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Auf die Spitze getrieben! Bernd Gieseking muss hoch hinaus. Dabei hat er die sechzig überschritten – und auch einige Grenzen auf der Waage. Seine Partnerin aber möchte auf die Zugspitze. Ihr Lebenstraum, aber nicht seiner. Sie ist vom Typ her Bergziege, er eher Gallowayrind. Kann er mit? Soll er mit? Nach mehr als zwanzig Jahren kauft er sich wieder eine Jahreskarte fürs Schwimmbad und macht – endlich – sein »Seepferdchen«, mit sechzig. Er, ein Meister im Schlendern und Schlüren, entdeckt den aufrechten Gang. Doch bis Zugspitze ist es ein weiter Weg. Und der führt nicht nur bergauf. In seinem neuen Buch versammelt der Kabarettist und Bestsellerautor Mut machende Texte voller Optimismus und Witz über Neuanfänge, Selbstüberwindung, Haribo-Abhängigkeit und das erste Bad im Eisloch.
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Seitenzahl: 210
Veröffentlichungsjahr: 2025
BERND GIESEKING
BEKENNTNISSE EINES SPORTLICHEN SPÄTZÜNDERS
BERND GIESEKING
ist Kabarettist, Autor, Ostwestfale und Zimmermann mit Gesellenbrief. 2024 erschien sein erster Titel bei Satyr: »Das kuriose Ostwestfalen-Buch« schaffte es auf die Spiegel-Bestsellerliste (Sachbuch).
Gieseking schreibt Kolumnen für die taz-»Wahrheit«, das Mindener Tageblatt und war für den HR- und WDR-Hörfunk tätig. Seine Finnland-Trilogie »Finne dich Selbst!«, »Das kuriose Finnland-Buch« und »Finne dein Glück« (S. Fischer) verkaufte sich über 60.000 Mal. Viele seiner Bücher wurden erfolgreiche Bühnenprogramme. Seinen Jahresrückblick »Ab dafür!« spielt er jährlich über fünfzig Mal.
Er schrieb zudem Kinderhörspiele und -bücher, einige Theaterstücke und Radio-Features und moderierte Hörfunksendungen, Festivals und Preisverleihungen (u. a. Deutscher Karikaturenpreis, Festival der Komik am Caricatura Museum Frankfurt).
E-Book-Ausgabe September 2025
© Satyr Verlag Volker Surmann, Berlin 2025
Auerstr. 23-25, 10249 Berlin
www.satyr-verlag.de | [email protected]
Cover: Martina Lorenz | etageeins.de
Korrektorat: Matthias Höhne
Die Marke »Satyr Verlag« ist eingetragen auf den Verlagsgründer Peter Maassen.
E-Book-ISBN: 978-3-910775-39-8
VORWORT VON JOCHEN MALMSHEIMER
AUF DIE SPITZE GETRIEBEN
O SOHLE MIO!
WENN DAS MURMELTIER PFEIFT
DER SPÄTZÜNDER
ÜBER SECHZIG
DER ZIMMERMANN
IHR PLAN GEHT AUF
DIRK NOWITZKI UND ICH
DIE GRAUSAME WAAGE
DAS MUSS DANN MAL WEG!
SPARGEL WIE GEMALT
10.000 SCHRITTE
BISS ZUM ABENDBROT
VOM SCHLÜR’N UND SCHLENDERN
DAS SCHWEIGEGELÜBDE VON GOMERA
DAS UNGEHEUER VON LOCH MESS
DER BADEZIMMERSCHRANK
DAS DISKRIMINIERTE FAHRRAD
REISEWARNUNG MADEIRA
IM BÄRLAUCHLABYRINTH
ÜBERS WASSER GEHEN
TOTE ENTEN IM NEBEL – EINE ERINNERUNG
GRÜNE TANTE GEGEN VIREN
PAARE MIT VIRUS
DER MIT DEM REBSTOCK SPRICHT
HÜFTHOBEL
LOB DES HERZENS
DIE AOK UND DER TOTENSCHEIN
HERMANN IM PARADIES
DER MENSCH WACKELT
FINNE DEIN HANDY!
