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Dan O´Flynn schätzte die Zahl der angreifenden Negritos. Es waren wieder etwa dreißig, die das Notlager der Arwenacks ausplündern wollten. Plötzlich stieß der Anführer, der sich am weitesten vorgewagt hatte, einen scharfen Ruf aus. Die Negritos sprangen vor und holten aus. Der Anführer schleuderte den ersten Speer. Gleichzeitig feuerte Dan und traf den Häuptling zwischen Hals und Schulter. Der Anführer wurde herumgewirbelt, schrie gellend auf und ließ seine anderen Bambusspeere fallen. Aber die Arwenacks waren alarmiert und gingen auf die anderen Negritos los - mit Spaken und Musketenkolben. Batuti und Dan O´Flynn hatten die schwelenden Fackeln aus dem Boden gerissen, schwangen sie und schlugen damit auf die Angreifer ein. Die Flammen loderten, Funkenregen stob nach allen Seiten. Ein Höllenlärm tobte...
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Seitenzahl: 145
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Impressum© 1976/2021 Pabel-Moewig Verlag KG,Pabel ebook, Rastatt.eISBN: 978-3-96688-128-9Internet: www.vpm.de und E-Mail: [email protected]
Sean Beaufort
Die Arwenacks kämpfen verzweifelt um das Überleben
Dan O’Flynn kauerte auf der feuchten Decke auf dem Uferfelsen und starrte hinüber zum Waldrand. Spielte ihm seine Einbildung wieder einen Streich? Oder sah er dort zahlreiche Augenpaare, die erschienen, wieder verschwanden, an anderer Stelle erneut auftauchten?
Waren es Tiere oder die Negritos, die zweimal versucht hatten, die Überlebenden zu überfallen?
Was brachte sie dazu? Die Seewölfe, die von riesigen Wellen und dem unergründlichen Schicksal an diesen Strand geworfen worden waren, besaßen nicht mehr als das, was sie am Leib trugen – und ihr Leben. Dan tastete nach den scharfkantigen Wurfgeschossen, nach dem Bambusspeer mit der feuergehärteten Spitze und nach der Keule, die aus einem gespaltenen Ast und einem Stein bestand.
Sie sollten nur kommen, die Bastarde. Er hielt Wache. Und seine scharfen Augen schlossen sich nicht in der Dunkelheit …
Philip Hasard Killigrew – glaubt an ein Wunder, als die gekenterte Schebecke kieloben in der Hungerbucht treibt.
Ben Brighton – organisiert mit dem Seewolf eine kräftezehrende Aktion, um alles aus der Schebecke zu bergen.
Ferris Tucker – hält es als Schiffszimmermann für möglich, die Schebecke wieder aufzurichten und segelklar zu bekommen.
Edwin Carberry – hat Gelegenheit, seinen Profoshammer zur Wirkung zu bringen.
Will Thorne – hat kaum sein Handwerkszeug zusammen, da beginnt er auch schon mit dem Flicken der Segel.
Hasard und Philip junior – bauen ein Floß für den Pendelverkehr zwischen Schebecke und Strand.
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitän Philip Hasard Killigrew wachte etwa drei Stunden vor Sonnenaufgang, am dritten Tag der Strandung, voller Unbehagen auf. Der Sand, in den er sich wie jeder seiner überlebenden Männer eine Kuhle geschaufelt hatte, verlor den letzten Rest der Wärme, die er tagsüber eingesogen hatte.
Als Hasard die Augen öffnete und regungslos nach oben blickte, sah er die Sterne und den Mond. Sie schienen in dieser Nacht riesengroß zu sein, viel klarer als sonst. Als er langsam seinen Traum vergaß und in die Wirklichkeit zurückkehrte, hörte er, durch das gleichmäßige Geräusch der Brandung hindurch, die Laute der schlafenden Überlebenden der Kenterung.
Fast augenblicklich holten ihn Durst, Hunger und die Sorgen wieder ein.
