Seht den Menschen - Peter Balleis - E-Book

Seht den Menschen E-Book

Peter Balleis

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Beschreibung

Seit über 20 Jahren ist der Jesuit Peter Balleis an vorderster Front in der Flüchtlingsarbeit tätig. Er fragt nach den Ursachen für das Elend und blickt dabei nicht nur auf politische Hintergründe, sondern auch in menschliche Abgründe. Die Aussicht auf Reichtum, Ehre und Macht ist Triebfeder der Gewalt und Auslöser von Kriegen. Jeder Mensch muss lernen, mit diesen Grundversuchungen umzugehen – in der Gesellschaft wie im persönlichen Umfeld. Auch Jesus war ihnen ausgesetzt. Der Blick auf ihn eröffnet einen geistlich-konstruktiven Weg, die Versuchungen im eigenen Leben wachsam im Auge zu behalten – und mit dem ersten Schritt zu mehr Menschlichkeit, Frieden und Gerechtigkeit bei sich selbst anzufangen, damit die Welt nicht so bleibt, wie sie ist.

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Seitenzahl: 279

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhalt

Vorwort

Erstes Kapitel Die Kriege und das Böse

Ein Jesuit als Geisel der Taliban

Deutschland – Den Toten zur Ehr, den Lebenden zur Mahnung

Syrien – Die Eskalation eines Konflikts

Afghanistan – Das Böse ist dumm

Sri Lanka – Nationalisten als Feinde der Nation

Das Afrika der Großen Seen – Ohne Wahrheit keine Versöhnung

Südsudan – Der Bruderzwist

Zentralafrikanische Republik – Staatszerfall

Kriege um Reichtum, Ehre und Macht

Zweites Kapitel Dem Bösen widerstehen

Die Versuchungen Jesu in der Wüste

Strukturelle Habsucht

Ehrsucht im Kleid von Fundamentalismus und Nationalismus

Machtsucht und der Zorn der Kriege

Drittes Kapitel Die Grenze des Bösen ist Barmherzigkeit

Mitleid mit den Flüchtlingen und Opfern der Kriege

Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist

Maria – Die weibliche Kraft der Barmherzigkeit

Viertes Kapitel Auf der Seite der Verlierer

Die Perspektive der Opfer

Im Angesicht der Taliban

Mut im Angesicht des Nazi-Terrors

Jesu Konflikt mit der Macht

Ein Grab in den Ruinen von Homs

Fünftes Kapitel Geistliche Instrumente für realpolitische Entscheidungen

Die Opfer ins Zentrum stellen

Den Mainstream-Versuchungen widerstehen

Glaube, Hoffnung, Liebe

Indifferenz und Demut

Vom Dialog zur Diapraxis

Anbetung, Hingabe und Freiheit

Abkürzungen

Anmerkungen

Über den Autor

Über das Buch

Impressum

Hinweise des Verlags

All den Flüchtlingen und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Jesuit Refugee Service, denen ich begegnen durftePeter Balleis

Vorwort

Als »eine Mischung aus sachlicher Information, Augenzeugenbericht, Autobiografie, biblischer Betrachtung, meditativer Reflexion, Berichten aus dem Ordensleben und politischer wie anthropologischer Ursachenforschung« umschrieb der Verlag das Genre dieses Buches. Ich würde es einfach als geistlich reflektierte Erfahrung bezeichnen. Entlang prägenden Erlebnissen und Begegnungen mit Menschen in meiner jahrelangen Flüchtlingsarbeit führe ich durch die Komplexität der realen Welt von Krieg und Gewalt und deren politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Hintergründen, um all dem auf der geistlich-reflexiven Ebene im Licht des Lebens Jesu und meines christlichen Glaubens möglichst einen Sinn abzuringen.

Am Ende bleiben vielleicht mehr Fragen als Antworten, und doch müssen die alten Fragen immer wieder neu im zeitgeschichtlichen Kontext und im eigenen Leben gestellt werden. Fünf Grundfragen können dem Leser und der Leserin helfen, den roten Faden und die Verbindung zwischen den Kapiteln zu erkennen.

Über dem ersten Kapitel steht das Warum der wiederholten Kriege und des damit verbundenen Leids der Menschen und des Elends der Flüchtlinge.Das Böse ist eine Realität, die viele Fragen aufwirft. Was sind die tieferen Ursachen dieser realpolitischen Dynamiken? In diesem zweiten Schritt stellt sich die Frage nach den Versuchungen des Bösen, allen voran der Versuchung zur Macht.Wie kann ich und können wir auf diese Dynamiken der Konflikte und der Versuchungen antworten? Im dritten Kapitel steht das barmherzige Handeln Jesu als Antwort auf die Frage des Wie.Wo ist mein, wo ist unser Standpunkt in dieser komplexen und verwirrenden Welt der Konflikte und des Elends der Flüchtlinge? Aus wessen Perspektive schauen wir auf die Welt? Für mich als Christen ist es die Perspektive der Verlierer, des Gekreuzigten, der im Zentrum des vierten Kapitels steht.Im abschließenden fünften Kapitel geht es um die Frage: Woraus schöpfen wir die geistliche Kraft und Orientierung, um trotz allem zu handeln und uns der Dynamik des Bösen entgegenzustellen?

