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Der Beitrag ‚Selbstsucht und Selbstliebe‘ gehört zu den wichtigsten Aufsätzen Erich Fromms. Lange bevor andere eine Psychologie des Selbst und eine Narzissmustheorie entwickelten, lieferte Fromm in diesem Aufsatz aus dem Jahr 1939 eine Theorie des Selbst. Anders als bei Freud gilt für Fromm, dass sich die Beziehung des Menschen zu sich selbst und seine Beziehung zu anderen immer entsprechen. Für ihn sind Selbstliebe und Nächstenliebe korrespondierende und keine konkurrierenden Größen. Aus diesem Grund kommt der Selbstliebe eine besondere Bedeutung zu. Jeder Mensch muss einen positiven Bezug zu sich selbst haben. Erst wenn eine solche Selbstliebe vereitelt wird, kommt es zu Selbstsucht und Narzissmus als Kompensationsformen für mangelnde Selbstliebe. Die gleiche Logik von Selbst- und Objektbezug zeigt Fromm übrigens in diesem Beitrag auch für den Hass auf. Überraschend ist hierbei, mit welcher Klarheit Fromm 1939 die psychologischen Grundlagen des Nationalsozialismus in Deutschland zur Darstellung bringen konnte. Aus dem Inhalt - Selbstsucht und Nächstenliebe - Die Entsprechung von Selbst- und Objektbezug - Hass und Selbsthass - Liebe als leidenschaftliche Bejahung - Selbstliebe und Selbstsucht
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Seitenzahl: 66
Veröffentlichungsjahr: 2016
(Selfishness and Self-Love)
Erich Fromm(1939b)
Als E-Book herausgegeben und kommentiert von Rainer FunkÜbersetzungen aus dem Amerikanischen von Rainer Funk.
[Anmerkung des Herausgebers: Selbstsucht und Selbstliebe wurde erstmals unter dem Titel Selfishness and Self-Love in Psychiatry. Journal for the Study of Interpersonal Process (Washington: The William Alanson Psychiatric Foundation 2/1939, S. 507-523) veröffentlicht. Das erste Viertel des Beitrags erschien in veränderter Fassung unter der Kapitelüberschrift „Selbstsucht, Selbstliebe, Selbstinteresse“ in E. Fromm, Psychoanalyse und Ethik (Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1982, S. 114-121). Eine erste Veröffentlichung des gesamten Beitrags in deutscher Sprache erschien 1994 in dem Sammelband Liebe, Sexualität, Matriarchat. Beiträge zur Geschlechterfrage beim Deutschen Taschenbuch Verlag in München, S. 177-210.
Die E-Book-Ausgabe orientiert sich an der deutschen Erstausgabe von 1994, die in den virtuellen Band X der Erich Fromm Gesamtausgabe in zwölf Bänden, S. 99-122, Eingang gefunden hat.
Die Zahlen in [eckigen Klammern] geben die Seitenwechsel in der Erich Fromm Gesamtausgabe in zwölf Bänden wieder.
Copyright © 1994 by The Estate of Erich Fromm; Copyright © als E-Book 2015 by The Estate of Erich Fromm. Copyright © Edition Erich Fromm 2015 by Rainer Funk.]
Selbstsucht und Selbstliebe
Selbstsucht und Nächstenliebe
Die Entsprechung von Selbst- und Objektbezug
Hass und Selbsthass
Liebe als leidenschaftliche Bejahung
Selbstliebe und Selbstsucht
Literaturverzeichnis
Der Autor
Der Herausgeber
Impressum
Selbstsucht[1] ist in der modernen Kultur tabu. Man lehrt, dass Selbstsucht eine Sünde sei und Nächstenliebe eine Tugend. Die Lehre steht allerdings in krassem Widerspruch zur Praxis der heutigen Gesellschaft, und sie steht auch zu einer Reihe von anderen Lehren in Widerspruch, die behaupten, der mächtigste und zu Recht bestehende Trieb des Menschen sei die „Selbstsucht“. Wer deshalb dem Verlangen dieses Triebes nachgebe, gebe sein Bestes für das Gemeinwohl. Diese Art Ideologie kommt freilich nicht gegen das Gewicht auf, mit dem andere Lehren behaupten, die Selbstsucht sei das Grundübel und die Nächstenliebe die höchste Tugend. Selbstsucht wird in diesen Ideologien fast als Synonym für Selbstliebe gebraucht. Die Alternative besteht darin, dass man entweder andere lieben könne, was eine Tugend sei, oder sich selbst, was Sünde sei.
Dieses Prinzip fand seine klassische Prägung in der Calvinschen Theologie, für die der Mensch ein von Grund auf böses und ohnmächtiges Wesen ist. Aufgrund eigener Kraft und eigener Anstrengung kann der Mensch absolut nichts Gutes hervorbringen. „Wir sind nicht unsere eigenen Herren“, sagt Calvin (1955, III, 7.1, S. 446),
also darf bei unseren Plänen und Taten weder unsere Vernunft noch unser Wille die Herrschaft führen. Wir sind nicht unsere eigenen Herren – also dürfen wir uns nicht das Ziel setzen, danach zu suchen, was uns nach dem Fleische nütze! Wir sind nicht unsere eigenen Herren – also sollen wir uns und alles, was wir haben, soweit irgend möglich, vergessen! Wir sind Gottes Eigentum – also sollen wir ihm leben und sterben! Denn die schädlichste Pestilenz, die die Menschen nur zugrunde richten kann, herrscht da, wo der Mensch sich selber gehorcht – und der einzige Hafen des Heils liegt dementsprechend darin, dass wir von uns aus nichts denken, von uns aus nichts wollen, sondern einzig dem Herrn folgen, wie er uns vorangeht!
