Vischnanca - Angelika Leonhardt - E-Book

Vischnanca E-Book

Angelika Leonhardt

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Beschreibung

Das Dorf Vischnanca ist aus einem Streit zwischen zwei Brüdern entstanden. Zu Beginn wohnt dort nur die Familie des einen Bruders, der vor seinem älteren Bruder in diese Einöde geflüchtet ist. Später ziehen ein paar neue Familien hinzu und stellen die Idylle des Dörfchens in Frage. Die neu angekommenen Bewohner des Dorfes haben vorher schreckliche Dinge erlebt, welche sie auch in der Idylle nicht vergessen können.

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Seitenzahl: 291

Veröffentlichungsjahr: 2016

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INHALTSVERZEICHNIS

Vischnanca…

Es begann mit einem Streit

Die Gründer des Dorfes

Das Dorf wächst

Montinaris D`Italia

Dr. Marc Weiss

Die Neuen

Der erste Schultag: Der Versuch einer Integration

Das Dorf wächst und die Schwierigkeiten auch

Wie es in Sünnikon weiterging…

Theresa

Kim Andze

Charline und Paula

Der Unfall

Das neue Zuhause

Finja und andere Katastrophen

Enthüllung

Familienurlaub

Mensch, Papa!

Verliebt

Abschied

das Leben geht weiter: Schulanfang

Flüchtlinge

Vischnancas erste Gemeindeversammlung

der vergessene Sohn

Familie Jurj Ibn Habaquq

Flucht vor dem Krieg

Höhen und Tiefen

Charline will nicht mehr leben

Kim ist verliebt

zum Schluss

VISCHNANCA…

… ist ein Dorf in den Schweizer Alpen. Auf der einen Seite blickt man auf den 3.649 Meter hohen Muntogna-Gletscher, welcher das ganze Jahr von einer weissen Schneehaube bedeckt ist. So bietet sich für Touristen und Sportler die Gelegenheit, auch im Sommer Ski zu fahren.

Das Dorf liegt auf einer Felsplatte auf halber Höhe zwischen dem Gletscher und dem Oveltal. Da es am südlichen Hang des Muntogna liegt, wird es den ganzen Tag von der Sonne beschienen.

Es besteht aus einer Handvoll Häuser, einem Dorf-Laden mit kleinem Kaffee/ Restaurant dabei, einem Hotel, einer Schule und der Mittelstation der Muntogna-Bergbahn, welche den Gletscher mit der im Oveltal gelegenen Ortschaft Lieu verbindet.

Unten im Tal liegt der schöne und klare Bergsee Lai-Alpin. Sein tiefblaues Wasser ist umrahmt von sattigen grünen Wiesen. Er wird genährt mit Gletscherwasser, welches vom Muntogna herab fliesst und sich im Tal im Fluss Ovel sammelt. Das Ovel-Tal ist schmal. Zu beiden Seiten steigen die Berge steil hinauf.

Im Tal selbst befindet sich der Ort Lieu mit zahlreichen Hotels und Gästehäuser, Restaurants, Einkaufsläden, Ärzten. Sogar eine kleine Disko und ein Jugendhaus befindet sich dort. Die älteren Schüler von Vischnanca gehen nach Lieu in die weiterführende Schule, und etliche Bewohner arbeiten dort. Mit dem Bus fährt man ca. 45 Minuten hinunter, mit dem Auto sind es ungefähr 30 Minuten. Schneller geht es mit der Gondel in 15 Minuten, aber dann muss man ins Ortszentrum noch den Bus benutzen. Da ist es einfacher, gleich den Postbus zu nehmen.

In dem kleinen Hotel hat es oft Touristen, die die Idylle in diesem Dorf geniessen. Oft sitzen sie in der Sonne und trinken einen Kaffee Latte zu einem leckeren Stück selbst gemachtem Apfelkuchen. Die Glocken der friedlich grasenden Kühe läuten und die Kinder des Dorfes rennen lachend zusammen durch die Strasse. Die Touristen denken dabei: „Hier ist die Welt noch in Ordnung. Hier weiss man nichts von den schlimmen Dingen des Lebens. Hier wachsen die Kinder noch frei und natürlich auf. Ach, wäre das schön, hier zu wohnen.“

Das passiert, wenn man nur einen oberflächlichen Blick auf die Dinge hat, und weder in die Häuser noch in die Köpfe und Seelen der Menschen schauen kann. Oder wenn man seine eigene Wunschvorstellung in etwas projiziert. Vielleicht wollten die Touristen ja gar nicht wahr haben, dass auch dieses idyllische Dorf in Wirklichkeit mit genau denselben Problemen zu kämpfen hat, wie sie überall geschehen?

So sassen auch Edeltraut und Walter Fritz vor dem kleinen Café in der Sonne. Sie genossen ihre letzten Urlaubstage. Jedes Jahr kamen sie von Köln nach Vischnanca. Es war der perfekte Ort, um Skifahren und Sommerurlaub verbinden zu können. Vormittags fuhren sie mit der Gondel auf den Gletscher zum Skifahren. Nachmittags gingen sie bei schönem Wetter im Teich baden oder sie fuhren nach Lieu hinunter. Abends assen sie im Dorfrestaurant leckere italienische Pizza und tranken Wein dazu.