Beim Aufbau des Buches, bei der Anordnung der Erfahrungen, Analysen und geistlichen Reflexionen folge ich der Dynamik der Geistlichen Übungen des heiligen Ignatius von Loyola, des Gründers des Jesuitenordens. Die Dreißigtägigen Exerzitien führen den Exerzitanten in vier Wochen durch einen Prozess von vier Abschnitten. In der ersten Woche ist der Exerzitant eingeladen, im Gebet den Blick auf die Welt und das eigene Leben zu richten und darin die Sündhaftigkeit und die Versuchung des Bösen zu entdecken. Dieses Erkennen, Reue und Umkehr prägen in der zweiten Woche den Blick des Exerzitanten auf das Leben Jesu, seine Handlungen und Worte und laden zur Nachfolge ein. Dieser Zweiten Woche der Exerzitien entspricht das dritte Kapitel des Buches. Die Dritte Woche, die sich dem Leiden und Sterben Jesu widmet, führt den Exerzitanten schließlich zur Betrachtung der Auferstehung Jesu in der Vierten Woche. Am Ende des inneren Prozesses der Geistlichen Übungen steht die Hoffnung. Die einzelnen Abschnitte, Erlebnisse, Reflexionen und Betrachtungen im Licht des Evangeliums, die in diesem Buch enthalten sind, kann man wie je für sich stehende Betrachtungen der Exerzitien sehen. Doch zusammen ergeben sie einen Prozess der inneren Verarbeitung und geistlichen Klärung.

Mein besonderer Dank gilt Ihnen, den Leserinnen und Lesern, die Sie sich auf diese komplexe Realität und auf all die Fragen einlassen; er gilt dem Patmos Verlag, der dieses ungewohnte Genre eines Buches veröffentlicht; den Freundinnen und Freunden, den Mitbrüdern, die mich zum Schreiben ermutigt und mir mit ehrlicher Rückmeldung geholfen haben; schlussendlich gilt mein Dank den Flüchtlingen, die mich durch ihr Leid und ihre Hoffnung so viel gelehrt haben. Sie vor Augen, habe ich dieses Buch geschrieben; ihr Leid und ihre Gesichter gebe ich weiter an Sie, die Leserinnen und Leser. Die Gesichter von Menschen, denen ich begegnet bin, Fotos, mit denen ich mich an Flüchtlinge und ihre Situationen erinnere, sprechen mehr als Worte. Sie fragen nach dem Warum, und wenn wir ihre Perspektive einnehmen, können wir eine Antwort finden.

Peter Balleis SJ

Erstes Kapitel Die Kriege und das Böse

Ein Jesuit als Geisel der Taliban

Münchner Flughafen, 2. Juni 2014, Mittagszeit. Ich trank noch meinen Kaffee in der Lufthansa-Lounge und lud rasch die E-Mails herunter, um sie auf dem Flug nach Rom zu meinem Büro beim Internationalen Jesuiten-Flüchtlingsdienst (Jesuit Refugee Service, JRS) zu bearbeiten. Ein E-Mail aus Afghanistan sprang mir ins Auge. Pater Alexis Prem Kumar, ein Jesuit aus Indien, in Herat tätig, sei vor zwei Stunden von einer unbekannten Gruppe bewaffneter Männer aus der vom JRS geleiteten Schule in Sohadat entführt worden. Schnell bestätigte ich, dass ich die besorgniserregende Nachricht erhalten hatte, und rief Pater Stan Fernandes SJ an, den JRS-Regionaldirektor für Südasien, um mehr zu erfahren. Es ging um Leben und Tod. Der sonnig-blaue Himmel erschien meinem Herzen plötzlich dunkel und ein ratloser Ernst legte sich über mein Denken.

P. Alexis Prem Kumar SJ

Foto: © JRS USA / Christian Fuchs

In Rom angekommen, bildeten wir einen Krisenstab, der noch am selben Abend via Skype zusammentrat. Bis auf wenige Ausnahmen traf sich diese Gruppe verantwortlicher Jesuiten aus Indien, Rom und Genf täglich am späten Nachmittag, wenn es schon Nacht war in Delhi und Kabul und alle Informationen des Tages eingetroffen waren. Wenn nötig, wurde ein Beraterteam aus Schottland zugeschaltet. Nach wenigen Wochen war mit Hilfe dieser Berater und einer Schweizer Mitarbeiterin, Silvia, in Herat ein Verhandlungsteam gebildet, dem drei herausragende afghanische Männer angehörten. Für 264 Tage suchte dieses Team vor Ort nach Prem und den Entführern. Lange war nicht klar, wer ihn als Geisel genommen hatte und was die Forderungen waren. Und lange hatten wir keine Sicherheit, ob Prem überhaupt noch lebte, bis sich Ende Oktober telefonisch eine Stimme bei Stan meldete. Anfang November erhielten wir ein Foto, das jedoch Zweifel weckte, ob es nicht eine Fotomontage sei. Dann kam ein kleiner Videoclip, in dem Prem davon sprach, dass er schon 137 Tage gefangen sei und nicht wisse warum, und dass er darauf vertraue, dass Stan alles tun würde, ihn zu befreien. Wir hatten den ersten Lebensbeweis. Das war eine unheimliche Erleichterung. Aber bald blieben die Verhandlungen mit »Afghanman31«, so der Codename, stecken und brachten kein Ergebnis. Die Forderung war extrem hoch und konnte nicht erfüllt werden.

Es waren 264 Tage des Bangens, des Sich-Mühens, des Betens und der täglichen Arbeit. Es war eine emotionale Achterbahnfahrt, ein Auf und Ab von Hoffnung und Enttäuschung mit schrecklichen Loopings, lähmendem Warten, schneller Kommunikation und Bereitschaft zum Handeln, wenn nötig. Es war eine zutiefst geistliche Herausforderung mit Hoffnung und Vertrauen, Versuchungen und Zweifeln. Warum konnten uns diese bärtigen Dorfältesten in Takinaki und Sohadat, deren Enkelkinder in unsere Schulen gingen, um eine bessere Zukunft zu haben, nicht ein wenig mehr helfen, um unseren Mann zurückzubekommen? Es war enttäuschend, festzustellen, dass manche vielleicht sogar beteiligt waren.

