Selbst Schuld? - Angelika Leonhardt - E-Book

Selbst Schuld? E-Book

Angelika Leonhardt

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Beschreibung

Die Handlung der Geschichte ist frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und unbeabsichtigt. Leider sind jedoch die Begebenheiten dieses Romans in vielen Familien bittere Realität. Während die Täter meistens ungeschoren davon kommen, müssen die Opfer körperlichen, emotionalen und/oder sexuellen Missbrauchs mit ihrer Vergangenheit leben, auch wenn sie als Folge sich selbst und ihren Körper dafür hassen, dass andere ihn für ihre Zwecke benutzt und verunstaltet haben. Dieses Buch soll Opfern zeigen, dass sie nicht alleine sind und dass ihre Symptome ganz normale Konsequenz der früher erlebten Gewalt sind. Zudem soll es ihnen Mut machen, dass man trotzdem ein ganz normales Leben führen kann. Es soll zudem anderen Menschen zeigen, welchen Kampf Opfer oft führen müssen, manchmal nur, um weiterzuleben. Dafür brauchen sie gute Freunde, einen erfahrenen Therapeuten und vielleicht auch Medikamente. Vor allen Dingen aber benötigen sie viel Verständnis, und wenn dieses Buch dabei helfen kann, ist sein Sinn erfüllt. Sollte dieses Buch gar einen Täter anregen, über seine Taten nachzudenken und sie künftig zu unterlassen, würde das sämtliche Erwartungen der Autorin weit übertreffen.

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Seitenzahl: 142

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Mit herzlichem Dank an den besten Ehemann der Welt und meinen Kindern Natascha, Jasmin und Madeleine, die mich jeden Tag stolz und glücklich auf meine kleine Familie machen.

Im Andenken an Dominique.

Inhalt

Vorwort

Prolog

Teil I: Annas Kindheit

Die kleine Anna

Der gefallene Richter

In der Villa Danus

In der Schule

Abgesoffen

Teil II: 20 Jahre später

Back to the roots: Zurück beim Pastor

Zwei Monate später

Der verwirrende Dialog mit Pfarrer Lutz

Zweiter Besuch bei Pfarrer Lutz

Die ärztliche Diagnose

Annas problematische Familie

Annas Brüder

Zu viel!

Abwärts

Abschiedsbriefe

Der letzte Tag

In der psychiatrischen Notfalklinik

Pastor Dugald

Marduks, Levis und Jonathans Reaktionen

Annas Mutter: Aufopferung, Opfer- oder auch Täter?

Väterei: Leiblicher Vater, Kirchenvater, Stiefvater, Schwiegervater, Ersatzvater, himmlischer Vater

Epilog

Vorwort

Dies ist ein Roman:

Alle Personen und Handlungen sind frei erfunden.

© 2012 Angelika Leonhardt:

Alle Rechte, insbesondere die der Übersetzung in fremde Sprachen, sind vorbehalten. Kein Teil des Buches darf ohne schriftliche Genehmigung des Autors fotokopiert oder in irgendeiner anderen Form reproduziert oder in eine von Maschinen verwendbare Sprache übertragen oder übersetzt werden.

Prolog

Es war morgens, kurz nach sieben Uhr. Anna stieg vor dem grossen grauen Geschäftsgebäude, in dem sich auf ihr Büro befand, aus dem Auto, schloss die Fahrertür und entschied mit einem Blick in den blauen Himmel, vor der Arbeit noch ein wenig im nahegelegenen Wald spazieren zu gehen. Es dämmerte in einen wunderschönen sonnigen Tag hinein. Auf den Feldern lag noch Raureif, der Bach plätscherte friedlich vor sich hin und die grünen Baumwipfel rauschten leise im Frühlingswind. Vögel zwitscherten ihr Morgenlied. Annas Schritte knirschten bei jedem Schritt im Kies des Waldwegs. Nichts störte äusserlich die Ruhe und den Frieden in dieser Idylle.