Die Atmosphäre in diesem Dorf gefiel ihnen sehr gut. Denn es war kein typisches Touristendorf, sondern durch seinen hohen Anteil an Kindern und Jugendlichen ein lebhaftes und lebendiges Dorf. Edeltraut fühlte sich in diesem Dorf fast wie in Bullerbü, und, wenn sie nur 60 Jahre jünger gewesen wäre, wäre sie gerne dort aufgewachsen. Hier musste es noch schön sein, Kind zu sein, in der Natur aufzuwachsen und von allen schrecklichen Dingen im Leben abgeschottet zu sein.

Anlässlich des zehnjährigen Jubiläums (Walters kamen wirklich schon seit zehn Jahren jährlich in dieses Dorf für den Urlaub!) wurden sie auf dem Bauernhof von Urs und Onna Zingg zum Abendessen eingeladen. Dabei herrschte viel Trubel, die die sechs Kinder von Zinggs mitbrachten. Anschliessend sassen die Erwachsenen bei einem Glas Wein draussen auf der Terrasse und genossen die frische Brise des Sommerabends.

„Eure Kinder haben es so schön hier in dieser Idylle! Sie wachsen hier so unbeschwert und fröhlich auf und wissen nichts von den Problemen dieser Welt… Kind sollte man noch mal sein und hier leben dürfen!“, schwärmte Edeltraud.

Urs Zingg zog die Augenbraue hoch, während Onna meinte: „Nicht alles, was perfekt aussieht, ist auch perfekt.“

„Ja, aber ihr habt hier doch eine tolle Gemeinschaft! Und die kleine Schule… sicher mögen sich hier alle Kinder, gehen liebevoll miteinander um. Nicht wie in den grossen Städten, wo der Schulalltag von Mobbing, Gewalt und Notendruck geprägt ist!“

„Hm“, machte Onna nachdenklich. „So perfekt, wie du glaubst, ist es aber auch hier nicht. Ich glaube, es gibt nicht eine Familie hier, die keine Probleme hat…“

Interessiert fragte Fritz: „Ehrlich? Was habt ihr für Probleme?“

„Naja, zum Beispiel der Bauernhof. Er gibt nicht so viel ab, wie wir mit sechs Kindern zum Leben bräuchten. Ich bin froh, dass Onna noch unterrichten kann. Aber obwohl sie voll arbeitet, bekommt sie nur einen geringen Lohn, weil der Kanton nicht nach Anzahl Stunden, sondern nach Anzahl Kinder bezahlt. Dann habe ich noch die Verantwortung für das Dorf, seitdem mein Vater gestorben ist. Da ist es nicht immer leicht, alle Bedürfnisse unter einen Hut zu bekommen. Zumal wir hier sehr viele verschiedene Familie haben. Jede mit ihren eigenen Problemen.“, erklärte ihm Urs.

„Aber was für Probleme?“, hakte Edeltraut nach. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass hier, in dieser schönen Umgebung die Familien wirklich Probleme haben. So wie sie Städter kennen. Sie wissen doch nichts von Terror, Vergewaltigungen, Krieg, Mobbing, Überfällen…“

„Doch“, widersprach Onna, „das mag von aussen so aussehen. Aber es sind nicht alle hier aufgewachsen. Und die, die zuzogen, litten oft unter erheblichen Problemen.“

„Ja, aber hier sind sie diese doch los?“, fragte Edeltraut nochmals genauer nach.

„Ganz so einfach ist das nicht.“, erwiderte Onna. „Alle bringen ihre Erlebnisse und teilweise traumatischen Erfahrungen mit. Und dann ist es schwierig, diese Probleme mit den Ansprüchen der anderen Dorfbewohner in Einklang zu bringen. Die einen möchten hier nur ihre Ruhe, und die anderen bedürfen zusätzlicher Zuwendung und Fürsorge.“

„Echt? Das hätte ich jetzt aber nicht gedacht. Vischnanca macht so einen idyllischen Eindruck. Seit wann gibt es das Dorf überhaupt?“, fragte Edeltraut gespannt.

Urs und Onna begannen zu erzählen…

ES BEGANN MIT EINEM STREIT

Vischnanca entstand durch den Streit von zwei Brüdern.

Ursprünglich wohnte Familie Zingg in Sünnikon, ebenfalls einem Schweizer Dorf in den Bergen. Urs Zingg war damals mit seiner Frau Bertha in die Berge gezogen, um dort ein eigenes Feriendorf mit Gondel auf den Gletscher und Ferienhäusern aufzubauen. Er war dabei sehr erfolgreich, und bereits 20 Jahre später florierte sein Dorf. Es kamen Touristen aus aller Welt, um im Sommer und im Winter auf dem Gletscher Ski fahren zu können.

Urs Zingg hatte zwei Söhne. Sein ältester Sohn hiess, genau wie der Vater, Urs. Er wurde aber von Anfang an „Ursli“ von allen genannt. Ursli war als Kind eher faul. Die Schule schaffte er mit Ach und Krach und auch nur, weil sein Vater als Gemeindeamann (so heisst in der Schweiz der Bürgermeister eines Dorfes) der Chef des Dorfes und damit auch der Lehrerin seines Knaben war. Anschliessend fand Ursli mit seinem schlechten Abschluss keine Lehrstelle, und arbeitete daher in Vaters Betrieb mit. Doch statt diese Chance zu nutzen, fühlte er sich als Sohn des Chefs über alle erhaben. Er kam immer zu spät, verweigerte sich Aufgaben und kommandierte seinen Lehrmeister herum, bis dieser die Nase voll hatte und ihm schliesslich kündigte. Kurz: er machte sich überall unbeliebt.