Er richtete sich auf den Ellbogen auf und starrte in zwei große, leuchtende Augen. Vor ihm ertönte ein leises, heiseres Knurren.
„Plymmie“, flüsterte er und fuhr mit allen zehn Fingern durch sein Haar. Sandkörner rieselten über seine Schultern und die halbnackte Brust.
Die Bordhündin wedelte kurz mit dem buschigen Schwanz.
„Lassen wir die anderen weiterschlafen“, flüsterte der Seewolf und legte den Finger an die Lippen. „Sie haben’s verdient.“
Er richtete den Blick nach rechts. Dort hob sich, noch schwärzer gegen die nachtdunkle Umgebung, der Oberkörper eines Mannes ab. Unverkennbar war der Kopf mit dem markanten Kinn; der Profos hatte die Wache übernommen.
Hasard wußte nicht, was ihn geweckt hatte. Er schloß wieder die Augen und horchte.
Auch Plymmie verhielt sich still.
Vom Meer her, irgendwo im Bereich der Bucht, ertönte ein Geräusch, ein Laut, der nicht dazugehörte in das Knistern des Sandes, in das donnernde und dumpf brodelnde Geräusch der Brandung, die sich undeutlich hell vor der pechschwarzen Kimm abzeichnete, hochwuchs und verging, in das Zischen der kleinen, schäumenden Wasserzungen, die über den Sand raschelten.
Hasard holte tief Luft und stand so leise wie möglich auf. Er wischte den Sand von Ellbogen, Knien und Fingern und suchte sich einen Weg zwischen den schlafenden Arwenacks.
Er zwang sich dazu, den Hunger zu vergessen oder zumindest zu unterdrücken. Seine Schritte klangen, leise und knirschend, durch die Mulde, aber keiner der Schläfer wachte auf. Lautlos trottete Plymmie hinter dem Seewolf her.
Hasard bückte sich und hob einen armlangen Knüppel auf, den Ben Brighton mit seinem schartig gewordenen Messer aus einem Stück Treibholz geschnitzt und gesägt hatte.
Als Hasard aus der kleinen Vertiefung hinaustrat, in der die Überlebenden für diese Nacht ihr Schlaflager eingerichtet hatten, brachte der Wind den beißenden Geruch der erkalteten Glut und der angekohlten Reste des Holzes in seine Nase. Langsam ging er in die Richtung des viermal mannsgroßen Steines, der aus dem welligen Sand aufragte und auf dem Edwin Carberry Wache hielt.
Ganz leise fragte der Profos: „Sir?“
„Ja“, erwiderte Hasard und hob den Arm. „Alles ruhig?“
„Wie im Grab, Sir“, entgegnete Carberry. „Aber ich glaube, dort drüben ein paar von den Rübenschweinen gesehen zu haben.“
Mit „Rübenschweinen“ konnte er nur die Negritos meinen, von denen die Überlebenden der Schebecke ununterbrochen belästigt wurden.
„Was tun die Kerle?“ fragte Hasard und glitt näher, bis er den Fuß des runden Felsens erreichte und sich dagegen lehnen konnte. „Sammeln sie sich zum gewohnten morgendlichen Angriff?“
„Keine Ahnung, Sir. Ich habe nur am Waldrand einige Bewegungen gesehen. Mehr gehört als gesehen.“
Sehr viel mehr als ihre Kleidung und die Messer hatten die Arwenacks nicht retten können. Schiffbruch war meist tödlich. Hasard glaubte dennoch, daß die fehlenden elf Seewölfe noch lebten. Oder vielleicht waren nicht alle ertrunken. Ob sie sich, ähnlich ihren Kameraden, auf eine andere Insel hatten retten können – wer wußte es?
Aber so weit im Süden der Welt, wo das Wasser weniger kalt und die Inseln voller Wälder waren, gab es mehr Möglichkeiten, zu überleben. Für wie lange? Auch das wußte keiner.