EIN LOB DEM SCHLAF
SEEPFERDCHEN MIT SECHZIG
KÖPPER VOM DREIER – EINE ERINNERUNG
MILLIONÄRSSCHWIMMEN
TRÜFFELPOMMES
ZUGIGE SPITZE
DER SCHWEISSRAND
NATURE WRITING – EIN EXKURS
REVOLUTION AM NEUJAHRSMORGEN
NIE ALLEIN INS EISLOCH
ARMIN WERDEN
TUNNELBLICK AM TRIBULAUN
DER UNBEWEGLICHE MANN
PARDON, MEIN SCHATZ
KÖRPER UND SEELE
LIEBESKUMMER IN DA HOUSE
EPILOG
DANK & WIDMUNG
QUELLEN
»Herr Janosch, wie wichtig ist es, dass man im Leben ankommt?« –
»Wichtig ist nur, sich anständig treiben zu lassen. Ankommen tut man so ohnehin irgendwann irgendwo.«
(Aus: Janosch, »Wondrak und die Kunst der Gelassenheit«)
Nicht wenige plagt die Angst vor dem Altern, besonders vor dem eigenen.
Weil das oft, und vielleicht nicht ganz ohne Grund, als einengend, abbauend, kalzinotisch und demenziell degenerierend, als einrostend, abblätternd, austrocknend und insgesamt schorfig, als nachlassend und einfallend, als fleckig und faltig, erschlaffend, hängend und teigig, von einer umfassenden mentalen wie angio-, uro- und proktologischen Undichtigkeit begleitet, insgesamt also als taumelnd-täppischer Abstieg in den schwarzen, alles verschlingenden Schlund jener grundfinalen und allumfassenden Fatalität, auf die wir alle unbeirrbar zusteuern, wahrgenommen wird.
Was auch sicher richtig ist.
Wird uns also alle früher oder später schwärzeste Verzweiflung überrennen?
Nicht, solange es Menschen wie Bernd Gieseking gibt!
Der uns nicht nur so rätselhafte und opake Kulturen wie die der Ostwestfalen oder des abgelegenen Finnlands mit seinen so herzlich naheliegenden Menschen entdeckte, sondern auch sehr warmherzig über Eltern schreibt, was ungewöhnlich ist und nicht hoch genug zu schätzen ist, nicht zuletzt von seinen Eltern.
Bernd Gieseking zeigt, was sehr beruhigend ist und fast ein wenig fröhlich macht, dass nämlich noch auf jede Badehose ein Aufnäher passt, man muss nur den Mut besitzen, sie dann überzustreifen. Und das ist, wie so vieles, wenn man’s denn tut, auch zu schaffen!
Wir mögen uns verändern, aber Schönes bleibt! Und wenn es nur ein Seepferdchen ist, was natürlich nicht nur ein Aufnäher, sondern auch ein Symbol auf einem Lycrahosensaum unter einem leichten Bauchüberhang darstellt.
Und das putzt. Und strafft. Und wie!
Und zwar Leib wie Seele!
Also los: Erst lesen und dann ins Wasser!
Dies sind die Bekenntnisse eines sportlichen Spätzünders. Nach Jahren und Jahrzehnten ausgedehnter körperlicher Ruhe, meinen »relaxing years«, bin ich wieder in Bewegung gekommen. Das verdanke ich im Wesentlichen ihr: meiner Lebensgefährtin Rita. Und ich habe erkannt: »Du kannst alles erreichen – wenn deine Frau es will.«
Henry David Thoreau schreibt in seinem Text »Vom Wandern«: »Wir kleben an der Erde. Ich meine, wir sollten uns etwas mehr erheben. Wir könnten wenigstens auf einen Baum klettern.«
Mit sechzig klettert man nicht mehr auf Bäume. Aber meine Freundin wollte plötzlich in die Berge. Auf einen Gipfel sogar. Auf die Zugspitze! Kurz vor meinem sechzigsten Geburtstag hatte sie mir davon erzählt. Von diesem regelrechten Trennungsgrund hatte ich die ganzen Jahre zuvor nichts gewusst!
Wir waren auf der Rückreise von einer – wohlgemerkt – eigentlich kulinarischen Reise nach Südtirol. Sie hatte mich dorthin eingeladen. Heute müsste ich sagen: dorthin gelockt. Viel später erst habe ich gemerkt: Das ist ein Trick gewesen. Sie hatte gesagt: »Dort ist ein zauberhaftes kleines Hotel, umgeben von Bergen.«
Umgeben! Es war vor der Abreise nie die Rede davon gewesen, dass ich auf diese Berge würden hochgehen müssen, dass wir diese Berge besteigen würden.