Ursli hatte einen zwei Jahre jüngeren Bruder, den Hans. Hans war das Gegenteil seines Bruders: fleissig, klug und brav. Er hatte stets gute Noten in der Schule und studierte erfolgreich Jura und Wirtschaft. Sein Vater unterstützte den Knaben, so dass dieser sogar promovieren und später habilitieren konnte.

Hans heiratete später Uorsel, und bekam mit ihr vier Söhne: Simon, David, Stefan und Tobias. Zudem nahmen sie später noch zwei Kinder in Pflege auf: Theresa und Maria. Da sich Ursli als geschäftsunfähig heraus stellte, arbeitete Urs seine Schwiegertochter in seine Firmenleitung ein. Während Uorsel das Dorfhotel führte, betreute ihre Schwiegermutter die Kinder und Hans arbeitete in der Stadt Citad an der Universität als Professor. Zudem verfasste er viele Bücher und wissenschaftliche Artikel und war daher viel zuhause bei den Kindern.

Ursli war natürlich neidisch auf seinen Bruder und dessen Familie. Er überlegte, wie er es seinem Bruder heimzahlen könnte. Doch er blieb erfolglos. Während sein Bruder heiratete, war er immer noch Single, da er alle Frauen mit seiner arroganten Art vergraulte. Sein Bruder promovierte, habilitierte. während er selbst hatte nicht einmal die Ausbildung im Betrieb seines Vaters bestanden hatte. Ursli fiel in ein schlimmes Loch. Er wurde depressiv und verfiel dem Alkohol.

Eines Tages lernte er in einer Kneipe Chiara kennen. Sie verabredeten sich für den nächsten Tag in der Eisdiele in Citad. Er versuchte, für dieses Treffen nüchtern zu bleiben, weil ihm Chiara so gut gefiel. Irgendwie schaffte er es. In der Eisdiele bestellte er sich einen Eisbecher mit Schnaps, was nicht so sehr auffiel. Sie redeten und redeten und gefielen einander immer besser. Doch allmählich zitterten seine Hände, weil er Alkohol brauchte. Er fragte, ob sie noch ein Bier trinken könnten. Chiara meinte, dass sie eigentlich kein Bier mag… Da gestand er ihr, dass er ein Alkoholproblem habe. Sie schaute ihn so mitfühlend an, dass er ihr alles erzählte: Dass er ohne Schulabschluss und ohne Ausbildung dastehe, dass er nur im Betrieb seines Vaters arbeiten dürfte, aber dort nicht viel verdiene, weil er Streit mit seinem Alten habe. Dass sein Bruder immer bevorzugt würde, dass er selbst immer noch single sei und dass es ihm deswegen so schlecht gehe, dass er Trost im Alkohol suche.

Chiara blieb erstaunlich gelassen. Sie liess ihn reden. Und dann fragte sie ihn, ob er denn daran etwas ändern möchte.

Das war eine komische Frage, denn was sollte er schon an seiner aussichtslosen Situation ändern?

Sie meinte, er müsse zuerst einen Entzug und eine Therapie machen, um das mit dem Alkohol in den Griff zu bekommen.

Danach solle er seinen Vater bitten, noch einmal eine Ausbildung machen zu dürfen. Und dann noch einmal ganz neu irgendwo anfangen, wo sein Bruder nicht ständig als Konkurrent um ihn sei.

Das war bisschen viel verlangt, fand Ursli. Zumal das ja Jahre dauere… Chiara blieb aber vehement: „Jo, aber wenn du jetzt nichts änderst und so weitermachst, bist du in zehn Jahren tot. Da ist doch zehn Jahre anstrengen die bessere Alternative, oder nicht?“

Eigentlich musste Ursli ihr ja recht geben, aber… ob er das alles schaffen würde?

Da meinte Chiara: „Wenn du wirklich willst, helfe ich dir dabei!“

Ursli fragte zögerlich: „Und wenn nicht…?“

Chiara antwortete bestimmt: „dann helfe ich dir nicht. Und wenn du das nicht willst, können wir auch nicht zusammen sein. Denn ich möchte nicht mit einem Alkoholiker zusammen sein.“

Die beiden suchten also eine Klinik, in der Ursli seinen Entzug machte und anschliessend eine Therapie. Als er vom Alkoholismus soweit geheilt war, ging er zu seinem Vater:

„Papa, ich muss mit dir reden.“

„Ja, Sohn, was ist?“

„Es tut mir leid. Ich habe alles falsch gemacht. Ich habe mich nie angestrengt, habe keinen Schulabschluss, keine Ausbildung. Ich hätte bei dir Chancen gehabt, aber ich habe sie nicht genutzt. Ich habe immer nur alle herum kommandiert und mich abscheulich benommen. Bis ich gar nichts mehr hatte und dann habe ich auch noch gesoffen. Ich bin es nicht wert dein Sohn zu sein.“

„Du bist aber nun mal mein Sohn…“

„Ja. Schon. Aber kein besonders guter. Ich weiss, dass Hans viel mehr dem entspricht, was du dir wünschst…“

„Worauf willst du eigentlich hinaus,“ schimpfte der Vater. „Dass ich Hans immer bevorzuge? Dass ich ihn lieber habe als dich? Du weisst, dass ich euch beide liebe!“

„Ja, das weiss ich, Vater, sonst hättest du mir nicht so viele Chancen gegeben. Ich habe sie alle vermasselt.

