Seit dir steht mein Leben kopf - Christine Fehér - E-Book

Seit dir steht mein Leben kopf E-Book

Christine Fehér

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Beschreibung

Eine junge Mutter findet ihren Weg

Die 16-jährige Fiona ist glücklich mit ihrem Freund Lukas, strebt ihren Schulabschluss an und führt ein ziemlich gewöhnliches Teenagerleben. Doch mit der Geburt ihres Sohnes Pepe ist plötzlich alles anders: Babygebrüll statt Partys, Windeln wickeln statt Hausaufgaben und Stillen statt sorglosen Nachmittagen im Café. Für Fiona ist Pepe das größte Glück, aus ihrem Umfeld bekommt sie die beste Unterstützung und dennoch kann so ein Baby eine ziemliche Herausforderung sein. Fiona muss sich in ihrer neuen Rolle erst zurechtfinden, ihr Leben neu sortieren, herausfinden, was sie will, und lernen, wie viel stärker sie sein kann, wenn sie für zwei kämpft statt nur für sich.
Ein wichtiges Thema einfühlsam erzählt.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Christine Fehér

Seit dir steht mein Leben kopf

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Unterrichtsmaterialien zu diesem Buch sind erhältlich unter www.schullektuere.de.

© 2026 cbj Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich

Pflichtinformationen nach GPSR.)

www.cbj-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten

Umschlagkonzeption: Geviert GbR

Umschlagmotive: © Stocksy (Tana Teel), Shutterstock.com (Halay Alex, CandyRetriever, New Africa, Netrun78)

skn · Herstellung: DiMo

Satz: KCFG – Medienagentur, Neuss

ISBN 9783641322526

1. Kapitel

Nicht schon wieder. Bitte, bitte nicht. Ich bekomme die Augen kaum auf, als ich das Display meines Smartphones aufleuchten lasse, um auf die Uhrzeit zu blinzeln. 2.37 Uhr. Ich höre Pepe durch die geschlossene Zimmertür, das Brüllen wird lauter, die Tür geht auf. Meine Mutter erscheint als schwarzer Umriss im Gegenlicht aus dem Flur, mit meinem Baby auf dem Arm, das sich strampelnd nach hinten biegt.

»Tut mir leid, Süße«, sagt Mama, während ich mich halb aufrichte und einen Schluck Wasser aus dem Glas auf meinem Nachttisch trinke. »Er nimmt die Flasche nicht, ich hab alles versucht.«

»Wozu pumpe ich dann ab?«, erwidere ich.

»Pepe weiß genau, dass du in der Nähe bist. Die Kleinen merken so was.« Mama drückt mir meinen schreienden Sohn in den Arm. Während ich mein T-Shirt hochschiebe, wird er hektisch, verschluckt sich fast an seiner eigenen Spucke, dreht sein Köpfchen hin und her. Ich muss ihn in der Dunkelheit nicht sehen, um zu wissen, wie rot er ist. Die Härchen in seinem Nacken fühlen sich verschwitzt an.

»Schschsch, ist ja gut, mein Kleiner, Mami ist ja da«, flüstere ich, lege meine Hand unter die linke Brust und schiebe den Nippel etwas nach vorn, damit er ihn leichter zu fassen kriegt. Pepe begreift, was er tun soll, aber jetzt ist er zu aufgeregt zum Ansaugen, wird wütend, als seine Lippen abrutschen, obwohl er hungrig sein muss wie ein Kojote. Mama schließt leise die Tür hinter sich, ich atme tief durch, jetzt bloß ruhig bleiben, sonst wird alles nur schlimmer. Sachte schiebe ich Pepes Köpfchen noch etwas dichter an meine Brust, endlich öffnet er den Mund gezielt und saugt an. Während ich fühle, wie die Milch durch ihre Kanäle strömt und Pepe trinkt und schluckt, gelingt es mir, allmählich wieder zu entspannen. Vielleicht können wir beide doch noch ein wenig schlafen.

