieder Gewalt über den Wagen. Hinter ihm blieben zwei Autos halb im Graben liegen, beide waren nur um Bruchteile von Sekunden einem hässlichen Frontalzusammenstoß entgangen.

Mich kriegt ihr nicht in ein verdammtes Polizeiverhör …

Alexander wusste, dass er tief in der Scheiße saß, und er suchte hektisch die Taschen der Jacke ab, die der Polizist ihm gebracht hatte, kam aber nicht weit, denn da tauchte schon der Verkehrskreisel bei Flotmyr auf, und er musste sich entscheiden. Entweder eine Vollbremsung machen und hoffen, dass der Bremsweg kurz genug war, um nicht in den Bus zu krachen, der von links kam und in den Kreisverkehr einbiegen wollte, oder aber das Gaspedal bis zum Boden durchtreten und ein Gebet zum Himmel schicken, dass der Bus nach Süden wollte und nicht ins Stadtzentrum. Alexander entschied sich für Letzteres.

Er hörte sich selbst schreien, als er in den Kreisverkehr raste. Der Busfahrer stand auf der Hupe. Alexander kam es vor, als würde ihm ein Nebelhorn ins Ohr tuten. Die Reifen schrien auf dem Asphalt. Seite an Seite mit dem Bus schlingerte er durch den Kreisverkehr und auf die vierspurige Straße Richtung Süden. Er fuhr Slalom zwischen den Autos vor ihm, die offenbar alle zur Esso-Tankstelle bei Flotmyr wollten, und passierte den nächsten Verkehrskreisel am Haugesund-Stadion in einem solchen Affenzahn, dass der Wagen sich gefährlich auf die Seite legte.

Als er sich dem Krankenhaus näherte, hörte er ein Stück hinter sich Sirenen heulen, und im Seitenspiegel sah er mehrere Blaulichter über die Hügelkuppe an der Hochschule Stord/Haugesund kommen. Sein Herz pumpte kein Blut mehr, es war reines Adrenalin, das ihm durch die Adern schoss. Wieder suchte er mit der rechten Hand die Jackentaschen ab, während er mit der linken steuerte. Als er fast beim Medienhaus Haugesunds Avis war, klingelte sein Handy.

Alexander nahm den Anruf an, ohne aufs Display zu schauen. Er ging davon aus, dass es die Polizei war, und schrie ins Telefon:

»Fahrt zur Hölle!«

Dann ließ er die Seitenscheibe herunter und warf das Handy aus dem Fenster. Er schaffte es nur mit Mühe und Not, den Wagen im Verkehrskreisel beim 7-Eleven in der Spur zu halten, und bemerkte den Radfahrer, der gerade den Zebrastreifen überquerte, viel zu spät. Diesmal war ein Zusammenstoß unvermeidlich. Der Wagen erwischte das Hinterrad, und entsetzt beobachtete Alexander, wie Radfahrer samt Fahrrad durch die Luft flogen und hinter ihm über die Straße schlitterten. Im Rückspiegel sah er, wie der erste von zwei Streifenwagen abrupt anhielt und ein Polizist aus dem Auto sprang.

Alles war komplett in die Hose gegangen. Er schlug mit den Fäusten aufs Lenkrad. Zum dritten Mal durchwühlte er seine Jackentaschen und fand endlich, was er gesucht hatte. Die Seitenscheibe war immer noch unten, und er packte den gesamten Tascheninhalt und warf ihn raus. Nur ein kurzer Moment der Unaufmerksamkeit, aber das war genug. Als er wieder nach vorn blickte, sah er vor sich plötzlich Blaulichter. Im Verkehrskreisel am Opel-Haus hatten sich gerade eben zwei Streifenwagen postiert, und die Polizisten errichteten eine provisorische Straßensperre.

Alexander riss das Steuer herum und raste gegen die Fahrtrichtung in den Kreisverkehr hinein. Für eine Sekunde verlor der Wagen die Bodenhaftung und schrammte mit dem Unterboden über den Kantstein. Er hob ab, und als die Räder auf der anderen Seite wieder auf den Asphalt trafen, rutschte der Mazda elegant an dem einen Polizeifahrzeug vorbei, das die Fahrbahn noch nicht ganz blockiert hatte, und befand sich nun auf der richtigen Fahrbahn Richtung Raglamyr.