Und trotzdem möchte ich dich heute um eine neue Chance bitten…“

Der Vater wurde ungeduldig: „Was willst du? Mehr Geld? Ich habe die letzten Wochen schon für dich bezahlt, ohne dass du arbeiten konntest, weil du in der Klinik warst!“

„Ich weiss, Vater. Ich musste, um trocken zu werden. Und das habe ich geschafft.“

„Hm, das werden wir noch sehen. Ich bin davon noch nicht überzeugt…“, brummte der Vater.

„Ich werde es dir beweisen. Aber das ist nicht das, worum ich dich bitten möchte.“

„Was dann? Ein grösseres Haus? Ein neues Auto? Rück schon raus!“

Der Sohn bat ganz ruhig und fast schon bettelnd: „Ich möchte gerne nochmal bei dir eine Ausbildung machen. Diesmal werde ich mich anstrengen und sie schaffen. Versprochen!“

„Hmmm….. als was denn?“ Der Vater kratzte sich nachdenklich am Bart.

„Als was du mich nimmst. Du brauchst mir auch nicht mehr bezahlen, als du jedem anderen Auszubildenden bezahlst.“

Der Vater lachte: „Ja, klar, solange ich dir dein Haus und dein Auto noch finanziere!“

Ursli meinte beschämt: „Das Auto brauche ich ja dann nicht, und wenn es dir lieber ist, ziehe ich sonst in mein altes Kinderzimmer, dann kannst du mein Haus vermieten oder verkaufen“.

„Ich muss darüber noch nachdenken. Ich bin nicht besonders glücklich damit, dass du mit 40 noch eine Ausbildung machen willst. Was willst du denn danach damit machen?“

„Ich möchte Chiara heiraten und mit ihr ganz neu anfangen. Irgendwoanders.“

„Und warum willst du nicht hier bleiben?“

Ursli antwortete zögernd: „Weil das mit Hans und mir nicht gut ist. Er ist so erfolgreich und ich bin das Gegenteil. Das tut mir nicht gut. Ich muss woanders hin.“

Der Vater strich sich wieder nachdenklich über den Bart. Er versprach schliesslich: „Ich werde darüber nachdenken und mit Mutter darüber reden. Ich bin nicht davon überzeugt, dass du jetzt noch eine Ausbildung machen solltest. Aber ich habe vielleicht eine Idee. Mir gefällt zwar nicht, dass du von hier weg willst. Aber vielleicht ist die Idee für dich trotzdem das Beste. Lass mich nachdenken. Ich rufe dich dann, wenn ich mehr weiss.“

Nun musste Ursli warten, und das behagte ihm nicht so ganz. Aber es blieb ihm ja auch nichts anderes übrig.

Einige Tage später bat ihn sein Vater schliesslich zu sich. Zuerst wollte dieser wissen, wie es mit dem Alkohol sei. Doch Ursli konnte ihn davon überzeugen, dass dies kein Thema mehr für ihn sei. Dann unterbreitete ihm sein Vater seinen Vorschlag:

„Du weisst, dass unser Feriendorf hier sehr gut läuft, weil das Konzept und die Lage einfach unschlagbar ist. Ich weiss, dass auf der anderen Seite von Citad eine Hochebene ist, welche genauso gut geeignet ist wie Sünnikon. Ich habe überlegt, dort ebenfalls ein solches Dorf zu bauen. Die Banken haben mir bereits ihre Zustimmung für diese Investition gegeben und die Bauarbeiter beginnen ihre Arbeit diesen Frühling. Ich brauche aber noch jemanden, der mich dort vertritt. Erst einmal werde ich dort nur einen Laden und eine Mittelstation bauen. Ich denke, die meisten Touristen werden in Lieu wohnen. Aber eine Mittelstation würde sich lohnen, schon für Wanderungen. Ich brauche dann aber im Dorf einen Wanderführer, eine Pension mit Gaststätte, welche ja Chiara als italienisch-romanisches Restaurant führen könnte. Dir würde ich raten, eine Wanderführer-Ausbildung zu machen- und gleichzeitig würde ich dich persönlich in die Geschäfte einführen. Du könntest dann mit Chiara in dem Dorf wohnen. Ein Haus stelle ich euch dann schon hin. Was meinst du dazu? Sicher wirst du auch mit Chiara darüber reden wollen…“

Ursli war erstmal erschlagen. Das waren ja viel mehr Chancen, als er zu träumen gewagt hätte! Da könnte er richtig beweisen, was in ihm steckt.

Zum Glück war auch Chiara von der Idee angetan.

Nun würden sie heiraten, eine Familie gründen…

So begann die Geschichte von Vischnanca mit dem Haus von Ursli und Chiara Zingg. Sie bekamen später einen Sohn, welchen sie wiederum Urs nannten. Einige Zeit später folgte Reto.

Ursli machte sich gut als Wanderführer. Für die Technik der Mittelstation stellte er einen alleinstehenden Techniker ein. Das Restaurant führte Maria, welche oft gleichzeitig in der Küche stand und den beiden Buben am Küchentisch bei den Hausaufgaben half. Um zu mehr Geld zu kommen, stellte Ursli einige Flächen als Baufläche für Häuser zur Verfügung, doch anfangs wollte niemand in diese Einöde ziehen. Erst als die Söhne von Ursli heirateten und mit ihren Familien im Dorf blieben, wuchs das Dorf. Schliesslich bekamen sie sogar eine Haltestelle für den Postbus, und damit kamen auch weitere Bewohner in das Dorf.