Doch nachdem er die Brust wieder losgelassen hat, quengelt er weiter. »Ja, ich weiß«, sage ich, »du willst auch noch die andere Seite.« Zuerst stehe ich aber auf und trage ihn aufrecht durchs Zimmer, damit er sein Bäuerchen machen kann, erst danach bekommt er die zweite Brust. Es dauert, bis Pepe seinen kleinen Rülpser macht, danach nuckelt er nur noch kurz. Ich schnüffele an seinem Strampler; zum Glück ist wenigstens mit dem Wickeln noch Zeit. Also lege ich mich wieder hin, Pepe auf meinen Bauch, so schläft er gern.

Aber nun ist er munter und stemmt sich mit den Ärmchen hoch, schaut mich an, lächelt und gurrt leise, die Augen weit geöffnet. Playtime, yeah.

»Es ist noch zu früh zum Spielen, Schatz«, flüstere ich. »Und dunkel. Ganz dunkel und langweilig ist es noch. Komm, schlaf noch ein bisschen.«

Aber meinem Sohn ist es egal, wie dunkel oder hell es ist. Ihm genügt es, dass ich wach bin. Sein Kopf wird ihm zu schwer und plumpst auf meine Brust, doch sofort hebt er ihn wieder, jetzt hat er die kleine lila Schleife an der Minnie Maus auf meinem Shirt entdeckt und zupft mit seinen winzigen Fingern daran. Der Haarwirbel auf seinem Kopf duftet nach warmer Milch und Sahne. Trotzdem bin ich müde, unendlich müde. Ich versuche ihn ein wenig zu schaukeln.

»Schsch, Pepe. Die Oma ist bestimmt wieder eingeschlafen, schlaf du auch noch ein bisschen.«

Pepe schläft aber nicht. Jetzt lege ich ihn neben mich, damit er strampeln kann. 3.14 Uhr zeigt das Handy inzwischen an.

In seinem Strampler knattert es, also doch wickeln. Als er ohne Windel vor mir liegt, trifft mich sein Pinkelstrahl am Bauch. Vor Müdigkeit kämpfe ich mit den Tränen, ruhig bleiben, ruhig. Der Heizstrahler taucht das Zimmer in gedämpftes Licht, Pepe lächelt wieder, er ist so süß, und wenn er lacht, sieht er Lukas ähnlich. Die Grübchen in den Wangen, die hellbraunen Haare. Meinen Baby Boy liebe ich sogar noch mehr als Lukas. Es sind die Nächte, die mich killen. Nächte wie diese hier. Jetzt habe ich alles getan, Pepe gestillt und gewickelt, also ist meine Mutter wieder dran, schließlich hat sie mir versprochen, dass sie mir hilft, als ich schwanger war. Ich ziehe Pepe wieder an, nehme ihn hoch und trage ihn rüber in Mamas kleines Zimmer, das vor Pepes Geburt meines war. Jetzt haben wir getauscht.

Mama richtet sich halb auf.

»Nimm du ihn wieder«, sage ich und lege ihr Pepe in den Arm, bevor sie protestieren kann. »Er will einfach nicht mehr einschlafen. Ich kann nicht mehr.« Der letzte Satz kommt gepresst, weil ich nun wirklich nur noch heulen könnte. Seit der Geburt vor vier Monaten bin ich so dünnhäutig. Mir fehlt die Schule, mein altes Leben zwischen Hausaufgaben und Verabredungen, Lukas, der viel öfter hier sein wollte. Ich muss mit ihm reden, gleich morgen. Ab und zu kommt Frau Niemoth vom Jugendamt spontan vorbei, um zu schauen, ob Pepe behütet aufwächst. Jedes Mal, wenn Lukas dann nicht hier ist, hebt sie ihre linke Augenbraue und redet was von Verantwortung. Recht hat sie. Schließlich habe ich Pepe nicht allein gemacht.

Morgens beim Frühstück sind wir beide noch groggy, Mama und ich. Pepe schläft im Stubenwagen. Um halb sechs hat sie ihn mir noch mal zum Stillen gebracht; dieses Mal ist er dabei kaum wach geworden.

Mama schenkt uns beiden Kaffee ein. Meine Tasse gießt sie nur halb voll, eine Macke von ihr, weil ich als Kind oft einen Rest in meinem Glas stehen gelassen habe. Das ist ewig her.