Wenn es den Negritos gelang, auf der Andamaneninsel zu leben, dann würden die Seewölfe weder verdursten noch verhungern. Aber der Schock, der sie ihres gesamten Besitzes beraubt hatte, hielt jeden noch immer in seinem eisernen Griff.
Gold, Edelsteine und weiche Tücher aus dem Sultanspalast? Sie waren unwichtig geworden und bedeutungslos. Ein Boot, das Schiff, Werkzeug und Waffen! Ohne diese lebensnotwendigen Dinge gab es kein lebenswertes Leben, nicht mal auf einer tropischen Insel wie dieser.
„Also brauchen wir niemanden aufzuwecken“, stellte Hasard ruhig fest.
Wenn sich jemand aus dem Inneren der Insel näherte, hob sich seine Gestalt im Licht der Sterne und des bleichen Mondes deutlich gegen die hellere Fläche des Sandes ab. Und wenn sich die Negritos vom Meer her in Kanus näherten, würden sie auch gesehen werden. Aber bisher hatten die Seewölfe noch nichts von Booten, Einbäumen, Kanus oder Auslegerbooten entdeckt.
Hasard schwieg, überlegte und schaute sich um. Plymmie schnürte langsam über den feuchten Sand, unten an der Bucht.
Die Bucht, eigentlich mehr eine halbkreisförmige Fläche von knapp einer Seemeile Durchmesser, öffnete sich nach Süden, also etwa in die Richtung, in der die Kenterung erfolgt war.
Hasards Überlegungen beschäftigten sich seit der Stunde, in der sie festgestellt hatten, daß sie noch lebten, mit dem Bau eines großen, stabilen Floßes. Aber diese einzige Möglichkeit, von hier wegzukommen, war in Wirklichkeit nur eine vage Hoffnung, denn mit ihren Messern konnten sie keine Bäume fällen und die Stämme zerkleinern. Alles, was sie brauchten, fehlte, war von der See verschlungen worden.
„Da ist etwas“, sagte Hasard nach einer Weile. „Ohne jeden Zweifel, Ed. Im Wasser, zwischen der Brandung und dem Strand. Ich habe seltsame Geräusche gehört.“
Carberry grunzte und schüttelte den Kopf. „Ich nicht, Sir.“
„Ich schon. Ich glaube nicht, daß ich Wasser oder Sand in den Ohren habe. Jedenfalls nicht zuviel“, sagte Hasard.
An der Kimm, die etwa zu zwei Dritteln von hier aus zu sehen war, verblaßten die ersten Sterne. Der narbige Mond senkte sich hinter die Kulisse der Laubbäume und der gespreizten Palmwedel. Die Inseln der Andamanensee, offensichtlich weitaus mehr, als jede erhältliche und bekannte Karte zeigte, waren waldreich und schienen in Nord-Südrichtung eine unregelmäßige, langgezogene Grenze vor dem östlichen Festland zu bilden.
Die Ströme der Gezeiten setzten bei steigendem Wasser noch Osten und bei fallendem Wasser nach Westen, aber der Wind beeinflußte sie sehr stark. Für Hasard gab es keinerlei berechenbare Gesetzmäßigkeiten, und er war froh, daß so viele Männer sich hierher hatten retten können – dies allerdings entlang eines überschaubaren Strandabschnitts.
Er hob den Kopf und glaubte, zwischen dem Strand und der Brandung irgendwelche undeutlichen Gegenstände zu sehen.
„Ed?“ Hasard unterbrach das Schweigen und die Stille an diesem Abschnitt des Strandes.
Aus dem großen Wall des Treibguts drang ein fauliger Geruch. Ein großer Fisch sprang eine Kabellänge von ihnen entfernt mit lautem Klatschen aus dem Wasser und fiel zurück.