Urslis ältester Sohn machte eine Lehre als Landwirt und baute sich in Vischnanca eine Farm mit Kühen. Er heiratete Onna, ein Mädchen, welches ebenfalls aus einer Graubündner Bauernfamilie stammte. Onna hatte Lehrerin für Primarschule gelernt und unterrichtete daher ihre Kinder zuhause. Später unterrichtete sie auch noch ihre Neffen, und noch später beantragte Ursli eine eigene Schule für das Dorf, welches aufgrund des langen Schulweges vom Kanton genehmigt wurde.

DIE GRÜNDER DES DORFES

Seraina Zingg war die älteste Tochter von Urs Zingg. Zu ihrer Familie gehörte noch ihr älterer Bruder Uorsin, der wie der Vater nach seinen Vorfahren benannt wurde. Ihre vier jüngeren Geschwister Severin, Andrin, Flurin und Chatrina folgten mit jeweils ein bis zwei Jahren Abstand.

Die sechs Zinggs wuchsen sehr unbeschwert auf der Farm ihres Vaters auf. Manchmal mussten sie zwar auch mal helfen beim melken oder Tiere füttern, aber meistens konnten sie auf dem Bauernhof oder im Dorf herumtollen, wie sie wollten. Solange sie klein waren, betreute ihre Mutter Onna sie selbst. Später unterrichtete sie die Primarschulkinder, während sie die Kleineren ebenfalls mit altersgerechten Aufgaben beschäftigte.

Neben den sechs eigenen Kindern unterrichtete Onna auch ihre Neffen Mael und Kian. Kian war mit seinen vier Jahren der jüngste der Zinggs und wurde von allen verhätschelt. Mael war genauso so alt wie Flurin, und die beiden Jungen waren seit dem ersten Tag unzertrennlich. Auch Mael wurde zuerst von Onna unterrichtet. Als später weitere Kinder ins Dorf zogen, unterrichtete sie auch diese.

Zinggs lebten in einer nach aussen hin heilen Welt. Der Grossvater Ursli arbeitete für alle, die Grossmutter Chiara schaute neben ihrer Arbeit im Hotel viel nach den Enkeln, die Mutter Onna unterrichtete die Kinder individuell, und der Vater Urs kümmerte sich um die Kühe und Grasflächen des Hofes. Die Kinder liebten es, beim Melken oder Mähen oder auch kleineren Reparaturen am Hof zu helfen und der Vater freute sich, wenn er auf diese Weise Zeit mit seinen Kindern verbringen konnte.

Onkel Reto war Wanderführer und übernahm bald die geführten Wanderungen seines Vaters, welcher gesundheitlich nicht mehr in der Lage dazu war.

DAS DORF WÄCHST

Carina Schumann zog mit ihren beiden Töchtern Celestina und Benedicte nach Lieu, kurz nachdem sie sich von ihrem Mann getrennt hatte. Sie konnte dort am Ortsrand einen alten, baufälligen Bauernhof erwerben, auf dem sie ihre Pferde unterbringen konnte. Für die beiden Mädchen war die Trennung von ihrem Vater und der gleichzeitige Umzug von Citad in die neue Umgebung schwierig.

Celestina und Benedicte fühlten sich zu Beginn in dem Ort gar nicht wohl. Zudem fehlte ihnen ihr Vater sehr. Nach der Trennung entschied er sich, einen neuen Job weit entfernt zu suchen und weg zu ziehen. Sie sahen ihn nur ganz selten einmal.

Kurze Zeit später lernte ihre Mutter Carina einen neuen Mann kennen. Die beiden Mädchen waren gar nicht davon begeistert! Beim ersten Treffen wollten sie ihn gar nicht erst kennen lernen und Oliver Knecht, der neue Freund der Mutter, hat es richtig schwer. Sie schütteten ihm Salz in den Kaffee, den er trotzdem tapfer trank. Den Kuchen warfen sie so auf seinen Teller, dass er in Einzelteile zerfiel. Sie spritzten die Sahne so aus der Dose, dass der Grossteil davon auf seiner Hose und dem Hemd landete. Aber Oliver blieb gelassen.

So bald es ging, standen sie vom Tisch auf, und gingen in den Garten, im sich gegenseitig ihr Leid zu klagen und über Oliver zu lästern. Leider merkten sie nicht, dass er irgendwann zu ihnen in den Garten kam. Erst als er vor ihnen stand, bemerkten sie ihn. Sie schreckten auf und schauten sich beklommen an: wieviel hatte er wohl mitbekommen?

Doch Oliver blieb immer noch gelassen und sagte nur, dass er sich verabschieden wolle. Er fragte die beiden Mädchen freundlich, ob er wiederkommen dürfe. Naja, eigentlich wollten sie ihn nie wieder sehen, aber das getrauten sie sich nicht, zuzugeben. Also zuckten sie mit den Schultern, was Oliver erfreut mit „super, dann bis zum nächsten Mal“ quittierte.

Danach fragten sie Carina über Oliver aus. Dass er Polizist war, erzeugte ein wenig Respekt bei ihnen. Aber dass er auch zwei Kinder hatte und allein erziehend war, gefiel ihnen gar nicht!

„Aber, Mama, die dürfen auf keinen Fall hier einziehen! Das geht überhaupt nicht! Und dann noch ein Junge, wahrscheinlich so ein verzogener Ego-Boy- Vergiss es! Nicht mit uns“

Alles Bemühen der Mutter, ein wenig für die Kinder ihres neuen Freundes zu werben, blieb erfolglos.