»Mach voll«, sage ich. Statt mir nachzuschenken, schiebt sie mir die Thermoskanne hin. Ich fülle meine Tasse fast bis zum Rand, ohne Milch, schwarz muss mein Kaffee sein, schwarz und stark.

»Du brauchst dich nicht zu wundern, dass Pepe so lange Wachphasen hat«, sagt Mama. »Das geht doch alles in die Muttermilch über.«

»Trinke ich den abends?«, erwidere ich. Schon nach den ersten Schlucken fühle ich mich besser. »Was darf man als stillende Mutter überhaupt noch? Ich habe kaum geschlafen.«

»Ich weiß.« Mama schiebt den Brotkorb zu mir rüber. »Du machst das auch wirklich toll für dein Alter. Aber du bist noch in der Elternzeit und ich muss arbeiten. Mein Schlaf ist also fast so heilig wie deiner.«

»Dafür kommst du wenigstens mal raus hier«, entgegne ich. Ich beobachte sie, während ich missmutig mein Porridge löffle. Natürlich hat Mama es wieder geschafft, trotz ihrer Müdigkeit fit auszusehen. Ihre weiße Bluse und die frische Jeans sitzen makellos, sie duftet nach Shampoo und Parfum, alles aus einer Serie, ihre dunklen Haare hat sie gekonnt und doch lässig hochgesteckt. Fehlen bloß noch die Pumps, doch hier zu Hause trägt sie wie immer ihre Plüsch-Pantoletten, die Zehennägel frisch lackiert. Ich frage mich, wie sie das macht. Ich selber komme mir vor wie ein verpenntes Walross, verschwitzt, zerzaust und immer noch ausgeleiert von der Schwangerschaft. Vor Pepe habe ich mich auch immer zumindest so gestylt, dass ich mit meinem Spiegelbild halbwegs zufrieden war. Und auf meine Figur geachtet. Jetzt bin ich noch längst nicht wieder ich selbst. Die Schwangerschaftsstreifen sind noch da, meine Bauchdecke kann ich dehnen wie einen Kängurubeutel. Beim Friseur war ich ewig nicht mehr, stattdessen finde ich jeden Morgen gefühlt hunderttausend Haare in meiner Bürste. Da nützt es auch nichts, dass sie inzwischen fast so lang sind, wie ich sie immer haben wollte. Mein Schlafshirt ist voller Milchflecken, meine Beine stecken in einer alten Umstandsleggings. Hoffentlich schläft Pepe noch lange, damit ich wenigstens duschen kann.

»Als du erst ein paar Wochen alt warst, ging es mir genauso«, sagt sie und streicht mir übers Haar. »Und ich hatte keine Melanie zu Hause, die mir ab und an unter die Arme gegriffen hat. Ich hab dich auch so groß gekriegt und du schaffst das mit dem Kleinen auch.«

»Wenn du das sagst.« Ich unterdrücke meinen Neid, weil sie gleich raus in die Welt zwitschern darf und in ihrem Job beim angesagtesten Zahnarzt hier in Tempelhof die Rezeption schmeißen darf, während mein Tag aus Stillen, Wickeln und Rasselschwingen bestehen wird. Genau wie gestern und vorgestern und gefühlt tausend Tage davor.

»Warum gehst du nicht mit Pepe spazieren?«, fragt meine Mutter und schwingt sich ihre Umhängetasche über die Schulter. »Heute ist es nicht so kalt.«

»Und was ist, wenn Lukas vor der Tür steht und ich nicht da bin?«

»Dann wird er dich sicher anrufen.« Mama lächelt abwesend und trinkt ihren Kaffee aus, überprüft den Inhalt ihrer Tasche und schlüpft in ihren Wollmantel. »Wenn du rausgehst, besorg gleich was zum Abendessen, hm? Muss nichts Großes sein, Nudeln mit Soße, ein Salat dazu, so was eben. Ich koche dann. Bis später.« Ein Kuss auf meine Wange, schon ist sie weg.