Alexander hatte erschrocken das Steuer losgelassen, als der Mazda abhob, und umfasste es jetzt schnell wieder, damit er nicht in die Leitplanke krachte. Er streifte sie mit der rechten Seite und rang nach Atem. Seine Schultern zitterten. Als er an Raglamyr vorbeiraste, stellte er sich vor, was passieren würde, wenn die Polizei sein Zimmer in der Wohnung seines Vaters durchsuchte. Er beschloss, nach Kolnes abzubiegen, sobald er Toskatjønn passiert hatte. Dort gab es massenweise Stichstraßen, in denen er das Auto abstellen konnte. Er musste die Verfolger abschütteln, musste irgendwie ungesehen in die Wohnung kommen und alles aus seinem Zimmer holen. Vor allem den Laptop.

Das Tempo lag gefährlich nahe an der Höchstgeschwindigkeit, als er durch die lange Kurve vor der Mautstation bei Toskatjønn fuhr. Alexander begriff die Ausweglosigkeit der Situation. Zu beiden Seiten blinkten Blaulichter, und sie hatten Nagelmatten auf der Fahrbahn ausgelegt. Er stieg so heftig auf die Bremse, dass er glaubte, sein Fuß würde den Unterboden durchtreten.

Die Räder blockierten nicht, aber der Asphalt war glatt vom Regen, und der Wagen schien nicht langsamer zu werden, während er auf die Nagelmatten zurutschte. Es knallte zweimal fürchterlich, als er über die Matten fuhr, und das Lenkrad hatte auf einmal ein Eigenleben. Der Mazda schlingerte wie wild, und Alexander versuchte verbissen zu lenken. Aber es half alles nichts. Er ließ das Steuer los, schlug die Hände vors Gesicht und schrie aus Leibeskräften, als der Wagen frontal auf die Felswand am rechten Straßenrand zuraste.

Karmsundgata, Haugesund Sonntagvormittag, 1. März

Es gibt kleine Zeitnischen in unserem Leben, in denen uns klar wird, dass alles, was wir über das Dasein wissen, eine Illusion ist. Dass die Wirklichkeit eine zweidimensionale Luftaufnahme ist, in der alle Details, die etwas bedeuten, zu grauen Schatten verwischt sind. In diesen Bruchteilen von Zeit begreifen wir, wie wenig wir wissen und wie hilflos wir sind.

Für Viljar Ravn Gudmundsson war dies ein solcher Augenblick. Im strömenden Regen dazustehen und mit anzusehen, wie der Sohn ihm das Auto stahl und davonraste, gab ihm das Gefühl völliger und allumfassender Ohnmacht. Als Lotte Skeisvoll sich zu ihm umdrehte und nach Antwort verlangte, hatte er keine. Das hier war unlogisch. Alexander würde so etwas nie tun. Und dennoch passierte es.

Viljar stand am Straßenrand und sah die Rücklichter seines Wagens am Ende des Vestevegen verschwinden. Lotte lief zu ihrem Auto und sprach dabei hektisch in ihr Funkgerät. Nach kurzem Zögern folgte Viljar ihr. Sie mussten Alexander stoppen, bevor er sich und andere in Gefahr brachte oder den nagelneuen Wagen zu Schrott fuhr. Lotte stieg ein und öffnete ihm die Beifahrertür.

Verwundert registrierte er, wie viel Zeit Lotte sich ließ. Sie schnallte sich an, justierte die Spiegel und kramte im Handschuhfach. Es kribbelte ihm in den Fingern, sich selbst ans Steuer zu setzen, und schließlich konnte er sich nicht mehr zurückhalten.

»Was machst du denn? Alexanders Vorsprung wird immer größer. Gib Gas, vielleicht können wir ihn noch einholen!«

»Nein.«

»Nein …? Was soll das heißen? Wir müssen ihn stoppen. Er hat ja noch nicht mal einen Führerschein!«

Lotte Skeisvoll ließ den Motor an, setzte in aller Ruhe aus der Parklücke zurück und fuhr in gemütlichem Tempo den Vestevegen entlang. Sie warf ihm einen Blick zu und legte ihm die Hand aufs Knie.

»Es ist nicht unsere Aufgabe, ihn zu stoppen, Viljar. Alle Streifenwagen sind verständigt, sie werden Alexander bei der nächsten Gelegenheit anhalten. Wir fahren hinterher. Mehr können wir im Moment nicht tun.«

Sie versuchte sich an etwas, das wohl ein beruhigendes Lächeln sein sollte, aber sie wirkte wie eine mitfühlende Bestatterin. Viljar wäre am liebsten aus dem Wagen gesprungen und hinter Alexander hergerannt. Er musste etwas tun. Irgendetwas, und nicht mit Lotte im Schneckentempo durch die Straßen schleichen. Selbst alte Opas mit Hut, Rollator und Überrollbügel hätten ungeduldig hinter ihr gehupt.

