3,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 9,99 €
Was ist deine größte Angst?
Im norwegischen Haugesund lässt ein Serienmörder Albträume wahr werden: Er bringt seine Opfer genau auf die Art um, vor der sie sich am meisten fürchten. Eine Frau wird von Ratten getötet, die sich durch ihre Eingeweide fressen, während sie gefesselt am Boden liegt. Ein Mann, der gegen Wespengift allergisch ist, wird in seiner verschlossenen Garage von einem Wespenschwarm zu Tode gestochen. Der Journalist Viljar Ravn Gudmundsson und die Polizeibeamtin Lotte Skeisvoll ermitteln fieberhaft. Doch schon bald könnte ihre größte Angst sie einholen ...
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 518
Veröffentlichungsjahr: 2019
Buch
Ein halbes Jahr nach ihrem letzten Fall sind Viljar Ravn Gudmundsson und Lotte Skeisvoll in ihren Berufsalltag zurückgekehrt. Lottes Suspendierung wurde aufgehoben, doch sie ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Dennoch braucht sie nun all ihre Kraft, denn in Haugesund geht ein Serienmörder um: Im Abstand von wenigen Tagen stirbt eine Reihe von Menschen eines grausamen Todes. Eine Frau wird von Ratten getötet, die sich durch ihre Eingeweide fressen, während sie festgenagelt und gefesselt im Werkraum einer stillgelegten Schule liegt, und ein Mann, der gegen Wespengift allergisch ist, wird in seiner verschlossenen Garage von einem Wespenschwarm zu Tode gestochen. Bald stellt sich heraus, dass es zwischen den Opfern eine Verbindung gibt: Vor zwanzig Jahren waren sie der Kern einer Freundesclique, zu der auch Lotte Skeisvoll gehörte. Und möglicherweise hat der Mörder sie schon im Visier …
Autor
Geir Tangen betreibt Norwegens größten Krimiblog, Bokbloggeir.com, auf dem er seit 2012 Thriller und Spannungsromane rezensiert. Er lebt im norwegischen Haugesund, wo ihm auch die Idee zu seiner Trilogie über die Polizeiermittlerin Lotte Skeisvoll und den Journalisten Viljar Ravn Gudmundsson kam.
Außerdem von Geir Tangen erschienen:
Seelenmesse. Thriller (Haugesund 1)
Totenfest. Thriller (Haugesund 2)
(alle auch als E-Book erhältlich)
Geir Tangen––––––––––––––––––––––––––––
Höllenangst
Thriller
Aus dem Norwegischenvon Dagmar Lendt
Die norwegische Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel »Død manns tango« bei Gyldendal Norsk Forlag.
Die Bibelzitate entstammen den Ausgaben der Lutherbibel von 1912 und 2017.
Die Zitate aus George Orwells »1984« entstammen folgender Ausgabe: George Orwell, 1984. Übersetzt von Michael Walter. Ullstein 2004. Abdruck mit freundlicher Genehmigung.
Dieses Buch wurde mit finanzieller Unterstützung von NORLA übersetzt.
Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen. Dieses Buch ist auch als E-Book erhältlich.
Deutsche Erstveröffentlichung Oktober 2019
Copyright © der Originalausgabe 2018 by Gyldendal Norsk Forlag AS
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2019
by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München
Published by agreement with Ahlander Agency
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München
Umschlagmotiv: gettyimages / James O’Neil; FinePic®, München
Redaktion: Julie Hübner
AG · Herstellung: ik
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN: 978-3-641-25280-9V001
www.goldmann-verlag.de
Besuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz
Für meine liebe Agnes.
Ohne dich wären die Bücher nie geschrieben worden.
»Sie haben mich einmal gefragt, was in Zimmer 101 wäre. Ich sagte Ihnen, Sie würden die Antwort bereits kennen. Jeder kennt sie. In Zimmer 101 erwartet einen das Schrecklichste von der Welt.«
George Orwell, 1984
Der tote Mann winkte mir vom Schotterweg an der alten Schule zu.
Seine Hand war zum Gruß erhoben. Er stand lässig da, den Körper gegen die Autotür gelehnt, wie ich ihn schon viele Male zuvor gesehen hatte. Das sonnengebleichte Haar hing ihm in die Augen. Zum Greifen nah.
Ich lief sofort los, als er anrief. Aus der Tür und den kleinen Weg hinauf. Der weiße Leinenrock flatterte um meine Beine, während ich rannte. Ich sah hoch in einen weiten blauen Himmel und ließ mir die Sonne ins Gesicht scheinen. Damals, als er verschwunden war, hatte ich mich geweigert, an seinen Tod zu glauben, und jetzt schwebte die Rettung wie eine Feder vom Himmel auf mich herab.
Da, direkt vor meinen Füßen, stand er.
Eine Idee kräftiger. Eine Spur rauer. Groß, breitbeinig und mit einem schiefen Lächeln auf den Lippen. Ein Hauch von Wehmut, wie ein Echo aus einem Leben, das mitten in einem Lied aufhörte. Mit zitternden Händen reckte ich mich ihm entgegen und ließ mich umarmen. Ich hatte gewagt zu hoffen. Hatte gewartet, als die Zeit stillstand. Aber die Zeit ist kein Dieb, sie ist ein Geschenk … Und jetzt war er hier. Hier bei mir.
»Vergib mir«, sagte ich, als er mich mit sicherer Hand in den Schatten des alten Schulhauses führte.
Er blickte auf mich herunter. Lächelte mich an. Strich mir übers Haar, bevor er antwortete:
»Nein …«
Der tote Mann mochte keinen Tango, aber tanzen konnte er. Die Bewegungen waren nicht mehr ganz so geschmeidig, doch für einen Toten war er bemerkenswert vital und geistesgegenwärtig. Es gibt tote Menschen in allen erdenklichen Ausgaben. Die Mausetoten. Die längst Begrabenen. Oder solche wie ihn, die lebenden Toten. Menschen, deren Tod in Granit gemeißelt wurde, die aber immer noch den einen oder anderen Spaziergang unter den Lebenden unternehmen.
An diesem Tag hätte er einen kühlen Sarg der mörderischen Sonnenglut vorgezogen. In dem schläfrigen kleinen Ort Fjæra am inneren Ende des Åkrafjords, eine knappe Autostunde östlich von Haugesund, stieß das Thermometer an die Dreißiggradmarke.
Er saß auf einem zerbrechlichen Plastikstuhl und wischte sich salzige Schweißtropfen aus den Augen. Mächtige Berge erhoben sich zu beiden Seiten des Fjordarms. Monumentale Riesen, die jeden einzelnen Sonnenstrahl einfingen und im engen Tal festhielten. Die Blätter der Espe auf dem Hof bewegten sich kaum, und bei der stillgelegten Schule war nicht eine lebende Seele zu sehen. Auch keine tote, außer ihm selbst. Der Ort wirkte verlassen, war es aber nicht. Ein Bauernhof in der Senke wurde anscheinend bewirtschaftet, und einige der Häuser unten im Tal wirkten gepflegt. Davon abgesehen schien die Abwesenheit von Leben das Auffälligste an dem winzigen Flecken zu sein. Fjæra war ein gottverlassenes kleines Kaff in einer kleinen Ecke des Universums. Hierher kam niemand.
Der tote Mann versenkte die nackten Fußsohlen im Gras, streckte die Beine ein wenig und spreizte die Zehen. Er betrachtete die Fischzuchtanlage von Marine Harvest unten in Åkrabotn. Es war Urlaubszeit, daher arbeiteten sie in dem Betrieb mit Minimalbesetzung. Seit Stunden schon regte sich in der Anlage nichts mehr. Der Mann verteilte eine weitere Handvoll Sonnencreme auf seinem Oberkörper und bemerkte dabei, dass die leichenblasse Haut langsam einen rötlichen Schimmer annahm.
Er hob den Kopf und lauschte, konnte schwach ihr Wimmern hören, ließ sich davon aber nicht beirren.
Der Mann legte den Kopf zurück und atmete tief ein. Die Luft war so heiß, dass sie in der Lunge stach und in den Nasenlöchern brannte. Er versuchte, einen klaren Kopf zu bekommen, indem er das lauwarme Wasser aus der Flasche neben seinem Stuhl in sich hineinschüttete, bevor er sich mit einem Handtuchzipfel das Gesicht abtrocknete, aufstand und die Gelegenheit nutzte, einen Blick durchs Fenster auf die lebende Leiche zu werfen, die drinnen auf den Holzdielen lag.
Meine Liebste. Dein Verrat ist mein Schmerz.
Sie drehte den Kopf, und leises Winseln fand seinen Weg durch Risse im Holz nach draußen. Es war Zeit, sie heimzuholen, aber noch genoss er den Aufschub. In seiner Welt existierte Zeit nicht, und er konnte es sich gönnen, im Augenblick zu verweilen. Er straffte die Schultern, drehte sich um und betrachtete die Aussicht auf den glitzernden Fjord und die Berge.
Der Verrat. Sie war die Erste. Hinter ihr standen die übrigen Sünder verborgen in den Ecken. Erniedrigung. Feigheit. Verachtung. Falschheit. Und Hochmut. Sie hatten ihn dargebracht wie ein Opfer auf Korahs alttestamentarischem Altar. Rückblickend betrachtet, hätten sie ihn natürlich einäschern müssen. Danach war es immer schwieriger, von den Toten aufzuerstehen. Der tote Mann stieg auf den Stuhl und rief über das menschenleere Tal:
»Über Korah und seine Männer steht geschrieben: ›Und sie fuhren hinunter lebendig in die Hölle mit allem, was sie hatten, und die Erde deckte sie zu.‹«
Das Echo wurde von den nackten Felswänden zurückgeworfen. Als der letzte Ton in der Ewigkeit verklang, stieg er vom Stuhl und verbeugte sich andächtig vor dem Publikum.