„Sir?“
„Schau zum Mittelpunkt der Bucht. Dort ist etwas. Eine Schule Tümmler? Oder ein paar kleine Wale? Oder sonstwas.“
Beide Männer starrten in die angegebene Richtung. Sie sahen in der schwingenden nächtlichen Dunkelheit nicht viel, aber sie erkannten, daß die Wasserfläche und das vage Licht auf den Kämmen der Wellen von einem treibenden Gegenstand oder vielen kleineren Dingen unterbrochen wurde. Einige Schaumstreifen und Dreiecke zeichneten sich dort ab, wo es sie eigentlich nicht hätte geben dürfen.
Carberry stieß einen schwer zu deutenden Laut aus. Dann murmelte er: „Du hast recht, Sir. Irgendwas ist dort.“
Der Mond sank hinter die Baumwipfel. Ein seltsam grauer Schatten kroch über die helleren Flächen. Auch das Wasser in der großen Bucht färbte sich dunkel. Das Licht der verblassenden Sterne ließ auf der Wasseroberfläche auch nichts erkennen.
„Es hat auch keinen Sinn, hinunterzulaufen“, sagte Hasard und setzte sich, mit dem Rücken zum warmen Fels, in den Sand. „In ein, zwei Stunden sehen wir alles ganz deutlich.“
Der Rest der Crew wußte und ahnte noch nichts von dieser Seltsamkeit.
Die Seewölfe lagen da und schliefen. Ab und zu drang das rasselnde Schnarchen des einen oder anderen bis hierher. Ein gutes Zeichen. Im tiefen Schlaf dachten sie wenigstens nicht an die elf Verschollenen. Das würde später wieder einsetzen.
Plymmie, die entlang der kleinen Wellen strich, blieb plötzlich stehen und knurrte scharf. Nach Hasards und Dans Berechnungen mußte etwa bei Morgengrauen oder spätestens bei Sonnenaufgang die Flut wieder auflaufen. Auch das Verhalten der Bordhündin bewies, daß sich in der Mitte der Bucht etwas Seltsames abspielte.
Wäre es eine Gefahr für die Arwenacks gewesen, würde sich die Hündin wie eine Verrückte aufführen. Hasard ließ die Schultern wieder nach vorn sinken, die Anspannung fiel vom ihm ab wie eine Gallone stäubenden Sandes.
„Wir müssen das Frischwasser sichern, Sir. Und vielleicht fangen wir irgendwelches Viehzeug im Wald. Bald leiden wir ernsthaft Hunger“, sagte der Profos halblaut. „So geht’s nicht mehr lange weiter.“
Hasard wußte längst, daß Edwin Carberry völlig richtige Überlegungen anstellte. Er antwortete: „Und so geht’s auch nicht gut. Du hast recht, Ed. Aber ich weiß auch nicht, was wir dagegen tun können. Uns ist so verdammt wenig geblieben. Wir können nicht mit Kraft und Schwung handeln.“
Vorbei waren die faulen Tage in Madras. Das Fest beim Sultan von Golkonda war ebenso weit entfernt wie London oder der Stützpunkt in der Karibik. Die Wertsachen an Bord hatte der Ozean verschlungen, ebenso wie die Nahrungsmittel und den Rum, die Waffen und das Pulver für die Culverinen. Es war wie der Hieb mit einer riesigen Axt gewesen, so endgültig wie jenes blitzende Beil, das den Kopf des portugiesischen Kapitäns und den des Inders Shastri vom Rumpf getrennt hatte.
Sie waren völlig allein, auf sich selbst gestellt, auf ihre eigene Kraft und Pfiffigkeit und auf ihre stumpf gewordenen Messer.
Hasard fluchte eine Weile still in sich hinein und rappelte sich dann hoch.
„Irgendwie werden wir handeln. Noch leben wir.“
Carberry stieß ein heiseres Lachen aus.
„Nicht besonders gut, Sir“, sagte er. „Aber viel schlimmer kann’s nicht mehr werden, glaube ich.“
„Du sagst es.“
Sie warteten schweigend. Hasard hockte sich wieder hin, aber ihre Unruhe stieg.