Blick in Abgründe

Von einem Moment auf den anderen fanden der JRS und ich persönlich mich konfrontiert mit einem unrechten, ja bösen Handeln von Menschen, deren Interesse nicht die Bildung der Kinder war. Wir waren direkt konfrontiert mit dem Bösen. Als Hilfsorganisation erlitten wir dasselbe Schicksal, das viele Familien in Afghanistan erlitten. Entführungen sind sehr häufig in Afghanistan und haben 2014 in der Provinz Herat im Vergleich zu den Vorjahren stark zugenommen. Plötzlich war der Krieg in Afghanistan nicht mehr der Krieg der anderen, der Regierung, der Taliban, der internationalen ISAF-Truppen, sondern unser Krieg, weil unser eigener Mann Opfer von Hass und Feindseligkeit geworden war.

Die erste Reaktion war, die zu verwünschen und zu hassen, die unseren Prem entführt hatten, die Schule schließen und alle Projekte in Afghanistan suspendieren zu wollen. Auf das Negative, das Böse waren wir versucht, in gleicher Weise negativ und böse zu reagieren. Es wurden 264 Tage des inneren Ringens, um dieser Versuchung zu widerstehen, um auf Hass nicht mit Hass zu reagieren, auf Gewalt nicht mit Gewalt, sondern immer positiv. Manche der SMS an Afghanman31 waren so freundlich geschrieben, dass es mich zum Lachen brachte. »Dear brother …« Ich lernte, dass man auch mit dem Teufel freundlich reden muss, wenn man etwas erreichen will. Und wir wollten Prem lebend zurückhaben. Nach 264 Tagen wurde er tatsächlich überraschend freigelassen. Durch das Einwirken der indischen Regierung wurde eine Lösung mit den Taliban ausgehandelt, die letztendlich für die Geiselnahme verantwortlich waren.

Über den Zeitraum von Prems Geiselhaft verfolgten wir sehr genau die sicherheitspolitischen Entwicklungen in Afghanistan, die Präsidentschaftswahlen vom Juli 2014 und die sich hinziehende Regierungsbildung, ein von den USA aufgedrängter Kompromiss. Wir bekamen im Krisenstab viel Einsicht in die inneren Dynamiken des Krieges in Afghanistan, in die treibenden Motive und Gründe. Aber am Ende blieb es unverständlich, wie ein Land über 30 Jahre im Krieg leben kann und warum es genügend Menschen gibt, die diese Gewalt weitertreiben. Wenn ich vom Bösen rede, dann nicht von einem personifizierten Konzept, sondern von Taten, Ereignissen, Absichten, die viel Leid und Tod verursachen. Am Ende sind es natürlich Menschen, die das tun, die anderen Menschen Böses antun. Ich stieß oft auf die Grundfrage: Warum dieses Leid, warum dieses Böse?

Warum immer wieder Kriege?

Afghanistan mit seinen Flüchtlingen war nicht die einzige Krise, mit der ich als Internationaler Direktor des JRS zu tun hatte, sondern auch Kriege in Afrika, in der Region der Großen Seen (Ruanda, Burundi und Ostkongo), in der Zentralafrikanischen Republik und im Südsudan. Am schlimmsten erfuhr ich die Entwicklung des Krieges in Syrien. Dieser Krieg war nicht nötig, wie so viele Kriege nicht nötig waren und hätten verhindert werden können. Wofür sind bisher über 400.000 Menschen gestorben? Warum mussten über sechs Millionen Frauen, Männer und Kinder ihr Heim verlassen, um woanders innerhalb Syriens Zuflucht zu finden? Hinzu kommen fast fünf Millionen Syrer, die als Flüchtlinge die Grenzen zu den Nachbarländern überschritten haben, um dort Schutz zu finden. Mehrere Hunderttausend von ihnen sind in Deutschland und Österreich angekommen. Aber was bedeuten die Zahlen? Es sind die Schicksale dieser einzelnen Menschen, die dem mörderischen Krieg, der Flucht und Vertreibung ein Gesicht geben.

Wie konnte das alles geschehen? Wie kann das immer wieder geschehen? Sicher wurden von mehreren Parteien schwerwiegende politische Fehler gemacht, über die sich Analysten streiten. Aber wie können diese gravierenden Fehler wiederholt gemacht werden, wenn sie immer wieder zur Katastrophe führen, wie wir es in Syrien erleben? Was treibt Menschen, Völker an, immer wieder den Weg der Gewalt zu wählen und auf Gewalt als Lösung zu vertrauen?

Ich stelle mir diese Frage, seit ich das Flüchtlingsdrama des Genozids in Ruanda im Jahr 1994 und den folgenden Krieg im Ostkongo erlebte und 1995 mit Flüchtlingen zu arbeiten begann. Im Jahr 2009 kulminierte ein jahrzehntelanger Konflikt in Sri Lanka in einem bitteren und blutigen Gemetzel an zehntausenden Zivilisten, Flüchtlingen, die wie in einer Falle im Kampfgebiet im Nordosten des Inselstaates eingeschlossen waren. Seit fast 40 Jahren kennt über die Hälfte der Bevölkerung Afghanistans nichts anderes als Krieg, Flucht und Vertreibung. Nach 30 Jahren Krieg mit der Regierung in Khartum fiel der Südsudan Ende 2013 in einen Bruderkrieg. Zur gleichen Zeit erlitt das Nachbarland, die Zentralafrikanische Republik, einen Ausbruch von Gewalt, der bis heute anhält.