Er wanderte rastlos über den Schulhof, bis er wieder vor dem Fenster zum Werkraum stand. Der Mann ließ den Blick auf seiner Liebsten ruhen. Sah, wie die stabilen Nägel in den Handflächen es ihr unmöglich machten, sich zu schützen. Die Beine waren gespreizt und straff an Eisenringen festgebunden, die in den Fußboden geschraubt waren. Niemand würde sie vermissen. Nachbarn gab es kaum. Keine Kinder, keine nahen Familienangehörigen. Sie hatte nie jemand anderen gehabt als ihn.
Der Verrat war deshalb eine natürliche erste Wahl. Ohne sie hätte er es geschafft. Er hätte sich hochgekämpft – vorwärts, und seinen Platz unter den Lebenden behauptet.
Er öffnete den obersten Knopf des abgenutzten Blaumanns, ging zum Auto, lud die letzten Rollen Glaswolle aus und trug sie ins Schulhaus. Er hatte keine Eile. Die Gefahr, dass jemand Ende Juli am Schulgebäude vorbeikam und eine geknebelte Frau in Todesangst wimmern hörte, war minimal. Den winzigen Funken Hoffnung, den sie rein statistisch haben konnte, würde er dadurch zunichtemachen, dass er im Raum war. Ein großer, abgenutzter Stressless-Sessel stand in der einen Ecke des Werkraums. Er ließ sich hineinfallen und spürte, wie der weiche Stoff seinen Körper umfing.
Sie konnte ihn nicht sehen, aber er wusste, dass sie ihn hörte. Vorsichtig ging er neben ihr auf die Knie. Nah genug, dass sie seine Anwesenheit ahnte. Den Duft, die Nähe … Sie rang nach Luft und wandte ruckartig den Kopf ab. Der tote Mann beugte sich vor, neigte sich ganz dicht an ihr Ohr und flüsterte:
»ImAngesicht von Schmerzen gibt es keine Helden …«
Signe Røyrvik schloss die Augen. Ihr Kopf dröhnte. Die Oberarme waren gefühllos, aber der von den Handflächen ausgehende Schmerz schnitt sich in sie hinein und ließ sie keuchen. Aus den Augenwinkeln hatte sie sehen können, dass ihre Hände am Holzfußboden festgenagelt waren. Die Beine waren zu beiden Seiten gespreizt und ebenfalls festgezurrt. Im Unterleib spürte sie ein leichtes Kribbeln. Etwas zwickte sie dort unten, wie Schwarzfliegen bei Wetterumschwung. Es juckte. Sie hörte leise Schmatzgeräusche und vermutete, dass irgendwo im Raum ein Tier sein musste.
Ihr Mund war geknebelt. Der Hals staubtrocken. Ein Zipfel des Knebels hing direkt unter ihrer Nase und bewegte sich bei jedem Atemzug. Sie roch ihre eigene Angst. Ihre Tränen waren in den Augenwinkeln zu hartem Schorf erstarrt. Neue Angsttränen krochen daran vorbei, fanden Wege an den Ohren entlang und nässten das lange Haar, das im Nacken klebte.
Sie atmete in flachen, kurzen Zügen. Ihr Blick richtete sich an die Decke. Weiße Neonröhren waren alles, was sie sehen konnte. Sie versuchte, ihre Angst zu bezwingen und sich zu konzentrieren. Sie hatte sich täuschen lassen, und ihre Warnleuchten hatten nicht geblinkt. Kein einziges Mal. Die zärtlichen Küsse im Nacken, als er sie umarmt hatte. Die Hand, die über ihr Haar strich. Die ruhige, feste Stimme, die sie so gut kannte. Eine Honigfalle …
Abendluft wehte durch eine offene Tür oder durch ein Fenster herein, und ein kühler Hauch strich über ihre nackten Schenkel. Sie zitterte am ganzen Körper, aber am schlimmsten war die Kälte in ihr selbst.
Die Angst kam in Wellen. Lähmte sie. Brachte sie dazu, panisch zu atmen. Unter dem Knebel zu schreien. Als sie versuchte, den Körper anzuspannen und sich wegzudrehen, schlug der Schmerz aus den Handflächen zu. Irgendwie war das beinahe vorzuziehen.
Am Rand ihres Gesichtsfelds konnte sie vier Werkbänke erkennen. Sie schloss die Augen wieder und sah plötzlich hinter den Lidern sich selbst, wie sie, von oben betrachtet, aussehen musste. Wie er sie sah. Er war dort irgendwo. Verbarg sich die meiste Zeit im Dunkeln, aber sie konnte ihn riechen.
Signe hatte keine Zweifel gehabt, als er anrief. Er war es wirklich. Die Stimme, die seit bald zwanzig Jahren durch ihre Träume geisterte. In diesen Träumen hatte sie ihn um Vergebung gebeten und sie erhalten, aber sie hätte es besser wissen müssen. Ihr hätte klar sein müssen, dass nichts so war, wie es sein sollte. Tote riefen nicht an …
Sie konnte hören, dass er aufstand, um sie herumging und einen Moment stehenblieb. Dann bückte er sich und hob eine Arbeitslampe hoch. Das Licht blendete sie, und sie drehte den Kopf weg. Plötzlich spürte sie, wie etwas Scharfes, Eiskaltes und Hartes auf ihren Bauch gedrückt wurde. Sie schrie unter dem Knebel, aber der Laut drang kaum in den Raum hinaus.
Signe kämpfte gegen den Wahnsinn. Machte sich darauf gefasst zu sterben, so wie wir Menschen es tun, unmittelbar bevor wir nach einem Sturz aus großer Höhe auf den Boden treffen, oder wenn wir, nach einem Sekundenschlaf am Lenkrad, urplötzlich in die Scheinwerfer eines entgegenkommenden Sattelzugs blicken. Du stehst am Ende deines Wegs. Vor dem absoluten Ende. Du denkst nicht darüber nach, was dich auf der anderen Seite erwartet. Kein Gedanke an Himmel oder Hölle. Kein Hoffen auf ein Licht am Ende des Tunnels. Für Signe war es sowieso egal. Die Hölle war genau hier – genau jetzt.
Das blendende Licht der Lampe verschwand. Der Mann stand direkt vor ihr und hielt etwas in die Höhe, das unter seinem Griff um den langen Schwanz zappelte. Ihr Herz hörte auf zu schlagen, die Luft wollte nicht in die Lunge hinein, und sie verlor für einige Sekunden das Bewusstsein.
Ratten geben nicht viele Laute von sich, aber ihr Anblick sagt dir alles, was du wissen musst. Schleichende, schnüffelnde, krabbelnde Kreaturen, die auf der Suche nach Futter alles anfressen.
Der Mann rüttelte an dem Gestell, das auf ihren Bauch geschnallt war. Prüfte, ob es fest saß. Signe riss und zerrte, um die Hände von den Nägeln zu befreien. Ihre Schreie kamen nicht mehr aus der Kehle, sondern aus den tiefsten Winkeln ihres Körpers, in denen die Angst zu Hause ist. Das Gestell auf ihrem Bauch war weit mehr als das, was ein Mensch an Bosheit hinnehmen kann. Ein langgezogenes Heulen brach aus ihr heraus, als sie die kratzenden Pfoten auf ihrem Bauch spürte.
Sie hob den Kopf und blickte direkt auf das höllische Ding. Ein Käfig ohne Boden, darin eingesperrt drei fette Ratten. Haarige, ausgewachsene Ratten, für die es keinen anderen Weg in die Freiheit gab, als sich durch ihren Körper zu fressen.
Der Mann setzte sich daneben und begann, mit einer Eisenstange gegen den Käfig zu schlagen. Die Ratten gerieten in Panik, sie quiekten, kratzten und bissen wild um sich. Signe schrie und schrie, bis nichts mehr zu hören war als ein tonloses Flüstern von geborstenen Stimmbändern.
Der Journalist Viljar Ravn Gudmundsson rieb sich die müden Augen. Vor den Panoramafenstern des Medienhauses kroch der Freitagnachmittagsverkehr langsam dahin, während sommerlich gekleidete Jugendliche auf Fahrrädern vorbeirasten. Er hörte das Lachen von Kollegen in Wochenendlaune, deren Arbeitstag in fünf Minuten zu Ende sein würde. Für viele von ihnen brach damit der Urlaub an. Die Kollegen, die in der Stadt geboren und aufgewachsen waren, wählten immer den August. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Juli in Haugesund verregnet war, lag irgendwo zwischen 1,2 und 1,3. Jedes Jahr.
Viljar selbst hatte vor, auf den Urlaub zu pfeifen. Vor vier Monaten hatte ihm ein Neonazi das Knie zerschossen, und die Reha im Krankenhaus war eine wahre Schmerzenshölle gewesen. Viljar Ravn Gudmundsson war erst zweiundvierzig, fühlte aber, dass er an jenem Abend im Valhall Pub den Geist der Harry Potterschen Dementoren eingeatmet hatte. Er war in letzter Minute gerettet worden. Trotzdem wurde er seit diesem schicksalhaften Abend von düsteren Gedanken, Angst und Furcht gequält.