Zwischen dem Waldrand, dem Gebüsch und dem schmalen Streifen der Mangrovenhaine, deren Wurzeln sich weit in die Strandzone geschoben hatten, gab es keine Bewegung. Der Hund lag in der Mitte des Strandes und starrte zu der rätselhaften hellen Masse, die sich augenscheinlich mit den Ausläufern einer jeden Brandungswelle näherschob. Ab und zu beunruhigte ein weiteres Geräusch, das schwer oder gar nicht zu deuten war, die beiden Männer.
Der Mond verschwand hinter dem Inselwald.
Eine aufspringende Bö ließ die Sandkörner rascheln und fuhr in die Glut unter den verkohlten Holzresten und der grauen Asche. Sie ließ die Glut aufleuchten und wehte die Asche in einer auseinandergezogenen Spirale aus der Mulde hinaus und auf den Strand.
Lautlos und schleppend verging die Zeit.
Sowohl Hasard als auch der Profos dösten ein. Ihre Augen schlossen sich, ihre Köpfe sanken langsam auf die Brust. Irgendwann riß sie das scharfe Gebell der Hündin wieder hoch.
Die Sterne waren verschwunden.
Von Osten nach Nordosten und Südosten breitete sich das fahle Grau aus, darunter ein rosafarbener Streifen. Die Kimm sah aus, als schiebe sich schmutziger Rauch in die Höhe. Es gab keinen Schatten, eine ungewohnte Stille hatte sich ausgebreitet.
Noch waren die unzähligen Vögel im Inselwand nicht aufgewacht, die jeden Morgen mit ihrem Geschrei begrüßten. Nur die Geräusche des Wassers unterbrachen die Ruhe.
Das vage Licht ließ nur erkennen, daß größere Dinge im Wasser schwammen, aber es waren noch keine Umrisse oder Konturen zu erkennen. Edwin Carberry kletterte mit steifen Muskeln von seinem Ausguckposten und sprang schwer in den aufknirschenden Sand neben Hasard.
„Von hier aus sehen wir’s am deutlichsten“, knurrte er, „wenn wir etwas sehen.“
In seinem Magen bildete sich ein großer, harter Klumpen. Er wurde von Atemzug zu Atemzug härter und lag darin wie ein Granitstein.
Auch Hasard stand auf und spähte ins Wasser der Bucht. Knarrende Geräusche, Holz schlug gegen Holz. Als das Morgenrot sich ausbreitete, als der Streifen hinter der Kimm den sichtbaren Bereich des Rundumblicks erreichte, setzten sich beide Männer in Bewegung und gingen hinunter zum Strand.
Die Bucht und der anschließende Hang hatten nur ein geringes Gefälle, es gab keine Dünen. Nur runde Felsen und wenige scharf gezackte Steinformationen, in deren Umkreis stachelige Büsche wuchsen, unterbrachen die ziemlich glatte Sandfläche, in der die Seewölfe am vergangenen Abend ihr Lager gesucht hatten.
Plymmies Bellen wurde lauter.
Sie war aufgesprungen und lief hin und her. Ihre Spuren vermischten sich mit drei oder vier Spuren, die aus den Abdrücken nackter Füße bestanden.
Hasard hob sein Rundholz, das mit dem Knoten, Verdickungen und Knorpeln den Knochen eines riesigen Tieres ähnlich sah.
„Hast du gesehen, daß hier die Negritos waren?“ fragte er seinen Profos.
Carberry spuckte in den Sand. „Nein! Wenn ich etwas gesehen hätte, würde euch mein Gebrüll sehr schnell aus den Träumen gerissen haben.“
„Und die Zwillinge, meine Söhne?“ fragte Hasard und heftete seinen Blick auf den großen, länglichen Gegenstand, der sich mehr als eine Kabellänge vom Land abzuzeichnen begann.
Jung Philip und Jung Hasard hatten vor Carberry die Wache gehabt.