Die besagten Länder und Konfliktzonen waren in den vergangenen Jahren der Schwerpunkt der Arbeit des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes und meines persönlichen Engagements als Internationaler Direktor des JRS. Regelmäßige Reisen und Projektbesuche führten mich in diese Länder. Es gibt verschiedene kulturelle, religiöse und historische Hintergründe, jedes Land hat seine eigene Geschichte und Prägung. Und doch stellt sich die gleiche Frage wie im Syrien-Konflikt: Warum dieser Krieg? Was sind die tieferliegenden Ursachen, die diese Konflikte gemeinsam haben, und warum können sie nicht beendet werden?

Eine geistliche Reflexion

Die Fragen sind nicht neu, es sind die Fragen einer jeden Generation, es sind die Fragen der Menschheitsgeschichte, die gezeichnet ist von Konflikten, vom Leid der Menschen, der Flüchtlinge. Ich stelle mir diese Fragen, um irgendwie die Erfahrungen zu verstehen, die ich in diesen Ländern in der Arbeit mit Flüchtlingen gesammelt habe. Sicher gibt es die Ebene der historischen, politischen, wirtschaftlichen und religiös-kulturellen Ursachenfaktoren, die von Situation zu Situation verschieden sind. Aber in all dem gibt es noch eine andere Ebene, auf der die tieferliegenden Ursachen und treibenden Kräfte der Konflikte einander ähneln. Es ist die tiefere geistliche oder spirituelle Ebene, die an das Wesen des Menschen, die Menschennatur selbst rührt. Die Reflexionen über die Erfahrungen sind von daher eher geistlicher als historischer, politischer oder wirtschaftlicher Natur.

Auch die Antworten sind nicht neu, da sie schon viel reflektiert worden sind. In unserem Kulturkreis dient die jüdisch-christliche Tradition als Instrument der Reflexion. Das ist auch mein geistlich-spiritueller Bezugsrahmen, insbesondere die Person Jesu und sein Leben. Wie hat sich Jesus mit der Gewalt des Römerreiches auseinandergesetzt? Wie ist er mit den Opfern dieser Gewalt umgegangen? Wie wurde er selbst Opfer? So wie Jesus von Nazaret und sein Leben, so sind die Flüchtlinge und Vertriebenen als Opfer der Kriege der konkrete Bezugspunkt dieser Reflexion, die die Perspektive ihres Leides einnimmt. Ein spezifisches Ereignis im Leben Jesu, die Versuchungen in der Wüste, sind der Einstiegsschlüssel und die Einstiegsfrage: Warum hat Jesus so vehement die Versuchungen des materiellen Reichtums, der eigenen Ehre und der Macht abgelehnt?

Deutschland – Den Toten zur Ehr, den Lebenden zur Mahnung

An einem grauen und trüben Novembertag ging ich mit Wael über das Gelände der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Dachau. Wael, ein Flüchtling aus Aleppo in Syrien, verspürte eine tiefe Traurigkeit darüber, dass das gleiche Leid und der politische Terror, der an diesem Ort von 200.000 Gefangenen, von denen 43.000 umgebracht worden sind, erlitten wurde, nun in seinem Heimatland Syrien passiert und noch kein Ende hat.

Wael, ein Muslim, floh 2013. Der religiös-faschistische »Islamische Staat« (IS) und die Rebellen boten ihm keine Alternative zu den Gefängnissen des Assad-Regimes. Er verglich die Enge der überfüllten Baracken im KZ Dachau, die ursprünglich für je 200 Gefangene gebaut waren und 1945 fast zehnmal so viele Insassen hatten, mit den Gefängnissen seiner Heimat. In einem syrischen Gefängnis des Geheimdienstes der Luftwaffe in Aleppo hatte jeder Gefangene ganze 40 × 45 cm, was bedeutet, dass das Leben in drei Schichten ablief: Ein Drittel schlief ausgestreckt, ein Drittel saß, ein Drittel stand, und man wechselte sich ab.

KZ Dachau, November 2015, Skulptur von Nandor Glid

Es war nicht meine Absicht, meinen Freund Wael noch mehr zu betrüben, als er es über sein Heimatland eh schon war. Ich wollte ihm nur zeigen, dass auch wir Deutsche einmal dort waren, wo heute Syrien ist, dass auch wir und ganz Europa in einer Katastrophe endeten, unsägliches Unrecht und Leid verursachten und zugleich erlitten. Auch viele unserer Großeltern und Eltern sind der Machtsucht, dem Rassismus und dem Faschismus gefolgt. Auch unsere Städte waren Ruinen, wie Aleppo und Homs heute Ruinen sind. Aber heute ist da ein blühendes Land. Ich wollte Wael vor Augen führen, dass alles einmal ein Ende haben wird, dass aus der Katastrophe Neues geboren wird. Eines Tages werden wir wieder im Souk, dem alten Markt von Aleppo, einen Kaffee trinken, eine Wasserpfeife rauchen und Tabulé und Hummus essen, so wie wir es uns nun in den Biergärten Münchens gutgehen lassen. Eines Tages wird auch in Syrien Friede sein.