Im Medienhaus hatte er seine Ruhe und konnte die dunklen Gedanken verdrängen. Die Leute waren klug genug, Abstand zu halten, und er hatte nicht vor, sie in absehbarer Zeit zum Plaudern einzuladen. Außer seinem Sohn, dem siebzehnjährigen Alexander, war »Jossen« einer der wenigen, deren Gesellschaft Viljar ertrug. Johannes Sevland war ein klappriger Ex-Junkie, ein verlotterter Moderator bei Radio 102 und ein langmähniges Relikt aus einer Zeit, in der Männer mit Koteletten wesentlich besser sangen, als sie aussahen. Jossen war an den Rollstuhl gefesselt, seit er vor fünfzehn Jahren mit dem Heroin Schluss gemacht hatte, und weitaus heller im Oberstübchen, als es die Leute ihm zutrauten.
In den vier Wochen, die vergangen waren, seit Viljar zurück ins Büro gehumpelt kam, hatten er und Jossen Tag und Nacht gearbeitet.
Der Titel der neuen Podcast-Serie des Radiosenders leuchtete Viljar vom Monitor entgegen: »Spurlos verschwunden«. Nicht gerade die kreativste Überschrift der Welt, aber das kam eben dabei heraus, wenn Chefredakteur Johan Øveraas meinte, er als Chef müsse sich mehr in das Tagesgeschäft einbringen. Offenbar hatte er die Bedeutung von »Inklusion am Arbeitsplatz« missverstanden, auf die der Medienbetrieb setzte und nach deren Prinzip »ausrangierte Mitarbeiter« noch etwas länger in Lohn und Brot gehalten werden sollten.
Die fantasielose Überschrift des Chefredakteurs hatte allerdings nicht verhindert, dass die Serie zum größten Interneterfolg des Senders seit vielen Jahren geworden war. Der Podcast, in dem Jossen und Viljar alte Vermisstenfälle aus der Region Haugaland ausgruben, hatte im Laufe des letzten Monats abenteuerliche Streamingzahlen erreicht – auch landesweit.
Das Konzept war denkbar schlicht: Sie griffen einen mysteriösen Cold Case aus den letzten zwanzig Jahren auf, tauchten in das Leben des Vermissten ein, ließen das Drama wiederauferstehen, interviewten Angehörige und Polizeiermittler. Danach kratzen sie irgendetwas zusammen, was nach neuen Erkenntnissen in diesem Fall roch, und all das veröffentlichten sie am selben Tag online und in der Zeitung.
Um es mit Jossens eigenen Worten zu sagen: »Das ist womöglich noch mieserer Journalismus, als es im Ursprung miese Polizeiarbeit war.«
Er hatte recht. Es war spekulativ und wenig feinfühlig, lockte aber Hörer an und verkaufte Zeitungen.
Kein Wunder, dass der korpulente Chefredakteur Jossen in sein Herz geschlossen hatte. Viljar wusste, dass Jossen insgeheim mehr für diese Vermisstensachen brannte, als er es sich anmerken ließ. Einige der Verschwundenen waren seine Freunde gewesen, damals, als er noch unter der Risøybrücke gehaust hatte und ein Schäferhund seine Bettdecke gewesen war. Viljar wiederum wusste nicht genau, was er selbst von dem Konzept hielt. Er war einfach froh, dass er mit keinem der anderen Journalisten im Haus zusammenarbeiten musste.
Zehn Wochen – fünf Vermisstenfälle. Das Arbeitspensum hätte die meisten umgehauen, aber für Viljar war die Beschäftigung rund um die Uhr das Einzige, das seine Gedanken von dem ablenken konnte, was ihm passiert war. Eine Sache war, dass man ihn angeschossen hatte und Alexander am selben Abend beinahe getötet worden war. Viel schlimmer war der Gedanke daran, dass er sich selbst zum Mörder gemacht hatte. Eines Nachts hatte Viljar an der Lillesundschule den Neonazi Geirmund Bakken umgebracht. In dem Fall wurde noch ermittelt, aber die Polizei forschte in allen anderen Schränken, nur nicht in seinem, wofür er sich bei Kommissarin Lotte Skeisvoll bedanken konnte. Sie hatte ihre ganze Karriere aufs Spiel gesetzt, um seinen Arsch zu retten.
Jossen wusste nichts von dem Drama, aber er hielt die wachen Nächte besser aus als andere Leute. Der Mann behauptete hartnäckig, er habe keine Nacht mehr durchgeschlafen, seit Neil Young im Jahr 1975 Crosby, Stills & Nash verließ. Damals war der kleine Johannes Sevland drei Jahre alt gewesen und ein großer Fan.
Der Podcast und die Zeitungsreportagen erregten vom ersten Tag an viel Aufmerksamkeit. Was zum großen Teil Jossens Dickkopf zu verdanken war. Er hatte darauf bestanden, schon in der ersten Sendung anzukündigen, welche Fälle sie in diesem Sommer und Herbst untersuchen würden. Die Reaktion darauf war überwältigend. Das Medienhaus wurde überschüttet mit Tipps und Hinweisen.
Das Großraumbüro leerte sich und versank in einen schläfrigen Wochenendmodus. Nur die eine oder andere Urlaubsvertretung hielt noch die Stellung und ein frustrierter Sportredakteur aus Jæren, der ein Wochenende voller stinklangweiliger Norway-Cup-Reportagen vor sich hatte, die er schreiben musste, bevor er ausstempeln konnte. Der Einzige, der außer Jossen und Viljar noch am Schreibtisch saß, war Kulturjournalist Henrik Thomsen. Das Sildajazz-Festival startete in fünf Tagen, und der großgewachsene Mann saß zusammengekrümmt auf einem viel zu kleinen Bürostuhl und hämmerte etwas in die Tastatur, was vermutlich im Voraus verfasste Konzertkritiken waren.
Viljar hatte seit gestern Abend nichts mehr gegessen. Er spürte, wie der Hunger ihm Löcher ins Gedärm fraß, und griff nach seiner Zigarettenschachtel. Jossen rollte hinter ihm her zum Aufzug. Sie hatten ein Arbeitsintervall entwickelt, mit dem sie beide hervorragend zurechtkamen. Vierzig Minuten Arbeit, zwanzig Minuten Zigarettenpause. So konnten sie sechzehn bis achtzehn Stunden am Tag durchhalten. Essens- und Pinkelpausen waren zweitrangig.
Im Aufzug sprach Viljar einen Gedanken aus, der ihm schon den ganzen Tag durch den Kopf ging.
»Die Leute rufen immer noch zu unserem ersten Fall an, dem von Jens Eivind Brekke. Nachdem wir das Phantombild in der Zeitung veröffentlicht hatten, haben ja mehrere geglaubt, sie hätten ihn gesehen. Seine Familie hat einen Privatdetektiv beauftragt. Sollten wir den Zeichner nicht auch für die übrigen Fälle anheuern?«
»Das Phantombild, das aussieht wie Angela Merkel? Das könnte ja nun wirklich jeder sein. Egal, ob Männlein oder Weiblein.«
Diesen Fall als Erstes zu senden, hatte sich als Glücksgriff herausgestellt. Fußballnationalspieler Brekke war beim FK Haugesund gewesen, als er 1998 verschwunden war, sein Name war immer noch landesweit bekannt, und sein Verschwinden wirkte wie ein gordischer Knoten. VG und Dagbladet hatten einen Tag nach Haugesunds Avis groß über den Fall berichtet. Jossens Podcast zwang die Server des Medienhauses in die Knie.
Der Parkplatz draußen lag in der sengenden Sonne und Viljar versuchte, das halblange Haar zum Pferdeschwanz zu binden, ohne dass es ihm gelang. Dünne Haarsträhnen fielen ihm sofort wieder ins Gesicht. Der Asphalt dampfte, es roch nach Sommer, Flieder und Tabak.
»Viljar … Dieser Illustrator ist offenbar auf Speed. Die Sachen, die wir auf Halde haben, sind so gut, dass wir seine Kopffüßler nicht brauchen, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Du weißt, was du an diesem Wochenende zu tun hast, oder?«
Viljar seufzte und vergrub die Hände in den Taschen seiner Shorts. Die Zigarette in seinem Mundwinkel wippte auf und ab, während er sprach, etwas von der Glut fiel herunter und landete direkt über seinem Bauchnabel.
»Ja, weiß ich. Ich soll Lotte dazu bringen, über den Hollekim-Fall zu reden, aber das ist verdammt viel schwieriger, als du dir das vorstellst. Sie steckt in einem schwarzen Loch des Universums, dem ich ungern zu nahe kommen will.«
Sigve Hollekims Verschwinden im Jahr 1998 war einer der Fälle, die fast sendebereit waren, sie brauchten noch ein paar Interviews. Kommissarin Lotte Skeisvoll hatte es kategorisch abgelehnt, ihr fester Polizeikontakt in der Serie zu sein, und sie hatte Viljar jedes Mal abblitzen lassen, wenn er versucht hatte, Kontakt zu ihr aufzunehmen. In der letzten Zeit hatte sie sich völlig abgekapselt. Lehnte alle Gespräche ab, ließ Verabredungen platzen, antwortete nicht auf SMS.
Viljar konnte verstehen, dass sie sich zurückzog, aber Jossen wusste nichts von den Ereignissen an der Lillesundschule. Er hatte keine Ahnung, welcher Dämon sie ritt.
»Du musst es versuchen, Viljar. Wir brauchen sie bei dem Fall.«
»Ich kann nichts garantieren, Joss. Sie meidet mich wie die Pest.«
Jossen warf sein langes graues Haar zurück und blies dicken Rauch aus den Nasenlöchern.