Doch innerlich hatte Anna keine Ruhe. Sie dachte an die vielen Unterlagen auf ihrem Schreibtisch, an die vielen Mails in ihrem Posteingang und an die vielen Aufgaben, die sie noch für ihren Vorgesetzten erledigen musste. Anna war längst klar, dass sie die Aufträge nicht mehr rechtzeitig erledigen konnte, aber sie wollte es sich nicht eingestehen. Anna wollte es schaffen, nein: sie musste es schaffen! Denn alles andere hätte Versagen bedeutet, und versagt hatte Anna schon so oft in ihrem Leben. So oft wurde ihr schon gekündigt, weil sie Aufgaben nicht innerhalb der rechten Zeit erledigt bekam oder etwas Wichtiges vergessen hatte. Sie wollte nicht nochmals versagen. Alles, nur diese Peinlichkeit nicht…

Der Druck in Anna wurde immer grösser. Er nahm ihr die Luft zum Atmen und sie wurde so verzweifelt, dass sie nur noch einen Ausweg sah, um aus diesem Schlamassel heraus zu kommen: sich umzubringen! Anna lief an den Bäumen vorbei, doch sie hatte kein Seil dabei, mit dem sie sich hätte erhängen können. Sie ging über die Brücke, doch diese war nicht hoch genug, um bei einem Sprung sicher tot zu sein. Anna riss sich ihren Rucksack vom Rücken, den Reissverschluss auf und suchte krampfhaft nach einem Messer, um sich die Pulsadern aufzuschneiden. Normalerweise hatte sie immer ein Sackmesser dabei, doch ausgerechnet an diesem Tag natürlich nicht. Es war typisch: Selbst für einen Selbstmord war sie zu blöd!

Also kehrte Anna um und ging, als ob nichts gewesen wäre, in ihr Büro zurück. Niemand merkte ihr dort etwas an. Wenn sie etwas gut konnte, war es schauspielern. Ihre fröhliche Maske, die allen zeigen sollte, dass es ihr gut ging und sie alles perfekt im Griff hatte, trug Anna natürlich! Sie lächelte ihre Kolleginnen wie immer freundlich an, während sie zu ihrem Schreibtisch ging und ihren PC einschaltete. Sie nahm sich eine Akte vom Schreibtisch und tippte die Daten in den PC ein. Sie konnte sich überraschenderweise gut konzentrieren. Plötzlich kam eine Kollegin auf sie zu und bat sie, ihr kurz bei der Vorbereitung für ihr Abschieds-Apéro zu helfen. Sie wollte Kanapees anbieten und Anna sollte ihr dabei helfen, damit sie rechtzeitig mit Schmieren fertig wurde. Selbstverständlich sagte Anna sofort zu. Sie konnte nie jemandem eine Bitte abschlagen! Doch als sie in der Küche das Brotmesser sah, setzte ihr Verstand aus. Da hatte sie vorher so verzweifelt ein Messer gesucht, und nun lag eines direkt vor ihren Augen und wartete nur darauf, dass sie es benutzte. Jetzt wurde sie jedoch durch ihre Kollegin gestört, welche sie schon ganz komisch von der Seite ansah. Sie hätte ja doch keine Chance, sich hier damit umzubringen. Die Kollegen würden Anna sofort in ein Krankenhaus einliefern, sie würde den Versuch überleben und müsste dann mit der Scham eines missglückten Selbstmordes weiterleben. Nein, danke! Anna nahm mit zitternder Hand das Messer in die Hand und begann die Brotscheiben mit Butter zu beschmieren. Doch als ihre Kollegin kurz auf das WC ging, nutzte sie die Chance und ritzte sich mit dem Messer ein wenig in die Hand. Sie stellte überrascht fest, dass es nicht einmal wehtat. Plötzlich stand die Kollegin wieder neben ihr in der Küche und fragte besorgt „Anna, alles klar? Du bist total blass… Geht es dir nicht gut?“ Anna schüttelte den Kopf. Die Kollegin riet ihr, besser nach Hause zu fahren und bot ihr an, dem Chef gleich Bescheid zu sagen.

Dankbar nahm Anna das Angebot an, schnappte sich ihre Jacke und ging zum Auto. Sie hatte grosse Mühe, mit dem Auto nach Hause zu fahren ohne dem Druck, einfach in einen LKW oder die Leitplanke zu fahren, nachzugeben. Anna war nicht mehr sie selbst, sie hatte keine Lebensfreude mehr, spürte sich nicht mehr und hatte nur noch den Wunsch nach Ruhe. Sie wollte nur noch sterben und dieses Scheissleben endlich hinter sich lassen.