Seit 2011 wütet dort der Krieg, und davor herrschte bereits die Diktatur Assads. Aber niemand dachte je, dass es zu dieser Katastrophe kommen könne. Wann und von wem wurden die falschen Entscheidungen getroffen, die immer tiefer in den Krieg und die Katastrophe führten? Ist es allein die Schuld des einzelnen Menschen Assad oder gibt es noch andere Faktoren? Was ist aus dem unscheinbaren Augenarzt und politisch unerfahrenen Assad geworden, von dem eigentlich keiner diese Brutalität erwartet hatte, dass er sein eigenes Land und Volk mit Fassbomben zerstört? Von den über 400.000 Toten gehen die meisten auf sein Konto. Hätte er andere Entscheidungen getroffen, wenn er gewusst hätte, in welche Katastrophe er hineingleitet? Hätten die Demonstranten sich im Herbst 2011 gegen eine bewaffnete Rebellion entschieden, wenn sie gewusst hätten, zu welchen Zerstörungen der Konflikt führen würde? George, ein syrischer Flüchtling im Libanon, erzählte mir von dem Schuldgefühl, das er empfinde, wenn er daran denke, wie sie 2011 für politische Reformen auf den Straßen von Homs demonstriert und welche Lawine der Gewalt sie damit losgetreten hätten.

Es hilft wenig, zu spekulieren, was in Syrien anders hätte laufen können und wie sich die Schuld auf Assad und alle politischen und militärischen Akteure verteilt. Die Grundfrage ist, wie es einmal mehr zu dieser Katastrophe und diesem von Menschen verursachtem Leid kommen konnte – im Angesicht all der Denkmäler. »Den Toten zur Ehr, den Lebenden zur Mahnung«, steht auf dem Denkmal im KZ Dachau geschrieben. Auch in Syrien wird hoffentlich eines Tages solch ein Denkmal zur Ehre der Toten und zur Mahnung der künftigen Generationen stehen. Oder wird sich die Geschichte immer wieder wiederholen? Reagieren die Menschen immer wieder aus den gleichen Mechanismen und aus einzelnen falschen Entscheidungen heraus, entfaltet sich dann die große Katastrophe? Was sind die Dynamiken, die Menschen in Verantwortung Entscheidungen treffen lassen, die immer tiefer in eine menschliche und gesellschaftliche Tragödie führen? Was können wir tun, um Menschen vor diesem Leid zu schützen?

Syrien – Die Eskalation eines Konflikts

Die syrische Fahne hing an einem Stock vor einem völlig zerschossenen und ausgebrannten Haus. Wo einmal Fenster waren, hinter denen Menschen wohnten, starrten einem die leeren Augenhöhlen einer Ruine entgegen. Seit 2012 wohnte kein Mensch mehr in dieser Straße, und doch machte die Fahne klar, dass hier die Armee des Regimes von Assad die Kontrolle hatte. An anderen Ruinen war ein überdimensionales Bild des Präsidenten angebracht. Diese Szenen wiederholten sich auf meinem Spaziergang mit P. Ziad Hilal SJ und P. Michael Zammit SJ. Wir erlebten die zusammengebombte Altstadt von Homs Ende Mai 2015 als Geisterstadt. Über die Ruinen wuchs bereits das Unkraut. Hier war ein Zentrum des Aufstandes gewesen, es hatten sich mehrere Tausend Kämpfer verschanzt. Der Stadtkern wurde von den Regierungstruppen belagert und es gab kein Rein und Raus mehr. Dafür sorgten die Scharfschützen, die Snipers. Panzer und Luftwaffe schossen pausenlos und legten Homs in Trümmer. Im Mai 2014 waren nach Verhandlungen und Zusicherungen die letzten Rebellen abgezogen. So wie hier hängen sie im ganzen Land Fahnen vor Ruinen, um Machtansprüche in ihren jeweiligen Gebieten anzuzeigen: Al Nusra (der syrische Ableger von Al Qaida), IS, Kurden, Regierungstruppen – lauter Herren eines zerstörten Landes.

Homs, Mai 2015

Realpolitik ist Machtpolitik

Eigentlich waren es – realpolitisch gesehen – verständliche Handlungen aller Akteure im Syrienkonflikt. Baschar al-Assad sah sein von der alawitischen Minderheit dominiertes Regime von den Demonstranten und deren Reformforderungen bedroht. Das war Anfang 2011. Dann gab es die ersten Toten unter den Demonstranten in Daraa, wo der Aufstand begann, und in Homs. Assad hatte mit seiner gewalttätigen Reaktion seine Glaubwürdigkeit verloren. Nach Meinung von US-Außenministerin Hillary Clinton musste er gehen. Mit ihm wollte man nicht mehr reden, um eine Lösung zu finden. Wegen der wachsenden Zahl von Toten bei den Demonstrationen entschieden sich die Rebellen zur bewaffneten Verteidigung der Demonstranten. Desertierte Offiziere und Soldaten der syrischen Armee schlossen sich ihnen an. So verständlich dies war, es bedeutete, dass die Rebellen mit Waffengewalt einen politischen Wechsel erzwingen wollten. Die Hoffnung war groß, dass die USA und andere westliche Länder den Rebellen mit Waffen helfen und auch selbst eingreifen würden, um Assad zu vertreiben, so wie es der Fall war in Libyen, wo Gaddafi mit militärischer Hilfe Frankreichs und der USA gestürzt worden war. Dieses Kalkül der syrischen Rebellen ging nicht auf, denn das erhoffte massive militärische Eingreifen des Westens blieb aus.