»Wenn du eine Garantie willst, kauf dir einen Toaster. Kannst du es nicht einfach versuchen, Viljar? Ihr seid doch Freunde?«
Viljar streckte den Kopf leicht vor, ließ die Kippe aus dem Mundwinkel fallen und trat sie aus. Ihm blieb nichts anderes übrig, als es noch einmal zu versuchen, in der Hoffnung, dass sich ihr Horizont seit dem letzten Mal ein wenig aufgehellt hatte. Er konnte Jossen ja nicht sagen, was sie quälte. Viljar stützte sich mit der einen Hand auf seinen Stock und mit der anderen auf den Rollstuhl, beugte sich hinunter und flüsterte die Worte, von denen er wusste, dass Jossen darauf wartete.
»Das mit dem Toaster … Ist das von Clint Eastwood? Der Anfänger, 1991?«
Jossen grunzte zufrieden und grinste in die Sonne.
»Nicht schlecht, Viljar. Du machst dich. Aber ’91 ist der Film in Norwegen rausgekommen. In den USA ein Jahr früher.«
Lotte Skeisvoll umfasste den Grabstein mit beiden Händen und lehnte die Stirn an den eiskalten Marmor. Ein würziger Duft von Westlandsommer stieg von dem frisch gemähten, regennassen Gras zwischen den Gräbern auf, aber sie bemerkte es kaum. Verbissen grub sie die Finger in den schwarzen Mutterboden und häufelte ihn um die weißen Margeriten. Das Wasser färbte die Erde dunkler, und die Margeriten hoben sich gegen all das Schwarz ab. Eine stumme Rebellion. Die Schuldgefühle zerrissen Lotte, ihr war, als sei bald nichts mehr von ihr übrig. Irgendwann im Frühjahr hatte sie aufgehört zu weinen, aber sie wusste nicht mehr genau, wann.
Lange hockte sie so da, bis ihre Knie versagten und sie sich hinsetzen musste. Immer wieder strich sie mit den Fingern behutsam über die weißen Buchstaben:
Anne Skeisvoll
geb. 11.06.1987
gest. 20.10.2014
Der schwarze Oktobertag in Haraldsvang hallte in ihren trauerschweren Gedanken nach. Der Kopf ihrer Schwester, aufgespießt auf einen Pfahl … Dieser Anblick hatte sich in ihre Netzhaut gebrannt. Der Geruch welken Herbstlaubs und das Geräusch strömenden Regens krochen in sie hinein, sobald sie versuchte, das grausame Bild zu verdrängen.
Am schwersten für einen Trauernden seien die Feiertage, hieß es. Das erste Weihnachtsfest, der erste Silvesterabend, der erste Geburtstag … Aber das stimmte nicht. Am schlimmsten war es, wenn im Radio ein Lied gespielt wurde, das sie mit ihrer Schwester verband; der erste warme Sommertag, wenn die geplagten Seelen der Stadt aus ihren Pappkartons unter der Risøybrücke hervorkrochen, sich aufrichteten und in den Himmel lächelten; oder wenn sie an der Bäckerei Haugli in der Haraldsgate vorbeikam, dem Café, in dem sie sich immer getroffen hatten, und sie noch einmal die Freude in Annes Augen über eine spendierte, frisch gebackene Zimtschnecke erlebte. Dann kam die Schwermut. Tagelanges Dahinwandern in düsteren Grautönen, ein heiliges Ritual, bei dem sie sich für das geißelte, was geschehen war. Es war ihre Ermittlung gewesen, die gescheitert war. Es war sie gewesen, die übereilte Schlüsse gezogen hatte und sich vom Mörder hatte in die Irre führen lassen. Sie hätte etwas tun können. Etwas tun müssen …
Lotte hob den Kopf. Sie war mit ihren Gedanken wieder zurück auf dem Friedhof und sah hinüber zu der weißen Bank, die an der Mauer der Kapelle stand. Ein dünner, schlaksiger Mann hatte sich dort hingesetzt, offenbar ohne sich um den Regen zu kümmern, der dafür sorgte, dass ihm die halblangen Haare am Gesicht klebten. Lotte brauchte nur den Spazierstock zu sehen, der an der Bank lehnte, um zu wissen, wer das war. Sie spürte einen Stich in der Brust und atmete durch den Mund, wie die Therapeutin es ihr geraten hatte. Für einen kurzen Moment war das Einatmen und Ausatmen alles, was existierte.
Lotte zwang sich, den Blick von dem Mann auf der Bank abzuwenden. Manisch klopften ihre Hände die Erde um die gerade gepflanzten Margeriten fest, bis sie aussah wie frisch gewalzter Asphalt.
Eine schwarze Krähe flog von einem der Grabsteine auf und stieß einen heiseren Schrei aus, während sie die Krone einer Birke auf der Rückseite der Kapelle ansteuerte. Oder vielleicht wollte sie sich auch auf einem der beiden Laternenmasten niederlassen, die mit gesenkten Köpfen am Weg standen. Gebeugt, aber dennoch aufrecht, wie in einer Art ehrfürchtiger Verneigung vor all dem gelebten Leben, das seine letzte Ruhe in diesem Hain gefunden hatte.
Ihre Beine zitterten, als sie sich erhob. Wie lange sie am Grab gewesen war, wusste sie nicht. Sie verlor immer das Zeitgefühl, wenn sie hier war. Irgendwann Ende Mai war sie sogar einmal vor dem Grabstein eingeschlafen und von einer besorgten älteren Dame geweckt worden, die dachte, sie sei tot.
Wenn es doch nur so wäre, dachte Lotte und lockerte die steifen Füße. Strich ein letztes Mal mit der Hand über den Stein. Stand eine Weile da, bückte sich und rückte eine der Margeriten zurecht. Fünf Margeriten, gepflanzt in einem Muster, das einen fünfzackigen Stern bildete, wenn man die Blumen mit gedachten Linien verband. Wer etwas von Numerologie verstand, wusste, dass die Zahl Fünf für den aktiven, rastlosen, freiheitsliebenden und wagemutigen Abenteurer stand. Das war Anne gewesen. Sie hatte es geliebt, Risiken einzugehen. Alles auszuprobieren. Das Leben auszukosten, jeden einzelnen Tag. Ihr hätte die Symbolik gefallen. Und sie hätte es gehasst, dass Lotte meinte, etwas so Freies müsse durch eine rigide geometrische Figur ausgedrückt werden.
Lotte wäre am liebsten einfach gegangen, aber sie konnte Viljar nicht ignorieren. Er saß zusammengesunken auf der Bank, die Beine respektlos von sich gestreckt. In seinem Mundwinkel hing natürlich eine gerade angezündete Zigarette. Lotte spürte den immensen Drang, ihn aufzurichten und mit dem Spazierstock zu verdreschen, wusste jedoch, dass es nichts nützen würde.
Viljar hatte in den letzten Wochen mehrmals versucht, Kontakt zu ihr aufzunehmen, aber sie konnte nicht. Schon beim Anblick dieses Mannes, auf den sie sich im vergangenen Jahr versucht hatte zu stützen, sträubte sich alles in ihr. Jedes Mal, wenn sie ihn sah, war der unverzeihliche Verrat wieder gegenwärtig. Viljar hatte sie dazu gebracht, sich selbst zu verlieren. Sich über das Gesetz zu stellen. Gegen sämtliche Regeln der Polizei zu verstoßen. All das nur, um diesem Hampelmann den Arsch zu retten.
An diesem Tag war er offenbar zu demselben Schluss gekommen wie ihre Vorgesetzten auf der Dienststelle. Wenn sie zu Hause nicht anzutreffen war, lag es nahe, sie auf dem Friedhof zu suchen. Sie stellte sich vor ihn hin. Fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und setzte eine strenge Miene auf. Förmlich, gefühllos und unangreifbar. Das war es, was sie war.
»Viljar Ravn Gudmundsson. Was machst du hier? Darauf warten, dass du an der Reihe bist?«
Viljar ließ sich nicht beirren. Was sie auch nicht erwartet hatte.
»Jetzt spiel hier nicht die Coole. Geht es dir gut, Lotte? Ich habe versucht, dich anzurufen … War auch ein paarmal bei dir. Ich dachte eigentlich, wir wären Freunde. Gibt es einen besonderen Grund, dass du mir aus dem Weg gehst?«
Lotte überlegte, ob sie ihm die Wahrheit sagen oder eine Ausrede erfinden sollte. Viljar Ravn Gudmundsson war alles, was sie jetzt nicht brauchte.
»Ja. Du stellst jedes Mal mein Leben auf den Kopf, wenn du mich in irgendwas reinziehst. Ich brauche System, Ordnung, Sicherheit und Struktur. Du lebst, als stündest du mit einem Fuß im Grab, während du mit dem anderen in den Wolken tanzt.«
Zu ihrem Ärger antwortete Viljar mit einem Grinsen. Er verstand ihren Wink auch diesmal nicht.
»Lotte … Ich bitte dich! Sei nicht albern. Wir sind kein Liebespaar. Ich bin dein Freund, du kannst mit mir über alles sprechen. Dass ich dich bei meiner Psychologin eingeschleust habe, heißt doch nicht, dass du nicht mehr mit mir reden sollst?«
Lotte Skeisvoll schwieg. Sie konnte ihm nicht sagen, dass sie insgeheim auch Viljar dafür verantwortlich machte, was im letzten Herbst mit ihrer Schwester passiert war. Selbst wenn er daran keine Schuld trug, war er doch die Nabe, um die sich alles drehte. Vor vier Monaten war es wieder losgegangen. Neue Todesfälle. Neue Morde. Und wieder war sie mit Schuldgefühlen zurückgeblieben.
Er war eine wandelnde Katastrophe – ein Omen, aber ihm das zu sagen würde zu weit gehen. Sie wollte ihn nicht wissen lassen, dass er ein Menschenleben zerbrochen, eine Karriere vernichtet hatte.