»Sie kochen dort täglich ausschließlich für die Hotelgäste«, hatte sie so harmlos wie einladend gesagt, so schwärmend wie verführerisch: »Halbpension, jeden Abend vier Gänge. Und jeden Tag: Il primo piatto – Pasta!« Als erster Gang Nudeln? Täglich? Mehr musste ich nicht wissen! Natürlich wollte ich dahin. Ich liebe die italienische Küche und vor allem Pasta in jeder Darreichungsform. Italienische Kochkunst hat mir etliche Kilos beschert, die ich im Laufe der Jahre genussvoll ansammelte.
So kamen wir ins Hotel Erika in San Vigilio di Marebbe, zu einem Kurzurlaub bei Familie Coppola in Südtirol. Es wurde eine kulinarische Woche, die noch mehr gehalten hat, als sie, die meine, mir zu versprechen versucht hatte. Allerdings fand ich mich in dieser Woche wiederholt auf manchmal mit Glück romantischen Almen wieder, zu oft aber auch auf steilen Anstiegen und noch steileren Abstiegen. Misstrauisch wanderte ich unter schroffen Felsüberhängen. Aber die leckeren Mahlzeiten an jedem Abend im charmanten Hotel Erika beruhigten mich immer wieder und ließen mich die Mühen der Tage jeweils im Essen vergessen.
Eine Woche später fuhren wir heim über die »Fernpassroute« auf der legendären Bundesstraße 179. Kurz vor dem »Parkplatz Zugspitzblick« sagte Rita: »Halt doch mal an.«
Toilette, dachte ich, okay.
Dann standen wir dort vor einem Holzrahmen, durch den man den angekündigten Blick würde haben können, und tatsächlich bestaunten wir bei bestem Wetter die Zugspitze.
Wir schauten. Und schwiegen.
Und dann, plötzlich, aus heiterem Himmel, sagte sie: »Das ist übrigens mein Lebenstraum: einmal auf die Zugspitze.«
Ich überlegte nur ganz kurz. Dann dachte ich: Klar, mit Gondel. Sie konnte anscheinend meine Gedanken lesen, denn sie sagte laut: »Nein, zu Fuß.«
Zack! Das saß. Die Zugspitze. Die Zugspitze ist ja nicht irgendein Gipfel. Das ist der höchste Berg Deutschlands. 2.962 Meter. Als Mann will man ja nicht mehr und nicht weniger als der Frau seiner Träume ihre Träume erfüllen. Hier war ein Traum, der ohne mich würde stattfinden müssen.
Ich stamme aus Ostwestfalen. Aus Minden. Dort ist Flachland. Das ist der Beginn der Norddeutschen Tiefebene. Meine Berge sind das Wesergebirge und das Wiehengebirge. Bei uns sagt man: »Wiehengebirge – weil es wie ’n Gebirge aussieht.« Das ist bis zu 320 Meter hoch. 2.642 Meter weniger als die Zugspitze.
Das war also der Lebenstraum meiner Freundin aus Hannover, die früher mit ihrem Vater regelmäßig über den Deister wanderte. Höchster Punkt: 405 Meter. Immerhin höher als mein Wiehengebirge, aber ich wollte in meinem Leben noch nie hoch hinaus. Höhe ist mir eine unliebsame Region, obwohl ich mal Zimmermann gelernt habe und schwindelfrei sein sollte. Diese Berufsphase liegt aber schon Jahrzehnte zurück. Überhaupt liegt bei mir inzwischen fast alles schon Jahrzehnte zurück. – Vor allem Sport und regelmäßiges Training.
Die Zugspitze! Wie kam sie auf so etwas? Natürlich, rein körperlich ist sie eine junge Ricke, beim Wandern regelrecht eine Steingeiß (das ist die weibliche Form des Steinbocks) – sie also leichtfüßige Bergziege, ich vom Typ eher ein schwergewichtiges Gallowayrind. Ich bin kein Mann für die Berge.
Um es vorwegzunehmen: Wir sind letztlich losgewandert und – man sieht mir das nicht unbedingt an – ich habe es geschafft! Ich bin auf die Zugspitze gestiegen! Von den Mühen und dem Weg dorthin erzählt dieses Buch. Aber auch vom Älterwerden und -sein, von sportlichem Neubeginn, vom Kampf gegen die Kilos, davon, mit sechzig endlich die legendäre »Seepferdchen-Prüfung« zu bestehen und, als größte Belohnung dafür, den entsprechenden Aufnäher auf der Badehose zu haben.