Ich bleibe am Tisch sitzen und überlege, ob ich schnell duschen gehe. Pepe ist wach geworden. Bevor er ungnädig wird, nehme ich ihn schnell hoch und lege ihn in seinen Maxi-Cosi, wo er sofort anfängt, mit den darüber angebrachten bunten Holzfiguren zu spielen. Ich nehme ihn mit ins Bad und dusche im Turbogang. Soll ich mich jetzt schon für den Nachmittag mit Lukas stylen? Wenn Pepe mir auf den Pullover spuckt, muss ich mich umziehen. Und den ganzen Vormittag in die einzige Jeans gezwängt herumzusitzen, die mir gerade so wieder passt, ist auch nicht angenehm. Also schlüpfe ich in die Joggpants von gestern und streife mir nur ein frisches Shirt über, mir ist sowieso immer zu heiß. Dann schwenke ich die Thermoskanne, es schwappt leise darin, die letzte halbe Tasse Kaffee ist meine. Den kalten Rest Porridge von vorhin spüle ich damit hinunter.

Nach dem Einkaufen koche ich Chili con Carne für heute Abend. Mama braucht gar nicht so zu tun, als ob ich nicht selber in der Lage wäre, etwas Warmes hinzukriegen. Mit Pepe dauert es zwar gefühlt dreimal so lange wie sonst, weil er ständig meine Aufmerksamkeit braucht. Aber irgendwann ist das, was im Topf vor sich hin blubbert, gar und schmeckt sogar ganz gut. Ich gehe mit Pepe rüber ins Wohnzimmer und ruhe mich auf der Couch aus. Während der letzten Wochen ist es mir immer besser gelungen, mich so hinzusetzen, dass er gut an meine Brust andocken kann und ich es trotzdem bequem habe, Smartphone und Fernbedienung in Reichweite, um nicht dauernd aufstehen zu müssen. Ich lasse mich von einer Kochshow berieseln, den Ton gerade noch hörbar gestellt, vielleicht lerne ich dabei noch was. Pepe nuckelt zufrieden vor sich hin.

Mittendrin klingelt unser Festnetztelefon, was selten vorkommt. Ich versuche es zu ignorieren, doch Pepe ist zusammengezuckt, lässt los und blickt zur Kommode, auf der die Ladestation steht. Nach viermal Klingeln springt der Anrufbeantworter an, doch niemand spricht etwas drauf, stattdessen klickt es und klingelt gleich erneut. Mühsam rappele ich mich mit Pepe auf dem Arm hoch, finde das Telefon nicht gleich, haste durch die Wohnung, endlich entdecke ich es auf Mamas Nachttisch. Unbekannte Nummer. Nach dem zweiten Klingeln des dritten Anrufs gehe ich ran. Es ist Lukas. Wo zum Kuckuck steckt er?

2. Kapitel

»Davut hat mir sein Handy geliehen«, sagt er. »Mein Akku ist leer. Wir sitzen noch in der Arbeitsgruppe, die Präsentation für morgen ist noch nicht ganz fertig, wir müssen die Deadline einhalten. Tut mir echt leid.«

»Das weißt du jetzt erst? Und was heißt nicht ganz?«, frage ich. »Das ist so typisch, Lukas. Deine Leute aus der Arbeitsgruppe müssen mal kapieren, dass du auch noch andere Verpflichtungen hast. Dauert eben alles länger, stört niemanden. Aber du hast ein Kind.«

»Trotzdem muss ich mein Abi schaffen. Gerade wegen Pepe.«

»Kommst du denn überhaupt noch oder lässt du uns heute komplett hängen?«

»Hör mal.« Lukas seufzt am anderen Ende. »Bisher habe ich euch nur versetzt, wenn es wirklich nicht anders ging. Wenn wir gut vorankommen, bin ich in einer Stunde da. Soll ich dir was von unterwegs mitbringen? Döner, Falafel?«

»Ich war einkaufen«, antworte ich. Er soll sich bloß nicht einbilden, er wäre der Einzige, der viel zu tun hat. »Chili con Carne steht fertig auf dem Herd.«

»Du bist die Beste«, jubelt er. »Damit gebe ich gleich vor den Jungs an. Und dann beeil ich mich.«

»Ich hab das auch für Mama gemacht, nicht nur für dich. Weil ich nicht wollte, dass sie abends nach dem Job noch am Herd stehen muss, wenn sie mir nachts schon immer hilft.«

»Schon klar«, sagt er, und seine Stimme verrät nicht, ob er die kleine Spitze verstanden hat. Dann legt er auf.