»Lotte, bitte … Ich schwimme ja schneller, als du fährst.«

Wieder dieses zweideutige Lächeln. Sie lehnte sich auf dem Sitz zurück und seufzte schwer. Hielt an der roten Ampel, um dann in die Karmsundgata abzubiegen. Der Regen trommelte auf die Windschutzscheibe. Die Scheibenwischer glitten langsam von einer Seite zur anderen, und die Autos zogen in gemächlichem Sonntagstempo an ihnen vorbei.

»Wir sollten versuchen herauszufinden, was deinen Sohn in Panik versetzt hat. Das ist das Beste, was wir tun können. Nicht hinter ihm herjagen und ihn noch mehr unter Druck setzen. Sie erwischen ihn früh genug, er kommt nicht weit.«

Viljar hob resigniert die Hände.

»Ich weiß wirklich nicht, was in ihm vorgeht. Ein ernsthaftes Gespräch mit ihm läuft im besten Fall so ab, dass ich rede und er grunzt. Gestern haben wir einen neuen persönlichen Rekord aufgestellt. Da hat er mir tatsächlich zweimal auf das geantwortet, was ich ihn gefragt habe.«

Auf Lottes Stirn erschien eine Falte. Sie sah ihn einen Moment nachdenklich an, ehe sie den Blick wieder auf die Straße richtete.

»Redet ihr denn nie miteinander? Er wohnt doch bei dir.«

»Lass gut sein, Lotte! Spiel hier nicht die Besserwisserin. Hast du jemals mit einem Jugendlichen zusammengewohnt, der Kopfhörerimplantate in den Ohren hat und in dessen Hand das Smartphone festgewachsen ist? Du kannst von Glück sagen, wenn du ganz selten mal ein Grunzen oder ein träges ›Was?‹ als Antwort kriegst. Ich erinnere mich vage, dass Alexander irgendwann vor ein paar Jahren mal einen ganzen Satz gesagt hat. Ich habe mir den Tag in meinem Kalender angestrichen.«

Viljar wusste, dass er ungerecht war, aber er hatte das Gefühl, sich gegenüber dieser kinderlosen Frau, für die eine schief eingesetzte Filtertüte in der Kaffeemaschine schon einem Verbrechen gleichkam, verteidigen zu müssen. Sie kamen bei Tonjer Skilt & Dekor vorbei und fuhren gerade auf der leicht abschüssigen Straße zum Verkehrskreisel, als der Polizeifunk zum Leben erwachte.

»An alle Einheiten … Wir haben das Objekt vor uns. Er fährt viel zu schnell.«

Lotte spannte die Kiefermuskeln an. Viljar konnte sehen, dass sie sich bemühte, Ruhe zu bewahren. Er selbst zitterte innerlich, und seine Beine schlugen wie Trommelstöcke auf die Fußmatte.

»Ruf ihn an!«

Sie nickte zu dem Telefon, das Viljar in der Hand hielt.

»Jetzt …? Er fährt doch, vielleicht landet er im Straßengraben, wenn er …«

»Würdest du bitte tun, was ich sage? Ruf ihn an! Bring ihn dazu anzuhalten.«

Viljar tippte die Kurzwahl an und hob das Handy ans Ohr. Er hatte keine Ahnung, was er sagen sollte, falls der Junge ranging, aber er brauchte nicht lange darüber nachzugrübeln. Als am anderen Ende abgenommen wurde, hörte er Alex nur brüllen. Lotte sah ihn fragend an, als er das Telefon sinken ließ.

»›Fahr zur Hölle‹, hat er geschrien … und mich weggedrückt.«

Viljar legte den Kopf in die Hände. Er spürte, wie die altbekannte Angst nach ihm griff und ihn in ein schwarzes Loch stoßen wollte, als sich wieder die Stimme über Funk meldete.

»Wir halten an. Das Objekt hat am Fußgängerüberweg vor dem Medienhaus einen Radfahrer angefahren. Der Radfahrer liegt auf der Gegenfahrbahn.«

Viljar wurde schwindlig vor Panik, Angst und Sorge. Erst als er die Seitenscheibe herunterließ, weil er frische Luft brauchte, merkte er, dass Lotte den Wagen an den Straßenrand gelenkt hatte und an der Esso-Tankstelle in der Karmsundgata hielt. Der Geruch von Diesel stach ihm in die Nase. Lotte saß wie versteinert am Steuer. Stumm.

»Lotte, fahr weiter! Alex hat jemanden angefahren!«