Anna betete zu Gott „Lieber Gott, bitte, ich kann nicht mehr, es ist genug: Lass mich bitte sterben! Amen.“

Teil I: Annas Kindheit

Die kleine Anna

Anna war mit drei Jahren das jüngste der vier Kinder der Lehrerfamilie Baruti. Ihre Mutter, eine hübsche, adrette Frau von Mitte vierzig, war seit der Geburt ihres ersten Sohnes Marduk zuhause geblieben und widmete sich der Hausarbeit. Barutis Haus war ein kleines, aber gepflegtes älteres Einfamilienhaus mit einem alten verwilderten Garten. Marduk war 6 Jahre älter als Anna und ein rundlicher Sonnenscheinbub mit kurzen braunen Stoppelhaaren. Zwei Jahre später wurden die Zwillinge Levi und Jonathan geboren, beide waren blauäugig und schlank und hatten dünne blonde Haare. Anna war nicht geplant und wäre beinahe während der Geburt gestorben, weil sie im Geburtskanal stecken blieb und mit der Zange gehpolt werden musste. Dabei wurde sie am Kopf schwer verletzt und musste notfallmässig in die Kinderklinik eingeliefert und dort medizinisch versorgt werden. Auch später blieb sie immer dünn, blass und anfällig für Krankheiten. Bis zu ihrem dritten Lebensjahr kümmerte sich ihre Mutter rührend im ihr „Sorgenkind“ und Anna wurde auch von ihren grossen Brüdern verhätschelt und verwöhnt. Ihr Vater war als Lehrer viel zuhause und während er Arbeiten seiner Schüler korrigierte, sass sie oft auf seinem Schoss und malte nebenbei…

An einem Freitag kurz vor Weihnachten klingelte das Telefon und beendete das Familienglück jäh, als das Krankenhaus Frau Baruti mitteilte, dass ihr Mann auf dem Heimweg von der Schule nach Hause auf der glatten Fahrbahn abgerutscht und eine Böschung hinuntergerutscht sei. Das Auto sei am Ende des Hanges an einem Baum in zwei Teile zerschellt, und ihr Mann sei auf der Stelle tot gewesen.

Nun musste sich Annas Mutter um ihre vier Kinder alleine kümmern, da ihre eigenen Eltern bereits verstorben waren und ihre Schwiegereltern mittlerweile bei ihrer Schwägerin in Amerika wohnten. Sie war daher sehr froh, dass ihr der katholische Pastor anbot, die kleine Dreizimmerwohnung oberhalb der Gemeindeverwaltung zu beziehen und ihm dafür bei der Büroarbeit für die katholische Gemeinde zu helfen. Um genügend Geld für die Lebensmittel der fünfköpfigen Familie zu verdienen, arbeitete sie zudem jeden Abend in der Dorfkneipe „zum Bären“, während die drei grösseren Brüder auf Anna aufpassten…

In der Dreizimmerwohnung wohnte Marduk mit Levi zusammen in einem Zimmer, während Jonathan und Anna sich das andere Zimmer teilten. Das dritte Zimmer war das Wohnzimmer, in welchem die Mutter nachts nach der Arbeit in der Kneipe auf dem Sofa schlief. Morgens weckte meist Marduk die Geschwister, damit die Mutter ausschlafen konnte. Meistens zogen sich die Geschwister nur an und gingen ohne Frühstück aus dem Haus, da der Kühlschrank ohnehin meist leer war. Manchmal klaute Marduk noch aus dem Portemonnaie seiner Mutter ihr Trinkgeld. An diesen Tagen war Festtag für die Kinder, denn dann konnten sie sich beim Bäcker Brötchen holen. Konnte Marduk jedoch kein Geld finden, mussten sie hungrig in der Schule bis zum Mittagessen aushalten. Meistens trug Anna die alte Kleidung ihrer grossen Brüder auf und wurde dafür oft von ihren Mitschülern gehänselt... Zudem war sie oft zu hungrig und müde für den Unterricht und wurde ausgelacht, wenn sie falsche Antworten gab.

Nach der Schule gingen die Kinder nach Hause, wobei Anna immer einen anderen Weg hatte als die grossen Brüder. Da Anna in ihren abgetragenen Bubenkleidern oft von anderen Kindern ausgelacht wurde, wollten die drei Jungen nicht mit ihrer hässlichen kleinen Schwester gesehen werden.