Viljar stand auf und stützte sich auf den Stock. Er war nach der Schussverletzung darauf angewiesen. Jetzt versuchte er auf plumpe Art, sich an Lotte anzulehnen, aber sie wich zurück.
»Ist es die Sache mit Geirmund Bakken, die dir immer noch zu schaffen macht? Dass ich ihn umgebracht habe? Dass du dich verpflichtet gefühlt hast, es zu vertuschen?«
Lotte drehte sich abrupt um. Gab Viljar einen Stoß, sodass er zurück auf die Bank fiel.
»Du bist so ein Arsch, Viljar! Dich verpflichtet gefühlt hast, es zu vertuschen? Ist dir klar, wo du jetzt wärst, wenn ich es nicht getan hätte?«
»Ja, ich weiß, ich wäre im Gefängnis, und du hast mich davor gerettet, aber …«
»Im Gefängnis? Träum weiter. Was glaubst du, wie die Glatzen im Knast dich behandelt hätten? Du hast ihren Anführer umgebracht, Viljar! Du wärst nicht im Gefängnis. Du wärst hier! Six foot under …«
Viljar wurde merklich kleinlaut. Versuchte, sich auf der Bank aufzurichten. Kramte in der Tasche seiner Jeansjacke nach dem Tabakpäckchen, das dort wie eine Art inneres Organ in der Brusthöhle lag.
»Ich verstehe nicht, wieso du so sauer bist, Lotte?«
Sie hätte es jetzt sagen können. Das, was sie tatsächlich auf dem Herzen hatte. Die Anschuldigungen, die ihn vernichten würden, die armselige Freundschaft vernichten würden, die Chance vernichten würden, irgendwann mit der ganzen Sache abzuschließen. Aber sie tat es nicht. Stattdessen setzte sie sich neben ihn. Ließ die Hände in den Schoß fallen. Woher die Worte kamen, wusste sie nicht. Vor einer Sekunde waren sie noch nicht dagewesen.
»Ich bin nicht sauer, Viljar. Ich habe Angst …«
Die Leiterin der kriminaltechnischen Abteilung der Polizeistation Haugesund, Åse Frugård, richtete sich auf und blickte in den Nebel, der wie eine Wand vor dem Eingang der stillgelegten Schule von Fjæra stand. Mit zitternden Fingern angelte sie sich eine Camel ohne Filter aus der Schachtel in ihrer Hand, zog die blauen Schuhschützer ab und duckte sich zehn Meter weiter unter der Polizeiabsperrung durch. Zum ersten Mal in ihren dreißig Jahren als kriminaltechnische Ermittlerin war ihr an einem Tatort richtig übel geworden. Das wollte schon was heißen. Gewöhnlich ertrug sie den süßlichen Gestank von Verwesung und den Anblick von fetten Fliegen, die sich so vollgefressen hatten, dass sie kaum noch abheben konnten. Sie war es gewöhnt, Ansammlungen von weißen Fliegenlarven zu sehen, die aus Mund, Nase und allen anderen denkbaren Körperöffnungen quollen … Die Liste an Widerwärtigkeiten war lang, aber sie war schon seit vielen Jahren immun gegen solche Eindrücke. Es war die Bosheit, mit der diese Frau getötet worden war, die Åse aus dem Gleichgewicht brachte.
Die Kriminaltechnikerin wagte kaum, den Gedanken zu Ende zu denken. Welcher sadistische Teufel konnte dabei zusehen, wie drei Ratten sich durch Bauchdecke, Magen und Gedärme eines wehrlosen Menschen fraßen?
Åse Frugård drängte die aufsteigende Galle mit einem kräftigen Lungenzug aus der Zigarette zurück und blies den Rauch in kurzen Stößen aus, bevor sie den Kopf an den weißen Stamm einer Trauerbirke lehnte. Sie weigerte sich, aufgrund dieses Anblicks klein beizugeben, verdrängte die schrecklichen Gedanken, die um die Tötung als solche kreisten, und konzentrierte sich auf die Leiche, die Umgebung und auf all das, was sie dort drinnen im Werkraum eigentlich gesehen hatte. Acht Werkbänke, verteilt auf zwei Reihen. Neu, fast unbenutzt. Die Wände provisorisch isoliert, vermutlich durch den Täter, um die Geräusche zu dämpfen. Die Frau musste wie am Spieß geschrien haben, selbst mit dem Knebel im Mund. Åse rief sich die Szene im Raum in Erinnerung:
Die Hände waren am Holzfußboden festgenagelt worden, mit soliden Eisennägeln, wie man sie Mitte des neunzehnten Jahrhunderts im Bootsbau verwendet hatte. Zehn Zentimeter lang und mit einem Durchmesser von zweieinhalb Zentimetern hatten sie die Handflächen durchschlagen und waren tief in den Bretterboden eingedrungen. Die Handflächen zeigten aufwärts, wie beim gekreuzigten Jesus, und die Arme waren diagonal nach oben gestreckt, sodass sie zusammen mit den gespreizten Beinen eine Art X bildeten.
Ein stabiler Drahtgitterkäfig ohne Boden war mit Lederriemen auf dem Bauch der Leiche befestigt. Auf diese Weise hatte es für die armen Tiere nur einen Weg gegeben, aus der Gefangenschaft zu fliehen. Ein klaffendes Ausgangsloch auf der rechten Körperseite zeugte davon, dass es ihnen gelungen war. Der Käfig war selbstgebaut, zweifellos zu genau diesem Zweck. Drei Meter hinter der Frau standen ein ramponierter schwarzer Stoffsessel und ein kleiner Tisch mit Resopalplatte. Auf dem Tisch befanden sich eine Kaffeetasse, ein weißer Frühstücksteller mit vier vertrockneten Brotkrusten, ein Karton sauer gewordene Vollmilch und eine leere Tüte Cheez Doodles.
Die Spurensicherung verlief zäh. Sie hielt es dort drinnen nicht mehr als ein paar Minuten am Stück aus. Der Polizist, den sie von der örtlichen Polizeiwache mitgebracht hatte, stand leichenblass vor dem Schulhaus. Das Einzige, was er beizutragen hatte, war seine abwesende Anwesenheit.
Ein Auto hielt ein Stück den Weg hinunter an. Es war ein schwarzer Volvo neueren Baujahrs, und Åse meinte das Logo einer Autovermietung am Rückfenster zu erkennen. Es dauerte einen Moment, bis der Fahrer ausstieg, aber Åse wusste schon, wer es war, noch bevor er auf sie zukam.
KRIPOS-Ermittler Olav Scheldrup Hansen arbeitete schon seit einer Woche wieder in Haugesund, nachdem neue Indizien im Fall des vor vier Monaten getöteten Neonazis Geirmund Bakken aufgetaucht waren. Lotte Skeisvoll war auf unbestimmte Zeit in den einfachen Dienst zurückgestuft worden. Von daher war es kein Wunder, dass der Polizeichef in Haugesund, Arnstein Guldbrandsen, den sturen Ziegenbock auch nach Fjæra geschickt hatte. Im Moment hatten sie keine qualifizierten Ermittler auf der Gehaltsliste.
»Frugård«, grüßte er kurz. »Haben Sie sich drinnen schon umgesehen?«
Åse nickte mürrisch, nahm einen letzten Zug aus der Zigarette und winkte ihm, ihr zu folgen. Sie musste sich überwinden, wieder hineinzugehen, aber sie wollte dem KRIPOS-Ermittler kein Wasser auf seine Mühlen schütten, dass Osloer Kriminalpolizisten kompetenter mit solchen Fällen umgingen als eine örtliche Polizeidirektion. Scheldrup Hansen war ein wandelnder Widerspruch in sich.
Alles war einfacher gewesen, als sie es mit Lotte Skeisvoll zu tun gehabt hatte. Sie verstanden sich intuitiv. Hatten eine stillschweigende Vereinbarung, sich gegenseitig nicht ins Gehege zu kommen, wussten aber beide immer, was die andere meinte und dachte. Olav Scheldrup Hansen dagegen war ein Selbstverwirklichungsfreak auf Autopilot. Bei ihm konnte man sich darauf verlassen, dass er bei allem, was er tat, stets auf seinen eigenen Vorteil bedacht war.
Als sie in den Werkraum kamen, blieb Åse stehen. Sie hörte, wie Olav sich hinter ihr mehrmals räusperte, während er auf und ab ging. Die Überreste der Frau, die, wie Åse schätzte, Mitte dreißig gewesen sein musste, gaben keine Antwort auf die Fragen, die sich ihnen stellten. Da war nichts, was ihnen hätte sagen können, wer sie war, wieso sie sich in der stillgelegten Schule befand oder womit sie ein solches Schicksal verdient hatte. Olav beugte sich über die Frau. Åse stand passiv daneben. Sah überall hin, nur nicht auf die Leiche.
»Die offene Wunde in der Taille, ist das …?«
Åse bejahte die Frage mit einem kurzen Grunzen.
Olav erhob sich langsam, blieb aber einen Moment mit den Händen auf den Knien in gebückter Haltung stehen, bevor er sich aufrichtete. Er atmete schwer durch den Mund.
»Sagen Sie mir, was wir wissen, Frugård. Kurz und knapp, keine Vorlesung.«
Sie führte ihn weg von der Leiche und zeigte ihm die Stelle, wo der Täter sich aufgehalten hatte. Hinderte ihn daran, einige der Gegenstände auf dem Tisch anzufassen.