»Nein, zu Fuß.«
Damals am Fernpass ließ ich ihren Satz unkommentiert stehen. Nur ganz kurz sann ich dem nach. Ich wusste: Meine Lebensträume sind andere und hängen auch nicht mit solch sportlichen Wahnsinnstaten zusammen. Ein solches Vorhaben würde jahrelange, ach was, jahrzehntelange Vorbereitung bedeuten, intensives Training, erhebliche Gewichtsreduktion, all die Stichworte, die ich beim Arztbesuch gern mal als guten Rat, auch ohne Rezept, mit auf den Weg bekam. Und ich habe inzwischen mehr Lebensjahrzehnte hinter mir als vor mir.
Nicht dass ein falscher Eindruck entsteht: Ich bin nicht niedergeschlagen deswegen. Ich habe ein erfülltes, sinnenfrohes Leben, ich bin ein Genießer durch und durch, ein Genussmensch, und mein Lebendgewicht legt auch davon Zeugnis ab.
Warum also sollte ich das ändern und mich kasteien und quälen, hungern und schwitzen? Wie und vor allem warum sollte ihr Lebenstraum solch grausame Folgen für mein Leben haben? Das würde sicher nicht einmal sie wollen.
Hoffte ich.
Ich fragte, nur um eine offene Gesprächshaltung zu zeigen: »Da willst du rauf?«
Sie nickte begeistert.
»Donnerwetter«, sagte ich, als hätte sie den Weg bereits bewältigt.
Dann sagte sie noch: »Nicht alleine natürlich.«
Was sollte das denn heißen? Mir schoss durch den Kopf: Will sie etwa mit jemand anderem da rauf? Oder soll etwa wirklich ich?
Nein, das würde sie nie verlangen. Auf solche Ungeheuerlichkeiten antworten wir Ostwestfalen eigentlich nur mit dem Satz: »Und wovon träumst du nachts?«
Bevor ich den nicht aussprach, sagte sie: »Mit jemandem, der sich auskennt, einem professionellen Wanderführer. Und vielleicht kommt ja noch irgendwer mit.«
Na, das klang schon ganz anders. Ein Wanderführer. Ich würde für diesen Berg also nicht verlassen werden für einen jugendlichen Gipfelstürmer, einen leichtfüßigen Steinbock. Ich konnte also weiter gemütlich auf fetten, grünen Sommerweiden grasen, während sie dem Gipfel entgegenstrebte.
Es sollte anders kommen.
Ich war bis zu jenem Tag auf dem »Parkplatz Zugspitzblick« im Grunde genommen ein in jeder Hinsicht zufriedener Mann gewesen. Mir war bewusst: Figürlich ließe sich durchaus etwas verbessern. Aber wozu? Warum? Sie liebte mich auch so. Schon fast zehn Jahre. Ich trug etliche Kilos zu viel auf den Rippen, aber die hatte ich über lange Jahre voller Genuss angesammelt. Sie liebte auch die. Das glaubte ich da zumindest noch. Leckeres Essen, gerne Alkohol, wir teilten diese Genüsse sogar. Mich irritierte nur, dass sie bei Restaurantbesuchen, wenn wir die Karte studierten, immer wieder mal den Satz einschob: »Wollen wir das teilen?« Ich hörte darüber hinweg.
Sportliche Ambitionen? Die lagen bei mir Jahre zurück. Genau genommen Jahrzehnte.
Und nun? Auf die Zugspitze? Ihren Lebenstraum hatte ich vergessen und verdrängt in dem Moment, als wir vom »Parkplatz Zugspitzblick« herunterfuhren, weiter Richtung flache Heimat. Ich hielt es damals schlicht für unmöglich, auf einen so hohen Berg zu steigen. Wahnsinn! Niemand, den ich kannte, war je ohne Gondel auf Berge gelangt! Und auf der Zugspitze war selbst mit einer Gondel noch niemand gewesen, den ich kannte.
In dem Moment, als ich wieder im Auto saß, war das Thema Zugspitze für mich erledigt. Und anscheinend auch für sie. Sie hat ihren »Lebenstraum« nach der Abfahrt vom »Parkplatz Zugspitzblick« nie wieder angesprochen.