Die USA hatten nicht vergessen, dass sie zwar die Diktatoren Saddam und Gaddafi stürzen, aber im Irak und in Libyen keine stabile Situation schaffen konnten. Im Irak hatte man den Staatsapparat aufgelöst und dafür einen bitteren Preis bezahlt. Keiner will mehr einen kompletten Zerfall des syrischen Rumpfstaates riskieren. So bleibt Assad an der Macht. Um den Rebellen doch noch zu helfen, gab man ihnen Waffen, jedoch nur weniger schwere Kaliber, denn sie könnten eines Tages auch gegen Israel gerichtet werden. Die Waffen und die militärische Ausbildung ermutigten die Rebellen in ihrem Kampf gegen Assad, aber es war dann auch wieder nicht genug, um den Krieg zu gewinnen. Auf der Seite Assads verstärkte sich das Engagement von Iran, Russland und der libanesischen Hisbollah, um ihre Machtposition im Nahen Osten zu halten und auszubauen. Mit dem Sturz des Assad-Regimes würde die schiitische Achse von Beirut und Damaskus über Bagdad bis Teheran durchbrochen von der sunnitischen Achse der Türkei, der syrischen Sunniten und der Golfstaaten.

Ein Konflikt um religiöse Identität

Mit dem politischen Machtkampf vermischte sich der alte religiös-ideologische Kampf, der schon zur Zeit der Erben Mohammeds entbrannt war: Sunniten gegen Schiiten. Saudi-Arabien und Katar, Letzteres vor allem durch den Sender Al Jazeera, hatten auf die Ereignisse in Syrien starken Einfluss genommen. Was im Jahr 2011 als Teil des Arabischen Frühlings und als internes Ringen um politische Veränderungen in Syrien begonnen hatte, war längst kein innersyrischer Krieg mehr, sondern ein regionaler Konflikt, ein Ringen um die Vorherrschaft von Sunniten oder Schiiten, Saudi-Arabiens oder des Irans – und dazu träumte die nationalistische und immer islamistischere Türkei wieder alte osmanische Träume.

Assad, seine Familie und die religiöse Gruppe der Alawiten, der der Clan des Präsidenten angehört, wollen an der Macht bleiben. Als Schiiten verteidigen sie ihre Privilegien gegen die sunnitische Mehrheit im Land. Als Minderheit brauchen sie zu ihrem Machterhalt die Unterstützung anderer Minderheiten, etwa der Christen. Vor allem die Bischöfe sprachen sich für Assad aus, weil sie als Minderheit sich unter einer Minderheitenregierung sicherer fühlen als in einem mehrheitlich sunnitischen Staat mit einer sunnitischen Regierung. Christen waren anfänglich nicht das Ziel von Gewalt, gleichwohl jedoch auch Opfer dieses Krieges. Erst mit dem Aufkommen von Al Nusra und IS wurden die Christen gezielt angegriffen und systematisch vertrieben. Die Einteilung der Menschen in Gläubige und Ungläubige, wie der Koran sie vornimmt, ist gefährlich, da sie Menschen erster und zweiter Klasse unterscheidet. Je mehr man die »Ungläubigen« in ihrer Würde herabsetzt, desto leichter ist es eines Tages, sie totzuschlagen.

Assad, seine Familie und die Alawiten kämpften um den Erhalt von Macht, Privilegien und Reichtum. Der Zusammenhalt speiste sich aus der ethnischen und religiösen Identität als Alawiten und schiitische Muslime. Diese Identität sahen sie bedroht, und dementsprechend hart war ihre Reaktion auf die Rebellen. Diese wiederum waren für den Machtgewinn zum bewaffneten Kampf entschlossen. Der Krieg wurde auf beiden Seiten immer bitterer und die Hochburgen der Rebellen in Homs und Aleppo wurden zu Ruinen zerbombt.

Internationale Akteure

Wie es heißt, entließ Assad statt politischer Gefangener aus den Reihen der Demonstranten islamistische Sträflinge aus seinen Gefängnissen. Er erlaubte ihnen, sich in Raqqa zu entfalten – zusammen mit ehemaligen Militärs von Saddam und mit Strafgefangenen der US-Gefängnisse im Irak. Aus taktischen Gründen ließ er sie gewähren. Erst 2016 gab es ernsthafte Auseinandersetzungen zwischen Assad und dem Islamischen Staat. Der IS war dem Präsidenten nützlich – zum einen, weil er die Rebellen und Al Nusra, Assads Feinde, bekämpfte, und zum anderen, weil er immer mehr zum Problem für die restliche Welt wurde. Assad und sein Regime konnten sich so als die bessere Alternative präsentieren.

Schnell wurde der IS wegen seines brutalen Terrors und seines religiösen Faschismus zum gemeinsamen Feind aller Länder. Anfänglich gelangten alle ausländischen islamistischen Kämpfer über die türkische Grenze in das IS-Kalifat und konnten so auch wieder ausreisen. Die Rolle der Türkei im Syrien-Konflikt wirft viele Fragen auf. Finanzielle Unterstützung für den IS kam von den Golfstaaten, darunter Saudi-Arabien und Katar, proklamiert der IS doch ein sunnitisches Kalifat als Modell eines islamischen Staates. Nicht Assad, dessen Krieg sich auf Syrien beschränkt, sondern der IS ist ins Zentrum der Auseinandersetzungen gerückt.