Mich wurmt unser Gespräch trotzdem. Klar, ich hab mich hier voll reingehängt. Es ist zwar nur das Tüten-Chili zum Anrühren, bei dem man außer Hackfleisch anbraten, Wasser und rote Bohnen hineinschütten nicht viel machen muss. Aber Lukas hockt jetzt bestimmt wie ein King zwischen den anderen Jungs und protzt rum, dass seine Freundin ihm was gekocht hat. Ich muss ihn mir vorknöpfen. Auf keinen Fall lasse ich mich mit sechzehn in so ein Frauenbild drängen, und schon gar nicht von ihm.

Aber ich freue mich auf Lukas. Mit Pepe auf dem Arm husche ich noch schnell ins Bad. Meine Mascara auffrischen, während Pepe mir in die Haare greift, kann ich inzwischen gut. Wenn mein Freund hier ist, will ich nicht aussehen wie eine, die nicht klarkommt. Ich will attraktiv sein. Lukas soll sich freuen, mich zu sehen.

Wenn er kommt. Siebzig Minuten nach unserem Telefonat ist er immer noch nicht da. Der Topf auf dem Herd ist nur noch lauwarm. In seinem Nachrichtenprofil schaue ich nach, wann er zuletzt online war – dann fällt mir ein, dass sein Akku leer ist. Ich hasse es, wenn er in Arbeitsgruppen hockt. Irgendeiner ist immer dabei, der keinen Bock hat, alle ablenkt und wegen dem es am Ende doppelt so lange dauert. Ich glaube, Lukas lässt sich da viel zu viel gefallen. Mein Nachmittag mit Pepe war lang, Mama ist noch nicht von der Arbeit zurück und inzwischen regnet es. Vor einer halben Stunde habe ich Pepe gewickelt und mit ihm gespielt, jetzt liegt er auf seiner Krabbeldecke und betrachtet fasziniert den Spielbogen darüber. Aber lange hält er das nicht durch. Es wird Zeit, dass sein Papa kommt und ein bisschen Abwechslung mitbringt.

Endlich klingelt es unten. Pepe fängt an zu schreien, ich nehme ihn auf den Arm und eile zur Tür, um den Summer zu drücken. Lukas hastet die Treppe hoch, seine Haare kleben feucht am Kopf, der Rucksack steht offen. Er drückt mir einen flüchtigen Kuss auf die Lippen und ich ihm Pepe in die Arme.

»Warte kurz«, sagt er. »Erst mal das Zeug ablegen.« Er gibt mir Pepe zurück und streift sich den Rucksack vom Rücken. Erst jetzt sieht Lukas, dass alle seine Sachen nass geworden sind, und wird hektisch.

»Mist«, keucht er und fängt an, die Hefter und Ringbuchblöcke herauszuzerren. Ich sehe sofort, dass oben auf den Papieren seine Handschrift verwischt ist und das Papier sich wellt. Er flucht leise, schleudert seine Sneakers von den Füßen und geht ins Wohnzimmer, wo er den kompletten Inhalt seines Rucksacks auf dem Teppich auskippt, ein Teil landet auf Pepes Krabbeldecke und begräbt das Spielzeug unter sich.

»Gehts noch?«, motze ich ihn an. »Habe ich jetzt zwei Kinder hier? Wenn wir Chaos wollen, schaffen Pepe und ich das auch alleine.«

Lukas hockt sich hin und blättert durch seine Unterlagen. »Jetzt kann ich alles noch mal abschreiben«, sagt er. »Heute Abend muss ich den anderen aus der Gruppe meine Notizen noch schicken. Aber so? Als Aquarell war das nicht gedacht.«

»Deine Handschrift kann man sowieso nicht lesen«, erwidere ich. »Tipp den Kram doch ab, wenn du noch weißt, was da eigentlich stehen soll. Sonst sieht es aus, als hättest du nicht mal einen Computer.« Ich setze mich mit Pepe auf die Couch und gebe ihm die Brust. Lukas fährt sich erschöpft mit der Hand über das Gesicht.