Monate später war ich in Olten, in der Schweiz, auf einem Literaturfestival zum Thema »Reisen«. Ich war eingeladen, aus meinen Finnland-Büchern zu lesen, und traf auf Martl Jung. Der passionierte Barfußwanderer präsentierte sein Buch über eine Alpenüberquerung, die er tatsächlich komplett barfuß bewältig hatte: »O Sohle mio.«
Wir mochten uns und gingen nach der Lesung noch auf ein Bier in die Galicia Bar, die legendäre Kneipe des Oltener Schriftstellers Alex Capus. Martl erzählte, dass er Bergwanderführer sei. Ich hörte ihm zu, zunehmend interessiert.
Irgendwann warf ich ein: »Meine Freundin möchte auf die Zugspitze.«
Er sagte: »Des kannt ma scho macha.«
Ich sagte: »Die ist auch sehr sportlich.«
»Des is guat. Des basst!«, sagte Martl und trank.
Ich bestellte zwei weitere Bier. Wir schwiegen.
Irgendwann sagte ich: »Martl. Du bist doch Bergwanderführer.«
»Ja. Scho.«
»Führst du auch kleine Gruppen?«
»Freilich.«
»Würdest du auch eine ganz kleine Gruppe führen?«
»Scho«, sagte er: »Aber mindestens oana muass scho sei!«
Er grinste, denn er hatte meine Fragen längst entschlüsselt, auch die, die ich gar nicht zu stellen wagte – die nach meiner Eignung.
Schließlich sprach ich es aus: »Und wenn ich auch mit hoch will?«
Darauf trank er einen Schluck und sagte bedeutungsvoll: »Bernd, wann du da auffi wuist, da bring i di auffi.«
Dieser Satz veränderte mein Leben.
Noch in der Nacht schrieb ich der meinen eine SMS: »Wir steigen auf die Zugspitze! Nächstes Jahr – Ende August.«
Sie schrieb zurück: drei Fragezeichen.
Zwei Minuten später schrieb sie noch mal: Smiley. »Du hast getrunken, oder?«
Das war Anfang November. Im August des Folgejahres stiegen wir auf. Nur neun Monate später. Ich war sagenhafte neun Kilo leichter.
Inzwischen wandern wir jährlich, unser Wanderführer, inzwischen auch Freund, Martl, meine Lebensgefährtin Rita und ich. Um genau zu sein, ich quäle mich jährlich. Ein Beispiel: Wir waren in den Dolomiten. Konfusion, der große ostwestfälische Weise, hat gesagt: »Wer auf den nächsten Gipfel will, muss zuerst durch das nächste Tal.« Bei uns war es umgekehrt: Für jedes Tal, in das wir dort wollten, mussten wir zuerst über einen Gipfel. Und oben ist die Luft echt dünn. Es war eine elende Quälerei. Erster Tag: Aufstieg zum Pragser Wildsee …
Sagen wir es so: Ich bin angekommen!
Unterwegs war ich immer der Dritte. Vor mir wanderten Rita und Martl. Den beiden machen Steigungen nichts aus, sie schritten voran.
Von Zeit zu Zeit warteten sie auf mich. Kam ich dann endlich atemlos heran, drehten sie sich, zwei Schritte bevor ich sie erreichte, wortlos um und liefen weiter. Sie hatten ja lang genug gewartet. Was dazu führte, dass ich nun versuchte, zwar schnell wieder zu Atem zu kommen, aber doch erst mal allein zurückblieb, wodurch sich der Abstand noch weiter vergrößerte. Es war ein Elend!
Zur Gegend: Der Dolomit an sich ist ein Stein und war früher ein Riff. Wer damals auf die Dolomiten steigen wollte, musste zu ihnen hinuntertauchen. Wo heute die Gämse springt, schwamm zu jener Zeit der Hai. Wo die Muräne in Felsspalten steckte, pfeift heute das Murmeltier.
Murmeltiere stoßen einen Warnpfiff aus, wenn Gefahr sich nähert. Sie pfiffen auch bei mir. Zu viel der Ehre. Vor mir muss sich kein Murmeltier fürchten. Bei mir pfiffen sie wohl mehr aus Gewohnheit. Oder aus Mitleid. Vielleicht war es sogar Schadenfreude, falls Tiere zu so etwas fähig sind. In jedem Fall aber waren die Murmeltiere mir gegenüber aufmerksamer als meine Mitwanderer.