Trotzdem verordnete die Mutter ihren Mädchen einen gemeinsamen Ausflug mit den Kindern ihres Freundes. Sie liess keinen Widerspruch dulden und so ergaben sich die Mädchen murrend in ihr Schicksal. Wider Erwarten kamen die beiden recht schnell mit der Tochter von Oliver klar. Stefanie war nur ein Jahr jünger als Benedicte, liebte Pferde genauso und die beiden schlossen rasch Freundschaft.

Anders war es mit Ramon. Er war nicht nur so arrogant, wie die beiden vermutet hatten, sondern NOCH eingebildeter. Er trug eine bunte Weste, eine grasgrüne Hose und dazu goldene Stiefel! So eine modische Verfehlung! Seinen babyblonden Pony hing ihm lange über das Gesicht und seine babyblauen Augen machten das Milchbubigesicht perfekt. Benedicte und Celestina schauten ihn nur verächtlich an und wandten sich ab.

Natürlich wollte Carina nach dem Ausflug wissen, was die Mädchen von Oliver und seinen Kindern halten würden. Beide blieben dabei, dass Oliver okay und Stefanie wirklich sehr nett seien- aber dass Ramon mal gar nicht ginge. Niemals würden sie sich mit einem solchen Buben in einem Haus befinden wollen!

Natürlich wurde ihnen schnell klar, dass Ramon ja schlecht alleine in seinem Dorf wohnen bleiben könne, und dass zu Stefanie eben auch Ramon gehörte. Und dass Carina sicher nicht wegen ihren Töchtern auf die neue Partnerschaft verzichten wollte.

Also zog bald Oliver mit seinen beiden Kindern zu Schumanns.

Stefanie lebte sich gleich unkompliziert in die neue Familie ein. Sie war zwar etwas wilder als Celestina und Benedicte, aber damit kamen die beiden gut klar. Die drei Mädchen verbrachten viel Zeit im Pferdestall und auf der Weide. Stefanie und Benedicte spielten auch gerne zusammen mit Stefanies Barbypferd und Benedictes Playmobil-Pferdehof.

Ramon dagegen blieb unausstehlich. Morgens brauchte er noch länger im Bad als die Mädchen, um sich seinen noch nicht vorhandenen Bart zu rasieren und seine blonden Haare zu stylen. Er hasste Pferde, und zog die Mädchen ständig mit ihrer Pferde-Narrheit auf. Er akzeptierte auch Carina nicht als neue Mutter und hielt sich deswegen an keine Regeln. In der Schule fand er keinen Anschluss und blieb Einzelgänger, wobei ihm das nichts auszumachen schien.

Benedicte blühte durch Stefanie regelrecht auf. Celestina hingegen war bis auf die Nachmittage mit ihren Schwestern bei den Pferden immer noch alleine.

Der alte Bauernhof erwies sich kurz darauf als Reinfall. Bei einem stärkeren Regenguss regnete es durch das Dach. Sie stellten unzählige Eimer auf, um das Regenwasser zu fangen. Dann liessen sie einen Dachdecker kommen, der entsetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlug: „Sie, das Haus wollen Sie noch renovieren? Sind sie noch ganz gescheit?“ Verdattert antwortete Carina: „Natürlich. Wo sollen wir denn sonst leben?“ Klar und deutlich gab der Handwerker zurück: „Na, hier nicht! Sehen Sie, das ganze Dach ist undicht. Und schauen Sie mal diese Dachbalken an. Die sind ganz morsch und werden bald zusammen brechen. Ich setze da sicher kein neues Dach darauf. Das wird eh nicht lange halten.“

Erschrocken hielt sich Carina die Hand vor den Mund. Und was nun?

Abends schaute sie mit Oliver zusammen nach einer neuen Bleibe. Doch die meisten Höfe waren entweder viel zu teuer oder zu klein oder zu alt. Für einen Neubau fehlte ihnen das Geld. Da las Oliver die Anzeige von günstigem Bauland in Vischnanca. Zuerst mussten sie diesen Ort in google.maps suchen, da sie noch nie von ihm gehört hatten. Dann rief Oliver bei Urs Zingg an. Dieser war begeistert von der Idee, einen Reiterhof in seinem Dorf zu haben, und sicherte Oliver seine Unterstützung bei der Bank zu. Die Bank genehmigte schliesslich den Kredit für ein einfacher, aber grosses Haus mit einem Stall. Das 100 ar grosse Weideland darum herum kostete fast nichts. Es war das Paradies für Carinas Pferde.

Die Kinder murrten jedoch. Vor allem Celestina hatte überhaupt keine Lust, in ein noch kleineres Dorf zu ziehen. Sie vermisste immer noch die Disko, das Einkaufscenter und die Freundinnen in Citad, und nun sollten sie noch mehr in die Einöde ziehen. Aber sie hatte keine Chance, da die Familie dringend ein wasserdichtes Dach über dem Kopf brauchte. Ramon war es egal, wohin sie zogen, solange er seinen Spiegel mitnehmen konnte. Und Benedicte und Stefanie hatten sich ja gegenseitig.

MONTINARIS D`ITALIA

Kurz darauf suchte Chiara jemanden, der sie im Hotel oder der Gaststätte unterstützt, da sie gesundheitlich und altersbedingt nicht mehr beides alleine führen konnte. Sie stellte eine Annonce in die Zeitung und in das Internet.