„Nichts, Sir“, antwortete der Profos grimmig. „Sonst wäre hier die Hölle los.“
Nebeneinander gingen sie durch den Sand. Muscheln krachten unter ihren Schritten. Der Stoff der Hemden und Hosen war noch immer von Salz bedeckt und rieb auf der Haut wie Bimsstein. Beiden Männern drängte sich ein Gedanke auf, aber sie könnten nicht glauben, was sie dachten. Sie blieben neben Plymmie stehen und warteten darauf, daß es heller wurde.
„Das kann nicht sein, Ed“, sagte der Seewolf. „Aber so sieht es aus. Verdammt!“
„Da ist eine Menge Gerümpel im Wasser, Sir“, sagte der Profos nach einer Weile. „Aber ich kann nicht erkennen, was da schwimmt.“
Sie warteten voller Ungeduld. Im feuchten Sand hatten sich die Fußabdrücke deutlich und lange gehalten. Nachts schienen tatsächlich, ohne daß sie bemerkt worden waren, ein paar Negritos hier entlang nach West gegangen zu sein. Aber nicht mal Plymmie hatte Laut gegeben. Hasard zuckte mit den Schultern und legte das Rundholz auf die Schulter.
Im Osten bildete sich ein dünner, heller Fleck. Aus dem rosafarbenen Streifen erhob sich der Rand der Sonne. Strahlen zuckten über die Kimm. Sekunden später war es hell geworden. Hasard und der Profos sahen genau, was vor ihnen langsam dem Ufer entgegentrieb.
„Ein Schiff“, ächzte Carberry.
„Unser Schiff“, sagte Hasard heiser. Die Spannung löste sich. „Unsere Schebecke.“
Noch während sie versuchten, diese Entdeckung in ihren Gedanken zu verarbeiten, spürten sie die wilde Freude, die auf die tiefe Niedergeschlagenheit folgte. Es war fast zuviel.
„Kieloben“, sagte Hasard und nahm sich zusammen. Seine erste Handlung wäre beinahe gewesen, sich ins Wasser zu stürzen und auf das Schiff zuzuschwimmen.
„Das nenne ich verdammtes Glück“, sagte der Profos fassungslos. „Ausgerechnet hierher hat die Strömung das schöne, gute Schiffchen getrieben. So wie uns auch, Sir.“
Er drehte sich um, fing zu brüllen an und stürmte auf die Mulde zu, in der die Seewölfe schliefen. Plymmie hetzte neben ihm her und bellte wie verrückt.
Binnen weniger Atemzüge wachten alle Mannen der Crew auf, sprangen auf und hoben ihre Köpfe über den Rand der Mulde. Sie verstanden nicht gleich, was der Profos brüllte.
„Die Schebecke! Kieloben! Sie treibt in der Bucht! Auf die Beine, ihr Rübenschweine! Los, bergen wir das Schiffchen. Sie ist da. Die Schebecke! Unser Schiffchen …“
Die Scheibe der Sonne befand sich jetzt eine Fingerbreite über der Kimm, neun Zehntel waren noch versteckt. In das Gebell der Hündin und die aufgeregten Schreie mischte sich der kreischende Chor von unzähligen Vögeln und Tieren im Wald. Der Wust aus Geräuschen vertrieb auch den letzten Gedanken an Schlaf und Ruhe. Der Tag hatte angefangen.
Zuerst konnten die Arwenacks nicht glauben, was der Profos schrie.
Sie gingen zögernd in Richtung des Strandes und musterten den langen, schlanken Rumpf, der kieloben sehr langsam herantrieb und dessen Heck zum Land deutete. Rund um das Schiff trieben in einer unübersehbaren Wuhling Tampen und Leinen, Fässer und unkenntliche Gegenstände, Segeltuchfetzen, Rahen und ein langer Mast. Die Wellen hoben und senkten sich, und nur langsam sickerte in die Köpfe der Überlebenden ein, daß es wirklich ihre unersetzliche Schebecke war.