Verschiedene ausländische Mächte positionierten sich machtpolitisch und geostrategisch, vor allem Russland und die USA. Seit September 2015 greift Russland mit der Luftwaffe direkt ein, angeblich, um den IS zu bekämpfen, aber ein Großteil der Einsätze wurde gegen die Stellungen der Rebellen geflogen. Die Rebellen hingegen wurden weiter von den USA unterstützt. De facto hat der Krieg in Syrien die Dimension eines Stellvertreterkrieges angenommen. Hier stehen sich die Weltmacht USA und die gedemütigte ehemalige Weltmacht Russland gegenüber. Bei der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2016 warnte der russische Ministerpräsident Dmitri Medwedew vor einem Rückfall in den Kalten Krieg. Zwei Wochen nach den Gesprächen in München konnten sich beide Mächte auf eine Waffenruhe in Syrien einigen. Dies bestätigt den internationalen Charakter des Krieges.

In Syrien kreuzen sich regionale, internationale und innerislamische Konfliktlinien. Nach dem Terror in Paris im November 2015 engagiert sich auch Deutschland, das sich bis dahin zurückgehalten hatte, mit Soldaten und Tornados im Krieg gegen den IS. Die Bündnistreue in der NATO und die Solidarität mit Frankreich, das dem IS den Krieg erklärt hatte, verlangten diesen Schritt.

Mit der Türkei müssen Deutschland und Europa viele Kompromisse eingehen, denn ohne sie ist das Flüchtlingsproblem nicht in den Griff zu bekommen. So werden aus realpolitischen Gründen die Menschenrechtsverletzungen, die problematische Rolle der Türkei in der Region und eine offene Islamisierung durch Erdogan ausgeblendet. Aber auch in Saudi-Arabien übersieht man öffentliche Exekutionen, die dem IS als Vorbild dienen, und die Rolle der wahhabitischen theologischen Schule, welche ihr radikales Gedankengut in der Region und der ganzen Sahelzone verbreitet. Saudi-Arabien wird gebraucht als Gegengewicht zum Iran, damit dieser keine Bedrohung für Israel wird. In Ägypten nimmt man es hin, dass Präsident Sisi einige hundert muslimische Demonstranten auf dem zentralen Platz in Kairo niederschießen ließ, um die Regierung von Mursi und den Muslimbrüdern zu stürzen. Zehntausende sind nun in Gefängnissen. Was wird werden, wenn sie entlassen werden?

Die Logik der Macht

Dieses verworrene Bild des Nahen Ostens mit gemeinsamen und konträren Interessen jeder Gruppe, jedes Akteurs ließe sich weiterspinnen. Jeder Akteur ist in der eigenen Vorstellung gut, aber schlecht und böse in den Augen der anderen. Manche, die anfangs als die Bösen angesehen werden, werden durch verschobene Perspektiven und Interessen zu den Guten, und umgekehrt. Schlechte sind dann wieder gut, wenn die Realpolitik es verlangt.

Bei alldem haben wir nicht über die mehr als 400.000 Kriegstoten in Syrien gesprochen, nicht die über sechs Millionen Binnenflüchtlinge und die fast fünf Millionen Flüchtlinge im Ausland, nicht über die Tausende, die auf der Flucht im Mittelmeer ertrunken sind. Syrien ist eine einzige große Katastrophe. Mit jeder politischen und militärischen Entscheidung hat sich die Situation verschlimmert. Aus einer friedlichen und blutig niedergeschlagenen Demonstration wurde ein Krieg. Die Waffen der Briten und der USA für die Rebellen haben den Krieg verlängert, das harte Eingreifen der Russen machte die Zerstörung noch schlimmer, trieb noch mehr Menschen in die Flucht. Und doch schien es keinen anderen Weg mehr zu geben, als das militärische Engagement zu verstärken und dabei mit fragwürdigen Bündnispartnern zu arbeiten.

Warum haben realpolitische Entscheidungen, die den politischen Gegebenheiten folgten und vielen als vernünftig erschienen, die teils auch aus guter Intention getroffen wurden, am Ende immer tiefer in die Katastrophe geführt? Warum wurden Weichen falsch gestellt? – Realpolitik ist allem voran Machtpolitik. Machtverhältnisse und deren Veränderung sind entscheidend, Menschen und ihre Schicksale sind nicht vorrangig. Realpolitische Entscheidungen werden nicht aus der Perspektive der Opfer der Politik getroffen. Sicher sind die Menschen und die Flüchtlinge ein Aspekt, aber nicht der alleinige und meist nicht einmal der wichtigste.

In der Entwicklung des Syrienkonflikts lässt sich deutlich erkennen, dass alle Spieler von Anfang an auf Macht und militärische Instrumente der Macht gesetzt haben. Assad hatte schon immer die Geheimdienste für seinen Machterhalt eingesetzt und hat im kritischen Moment das Militär gegen das Volk eingesetzt. Die Menschen hatten nicht erwartet, dass sich ihre eigenen Soldaten gegen sie wenden würden. Dann hat sich auch die Opposition bewaffnet und auf Gegengewalt gesetzt. Es kam zum Bürgerkrieg. In den Genfer Verhandlungsrunden haben beide Seiten immer noch stärker auf den eigenen militärischen Sieg gesetzt als auf eine Friedenslösung am Verhandlungstisch. Genf I und II in den Jahren 2013 und 2014 sind gescheitert, ebenso Genf III im Jahr 2016. Alles weitere Engagement der Großmächte war vor allem militärischer Natur. Die Realpolitik und jeder ihrer Akteure ist der Logik der Macht gefolgt.

Und natürlich geht es auch um wirtschaftliche Interessen. Öl, Gas und Wasser sind im Nahen Osten die wertvollen Rohstoffe. Deren Kontrolle bleibt von großer Wichtigkeit. Der IS verdankt ihnen seine Existenz und sprudelnde Einnahmen. Der Energiereichtum des Nahen Ostens hat immer schon das Interesse der Großmächte geweckt. Vermeintlich kämpfen Russland und die USA gemeinsam gegen den IS, de facto aber als Rivalen für ihren Machteinfluss in Syrien und der Region.