»Nicht … ich habe noch keine Fingerabdrücke gesichert. Bisher kann ich erst sehr wenig sagen. Ausgehend von der hohen Temperatur, die im Raum geherrscht haben muss, und dem Stadium der Verwesung, würde ich schätzen, dass die Frau seit ungefähr zwei Wochen tot ist. Auf jeden Fall länger als eine Woche, falls derjenige, der hier gesessen hat, keine saure Milch getrunken hat. Das Haltbarkeitsdatum auf dem Karton ist der 28. Juli, was die Vermutung nahelegt, dass die Milch drei bis zehn Tage davor getrunken wurde. Aber wir können natürlich aus einem so unsicheren Indiz keine sicheren Schlüsse ziehen.«
»Das Haltbarkeitsdatum der Milch? Ernsthaft, Frugård … Ist das alles, was Sie zu bieten haben?«
Sie seufzte. Wie üblich musste man dem alten Zausel alles mundgerecht zerkleinern.
»Milch hat eine Haltbarkeit von maximal zehn Tagen, wenn die Kartons in den Handel kommen, und die Geschäfte nehmen sie normalerweise einige Tage vor Ablauf der Mindesthaltbarkeit aus dem Verkauf. Deshalb drei bis zehn Tage. Aber wir können es auch an den Brotkrusten sehen, die trocken und hart sind und erste Schimmelstellen aufweisen. Das deutet ungefähr auf den gleichen Zeitraum hin. Genau wie der Zustand der Leiche, wie gesagt. Grad der Aufblähung, Größe der Fliegenlarven …«
Olav Scheldrup Hansen hob die Handflächen.
»Okay. Sonst noch was Interessantes in diesem Raum? Wissen wir überhaupt etwas?«
»Hier drinnen nicht. Wie es aussieht, wurden alle Oberflächen abgewischt. Falls es keine Fingerabdrücke auf der Chipstüte oder der Kaffeetasse gibt, tja, dann haben wir wenig in der Hand. Ich habe allerdings draußen neben einem Stuhl eine Zigarettenkippe und eine Wasserflasche mit einigen Abdrücken gefunden. Sie könnten uns weiterhelfen. Das müssen wir abwarten.«
Olav starrte aus dem einzigen Fenster, durch das Tageslicht in den Raum fiel. Unterhalb des Schulgebäudes war undeutlich ein Bauernhof zu erkennen.
»Sonst nichts?«
Åse schüttelte den Kopf. Hätte Lotte dort gestanden anstatt Olav, hätte sie ihr mitgeteilt, was sie dachte: über die Platzierung des Körpers, den Grad an ausgeklügelter sadistischer Gewalt, die Benutzung von alten Schiffsnägeln und den morbiden Drang des Täters, dem grausamen Schauspiel beizuwohnen. Aber sie würde sich hüten, einen Fuß auf das Feld zu setzen, das Scheldrup Hansen für seine Domäne hielt.
»Nein. Sobald ich mit der Spurensicherung fertig bin, können Sie sich hier drinnen nach Herzenslust austoben. Bekommen Sie Unterstützung von irgendwo? Aus Oslo vielleicht?«
Der KRIPOS-Ermittler zuckte die Schultern und drehte ihr den Rücken zu.
»Wäre schön, wenn Sie noch vor Weihnachten fertig werden. Ich habe nicht vor, in diesem durchgeknallten Landstrich Wurzeln zu schlagen. Im Gegensatz zu euch habe ich ein Leben. An einem Ort, wo die Leute sich mit Messern und Schusswaffen umbringen. Nicht mit Ratten.«
Die Sommernächte im Vestlandet waren nie ganz dunkel. Fjæra hingegen bildete da offensichtlich eine Ausnahme, stellte Olav Scheldrup Hansen fest. Der KRIPOS-Ermittler konnte keinen Meter weit sehen und stolperte immer wieder über alte Baumwurzeln auf dem Weg. Pechschwarze Gewitterwolken hatten das letzte bisschen Licht im Tal verschluckt, und er hörte den Donner hinter den Bergen, die sich in allen Himmelsrichtungen um ihn auftürmten. Zuerst dicker Nebel, dann Gewitter. Das Vestlandwetter machte ihn kirre. Er hatte die letzten Stunden damit verbracht, die Ermittlungsarbeit zu organisieren, und Polizeibeamte beauftragt, die Umgebung um die stillgelegte Schule zu untersuchen. Die vorläufigen Ergebnisse waren niederschmetternd.
Ungefähr dreihundert Meter unterhalb des alten Schulgebäudes lag ein kleiner Bauernhof, zu dem er jetzt unterwegs war. Er bestand aus einem weißen Wohnhaus aus den Fünfzigerjahren, einem baufälligen roten Stall auf der rechten Seite und einem Schafspferch auf der linken. In der Tür des Wohnhauses stand eine großgewachsene, o-beinige Gestalt und wartete auf ihn, mit kaum mehr am Leib als grünen Gummistiefeln, einem heruntergekrempelten blauen Overall und einem Netzunterhemd. Ja, und der unvermeidlichen Schirmmütze natürlich. Aus dem Landhandel.
Olav Scheldrup Hansen streckte die Hand aus, während er die letzten Stufen zum Treppenabsatz hinaufstieg, auf dem der Bauer stand.
»Doctor Livingstone, I presume?«
Der Bauer rührte sich nicht, offenbar unbeeindruckt von Olavs Versuch, witzig zu sein. Er kratzte sich träge die drei Tage alten Bartstoppeln, während er den Kopf schüttelte und in die entgegengesetzte Richtung zu der zeigte, aus der Olav kam.
»No … Der Doktor is not living hier. You have to go over den Hügel to Torgeir.«
Olav Scheldrup Hansen blinzelte ein paarmal, bis ihm aufging, dass der Bauer die Anspielung missverstanden hatte. Er rettete sich, indem er seinen Dienstausweis zog und sich als Ermittler vorstellte. Der Bauer bewegte die Kiefermuskulatur und musterte den Ausweis. Er machte keine Anstalten, Olav einzulassen.
»Wir müssen mit allen Nachbarn der Schule sprechen. Dort ist ein Mord passiert. Darf ich hereinkommen, damit wir uns unterhalten können?«
»Nein. Wir machen das hier draußen. Olga schläft.«
»Olga? Ist das Ihre Frau? In dem Fall würde ich auch gern mit ihr sprechen.«
»Nicht nötig. Olga ist meine Hündin. Die redet nicht viel.«
Der Mann war minderbegabt, konstatierte Scheldrup Hansen. Hier war sicher auch nicht viel zu holen. Er hatte es schon bei zwei weiteren Häusern versucht, wo niemand zu Hause gewesen war, bevor er zu diesem Bauernhof kam.
»Ist Ihnen in der letzten Zeit irgendetwas an der Schule aufgefallen? Leute, die dort ein- und ausgegangen sind, zum Beispiel?«
Der Bauer ließ sich reichlich Zeit, bevor er antwortete. Nahm die Schirmmütze ab und kratzte sich das schüttere Haar. Setzte die Mütze wieder auf. Starrte vor sich hin. Plötzlich war es, als hätte jemand ein Licht hinter seinen Augen angeschaltet.
»Die Schule ist geschlossen!«
Olav Scheldrup Hansen war drauf und dran, gegen diesen Holzschädel zu klopfen, um zu hören, ob jemand zu Hause war. Er besann sich im letzten Moment und setzte eine amtliche Miene auf.
»Das wissen wir. Aber haben Sie vielleicht trotzdem jemanden oder etwas dort oben bemerkt? Leute, Autos, Licht hinter den Fenstern?«
»Ja, doch … Da war ein Auto, vor gut einer Woche.«
»Aha? Haben Sie gesehen, was für ein Auto das war? Welche Farbe es hatte? War es alt oder neu? Ein Pkw oder ein Lieferwagen? Solche Sachen …«
»Ja … Das war ein weißer Toyota Hiace, Baujahr ’97, glaube ich. Ein DT Super Custom. 2,98 Kubik mit Platz für acht Personen, aber die hinteren Sitze waren raus, weil er eine Menge Material ausgeladen hat. Dieselmotor, 1,9 Tonnen. Ich denke mal, es war ein Automatikmodell, aber das war auf die Entfernung schlecht zu erkennen.«
Olav blickte eine Weile auf seinen Notizblock. Sein Gehirn hatte Mühe, all die Informationen zu verarbeiten. Er hatte bestenfalls mit einer ungefähren Farbangabe gerechnet. Er wollte gerade nachfragen, hielt den Block aber kurzentschlossen dem Bauern hin und bat ihn, die Details aufzuschreiben.
»Und das war vor etwas mehr als einer Woche, sagen Sie? Außerdem erwähnten Sie einen Mann, der Material aus dem Auto geladen hat. Können Sie ihn näher beschreiben?«
Der Bauer kritzelte die letzten Autodetails auf den Block und blickte wieder hoch.
»Nein. Könnte auch eine Frau gewesen sein. Das weiß ich nicht.«
»Sie können unterscheiden, ob ein 97er Toyota Hiace ein Automatik- oder ein Schaltgetriebe hat, aber nicht, ob ein Mann oder eine Frau am Auto steht?«
»Ja … Bis zur Schule sind es mindestens dreihundert Meter. Unmöglich, sowas auf die Entfernung zu sehen.«
»Aber bei dem Automodell sind Sie sich sicher?«
»Klar, ich bin doch nicht blind.«
Olav stellte die Fragen, die ihm einfielen. Der Bauer hatte vermutlich den Mörder gesehen, wenn auch auf eine Entfernung, die es ihm offenbar nur erlaubte, Automodelle voneinander zu unterscheiden, aber keine Menschen.