Immer wieder wurde ich von anderen Wanderern überholt. Hörte ich die hinter mir, drehte ich mich kurz um und ließ sie vorbei. Ich stellte irgendwann fest, dass ich zweifelsohne und mit Abstand der Bergälteste war. Älter als ich war hier wirklich nur noch das Gestein, auf dem ich schritt. An der nächsten gemeinsamen Rast flüsterte ich der Liebsten zu, wo ich das Testament versteckt habe.
Tag zwei. Heute ging es vom Pragser Wildsee zur Senneshütte, dann ein steiler Abstieg zur Pederü, einem Berggasthaus. Dort hatte Martl für 16:30 Uhr ein Hüttentaxi zur Übernachtungshütte Fanes bestellt. Hüttentaxi heißt, jemand von den Mitarbeitern kommt herabgefahren und fährt auf die Minute pünktlich wieder hoch, denn er wird dort oben gebraucht. Bist du nicht da, musst du die 800 Höhenmeter zur Hütte in Dämmerung und Nacht aufsteigen.
Es folgte die endgültige Demütigung, als Martl sich um fünfzehn Uhr, nach einer kurzen Rast an der Senneshütte, meinen Rucksack auch noch über die Schulter schmiss und sagte: »I nimm den Rucksack! Vielleicht schaff ma’s dann no.«
Ich bin in der Lage, schnell zu gehen – aber nur, wenn ich ins Kino will und der Film gleich startet. Das ist ein Tick von mir. Ich kann keinen Film schauen, der schon angefangen hat. Das ist dann mein »Kinoschritt«, den ich nur an den Tag lege, um eine Leinwand noch pünktlich zu erreichen. Enge Freunde von mir kennen den und sie machen Witze darüber. Ich bin durchaus in der Lage, den fünf bis sogar maximal sieben Minuten lang durchzuhalten. Auf keinen Fall länger. Nun lief ich im Kinoschritt anderthalb Stunden von der Senneshütte hinab bis zur Pederü.
Immer in Sichtweite anderer Menschen reichte Martl mir den Rucksack kurz zurück, um die Blamage nicht am gesamten Berg öffentlich werden zu lassen. Sobald wir aber außer Sichtweite waren, stürmte er mit beiden Rücksäcken weiter. In der vorletzten Kurve vor der Pederü, es war 16:14 Uhr, schmiss er meinen Rucksack zu Boden, lief los und rief: »Nimmst’n! I bschdoi drei Hoibe Weißbier! Des schaff ma no!«
Ich griff meinen Rucksack und erreichte mit der meinen um 16:23 Uhr die Pederü. Vor Martl standen drei Weizen. Ich wusste, was ich zu tun hatte: Ich bezahlte. Dann trank ich. Um 16:27 Uhr war mein Glas leer. Nun konnte ich der meinen sogar noch helfen, ihr Weizen bis pünktlich 16:30 Uhr, bis zur Abfahrt zu leeren. Jetzt endlich konnte ich mal auf die beiden warten!
Ich bin der absolute Spätzünder, in jeder Beziehung. Nicht nur beim Wandern. Natürlich vor allem als Mann. Der erste Kuss? Das hat ewig gedauert. Ich hatte Schiss davor, als wäre es eine Watzmann-Besteigung, und letzten Endes ist es das ja auch. Ich habe den damals mehrfach erfolgreich hinausgezögert, genau wie später mein »erstes Mal«. Das Einzige, was sofort und beim ersten Mal geklappt hat, war der Führerschein. Wenn es doch so etwas wie den Führerschein auch für den ersten Kuss gäbe! Aber zu welcher Fahrschule hätte man dafür gehen können?
Ich war noch nie »ganz vorne dabei« oder einer der Ersten. Egal ob PC oder Laptop – ich benutzte noch sehr lange eine Schreibmaschine. Bis ich endlich von meinem Nokia-Knochen mit Tastatur auf ein Smartphone mit Touchscreen umgestellt hatte, dauerte es ewig. Tippen auf einer Glasscheibe? Wischen? Wie sollte das denn gehen? Oder aktuell: Download von Updates? Warum? Wozu? Damit danach alles noch schwieriger ist als vorher? Vor allem anders? Ich habe regelrecht Angst vor allem technisch Neuen. Misstrauen. Trotz. Muss doch nicht auch noch sein. Was soll das? Kapier ich sowieso nicht! Ich habe keine Kinder, die mir das erklären könnten! Es gibt tausend Gründe.