Meistens gab es etwas zu Essen, wenn die Kinder nach Hause kamen. Da die Mutter immer sowohl für ihre Familie als auch für den Dorfpfarrer kochte, gab es an den Wochentagen immer etwas Warmes. Danach erledigte die Mutter die Büroarbeit für den Pastor, während Anna meistens ganz still neben ihr sass und Hausaufgaben machte oder ein Buch las. Die drei Jungen hingegen gingen meistens schnell mit ihrem Fussball und ihren Freunden auf den nahen Sportplatz. Gegen fünf machte sich die Mutter meistens auf den Weg zur Arbeit in die Kneipe. Oft genug waren die Brüder dann noch nicht zurück, und so musste Anna eben alleine bleiben. Anna hatte meistens Angst und weinte, bis ihre Brüder wiederkamen. Diese lachten sie dann aus und ärgerten sie, wo sie nur konnten. Sie brachen ihrer Puppe die Arme heraus und schnitten ihnen die Haare ab und kritzelten in ihre Schulbücher oder rissen Seiten heraus. Beschwerte sie sich bei ihrer Mutter, sagte diese nur „Ach, mache mir doch nicht immer nur Sorgen. Höre halt besser auf deine grossen Brüder, sie sind deine Chefs, wenn ich nicht da bin!“ Ihrer Lehrerin musste sie erzählen, sie hätte die Seiten selbst ausgerissen, damit die Lehrerin nicht mitbekam, dass Anna jeden Abend mit ihren Brüdern alleine zuhause war.

Meistens musste Anna bald ins Bett, damit die Jungen in Ruhe fernsehen schauen konnten. Wenn sie sich dagegen wehrte, schlugen ihre Brüder sie und schubsten sie gewaltsam in ihr Bett, um anschliessend die Türe zuzuschliessen. Und ihre Mutter war jeden Abend froh, wenn sie nach Hause kam und Anna friedlich schlafend in ihrem Bett wähnte. Dass Anna jedoch meistens zitternd unter der Bettdecke lag oder von grausamen Monstern träumte, kam ihrer Mutter nicht in den Sinn, wenn sie sich nach der harten Arbeit in der Kneipe auf das Sofa kämpfte.

Samstags konnte die Mutter ein wenig ausschlafen. Meistens schickte sie die Jungen zum Einkauf, während ihr Anna helfen musste, die Wohnung zu putzen. Schliesslich war sie ja ein Mädchen. Mittags kochte die Mutter wieder für den Pastor und die Familie. Während die Mutter samstagabends wieder zur Kneipe ging, blieb meistens der Pastor bei den Kindern. Die Mutter war sehr froh, dass sie wenigstens an dem Abend einen erwachsenen Betreuer für ihre Kinder. Zuerst schickte er die Jungen zum Duschen, während Anna die Küche aufräumen musste. Danach duschte er Anna. Anna wäre es lieber gewesen, sie hätte auch alleine duschen dürfen, denn der Pastor war ziemlich grob dabei. Doch als ihren Wunsch den Brüdern mitteilte, schärften dieseihr ein, sie solle ja alles tun, was der Pastor von ihr möchte, damit er ihrer Mutter nicht die Wohnung und Arbeit kündigen würde, sonst müssten sie auf der Strasse schlafen! Also hielt sie die zynischen Blicke des Pastors aus, wenn sie sich vor seinen Augen auszog. Sie ertrug, wenn er sie abtastete mit den Worten „ich muss doch schauen, ob alles okay ist, ihr könnt euch ja keinen Arzt leisten, also untersuche ich dich eben.“

Er begrapschte sie dabei derb an ihren Busen und rieb ihr mit einem Waschlappen zwischen den Schenkeln bis es rot leuchtete. Wenn ihr Tränen in die Augen stiegen vor Schmerz, rieb er nur noch stärker und bläffte sie an „Mensch, Anna, stell dich doch nicht so an, ich wasche dich doch nur. Schau einmal, wie dreckig du da unten bist, das muss ich waschen, sonst stinkst du da und das willst du doch nicht, oder?“.

Den ganzen Körper rieb er ihr mit dem rauhen Waschlappen und viel Seife ab. Unter den Achseln rubbelte er, bis sie rot wurde. Die Zehen riss er ihr auseinander, um dazwischen den Schmutz herauszuwaschen. Er reinigte sie mit dem Waschlappen zwischen den Pobacken und wehe, es war hinterher eine braune Spur dran, dann hielt er ihr diese angeekelt vor die Nase: „Anna, was um Himmels willen ist das denn? Wie alt bist? Und machst immer noch in die Hose? Soll ich das deiner Mutter sagen?“ Natürlich wollte Anna das auf keinen Fall und schüttelte beschämt den Kopf. Der Pastor sagte dann zufrieden „Gut, Anna, dann höre jetzt sofort auf zu weinen, dann werde ich dich nicht verpetzen. Aber dass ich doch so gut sauber machen muss, wirst du sicherlich einsehen“. Anna biss die Zähne zusammen und nickte. Er scheuerte weiter mit seinem Waschlappen und liess hinterher heisses Wasser über ihren Körper laufen, bis dieser feurig rot war. Dann durfte Anna endlich aus der Wanne steigen, nur um mit einem rauhen Handtuch an allen sowieso schon brennenden Körperstellen wundgerieben zu werden…