»Gut. Können Sie etwas genauer sagen, wann das war? Als Sie das Auto gesehen haben, meine ich. Hat es mehrere Tage dort gestanden oder nur an einem Tag? Haben Sie noch andere Leute gesehen als die Person, die etwas aus dem Auto geladen hat?«
»Das war auf jeden Fall an einem Samstag, und das Auto hat nur einen Tag dort gestanden, dann ist es wieder weggefahren.«
»Woher wissen Sie, dass es ein Samstag war?«
»Ich hatte Grütze gegessen.«
»Und das machen Sie nur samstags?«
Jetzt grinste der Mann tatsächlich. Schüttelte den Kopf und lachte in sich hinein, dass der Bauch unter dem Overall wackelte.
»Ja, soweit kommt es noch, dass man mitten in der Woche Grütze isst.«
Olav Scheldrup Hansen notierte sich die Festnetznummer und die Personalien des Mannes und forderte ihn auf, sich am nächsten Tag um zwölf zu einer offiziellen Zeugenbefragung auf der Polizeistation Haugesund einzufinden. Der Bauer versprach zu kommen, sofern er jemanden fand, der auf den Hund aufpasste.
»Ihren Hund können Sie sicher mitbringen.«
Wieder lachte der Bauer herzlich und knuffte Olav gegen die Schulter.
»Na, das wär ein schönes Spektakel. Olga im dicksten Stadtgetümmel. Hehe … Der Torgeir kann sicher nach ihr sehen, denke ich. Wenn nicht, machen wir es ein andermal.«
Bevor Olav gegen die doch recht lockere Einstellung des Mannes in Bezug auf eine polizeiliche Anordnung protestieren konnte, hatte der Bauer sich umgedreht und ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen. Gleichzeitig wurde die Außenbeleuchtung gelöscht, und das Örtchen Fjæra wurde zu einem schwarzen Loch im Universum.
Die Sonne stand niedrig im Osten und schien noch etwas warten zu wollen, bevor sie die Frühaufsteher auf ihrem Weg zur Arbeit wärmte. Es war kaum sieben Uhr, aber Lotte Skeisvoll konnte sehen, dass die Bootsbesitzer entlang des Smedasunds schon auf den Beinen waren. Kleine und große Freizeitboote dümpelten schläfrig an ihren Liegeplätzen an diesem Morgen, der einen für Haugesunder Verhältnisse ungewöhnlich schönen Spätsommertag verhieß. Die Zahl der Kleinboote und Yachten würde sich im Laufe des Tages vervielfachen. Morgen würde das legendäre Sildajazz-Festival beginnen, das seinen Namen der Fischereigeschichte Haugesunds verdankte. Oder vielleicht auch der Tatsache, dass man während der Festivaltage kein einziges Lokal in der Stadt besuchen konnte, ohne sich wie in Tonnen gepresster Hering zu fühlen.
Lotte hatte beschlossen, heute zur Arbeit zu gehen. Das konnte sie, denn die Entscheidung lag bei ihr, ob sie sich in der Lage fühlte, durch die Flure des Polizeihauses zu wandern, hier und da ein bisschen Papierkram zu erledigen oder bei kleineren Ermittlungen zu helfen. Eingeschränkt arbeitsfähig, hatte der Hausarzt gesagt. Sie konnte unter keinen Umständen Aufgaben übernehmen, deren Erledigung bis spät in die Nacht dauerte, die jede Woche ein Dutzend Überstunden erforderten und voraussetzten, dass man das Wochenende opferte, um Protokolle zu schreiben. Mit anderen Worten: Sie konnte ihren Job nicht machen. Die Psychologin hatte keinen Zweifel aufkommen lassen:
»Sie benutzen die Arbeit, um ihre Angst zu ersticken und die Trauer zu bewältigen, und das ist ein sicherer Weg in den Zusammenbruch.«
Es war nicht so, dass Lotte das nicht verstand, aber es machte sie verrückt, allein mit ihren Gedanken dazusitzen, mit dem Schuldgefühl, das niemals Ruhe gab, und den ewigen Grübeleien über die Situation, in die sie sich im Frühjahr selbst gebracht hatte. Einzugreifen und Geirmund Bakkens Leiche wegzuschaffen, nachdem Viljar ihn umgebracht hatte, war eine Impulshandlung gewesen. Sie konnte nicht genau sagen, ob sie unzurechnungsfähig zum Zeitpunkt der Tat gewesen war, oder schlicht und einfach unzurechnungsfähig. Dass Viljar den Ortsgruppenleiter des »Norwegischen Widerstands« nicht absichtlich getötet hatte, war in ihren Augen kein mildernder Umstand. Das Gesetz enthob einen Täter nicht seiner Verantwortung, auch wenn die Tat aus Unachtsamkeit geschah.
Lotte blieb stehen, zog die Ärmel ihrer Uniformbluse glatt und gestattete sich, noch ein paar Minuten auf den Sund hinauszuschauen und den Blick auf etwas anderem ruhen zu lassen als auf Asphalt und falsch geparkten Autos in der Strandgata. Sorgsam wischte sie Sand und Blätter von einem Stein am Straßenrand und setzte sich darauf. Sie blinzelte in das grelle Sonnenlicht, das von den kleinen Wellen im Karmsund reflektiert wurde. Das Meer schimmerte blau und hätte zu einem Bad eingeladen, wenn das Wasser denn wärmer als sechzehn Grad gewesen wäre.
Ihr Zustand hatte sich im Laufe des Sommers gebessert. Die Sitzungen bei der Psychologin trugen die alte Schlacke Schicht um Schicht ab. Aber über die jagende Unruhe, die sie jedes Mal überfiel, wenn jemand auf der Wache den Mord an Geirmund Bakken erwähnte, konnte sie mit der Psychologin nicht sprechen. Mit niemandem. Sie war in jener Nacht verzweifelt gewesen. Hatte die Spuren verwischt und Viljar ein wasserdichtes Alibi gegeben. Die Einsamkeit, die sich nach dem Tod ihrer Schwester in sie hineingefressen hatte, war so übermächtig gewesen, dass sie nach einem verfaulten Strohhalm gegriffen hatte. Viljar Ravn Gudmundsson als Seelsorger zu haben war ebenso sinnlos, wie jeden Tag zur Polizeistation zu gehen und dabei zuzusehen, wie andere den Dienst taten, den sie hätte tun sollen. Und trotzdem konnte sie nicht anders.
Mehr als einmal hatte Lotte versucht zu verstehen, was sie dazu gebracht hatte, die Spuren von Viljars Tat zu verwischen. Es gab keine vernünftige Erklärung dafür. Ausgerechnet sie, die immer strikt nach dem Polizeilehrbuch gehandelt hatte. Es war ihre Bibel. Ihre Sicherheit. Ihr fester Halt im Leben.
Ein Boot mit weißen Segeln versperrte für einen Moment die Aussicht auf Karmøy auf der anderen Seite des Sundes. Sie verfolgte es mit den Augen, während es ruhig vorbeiglitt. Lotte ertappte sich bei dem Gedanken an einen Satz, über den sie während der Arbeit an dem Fall, der im vergangenen Herbst die Stadt erschüttert hatte, gestolpert war. »Der Mensch plant, und Gott lacht«, hatte da gestanden.
Sie hatte Pläne gemacht. Hatte im Grunde ihr ganzes Leben vorausgeplant. Hatte jeden kleinsten planmäßigen Boxenstopp auf dem Weg zu einer Karriere als Polizeiermittlerin eingelegt. Sie war von den Kollegen respektiert worden, hatte immer mehr Verantwortung übernommen. Frischgebackene Ermittlungsleiterin ohne Fehl und Tadel. Dann war der Journalist Viljar Ravn Gudmundsson von der Seitenlinie hereingeprescht und hatte sie aus der Bahn geworfen.
Lotte seufzte, erhob sich von dem Stein und ging die letzten Schritte zum Haupteingang der Polizeistation. In den Fluren nickten Kollegen ihr knapp zu. Nur wenige, wenn überhaupt, hatten ein Lächeln für sie übrig. Sie war ein Ferrari ohne Motor. Schön anzusehen, aber nutzlos. Mit der Zeit würden die Rostflecken sich ausbreiten, und Staub würde alles zudecken.
Polizeidirektor Arnstein Guldbrandsen steckte den Kopf durch seine Bürotür und hielt sie auf.
»Skeisvoll … könnten Sie kurz reinkommen, bitte?«
Lotte sah den Polizeidirektor fragend an, schloss die Tür hinter sich und nahm auf dem einzigen Besucherstuhl Platz. Ein riesiger Schreibtisch aus massiver Eiche ließ Guldbrandsen klein wirken, als er sich setzte. Wie üblich war er äußerst korrekt gekleidet und so frischrasiert, dass man keinen Schatten von Bartwuchs auf der kräftigen Kinnpartie erkennen konnte. Zurückgekämmtes Haar, stramme Krawatte, perfekt gebügeltes Hemd und Uniformjacke mit glänzenden Dienstabzeichen. Ihm musste warm sein, aber Guldbrandsen machte keine Anstalten, sich seiner Jacke zu entledigen. Er war leicht einzuschätzen. Ordentlich. Korrekt. Förmlich. Lotte hatte ihn immer gemocht.
»Wir brauchen Ihre Hilfe, Lotte. Fühlen Sie sich gesund genug, um bei einer größeren Ermittlung mitzuarbeiten, oder ist das für Sie zu früh?«
Lotte setzte sich aufrecht hin und legte ein Korsett an.