Auf die Anzeige hin bewarb sich Antonio Montinari aus Italien. Er war schon lange als Koch arbeitslos, was die finanzielle Lage seiner fünfköpfigen Familie schwächte. Nun war auch noch seine Frau Maria schwanger, und er musste dringend Arbeit finden. Eigentlich würde er gerne in Italien bleiben, aber noch viel wichtiger war ihm ein Job. So bewarb er sich auf diese Stelle und bekam sie sofort. Er übernahm das Restaurant und machte daraus eine schicke Pizzeria, so dass sich Chiara ausschliesslich um das Hotel kümmern konnte. Antonios Frau Maria unterstützte ihn zu Beginn in der Küche und sie half auch Onna bei der Betreuung der kleineren Kinder.

Seine drei Kinder waren Valentino, Giuliana und Philippa. Sie hatten zuerst grosse sprachliche Schwierigkeiten, da sie bis zum Umzug nur Italienisch sprachen. Zwar konnte ihre Mutter Maria ein wenig Deutsch, weil sie dies früher in der Schule gelernt hatte, aber das war lange her. Aber Maria kramte tapfer ihr altes Schulbuch wieder heraus und lernte eifrig Deutsch. Sie half auch ihrem Mann Antonio zu Beginn im Restaurant und übersetzte Gerichte und Bestellungen. Aber Antonio lernte rasch dazu. Oft sass er abends bis in die Nacht am Computer und lernte Vokabeln.

Dadurch war er auch seinen Kindern ein Vorbild. Der älteste Sohn, Valentino, war jedoch ein wenig faul. Er wollte bis zum Umzug nichts lernen. Seine Mutter versprach und drohte und drohte und versprach, aber es nützte alles nichts. Valentino wollte von Deutsch nichts wissen. Lieber ging er mit seinen Freunden skaten oder auf Partys.

Seine Schwester Giuliana hingegen liess wie die Eltern keine Minute aus, um deutsche Vokabeln und Grammatik zu pauken. Sie liess sich sogar von ihren Freundinnen in der Pause Vokabeln abfragen und sie bestand darauf, dass Maria zuhause nur noch Deutsch mit ihren Kindern sprach. Was diese gerne tat, weil sie hoffte, ihnen so den Einstieg in der Schweiz zu erleichtern.

Das jüngste Kind, Philippa, lernte natürlich mit ihren fünf Jahren noch keine Vokabeln, doch Maria versuchte, immer mehr mit Philippa Deutsch zu sprechen. Oft sagte sie etwas in Deutsch und wiederholte es anschliessend in Italienisch. Mit der Zeit konnte sie die italienische Wiederholung weg lassen. Philippa lernte so spielend deutsch.

Als der Umzug kam, waren aber doch alle traurig. Maria verabschiedete sich schweren Herzens von ihren Freundinnen und ihren Eltern. Natürlich versprachen alle, sie bald in der Schweiz zu besuchen. Doch Maria wusste, dass sich wohl niemand von ihnen regelmässig auf den Weg machen würde und dass die Freundinnen-Abende künftig ohne sie statt finden würden.

Auch Giuliana war sehr traurig. Am letzten Schultag stand sie schluchzend auf dem Pausenhof. Sie wollte sich nicht von den Freundinnen verabschieden, denn sie glaubte nicht, dass sie ohne diese leben könne. Sie würde sie so sehr vermissen! Natürlich versprach ihr Maria, dass sie in Vischnanca neue Freundinnen finden würde (ohne zu wissen, wie viele Mädchen überhaupt in dem winzigen Dorf leben)- aber das konnte Giuliana nicht trösten. Sie wollte nicht umziehen, keine neuen Freundinnen suchen, keine andere Schule besuchensondern einfach nur, dass alles beim Alten blieb. Immer wieder lag sie ihren Freundinnen weinend im Arm. Doch irgendwann mussten sie sich verabschieden. Sie versprachen sich ewige Treue und Freundschaft, tauschten Handynummern aus, umarmten sich nochmals- und irgendwann riss sich Giuliana los und rannte weinend zu ihrer Mutter. Diese tröstete sie noch ein wenig. Dann winkte Giuliana nochmals mit rot geränderten Augen schniefend ihren Freundinnen zu und ging mit der Mutter zum Auto.

Sie schrieb viele Jahre mit ihren Freundinnen Whats Apps. Auch, um so die italienische Sprache nicht zu verlernen. Trotzdem schaute sie auch gleich nach vorne auf die neue Zukunft in der Schweiz. Sie lernte in den Ferien noch mehr deutsch, und begann, sich allmählich auf die neue Umgebung zu freuen. Zumal sie aus einer kleinen Mietwohnung in ein eigenes Haus ziehen würden, wo sie ein eigenes Zimmer besitzen würde, und nicht mehr mit der kleinen Philippa und ihren gefühlten tausend Stofftieren, Puppen und Spielsachen zusammen wohnen müsste. Natürlich war sie auch sehr gespannt, ob sie wohl wirklich eine Freundin finden würde…

Anders war der Abschied bei Valentino. Bis zuletzt verdrängte er den nahenden Umzug und genoss die Zeit mit seinen Freunden. Am letzten Schultag feierten sie noch eine ausgelassene Abschiedsparty am See. Spät in der Nacht verabschiedeten sich die Freunde unspektakulär- sie würden gleich am nächsten Wochenende sich wieder zu einer Party treffen. Nur Valentino würde dann nicht mehr dabei sein. Valentino verdrängte aber immer noch. Er blieb cool und liess sich nichts wurde ihm, als er die Whats Apps seiner Freunde las, welche schon Treffpunkt und Zeit für die nächste Party festlegten. Zu dem Zeitpunkt würde er schon in der Schweiz sein, und wer weiss, ob in dem kleinen Dorf überhaupt Jungs in seinem Alter wären, mit denen man auch etwas anfangen könnte? Doch er schob den Gedanken schnell beiseite.