Danach versammelteder Pastor die Kinder um sich, las ihnen mehrere Kapitel aus der Bibel vor und betete anschliessend mit den Kindern. Dazu mussten sie eine Stunde auf dem Boden knien. Falls eines einmal husten musste oder Schluckauf hatte, unterbrach er sofort das Gebet. „Lieber Gott, ich muss leider kurz unterbrechen, um meine Herde zu unterweisen. Bis gleich… und wandte sich brüllend an die Kinder „Wie oft habe ich euch schon gesagt, ihr sollt ruhig sein während dem Beten. Wärd ihr so konzentriert dabei, müsstet ihr nicht husten, also erklärt mir ja nicht, ihr könntet nichts dafür! Wenn jetzt nicht absolute Ruhe ist, hole ich meinen Rohrstock, und was heisst, wisst ihr ja bereits…“

Dann wandte er sich wieder an den Gott „So, lieber Gott, wir sind wieder bereit zum Weiterbeten…“

Danach waren die Kinder froh, wenn sie in ihre Betten durften. Der Pastor nahm sich dann seine Bibel und vertiefte sich in seine Sonntagspredigt vom nächsten Tag. Anna zog sich die Decke über den Kopf und weinte sich leise in den Schlaf. Wenn ihr doch einmal ein Schluchzer entschlüpfte, kam sofort von Jonathan aus dem Nachbarbett ein Zischen „Psssschhhhtttt…. Oder willst du, dass der Pastor uns hört und dich dann mit seinem Rohrstock verschlägt?“

Sonntags wurden die Kinder früh von ihrer Mutter geweckt, in adrette Kleidung gesteckt und herausgeputzt. Sogar Anna durfte an diesen Tagen ein Kleid und feine Strumpfhose tragen und die Annas widerspenstiges Haar wurde zu kleinen Zöpfen geflochten. Die Jungen trugen Hemden und saubere Hosen. An diesen Tagen gab es sogar Frühstück und dann ging die kleine Familie geschlossen und feierlich zur katholischen Kirche und lauschte andächtig der Predigt des katholischen Pastors. Wenn sich die Jungen einmal weigerten, rastete die Mutter aus, verteilte Backpfeifen und brüllte „Ihr wisst ja nicht, was ihr da sagt! Wollt ihr, dass der Pastor uns sonst aus dieser Wohnung wirft und mir meinen Job kündigt?? Ihr werdet schön brav sein, sonst werde ich es ihm sagen…“ Da verstummten Annas Brüder sofort, denn sie hatten grosse Angst vor dem strengen Pastor mit seinem Rohrstock und sie wussten genau, dass er sonst am nächsten Samstag ihnen das Kapitel aus Tobias vorlesen würde, in dem vom Gehorsam die Rede war und sie fragen würde, ob sie sich noch einmal weigern würden, in die Kirche zu gehen. Levi hatte einmal zu dieser Frage genickt, anschliessend konnte er fast die ganze Woche nicht sitzen, weil ihm der Popo weh tat von der Behandlung mit Pastors Rohrstock…

So lief jede Woche, bis Anna etwa neun Jahre alt war.

Der gefallene Richter

An einem Mittwochabend war ihre Mutter wieder zur Arbeit in die Kneipe gegangen. Annas Brüder waren an diesem Sommerabend noch mit ihren Freunden auf dem Fussballplatz Bereits zuvor hatten sie Anna erklärt, sie wollten sich ein Spiel der Ortsmannschaft anschauen und kämen daher spät nach Hause. Sie dürfe aber ja nichts der Mutter sagen, sonst bekäme sie Ärger mit ihnen.

Und wie der Ärger mit ihren Brüdern aussah, wusste sie genau. Denn immer, wenn sie nicht machte, was diese von ihr wollten, schlugen sie sie oder tränkten ihren Kopf unter dem kalten Wasserhahn. Oder sie würgten sie bis sie bereit war, das Verlangte zu tun oder sperrten sie in ihr Zimmer ein, machten dunkel und liessen sie alleine, wohl wissend, dass Anna sich sehr fürchtete alleine im dunklen Raum. Daher war klar, dass Anna keinen Ärger machen würde.