»Ich bin platt«, sagt er. »Neun Stunden Schule, danach noch die Gruppe. Gestern hat mein Laptop den Geist aufgegeben, sonst hätte ich gleich alles getippt. Und jetzt das hier.« Er blickt sich um. »Kann ich mir was zu trinken holen?«

»Du kannst dir auch einen großen Teller Chili con Carne in der Mikrowelle heiß machen«, antworte ich. Typisch, dass er es vergessen hat. Seine Augen flackern dankbar auf, dann verschwindet er in der Küche und kommt kurz darauf mit seinem Essen zurück.

»Soll ich Mama fragen, ob du an ihren Computer darfst?«, frage ich. Lukas überlegt.

»Morgen früh«, sagt er schließlich. »Da habe ich erst zur dritten Stunde. Wenn wir früh genug aufstehen, schaffe ich das locker.«

»Dann frag Mama selbst. Ich muss ja wohl nicht mit aufstehen. Schon gar nicht, wenn Pepe auch noch schläft.«

Lukas nickt. Richtig entspannt sieht er immer noch nicht aus, eher müde. Hoffentlich fällt er nicht auf die Seite und pennt ein wie ein Löwe, der ein ganzes Gnu verschlungen hat. Ich will noch was erleben nach diesem öden Tag hier drin.

»Gehen wir noch raus?«, frage ich ihn also, sobald er seinen Löffel hingelegt und den Teller weggeschoben hat.

»Wohin denn?«, fragt er. »Es wird schon dunkel. Muss Pepe nicht schlafen?«

»Der schläft, wann er will und wo er will. Ich dachte, das hättest du längst mitbekommen.« Ich packe meine Brust zurück in den Still-BH, stehe mit Pepe auf und trete ans Fenster. »Der Regen hat fast aufgehört. Ich muss unbedingt an die frische Luft.«

Trotzdem breitet Lukas erst noch seine aufgeweichten Unterlagen aus. Auf allen Heizkörpern verteilt er sie, nicht nur im Wohnzimmer, sondern auch in meinem Zimmer und im Bad.

»Hoffentlich flippt Melanie nicht aus«, sage ich. »Die perfekte Deko ist das nicht gerade.«

»Bis sie kommt, ist bestimmt alles trocken«, erwidert er. Ich reiche ihm Pepes Overall und die Bauchtrage. »Du trägst ihn«, bestimme ich. »Nicht, dass du es noch verlernst.«

Er lässt die Arme sinken.

»Du bist so unfair, Fiona«, sagt er. »Ich hätte genauso gut nach Hause gehen können. Oder mit den Jungs weggehen. Für mich ist das alles auch nicht einfach.«

»Lass uns nicht streiten«, sage ich und helfe ihm beim Umschnallen. Ein wenig tut es mir leid, dass ich ihn so angefahren habe. Wir atmen beide durch, sobald wir auf die Straße treten.

Pepe schläft bereits nach ein paar Schritten ein, endlich. Von der Straße aus können wir die Leuchtreklame einer Fast-Food-Kette sehen; dort sind wir letztes Jahr zusammengekommen, an einem Abend, an dem es uns beiden nicht gut ging. Lukas hing durch, weil ihm sein Lehrer gesteckt hatte, sein Abi sei in Gefahr, wenn er sich nicht am Riemen reiße. Und ich … Meine beste Freundin Maya war weggezogen und ich fühlte mich furchtbar einsam ohne sie. Bis Lukas neben mir am Abholtresen stand und meine Bestellung entgegennahm statt seiner eigenen. Was für ein Idiot, dachte ich im ersten Moment, doch als ich sein Gesicht sah, wusste ich, er war genauso lost wie ich. Er hat es auch gefühlt. Seitdem gehören Lukas und ich zusammen.