Schliesslich waren alle Sachen in Kisten verpackt. Noch ein letztes Mal schliefen die Montinaris in ihren Betten in Italien. Die nächste Nacht würden sie bereits am neuen Wohnort in Vischnanca verbringen.

DR. MARC WEISS

Um neben dem stressigen Beruf als Arzt in der Kinderklinik Citad Erholung in der Natur zu finden, zog fast zeitgleich der Arzt Marc Weiss mit seiner Familie nach Vischnanca.

Marc Weiss war Kinderarzt in einer renommierten Kinderklinik in Citad. Seine Frau Bernadette war seit der Geburt ihrer Zwillinge Zoë-Leonie und Caj-Oliver zuhause in ihrem schicken Bungalow in der reichen Wohngegend von Citad. Davor führte sie einen Modeladen in Citad, und sie litt sehr darunter, plötzlich nur noch Hausfrau wusste, wie sie den Tag mit ihren Zwillingen verbringen sollte, arbeitete ihr Mann in der Kinderklinik bis zum Umfallen. Oft kam er in der Woche auf 60 Stunden. Früher hatte er viel Freude an seinem Beruf und an den Kindern, die er versorgte. Doch irgendwann konnte er nachts nicht mehr schlafen. Er empfand keine Freude mehr bei dem, was er tat, und er wurde zynisch und gemein seinen Mitarbeitern gegenüber. Zuhause war er oft gereizt. Doch wenn sich seine Frau darüber beschwerte, antwortete er nur, dass einer ja schliesslich das Geld für die Kinder und sie verdienen müsse- und dass sie ja keine Ahnung habe, was arbeiten bedeute, denn sie könne sich zuhause ja den Tag immer schön gestalten.

Eines Tages konnte er plötzlich nicht mehr aufstehen. Er sah tausend Blitze vor seinen Augen. Seine Beine liessen sich nicht mehr bewegen. Er zitterte am ganzen Körper. Als Bernadette nach ihm sah, schaute er sie nur hilflos und verzweifelt an. Sie rief sofort den Krankenwagen, der ihren Mann in das Spital brachte. Zuerst bestand der Verdacht auf einen Herzinfarkt, doch körperlich fehlte Marc Weiss nichts. Doch er konnte sich weiterhin kaum bewegen, er ass nichts mehr, und er hatte den ganzen Tag trübe Gedanken. So wurde er in eine psychiatrische Klinik überwiesen, wo er die Diagnose Burn-Out bekam. Er brauchte mehrere Wochen, bis es ihm wieder etwas besser ging, und die Freude am Leben zurückkam. Doch es wurde schnell klar, dass er einer erneuten 60-Stunden-Woche wohl nicht mehr gewachsen sein würde.

Daraufhin suchte Marc mit Bernadette nach einer Lösung. Er plädierte für den Umzug in eine günstigere Wohngegend, damit er sein Pensum reduzieren könne. Bernadette hingegen wollte sich die Scham unbedingt ersparen, in einen billigeren Stadtteil zu ziehen und sich vor den Freundinnen zu blamieren.

Marc wollte ausserdem gerne auf das Land ziehen, wo sie ein ebenso gutes Haus für sehr viel weniger Geld bekämen. Und wo er am Wochenende besser ausspannen könnte als in der Stadt. Bernadette hingegen wollte gerne in Citad bleiben, um baldmöglichst ihre Kinder in der Kindergrippe betreuen lassen und wieder arbeiten zu können.

Die unerwartete Schwangerschaft mit dem dritten Kind durchkreuzte Bernadettes Pläne. Sie sah ein, dass ihr Mann aufgrund seiner Gesundheit reduzieren müsste und sie selbst gleichzeitig durch die Betreuung des dritten Kindes weiterhin nicht arbeiten könnte.

Kurz darauf las Marc die Anzeige von Vischnanca, in der ein Hausarzt gesucht wurde, welcher ein bis zwei Tage im Dorf praktizieren könne. Zudem waren die Baupreise in Vischnanca sehr günstig, so dass Marc problemlos das Pensum an der Kinderklinik auf 50% reduzieren hätte können.

Bernadette willigte notgedrungen in den Umzug nach Vischnanca ein. Immerhin konnten sie sich dort ein schickes modernes Einfamilienhaus bauen, mit drei Kinderzimmern, drei Bädern und einem eigenen Nähatelier für Bernadette. Gleichzeitig käme so Marc zu seiner dringend gebrauchten ländlichen Ruhe.

Die Zwillinge wären in Citad in den Kindergarten gekommen, doch in Vischnanca nahm man es damit nicht so genau. Da Bernadette ja sowieso wegen dem dritten Kind zuhause bleiben würde, war es ihr auch egal, wenn die Zwillinge um sie herum turnen.

Caj-Oliver war ein sehr lebhafter Junge. In Vischnanca konnte er dies ungestört ausleben. Niemand störte sich an seinem Verhalten und seiner Zappeligkeit. Marc war sehr froh darüber, denn er hatte befürchtet, dass Caj-Oliver in Citad damit Probleme bekommen hätte und vermutlich als ADHS-Kind behandelt worden wäre. Der lebhafte Junge freundete sich rasch mit dem gleichaltrigen Kian Zingg an und gemeinsam streunten sie stundenlang durch Wiesen und Felder, sammelten leidenschaftlich gerne Frösche und Regenwürmer und lernten bald im Dorfteich schwimmen.