Auch Mode und Moden gingen und gehen an mir vorbei. Bluejeans forever und Hosen bitte von Levi’s. Aber Jeans mit Elasthananteil? Niemals! Slim-Fit-Jeans mit Shaping-Einsatz? Kommen mir nicht ins Haus. E-Auto, Verbrenner oder sogar noch Diesel? Das sind gar nicht meine Fragen. Ich brauche einen Wagen, in dem ich weiterhin CDs abspielen kann. Bis heute kaufe ich die. Ich loade meine Musik nicht down und ziehe sie nicht auf einen Stick. Ich streame nichts und habe kein Netflix-Abo.
Ich schaue als wahrscheinlich Letzter überhaupt weiterhin linear Fernsehen. Angeblich hat meine Fernbedienung eine Taste für die Mediathek, aber ich will etwas sehen, wenn es kommt, und wenn nicht, habe ich es eben verpasst. Dann warte ich auf die Wiederholung. Ich nehme auch keine Sendung auf! Ich hatte tatsächlich mal einen Videorekorder. Selten gebraucht. Den habe ich sogar immer noch, aber ich weiß nicht, wo er steht, liegt oder lagert, und vor allem weiß ich nicht, welche der vielen Kabel aus der Kabelkiste zu ihm gehören, und zu dem Fernseher, den ich inzwischen besitze, werden die garantiert nicht mehr passen.
Lotto online? – Eine Sünde! Ein Verfall der Sitten! Ein Dauertipp? – Um Gottes willen! Bei uns wurde und wird allwöchentlich der Spielschein »händisch« neu ausgefüllt. Das hat mein Vater so gemacht und das mache ich so weiter. Nicht die Ziehung der Lottozahlen ist das eigentliche Vergnügen, die Freude, sondern die Übertragung oder Auswahl der jeweiligen Spielzahlen. Von Hand! Mit Kugelschreiber! Niemals könnte ich einen »Quicktipp« spielen, bei dem nicht ich meine potenziellen Glückszahlen auswähle, sondern ein Zufallsgenerator. Wenn ich selber getippt habe, dann ist es auch nicht schlimm, wenn die nicht gezogen werden. Da habe ich dann eben falsch ausgewählt. Aber ich bestimme mein Schicksal selbst, sonst fühle ich mich beim Tippen betuppt!
Ich habe auch noch keinen Text mit ChatGPT erstellt. Ich tippe weiterhin alles selbst, auf meiner Tastatur, mit – natürlich! – Zweifingersuchsystem. Damit habe ich etliche Kabarettprogramme und mehr als dreißig Jahresrückblicke geschrieben, ungefähr zehn Bücher, auch dieses, dazu ungefähr fünfzehn Hörspiele und Hunderte Kolumnen und Radiotexte. Und bevor ich was aufschreibe, überlege ich, was ich damit sagen will. – Ich weiß, ich bin total aus der Zeit gefallen!
Das gilt auch beim Sport. Zu meinem Fitnessprogramm auf dem Weg zu höchsten Bergen gehörte unter anderem das Fahrradfahren. Und nun kommt es: Ich fuhr immer noch Rad ohne Helm! Unvernünftig? – Kann sein. Ich war früher auch Motorrad ohne Helm gefahren, im Urlaub in Griechenland. Mit einem Roller ohne Helm in Italien. Wir fuhren ohne Helm durchs Dorf. Meine Mutter sagte damals auf Plattdeutsch, als sie erstmals zu mir auf mein Motorrad stieg: »Over ick sette kein Helm up! Ick bin bien Friseur wäsen!« Helme hatten wir nicht nötig! Umsichtig, wie ich war und fuhr!
But the times they are a-changing. Alles ändert sich. Rund um mich herum stürzen die Menschen. Im Grunde sind auch die Stürze eine Art Alterserscheinung. Meine Mutter stürzte im Haus, Verdacht auf Beckenbruch. Sie stürzte zwei Wochen später wieder, als sie die Maulwurfshaufen auf dem Rasen wegschaufeln wollte. Sie sagt seither, der Maulwurf habe ihr ein Bein gestellt. Meine Freundin stürzte, ganz ohne Maulwurf, auf dem Gehweg. Dreifachfraktur im Kugelschultergelenk: Humeruskopffraktur. Eine Freundin trat neben eine Treppenstufe und brach sich den Oberschenkelhals. Sogar ich selber verunglückte: Ich stolperte im Wald und schlug mit der Stirn auf. Dann trat ich Wochen später auf einen Kiesel, rollte, rutschte und stürzte auf die Straße, ohne wie früher souverän mit Judorolle sofort wieder aufrecht dazustehen. Bei uns allen blieb Gott sei Dank der Kopf heile.