Afghanistan – Das Böse ist dumm

»Dann werden wir nicht mehr in die Schule gehen können.« Dieser Satz, gesprochen von einem Mädchen mit wässrigen Augen in den Bergen Afghanistans, in einem Dorf bei Bamyan, prägte sich mir so tief ein wie ihr Gesicht. Das war im Sommer 2012, als ich Teenager einer Englisch-Klasse über deren Ansichten zum Ende 2013 anstehenden Abzug der internationalen Truppen befragte. Für die Mädchen war die Angst sehr groß, dass mit einer möglichen erneuten Machtübernahme der Taliban die Schulen für Mädchen wieder geschlossen würden. Der Fortschritt seit dem Sturz der Taliban im Jahr 2001 würde dann wieder zurückgedreht werden. Dieser Fortschritt war sichtbar und spürbar für die Jugend, vor allem für die Mädchen der kleinen Dorfschule in Sohadat, einer Ansiedlung zurückgekehrter afghanischer Flüchtlinge bei Herat. Seit 2008 hatte der JRS geholfen, hier eine Schule aufzubauen. Vor Jahren war mir ein Mädchen aufgefallen, wie sie sich zu Wort meldete, wie sie selbstbewusst und erkennbar mit Führungsqualitäten dastand. Zwei Jahre später trug sie das Kopftuch, war nach wie vor selbstbewusst und leitete die Puppentheatergruppe. Als im Winter 2014 über 1200 Familien von den Taliban vertrieben worden waren, Zuflucht in Sohadat nahmen und bei Schnee und Eis in den Zelten froren, bot dieses Mädchen dem JRS-Team ihre Hilfe an, um den Menschen beizustehen, und packte mit an.

Teenager in Bamyan, Afghanistan, 2012

Es stimmt, was Bonhoeffer aus dem Nazi-Gefängnis schreibt: Das Böse ist dumm.1 Die nicht endende Gewalt in Afghanistan ist dumm, denn sie hindert die Jugend, die Jungen und Mädchen, die Zukunft neu zu gestalten. Es ist ein Krieg nicht nur gegen die Regierung und die internationalen Truppen, sondern auch gegen die Bildung der Mädchen und Frauen. Fast 40 Jahre Konflikt haben Afghanistan in die Gruppe der ärmsten Länder dieser Welt zurückgeworfen. Laut Human Development Report des UNDP befand sich Afghanistan im Jahr 2014 auf Platz 169 von 187 Ländern. Die durchschnittliche Schulzeit dauert nicht länger als 3,2 Jahre pro Bürger. Für die jetzige Generation der Kinder, für alle Jungen und Mädchen, bemisst sich die zu erwartende Schulzeit auf 9,3 Jahre.

Mein erster Besuch in Afghanistan war im Januar 2002, erneut 2005, gefolgt von jährlichen Besuchen 2008 bis 2015. Der JRS arbeitet seit diesen Jahren in Herat, Bamyan, Daikundi und Kabul. Alle Projekte sind im Bereich der informellen Schulbildung angesiedelt: English und Computer für Tausende von Jungen und Mädchen. 2014 erlitten wir mit der Geiselnahme von Pater Alexis Prem Kumar durch eine Gruppe der Taliban einen Rückschlag. Mit der Reduzierung der internationalen Truppen und einer noch schwachen afghanischen Armee bewahrheitete sich die Befürchtung der Mädchen in Bamyan. Die Unsicherheit nahm zu, die Taliban gewannen wieder Terrain. Dies hatte Auswirkungen auf die Aktivitäten internationaler Organisationen. Auch die Schule des JRS in Sohadat musste wegen der Geiselnahme für zwei Monate geschlossen werden. Durch das erneute Eingreifen der US-Truppen zur Unterstützung der afghanischen Armee konnte sich die Regierung in Kabul halten. Aber der Krieg ist für keine Seite zu gewinnen. Es kann also noch für Jahre so weitergehen, bis alle Jugendlichen nur noch aus der Erzählung der Großeltern erfahren, dass es vor dem Jahr 1978 einmal friedliche Jahrzehnte in Afghanistan gab, in denen sich keine Nachbarstaaten und Großmächte militärisch einmischten.

Erhalt des Patriarchats

Die ethnische Basis der Taliban bilden die Paschtunen, die 40 Prozent der afghanischen Bevölkerung ausmachen und beiderseits der Grenze mit Pakistan leben. Sie sprechen ihre eigene paschtunische Sprache, nicht Dari oder Tadschikisch wie andere ethnische Gruppen. Sie kämpfen um ihre Stammesidentität und den Erhalt der patriarchalischen Gesellschaft, in der die Männer das öffentliche Leben bestimmen, die Frauen zuhause bleiben und in der Öffentlichkeit verschleiert sind. Sie kämpfen um ihre religiöse Identität. Als sunnitische Muslime verachten die Paschtunen die Hazara, die im zentralen Bergmassiv in den Hochtälern Bamyans und Daikundis leben. Die Hazara waren immer die Unterklasse, ausgenutzt und verachtet nicht nur als Schiiten, sondern auch wegen ihrer anderen ethnischen Herkunft, die auf Migration in der Zeit des Dschingis Khan zurückgeht. Der Machtanspruch der Paschtunen speist sich aus einem Überlegenheitsgefühl und hält ihre Bereitschaft zur Gewalt lebendig.