»Fast genau vor einem Jahr«, sagt er leise, setzt meinen Gedanken fort, als hätte er ihn mitgelesen. Beinahe hätte ich vergessen, wie nah wir uns manchmal sind. »Ich weiß noch genau, wie gut du mir getan hast. Vom ersten Augenblick an.«

»Du mir auch«, antworte ich. »Weißt du noch, wie lustig es war, als wir uns gegenseitig was vom Essen geklaut haben? Ich deine Pommes und du meine Gemüsenuggets.«

Lukas nickt. »Es war so leicht, als ob wir uns schon ewig gekannt hätten.«

Lukas legt einen Arm fester um Pepe, den anderen um meine Schulter. Das macht er jedes Mal, wenn er daran denkt, wie beschissen es ihm damals ging. Dann klammert er sich an uns fest, als könnten wir ihm entwischen.

Pepe wacht auf und blickt sich erstaunt um. Am Tempelhofer Damm entdecken wir vor einer Drogerie ein Schaukelpferd, in das man eine Münze einwerfen muss, damit es wippt, wenn man darauf reitet. Ich krame in meiner Geldbörse nach einem Eurostück. Lukas nimmt Pepe aus der Trage und gibt ihn mir, und während ich mit meinem Baby im Arm galoppiere, den kühlen Herbstwind in meinen Haaren und die untergehende Sonne hinter den Dächern der Stadt, spüre ich endlich wieder so was wie Leichtigkeit. Das Gefühl, alles schaffen zu können, solange diese beiden Lieblingsmenschen bei mir sind, mein Freund und unser kleiner Sohn. Was soll schon passieren? Was sind Anstrengung und Müdigkeit, wenn das Leben endlich wieder einen Sinn hat? Mit Pepe beginnt alles noch mal neu.

»Sein Leben soll schön werden«, sage ich zu Lukas, als wir uns wenig später auf den Rückweg machen. »Andere Babys haben vielleicht mehr: ein eigenes Zimmer, Eltern mit dickem Gehalt und Auto vor der Tür und alles. Aber wir wollten ihn und das ziehen wir jetzt durch. Willst du ihn baden und ins Bett bringen, wenn ich ihn gestillt habe?«

Lukas blickt auf die Uhr. »Würde ich gerne«, sagt er. »Aber morgen früh muss ich fit sein, und ab übermorgen bin ich doch fünf Tage in Prag mit meinem Leistungskurs und habe noch nicht mal gepackt. Ich hole nur noch schnell meine Sachen, hoffentlich sind die Papiere inzwischen getrocknet. Dann muss ich los.«

»Du musst fit sein«, sage ich. »Wenn ich nach einer durchwachten Nacht mit Pepe durchhänge, zählt das nicht. Aber okay. Mach doch, was du willst.«

»Hey, komm.« Er drückt mir einen Kuss auf die Schläfe. »Ich hab dir nicht versprochen zu bleiben. Außerdem ist Melanie jetzt bestimmt zu Hause und hilft dir.«

Ich mache mich in seinem Arm ein wenig steif. Eigentlich will ich das nicht, aber meine gute Laune hat einen Dämpfer bekommen, und der Grund dafür ist er.

Wir sind bei mir zu Hause angekommen. Ich winde mich aus seinem Arm und schließe auf. Lukas schaltet das Licht im Wohnzimmer an und stürzt auf seine Arbeitsblätter zu, die immer noch feucht sind. Er rafft alles zusammen, ein flüchtiger Kuss, schon ist er aus der Tür. Mein Handy vibriert, Nachricht von Mama: Komme heute später, warte nicht auf mich.

Am besten, ich erwarte gar nichts mehr.

3. Kapitel

Am Tag nach Lukas’ Abreise ist Mama ausnahmsweise früher zu Hause. Dieses Mal haben wir zusammen gekocht, Eierreis mit Gemüse, Knoblauch, Erdnüssen, Thai-Basilikum und Zitronengras, unser Mutter-Tochter-Ding. Auf Fleisch stehen wir beide nicht so. Mama hat sich zusätzlich zum Wasser ein Glas Wein eingeschenkt und mir ein alkoholfreies Bier hingestellt. Die Stimmung zwischen uns ist entspannt und fröhlich, auch Pepe liegt zufrieden in seiner Babyschale auf dem Hochstuhl und nuckelt an einer Stoffwindel. Heimlich beobachte ich meine Mutter, während sie den Tisch deckt und die Pfanne vom Herd nimmt....Ende der Leseprobe