Aber wegen der Summe dieser Stürze habe ich mir dann doch einen Fahrradhelm gekauft. Ja, ich gebe es zu: Ich fahre seit Kurzem Rad mit Helm. Lange dachte ich: Fahrradhelme tragen nur Eltern, die ein gutes Beispiel für ihre Kinder sein wollen. Inzwischen rasen Autofahrer und E-Biker haarscharf an mir vorbei. Letzteren ist dabei egal, ob sie mir entgegenkommen oder mich überholen. Besonders haarscharf passiert das jedes Mal auf dem Stück Weserradweg, wenn ich gemütlich zu meiner Mutter radele. Es ist gefährlich geworden auf Zweirädern. Und schließlich geht es um mein bestes Stück – meinen Kopf. Mein Fahrradhelm sieht cool aus, trägt sich auch gut. Ich, der Spätzünder, bin endlich mal ganz vorn dabei.
Nur ein E-Bike – das kommt mir nicht ins Haus. So alt kann ich gar nicht werden!
Auf die Zugspitze, das war jetzt gesetzt! Ich war inzwischen allerdings über sechzig. Und sollte da hoch. Beziehungsweise: Ich wollte da hoch. Irgendwie hatte sie es geschafft, dass ihr Wunsch auch mein Wunsch und letztlich mein Entschluss geworden war. Vielleicht sollte ich den Satz in meinen Grabstein meißeln lassen: »Du kannst alles erreichen – wenn deine Frau es will.«
Bevor ich sechzig wurde, habe ich so vieles nicht gewusst, obwohl schon da mehr hinter mir lag, als ich jetzt noch vor mir habe. Man muss da gar nicht drum rumreden: Mit sechzig beginnt das letzte Drittel.
Die ersten Zeichen bekam ich schon mit fünfzig, als meine Zahnärztin, wir sind befreundet, sagte: »Bernd, ich empfehle Zahnzwischenraumbürsten.«
Ich fragte: »Bettina, werde ich alt?«
»Sei froh«, sagte sie grinsend, »dass du noch Zahnzwischenräume hast.«
Sie ist dann zu meiner Geburtstagsfeier gekommen und hat mir eine Zahnzwischenraumbürste geschenkt.
Zu meinem vierzigsten Geburtstag hatte ich damals eingeladen unter dem Motto »Alles Pfirsich!«. Es ist unfassbar, was die Leute mir mit und aus Pfirsich geschenkt haben. Pfirsichshampoo, Pfirsichbonbons, Pfirsichlikör. Den habe ich heute noch, mehr als zwanzig Jahre später. Den trinkt keiner. Nicht mal meine Mutter. Den kann ich noch so oft anbieten.
Zehn Jahre später habe ich zu meinem Fünfzigsten eingeladen unter dem Motto »Hälfte rum«. Ich dachte, wenn Hundertjährige aus dem Fenster steigen, ist mit fünfzig die Hälfte rum. Einige meiner Gäste nahmen das zum Anlass, mir Flaschen zu schenken, die nur halb mit Rum gefüllt waren. Das fanden die witzig.
Der einzige echte Nachteil an den fünfzig ist – du kannst dein Alter nicht mehr auf dem Lottoschein ankreuzen. Auch das Leben hinterlässt Spuren.
Aber das Leben schenkt auch Liebe. Ich war noch gar nicht so lange fünfzig, als ich ihr begegnete: Rita. Ich wusste sofort: Sie ist es.
Sie sagte erst kürzlich, nach vierzehn Jahren: »Ich bin noch nicht wirklich entschieden.«
Das finde ich natürlich ungerecht, immerhin war ich mit ihr auf der Zugspitze, zu Fuß, ohne Gondel, und um das noch einmal deutlich zu sagen: Meine Idee war das nicht!
Ich war also entschieden. Ich würde auf Deutschlands höchsten Berg steigen. Ich bin aber nicht mehr schwindelfrei, obwohl ich früher mal Zimmermann gelernt habe. Und das war eine Lehre fürs Leben.