Der Mensch soll nicht nur von seiner absoluten Nichtigkeit überzeugt sein, er soll alles tun, um sich selbst zu demütigen.
Denn ich nenne es nicht Demut, wenn wir meinen, uns bliebe noch etwas übrig. (...) [X-100] Wir können aber nicht die rechte Meinung von uns haben, ohne dass alles zerschmettert wird, was an uns rühmenswert erscheint. (...) Die hier geforderte Demut ist die ungeheuchelte Niedrigkeit unseres Herzens, das vor dem ernsten Empfinden seines Elendes und seiner Armut erschrocken ist. (1955, III, 12.6, S. 496.)
Dieser ausdrückliche Hinweis auf die Nichtigkeit und das Elend des Einzelnen besagt, dass es nichts gibt, was der Mensch an sich lieben und achten sollte. Eine solche Lehre hat ihre Wurzeln in Selbstverachtung und Selbsthass. Calvin spricht das sehr deutlich aus: Er nennt die Eigenliebe „eine Pestilenz“ (1955, III, 7.4, S. 449).
Wenn der Mensch etwas entdeckt, durch das er an sich selbst Gefallen findet, kommt seine sündige Selbstliebe an den Tag. Diese Verliebtheit wird ihn dazu verführen, über andere zu richten und sie zu verachten. Es ist daher eine der größten Sünden, in sich selbst verliebt zu sein oder irgendetwas an sich selbst zu lieben. Nach Calvin schließt das die Liebe zu anderen aus und ist identisch mit Selbstsucht. – Selbst die Nächstenliebe, eine der Grundlehren des Neuen Testaments, hat bei Calvin kein entsprechendes Gewicht. In himmelschreiendem Widerspruch zum Neuen Testament sagt er: „Wenn nämlich die Scholastiker lehren, die Liebe habe den Vorrang vor Glauben und Hoffnung, so ist das reiner Wahn“ (1955, III, 2.41, S. 374). Luther spricht zwar von der Freiheit des Einzelnen. Aber seine Theologie, so sehr sie sich von der Calvinischen unterscheidet, ist ebenfalls von der gleichen Überzeugung bestimmt, dass der Mensch grundsätzlich ohnmächtig und nichtig sei.
Zwischen Calvins Theologie und Kants Philosophie gibt es große Unterschiede, doch die zugrunde liegende Einstellung gegenüber dem Problem der Selbstliebe blieb die gleiche. Für Kant heißt Tugend, anderen Glück zu wünschen; sich selbst Glück zu wünschen sei vom ethischen Standpunkt aus belanglos, weil der Mensch von Natur aus danach strebe; ein naturbedingtes Streben könne jedoch keinen positiven ethischen Wert haben. (Vgl. I. Kant, 1908, S. 83-85.) Nach Kants Auffassung soll der Mensch seinen Anspruch auf Glück zwar nicht aufgeben; unter gewissen Umständen könne das Streben nach Glück sogar zur Pflicht werden: einmal, weil Gesundheit, Reichtum und dergleichen unerlässliche Mittel zur Erfüllung der Pflichten sein können; zum anderen, weil das Fehlen von Glück – also Armut – jemanden von der Erfüllung seiner Pflicht abhalten kann. Doch Liebe zu sich selbst, Streben nach eigenem Glück könne niemals tugendhaft sein. Als sittliches Prinzip ist das Streben nach eigener Glückseligkeit „am meisten verwerflich, nicht bloß deswegen, weil es falsch ist (...), sondern weil es der Sittlichkeit Triebfedern unterlegt, die sie eher untergraben und ihre ganze Erhabenheit zernichten (...)“ (I. Kant, 1933, S. 69).
Kant unterscheidet bei der Selbstsucht (solipsismus) die Glückseligkeit „der Selbstliebe, eines über alles gehenden Wohlwollens gegen sich selbst (philautia)“ und die Glückseligkeit „des Wohlgefallens an sich selbst (arrogantia). Jene heißt besonders Eigenliebe, diese Eigendünkel“ (I. Kant, 1908, S. 73). Aber sogar die „vernünftige Selbstliebe“ (I. Kant, 1908, S. 73) muss [X-101] durch das Sittengesetz eingeschränkt, das Gefallen an sich selbst muss ausgelöscht werden, und der Einzelne muss sich gedemütigt fühlen, wenn er sich an den unabdingbaren göttlichen Gesetzen misst. Sein höchstes Glück soll der Mensch in der Erfüllung seiner Pflicht finden. Die Verwirklichung des sittlichen Prinzips (und demzufolge auch des individuellen Glücks) ist nur im allgemeinen Ganzen möglich, sei es der Nation oder des Staates. In der Vereinigung der drei Staatsgewalten „besteht das Heil des Staats (salus rei publicae suprema lex est); worunter man nicht das Wohl der Staatsbürger und ihre Glückseligkeit verstehen muss“ (I. Kant, 1907a, S. 318).
Obgleich Kant die Integrität des Einzelnen stärker respektiert als Calvin und Luther, so bestreitet er dem Individuum doch das Recht, sich auch unter der größten Tyrannei auflehnen zu dürfen. „Der geringste Versuch hierzu ist Hochverrat, und der Verräter dieser Art kann als einer, der sein Vaterland umzubringen versucht, nicht minder als mit dem Tode bestraft werden“ (I. Kant, 1907a, S. 320). „Der Mensch ist von Natur böse“ (I. Kant, 1907, S. 32). Damit er nicht zur Bestie wird und die menschliche Gesellschaft nicht in Anarchie endet, muss dieses Böse unterdrückt werden. Der Mensch kann es, indem er dem Sittengesetz, dem kategorischen Imperativ, folgt.