Sie strich mit einer Hand die dunklen Haare zur Seite, während sie mit der anderen den Drucker auf dem Schreibtisch des Polizeidirektors zwei Zentimeter nach links schob, sodass er in einer Linie mit der Tastatur auf der anderen Seite stand. Sie räusperte sich, versuchte die richtigen Worte zu finden. Flocht die Finger ineinander. Wusste, dass die Psychologin ihr geraten hätte, laut und deutlich NEIN zu sagen, aber die Versuchung zupfte an ihren Nackenhaaren.
»Selbstverständlich stehe ich zur Verfügung, Arnstein. Das wissen Sie. Aber ich dachte, ich bin vom Ermittlungsdienst suspendiert, bis der Fall Geirmund Bakken aufgeklärt ist? Ich meine, immerhin bin ich ja die Hauptentlastungszeugin für Viljar Ravn Gudmundsson …«
Arnstein Guldbrandsen machte ein ernstes Gesicht. Er betrachtete sie mit einem Blick, den man für misstrauisch oder skeptisch halten konnte. Beides war gleichermaßen ungünstig, aus Lottes Perspektive betrachtet.
»Es geht nicht um die Bakken-Sache. Außerdem wurde ihre Suspendierung schon vor Monaten aufgehoben, Lotte. Das wissen Sie. Dass wir Sie noch nicht wieder ins Ermittlungsteam aufgenommen haben, liegt daran, dass Sie psychisch labil waren. Ja, und dann kam ja die Krankschreibung. Oder die Bescheinigung Ihrer eingeschränkten Arbeitsfähigkeit, um genau zu sein.«
Lotte bemerkte seinen Sarkasmus sehr wohl, aber sie hob den Handschuh nicht auf. Sie beugte sich vor und stapelte die Zeitungen, die auf seinem Schreibtisch lagen, auf einen Haufen. Arnstein Guldbrandsen verzog keine Miene. Er kannte das schon.
»Ein Mordfall. Tatsächlich ein besonders übler. Wir brauchen eine Menge Leute, aber viele sind immer noch im Urlaub. Sie haben die Expertise, die unser Team braucht, und da ich gezwungen war, Scheldrup Hansen die Leitung der Ermittlungen zu übertragen, dachte ich, wir könnten eine second opinion gut gebrauchen. Außerdem hat er immer noch den Bakken-Fall, auf den er sich konzentrieren muss. Zum Glück sieht es so aus, als näherten wir uns einer Klärung.«
Lotte hatte Probleme mit diffusen Kontrasten. Die Dinge hatten eindeutig zu sein. Entweder-oder, nicht sowohl-als-auch. Ein Mord war genau das, worauf sie gehofft hatte, aber Guldbrandsens letzter Satz warf sie aus der Spur. Sie kämpfte vergeblich darum, kühl und gleichmütig zu wirken.
»Ist das Ihr Ernst? Der Fall Bakken ist gelöst?«
Sie war sich schmerzlich bewusst, dass der Polizeidirektor ihre Überraschung bemerkte. Ihre Hände zitterten, sie musste sie unter die Schenkel schieben, um sich nicht zu verraten. Wenn man Viljar für den Mord einbuchtete, würde sie mitgerissen werden.
»Na ja … nicht gelöst, aber wir haben genügend Beweise, um einen Mann festzunehmen. Das Problem ist, dass …«
Für ein paar Sekunden kehrte Stille ein. Guldbrandsen schien in alle Richtungen zu blicken, nur nicht zu ihr. Er seufzte tief und hob ratlos die Hände. Es sah beinahe so aus, als hätte er es aufgegeben, eine vernünftige Antwort zu finden.
»Wir wissen, wer es war, wir verstehen nur nicht, wie alles zusammenhängt. Denn ironischerweise hat er das beste Alibi der Welt …«
Lotte senkte den Blick. Der Polizeidirektor hatte sie in die Falle gelockt. Das ganze Gerede über eine neue Ermittlung diente nur dazu, sie weichzuklopfen. Sie mürbe genug zu machen, dass er die Gabel in sie hineinstechen konnte. Sie wollte gerade ihre Karten auf den Tisch legen, als Guldbrandsen weitersprach.
»Ja … wie gesagt … das beste Alibi der Welt. Geirmund Bakkens Mörder ist nämlich tot, und zwar schon sehr lange.«
Die Konditorei Naturbakst am Südende der Haraldsgata hat in einer Ecke eine kleine Terrasse, wo die Sonne nie hinkommt, und an einem strahlend blauen, siebenundzwanzig Grad heißen Spätsommertag wurde es dort nicht wärmer als fünfzehn Grad. Und bei leicht bedecktem Himmel …
Viljar Ravn Gudmundsson sah, dass Lotte Skeisvoll fror. Sie hatte Gänsehaut an den Oberarmen, und ihre Unterlippe zitterte. Sie war in sich gekehrt und mürrisch und fingerte unaufhörlich an einer Papierserviette herum. Was sie erzählte, war eine Katastrophe. Viljar hatte fast das Gefühl, sich an der Tischplatte festhalten zu müssen. Er blickte sich über die Schulter um, wollte sichergehen, dass niemand mithörte.
»Ich begreife das nicht, Lotte. Mir ist klar, dass Scheldrup Hansen nicht richtig tickt, aber das ist doch völlig durchgeknallt?«
Lotte blinzelte. Es war schwer zu erraten, was sie dachte. Ihr Gesicht war verhärmt, sie hatte Tränensäcke unter den Augen.
»Unterschätz Scheldrup Hansen nicht. Er weiß mehr und kann mehr, als er sich anmerken lässt. Aber das hier ist nicht sein Verdienst, Viljar. Sondern Åse Frugårds. Seit dem Tag, als die Leiche gefunden wurde, hat sie daran gearbeitet, die DNA-Spuren an einer Zigarettenkippe, die am Tatort lag, zuzuordnen. Vor einer Woche hat sie Antwort aus der Rechtsmedizin bekommen, mit dem Ergebnis, dass es sich um die DNA dieses Mannes handelt.«
Viljar verstand einfach nicht, wie das möglich war. Die DNA-Spur führte also zu einem Mann, der nicht dabei gewesen war, als Geirmund Bakken getötet wurde. Damit nicht genug, war dieser Mann tot. Oder scheinbar tot, musste man jetzt wohl sagen. Tote liegen gewöhnlich unter der Erde, und es ist begrenzt, wie viele Zigaretten sie ein ganzes Jahr nach der Beerdigung noch rauchen können.
»Was weißt du über ihn, Lotte?«
Sie lehnte sich auf dem Stuhl zurück. Verschränkte die Arme vor der Brust. Skepsis war ein anhaltender Unterton zwischen ihnen, der im Hintergrund immer mitschwang. Viljar konnte sie verstehen. Hinter ihnen schrammten Stühle über den Beton, und Viljar rückte näher an Lotte heran, um zu hören, was sie zu sagen hatte. Sie wich ein paar Zentimeter zurück.
»Ahmed Jazeem Karjoli, dreiundzwanzig Jahre alt. Hier in der Gegend aufgewachsen. Wurde wegen fahrlässiger Tötung zu zwei Jahren Haft verurteilt, hat sich im Gefängnis offenbar radikalisiert und ging nach Verbüßung seiner Strafe nach Syrien. Dort ist er am 15. Februar vergangenen Jahres ums Leben gekommen, er wurde eingeäschert, und die Urne wurde drei Wochen später hier zu Hause beigesetzt. Das ist alles, was wir wissen. Abgesehen davon, dass es offenbar nicht seine Urne ist, die sich auf dem Friedhof der Avaldsneskirche befindet.«
Viljars Hals war trocken. Es rasselte hässlich, wenn er atmete. Was natürlich daran liegen konnte, dass er an diesem Vormittag bereits seine neunte Zigarette rauchte, oder aber daran, dass sich ein verstorbener Islamist offenbar plötzlich seiner erbarmen wollte.
»Lotte … Ich weiß, das hört sich jetzt zynisch an, aber sollten wir nicht eigentlich froh sein? Dieser Zombie zieht doch einen Schlussstrich unter unsere Sorgen.«
»Also wirklich, Viljar. Das glaub ich jetzt nicht …«
Lotte Skeisvoll griff nach ihrer Handtasche und machte sich bereit aufzustehen. Sie warf ihm einen verächtlichen Blick zu und schob den Stuhl zurück.
»Warte. Geh nicht. Ich hab es nicht so gemeint. Ihr habt seine DNA vom Fundort der Leiche, und ihr habt ihn sogar auf Überwachungsfotos eines Geldautomaten entdeckt, die bestätigen, dass er an dem betreffenden Abend in der Stadt war, richtig?«
Lotte blieb stehen und machte keine Anstalten, sich wieder hinzusetzen. Sie nickte nur kurz.
»Das heißt doch, dass Olav Scheldrup Hansen alle Hände voll zu tun haben wird, diesen Kerl zu finden. Bis auf Weiteres können wir also die Füße stillhalten.«
Lotte machte zwei Schritte auf ihn zu, bis ihre Gesichter nur Zentimeter voneinander entfernt waren.
»Begreifst du das nicht? Der Mann ist unschuldig! Wir stehen kurz davor, einen Mann festzunehmen und ihm einen Mord anzuhängen, den du begangen hast. Und du willst die Füße stillhalten …?«
Viljar zerdrückte die Zigarette im halbvollen Aschenbecher, warf die blonden Zottelhaare zurück und versuchte, sich zu beruhigen. Er durfte sie jetzt, da er endlich wieder Kontakt zu ihr hatte, nicht vertreiben. Jossen würde ihn umbringen, falls sie für die Sendung über den Hollekim-Fall auf Lotte verzichten müssten.
»Okay. Ich verstehe, was du meinst. Ich wünsche
